Laudatio zum Anglizismus des Jahres 2021: boostern

Von Anatol Stefanowitsch

Anglizis­mus des Jahres 2021 ist das Wort boost­ern als Beze­ich­nung für eine Auf­frischungsimp­fung gegen COVID. Die Pan­demie liefert uns damit nach dem Lock­down im let­zten Jahr erneut nicht nur das Wort des Jahres („Wellen­brech­er“), son­dern auch das wichtig­ste Wort des Jahres. Aber immer­hin ist es nach dem bedrück­enden und nach Gefäng­nis klin­gen­den Lock­down des let­zten Jahres ein opti­mistis­ches, fast futur­is­tis­ches Wort, das eher an eine Superkraft als an eine medi­zinis­che Rou­tine­proze­dur denken lässt.

Es war aber nicht dieser Beik­lang des Verbs boost­ern (und des dazuge­höri­gen Sub­stan­tivs Boost­er, das als eine Art „First Wort­stamm“ mit auf dem Siegertrep­pchen ste­hen darf), der die Jury überzeugt hat, son­dern die Tat­sache, dass es auf exem­plar­ische Weise zeigt, wie effek­tiv Lehn­wörter neu ent­standene Lück­en im Wortschatz füllen kön­nen. Als im Herb­st 2021 klar wurde, dass wir uns zum (vor­erst) drit­ten Mal gegen COVID wür­den impfen lassen müssen, hät­ten wir das vorhan­dene Wort „Auf­frischungsimp­fung“ ver­wen­den kön­nen, wie wir es für andere Imp­fun­gen ja tun. Aber da die Imp­fung selb­st ja für die meis­ten von uns erst wenige Wochen her und damit noch sehr frisch war, hätte das nicht so recht gepasst, und ein Verb dazu gibt es auch nicht.

Poster einer Booster-Kampagne aus den USA mit RaketeDas Lehn­wort Boost­er und das daraus abgeleit­ete boost­ern kamen da ger­ade recht, und die bei­den Wörter hat­ten zusät­zlich den Vorteil, in ihrer Bedeu­tung ein­deutiger zu sein: In medi­zinis­chen Tex­ten kamen sie schon vor der Pan­demie vere­inzelt vor und beze­ich­nen dort ganz all­ge­mein ein Ver­stärken der Immunab­wehr, aber in der All­t­agssprache beze­ich­nen sie speziell die Auf­frischung ein­er COVID-Imp­fung. Die Bedi­enung, die mich beim Betreten eines Restau­rants fragt, ob ich „geboost­ert“ sei, braucht sich also mit mir nicht auf eine Diskus­sion darüber einzu­lassen, dass ich tat­säch­lich ger­ade meine Tetanus-Imp­fung habe auf­frischen lassen. Wie es bei Lehn­wörtern häu­fig der Fall ist, trägt Boost­ern so zu ein­er Aus­d­if­feren­zierung des Wortschatzes bei.

Dabei ist das Verb boost­ern selb­st wahrschein­lich gar kein Lehn­wort, son­dern eine Eigenkreation der deutschen Sprachge­mein­schaft. Beim Sub­stan­tiv Boost­er ist klar, dass es direkt aus dem Englis­chen über­nom­men wor­den ist. Den boost­er shot (wörtlich „Ver­stärkungss­chuss“, wenn das die „Quer­denker“ wüssten…) gibt es dort schon seit Mitte der 1940er Jahre, die Kurz­form Boost­er seit den 1960ern. Aber das dazuge­hörige Verb lautet nicht to boost­er son­dern to boost – wenn wir das Verb direkt entlehnt hät­ten, müsste es also boost­en heißen. Und vere­inzelt find­et sich diese Form auch tatsächlich:

(1) Die pos­i­tiv Getesteten sind dem Vernehmen nach symp­tom­frei und alle­samt dop­pelt geimpft und geboost­et. (SZ, 2022-01-11)
(2) Muss man sich mit ein­er Kreuz­imp­fung über­haupt boost­en lassen und soll­ten homogen Geimpfte für den Boost gezielt den Impf­stoff wech­seln? (Kreiszeitung, 2022-06-01)

Aber gegen die Form boost­ern hat dieses Lehn­verb keine Chance: es macht in deutschen Tex­ten ger­ade ein­mal ein Prozent der Tre­f­fer aus.

Umgekehrt ist es im Englis­chen: hier find­et sich seit Jan­u­ar neben der Haupt­form to boost mit steigen­der Ten­denz auch die Form to boost­er:

(3) I was vac­ci­nat­ed and boost­ered which made me lucky enough to only have mild symp­toms. (Jim­my Fal­lon auf Insta­gram, 2022-01-04.
(4) …the ful­ly vac­ci­nat­ed and boost­ered and the unvac­ci­nat­ed are liv­ing in two dif­fer­ent worlds. (New York Times, 2021-12-31)

Da es das deutsche Verb aber schon spätestens seit Okto­ber 2021 gibt, war es vor dem englis­chen da – was natür­lich nicht heißt, dass es aus dem Deutschen ins Englis­che entlehnt wor­den ist: Die Fähigkeit, aus Sub­stan­tiv­en Ver­ben abzuleit­en, gibt es m Deutschen und im Englis­chen gle­icher­maßen, und dass die deutsche Sprachge­mein­schaft dieses Poten­zial hier früher erkan­nt hat, zeigt ein­mal mehr, dass Entlehnung kein pas­siv­er Prozess ist, bei dem fremde Wörter von außen in eine vorher reine Sprache ein­drin­gen, son­dern eine aktive Hand­lung seit­ens der aufnehmenden Sprachgemeinschaft.

Als Eigenkreation fügt sich das Verb boost­ern naht­los ins gram­ma­tis­che Sys­tem des Deutschen ein und übern­immt dabei das gram­ma­tis­che Ver­hal­ten des bedeu­tungsver­wandten impfen – so, wie wir mit einem Impf­stoff oder gegen eine Krankheit geimpft wer­den kön­nen, geht das auch mit boost­ern:

(7) Sechs der sieben Teil­nehmer der Reiseg­ruppe waren mit Bion­tech geboost­ert. (Tagesspiegel, 2021-12-14)
(6) Laut Ver­band kön­nte in rund 200 Apotheken gegen Coro­na geboost­ert wer­den. (Radio Güter­sloh, 2021-12-01)

Da boost­ern im all­ge­meinen Sprachge­brauch allerd­ings weit­ge­hend auf COVID-Imp­fun­gen beschränkt ist, ist die Angabe der Krankheit (wie in Bsp. 6) eher selten.

Das Verb boost­ern füllt also eine Lücke im deutschen Wortschatz und ermöglicht so eine knappe und präzise Aus­druck­sweise, und es fügt sich naht­los ins gram­ma­tis­che Sys­tem des Deutschen ein. Wie die Imp­fung selb­st ist es damit eine echte Bereicherung.

Es wird der deutschen Sprache auch auf abse­hbare Zeit erhal­ten bleiben und sein Wort­bil­dungspoten­zial weit­er ent­fal­ten – da die poli­tisch Entschei­dungstra­gen­den nicht ver­standen haben, wie Evo­lu­tion funk­tion­iert, wer­den sie noch eine ganze Weile ver­suchen, die Ver­säum­nisse ver­gan­gener Impfkam­pag­nen aufzu­boost­ern, die Pan­demie wegzu­boost­ern, oder doch wenig­stens die Bevölkerung durchzu­boost­ern. Das ständig mutierende und nach wie vor tödliche Virus wer­den sie damit nicht ein­fan­gen, aber wenig­stens tra­gen sie dazu bei, dass die deutsche Sprache lebendig bleibt.

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