Schlittelwetter!

Von Anatol Stefanowitsch

Wenn ich Mon­tag früh nach Bre­men fahre, nehme ich oft einen Zug, der von den Schweiz­erischen Bun­des­bah­nen betrieben wird.

Wenn ich dann das Bor­d­magazin „Via“ auf­schlage, habe ich immer das Gefühl, dass ich durch einen Quan­ten­tun­nel in ein alter­na­tives Uni­ver­sum ger­at­en bin – einem, das dem, aus dem ich komme, sehr ähn­lich ist, das sich aber in sub­tilen Kleinigkeit­en unter­schei­det. Zu einem kleinen Teil liegt das am Inhalt des Mag­a­zins, zum Beispiel an Leser­briefen wie diesem, in dem es um die Frage geht, ob man in der Bahn seine Füße hochle­gen darf:

Füsse, beschuht oder nackt, gehören nun ein­mal nicht auf die Sitzflächen. Viele der jün­geren und mit­tleren Gen­er­a­tion haben in ihrer Fam­i­lie auch gar nie von Umgangs­for­men gehört, weil diese nach der 68er-Bewe­gung als antiquiert und repres­siv gal­ten. Der all­ge­meine Vol­lzugsnot­stand, der in der Schweiz herrscht, ist auch bei der SSB spürbar.

Es gibt sich­er auch in Deutsch­land Men­schen, die das Füße­hochle­gen als Symp­tom eines all­ge­meinen „Vol­lzugsnot­stands“ sehen, aber ein wenig bestätigt der Leser­brief das Stereo­typ der Schweiz als klein­er heil­er Welt ohne echte Prob­leme. Und auch Men­schen, die alles Unglück der Welt den „68ern“ zuschreiben, find­et man in Deutsch­land wohl nur noch in der FDP.

Aber inter­es­san­ter als die inhaltlichen Ver­schiebun­gen ist die Sprache. Das Mag­a­zin ist in ein­er Vari­etät des Deutschen geschrieben, die dem bun­des­deutschen Schrift­deutsch sehr ähn­lich ist, aber min­destens ein­mal pro Seite weicht sie spür­bar von meinen schrift­sprach­lichen Erwartun­gen ab. Das gar nie im Leser­brief ist ein Beispiel dafür, weit­ere Beispiele sind folgende:

  • … ein starkes Publikumsmagnet.
  • Es hat hier Schnee wie Sand in der Wüste.
  • …das erste Schweiz­er Langlaufge­bi­et, welch­es das inte­gri­erte Kom­b­i­tick­et anbietet..
  • An den Sam­sta­gen vom 6. Feb­ru­ar und 6. März 2010…
  • Bei 1200 Pis­tenkilo­me­tern fällt es schw­er, die „beste“ Abfahrt zu bezeichnen.

Manche dieser Beispiele ver­let­zen aus ein­er bun­des­deutschen Per­spek­tive klar Gram­matikregeln der Stan­dard­sprache – es hat statt es gibt, das Mag­net statt der Mag­net. Aber die meis­ten sind nur irgend­wie unge­wohnt: das Rel­a­tivpronomen welch­es klingt alt­modisch, der Sam­stag vom 6. Feb­ru­ar irgend­wie ver­dreht, und beze­ich­nen kann ich mit einem belebten Sub­jekt nur mit als ver­wen­den (z.B. Urs beze­ich­net­die Abfahrt als die beste ), bei ein­er tran­si­tiv­en Ver­wen­dung muss das Sub­jekt ein Abstrak­tum sein (z.B. Das Wort Abfahrt beze­ich­net eine Ski- oder Rodelpiste). In dem hier zitierten Satz müsste ich benen­nen verwenden.

Solche kleinen gram­ma­tis­chen Unter­schiede zeigen, wie wichtig die Rolle der Gewohn­heit gegenüber dem all­ge­meinen Regel­sys­tem der Sprache ist.

Inter­es­sant finde ich auch, dass mir die gram­ma­tis­chen Beson­der­heit­en viel stärk­er auf­fall­en als das runde Dutzend unge­wohn­ter oder mir unbekan­nter Wörter, die mir auf jed­er Seite begeg­nen. Adren­a­lin­schuss statt Adren­a­lin­stoß, Last­wa­genpneu statt Last­wa­gen­reifen, Pis­ten­beiz statt was auch immer das heißen mag.

Aber auch die Wörter machen Spaß: In einem Artikel über das Schlit­ten­fahren habe ich eine ganze jahreszeitlich höchst rel­e­vante Wort­fam­i­lie ken­nen­gel­ernt: es war dort nicht nur vom Schlit­teln und Nachtschlit­teln die Rede, son­dern auch von Schlit­tlern und Schlit­tel­fre­un­den, die gemein­sam das Schlit­telvolk bilden. Allein oder als Schlit­telschlange schlit­teln sie auf den Schlit­tel­we­gen des weitläu­fi­gen Schlit­tel­weg­netz, liefern sich Schlit­tel­ren­nen auf der Schlit­tel­bahn und haben bei der Schlit­te­lab­fahrt jede Menge Schlit­telspass, solange sie sich an die Schlit­telzeit­en hal­ten. Der Schlit­tel­genuss ist beson­ders aus­geprägt in den Schlit­tel­paradiesen oder im Schlit­tel-Mek­ka.

40 Gedanken zu „Schlittelwetter!

  1. lukas

    Eine Beiz (von jidd. bays, hebr. bájith “Haus”, doch doch…) ist eine Trinkstube/Kneipe. Ken­nt man das Wort in Bre­men wirk­lich nicht? Mir ist es geläu­fig, aber ich bin auch um Stuttgart aufgewachsen.

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  2. Umphadumpha

    das Rel­a­tivpronomen welch­es klingt altmodisch” ???

    Ich lese und höre das Wort täglich und das auch aus dem Munde mein­er nicht “alt­modis­chen”, die Ghet­tos Frank­furts bewohnen­den Bekannten.

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  3. Georg

    Ich wüsste gar nicht, wie man den Satz mit “welch­es” bess­er for­mulieren kön­nte. Vielle­icht mit “das”, was aber wiederum doof in meinen Ohren klingt. (p.s.: Ich bin 27 Jahre alt und komme aus Dresden.)

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  4. Gareth

    welch­es (und die anderen flek­tierten For­men) gehören bei mir auch nur zum pas­siv­en Wortschatz. Ich würde es aller­höch­stens im sehr formellen Schrift­ge­brauch angemessen find­en. Beiz hat es übri­gens nicht nur nicht bis nach Bre­men geschafft, sein Ver­bre­itungs­ge­bi­et liegt sog­ar defin­i­tiv südlich des Rheinlands.

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  5. Gareth

    Als Nach­trag: Ich dachte beim ersten Lesen des Worts, dass es die schweiz­erische Vari­ante von Beize sei und wun­derte mich, warum man Pis­ten beizt.

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  6. Werner

    Manche schweiz­er Aus­drücke sind unge­wohnt, aber auch unter­halt­sam. (Wo liegt der Fehler im vorigen Satz? Richtig, ein Schweiz­er würde “Schweiz­er Aus­drücke” schreiben.) Ein Auto wird parkiert, nicht geparkt und repari­ert wird es in ein­er Garage, nicht in ein­er Werk­statt. Wenn ich mit meinem PW (nicht PKW) zu schnell fahre, dann werde ich gebüsst, was mir auf meinem Velo aber nicht passieren kann. Einem Schreiben wird eventuell eine Beilage mit­gegeben, nicht eine Anlage. Wobei mich immer das däm­liche “Beila­gen: erwäh­nt” am Ende aufgeregt hat, sollen sie doch hin­schreiben, was beigelegt wurde, damit ich schnell die Voll­ständigkeit kon­trol­lieren kann. Gelebt habe ich 17 Jahre in der Westschweiz, für die es einige Syn­onyme gibt: welsche Schweiz, Welsch­land, Romandie fall­en mir ein.

    Bonne journée!

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  7. Sebu

    @ 6: Der Beis (das Haus) existiert auch in der Mün­ster­an­er Mase­mat­te, welche viele hebräis­che (siehe 2) Wörter enthält. Und Mün­ster liegt defin­i­tiv nördlich des Rheinlandes.

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  8. viola

    in der nzz find­en sich auch nette hel­vetis­men. daher kan­nte ich z.b. das von wern­er ange­sproch­ene parkieren. und durch den pub­lish­er habe ich “das e‑mail” ken­nen­gel­ernt — auch sehr unge­wohnt für nor­drhein­west­fäliche ohren. 🙂

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  9. Analyn

    Die Ver­wen­dung von “welch­es” klingt für mich immer nach jeman­den, der betont ‘richtig’ schreiben bzw. for­mulieren möchte, darin aber kein­er­lei Sou­veränität besitzt. Wer sich so sich­er ist, dass er ohne große Mühen kor­rekt und halb­wegs elo­quent schreiben kann, benutzt “das”. Ist wohl aber nur mein per­sön­lich­es Empfind­en. Als alt­modisch würde ich “welch­es” allerd­ings nicht beze­ich­nen — ich höre und lese es für meinen Geschmack viel zu häufig.

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  10. Klausi

    Müsste es nicht heißen und müsste man nicht schreiben wenn ich mon­tags früh nach Bre­men fahre (im Sinne von jeden Mon­tag oder immer, wenn ich mon­tags früh nach Bre­men fahre)?

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  11. Simone

    Ist schon inter­es­sant, dass sich alle Kom­mentare auf das Vok­ab­u­lar und nicht auf die Gram­matik beziehen. Ein Kon­struk­tion­s­gram­matik­er betra­chtet die Welt offen­sichtlich mit anderen Augen 😉

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  12. lukas

    welch­es” ist doch hier klas­sis­che ästhetisch motivierte “das das”-Vermeidung. Ist das so ungewöhn­lich? “das”, [daːs] in vie­len oberdeutschen Vari­anten des gesproch­enen Schrift­deutsch, ist schon eine Hammersilbe.

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  13. Nörgler

    Die Ver­wen­dung von welch­es in dem zitierten Beispiel ist auch im Stan­dard­deutschen dur­chaus gängig und ist keine schweiz­erische Beson­der­heit. Sie dient dazu, die als unschön emp­fun­dene Wortwieder­hol­ung das das zu vermeiden.

    Im Beispiel des let­zten Anstrichs käme mir die Ver­wen­dung von benen­nen nicht sehr natür­lich vor, zumal der Unter­schied zwis­chen benen­nen und beze­ich­nen kaum auszu­machen ist. Wenn über­haupt, würde ich hier angeben vorziehen. Viel natür­lich­er erschiene es mir aber zu sagen: “…fällt es schw­er zu sagen/anzugeben, welche/was die ‘beste’ Abfahrt ist.”

    Im übri­gen han­delt es sich bei den meis­ten der angegebe­nen Beispiele nicht um “kleine gram­ma­tis­che Unter­schiede”, son­dern um Unter­schiede im Wortschatz.

    Was das mit einem “all­ge­meinen Regel­sys­tem der Sprache” (was immer das auch sein mag) zu tun hat, ist mir schleier­haft. Die “Regeln” ein­er Sprache sind nichts anderes als “Gewohn­heit­en”.

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  14. Simone

    @polone: Die Abkürzung ist zwar SBB, aus­geschrieben heisst es aber Schweiz­erische Bun­des­bah­nen, was wiederum einem Fre­quenz-Hel­vetismus entspricht. Gle­ich wie die Deutschen ken­nen wir auch Schweiz­er und schweiz­erisch als Adjek­tive, jedoch ziehen wir die län­gere Vari­ante vor, was sich auch im aus­geschriebe­nen Namen der SBB ausdrückt.

    @Nörgler: auch bei welch­es han­delt es sich um einen Fre­quenz-Hel­vetismus. Wir Schweiz­er eracht­en die ältere Vari­ante welche als gehoben­er und set­zten sie deswe­gen wesentlich öfter ein als die Deutschen, auch dort, wo sie nicht eine Wortwieder­hol­ung umgeht.

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  15. Christa

    @ Wern­er: Schreibt ein Köl­ner denn “köl­ner Dom?” Das wäre mir neu. Geo­graphis­che Nam­nen auf ‑er wer­den großgeschrieben, auch wenn sie als Attribute vorkom­men — in Deutsch­land und der Schweiz. Was in der Deutschschweiz­er [sic] Orthogra­phie anders ist, ist die Zusam­men­schrei­bung von Wörtern mit geo­graphis­chem Namen, z.B. in “Win­terthur­erstrasse” oder “Schweiz­er­pass”. Das Beispiel zeigt auch gle­ich die oblig­ate Dop­pel-s-Schrei­bung in der Schweiz — unab­hängig davon, ob der vor­ange­hende Vokal kurz oder lang ist.

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  16. Makri

    Was in der Deutschschweiz­er [sic] Orthogra­phie anders ist, ist die Zusam­men­schrei­bung von Wörtern mit geo­graphis­chem Namen, z.B. in “Win­terthur­erstrasse” oder “Schweiz­er­pass”.

    Wirk­lich? Das ist ja hochin­ter­es­sant (und ‑intel­li­gent)! Schließlich sind diese Dinger einzelne Wörter und keine Kom­bi­na­tion von Adjek­tiv + Sub­stan­tiv (welche man anders beto­nen würde), und ich habe noch nie ver­standen, warum man sie auseinanderschreibt.

    gar nie finde ich als Wiener übri­gens auch unauffällig.

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  17. David Marjanović

    Eine Beiz (von jidd. bays, hebr. bájith “Haus”, doch doch…) ist eine Trinkstube/Kneipe. Ken­nt man das Wort in Bre­men wirk­lich nicht?

    In Öster­re­ich auch nicht… na gut, ich kann jet­zt nicht für die Vorarl­berg­er sprechen, aber sog­ar wenn die Tirol­er so ein Wort hät­ten, wüsste ich das höchstwahrscheinlich.

    welch­es (und die anderen flek­tierten For­men) gehören bei mir auch nur zum pas­siv­en Wortschatz.

    Sec­ond­ed.

    das e‑mail”

    Auch in Österreich.

    Müsste es nicht heißen und müsste man nicht schreiben wenn ich mon­tags früh nach Bre­men fahre (im Sinne von jeden Mon­tag oder immer, wenn ich mon­tags früh nach Bre­men fahre)?

    Nein, man fährt nicht früh, man fährt in der Früh, also am Morgen.

    (Der Mor­gen ist bei mir übri­gens im pas­siv­en Wortschatz. Und Gen­i­tivkon­struk­tio­nen… <kopf­schüt­tel> 😉 )

    Ist schon inter­es­sant, dass sich alle Kom­mentare auf das Vok­ab­u­lar und nicht auf die Gram­matik beziehen.

    Da fällt mir ein, vor kurzem hat eine Simp­sons-Folge durchge­hend der Juwel ver­wen­det. Zu meinem großen Erstaunen ken­nen die bei­den größten Wörter­büch­er, die ich gefun­den habe, diese Form, die mir völ­lig abstrus erscheint und die ich vorher über­haupt nicht gekan­nt habe.

    das”, [daːs] in vie­len oberdeutschen Vari­anten des gesproch­enen Schriftdeutsch

    Was? Im Ernst? Ist mir noch nie untergekom­men – außer auf der meta-Ebene, also wenn man über die Rechtschrei­bung spricht.

    Mich wun­dert übri­gens, dass das und dass in der Schrift­sprache gle­ich aus­ge­sprochen wer­den. Gibt es über­haupt einen deutschen Dialekt, der keinen Unter­schied im Vokal macht (und zwar nicht, oder nicht nur, in der Länge)?

    Ich weiß gar nicht, was an gar nie komisch sein soll …

    Ich hätte über­haupt nie genom­men. Gar gibt es bei mir mit nicht und kein-, aber nicht mit nie.

    die als unschön emp­fun­dene Wortwieder­hol­ung das das

    Die ziehe ich sog­ar vor. 🙂 Sog­ar das, das das habe ich lieber als das, welch­es das.

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  18. Jan

    Ich würde zus­tim­men, dass “welche…” als Rel­a­tivpronomen im bun­des­deutschen Sprachge­brauch alt­modisch ist. In älteren Tex­ten stößt man recht oft darauf, in meinen Ohren klingt es heute aber einiger­maßen gestelzt bzw. nach amts­deutsch (“Der Per­so­n­enkraft­wa­gen, welch­er in unmit­tel­bar­er Nähe zur Wech­sel­lichtsig­nalan­lage im Kreuzungs­bere­ich… usw usf). Span­nend ist auch die Ent­deck­ung, dass Mag­neten in der Schweiz säch­lich sind. Wie kommt es, dass ein und das­selbe Wort zwei gram­ma­tis­che Geschlechter hat? Bei neueren Wörtern wie “die” bzw. “das E‑Mail” kann ich mir das noch erk­lären, weil es im Englis­chen ja keine Unter­schiede gibt und das Wort im Deutschen daher sozusagen frei belegt wer­den kann (auch wenn ich “die E‑Mail” ein­leuch­t­en­der finde, es heißt ja auch “die Post”). Aber das Wort Mag­net dürfte seit rund 200 Jahren im Deutschen unter­wegs sein — man sollte doch denken, da hätte sich ein gram­ma­tis­ches Geschlecht durchge­set­zt, auch wenn in diesem Fall eine Staats­gren­ze die Vari­anten voneinan­der trennt.

    Antworten
  19. Jan

    Sor­ry, das sollte natür­lich ein Absatz wer­den und keine Fet­tung; bin HTML-Legastheniker. 

    Kön­nte das bitte jemand korrigieren?

    Antworten
  20. Makri

    Mich wun­dert übri­gens, dass das und dass in der Schrift­sprache gle­ich aus­ge­sprochen werden.

    Wieso? Ist schließlich ety­mol­o­gisch das­selbe Wort.

    [da:s] ist mir übri­gens auch noch nie untergekom­men. Selb­st wenn ich das Wort in der Bedeu­tung “das­jenige” stark betone, bleibt das /a/ ein Kurzvokal.

    Gibt es über­haupt einen deutschen Dialekt, der keinen Unter­schied im Vokal macht (und zwar nicht, oder nicht nur, in der Länge)?

    Einen Dialekt, der keinen Unter­schied zwis­chen das und dass macht? Sollte mich doch etwas wun­dern, wenn’s sowas nicht gibt.

    Antworten
  21. Makri

    Nach­trag:

    Gar gibt es bei mir mit nicht und kein‑, aber nicht mit nie.

    Es ist allerd­ings nicht ver­wun­dertlich, dass Leute dieses Prä­fix in Analo­gie auch mit anderen neg­a­tiv­en Wörtern ver­wen­den. Bei mir geht’s auch mit nie und nim­mer.

    Antworten
  22. David Marjanović

    Aber das Wort Mag­net dürfte seit rund 200 Jahren im Deutschen unter­wegs sein — man sollte doch denken, da hätte sich ein gram­ma­tis­ches Geschlecht durchge­set­zt, auch wenn in diesem Fall eine Staats­gren­ze die Vari­anten voneinan­der trennt.

    Der bzw. das Teil…

    Der bzw. das Juwel…

    Der bzw. das Kiefer… (die Kiefer gibt es auch, aber das ist, soweit ich weiß, Zufall…)

    Bei mir geht’s auch mit nie und nim­mer.

    Nim­mer ist ja schließlich nicht mehr, nicht nie mehr, außer man macht ein poet­is­ches nim­mer­mehr daraus.

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  23. Nörgler

    @David Mar­janović (#27):

    Mein Wahrig definiert nim­mer als: nie, niemals; (oberdt.) nicht mehr, nicht wieder, nicht länger.

    Meine (deutschen) Wörter­büch­er ken­nen das Kiefer nicht. Ist es vielle­icht ein Austriazismus?

    Ich empfinde einen Bedeu­tung­sun­ter­schied zwis­chen der Teil und das Teil, etwa wie zwis­chen der Anteil und das Einzel­teil. Ist das in Öster­re­ich oder oberdt. vielle­icht auch anders? Allerd­ings ist lt. Duden auch im Stan­dard­deutschen in bes­timmten Ver­wen­dun­gen ein Schwanken des Genus festzustellen. Das mag aber daran liegen, daß die bei­den Bedeu­tun­gen sehr nahe beieinan­der liegen.

    Antworten
  24. David Marjanović

    Meine (deutschen) Wörter­büch­er ken­nen das Kiefer nicht. Ist es vielle­icht ein Austriazismus?

    Würde mich wun­dern. Ich schwanke ständig.

    Ich empfinde einen Bedeu­tung­sun­ter­schied zwis­chen der Teil und das Teil

    Gewisse Zusam­menset­zun­gen und Redewen­dun­gen haben nur ein Geschlecht (ein Gut­teil n., der größte Teil), aber das Wort an sich wird in den Schulen als männlich und neu­tral gelehrt. Im öster­re­ichis­chen Sprachge­brauch ist es auss­chließlich männlich – allerd­ings gibt es dort die Bedeu­tung “Ding” nicht.

    Ich bin mir nicht sich­er, ob ich das Einzel­teil oder der Einzel­teil vorziehen würde. Das Wort kommt fast nur im Plur­al vor.

    (Von der Juwel hat­te ich bis vor 3 Wochen keine Ahnung.)

    Mein Wahrig definiert nim­mer als: nie, niemals

    Wird es so noch ver­wen­det? Mir kommt es reich­lich ver­al­tet vor. Ich ver­wende es über­haupt nur im Dialekt (und dann in der Bedeu­tung “nicht mehr”).

    Antworten
  25. Patrick Schulz

    Hm, ich würde eher sagen

    Das Teil aus der Kiste (das den Deck­el versperrt)

    Der Teil aus der Kiste (mit dem Knauf)

    oder

    Der Teil aus dem Buch (hat mir gefallen)

    Das Teil aus dem Buch (welch­es man auch “Seite” nennt)

    Keine Ahnung, wie man diese Bedeu­tung­sun­ter­schei­dung in einem seman­tis­chen Fachaus­druck ver­packt, aber da ist sie auf jedem Fall

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  26. Nörgler

    Zu nim­mer sagt das Grimm­sche Wörterbuch:

    1) entsprechend dem mhd. nie mêre, niemêre, niemêr: nicht mehr in der zeit, nicht länger, nicht wieder; noch durchge­hends in den oberdeutschen mundarten erhal­ten und manch­mal auch von oberd. schrift­stellern gebraucht (s. HEYNATZ 296. ANDRESEN sprachgebrauch3 281), aber in der heuti­gen schrift­sprache gemieden und durch nicht mehr oder nim­mer­mehr ersetzt

    2) entsprechend dem mhd. niemer, nimer, nim­mer, in dessen verkürztem und ton­los gewor­den­em mer der begriff ‘mehr’ sich zu schwächen und allmäh­lich zu schwinden begann: zu kein­er zeit mehr, niemals mehr, niemals, nie

    ver­stärkt durch gar: 

    das an der erden klebt

    und seinen geist gar nim­mer aufwärts hebt. 

    OPITZ 2, 107,

    Mir kommt alle­in­ste­hen­des nim­mer auch (süd­deutsch) mundartlich vor. Ich habe es aber immer im der Bedeu­tung nie ver­standen. Im heuti­gen Hochdeutsch scheint es nur noch in fes­ten Wen­dun­gen vorzukom­men: nie und nim­mer, Nim­m­er­satt, nim­mer­mehr, Nim­mer­wieder­se­hen, nim­mer­müde, St. Nim­mer­le­in­stag.

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  27. amfenster

    Im Grimm­schen Wörter­buch steht:

    KIEFER, m. max­il­la, branchia. östr. aber ist es n.

    Nun gibt das Grimm­sche Wörter­buch ja nicht so den ganz aktuellen Sprach­stand wieder — was ihn bei sprachgeschichtlichen Fra­gen immer noch zur ersten Adresse macht, in syn­chro­nen Fra­gen dage­gen nicht unbedingt.

    Grimm führt also an, dass Kiefer im Öster­re­ichis­chen Neu­trum sei. Ich glaube ihm das. Nach­dem unsere öster­re­ichis­che Gewährsper­son das Kiefer allerd­ings nicht mehr ken­nt (eben­so wie das “Vari­anten­wörter­buch des Deutschen” übri­gens), gehen wir mal vor­sichtig davon aus, dass sich dieser unein­heitliche Genus­ge­brauch mit­tler­weile aus­geglichen hat. Wenn dem tat­säch­lich so ist, würde das doch wieder mal auf wun­der­bare Weise zeigen, wie sich solche Dinge in der Sprache von selb­st regeln. Sprachge­mein­schaft rulez! 😉

    Anson­sten: Glück­wun­sch, Nör­gler. Im Grimm nachzuschla­gen, bevor man über “falsches Deutsch” herum­greint, ist im Prinzip kein schlechter Weg. Der näch­ste Schritt wäre dann noch, zu wis­sen, wann einem Grimm nicht weiterhilft.

    Antworten
  28. Nörgler

    @amfenster:

    Wünschen’s was aktuelleres? Bitte schön der Herr:

    Öster­re­ichisch : Kiefer , das

    Aussprache : des Kiefa

    Deutsch : Kiefer, der

    Ein­gere­icht von : Gon­za­les ( Region : Wien 9.,Alsergrund)

    Ein­gere­icht am : 2009-10-28 23:08:13

    Ver­wen­dung : gehoben

    (www.ostarrichi.org)

    Antworten
  29. Gerhard Schöfl

    Ich als Steir­er sage und schreibe “das Kiefer” und “der Kiefer” klingt für mich — vor allem wenn ich es mir in Zusam­menset­zun­gen wie “Unter‑, Oberkiefer” vorstelle — äusserst gewöhnungsbedürftig.

    Antworten
  30. David Marjanović

    Nach­dem unsere öster­re­ichis­che Gewährsper­son das Kiefer allerd­ings nicht mehr kennt

    Äh, ich? Ich kenne bei­des, ver­wende bei­des gle­ich oft (…also sehr sel­ten…), und habe dabei immer Bauch­weh. Ob allein oder in Zusam­menset­zun­gen macht keinen Unterschied.

    (Im Dialekt, würde ich übri­gens sagen, kommt dieser anatomis­che Fachaus­druck über­haupt nicht vor.)

    Antworten
  31. Lukas

    das”, [daːs] in vie­len oberdeutschen Vari­anten des gesproch­enen Schriftdeutsch

    Was? Im Ernst? Ist mir noch nie untergekom­men – außer auf der meta-Ebene, also wenn man über die Rechtschrei­bung spricht.

    Ist ein kanon­is­ch­er Bestandteil des “Hon­o­ra­tioren­schwäbisch”, ich habe es aber auch schon bei anderen, haupt­säch­lich älteren Sprech­ern beobachtet, wenn sie beson­ders auf ihre Sprache achten.

    Antworten

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