Aprilscherz aufgelöst

Von Anatol Stefanowitsch

Ich merke schon­dass ich Leser/innen des Sprach­blogs mit so plumpen Mit­teln nicht lange zum Nar­ren hal­ten kann. Hier also die — nicht mehr sehr über­raschende — offizielle Auflö­sung unseres Aprilscherzes.

1. Um mehr Jugendliche für die Bibel zu begeis­tern, hat der Ham­burg­er Pas­tor Mar­tin Drey­er sie ein­fach in die Jugend­sprache über­set­zt. Leseprobe aus der Berg­predigt: „Gut drauf kom­men die Leute, die nie­man­dem mehr auf die Fresse hauen wollen.“

Diese Bibel gibt es wirk­lich, sie wird sog­ar im Wiki-Prinzip weit­er­en­twick­elt (siehe hier). Auf mich wirken die Texte darin wie ein einziger großer Aprilscherz, aber die Wege des Her­rn sind ja bekan­ntlich unergründlich…

2. Die handygewöh­n­ten Jugendlichen kom­men mit nor­malen Com­put­er­tas­taturen nicht mehr zurecht. Die britis­che Fir­ma cre8txt hat deshalb eine handtel­ler­große Handy­tas­tatur entwick­elt, die an jeden Com­put­er angeschlossen wer­den kann.

Auch diese Tas­tatur existiert (mehr dazu auf der Web­seite der Fir­ma cre8txt).

3. Die vere­in­facht­en Struk­turen der Jugend­sprache haben eine neu­rol­o­gis­che Ursache. Wie der New York­er Neu­ro­bi­ologe Carl J. Miller her­aus­fand, ist die Her­aus­bil­dung der für die Sprache zuständi­gen Scheitel­lap­pen erst nach der Pubertät voll­ständig abgeschlossen.

Das war der Aprilscherz. Das Gehirn verän­dert sich während der Pubertät natür­lich noch, aber vere­in­fachte Struk­turen wird man in der Jugend­sprache verge­blich suchen (und Carl J. Miller ist frei erfunden).

4. Die Jugend­sprache hat ein extrem eingeschränk­tes Vok­ab­u­lar. Wie der britis­che Lin­guist Antho­ny McEnery her­aus­fand, beste­ht ein Drit­tel von allem, was die Jugen­lichen von sich geben, aus nur zwanzig häu­fig ver­wen­de­ten Wörtern.

Kris­t­ian und L. Rosen waren hier mit ihren Ver­mu­tun­gen genau auf dem richti­gen Weg: zwar gibt es die Studie von McEnery zur Jugend­sprache tat­säch­lich und sie enthält auch die hier zitierte Aus­sage, aber das­selbe unge­fähre Zahlen­ver­hält­nis stimmt für jeden beliebi­gen Text des Englis­chen oder auch des Deutschen. Nehmen den Beitrag Sprache im Blut hier aus dem Sprach­blog, einen der tech­nis­cheren und sprach­lich anspruchsvolleren Beiträ­gen. Der Beitrag hat ins­ge­samt 1539 Wörter. Die zwanzig häu­fig­sten Wörter im Text, mit ihren jew­eili­gen Häu­figkeit­en, sind: die (64), und (50), der (36), ist (28), von (22), in (22), es (21), dass (20), das (19), nicht (17), eine (15), sich (14), ein­er (13), sie (13), den (12), mit (11), Sprachen (11), Allele (11), für (10) und haben (10). Ins­ge­samt kom­men diese zwanzig Wörter im Text also 419 Mal vor, sie machen also 27,22 % des Textes aus.

Im näch­sten Jahr werde ich mich wohl mehr anstren­gen müssen…

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Über Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch ist Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der Freien Universität Berlin. Er beschäftigt sich derzeit mit diskriminierender Sprache, Sprachpolitik und dem politischen Gebrauch und Missbrauch von Sprache. Sein aktuelles Buch „Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“ ist 2018 im Dudenverlag erschienen.

3 Gedanken zu „Aprilscherz aufgelöst

  1. Thomas Müller

    Ich finde die Zusam­men­stel­lung sehr gelun­gen — alle vier fußen auf der Vorstel­lung, Jugendliche seien irgend­wie beson­ders sim­pel gestrickt. Carl J. Miller ist mir da am sym­pa­thich­sten, denn glaubt daran nicht wirk­lich.

    Die Volxbibel finde ich schreck­lich, eben­so wie die “in gerechter Sprache”. Es wirkt so fürchter­lich aufge­set­zt und anbiedernd, so fernab jeglich­er Sprachpraxis.

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  2. Christoph Pohanka

    Mal eine frage an die Frauen / Her­ren Linguist/innen hier : Woher kommt das VolX statt Volks. Mir scheint es so als ob das die linke abgren­zung zu VolkS… ist … oder ist da mehr dahinter ?

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