Barocke Blutarmut

Von Anatol Stefanowitsch

Über die Sprache der ehe­ma­li­gen DDR wer­den ja häu­fig Dinge erzählt, die mehr mit Vorurteilen als mit der sprach­lichen Wirk­lichkeit zu tun haben. Let­zte Woche habe ich dieses Juwel auf Welt Online gefunden:

Dann erfand die ost­deutsche Wirk­lichkeit neue Wörter für neue Sachver­halte. Vielfach han­delte es sich dabei um Abkürzun­gen, die man im West­en schon deshalb nicht ver­stand, weil das, was sie benan­nten, dort nicht vorkam: VEB und VVB, LPG und NVA, zum Beispiel. Die Beziehung der Staatspartei SED zur deutschen Umgangssprache war gekennze­ich­net durch Blu­tar­mut und barocke Formel­haftigkeit. Gern erfand sie auch Neol­o­gis­men, etwa wenn ein­fache Berufe durch eine neue Beze­ich­nung aufgew­ertet wer­den soll­ten. Da gab es etwa den Fachar­beit­er für Bürotech­nik. Es han­delte sich um die Steno­typ­istin. Auch die Ver­suche, christlichen Fes­ten den athe­is­tis­chen Garaus zu machen, führten zu sprach­lich­er Ver­renkung. Eine gewisse Promi­nenz erlangte die Jahre­send­flügelfig­ur, die nichts anderes beze­ich­nete als den Wei­h­nacht­sen­gel. Ein ander­er tabuisiert­er Bere­ich war das Ster­ben. Der DDR-Beitrag zum The­ma war ein neues Wort für den Sarg: Erdbestat­tungsmö­bel. [Welt Online]

Es han­delt sich dabei um einen Gastkom­men­tar eines gewis­sen Rolf Schnei­der, und falls das dieser Rolf Schnei­der sein sollte, muss ich mich noch mehr wun­dern, als ich es ohne­hin tue.

Also erst­mal: Neue Wörter für neue Sachver­halte sind nichts Ungewöhn­lich­es, schon gar nicht etwas typ­isch Ost­deutsches. Jede Sprachge­mein­schaft find­et neue Wörter für neue Sachver­halte, son­st kön­nten sich ihre Sprech­er nach kurz­er Zeit nur noch über sehr wenige Aspek­te ihres Lebens unter­hal­ten. Abkürzun­gen sind an sich auch nichts typ­isch Ost­deutsches, ich stelle dem VEB beispiel­haft die GmbH gegenüber, der VVB die IHK, der LPG die eG und der NVA das KSK der Bun­deswehr. Blu­tarm vielle­icht, aber alle­samt erfun­den von ein­er west­deutschen Wirk­lichkeit (falle eine Wirk­lichkeit tat­säch­lich Dinge erfind­en kann).

Das Aufw­erten von ein­fachen Berufen durch neue Beze­ich­nun­gen ist ganz sich­er nichts, was typ­isch für die DDR war. Ich empfehle diese Liste gesamt­deutsch­er Aus­bil­dungs­berufe für einen Abend heit­eren Euphemis­men­ratens — von der „Fachkraft für Lager­l­ogis­tik“ über die „Kauf­frau im Einzel­han­del“ bis zum „Ver­fahrens­mechaniker Steine- und Erdenin­dus­trie (Asphalt­tech­nik)“. Alles ehrbare Berufe, die wir aber im All­t­ag mit weniger barock­en Formeln benennen.

Die Jahre­send­flügelfig­ur — sie hieß kor­rekt eigentlich Jahre­send­fig­ur m. F. (mit Flügeln) — haben wir im oben ver­link­ten Beitrag schon behan­delt, und dass dieses Wort nicht wirk­lich ver­wen­det wurde, ist ohne­hin klar. Inter­es­san­ter finde ich da das Wort Erdbestat­tungsmö­bel. Zunächst: ein Beweis für eine Tabuisierung des Ster­bens wäre dieses Wort sich­er nicht — das unmissver­ständliche Wort Bestat­tung kommt darin vor, eben­so wie das aus­druck­skräftige Erd-, das keinen Zweifel daran lässt, wo wir nach dem Tode hinge­hen. Viel kurios­er ist aber, dass ich für die Exis­tenz dieses Wortes keinen Beleg find­en kon­nte — kein­er mein­er ost­deutschen Kol­le­gen hat das Wort je gehört, und eine Google-Suche find­et im Moment exakt zwei ver­schiedene Tre­f­fer, von denen ein­er der Beitrag auf Welt Online ist (ich nehme an, in ein paar Stun­den kommt da noch mein Beitrag hinzu). Falls unter den Leser/innen des Bre­mer Sprach­blogs jemand ist, der einen alten DDR-Duden zur Hand hat, würde ich mich über sach­di­en­liche Hin­weise freuen.

Dieser Beitrag wurde unter Bremer Sprachblog abgelegt am von .

Über Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch ist Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der Freien Universität Berlin. Er beschäftigt sich derzeit mit diskriminierender Sprache, Sprachpolitik und dem politischen Gebrauch und Missbrauch von Sprache. Sein aktuelles Buch „Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“ ist 2018 im Dudenverlag erschienen.

14 Gedanken zu „Barocke Blutarmut

  1. Hedemann

    Alles weise und richtig gesagt. Aber Vor­sicht bitte bei den Beispie­len für die Abkürzun­gen. Denn die sind mit­nicht­en “alle­samt erfun­den von ein­er west­deutschen Wirk­lichkeit”. Die GmbH gibt’s seit 1892, die IHK ist mit Sicher­heit noch älter. Wenn schon bun­desre­pub­likanis­che Abkürzun­gen, dann doch Bw oder BMVg oder so was…

    Antworten
  2. E. Gulk

    Sie hät­ten nach Erd­mö­bel suchen sollen. Und wären auch dabei nur auf Leg­en­den gestoßen. Erd­mö­bel halte ich eher für einen Witz als für ein Bürokraten­wort. Irgen­dein­er wird das Wort nach drei Hellen und zwei Klaren erfun­den haben; nun hat es den Exoten-Bonus der ehe­ma­li­gen dahingeschiede­nen Ex-DDR, von der man sich ja Sachen vorstellen kann, also Sachen, sag ich Ihnen…

    Antworten
  3. Marion Kümmel

    Die Wörter­büch­er helfen hier lei­der nicht weit­er. Das Erdbestat­tungsmö­bel ist im Leipziger Duden von 1987 nicht zu find­en, eben­so wenig im 2‑bändigen Hand­wörter­buch der deutschen Gegen­wartssprache (Berlin/O., Akademie-Ver­lag 1984). Auch die Jahre­send­fig­ur ste­ht in keinem der bei­den Wörter­büch­er; dafür aber die Jahre­send­prämie (statt Wei­h­nachts­geld), die auch tat­säch­lich so genan­nt wurde. Das Erdbestat­tungsmö­bel und die Jahre­send­fig­ur kenne ich nur aus dem iro­nis­chen Gebrauch. Ich ver­mute daher, dass sie Schöp­fun­gen eines DDR-Kabaretts oder des Satiremagazins »Eulen­spiegel« waren. Ich bin ges­pan­nt, ob sich Belege für die Herkun­ft find­en lassen.

    Antworten
  4. Sprawi69

    Der Große Duden, 2.durchgesehene Auflage der 18.Neubarbeitung aus dem Jahre 1986 ken­nt keine Erdbestat­tungsmö­bel. Es ken­nt noch nicht ein­mal Bestat­tungsmö­bel son­dern nur die Bestat­tung. Daneben find­en man einzelne Ein­träge zu Sarg und Urne (Aschege­fäß; Behäl­ter für Stim­mzettel od. Lose) inklu­sive divers­er Zusam­menset­zun­gen. Auch mir sind im Zusam­men­hang mit Broil­er, Kon­sum und HO schon desöfteren die Erdbestat­tungsmö­bel präsen­tiert wor­den, von denen ich jedoch genau­so wenig gehört habe wie der geborene Berlin­er vom “lan­gen Lulatsch” (aka Fernse­hturm). Darf man wohl get­rost in die Kiste mit der Auf­schrift “mod­erne Mythen­bil­dung” packen.

    Antworten
  5. Marion Kümmel

    @E. Gulk: In »Deutsch-Deutsch. Ein satirisches Wörter­buch« von Ernst Röhl (langjähriger Redak­teur beim »Eulen­spiegel«), Berlin: Eulen­spiegelver­lag 1991, find­et sich tat­säch­lich Erd­mö­bel — Sarg, Särge und nicht Erdbestat­tungsmö­bel.

    Zur Jahre­send­fig­ur habe ich bei Wikipedia den plau­si­blen Hin­weis gefun­den, dass – wahlweise im vorau­seilen­den Gehor­sam oder mit Witz – ein Beipackzettel so aus­geze­ich­net war und in der Eule als Kurio­sum abge­bildet wurde.

    Antworten
  6. Anatol Stefanowitsch

    Hede­mann, Sie haben natür­lich Recht, da wollte ich eigentlich, ana­log zum näch­sten Absatz, „erfun­den von ein­er gesamt­deutschen Wirk­lichkeit“ schreiben.

    E. Gulk, Mar­i­on Küm­mel, Sprawi69, vie­len Dank für die Hin­weise. Dann erk­läre ich das Erdbestat­tungsmö­bel hier­mit zur Leg­ende, und das Erd­mö­bel gle­ich mit.

    Antworten
  7. Wolfgang Hömig-Groß

    Fast, aber nicht ganz off-top­ic: Ich habe von Kun­den (ehem. Kom­bi­nat) nach der Wende noch eine große Menge kom­bi­nat­seigen­er “Winkele­mente” gezeigt bekom­men — die musste man sich z.B. bei der machtvollen 1.Mai-Demonstration da abholen, des ein­heitlichen Winkens halber.

    Damit lege ich Zeug­nis ab, dass es Wort und Ding wirk­lich gab; anders als “Jahre­send­fest­flügelpuppe” (so kenne ich es), Rol­lkugeleingabegerät (statt Maus) und viele andere, bei denen ich Scherzkekse am Werk vermute.

    Antworten
  8. Ilka Hennig

    Ich habe den Artikel bei ‘Welt Online’ mal kom­plett gele­sen. In dem Artikel wurde auch der Begriff “Spottwo­ert­er” der DDR erwaehnt und ich habe wieder ein­mal fest­stellen muessen, dass sich so einige Leute ueber Aus­druecke und Woert­er der DDR lustig machen und sie verspot­ten, obwohl Herr Ste­fanow­itsch aufgezeigt hat, dass es aehn­liche Beze­ich­nun­gen im ehe­ma­li­gen West­en und in der heuti­gen Bun­desre­pub­lik gab und gibt. Ich habe ’nur’ meine ersten fuenf Jahre in der DDR gelebt und den­noch stimmt es mich trau­rig und ver­let­zt mich auch, wenn Aspek­te der DDR verspot­tet oder laecher­lich gemacht wer­den. Genau­so koen­nte man sich sicher­lich auch ueber andere Laen­der und deren Sprache (oder was auch immer) lustig machen. Ich finde solch eine Hal­tung sehr unpassend und sie mag vielle­icht auch dazu beitra­gen, dass sich die Vorurteile gegenue­ber “Ossis” und “Wes­sis” halten.

    Antworten
  9. Alexander Ross

    Sehr anre­gende Diskus­sio­nen hier (Danke, Detlef, für den Hin­weis). Um meine zwei Cent beizu­tra­gen: Die “Erd­mö­bel” waren m.W. dur­chaus semi-pop­ulär, hörte ich erst­mals nach Mauer­fall von einem Ost-Schrift­steller, der ein Buch über den poli­tis­chen Witz in der DDR geschrieben hat­te (es kam, wie er selb­st, erst im West­en raus).

    Zu Erd­mö­beln und Jahresendflügelfiguren

    find­et sich übri­gens fol­gen­des bei Bodo Mrozek in einem Spiegel-Beitrag von 2006. Das Zitat ist zwar etwas länger, doch es bestätigt die bish­erige Spurensuche:

    Immer­hin gab es eine Karikatur, die eine Jahre­send­fig­ur zeigt. Mitar­beit­er des “Eulen­spiegels” war zu dieser Zeit der Humorist und Sprachkri­tik­er Ernst Röhl. In seinem Buch “Wörtliche Betäubung” find­en sich aller­lei neudeutsche “Hieb‑, Stich- und Schlag­wörter”, darunter so schöne Exem­plare wie der Schlitzkopfgewinde­bolzen (Schraube), der Weichraum­con­tain­er (Sack) oder das Frucht­stil­bon­bon (Lutsch­er). In dem 1986 in Ost-Berlin erschiene­nen Büch­lein find­et sich auch das Stich­wort Jahre­send­flügelfig­ur. Dazu schrieb Röhl: “Nieder mit dem Wei­h­nachts­mann! Wer glaubt schon noch an ihn. Es lebe der Jahre­send­mann!” Dem fol­gt eine Auflis­tung von Wörtern “für den stand­haften Athe­is­ten” von Jahre­send­abend bis ‑stern. Ist das Rät­sel damit gelöst — und die Jahre­send­fig­ur nur die Erfind­ung eines Witzboldes?

    (…)Hel­ga Elschn­er ist heute beim Bund der Steuerzahler in Sach­sen-Anhalt, damals war sie in Leipzig bei der Abteilung örtliche Ver­sorgungswirtschaft. Als Anfang der Siebziger­jahre halb­staatliche Betriebe zu volk­seige­nen ver­staatlicht wur­den, begeg­neten der dama­li­gen Ref­er­entin für Finanzen aller­lei selt­same Wörter. Da sei aus einem Fam­i­lien­be­trieb, ein­er Sargtis­chlerei, die VEB Erd­mö­bel gewor­den, erin­nert sie sich. “Daran war damals nichts ungewöhn­lich, wir hat­ten uns an merk­würdi­ge Wörter gewöh­nt.” Eben­so an die Jahre­send­flügelfig­ur. Die sei schon in der DDR Gegen­stand des Humors gewe­sen. Ein­mal, so erin­nert sich Elschn­er, hat­ten die Kakao-Liefer­an­ten Importschwierigkeit­en. Darum geri­eten die Schoko­laden­wei­h­nachtsmän­ner in jen­em Win­ter ungewöhn­lich blass, fast weiß. Die DDR-Bürg­er trösteten sich über die kakaoarme Schoko­lade mit einem Witz: “Das ist die sozial­is­tis­che Jahre­send­fig­ur, der es gelun­gen ist, ihre braune Ver­gan­gen­heit abzulegen.”

    Ach ja: ÖD ist der Öffentliche Dienst. Es gibt sog­ar TVÖD — kein dröges Ver­wal­tungs­fernse­hen, son­dern der neue Tar­ifver­trag des ÖD (Nach­folge BAT). Was son­st das Wei­h­nachts­geld ist, heißt dort “Jahres­son­derzahlung” und gehört zu den “Zuwen­dun­gen”.

    Antworten
  10. Tillman Graach

    In Bir­git Wolfs “Sprache in der DDR” (Berlin/New York 2000) find­et sich “Erd­mö­bel” erwartungs­gemäß nicht (allerd­ings die notorische “Jahre­send­flügelfig­ur”, S. 107).

    In H. Glück/W.W. Sauer “Gegen­warts­deutsch” (Stuttgart/Weimar 1997) gibt es ein schönes Kapi­tel über DDR-spez­i­fis­che Entwick­lung­s­ten­den­zen des Deutschen (S. 153ff). Dort wird auch darauf hingewiesen, dass von West­seite auch noch die vor Ironie triefend­ste Ver­ball­hor­nung gerne mal für bare Münze genom­men wurde und wird (S. 161ff).

    Antworten
  11. Volkmar Hellfritzsch

    Ich lege die Hand dafür ins Feuer, daß es sich um satirisch über­spitzte Beze­ich­nun­gen han­delt. Kein­er weiß es genau, weil sich solch­es Wortgut, ähn­lich den Witzen, in aufgeräumter Stim­mung und gesel­liger Runde rasch ver­bre­it­ete. Für den Wei­h­nacht­sen­gel, so glaube ich, war der “Eulen­spiegel” mit “geflügelte Jahre­send­fig­ur” ver­ant­wortlich, und im Erzge­birge, wo ich wohne, spot­tete man über eine ange­bliche Sargtis­chlerei “VEB Erd­mö­bel Aue”. Es sind schöne Beispiele, wie sich eine sprach­be­wußte und ide­olo­giekri­tis­che Öffentlichkeit über bes­timmte Unarten lustig machte. Wann hört man endlich auf, solch­es als bewußte Sprach­lenkung der DDR-Oberen auszugeben? Was man dies­bezüglich mit der ehe­ma­li­gen (über­flüs­siges Attrib­ut, jet­zt aber bewußt geset­zt) DDR anstellt, gren­zt langsam an Leichenfledderei.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.