[Ostern] Gründonnerstag

So, jet­zt wird hier mal wieder ein bißchen ety­mol­o­gisiert! Die Kar­woche bietet dafür ja wirk­lich mehr als genug Gele­gen­heit – los geht’s mit dem Grün­don­ner­stag. In mein­er Kind­heit wurde immer behauptet, das Erst­glied gehe auf mit­tel­hochdeutsch grî­nen ‘den Mund weinend/knurrend/winselnd/lachend verziehen’ zurück und drücke qua­si die Trau­rigkeit über die Gefan­gen­nahme Jesu aus. Weil greinen im Ale­man­nis­chen heute noch ein das Wort für ‘weinen’ ist, erschien mir diese Erk­lärung immer sehr ein­leuch­t­end.

2009-04-09-grunDoch Kluge hat eine Über­raschung parat: Im Mit­tel­hochdeutschen gab es die Fügung der grüene don­er­stac bere­its und somit einen ein­deuti­gen Bezug zur Farbe Grün. Aber was hat das Grün mit diesem Tag zu tun? Kluge und die Grimms sagen: In religiös­er Hin­sicht kaum etwas.

die deu­tung von gr. bleibt umstrit­ten, doch ist der name sichtlich eher volk­sthüm­lichen als kirch­lichen gepräges (DWB)

Bei­de bieten als mögliche Erk­lärung an, dass es Brauch war, an diesem Tag (grüne) Kräuter zu essen:

das reich und vielfältig entwick­elte brauchthum am gr., der genusz heil­brin­gen­der kräuter, das grün­don­ner­stag­sei (ant­laszei), der gr. als ter­min der säens und pflanzens u. s. w., […], läszt wie bei ostern an einen nach­hall vorchristlich­er übung denken; ob ihm, wie HOLTZMANN […] ver­mutet, ein Donars­fest im mai zugrunde liegt, bleibt uner­weis­lich (DWB)

Ist die schöne The­o­rie vom Greinen also wirk­lich nicht zu ret­ten? Muss der Grün­don­ner­stag den Hei­den über­lassen wer­den? In den kryp­tis­chen Lit­er­at­u­rangaben Kluges find­et sich doch noch ein Mini­hin­weis auf eine alter­na­tive Ety­molo­gie mit einem ganz ähn­lich klin­gen­den Wort – momen­tan habe ich aber keine Zeit (Habe ich erwäh­nt, dass ich sche­in­frei bin?), die entsprechen­den Zeitschriften und Büch­er her­auszusuchen:

HWDA 3 (1931), 1186 f. Anders (Umdeu­tung von ahd. grun stm./stf. ‘Jam­mer, Unglück’): H. Jeske SW 11 (1986), 82–109; LM 4 (1989), 1752 f.”

Let­ztlich bleibt also rät­sel­haft, wie der Tag zu sein­er Farbe kam. Ich habe mich mal in anderen Sprachen Europas umge­se­hen um her­auszufind­en, was noch als Benen­nungsmo­tiv dienen kann:

  • ‘heiliger Don­ner­stag’: Spanisch (Jueves San­to), Ital­ienisch (giovedì san­to), Franzö­sisch (jeu­di saint), Rus­sisch (свято́й четве́рг)
  • großer Don­ner­stag’: Pol­nisch (Wiel­ki Czwartek), Ungarisch (Nagyc­sütörtök), Est­nisch (Suur nel­japäev), Rumänisch (Joia Mare)
  • weißer Don­ner­stag’: Nieder­ländisch (Witte Don­derdag) – wahrschein­lich wegen der litur­gis­chen Farbe Weiß.
  • Fußwaschungs­don­ner­stag’: Englisch (Maun­dy Thurs­day)
  • Reini­gungs­don­ner­stag’: Schwedisch (Skär­tors­da­gen), Nor­wegisch (Skjær­tors­dag), Dänisch (Skær­tors­dag) – schwed. skära und seine Entsprechun­gen heißen eigentlich ‘schnei­den’, haben hier aber wohl eine andere Bedeu­tung.

Aber der grüne Don­ner­stag ist doch nicht ganz ein­ma­lig:

  • Tschechisch: Zelený čtvrtek. Die tschechis­che Wikipedia sug­geriert irgen­deine Art von deutschem Ein­fluss (inklu­sive greinen), aber mehr kon­nte ich nicht errat­en. Wenn hier jemand Tschechisch kann … [break­ing news: Meine Fre­undin Esther hat’s über­set­zt: Der zitierte Bischof behauptet tat­säch­lich, es käme vom deutschen Grein­don­ner­stag, der durch Lautver­tauschung zum Grün­don­ner­stag gewor­den sei. Quellen gibt er dazu aber keine an, es ist also Vor­sicht geboten. Auch lustig: In Tschechien scheint man am Grün­don­ner­stag tra­di­tionell Spinat zu essen.]
  • Rumänisch: Joia Verde. Ist neben Joia Mare (s.o.) in meinen Wörter­buch angegeben. Ich kön­nte mir einen deutschen Ein­fluss über die Sieben­bürg­er Sach­sen gut vorstellen, will mich aber nicht zu weit aus dem Fen­ster lehnen.

Beze­ich­nun­gen in weit­eren Sprachen her­zlich willkom­men! Jens ja Lin­da, wie ist es mit Finnisch? Ich bilde mir ein, die Wort­gren­ze gefun­den zu haben (Kiiras|torstai), komme aber man­gels Struk­tur­wis­sen nicht auf die Nen­n­form des Erst­glieds.

12 Gedanken zu „[Ostern] Gründonnerstag

  1. alois lienhard

    Hey, wieder mal auf Deinem Blog (“ die Zeit , die Zeit , im Saus­eschritt…”). Köstlich und sehr erhebend alles. Ich bewun­dere Deine in alle Nuan­cen ein­steigen­den Betra­ch­tun­gen…
    Fro­he Ostern
    alois lien­hard

  2. Jens

    Die finnis­che Wikipedia sagt, daß der finnis­che Name vom schwedis­chen skära kommt, also qua­si eine finnisierte Aussprache des Schwedis­chen.
    Lei­der nichts außergewöhn­lich­es.

  3. memo

    Habe fol­gen­des im Schot­tisch-Gälis­chen Wörter­buch gefun­den. Hat zwar abso­lut nichts mit den anderen Begrif­f­en gemein­sam, ist aber, wie ich finde, sehr lustig:

    DiAr­daoin a’ bhrochain mhóir, Maun­dy Thurs­day. It was at one time a cus­tom in the Long Island, if the usu­al drift of sea­weed were behind time, to go on Maun­dy Thurs­day and pour an obla­tion of gru­el on a promon­to­ry, accom­pa­ny­ing the cer­e­mo­ny by the rep­e­ti­tion of a cer­tain rhyme.

    _DiArdaoin a’ bhrochain mhóir_ heißt, wenn ich das mit meinem Wörter­buch jet­zt richtig über­set­zt hab, wörtlich ‘Tag des großen Hafer­schleims’.
    Allerd­ings ist das WB von 1911; ich weiß also lei­der nicht, ob der Begriff heute noch so benutzt wird.

  4. marius

    Apopos Spinat am Gru­en­don­ner­stag. In mein­er Fam­i­lie (Deutsche aus dem rumaenis­chen Banat) isst man auch tra­di­tionell Spinat mit Spiegelei. Ist das in Deutsch­land kein Brauch?

  5. L

    Ja, das mit dem Spinat kenne ich auch. Wir haben das, glaub ich, früher auch gemacht. Und in mein­er Fam­i­lie sind alle deutsch.

  6. Andy

    hi,

    ich hab mal gehört beim grün­don­ner­stag gebe eine verbindung zum englis­chen wort “grow” für wach­sen. evtl eine gemein­same wurzel. lei­der grad keine quellen zur hand. passt aber zumin­d­est zum früh­ling.

    Andy

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  8. David Marjanović

    Auch lustig: In Tschechien scheint man am Grün­don­ner­stag tra­di­tionell Spinat zu essen.

    Das habe ich als Erk­lärung (neben greinen) gehört, wobei der Spinat ein europäis­ch­er Ersatz für alttes­ta­men­tarische Bit­terkräuter sein soll. *schul­ternzuck*

  9. Helena

    Das finnis­che, ety­mol­o­gis­che Wörter­bucht gibt für “kiiras” die Bedeu­tung heftig, rein, glänzend, an. Kiiras­torstai wäre daher der Tag der Reini­gung (von den Sün­den). Stimmt also übere­in mit der The­o­rie des Reini­gungs­don­ner­stages im Schwedis­chen.
    Kiiras­tuli übri­gens bedeutet Fege­feuer.
    Als hei­d­nis­che Sitte wurde am kiiras­torstai der/die/das kiira = der böse Geist vom Hof gejagt, mit viel Krach! Als vor­beu­gende Maß­nahme gegen Schlangen und andere böse Tierchen…

  10. Sebastian Holtzhauer

    Eine kleine Ergänzung zum Skan­di­navis­chen: Im Isländis­chen heißt der Grün­don­ner­stag skírdagur (aisl. skírda­gr bzw. skírþórs­da­gr), das dazu gehörige Adj. skír „rein, klar“; vgl. jedoch skíra „taufen“. Und es gibt noch mehr Ableitun­gen und Kom­posi­ta, die vor allem in Rich­tung „Taufe“ deuten, was nicht ver­wun­dert, bedenkt man, dass das Sakra­ment der Taufe schon immer ein wesentlich­er Bestandteil der öster­lichen Liturgie war.

    Sebas­t­ian

  11. Schweizerisches Idiotikon

    Im älteren Schweiz­erdeutsch und sich­er weit darüber hin­aus hiess der Grün­don­ner­stag “hoher Don­ner­stag”, der Kar­fre­itag “hoher Fre­itag”. Grün­don­ner­stag und Kar­fre­itag sind hierzu­lande Entlehnun­gen aus der neuhochdeutschen Schrift­sprache.

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