Bahnbashing

Von Anatol Stefanowitsch

Zugegeben, die Deutsche Bahn ist schon schw­er ver­liebt in die englis­che Sprache. An satirischen Verdich­tun­gen dieser Lei­den­schaft beste­ht deshalb kein Mangel:

Wer eine „Mobil­i­ty Bah­n­Card“ hat, kann bald über „Touch & Trav­el“ ein „Tick­et“ für den „City Night­line“ ordern und sich nach dem Trip am „Ser­vice Point“ über den „Call-a-bike“-Standort informieren. Viele dürften da nur noch Bahn­hof ver­ste­hen.[ZDF son­ntags]

Aber selb­st solche Verdich­tun­gen kön­nen mit der Wirk­lichkeit kaum konkur­ri­eren. Allein auf der Start­seite der Deutschen Bahn find­en sich fast auss­chließlich englis­che Pro­duk­t­na­men: Bah­n­Card, Surf&Rail, Mobile Ser­vices, DB Lounge, City-Tick­et, DB Car­shar­ing, Bahn­Shop, Newslet­ter und Last-Minute-Reisen. Und nicht nur die Pro­duk­t­na­men bedi­enen sich über­wiegend der englis­chen Sprache: die Son­derange­bote heißen Spe­cials, junge Men­schen wer­den als Teens&Twens ange­sprochen, und Behin­derte (oder „Mobil­ität­seingeschränk­te“, wie die Bahn sie an ander­er Stelle nen­nt) müssen wis­sen, dass „Behin­derung“ auf Englisch Hand­i­cap heißt, wenn sie Infor­ma­tio­nen zum Beispiel über die Zugänglichkeit von Bahn­höfen für Roll­stuhlfahrer find­en möchten.

Ins­ge­samt 13 Prozent der Wörter auf der Start­seite der Bahn sind Englisch und die Bahn liegt damit deut­lich über dem Durch­schnitt in der Werbe­sprache, der eher bei 4 Prozent liegt.

Die Bahn darf sich deshalb nicht beschw­eren, dass ihre Vor­liebe für die Sprache Shake­spear­es auf gutem Wege ist, sprich­wörtlich zu wer­den — der Tagesspiegel schrieb kür­zlich über ein Online-Ange­bot der Frank­furter All­ge­meinen Zeitung mit dem schö­nen Namen Read­ing Room, dies sei „ein Anglizis­mus wie von der Deutschen Bahn ersonnen“.

Ich will ganz ehrlich sein: obwohl ich ja nicht als Geg­n­er englis­ch­er Lehn­wörter bekan­nt bin, würde ich der Bahn — wenn sie mich fra­gen würde — rat­en, ihren anglophilen Eifer etwas zu zügeln. Denn sprich­wörtlich sollte man als Bah­nun­ternehmen nur für Pünk­tlichkeit und guten Kaf­fee sein, und ger­ade let­zter­er ist bei der Deutschen Bahn noch stark verbesserungsfähig.

Aber zwei Vor­wür­fen gegenüber muss ich die Bahn immer wieder in Schutz nehmen: erstens, dass ihre manch­mal eigen­willige Nomen­klatur grund­sät­zlich sinn­los sei, und zweit­ens, dass sie damit die deutsche Sprache im Großen und Ganzen zerstöre.

Die vier CDU-Hin­ter­bän­kler von der „Ini­tia­tive Sprach­lich­er Ver­brauch­er­schutz“, zum Beispiel, feierten am Tag der Mut­ter­sprache nicht etwa die Aus­druck­skraft und Wand­lungs­fähigkeit der deutschen Sprache, nein, sie schlu­gen Alarm, weil „Deutsch auf den hiesi­gen Flughäfen und Bahn­höfen zur ‚Rand­sprache‘ gewor­den“ sei. Und die „Aktion Lebendi­ges Deutsch“ schlug let­zten Monat unge­fragt vor, „den ‚Ser­vice Point‘ der Deutschen Bahn endlich wieder „Auskun­ft“ zu nen­nen — wie er schon 150 Jahre geheißen hat“. Ich habe mich ja hier schon des öfteren gefragt, ob den Men­schen, die diese Art von Vorschlä­gen machen, wirk­lich nicht klar ist, dass die Welt nicht mehr die von vor 150 Jahren ist, und dass auch deutsche Bahn­höfe inzwis­chen zu inter­na­tionalen Verkehrsknoten­punk­ten gewor­den sind. Die Beze­ich­nung „Ser­vice Point“ mag inhaltlich unzutr­e­f­fend sein, aber sie ist auf einem Bahn­hof alle­mal angemessen­er als das inter­na­tion­al völ­lig unver­ständliche Wort „Auskun­ft“. Und mir kann kein­er erzählen, dass es noch deutsche Mut­ter­sprach­ler gibt, denen das Wort Ser­vice nicht bekan­nt ist.

Ein Stad­tratskan­di­dat der Bay­ern­partei (inter­es­san­ter­weise als Vekehrsmeis­ter bei den Stadtwerken tätig) hofft diese Woche, mit fol­gen­der Aus­sage Stim­men zu gewin­nen: „Mich stören die über­triebe­nen Anglizis­men im täglichen Sprachge­brauch. ‚Info­point‘ und ‚Ser­vice­cen­ter‘ wirken eher pseu­do-welt­män­nisch und lächer­lich.“ Aber dabei über­sieht er, dass diese Wörter eben nicht in den täglichen Sprachge­brauch über­nom­men wer­den, son­dern dass es sich um typ­is­chen Bahn­hof­s­peak han­delt, der das Bahn­hof­s­ge­bäude nie ver­lassen wird.

Und let­zten Endes ist es doch begrüßenswert, dass die Deutsche Bahn so fleißig mit englis­chen Begrif­f­en um sich wirft — irgend­je­mand muss doch die Sprach­nör­gler beschäftigen.

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Über Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch ist Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der Freien Universität Berlin. Er beschäftigt sich derzeit mit diskriminierender Sprache, Sprachpolitik und dem politischen Gebrauch und Missbrauch von Sprache. Sein aktuelles Buch „Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“ ist 2018 im Dudenverlag erschienen.

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