Sprachverwirrungen

Von Anatol Stefanowitsch

Seit Anfang der Woche arbeit­et sich eine Mel­dung der dpa durch die deutsche Medi­en­land­schaft, die dem Hor­rorszenario der ver­meintlichen „Anglizismen“-Schwemme ein weit­eres hinzufügt. „Die deutsche Sprache“, so erfahren wir, „verän­dert sich immer mehr durch den Ein­fluss von Migranten“.

Her­aus­ge­fun­den haben will das laut Pressemel­dung der Berlin­er Sozi­olin­guist Nor­bert Dittmar:

Deutsche Jugendliche übernehmen ver­mehrt die Aussprache und Satz­bil­dung aus­ländis­ch­er Jugendlich­er und benutzen auch häu­fig Worte aus dem Türkischen oder Ara­bis­chen“, sagte der Pro­fes­sor […]. „Dabei han­delt es sich um eine dauer­hafte Verän­derung, weil die Jugendlichen diese Sprache verin­ner­lichen und auch als Erwach­sene sprechen wer­den.“ Der Ein­fluss sei vor allem in Städten mit großen Migranten­grup­pen zu spüren. „Das Phänomen kann man aber in ganz Deutsch­land beobacht­en“, sagte Dittmar.

In diesem Zitat steck­en die drei Ker­naus­sagen des Artikels (aber man sollte sich ruhig auch den Rest zu Gemüte führen):

  1. Deutsche Jugendliche übernehmen Sprach­muster des Türkischen und Ara­bis­chen auf den Ebe­nen der Aussprache, des Wortschatzes und der Grammatik.
  2. Die Über­nahme dieser Sprach­muster ist nicht auf Stadt­teile mit einem hohen Migran­tenan­teil beschränkt.
  3. Die Über­nahme dieser Sprach­muster wird die deutsche Sprache verändern.

Hinzu kommt eine neg­a­tive Bew­er­tung dieser Sprach­muster später im Artikel, wo Dittmar mit der Behaup­tung zitiert wird, durch die Über­nahme dieser Sprach­muster entste­he eine „reduzierte Misch-Sprache“.

Bevor ich fort­fahre, eine wichtige Anmerkung: Nor­bert Dittmar ist ein inter­na­tion­al anerkan­nter Wis­senschaftler, vor dessen Arbeit­en beispiel­sweise zu den sprach­lichen Auswirkun­gen der Wiedervere­ini­gung oder zu den sozialen Aspek­ten des Zweit­spracher­werbs ich großen Respekt habe. Aber zum Ein­fluss des Türkischen oder Ara­bis­chen auf das Deutsche hat er, nach allem, was ich weiß, nie eine Forschungsar­beit vorgelegt. Ich gehe also davon aus, dass er in dieser Pressemel­dung falsch oder zumin­d­est völ­lig aus dem Zusam­men­hang geris­sen zitiert wird, denn anders kann ich mir seine ober­fläch­lichen und weit­ge­hend aus der Luft gegrif­f­e­nen Aus­sagen nicht erklären.

Dittmars Behaup­tun­gen sind natür­lich sen­sa­tionell und dehshalb hat sie auch wirk­lich jed­er aufge­grif­f­en — von der kon­ser­v­a­tiv­en Welt bis zur pro­gres­siv­en taz und von der Boule­vard­presse bis zu den Kul­tur­magazi­nen. Sie lösen außer­dem kul­turelle Exis­ten­zäng­ste aus, wie man in diversen Blogs und Foren nach­le­sen kann und deshalb sollte man sie ein­mal mit küh­lem Kopf vor dem Hin­ter­grund des Forschun­s­standes betrachten.

Wer­den durch das Türkische oder Ara­bis­che bee­in­flusste Sprach­muster (die ich im Fol­gen­den als „Türk­endeutsch“ beze­ich­nen werde) von deutschen Jugendlichen über­nom­men? Die Anwort ist ein­deutig „Ja, aber…“. Denn man muss dabei eine grundle­gende Unter­schei­dung zwis­chen ein­er authen­tis­chen Ver­wen­dung ein­er­seits und durch die Medi­en ver­mit­tel­ter Imi­ta­tion ander­er­seits machen.

Eine authen­tis­che Ver­wen­dung haben Ende der neun­ziger Jahre der Freiburg­er Ger­man­ist Peter Auer und die Han­nover­an­er Erziehungswis­senschaft­lerin Inci Dirim beobachtet, als sie in Ham­burg­er Stadteilen mit hohem Migran­tenan­teil das sprach­liche Ver­hal­ten Jugendlich­er erforscht­en. Dabei stell­ten sie fest, dass in eth­nisch gemis­cht­en Jugend­cliquen tat­säch­lich türkische Sprach­muster ver­wen­det wur­den, teil­weise auch dann, wenn gar keine Türken anwe­send waren. Dabei ging es nicht nur um vere­inzelte Wörter, son­dern um ganze Sätze und Gesprächsab­schnitte. Natür­lich sprechen diese Jugendlichen untere­inan­der haupt­säch­lich Deutsch, aber auch in den deutschen Gesprächsse­quen­zen lassen sich stel­len­weise gram­ma­tis­che Muster beobacht­en, die mit dem „Türk­endeutschen“ assozi­iert wer­den (z.B. „und das schickt sie nach’n Dings, sen de söyle [= na sag schon], so deutsch ich weiß nicht, so Ver­lag weißt du, daraus machen sie Büch­er“, oder „Tür gek­lin­gelt, Tan­ja“, bei­des Sätze, die von deutschen Mut­ter­sprach­lern geäußert wurden). 

Diese Forschungsergeb­nisse sind zweifel­los faszinierend. Es muss aber deut­lich ein­schränk­end gesagt wer­den, dass Dirim und Auer die Jugendlichen nicht zufäl­lig aus­gewählt haben, son­dern sich gezielt auf Grup­pen konzen­tri­erten, von denen sie wussten, dass dort ein gewiss­er Grad an Mehrsprachigkeit vorhan­den war. Es lässt sich also schlicht keine Aus­sage darüber machen, wie typ­isch die unter­sucht­en Jugendlichen und ihre Sprachver­wen­dung sind. Allein die Tat­sache, dass diese Jugendlichen in der Lage waren, ganze Gesprächsab­schnitte in türkisch­er Sprache zu führen, deutet wohl eher darauf hin, dass es sich um Aus­nah­men han­delt. Es gibt keine Forschungsergeb­nisse, die in irgen­dein­er Weise darauf hin­deuten wür­den, dass diese Mehrsprachigkeit auch außer­halb von Stadteilen mit hohem Migran­tenan­teil zu beobacht­en wäre.

In der all­ge­meineren Jugend­sprache find­en sich natür­lich auch veinzelte „türk­endeutsche“ Merk­male oder solche, die als „türk­endeutsch“ wahrgenom­men wer­den. Die ursprüngliche Pressemel­dung nen­nt hier die Wörter Lan (türkisch „Brud­er“) und Yal­la (ara­bisch „Komm schon“), sowie die soge­nan­nte Palatal­isierung von ch zu sch, wie in Ischwör („Ich schwöre“). Die auf­greifend­en Presse­or­gane fügen hier eine Rei­he bekan­nter Klis­chees hinzu, die allerd­ings alle nicht türkischen Ursprungs sind: die rein deutschen Aus­drücke gips für „gibt“ („Es gips keine Krei­de mehr“, taz), Voll krass und Ey Ater, sowie das aus dem Englis­chen über­nommene Verb dis­sen.

Die Klis­chees der Presse zeigen es schon: hier geht es gar nicht mehr um einen Ein­fluss des Türkischen, son­dern um eine bes­timte medi­ale Darstel­lun­gen der Sprech­weise türkisch­er Jugendlich­er (zum Beispiel durch Komik­er­du­os wie Erkan und Ste­fan oder Mund­stuhl). Die Jugendlichen übernehmen also nicht direkt „türk­endeutsche“ Sprach­muster, son­dern berwusste Imi­ta­tio­nen, die mal mehr und mal weniger nah an das eigentliche „Türk­endeutsch“ herankommen.

Die Ver­mit­tlung über das Fernse­hen hat Kon­se­quen­zen für die Art des Umgangs mit diesen Sprach­mustern. Der Han­nover­an­er Ger­man­ist Jan­nis Androut­sopou­los hat in Unter­suchun­gen fest­gestellt, dass diese Sprach­muster in diesem Zusam­men­hang aus­nahm­s­los in spielerisch­er Art und Weise aufge­grif­f­en, also sozusagen „zitiert“ wer­den. Die Motive für solche Zitate kön­nen vielfältig sein. Sie reichen von reinem Herumgeal­ber bis zur Iden­titätss­tiftung durch Bezug auf gemein­sames Medi­en­wis­sen und von dem Wun­sch, sich von bes­timmten Bemerkun­gen (z.B. anzüglichen Kom­mentaren) zu dis­tanzieren und ihnen durch Ver­wen­dung „türk­endeutsch­er“ Sprach­muster die Schärfe zu nehmen, bis zum Aus­druck frem­den­feindlich­er Klischees.

Wer­den diese Sprach­muster — die authen­tis­chen oder die imi­ta­tiv­en — nun also die deutsche Sprache merk­lich verän­dern? Natür­lich kann nie­mand die Zukun­ft vorher­sagen. Aber ich bin bere­it, einen beträchtlichen Teil meines mageren Junior­pro­fes­sorenge­halts darauf zu ver­wet­ten, dass dies nicht geschehen wird. 

Begin­nen wir mit der medi­al inspiri­erten imi­ta­tiv­en Ver­wen­dung von Redewen­dun­gen wie voll krass, ischwör, Lan, und von mir aus auch Yal­la (das ich noch nie von deutschen Jugendlichen gehört habe).

Selb­st wenn diese Aus­drücke dauer­haft in die deutsche All­ge­mein­sprache überge­hen wür­den, kön­nte man das wohl kaum als drastis­che Verän­derung beze­ich­nen. Ich wage aber die Prog­nose, dass sich die meis­ten dieser Aus­drücke ohne­hin nicht hal­ten wer­den. Jugend­sprache hat eine notorisch kurze Halb­w­ertzeit. Als ich jung war (seufz), sagten wir Dinge wie Klaro, Logo und Null Prob­le­mo, nan­nten Mäd­chen Tus­sis und Jungs Mack­er, fan­den die Tus­sis affengeil oder sog­ar affen­tit­tengeil. Einige der Wörter hört man heute noch unter Jugendlichen und/oder Men­schen mein­er Gen­er­a­tion, andere fris­ten nur noch ein Schat­ten­da­sein im PONS Wörter­buch der Jugend­sprache (dessen Redak­teure offen­sichtlich seit zwanzig Jahren im Tief­schlaf sind). Aber kein einziges dieser Wörter ist in den all­ge­meinen Sprachge­brauch überge­gan­gen. Warum sollte das mit Lan und Yal­la anders sein? Der Sinn an der Jugend­sprache ist es ja ger­ade, sich als junger Men­sch vom Estab­lish­ment abzu­gren­zen. Wenn man dann irgend­wann selb­st dazuge­hört, ver­schwinden auch die sprach­lichen Grenzsteine.

Wie sieht es aber mit den ganz oder teil­weise mehrsprach­lichen Jugendlichen aus den Unter­suchun­gen von Dirim und Auer aus? Kön­nten die ihre Sprach­muster, wie Dittmar vorher­sagt, dauer­haft beibehal­ten und in den all­ge­meinen Sprachge­brauch hineintragen?

Wiederum glaube ich, dass das nicht der Fall sein wird, und zwar aus zwei Grün­den. Erstens zeigen die Stu­di­en von Dirim und Auer sehr deut­lich, dass wed­er die deutschen noch die türkischen Jugendlichen in ein­er „reduzierten Mis­chsprache“ gefan­gen sind. Vielmehr wech­seln sie müh­e­los zwis­chen dem Türkischen, dem „Türk­endeutschen“ und ganz nor­maler deutsch­er Umgangssprache hin und her. Sie sind also schlicht und ergreifend mehrsprachig und kön­nen für ver­schiedene Sit­u­a­tio­nen ver­schiedene Sprachen und sprach­liche Niveaus auswählen. Es ist also kaum anzunehmen, dass sie später in der Lehre, im Studi­um oder im Beruf mit dem Meis­ter, der Pro­fes­sorin und den Komil­li­to­nen oder mit Kun­den und Kol­legin­nen plöt­zlich Türkisch oder „Türk­endeutsch“ sprechen werden.

Und damit sind wir beim zweit­en Grund: diese Jugendlichen wer­den es schw­er haben, über­haupt Lehrstellen, Stu­di­en­plätze oder Jobs zu bekom­men. Nicht, weil sie sprach­lich min­derbe­mit­telt wären (das sind sie ganz ein­deutig nicht), son­dern weil die Gesellschaft sich nicht beson­ders für sie inter­essiert und eigentlich ganz zufrieden damit ist, sie in die per­ma­nente Sozial­hil­fe abzuschieben. Sie wer­den also gar keine Chance bekom­men, ihre Sprach­muster oder son­st etwas von sich in die Gesellschaft einzubrin­gen. Und das sollte uns mehr Sor­gen machen als ein paar türkische Lehnwörter.

[Nach­trag I (8:31): Ich sehe ger­ade, dass der Wortis­tik­er eben­falls zur sprach­lichen Gelassen­heit rät: „Wenn sich neben Kaf­fee und Kebab noch ein paar mehr Worte aus dem Türkischen ins Deutsche ein­bürg­ern soll­ten, tut uns das doch eher gut als weh“. Eben.]

[Nach­trag II (21:40): Einen möglichen Zusam­men­hang, aus dem das dpa-Inter­view geris­sen sein kön­nte, habe ich im Neuen Deutsch­land ent­deckt, wo über einen Vor­trag berichtet wird, den Dittmar einige Tage vor Erscheinen der Pressemel­dung gehal­ten hat. Forschungsergeb­nisse scheint er dort nicht präsen­tiert zu haben (wie gesagt glaube ich auch nicht, dass es welche gibt), aber seine Aus­sagen dort klin­gen wesentlich dif­feren­ziert­er als die, die die dpa berichtet hat.]

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Über Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch ist Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der Freien Universität Berlin. Er beschäftigt sich derzeit mit diskriminierender Sprache, Sprachpolitik und dem politischen Gebrauch und Missbrauch von Sprache. Sein aktuelles Buch „Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“ ist 2018 im Dudenverlag erschienen.

4 Gedanken zu „Sprachverwirrungen

  1. Detlef Guertler

    Danke für Ihre Ehren­ret­tung des Migra­tionslin­guis­ten Dittmar. Ich hätte ihn son­st bedenken­los in die Schublade der akademis­chen Gewäsch­pro­duzen­ten einsortiert. 

    Ob er seine Sätze nur so dahinge­sagt hat oder aus welchem Zusam­men­hang sie geris­sen wur­den, geht wed­er aus der dpa-Mel­dung noch aus Dittmars eigen­er Web­seite her­vor — die wurde näm­lich im Herb­st 2005 das let­zte Mal aktualisiert…

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  3. Carsten aus Hannover

    Hal­li­hal­lo,

    dieser Ein­trag ist ja nun schon etwas älter. Da ich ihn aber jet­zt erst gele­sen habe, fällt mir ger­ade auf, dass es in Han­nover recht viele Ger­man­is­ten zu geben scheint. Das ist natür­lich erfreulich.

    Mir fällt dabei jedoch wieder der kür­zlich gele­sene Beitrag über Inuit/Eskimos ein. Im Sinne ein­er Beze­ich­nung von Volks­grup­pen durch Endonyme wären die erwäh­n­ten Sprach­wis­senschaftler Han­nover­sche Germanisten.

    Mit Han­nover­schen Grüßen, Carsten

    Auch wenn mein erster Beitrag hier etwas aus der sprach­nörgel­nden Ecke kommt, bin ich trotz­dem begeis­tert vom Bre­mer Sprachblog.

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  4. Hendrik

    Inter­es­sant.

    Den Sozialpes­simis­mus unter 2, dass “Deutschtürken” nichts zur Gesellschaft beitra­gen, kann ich zwar nicht ganz teilen, aber sont nur beipflichten.

    Zu “Yal­la”. In Old­en­burg gibt es das “Yal­la Yal­la Soundsys­tem”, die auch in Bre­men für Dance­hall und Reg­gae-Clashs bekan­nt sind.

    Allerd­ings ist der Begriff “Yal­la” auch schon wieder “alt­back­en”, dass ihn kaum ein Jugendlich­er noch benutzt. 

    Einige der Wörter hört man heute noch unter Jugendlichen […], andere fris­ten nur noch ein Schattendasein”

    Den­noch finde ich es span­nend und witzig jed­er Gen­er­a­tion eine Jugend­sprache zuord­nen zu können.

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