Kavallerist Steinbrück

Unser Bun­des­fi­nanzmin­is­ter Peer Stein­brück hat ja in den let­zten Tagen die diplo­ma­tis­chen Beziehun­gen zu unserem Nach­bar­land Schweiz stark belastet. Im Schweiz­er Fernse­hen gab er am 14. März auf die Frage nach ein­er „Schwarzen Liste“ von Steueroasen fol­gende, mehrfach denkwürdi­ge Antwort (Video hier):

Nach meinen Infor­ma­tio­nen ste­ht die Schweiz da gar nicht drauf. Und ich kenn eine solche Liste bish­er auch nicht.

Dass eine solche Liste — eh — erabeit­et wer­den kön­nte, ja, das ist die Fleet-in-Being die wir haben, oder, umgangssprach­lich for­muliert, die 7. Kaval­lerie im Fort Yuma, die man auch aus­re­it­en lassen kann. Aber die muss man nicht unbe­d­ingt aus­re­it­en. Es m– die Indi­an­er müssen nur wis­sen, dass es sie gibt.

So. Und wenn das alleine schon Ner­vosität her­vor — eh — ruft, bei den­jeni­gen, die sagen „Oh, komm ich auf diese Liste?“, ja dann kommt da ja richtig Zug in den Kamin. Aber noch ein­mal: ich kenne erstens eine solche Liste nicht, und weiß deshalb auch gar nicht, ob die Schweiz da drauf ist. Ich höre, für den Fall, dass die OECD daran arbeit­et — ähm, eh — ist das eventuell gar nicht der Fall.

Große Aufre­gung hat dabei Stein­brücks Indi­an­er-Ver­gle­ich aus­gelöst. Und ich finde, zu Recht. Indi­an­er und Schweiz­er Banker darf man nicht ver­gle­ichen. Die einen sind unzivil­isierte Bar­baren, geset­zlose Wilde, denen ein Men­schen­leben nichts bedeutet und die für ein paar lumpige Glasperlen und einen Krug Feuer­wass­er mor­den, skalpieren und die Umwelt zer­stören, und die anderen sind die Ure­in­wohn­er Amerikas.

(Worauf Stein­brück mit der sieben­ten Kaval­lerie im Fort Yuma anspie­len wollte, kon­nte ich übri­gens nicht her­aus­find­en, und anderen ging es wohl eben­so).

Über die mar­tialis­che und his­torisch sehr viel delikatere Fleet-in-Being hat sich inter­es­san­ter­weise nie­mand aufgeregt.

Ich fand an Stein­brücks Antwort ohne­hin die Kriegs- und Völk­er­mor­drhetorik weniger inter­es­sant als seine Durch­schaubarkeit. Man würde doch annehmen, dass ein erfahren­er Poli­tik­er bess­er lügen kön­nte. „Es gibt keine Liste, und außer­dem ste­ht die Schweiz da vielle­icht sowieso nicht drauf“? Die Finanzkrise erscheint mir plöt­zlich nicht mehr so rät­sel­haft.

11 Gedanken zu „Kavallerist Steinbrück

  1. Simone

    Stein­brück hat in der Sache recht: Steuer­hin­terziehung oder -Betrug oder -WasAuchIm­mer ist kein Kava­liers­de­likt, son­dern Betrug am Staat und somit am ehrlichen Bürg­er. Mit seinen Aeusserun­gen schadet er aber der Sache mehr, als er nützt, er dis­qual­i­fiziert nicht nur sich sel­ber, son­dern auch sein Anliegen.

    Die unqual­i­fizierte Antwort gewiss­er Schweiz­er Poli­tik­er allerd­ings ist eben­so ver­w­er­flich, wie unser Mag­is­trat richtig bemerkt hat ( http://tagesschau.sf.tv/nachrichten/archiv/2009/03/20/schweiz/nazi_vergleiche_fuer_leuenberger_inakzeptabel ).

  2. Andreas H.

    Hmm, die Tran­skrip­tion ist recht fehler­be­haftet:

    Erstens sagt er “Kaval­lerie”, nicht “Kava­leriere”, dann sagt er “… in Fort Yuma”, nicht “- ehm — vor Yuma” und let­z­tendlich ist “Ner­vosität” deut­lich zu hören, nicht “Nervösität”.

    Aber Sie sind ja Sprach­wis­senschaftler, kein Hör­wis­senschaftler 😉

    [A.S.: Ist kor­rigiert, danke. Beim „Fort Yuma“ haben Sie sehr gut aufgepasst, das haben alle Medi­en­berichte falsch zitiert.]

  3. Gareth

    Der Indi­an­erver­gle­ich ist in der Tat mehr unpassend als unmöglich gewe­sen. In der Sache hat Stein­brück aber weitest­ge­hend Recht.

  4. Redwraithvienna

    Ich denke über den Fleet-In-Being Ver­gle­ich regt sich kein­er auf, da er wesentlich bess­er ist als die komis­chen Indi­an­er Phan­tasien die Stein­brück hat.

    Die Möglichkeit ein­er solchen Liste, bzw die Möglichkeit draufzukom­men alleine ist schon Abschreck­ung genug. Und um das geht es ja.

  5. Dierk

    Also, wenn ein­er von uns vor die Wahl gestellt wäre, ein Win­netou oder ein Gen­er­al Custer zu sein, wen wür­den wir wählen?

    Klar, in der Real­ität hat die Kaval­lerie die Indi­an­er fast aus­gerot­tet, so gese­hen ist es prak­tisch gut zu den John Wanyes dieser Welt zu gehören. Ander­er­seits haben die Indi­an­er moralisch das bessere stand­ing — eben weil sie die Schwäch­ern waren, hoff­nungs­los unter­legen. Ander­er­seits haben sie heute als Aus­gle­ich die Glücksspiel­lizen­zen in vie­len Staat­en …

    Dann wären da natür­lich noch die Plan­wa­gen der Siedler, die in den Fil­men von Indi­an­ern ange­grif­f­en wur­den und im let­zten Moment durch die Kaval­lerie gerettet. Wer wäre das denn in Stein­brücks Ver­gle­ich? Das schweiz­er Volk — immer­hin von ein­er Burg aus Bergen umgeben?

    Seine wir ehrlich, Herr Stein­brück ist kein doller Red­ner, und seine Schreiber alles andere als beg­nadet. Mir ist auch ein wenig schleier­haft, was eine Schwarze Liste bewirken soll — dür­fen Deutsche keinen Urlaub mehr in der Schweiz machen? Vielle­icht wer­den auch die Gren­zen dicht gemacht, die Annäherung der Schweiz an die EU wird aufge­hoben, wir dür­fen keinen Schweiz­er Emmen­taler mehr essen. Kön­nte natür­lich auch sein, dass jed­er der auf so eine Liste kommt mit dem bösen Blick des Her­rn Stein­brück rech­nen muss. Und zwar auch nach der Bun­destagswahl!

  6. Frank Rawel

    Fort Yuma” ist ein West­ern von 1955. In dem Film ist es allerd­ings so, dass sich die Indi­an­er in den Uni­for­men tot­er Sol­dat­en ins Fort ein­schle­ichen. Was das nun wieder bank­tech­nisch-metapho­risch bedeuten kann, wage ich nicht auszudeuten. Es kommt noch schlim­mer, wenn man bei Wikipedia forscht: In der Schlacht am Lit­tle Bighorn am 25. Juni 1876 wurde das 7. US-Kaval­leriereg­i­ment unter George Arm­strong Custer von Indi­an­ern der Lako­ta-Sioux, Ara­pa­ho und Cheyenne unter ihren Führern Sit­ting Bull und Crazy Horse am Lit­tle Bighorn Riv­er im heuti­gen Mon­tana ver­nich­t­end geschla­gen.

    Also nix mehr da gewe­sen zum Aus­re­it­en lassen. Da lachen die Indi­an­er!

  7. Jens

    http://www.tagesschau.de/wirtschaft/steinbrueckschweiz100.html

    Auch Don Wata­homigie, Häuptling der Hava­su­pai-Indi­an­er in Ari­zona, sprach in einem Inter­view mit der Zeitung “Son­ntag” über die Äußerun­gen Stein­brücks. “Der deutsche Poli­tik­er hat offen­bar keine Ahnung, wovon er spricht.” Zum Indi­an­er-Ver­gle­ich sagte er: “Wir Hava­su­pai hin­terziehen keine Steuern, und wir helfen nie­man­dem, das zu tun. Was der Deutsche sagt, ist eine Belei­di­gung mit­ten ins Gesicht der Ure­in­wohn­er Amerikas.”

  8. AndreasK

    Indi­an­er sind BITTE WAS?!?!?!

    : Unzivil­lisiert — deutet darauf hin, Indi­an­er hät­ten keinen Fortschritt in ihren Lebens­be­din­gun­gen erre­icht, oder schlicht keinen Anstand. Was nicht stimmt! Sie haben nur schlicht die Hände zum essen benutzt …

    : Bar­baren — Der Bartwuchs bei Indi­an­ern ist, naja … also, ich sach ma so: der Vor­wurf ist ziem­lich halt­los ;o)

    : Geset­zes­los — Die berühmten “Out­laws” waren sel­ten Indi­an­er, der Ver­gle­ich passt über­haupt nicht

    Und das Wichtig­ste zum Schluss: Natür­lich kann man irgendwen mit ird­endwem anderes ver­gle­ichen. Wieso denn nicht, wenn’s Spaß macht! Nur: Gle­ich­SET­ZEN darf man sie nicht. Und das hat Herr Stein­brück auch gar­nicht getan. Er hat ein Beispiel zur Verdeut­lichung herange­zo­gen. Das war für die schweiz­er ein Grund, die Aufreg­mas­chine anzuschmeißen, weil man damit die Ursache des verärg­ert seins so wun­der­bar ver­tuschen kann.

  9. Frank Oswalt

    @AndreasK (#9): Nochmal genau lesen:

    Indi­an­er und Schweiz­er Banker darf man nicht ver­gle­ichen. Die einen sind unzivil­isierte Bar­baren, geset­zlose Wilde, denen ein Men­schen­leben nichts bedeutet und die für ein paar lumpige Glasperlen und einen Krug Feuer­wass­er mor­den, skalpieren und die Umwelt zer­stören, und die anderen sind die Ure­in­wohn­er Amerikas.

    Über Indi­an­er wird hier nur gesagt, dass sie die Ure­in­wohn­er Amerikas sind…

  10. AndreasK

    ooops … Mist, ich sollte mein Lesetem­po wieder auf 3 Wörter pro Sekunde zurückschrauben … Entschuldigung!!

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