Sprache und Plattformneutralität

Mein Vor­trag „Sprache und Plat­tform­neu­tral­ität“, in dem ich über einige Aspek­te von Ungle­ich­heit und Diskri­m­inierung von Sprache spreche, ist auf YouTube ver­füg­bar. Ich ver­linke ihn hier nur noch ein­mal, um einen Ort für die Lit­er­aturliste und für kleine inhaltliche Kor­rek­turen zu haben.

Errata

(Wem Fehler auf­fall­en — gerne an mich melden!)

1. Es gab eine Zwis­chen­frage aus dem Pub­likum, warum man auf Schwedisch det män­niska („Men­sch“) sage, also das Neu­trum ver­wende. Das tut man aber gar nicht, män­niska fällt genau wie man und kvin­na in die Kat­e­gorie Utrum, die für Per­so­n­en bei­der­lei Geschlechts gilt (en man, en kvin­na, en män­niska). Ich habe bei mein­er Antwort nicht an män­niska, son­dern an das dänis­che Wort mand­sling gedacht (vielle­icht, weil der Frager eine dänis­che Fahne am Revers trug), das mir ver­traut war, weil es eine der weni­gen Diminu­tiv-For­men ist, die sich im Dänis­chen find­en. Allerd­ings stimmt meine Antwort trotz­dem nicht: Auch Diminu­tiv-For­men fall­en im Schwedis­chen (und Dänis­chen) ins Utrum.

Allgemeine Lektüre zum Einstieg in die Thematik

Fachliteratur

  • Pusch, L F (1984) Das Deutsche als Män­ner­sprache: Auf­sätze und Glossen zur fem­i­nis­tis­chen Lin­guis­tik, Suhrkamp-Ver­lag, Frank­furt am Main.
  • Pusch, L F (1990) Alle Men­schen wer­den Schwest­ern: fem­i­nis­tis­che Sprachkri­tik, Suhrkamp-Ver­lag, Frank­furt am Main.
  • Ste­fanow­itsch A (2012) Sprache und Ungle­ich­heit. Aus Poli­tik und Zeit­geschichte 62(16/17), 27–33 (Open Access)

Ein Roman

  • Gert Bran­ten­berg, Die Töchter Egalias, 1980 [ISBN 3–88104-163-X] (Ver­grif­f­en, anti­quar­isch rel­a­tiv gut erhältlich)

Im Vortrag zitierte Literatur

Sprache, Kategorisierung und Ungleichheit

  • Ste­fanow­itsch A (2012) Sprache und Ungle­ich­heit. Aus Poli­tik und Zeit­geschichte 62(16/17), 27–33 (Open Access)

Konnotative Leiter/Euphemismus-Tretmühle

  • Pinker, S (1994) The game of the name. New York Times, 5. April 1994. (Auf der Web­seite des Autors)
  • Nübling, D. (2011) Von der ‘Jungfrau’ zur ‘Magd’, vom ‘Mäd­chen’ zur ‘Pros­ti­tu­ierten’: Die Pejorisierung der Frauen­beze­ich­nun­gen als Zerrspiegel der Kul­tur und als Effekt männlich­er Galanterie? In: Riecke, J (Hg.): His­torische Seman­tik. Jahrbuch für Ger­man­is­tis­che Sprachgeschichte, Bd. 1. Berlin/New York: de Gruyter, 344–359. (Auf der Web­seite der Autorin).

Systematische Aspekte von Genus im Deutschen

  • Köpcke, K M & D Zubin (1996) Prinzip­i­en für die Genuszuweisung im Deutschen. In: Lang E & Zifo­nun G (Hg.): Deutsch typol­o­gisch. Jahrbuch des Insti­tuts für Deutsche Sprache 1995. Berlin: de Gruyter, 473–491. (Auf der Web­seite des Autors)

Kinder geben Gegenständen Namen, die deren grammatischem Genuns entsprechen

  • Fla­her­ty, M (2001) How a lan­guage gen­der sys­tem creeps into per­cep­tion. Jour­nal of Cross-Cul­tur­al Psy­chol­o­gy 32(1): 18–31.doi: 10.1177/0022022101032001005 (Bezahlwand)

Grammatisches Genus abstrakter Wörter beeinflusst das Geschlecht von Personifizierungen in der Kunst

  • Segel E & Borodit­sky L (2011) Gram­mar in art. Fron­tiers in Cul­tur­al Psy­chol­o­gy 1: 244. doi: 10.3389/fpsyg.2010.00244 (Open Access).

Kein Einfluss von grammatischem Genus auf Geschlechtszuweisungen unter experimentellen Bedingungen, die strategische Zuweisung verhindern

  • Ben­der, A, Beller S & Klauer K C (2011) Gram­mat­i­cal gen­der in Ger­man: A case for lin­guis­tic rel­a­tiv­i­ty? The Quar­ter­ly Jour­nal of Exper­i­men­tal Psy­chol­o­gy, 64(9): 1821–1835.DOI:10.1080/17470218.2011.582128 (Bezahlwand).

Genus bei Personenbezeichnungen, generisches Maskulinum, Möglichkeiten der geschlechtergerechten Sprache

  • Pusch, L F (1980) Das Deutsche als Män­ner­sprache: Diag­nose und Ther­a­pievorschläge. Lin­guis­tis­che Berichte 69: 59–74. (Nicht online ver­füg­bar)
  • Pusch, L F (1983) Von Men­schen und Frauen. In: Pusch L F, Das Deutsche als Män­ner­sprache. Frankfurt/M. 15–19. (Nicht online ver­füg­bar)

Geschichte des „generischen Maskulinums“

  • Doleschal U (2002) Ein his­torisch­er Spazier­gang durch die deutsche Gram­matikschrei­bung von der Renais­sance bis zur Post­mod­erne. Lin­guis­tik Online 11(2): 39–70. (Open Access)

Verarbeitung des „generischen Maskulinums“

  • Gygax P, Gabriel U, Sar­rassin O, Oakhill J & Gar­nham A (2008) Gener­i­cal­ly intend­ed, but specif­i­cal­ly inter­pret­ed: When beau­ti­cians, musi­cians, and mechan­ics are all men. Lan­guage and Cog­ni­tive Process­es 23(3), 464–485. (Bezahlwand)
  • (Siehe auch: Sprachlog, Frauen natür­lich ausgenom­men)

Gerechte Sprache in Schweden

  • Milles K (2011) Fem­i­nist lan­guage plan­ning in Swe­den. Cur­rent Issues in Lan­guage Plan­ning 12(1), 21–33. (Bezahlwand)

Gerechte Sprache und gesellschaftliche Gerechtigkeit

  • Pre­witt-Freili­no J L, Caswell T A & Laak­so E K (2011) The gen­der­ing of lan­guage: a com­par­i­son of gen­der equal­i­ty in coun­tries with gen­dered, nat­ur­al gen­der, and gen­der­less lan­guages. Sex Roles 66: 268–281. (Bezahlwand)

Gerechte Sprache in der Satzung der Piratenpartei

  • Le Ker, H (2012) Der, die, das Pirat, Spiegel 28/2012. (Link)
  • Liq­uid-Feed­back-Ini­tia­tiv­en zur Satzungsän­derung (#1933)
  • (Siehe auch: Sprachlog, Sind Piratin­nen Pirat­en)

[Dieser Beitrag erschien ursprünglich im alten Sprachlog auf den SciLogs. Die hier erschienene Ver­sion enthält möglicher­weise Kor­rek­turen und Aktu­al­isierun­gen. Auch die Kom­mentare wur­den möglicher­weise nicht voll­ständig über­nom­men.]

13 Gedanken zu „Sprache und Plattformneutralität

  1. Joachim

    män­niska
    Mich hat im Schwedis­chen verblüfft, dass das Wort “män­niska” weib­lich ist. Man sieht es ihm auf­grund des Utrums nicht an, aber wer sich im Schwedis­chen auf “män­niska” bezieht, nutzt “henne” (sie) und nicht “han”(er). (Allerd­ings ist die Endung “-ska” typ­isch für weib­liche Wort­for­men.)

  2. Lupino

    Ein sehr guter Vor­trag, wie ich fand, der bei mir so einige „Ach so meint der das“-Momente aus­gelöst hat.

  3. schneeschwade

    Ich bin jet­zt ein biss­chen ver­wirrt. Jahre­lang haben Sie uns hier gepredigt, Sprache habe keine Ein­fluss auf das Denken. Jet­zt zitieren Sie eine Studie, die genau das in Bezug auf Geschlech­ter­dif­ferenz nahelegt. Und nun?

  4. Sven Türpe

    Die fehlen­den Fra­gen
    1) Warum darf nie wieder jeman­den einen Neger nen­nen, während man die einst weitaus drastis­ch­er abgew­erteten Juden heute und in Zukun­ft weit­er Juden nen­nen darf? Wieso dür­fen wir dem Wort Neger eine neg­a­tive Kon­no­ta­tion zuschreiben, dem Wort Jude hinge­gen nicht?
    2) Welche Umstände führen zu einem Anspruch darauf, den Sprachge­brauch ander­er in Bezug auf sich selb­st bes­tim­men zu dür­fen? Hätte beispiel­sweise ein Ras­sist einen Anspruch darauf, zur Ver­mei­dung von Diskri­m­inierun­gen als Anhänger his­torisch­er Men­schen­bilder beze­ich­net zu wer­den?
    3) Hat der orwellsche Ansatz, Uner­wün­scht­es per Neusprech unsag­bar zu machen, jemals nach­weis­lich funk­tion­iert?
    4) Was würde die Euphemis­mus-Tret­müh­le aus ein­er “gerecht­en” Sprache machen, han­delte es sich dabei um ein ver­bre­it­etes Phänomen und nicht nur um eine sub­kul­turelle Manieriertheit? Inwieweit treibt der Ver­such der Sprachverbesserung selb­st die Tret­müh­le an? War Neger bere­its ein Schimpf­wort _bevor_ wohlmeinende Weltverbesser­er die Ver­wen­dung ander­er Beze­ich­nun­gen forderten, oder hat es ger­ade dadurch seine neue Bedeu­tung gewon­nen?
    5) Wir wis­sen aus der Geschichte wie aus der Gegen­wart, dass sich der Men­sch gerne über­schätzt, wenn es um die Steuerung großer Sys­teme geht. Demokratie funk­tion­iert bess­er als Dik­tatur oder Monar­chie, eine freie Mark­twirtschaft bess­er als eine zen­tral ges­teuerte Plan­wirtschaft, mit Englisch kommt man in der Welt weit­er als mit Esperan­to, Evo­lu­tion erscheint uns plau­si­bler als intel­li­gentes Design, usw. Welche Argu­mente sprechen für den möglichen Erfolg ein­er Sprach­pla­nung, ins­beson­dere angesichts der gle­ichzeit­ig weit­er­laufend­en Sprachevo­lu­tion?
    6) Welche Rolle spielt die Sprachökonomie? Umfan­gre­iche, kom­plizierte Begriff­s­net­ze mit weni­gen Zeichen ref­eren­zieren zu kön­nen, ist ein Fea­ture und kein Fehler ein­er Sprache. Man denke beispiel­sweise auch an Meta­phern. Ist eine exak­tere Spez­i­fika­tion tat­säch­lich prak­tik­a­bel und wün­schenswert? Sind Stereo­type tat­säch­lich ein Prob­lem und nicht vielmehr eine Lösung?

  5. P. Frasa

    Ich will den gesellschaft­spoli­tis­chen Aspekt hier kom­plett außen vor lassen, da man über diesen unzweifel­haft sehr unter­schiedlich­er Ansicht sein kann und er, wie generell Sprach­präskrip­tivis­mus, auch nicht per se wis­senschaftlich sein (also max­i­mal auf wis­senschaftlichen Erken­nt­nis­sen auf­bauen) *kann*. Eben­falls ignori­eren will ich Ein­wände, die ich gegen die logis­che Strin­genz der gesamten Argu­men­ta­tion her­vor­brin­gen kön­nte.
    Stattdessen will ich mich hier auf strikt lin­guis­tis­che Punk­te beschränken, die aus mein­er Sicht min­destens prob­lema­tisch, stel­len­weise sog­ar fehlgeleit­et oder kom­plett falsch sind:
    1. Es han­delt sich zwar um einen an ein Laien­pub­likum aus­gerichteten Vor­trag, trotz­dem finde ich es verkehrt, Dinge sim­pler darzustellen als sie es sind. The­o­rien der Bedeu­tung gibt es unzäh­lige. Die inten­sion­ale, men­tal­is­tis­che, die hier vertreten wird ist wed­er die aktuell­ste noch (per­sön­liche Mei­n­ung) die solideste. Natür­lich kann man nicht von Pro­to­type­nthe­o­rie über Kon­nek­tion­is­mus bis Embod­i­ment alles abhan­deln; man ist es dem Laien aber den­noch meines Eracht­ens schuldig, auf die Kom­plex­ität wenig­stens hinzuweisen, und zu erwäh­nen, daß es sehr unter­schiedliche The­o­rien von Bedeu­tung gibt (selb­st wenn man im Konkreten auf eine bes­timmte davon auf­baut). Es ist ins­beson­dere prob­lema­tisch, direkt alter­na­tiv­los abzus­tre­it­en (bzw. die These als “naiv” zu beze­ich­nen), daß ein direk­ter Link zwis­chen physis­ch­er Real­ität und Beze­ich­nung existiert, da das dur­chaus nicht von allen Schulen in der Radikalität gese­hen wird.
    2. So man denn eine The­o­rie der Seman­tik einzuführen ver­sucht (die meines Eracht­ens für die Kern­the­sen des Talks gar nicht notwendig sind), wäre es dann min­destens auch ange­bracht, sauber zwis­chen Deno­ta­tion und Kon­no­ta­tion sowie zwis­chen Seman­tik und Prag­matik zu unter­schei­den.
    3. Die Kon­textab­hängigkeit von Bedeu­tung wird kom­plett aus­ge­blendet — es wird hier qua­si so getan als würde ein Begriff stur einem men­tal­en Konzept entsprechen, ganz unab­hängig davon, wer Sprech­er und wer Rezip­i­ent ist; natür­lich bedeutet “Nig­ger”, wenn ein schwarz­er Rap­per das Wort äußert, etwas ganz anderes als wenn ein White-Pow­er-Anhänger das sagt; für Worte wie “Schwuler” oder “Hete” gilt selb­stver­ständlich das­selbe.
    4. Die Behaup­tung, daß phrasale Begriffe — im Gegen­satz zu ein­fachen Wörtern — nicht oder schw­er­er mit (neg­a­tiv­en) Kon­no­ta­tio­nen aufge­laden wer­den kön­nen, ist eigentlich nur das: eine Behaup­tung. Zum einen fehlt hier auch nur der Hauch ein­er Begrün­dung (ganz zu schweigen von empirisch­er Evi­denz), zum anderen wird hier natür­lich auch die Def­i­n­i­tion­sprob­lematik der Kat­e­gorie “Wort” schlicht umgan­gen. In einem streng lexikalis­tis­chen Sinn ist “Men­sch mit Migra­tionsh­in­ter­grund”, ein Begriff übri­gens, bei dem ich mir nicht sich­er bin, ob er wirk­lich so “neu­tral” belegt ist, genau so sehr ein Lexikonein­trag wie “Aus­län­der” und die mor­phosyn­tak­tis­che Struk­tur ist abso­lut unab­hängig davon; jeden­falls gibt es in der Sprache genü­gend Beispiele davon, wie ganze Phrasen (Idiome zum Beispiel) mit Kon­no­ta­tio­nen aufge­laden wer­den.
    5. Die Prax­is, irgendwelche Sätze zu kon­stru­ieren, die sich nur in kleinen Details unter­schei­den, und dann diese qua Intu­ition nach Gram­matikalität oder Akzept­abil­ität abzuk­lopfen (bei der symp­to­ma­tisch natür­lich am Ende fast über­all Frageze­ichen ste­hen, was auch ein Frageze­ichen für einen the­o­retis­chen Sta­tus haben soll), kenne ich eigentlich nur noch aus den unbelehrbarster gen­er­a­tivis­tis­chen Lit­er­atur, die die the­o­retis­che und method­is­che Prob­lema­tisierung und das Aufkom­men von Tech­niken etwa der Kor­puslin­guis­tik total ver­schlafen hat.
    6. Die Bemerkun­gen zum “gener­ischen Maskulinum” sind albern oder unsin­nig. Was ist damit gemeint, daß etwas nicht “sein eigen­er Ober­be­griff sein kann”? Das ist entwed­er tau­tol­o­gisch (wenn man das Etwas als eine ganz konkrete Bedeu­tung ver­ste­ht) oder falsch (wenn man ein Wort an sich betra­chtet, wo es etwa im Falle Tier­beze­ich­nun­gen, Kör­perteilen, usw., abso­lut häu­fig ist, einen Ober­be­griff auch für eine spezielle Unterkat­e­gorie anzuwen­den). Daß das gener­ische Maskulinum eine Aus­nahme wäre, ist jeden­falls auch nicht richtig; es entspricht etwa dem Phänomen, daß in manchen Sprachen Sin­gu­lar auch für unspez­i­fizierten Numerus ver­wen­det wer­den kann o.ä. Im Prinzip han­delt es sich dabei um nichts anderes als das Prinzip der Unmarkiertheit (natür­lich kön­nte man argu­men­tieren, daß es sex­is­tisch ist, das Männliche als “unmarkiert” zu betra­cht­en; darum geht es aber ger­ade gar nicht, son­dern darum, daß hier behauptet wird, es han­dle sich hier­bei um einen lin­guis­tis­chen Son­der­fall).
    7. Die Studie von Pre­witt-Freili­no et al. ist immer­hin zumin­d­est ein­mal empirische Evi­denz. Falls sich diese Kor­re­la­tion in Folges­tu­di­en auch nach­weisen kann, ist das erst ein­mal inter­es­sant. Trotz­dem, selb­st wenn sorgfältig für Drittvari­ablen zu kon­trol­lieren, gibt es einen Aspekt, der mich ein bißchen an der Aus­sagekraft dieser Studie zweifeln läßt (ich habe sie allerd­ings nur raschen über­flo­gen, kann mich hier also in die Nes­seln set­zen): näm­lich die Tat­sache, daß es wohl generell sehr wenige Welt­ge­gen­den gibt, in denen Geschlechter­gle­ich­heit herrscht (wie auch immer diese definiert ist) — die Grundge­samtheit dürfte also im Bezug darauf eher ziem­lich schief verteilt sein. Natür­lich beste­ht (wie immer) auch so oder so die Prob­lematik, daß sich zwar eine Kor­re­la­tion nach­weisen läßt, über eine mögliche kausale Beziehung aber noch nichts gesagt ist (ins­beson­dere finde ich es hier per­sön­lich wahrschein­lich­er, daß Geschlechterun­gle­ich­heit Genus her­vor­bringt (bzw. her­vor­brachte — die his­torische Dimen­sion muß ja auch mit­berück­sichtigt wer­den, schließlichen tra­gen Sprachen ja den Bal­last längst ver­gan­gener Gesellschaftsstruk­turen noch mit) als daß die Kausal­ität in die umgekehrte Rich­tung wirkt).
    Das sind nun ein­fach einige Punk­te, die ich lin­guis­tisch für prob­lema­tisch bzw. zumin­d­est für diskutabel halte, weswe­gen ich es immer für sehr frag­würdig halte, sich dann hinzustellen und zu sagen “ich als Lin­guist sage euch wie es *ist*”. Die Mehrheit der Kern­the­sen haben auch mit Lin­guis­tik wenig zu tun, son­dern viel mehr mit weltan­schaulich-gesellschaft­spoli­tis­chen Ein­stel­lun­gen.

  6. Studierendenfutter

    Wenn die Ergeb­nisse der Studie zur Kor­re­la­tion von Genus und Gle­ich­berech­ti­gung zutr­e­f­fend sind, dann sind Bemühun­gen, die Geschlechter in den Sprachge­brauch hinein statt hin­aus zu brin­gen (“sicht­bar zu machen”), völ­lig kon­trapro­duk­tiv. Dann müsste man statt dessen gener­ische For­men zu etablieren ver­suchen. Wenn Obiges also zutrifft, kön­nte der Back­lash sog­ar auch eine Folge der “fem­i­nis­tis­chen” Sprache sein.
    Dass es im Mit­te­lal­ter kein gener­isches Maskulinum gab, ist hin­sichtlich der oben genan­nten Studie kaum ver­wun­der­lich, denn die Idee der Gle­ich­berech­ti­gung wäre damals sich­er als abwegig wahrgenom­mem wor­den.
    Den his­torischen Bal­last von Wörtern betr­e­f­fend müsste man das Wort Mäd­chen als sex­is­tisch ablehnen.

  7. Matthias Warkus

    Als Philosoph, der sich seit 2007 mit Peirce beschäftigt, bin ich hocher­freut, dass dieser Vor­trag damit anfängt, klarzustellen, dass Zeichen-Objekt-Beziehun­gen nicht zwei­seit­ig und unmit­tel­bar sind. Vie­len Dank!

  8. Peter

    Aber inter­es­sant: Wenn man das gener­ische Maskulinum auf­grund von gerin­gen Verzögerun­gen voll­ständig desavouiert, dann aber über die Mül­lerin sagt: “…die brauch gar nicht zu arbeit­en … die kann sich zu Hause um die Kinder küm­mern…” (O-Ton Ste­fanow­itsch), zeigt man die wis­senschaftliche Strenge, die man an das The­ma anlegt. Oder darf ich mit gle­ich­er Münze heimzahlen und durch ihre Aus­sage bele­gen, dass Sie die Kinder­be­treu­ung als “Gedöns” einord­nen?

  9. Hans

    Tja
    “Einen gibt keinen anderen Fall, wo ein Wort sein eigen­er Ober­be­griff ist.”
    Möp. Gener­isch­er Sin­gu­lar.

  10. Anatol Stefanowitsch

    Hans, ich weiß nicht genau, was Sie mit „gener­isch­er Sin­gu­lar“ meinen, da dies kein all­ge­mein gebräuch­lich­er Fach­be­griff ist. Er wird manch­mal bedeu­tungs­gle­ich zu „gener­isches Maskulinum“ ver­wen­det; in diesem Fall ist er wohl kaum ein Argu­ment gegen meine Aus­sage, dass es außer den Fällen des „gener­ischen Maskulinums“ keine Wörter gebe, die ihr eigen­er Ober­be­griff seien. Manch­mal wird er auch ver­wen­det, um Fälle zu beze­ich­nen, in denen ein Sin­gu­lar nicht für ein Indi­vidu­um, son­dern für eine ganze Kat­e­gorie ste­ht — z.B. in Der Blauw­al ist das größte lebende Säugeti­er. Hier ist die Sin­gu­lar­form Blauw­al aber kein Ober­be­griff für sich selb­st: Es ste­ht hier nicht entwed­er für einen einzel­nen Blauw­al (sin­gu­lar) oder für mehrere Blauwale (plur­al), son­dern für die Kat­e­gorie Blauw­al an sich. Es hil­ft also nicht, ein­fach irgendwelche Begriffe in den Raum zu stellen, auch nicht, wenn man sie mit „Möp“ ein­leit­et.

  11. Matthias

    Sehr inter­es­san­ter und stim­ulieren­der Vor­trag, danke!
    Nun bin ich selb­st kein Lin­guist, darum hätte ich eine kurze Nach­frage: Gegen Ende des Vor­trags wurde auch die auf Luise Pusch zurück­ge­hende Vari­ante “das Pirat” besprochen, wobei Sie — abge­se­hen davon dass die Idee aus Sicht der meis­ten Betra­chter zweifel­sohne “radikal” anmutet und darum Ablehnung erfahren dürfte — die Ver­wen­dung des Neu­trums an dieser Stelle für eine gute Lösung hiel­ten — falls ich Sie richtig ver­standen habe.
    Nehmen wir also an, es würde über­all kon­se­quent von “das Pirat” gesprochen, d.h. der Sexus, welch­er für die meis­ten via Sprache zu trans­portieren­den Ideen völ­lig uner­he­blich ist, würde keine Rolle mehr spie­len. Das funk­tion­iert zunächst auch ganz gut. Nehmen wir einen Beispiel­satz: “Es spielte keine Rolle, was das Pirat sagte — die Vertreter der anderen Parteien nah­men es nicht ernst.”
    Wenn wir aber nun einen unbes­timmten Artikel ver­wen­den, sieht die Sache anders aus: “Paul war immer har­ter Ver­fechter des derzeit­i­gen Urhe­ber­recht­es, aber ein Pirat überzeugte ihn von anderen Ansätzen.” Der Sprech­er hat “das Pirat” (Neu­trum) im Hin­terkopf, muss aber aus gram­ma­tis­chen Grün­den trotz­dem “ein Pirat” sagen. Der Zuhör­er hört “ein Pirat” und denkt sofort an “der Pirat”, also einen Mann. Damit wäre rein gar nichts gewon­nen, oder sehe ich das falsch?

  12. Johannes Schacht

    Das Geschlecht ist der fun­damet­al­ste Unter­schied zwis­chen Men­schen. Woher kommt das Begehren, ihn zu niv­el­lieren? Kann man sich eigentlich keine Gesellschaft vorstellen, die den Geschlecht­sun­ter­schied betont, ohne ungerecht zu sein? In so ein­er Gesellschaft wäre eine starke geschlechtliche Markierung sehr natür­lich.
    Ich glaube, das Ziel der Geschlecht­sniv­el­lierung wird als selb­stver­ständlich unter­stellt, obwohl es von vie­len gar nicht akzep­tiert ist. Hier sehe ich eine ide­ol­o­gis­che Dom­i­nanz am Werk und let­ztlich den Ver­such, über Sprache die Welt zu verän­dern.

  13. flux

    Danke für diesen erbaulichen und erhel­len­den Vor­trag.
    Beson­ders inter­es­sant die Idee, sog­ar Per­son­al­pronomen (er und sie) zu hin­ter­fra­gen, auch wenn der (biol­o­gisch) geschlechtliche Unter­schied zwis­chen Men­schen nun ein­mal der wohl sig­nifikan­teste ist, und daher sich ver­mut­lich in den meis­ten Sprachen nieder­schlägt.
    Aber der Ver­gle­ich mit min und max war natür­lich bestrick­end und zum Nach­denken anre­gend !
    Jet­zt ein­fach ein­mal ein paar Fra­gen unsortiert ins Blaue:
    Kann man nicht ein­fach die „Gästin“ sagen, so wie die „Anwältin“?
    Wie hört sich für Sie der Satz an: „Jemand hat ihren Lip­pen­s­tift in der Damen­toi­lette vergessen“ ?
    Inwiefern ist „die Per­son“ oder „ die Haupt­fig­ur“ kein gener­isches Fem­i­ninum?
    Warum bemüht sich nie­mand um Gle­ich­stel­lung, wenn es um „VebrecherIn­nen, FoltererIn­nen, Aus­beu­terIn­nen und der­gle­ichen geht. (ist zugegeben­er­maßen ein alter Hut)

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