Sprachbrocken 12/2013

Von einer Zeitschrift, die nach einem mächtigen weißen Mann benannt ist, erwarten wir, dass sie die Befindlichkeiten mächtiger weißer Männer vertritt, und der CICERO erfüllt diese Erwartungen immer wieder in vorbildlichster Weise. Im April hat man(n) sogar das Titelthema ganz der Unterdrückung mächtiger weißer Männer gewidmet. Und der grausamen Mechanismen, mittels derer sie unterdrückt werden – dem „Veggie Day“, zum Beispiel, der den Fleischesser im Manne unterdrückt, in dem ihm vorgeschlagen wird, an einem Tag in der Woche auf Fleisch zu verzichten. Oder Unisex-Toiletten, die den heterosexuellen, cis-gegenderten Mann im Manne unterdrücken, indem sie einfach nur da sind. Aber das grausamste Unterdrückungswerkzeug von allen ist natürlich die Sprache, die den Verballibertären im Manne zu „schrillsten PC-Blüten“ – wo habe ich nur kürzlich schon einmal das Wort „schrill“ gelesen? – zwingt. Bei den Belegen für diese schrillen PC-Blüten vermischt man(n) munter wünschenswerte, aber nicht-existente Beispiele gerechter Sprache wie BürgermeisterInnenkandidatIn (350 Google-Treffer, allesamt auf Seiten, die sich über „Political Correctness“ beömmeln) mit mächtigeweißemännerhumorigen Pseudobeispielen gerechter Sprache wie Maximalpigmentierte. Außerdem wird viel gejammert.

SPIEGEL ONLINE ist zwar nicht nach einem mächtigen weißen Mann benannt, aber diesem trotzdem in tiefer Freundschaft verbunden, und zwar in Gestalt des Vorzeigekinds der mächtigen weißen Männer, Jan Fleischhauer. Unter Linken aufgewachsen hasste der früher alles, was links war, aber jetzt hasst er nur noch alles, was nicht mächtig, weiß und männlich ist. Diese Woche macht er sich Gedanken – ich nenne es einfach mal „Gedanken“, dieses Wort aber bitte nicht auf die Goldwaage legen – um Unisex-Toiletten (in der Welt der mächtigen weißen Männer geht es offenbar sehr viel um Toiletten) und um die politisch korrekte Schreibweise von BäckermeisterInnen, Bäckermeister_Innen und Bäckermeister*innen. Wie es sich für einen mächtigen weißen Mann gehört, erkennt er das Thema Geschlechtergerechtigkeit als derartig absurd, dass diese Absurdität nicht extra erwähnt werden muss, und so läse sich sein Text, wüssten wir nicht, von wem er stammt, beinahe wie eine lange Auflistung von Herausforderungen für mehr Geschlechtergerechtigkeit. Nur seine Sorge um die Kosten des „riesigen Apparat“, den die „Genderpolitik … ernährt“ zeigen, dass hier jemand schreibt, dessen finanzielle Prioritäten felsenfest bei den mächtigen weißen Männern liegen. Außerdem wird viel gejammert.

Anlass für Fleischhauers jüngsten Angriff auf die Unterdrückung durch Geschlechtergerechtigkeit (ich habe nicht noch einmal nachgesehen, aber ich glaube, es ist der dritte in Folge) ist ein angeblicher „Shitstorm“ gegen den unangefochtenen Star des mächtigmännlichweißen Feuilletons, Harald Martenstein. Dieser angebliche „Shitstorm“ (mitbekommen hat den niemand) wurde angeblich ausgelöst durch Martensteins Kritik (ich nenne es mal „Kritik“, das Wort aber bitte nicht auf die Goldwaage legen) an – Sie ahnen es – Unisex-Toiletten. Dabei hat Marteinstein die Niederungen der männer-unterdrückenden Sanitärtechnik längst hinter sich gelassen und kümmert sich diese Woche um ein ganz besonders schockierendes Beispiel der Unterdrückung weißer Männer – der Echo-Ausladung der Musikkapelle Frei.Wild. Sachkundig analysiert er deren Texte und kommt zu dem Schluss, dass an denen (aus der Sicht mächtiger weißer Männer, das muss hier natürlich mitgedacht werden) nichts, aber auch gar nichts auszusetzen ist. Von John Lennon könnten die Stammen, oder von David Bowie oder wenigstens Heiner Lauterbach oder „irgend so einem bedrohten Indianerstamm im Amazonasgebiet“. Dabei legt er kreative Übersetzungen zugrunde (z.B. setzt er Volk mit people gleich), wie man es von einem kreativen Geist eben erwartet. Außerdem stützt er sich – vielleicht im Geiste des Leistungsschutzrechtes – auf kleinste Textausschnitte, die er in anderen Medien zitiert gesehen hat. Einen ganzen Liedertext durchlesen, nein, dafür hatte Herr Martenstein offensichtlich keine Zeit. Dabei würde ihm beispielsweise Gutmenschen und Moralapostel [Warnung: Link auf einen Frei.Wild-Text] ausgesprochen gut gefallen. Denn da werden diese Gutmenschen, die auch Martenstein so hasst, mit unzweideutigen (aber für einen Martenstein sicher problemlos überlesbaren) Worten fertiggemacht. Außerdem wird viel gejammert.

14 Kommentare

  • Till hat Folgendes geschrieben:

    Müsste das erste, nicht existente Beispiel nicht eigentlich sogar "BürgerInnenmeisterInnenkandidatIn" heißen? (Wobei ich mich ernsthaft frage, ob es einen eleganten Weg gibt, geschlechtergerechte Sprache und Komposita zu verbinden.)

  • Fragender hat Folgendes geschrieben:

    Vielleicht können sie mal dazu Stellung nehmen was es mit den weißen Hetreo Männern auf sich hat und warum man die alle über einen Kamm schert?
    Ich verstehe es nämlich tatsächlich nicht.

    Ich habe es nicht kapiert warum man die Macht des Einzelnen am Geschlecht oder Hautfarbe festmacht aber andere Faktoren wie z.B. die Klassenzugehörigkeit außer acht lässt.

    Und das ist der entscheidende Punkt: Die Hautfarbe bzw. Ethnie kann nicht man wechseln, die Klassenzugehörigkeit schon.

    Auch wenn sich ein einzelner weißer heterosexueller Mann nicht unterdrückend verhält, bleibt er immer noch weiß, damit er bleibt immer noch im Besitz der Macht. Nun unterstelle ich damit all den Rassentheorien einen Essentialismus, denn entweder Rasse/Ethnie ist ein soziales Konstrukt (das man überwinden kann wenn man sich anders verhält, wobei dann die Erwähnung der Hautfarbe hinfällig wird) oder Rasse/Ethnie wird tatsächlich genetisch bestimmt — was bedeutet das der einzelne weiße hetero Mann immer im Besitz der Macht bleibt egal was er tut (z.B. Privilegien aufgeben)

    Über eine (ernstgemeinte) Antwort würde ich mich freuen.

    Mfg.

  • […] Sprachbrocken 12/2013: […]

  • […] Sprach­bro­cken 12/2013 – Sprach­log — Sprach­bro­cken 12/2013 (via Publis­hed articles) […]

  • altes Coon hat Folgendes geschrieben:

    @Fragender:

    > und warum man die alle über einen Kamm schert?

    Das frage ich mich allerdings auch. Schande über mich, dass es mir beim Lesen nicht aufgefallen ist und dass ich Deinen Kommentar dafür brauchte.

    Meine Zustimmung ist ernst gemeint. Der Artikel vermittelt (mir) den Eindruck, dass alle weißen (mächtigen) Männer irgendwie blöd sind — um es mal nicht ganz sprachlog-konform auszudrücken. War vermutlich gar nicht so gemeint, der Eindruck aber besteht.

    Irgendwie bin ich da ein bisschen zickig.

  • […] Die neuesten Sprachbrocken von Anatol Stefanowitsch und “Die Wiederkehr der Anstandsdame als intolerante Feministin” von einem gewissen Don Alphonso. […]

  • tE hat Folgendes geschrieben:

    (1 von 6)

    Als Dienst an den ernstgemeinten Fragen nun mal die eine und andere Notiz meinerseits, wenn auch vermutlich zu spät um die hier ursprünglich Fragenden noch zu erreichen.

    > Vielleicht können sie mal dazu Stellung nehmen was es mit den weißen hetero Männern auf sich hat und warum man die alle über einen Kamm schert?
    Ich verstehe es nämlich tatsächlich nicht.

    Bemerkenswerter– sowie unnötigerweise sind in diesem Artikel ja vermehrt wenn nicht ausschließlich die 'mächtigen weißen Männer' diejenigen, die der Frage nach "über einen Kamm [ge]schert" werden.

    Wie sich aus diverser Gesellschaftskritik ergibt (Vorsicht: könnte Spuren von politischer Korrektheit enthalten!), ist aber Macht nicht allein an der Klassenzugehörigkeit zu verorten, sondern auch an vielen anderen Eigenschaften, aus denen jeweils pro Kategorie primär eine oder einige privilegiert wurden und sind. Darunter, zum Beispiel, das Mann-Sein, weiß-Sein, hetero-Sein, zis-Sein, usw. Dabei ist eine Art solcher Macht grundsätzlich nicht direkt mit einer anderen vergleichbar, und muss dementsprechend auch nicht "gleichauf" sein um Unterdrückung auszumachen. Ich unterstelle dem Autoriat hierbei, dass der Artikel (auch) ein derartiges Verständnis von Macht meint.

  • tE hat Folgendes geschrieben:

    (2 von 6)

    Und zum Thema Kämmen mag ich gar nicht viel schreiben, sondern nur zweierlei: Wer sich hier als mächtiger weißer usw Mann gekämmt (angesprochen) fühlt, der hat es zu allermeist verdient; und: "Vorurteile" gegenüber privilegierten Eigenschaften sind schlimmstenfalls tatsächlich Solche, bestenfalls vernünftige Vorsicht, keinesfalls jedoch Unterdrückung.

    > Ich habe es nicht kapiert warum man die Macht des Einzelnen am Geschlecht oder Hautfarbe festmacht aber andere Faktoren wie z.B. die Klassenzugehörigkeit außer acht lässt.

    Das ist im Zweifelsfall die sogenannte Intersektionalität, möglicherweise (aber mir jedenfalls) besser bekannt unter dem Anglizismus intersectionality. Nicht jede normative/dominante Eigenschaft, nicht jede Dominanzstruktur, nicht jede Art der Unterdrückung muss zu jeder Zeit explizit betrachtet und angesprochen werden. Dies setzt aber kein absolutes "außer Acht [lassen]" der unterschiedlichen Arten von Macht des sowie der Einzelnen voraus, behaupte ich.

    Wichtigster Punkt der Intersektionalität ist zwar tatsächlich, dass ebend im Hintergrund doch immer an alles gedacht werden muss. Die Unterscheidung aber: nicht explizit. Jeweils bei ABC zu fordern "auch noch" XYZ explizit darlegen zu müssen (und umgekehrt) ist eine altbekannte Methode des derailing.

    > Und das ist der entscheidende Punkt: Die Hautfarbe bzw. Ethnie kann nicht man wechseln, die Klassenzugehörigkeit schon.

    Jain. Ist aber nicht so wichtig hier.

  • tE hat Folgendes geschrieben:

    (3 von 6)

    > Auch wenn sich ein einzelner weißer heterosexueller Mann nicht unterdrückend verhält,

    Diese hypothetische Möglichkeit wird hier anscheinend ohne weitere Rechtfertigung formuliert. Dann darf ich daraufhin sicherlich auch ohne weitere Rechtfertigung behaupten, dass ich es in unserem (meinem) gesellschaftlichen Kontext heute für unmöglich halte, dass eine Person die sich in einer strukturellen Machtposition befindet nicht von der entsprechenden Unterdrückung profitiert oder nicht an dieser teilnimmt.

    (Natürlich trifft das auch auf beispielsweise mich selbst zu, dort, wo ich in solchen Machtpositionen bin.)

    > bleibt er immer noch weiß, damit er bleibt immer noch im Besitz der Macht. Nun unterstelle ich damit all den Rassentheorien einen Essentialismus, denn entweder Rasse/Ethnie ist ein soziales Konstrukt (das man überwinden kann wenn man sich anders verhält, wobei dann die Erwähnung der Hautfarbe hinfällig wird) oder Rasse/Ethnie wird tatsächlich genetisch bestimmt

    Dies stellt eine falsche Dichotomie dar. Dass eine Eigenschaft primär oder vollständig sozial konstruiert ist, zieht nicht notwendigerweise nach sich, dass keine Macht mit dieser Eigenschaft verbunden sein kann. Oder ist die Macht, um die es hier geht, etwas das völlig außerhalb vom und unbeeinflußt durchs Soziale 'geschieht'? Nein.

  • tE hat Folgendes geschrieben:

    (4 von 6)

    Auch (wie bereits durch meine vorhergehende und noch nachfolgende Ausgabe dargelegt) ist es falsch, dass einzig und allein durch "genetisch" oder "biologisch" oder "körperlich" Fassbares irgendetwas (Macht, Privileg) relativ fest mit irgendeiner Eigenschaft (Mann zu sein, hetero zu sein, usw.) assoziiert und verbunden sein könnte.

    Dass unsere derzeitigen Verhältnisse Männer grundsätzlich privilegisieren, bedeutet nämlich nicht notwendigerweise, dass zu einem Mann-Geschlecht tatsächlich inhärent Macht oder Privileg oderso gehören müssen.

    Der parenthetische Einschub scheint mir auch schon wieder den ganzen "postgender"- und "colourblind"-Müll zu suggerieren. Kollektives Verhalten kann alles verändern? Dem stimme ich zu. Das bedeutet aber nicht, dass sich diese Strukturen alle auflösen würden, nur wenn wir alle zusammen mal kurz die Augen davor verschließen und anderweitig vorgeben würden, alles vergessen zu haben.

    Nicht nur aus Erfahrungswerten ist bekannt, dass das nicht funktioniert, sondern primär den Ist-Zustand festigt und erhält. (Insofern funktioniert es ja darin womöglich doch… Ein' Schelmin, die Böses dabei denkt!)

  • tE hat Folgendes geschrieben:

    (5 von 6)

    > was bedeutet das der einzelne weiße hetero Mann immer im Besitz der Macht bleibt egal was er tut (z.B. Privilegien aufgeben)

    Schlicht "Privilegien aufgeben" ist nicht möglich. Nur weil einer sein männliches Privileg nicht bewusst aktiv einsetzt, fällt es noch lange nicht 'einfach so' von ihm ab. Einerseits kann es nämlich auch unbewusst (aktiv) noch eingesetzt werden, und andererseits befindet er sich trotzdem (passiv) noch in der entsprechenden strukturellen Machtposition, wird noch bevorzugt behandelt, ist nicht in dieser Weise unterdrückt; kurzum, er /ist/ noch privilegisiert. (Zudem hat er übrigens noch die Möglichkeit, die bewusste aktive Nutzung die er eingestellt haben mag, quasi sofort wieder anzufangen falls ihm nur danach wäre. Das gehört natürlich auch zum Privileg.)

    Selbst falls das (individuelle) "Aufgeben" der eigenen Privilegien möglich wäre, so würde sicherlich nicht lediglich das Artikulieren der eigenen noch-so-ehrlichen Absicht dazu ausreichen, um es auch tatsächlich umzusetzen. Dies aber wird finde ich viel zu häufig in dem Zusammenhang suggeriert; dabei ganz davon absehend dass das ganze Vorhaben (wenn als nicht-hypothetisch beansprucht) meiner Meinung nach sowieso etwas ist, was soweit mir bekannt deutschsprachig zu der Kategorie Kackscheiße gezählt gehört. (Wäre doch auch witzlos, von struktureller Macht undso zu reden, wenn die ganze Kiste individuell wäre.)

  • tE hat Folgendes geschrieben:

    (6 von 6)

    > Über eine (ernstgemeinte) Antwort würde ich mich freuen.

    Es ist mir durchaus bekannt, dass die Äußerungen meiner Ansichten häufig als trollig empfunden werden. Sind sie allerdings nicht, nicht zumindest in der Autorinabsicht.

    (Wenn ich in Zukunft Kommentare verfasse, werde ich mich vergewissern, ob es eine Beschränkung der Länge einzelner Nachrichten gibt, bevor ich mit dem Schreiben beginne…)

  • […] ein weiterer Aspekt der Standardargumentation der Politisch Inkorrekten Abteilung. Wir als privilegierte weiße Männer finden die Probleme anderer, weniger privilegierter Gruppen nicht weiter schlimm und beschließen […]

  • […] und ich weiss, dass unser Land auch andere Probleme hat. Ein Text, wie Anatol Stefanowitschs “Sprachbrocken 12/2013“, der sich auf (sprach-)witzig eloquente Weise mit der Unterdrückung des mächtigen weissen […]

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