Kreuzchentests

Von Anatol Stefanowitsch

Ich bin mit mein­er monatlichen Würdi­gung der Aktion Lebendi­ges Deutsch und dem Wort des Monats dies­mal spät dran. Die vier alten Her­ren haben ihre Auf­gabe dies­mal bess­er bewältigt als man es in let­zter Zeit von ihnen gewohnt war. Die vorgeschla­ge­nen Alter­na­tiv­en sind nicht völ­lig daneben und das aktuelle Such­wort ist eins, bei dem einem wenig­stens nicht gle­ich eine offen­sichtliche deutsche Entsprechung in den Sinn kommt:

Gesucht wird dies­mal ein grif­figes deutsches Wort für „main­stream“ (nach Duden „herrschende gesellschaft­spoli­tis­che oder kul­turelle Rich­tung“). Vorschläge bitte bis 22. Mai 2009.

Inter­es­sant finde ich hier, dass die vier Main­stream-Sprach­nör­gler dies­mal eine Wörter­buchde­f­i­n­i­tion mitliefern — im let­zten Monat haben sie sich selb­st im Definieren ver­sucht und dabei ziel­sich­er danebenge­grif­f­en.

Bei den Vorschlä­gen des Monats kann man den Aktioneuren allerd­ings — wie so oft — man­gel­nde Präzi­sion und ein man­gel­ndes Gespür für bew­er­tende Bedeu­tungss­chat­tierun­gen vor­w­er­fen, die in vie­len Wörtern mitklingen.

Kreuzchen­test“ — wäre das nicht prak­tis­ch­er und erfrischen­der als das umständliche „Mul­ti­ple-Choice-Ver­fahren“, bei dem man die richtige Antwort ankreuzen muss? So fragt die Aktion „Lebendi­ges Deutsch“, die dieses Wort aus 307 einge­gan­genen Vorschlä­gen aus­gewählt hat.

Prak­tis­ch­er“ und „frisch­er“ ist das sich­er nicht (ich kenne das Wort noch aus mein­er eige­nen Stu­dien­zeit), aber eine mögliche Ein­deutschung ist es auf jeden Fall. Sie hat allerd­ings den Nachteil, dass nicht jed­er Mul­ti­ple-Choice-Test duch Kreuzchen beant­wortet wird — je nach Gestal­tung und Auswer­tungsmeth­ode wer­den auch Kringel, Häkchen oder das Aus­malen von Kästchen mit einem weichen Bleis­tift ver­langt. Man kann den Kreuzchen­test zwar dur­chaus als pro­to­typ­is­che Erschei­n­ungs­form des Mul­ti­ple-Choice-Tests betra­cht­en und das Wort auf diese Weise recht­fer­ti­gen. Aber noch bess­er wäre es gewe­sen, sich nicht an Ober­fläch­lichkeit­en aufzuhän­gen son­dern aus den vorhan­de­nen deutschen Begrif­f­en gle­ich das­jenige auszuwählen, die das Wesen des Mul­ti­ple-Choice-Tests erfassen: Auswahltest (mit Mehrfachauswahl oder Ein­fachauswahl). Dieser Begriff hätte auch den Vorteil, dass er, wie das englis­che Wort, wert­frei wäre. Bei dem Kreuzchen­test schwingt, vielle­icht wegen der Verkleinerungs­form Kreuzchen eine abw­er­tende Hal­tung mit, und so wurde das Wort zu mein­er Stu­dien­zeit auch verwendet.

Beim zweit­en Vorschlag gibt es das­selbe Problem:

Ihr Ange­bot des Monats lautet: Sagen wir doch statt „Dis­counter“ „Bil­lig­markt“!

Bil­lig­markt trifft die Sache zwar recht gut, aber das Wort bil­lig bein­hal­tet eine neg­a­tive Bew­er­tung („schlechte Qual­ität“). Verkäufer ver­wen­den deshalb grund­sät­zlich Wörter wie preiswert, (preis)günstig und bezahlbar. Die Dis­counter wer­den sich also bei der Namensge­bung etwas gedacht haben.

Natür­lich müssen wir, als Kun­den, darauf nicht einge­hen. Ich habe genug über die Geschäfts- und Per­son­alführung­sprak­tiken der Dis­counter mit­bekom­men, um sie nicht zu mögen und kann mir deshalb dur­chaus vorstellen, das Wort Bil­lig­markt in belei­di­gen­der Absicht zu ver­wen­den. Und den Dis­coun­tern sel­ber rate ich, sich als Preiswert­märk­te zu beze­ich­nen (einige tun das schon).

12 Gedanken zu „Kreuzchentests

  1. Andreas H.

    1a) Das Prob­lem bei “Auswahltest” ist aber, dass es nach meinem Empfind­en zu sehr an “Assess­ment Cen­ter” erin­nert, man spricht ja bei Recruit­ing-Ver­anstal­tun­gen von “Auswahlt­a­gen”; “Auswahltests” wären dann die Tests, die dort durchge­führt wer­den (die nicht zwangsläu­fig mul­ti­ple choice bieten müssen).

    1b) Statt “Kreuzchen­test” hätte ich “Ankreuztest” vorgeschlagen.

    2) Ich sage nur “Kik — Der Textildiskont”

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  2. Jens

    Naja, die Google-Tre­f­fer zu “Preiswert­markt” beziehen sich aber eher auf ein Mark­t­seg­ment denn auf einen Laden. Die Dis­counter haben sich offen­bar erfol­gre­ich im Preiswert­markt positioniert.

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  3. Achim

    Es gibt min­destens eine deutsche Uni­ver­sität, in deren Prü­fung­sor­d­nun­gen für Multipel-Sch…-Tests der schöne Begriff “Antwort­wahlver­fahren” ver­wen­det wird.

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  4. Dierk

    Kann man ja schon froh sein, dass nicht ‘Her­ab­set­zungs­markt’ genan­nt wurde — obwohl so wun­der­bar zutr­e­f­fend, wenn es um die Behand­lung der Mitar­beit­er geht. Anson­sten wäre natür­lich ‘Rabattmarkt’ wer­betech­nisch ziem­lich gut, wenn auch rechtlich problematisch.

    Inter­es­san­ter­weise sind die deutschen Dis­counter eher sel­ten echte Dis­counter, ger­ade Aldi mit seinen Eigen­marken ist wohl kaum als solch­er zu sehen. Schließlich müssten gel­ernte Pre­mi­um­marken zu einem [weit] gün­stigeren Preis als am Markt üblich ange­boten werden.

    Anson­sten lässt sich fes­thal­ten, worauf Andreas H. ja bere­its hin­weist, dass ‘dis­count’ auch im Englis­chen ein Lehn­wort ist, entwed­er vom franzö­sis­chen ‘de[s]compter oder ital­ienis­chen ‘dis­con­to’. Allerd­ings hat Diskont eine ganz spez­i­fis­che Bedeu­tung im Deutschen, die KIK möglichrweise nicht bekan­nt ist.

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  5. Wolfgang Hömig-Groß

    Lidl hat übri­gens keine Angst vor dem Wort bil­lig und ver­wen­det es in sein­er Wer­bung aus­giebig. Das kommt mir klug vor, weil die neg­a­tive Kon­no­ta­tion m.E. in der All­t­agssprache nicht (mehr?) so aus­geprägt ist. Wenn ich über ein Schnäp­pchen sage, es sei “bil­lig” gewe­sen, kommt mir das sprach­lich ehrlich­er vor, als “preiswert”, “kostengün­stig” etc. Bei Ver­wen­dung dieser Wörter habe ich immer das Gefühl, den Wer­bern auf den Leim gegan­gen zu sein und mir von ihnen meinen Sprachge­brauch dik­tieren zu lassen — so eine Art polit­i­cal cor­rect­ness an den Tag zu leg­en, die aber nicht Men­schen, son­dern wirtschaftlichen Inter­essen dient.

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  6. Dierk

    Die neg­a­tive Kon­no­ta­tion von ‘bil­lig’ war ohne­hin wohl nie wirk­lich, sie entsprang mehr den Hir­nen von Wer­bern und Mar­ket­ingleit­ern. Ob eine niedrig­preisige Ware tat­säch­lich ‘preiswert’ oder ‘kostengün­stig’ ist, hängt von ihrer Qual­ität ab, nicht vom Preis alleine. Kaufe ich bil­lige Plas­tikschuhe, die nur wenige Wochen hal­ten, muss ich damit rech­nen, oft neue zu kaufen. Auf mit­tlere und lange Sicht ist dann ein hoch­preisiger [Led­er-] Schuh wesentlich preiswerter.

    Das ganze dreht sich wom­öglich ger­ade durch die infla­tionäre, auf­dringliche und ner­vende Benutzung von ‘bil­lig’, z.B. in der Wer­bung von Sat­urn, Media­Markt, Prak­tik­er etc. Vielle­icht ist das aber auch nur ein pet peeve meinereiners.

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  7. Thidrek

    Mul­ti­ple Choice” ste­ht doch aber im Gegen­satz zu “Mul­ti­ple Select”, oder? Bei Ersterem ist nur eine Antwort­möglichkeit richtig, während beim let­zteren mehrere Antwort­möglichkeit­en richtig sein kön­nen. Diesen Gegen­satz bein­hal­tet “Kreuzchen­test” allerd­ings nicht, weil es the­o­retisch bei­des sein könnte.

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  8. Nörgler

    @Thidrek

    Bei den Auswahlbox­en von Com­put­er­pro­gram­men gibt es eine klare Unter­schei­dung zwis­chen mul­ti­ple choice und mul­ti­ple select.

    Eine entsprechende Unter­schei­dung bei Prü­fun­gen gibt es im all­ge­meinen englis­chen Sprachge­brauch anscheinend nicht. Den Aus­druck mul­ti­ple select finde ich in ver­schiede­nen englis­chen Wörter­büch­ern über­haupt nicht, son­dern nur mul­ti­ple choice. Nach dem Encar­ta Dic­tio­nary bedeutet mul­ti­ple choice sowohl Ein­fach- als auch Mehrfachauswahl: “offer­ing sev­er­al pos­si­ble answers: requir­ing the choice of the cor­rect answer or answers out of sev­er­al pos­si­ble sug­gest­ed answers”. Die anderen kon­sul­tierten Wörter­büch­er ken­nen es nur im Sinne von Einfachauswahl.

    Eine Google-Suche nach “mul­ti­ple select test” ergibt nur 14 Fund­stellen, fast alle im Com­put­erzusam­men­hang. Nur zwei unter­schiedliche Fund­stellen ver­wen­den den Begriff im Zusam­men­hang mit Tests. Inter­es­san­ter­weise kom­men bei­de aus Deutschland.

    Eigentlich ist der Begriff “mul­ti­ple-choice test” ja mißglückt. In den meis­ten Fällen hat man ja nur eine “choice”, wenn auch zwis­chen “mul­ti­plen” Ange­boten. Da erscheint mir der Aus­druck “Auswahltest” treffender.

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  9. Deltatango

    Zu 5. und 6.: sehe ich genau­so. “Preis­gün­stig” und “gün­stig” sind manip­u­la­tiv­er Sprachge­brauch der Wer­bein­dus­trie und den sollte man als Ver­brauch­er nicht unre­flek­tiert nachäf­fen — was lei­der allzuoft geschieht.

    Und “preiswert” heißt nicht “bil­lig” son­dern “seinen Preis wert”. Somit kann etwas abso­lut gese­hen auch teuer gewe­sen sein und es ist trotz­dem preiswert. Lei­der haben die Sprachver­sauer der Kon­sumenten­ma­nip­u­la­tions­branche auch dieses Wort schon fast auf dem Gewissen. 

    Und den unge­wasch­enen Massen mit der­lei Bedeu­tungsnu­an­cen zu kom­men, ist verge­bliche Liebesmüh’. Umso leichter haben’s die Sprachka­puttmach­er. Und wir in unseren Elfen­bein­türm­chen haben was zum Drüberaufregen 🙂

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  10. Stan

    Die Diskus­sion um Wörter zeigt mir: Wörter haben ein Eigen­leben. Es ist auf jeden Fall sin­voll, sich anzuschauen, wie andere Men­schen Wörter benutzen. Dadurch erfahre ich, was ein einzelnes Wort alles bedeuten kann. Wörter mögen definiert sein, aber diese Def­i­n­i­tion ist nie starr. Wenn ich alle Schat­tierun­gen eines Wortes ver­standen und gefühlt habe, dann kann ich von der Übele­gung weg, wie andere dieses Wort benutzen, und kann anfan­gen mir klar darüber zu wer­den, wie ich es selb­st beutzen will, wenn ich mich KLAR aus­drück­en will. Dann kann ich anfan­gen mit Wörtern zu spielen.

    Wenn mir nicht klar ist, dass das Wort “bil­lig” aus dem Mund eines Arbeit­slosen eine andere Bedeu­tung haben kann, als aus dem Mund eines Mil­liardärs, dann muss ich ein anderes Wort benutzen, wenn ich einen Text schreiben oder eine Rede hal­ten will.

    Wenn die Wörter ihre Macht über uns ver­lieren erlan­gen wir Macht über Wörter und wer­den fähig uns unmissver­ständlich auszudrücken.

    Falls das hier jemand nicht geschnallt hat, ist Kri­tik an diesem Text nur recht und billig.

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  11. Thomas M

    Verkäufer ver­wen­den deshalb grund­sät­zlich Wörter wie preiswert, (preis)günstig und bezahlbar.”

    Wobei Aus­nah­men auch hier die Regel bestäti­gen. Anfang der Neun­ziger­jahre ver­wen­dete ein Möbel-Dis­counter den Slo­gan “Spür­bar bil­lig”. Ans sich schon gren­zw­er­tig, unfrei­willig komisch in der Matratzenabteilung…

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  12. Galaxius

    Da fällt mir auch was ein:

    Was ist der Unter­schied zwis­chen kosten­los und umsonst?

    Ich ging kosten­los zur Schule, du umsonst!

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