Lustig ist das Rassistenleben, faria, faria, ho

Wenn man sich die fast wöchentlich hochkochen­den Diskus­sio­nen um poli­tisch kor­rek­te Sprache betra­chtet, bekommt man schnell das Gefühl, der Deutschen heilig­ste Kul­turgüter seien Schnitzel mit Papri­ka-Zwiebel-Soße, aufgeschäumter Zuck­er mit Schoko­ladenüberzug und schwedis­che Kinder­büch­er aus den vierziger Jahren in ihrer deutschen Über­set­zung aus den fün­fziger Jahren. Die ersten zwei dieser Dinge dür­fen keines­falls ihre „altherge­bracht­en“ Namen ändern, das dritte darf keines­falls sprach­lich über­ar­beit­et wer­den, denn das würde ja den Orig­inal­text… äh, die Orig­i­nalüber­set­zung… ach, egal, wir haben über Pip­pi Langstrumpf im Sprachlog so ziem­lich alles gesagt, was zu sagen ist. Heute soll es um das Schnitzel gehen.

[Hin­weis: Der fol­gende Text enthält Beispiele ras­sis­tis­ch­er Sprache.]

Der Stein des Anstoßes ist dabei nicht, wie vielle­icht zunächst zu ver­muten wäre, die Rezep­tur, bei der (je nach Sichtweise) ein leck­eres Schnitzel durch eine Soße aus verkocht­en Papri­ka und Zwiebeln ver­dor­ben wird oder eine leckere Soße aus Papri­ka und Zwiebeln durch ein trock­enes Stück Schweine­fleisch unge­nießbar gemacht wird. Nein, es geht um den Namen, den diese kuli­nar­ische Mon­strosität trägt: Zige­uner-Schnitzel. Dieser Name, so meldete vor eini­gen Tagen die han­nover­sche Tageszeitung Neue Presse (hin­ter ein­er Bezahlwand), müsse wom­öglich von den Speisekarten der Gas­tronomen in der nieder­säch­sis­chen Haupt­stadt ver­schwinden, weil das örtliche „Forum für Sin­ti und Roma“ die Abschaf­fung dieser Beze­ich­nung fordere. Tat­säch­lich hat­te der Vere­in die Her­steller von Zige­uner­soße aufge­fordert, ihr Pro­dukt umzube­nen­nen, aber wie schon beim Veg­gie-Day war die Angst vor Fleis­chver­lust in der Bevölkerung so groß, dass die vorherse­hbare Empörung sich haupt­säch­lich auf das Schnitzel richtete.

Das habe schließlich schon immer so geheißen, sagten die einen. Sie hät­ten nichts gegen Zige­uner und deshalb sei der Name nicht weit­er schlimm, sagten die anderen. Sog­ar der Vize-Vor­sitzende des Zen­tral­rats für Sin­ti und Roma wün­sche sich, man würde sich um „Drin­gen­deres küm­mern“, reißen wieder andere ein entsprechen­des Zitat aus dem Kon­text.

Dann nehmen wir uns diese Punk­te kurz vor (Grund­sät­zlicheres zum Begriff Zige­uner kann ich hier nicht sagen, das The­ma ist zu kom­plex und braucht eine eigene Diskus­sion).

Hat das Zige­uner-Schnitzel schon immer so geheißen? Wenig­stens so lange, dass es völ­lig lächer­lich wäre, diese ehrwürdi­ge Tra­di­tion zu been­den und das Gericht mit dem poli­tisch (und vor allem kuli­nar­isch) kor­rek­ten Aus­druck „Paprikaschnitzel“ zu beze­ich­nen?

Die kurze Antwort ist „Nein“. Die lange geht so: Das Zige­uner­schnitzel, so ver­mutet die Wikipedia im gle­ich­nami­gen Ein­trag, ent­stand

…ver­mut­lich zur Zeit des Kaiser­tums Öster­re­ich oder der Öster­re­ichisch-Ungarischen Monar­chie in Öster­re­ich. Damals begann Papri­ka – aus­ge­hend von Ungarn – in der wes­teu­ropäis­chen Küche pop­ulär zu wer­den.

Eine plau­si­ble Ver­mu­tung. Allerd­ings find­et die eine Suche in Google Books keine Tre­f­fer für [“Zige­uner­schnitzel” OR “Zige­uner-Schnitzel” OR “Cige­uner­schnitzel” OR “Cige­uner-Schnitzel”] vor 1957, wo es im „Lexikon der Küche: gekürzte Kochan­weisun­gen, fachgewerbliche Angaben, Ratschläge usw. über Weine, Getränke, Servieren“ ste­ht (lei­der nur in der Snip­pet-Ansicht ver­füg­bar). Auch die [“Zige­uner­soße” OR “Zige­uner-Soße” OR “Cige­uner­soße” OR “Cige­uner-Soße” OR “Zige­uner­sauce” OR “Zige­uner-Sauce” OR “Cige­uner­sauce” OR “Cige­uner-Sauce”] taucht erst­mals in diesem Kochbuch auf.

Gab es das Rezept vorher nicht? Ich fand den Wikipedia-Ein­trag so plau­si­bel, dass ich das nicht glauben mochte. Also suchte ich im 19. Jahrhun­dert nach [schnitzel papri­ka OR papri­ca] und siehe da, das Rezept existiert tat­säch­lich. Aber wie nan­nte man es, wenn es nicht Zige­uner-Schnitzel hieß? Sie wer­den es nicht glauben: Diese poli­tisch kor­rek­ten Gut­men­schen des 19. Jahrhun­dert nan­nten das Gericht doch tat­säch­lich… Papri­ka-Schnitzel.

Also ist wohl Fol­gen­des passiert: In den selb­stzufriede­nen fün­fziger Jahren des Wirtschaftswun­ders hat­ten die (West-)Deutschen ihre jün­gere Ver­gan­gen­heit aus­re­ichend ver­drängt, um wieder etwas Exotik in ihre Küche zu brin­gen. Der Völk­er­mord an den Sin­ti und Roma war vergessen (er war ja auch schon zehn Jahre her), und die fik­tive Roman­tik des „Zige­uner­lebens“ kon­nte wieder­belebt und auf das Paprikaschnitzel pro­jiziert wer­den. Dass die Sin­ti und Roma wed­er mit Papri­ka, noch mit Schnitzel beson­ders viel zu tun hat­ten, spielte dabei keine Rolle: Öster­re­ich-Ungarische Monar­chie, fahren­des Volk, ist doch alles das­selbe – feurige dun­kle Men­schen aus dem Süden, halt.

Und damit zum zweit­en Punkt: Ist es schlimm, dass das Schnitzel (und die Soße) das Wort Zige­uner im Namen tra­gen?

Die kurze Antwort ist „Ja“. Die lange geht so: Eine Gruppe von Men­schen unter­schiedlich­er Eth­nien, die jahrhun­derte­lang ver­achtet und ver­fol­gt und dann von deutschen Nation­al­sozial­is­ten sys­tem­a­tisch in Ver­nich­tungslagern ermordet wurde, eignet sich nicht dazu, einem öster­re­ichis­chen Gericht einen exo­tis­chen Anstrich zu geben. Und zwar unab­hängig davon, ob man dazu das in sich schon prob­lema­tis­che Wort Zige­uner oder irgen­dein anderes Wort ver­wen­det. Dass das die Deutschen in den fün­fziger Jahren nicht erken­nen kon­nten, ver­wun­dert angesichts der spek­takulären Ver­drän­gungsar­beit, die sie kollek­tiv geleis­tet haben, vielle­icht nur am Rande. Dass die Deutschen im Jahr 2013 es immer noch nicht erken­nen kön­nen, ist zutief­st schock­ierend.

Und zulet­zt: Aber wenn doch selb­st der Vize-Vor­sitzende des Zen­tral­rats der Sin­ti und Roma sagt, dass es Drin­gen­deres gibt? Naja, er sagt eigentlich etwas mehr. Lesen Sie es selb­st, ich ver­linke es gerne noch ein­mal.

Und bitte, bitte, liebe Mit-Deutsche: Hört endlich auf, eure imag­inären Sprach­tra­di­tio­nen über das Empfind­en von tat­säch­lichen Men­schen zu stellen. Denn das kann sich nie­mand erlauben, aber wir schon gar nicht.

[Hin­weis: Die Kom­mentare enthal­ten Beispiele teil­weise extrem ras­sis­tis­ch­er Sprache. Ich habe ver­sucht, bei der Bew­er­tung dessen, was ich freis­chalte, rel­a­tiv viel Freiraum zu gewähren, da ich die Kom­mentare für lehrre­ich halte (trotz­dem habe ich etwa zwei Drit­tel der bish­er einge­hen­den Kom­mentare gelöscht bzw. nicht freigeschal­tet). Acht­en Sie bitte darauf, beim Kom­men­tieren zu über­legen, welche Wörter wirk­lich genan­nt wer­den müssen und wo darauf verzichtet wer­den kann. An extremen Stellen habe ich Pas­sagen geschwärzt und werde das auch weit­er tun, wenn unter den freigeschal­teten Kom­mentaren welche sind, die Ihnen als Leser/in zu extrem sind, lassen Sie es mich bitte wis­sen (ein­fach per Kom­men­tar), dann schwärze ich auch die. Auch weit­er­hin werde ich natür­lich keine Kom­mentare freis­chal­ten, deren einziger Zweck darin beste­ht, men­schen­feindliche Sprache zu ver­wen­den oder men­schen­feindliche Aus­sagen zu machen.]

81 Gedanken zu „Lustig ist das Rassistenleben, faria, faria, ho

  1. frauantje

    Danke, ich habe gehofft, dass genau diese Dinge gesagt wer­den.
    Lei­der lesen solche Beiträge wahrschein­lich genau die Leute NICHT, die es immer noch blödsin­nig find­en, Schaumkuss sagen zu müssen und über das erlaubte Diskri­m­inierungsempfind­en ander­er bes­tim­men zu kön­nen glauben.
    Das Argu­ment im aller­let­zten Absatz würde ich mir deshalb zukün­ftig weit­er vorne wün­schen, vielle­icht wäre es ganz allein für sich mal einen Beitrag wert.

  2. Don

    Dem­nach wurde das Papri­ka-Schnitzel also in den 50ern in Zige­uner-Schnitzel umbe­nan­nt. Warum? Was ist der Grund/Anlass dafür? Die Nazi-Zeit kann es ja eher nicht gewe­sen sein, denn über die wollte man in den 50ern lieber nicht so laut sprechen.

    Das wäre doch dur­chaus ein inter­es­santes Sujet für die Sprach­forschung.

  3. Dieter

    Würde das Schntzel Juden-Schnitzel heis­sen, wäre die Empörung groß, beim Türken-Schnitzel gäb es längst einen diplo­ma­tis­chen Dis­put usw. — doch immer da wo keine Lob­by ist, herrscht der Gle­ich­mut der Gedanken­losigkeit

  4. Pingback: Wem gehört die Sprache – über politisch korrekten Sprachgebrauch | Warum alles auch ganz anders sein könnte.

  5. Katie

    Toller Ein­trag. Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell sich Men­schen in ihrem diskri­m­inieren­den Sprachge­brauch diskri­m­iniert fühlen und mit welch­er Empörung sie dann reagieren, die sie wiederum tat­säch­lich diskri­m­inierten Men­schen nicht zugeste­hen. Selt­same Ver­drehung, das.

  6. Gernot Back

    Entschuldigung, Herr Ste­fanow­itsch, aber kann es sein, dass Sie mit Ihrem Beitrag hier ger­ade selb­st so etwas wie Sprach­nörgelei betreiben, die Sie son­st immer so harsch kri­tisieren?

    Das “Zige­uner­schnitzel” heißt seit mehr als einem hal­ben Jahrhun­dert so. Warum sollte man das ändern? Ich kann auch nicht ver­ste­hen, warum man ein­er­seits das Wort “Zige­uner” ächt­en will, sich ander­er­seits aber die Domains zigeuner.de oder zigo.de reserviert.

    http://zigo.de/01_zigo-projekt.htm

    Was will man denn nun? Den Begriff “Zige­uner” selb­st­be­wusst als Geusen­wort annehmen, so wie dies Schwule, Les­ben, Nig­ger und Krüp­pel tun oder den Begriff ablehnen? Irgen­det­was in der Mitte, das geht nun wirk­lich nicht!

    http://de.wikipedia.org/wiki/Geusenwort

    [Hin­weis von A.S.: Pas­sage wegen ras­sis­tis­ch­er und behin­derten­feindlich­er Sprache geschwärzt. Zum Lesen auswählen und kopieren.]

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  8. Anatol StefanowitschAnatol Stefanowitsch Beitragsautor

    @ Ger­not Back: Den Unter­schied zwis­chen ein­er Forderung nach nicht-diskri­m­inieren­der Sprache und Sprach­nörgelei haben wir hier im Sprachlog mehrfach disku­tiert, zum Beispiel hier und hier.

    Warum man den Namen des Zige­uner­schnitzels ändern sollte, habe ich in meinem Beitrag doch eigentlich sehr klar gemacht.

    Was das „Geusen­wort“ bet­rifft – falls Sie kein­er der Eth­nien ange­hören, die mit dem Begriff „Zige­uner“ beze­ich­net wur­den und wer­den, so kön­nen Sie ganz sich­er nichts „selb­st­be­wusst annehmen“. Falls sie doch ein­er der Eth­nien ange­hören, kön­nen Sie es ver­suchen (wie es einige Grup­pierun­gen inner­halb der Sin­ti und Roma übri­gens auch tun). Wer nicht zu ein­er Gruppe gehört, kann aber keines­falls ein­fach so ein entsprechen­des Wort ver­wen­den (so, wie Sie es in der von mir geschwärzten Pas­sage tun).

    Aber nichts davon hat irgen­det­was mit dem hier disku­tierten Schnitzel zu tun. Wie ich in meinem Beitrag schreibe, ist die Art der Benen­nung an sich, unab­hängig vom ver­wen­de­ten Wort, höchst prob­lema­tisch.

  9. romni7.6.

    Toller Beitrag. Danke! Ich wün­schte, die großen Medi­en wür­den auch so gut recher­chieren, bevor sie den Mob mit ras­sis­tis­chen Diskri­m­inierun­gen zu füt­tern.

  10. Erbloggtes

    Der Ursprung der “Debat­te” scheint mir doch um das Wort “Zige­uner­sauce” zu gehen. Dies dürfte der ursprüngliche NP-Artikel sein (keine Pay­wall): http://www.neuepresse.de/Hannover/Meine-Stadt/Muss-die-Zigeunersauce-bald-raus-aus-den-Regalen

    Und ver­mut­lich liegt da auch sprachgeschichtlich der Hase in der Papri­ka: Des Meis­terkochs Escoffi­er Kochbuch soll 1903 das Rezept für “Côte de veau Zin­gara” enthal­ten haben, die englis­che Aus­gabe von 1907 beschreibt die Zubere­itung dieses Gerichts mit “Zin­gara sauce” (Dig­i­tal­isat), deren Her­stel­lung eben­falls beschrieben wird. “Côte de veau Zin­gara” ist wörtlich “Kalb­skotelett Zigeuner(art)”, und tat­säch­lich schlägt die Wikipedia vor, “Zige­uner­sauce” vorzugsweise zu Kalb­skotelett zu servieren. Ich behaupte mal, dass dies der Ahn­herr des “Zige­uner­schnitzels” (oder sein franzö­sis­ch­er Brud­er) ist, von dem in dem genan­nten Wikipedia-Artikel die Rede ist.

    Dass die “Zige­uner­sauce” über 100 Jahre alt ist, behauptet auch der Geschäfts­führer des Ver­bands der Her­steller kuli­nar­isch­er Lebens­mit­tel e.V. in der SZ: http://www.sueddeutsche.de/panorama/aerger-um-zigeunersauce-nicht-nur-eine-geschmacksfrage-1.1746510 Die Geschmack­srich­tung der Sauce ist dem­nach “ungarisch”. Von der von Escoffi­er beschriebe­nen Sauce (und dem Kalb­skotelett) unter­schei­det sich das, was heute so serviert (oder in Flaschen verkauft) wird, aber ziem­lich deut­lich. Nur der Ver­weis auf “Zige­uner”, der ist gle­ich geblieben

  11. ayn_rant

    @AS: Full­stop. Sehr nette Her­leitung und Con­clu­sio, aber das Schwärzen von Kom­mentaren ist echt großar­tig, ich lache immer noch hart. ^^ Ich hoffe das macht Schule.

    @Gernot Back: Entschuldigung, Herr Back, aber kann es sein, dass Sie die von Ihnen ver­link­ten Seit­en gar nicht besucht/verstanden haben?

    Wir erwar­ben die begriff­sprob­lema­tis­che Domain http://www.Zigeuner.de, um mit Vorurteilen gegenüber Sin­ti und Roma aufzuräu­men, um einen Beitrag zum interkul­turellen Dia­log zu leis­ten.“

    Welchen Teil von nicht „selb­st­be­wusst als Geusen­wort“ annehmen ver­ste­hen Sie daran nicht?

  12. Lukaz

    Also ich kön­nte mir gut vorstellen, dass die Beze­ich­nung “Zige­uner­schnitzel” durch den wirtschaftlichen Auf­schwung in den 1950/60er Jahren und der aufk­om­menden Reise­freude nach Ital­ien so ent­standen ist. Viele kehrten in öster­re­ichis­chen Gast­stät­ten auf ihrem Weg nach Ital­ien ein und woll­ten schnell und ein­fach essen. Da sich die Deutschen in den Jahren sel­ber wie ein “fahren­des Volk” ver­hiel­ten, wäre hier eine logis­che Erk­lärung für diese Wortschöp­fung.

    Per­sön­lich empfinde ich das Wort “Zige­uner” nicht abw­erten, ganz im Gegen­teil, denn für mich ste­ht das Wort für Freie unge­bun­dene naturver­bun­dene Men­schen, auch wenn die meis­ten heute nicht mehr so leben.
    Aber das ist ja nur meine Mei­n­ung.
    Ich habe aber auch nichts dage­gen, wenn man aus “Zige­uner­schnitzel” ein­fach ein “Schnitzel Ungarisch­er Art” macht. Hört sich auch viel ele­gan­ter an.

    Doch eins frage ich mich nun so neben bei, wer­den dem­nächst die Wiener-Würstchen oder Frank­furter, Thüringer-Met­t/Bratwurst und so weit­er auch geän­dert wer­den? Wäre sehr schade wenn wir unsere Sprache noch mehr ver­fälschen, denn ich glaube nicht, dass die Begriffe und Beze­ich­nung heute im neg­a­tiv­en Sinn von nor­mal denk­enden Men­schen gebraucht wer­den.

    Idioten wird es immer geben, die Wörter/Bezeichnungen/Begriffe für ihre Pro­pa­gan­da miss­brauchen! Hier ist es unsere Pflicht die Jugend aufzuk­lären da sie empfänglich dafür und ein Miss­brauch vor­pro­gram­miert ist.

    Für ein besseres Miteinan­der!

    Euer Lukaz

  13. Klaus Jarchow

    Vage kann ich mich noch an jene Zeit erin­nern, wo brave Fam­i­lien­väter, die zwanzig Jahre zuvor noch als KZ-Auf­se­her kla­g­los funk­tion­ierten, sich das Bild ein­er ‘ras­si­gen Zige­uner­in’ mit prallen Möpsen übers Ehe­bett hin­gen. Wohl man­gels Via­gra als Anre­gung fürs triste Eheleben gedacht.

    Der Begriff ‘Zige­uner’ leit­et sich meines Wis­sens von ‘Zigan’, ‘Zigani’, ‘Zin­garo’ usw. ab, ursprünglich eine Beze­ich­nung für irgen­deine deviante christliche Sek­te im frühen Mit­te­lal­ter. Daraus wurde später dann z.B. auch ‘Gitanes’, eine franzö­sis­che Zigaret­ten­marke, beliebt in linken Kreisen (nur echt, mit tanzen­der ‘Zige­uner­in’ auf der Pack­ung). Aber auch in der Klas­sik und Roman­tik war der Begriff noch ganz ohne neg­a­tive Kon­no­ta­tio­nen präsent (s. ‘Mignon’ und ander­swo).

    Worauf ich hin­auswill: Erst die Nazis und die Ras­sis­ten im ide­ol­o­gis­chen Vor­feld haben den Begriff dann der­art neg­a­tiv ‘kon­t­a­miniert’. Damit aber, dass es nach Auschwitz keine ‘Zige­uner­schnitzel’ mehr geben soll, kann ich trotz­dem gut leben. ‘Sin­ti- und Roma-Schnitzel’ wären allerd­ings auch keine Lösung.

  14. peer

    Die Empörung ist ver­wun­der­lich, da ja mit Paprikaschnitzel eine Alter­na­tive vor­liegt, die völ­lig natür­lich ist und auch nichjt lächer­lich klingt oder so.
    Schaumküsse oder Schokoküsse als Beze­ich­nung set­zen sich auch immer weit­er druch — ich hätte das niemals für möglich gehal­ten, so ver­wurzelt war das andere Wort bei mir udn mein­er Umge­bung. Wenn das mit dem Paprikaschnitzel ähn­lich läuft, wun­dern wir uns in zehn Jahren über diese Empörung
    (außer den Ewiggestri­gen, die auch immer noch “Neger” sagen wollen, weil son­st die deutsche Kul­tur unterge­ht. Aber Extrem­is­ten kann man eh nicht überzeu­gen)

  15. Anatol StefanowitschAnatol Stefanowitsch Beitragsautor

    @ Erblog­gtes:
    Auf einen möglichen Zusam­men­hang mit „Sauce Zin­gara“ weist ja auch der Wikipedia-Ein­trag zur Zige­uner­soße hin und es ist möglich, dass dieses Gericht, oder eins der vie­len anderen, die im franzö­sis­chen (und englis­chen) Sprachraum das Wort Zin­gara im Namen tru­gen, eine Inspi­ra­tion für die Benen­nung des „Zige­uner­schnitzels“ in den 1950er Jahren war. Eine direk­te Abstam­mung sehe ich schon bei der Soße nicht: Das Rezept im ver­link­ten „Guide culi­naire“ von Auguste Escoffi­er unter­schei­det sich (wie du sagst) sehr deut­lich von dem, was heute als „Zige­uner­soße“ beze­ich­net wird – es enthält näm­lich gar keine Papri­ka:

    Zin­gara sauce is pre­pared thus : Reduce a few table­spoon­fuls of white wine and mush­room cook­ing-liquor to half. Add one-fifth pint of half-glaze, two table­spoon­fuls of toma­to sauce, one table­spoon­ful of veal stock, one oz. of a juli­enne of tongue, mush­rooms and truf­fles; and set to boil for a few sec­onds.

    Eine ähn­liche Rezep­tur legt dieser Ein­trag in einem deutschsprachi­gen Kochbuch von 1910 nahe (die einzige deutsch­prachige Ver­wen­dung aus dieser Zeit, die ich bin jet­zt find­en kon­nte:

    à la Zin­gara – mit Champignons, Trüf­fel, Schinken, Zunge und Juli­enne;

    Sprachlogle­serin @A_Christofiori, die gestern Abend in alten Kochbüch­ern und Speisekarten recher­chiert hat, hat mich außer­dem per Twit­ter auf ein Gericht „Kalb­skotelet­ten, Zige­uner Art“ auf ein­er Speisekarte von 1910 hingewiesen. Eine Rezep­tur fehlt dort, aber es dürfte sich etwas wie die bei Escoffi­er beschriebene Soße han­deln; in einem Wiener Kochbuch von 1931 hat sie sog­ar ein Rezept für „Zige­uner­sauce“ gefun­den, das allerd­ings noch weniger mit der heuti­gen Soße oder dem Schnitzel zu tun hat (es enthält nicht nur keine Papri­ka, son­dern nicht ein­mal Tomat­en, stattdessen aber Sem­mel­bröseln).

    Eine frühe Erwäh­nung ein­er post-1950er Rezep­tur find­et sich in ein­er Aus­gabe des Nation­al Geo­graph­ic von 1965, in der es heißt:

    As guests of May­or Franz Kern, we dined on Zige­uner­schnitzel, or gyp­sy cut­let, smoth­ered with a Mag­yar sauce of mush­rooms, toma­toes, pep­pers, beans, and onions.

    Die hier als Mag­yar („ungarisch“) beze­ich­nete Soße hat jet­zt Tomat­en und vor allem die entschei­den­den Papri­ka – und außer­dem Bohnen, die eigentlich nichts darin zu suchen haben. Die erste Erwäh­nung der heuti­gen Rezep­tur (die auch gle­ich zur Zubere­itung des entsprechen­den Schnitzels emp­fohlen wird) bei Google Books find­et sich in ein­er BUNTE von 1980 (lei­der nur in Snip­pet-Ansicht und ohne voll­ständi­ge bib­li­ografis­che Dat­en)

    Der Knorr Koch-Club ist überzeugt: „Noch nie kon­nte man ein Zige­uner-Schnitzel so anfeuern! Die 8 neuen, reichen Soßen von Knorr haben es in sich. Nehmen Sie nur mal die Zige­uner-Soße: Sie enthält feuri­gen Papri­ka, Zwiebeln und Champignons. Man sieht förm­lich, wie gut sie schmeckt.

    Die heutige Soße und das Schnitzel sind also nicht mit der Sauce Zin­gara ver­wandt; bezüglich der Paprika/Zwiebel-Mis­chung ähnelt die heutige Rezep­tur eben eher dem im Beitrag erwäh­n­ten Paprikaschnitzel, (ein noch rel­a­tiv ent­fer­nt ver­wandtes Rezept von 1851 find­et sich hier und ein schon enger ver­wandtes Wiener Rezept von 1922 hat @A_Christofiori hier gefun­den).

    Was dort fehlt sind vor allem die Champignons (die sich in dem Kochbuch von 1851 in einem Rezept für „Kräuter­schnitzel“ find­en, das bis auf die Zun­gen­stückchen wie eine beschei­dene Ver­sion des Escoffi­er-Rezepts klingt). Außer­dem enthal­ten die Rezepte Rahm, der sich beim „Zige­uner­schnitzel“ aber auch manch­mal find­et (z.B. hier, wo die Rezep­tur als „piquant papri­ka, mush­room, and sour cream sauce“ charak­ter­isiert wird.

    Dieser kuli­nar­ische Exkurs hat vielle­icht Appetit gemacht. Er zeigt auch, dass auch die die Geschichte der umstrit­te­nen Soße kom­plex­er ist, als die Soßen­her­steller das gerne möcht­en und das keine Tra­di­tion beste­ht, die die Namensge­bung der 1950er Jahre gerecht­fer­tigt hätte (selb­st wenn wir so tun, als ob eine solche Tra­di­tion die Namensge­bung über­haupt recht­fer­ti­gen kön­nte).

  16. Anatol StefanowitschAnatol Stefanowitsch Beitragsautor

    @Lukaz, Auch für Sie noch ein­mal: Wenn Sie zu kein­er der herkömm­lich als „Zige­uner“ beze­ich­neten Grup­pen gehören, spielt es schlicht keine Rolle, ob sie das Wort „per­sön­lich“ als abw­er­tend empfind­en oder ob sie stereo­type Vorstel­lun­gen von „freien, unge­bun­de­nen, naturver­bun­de­nen“ Men­schen damit verknüpfen. Dass Sie dieses Stereo­typ als pos­i­tiv empfind­en, macht es dann nicht weniger ras­sis­tisch.

    Ich schalte Ihren Kom­men­tar aber über­haupt nur frei, weil Sie einen Punkt aufw­er­fen, den ich hier noch kom­men­tieren will, weil er auch in der öffentlichen Diskus­sion immer wieder ange­bracht wird: Die Wiener Würstchen, Frank­furter, Thüringer Bratwurst usw. Diese haben mit der hier disku­tierten Frage aus drei Grün­den nichts zu tun: Erstens ver­wen­den sie geo­graphis­che Namen zur Beze­ich­nung, und nicht Namen für Men­schen­grup­pen (wir reden nicht von Ösi­würstchen, oder Ossi­bratwurst). Zweit­ens geben diese geo­graphis­chen Namen schlicht die Herkun­ft des Gerichts an, statt auf stereo­typen Assozi­a­tio­nen zu beruhen. Drit­tens sind diese geo­graphis­chen Namen nicht abw­er­tend, und die Men­schen, die in diesen Regio­nen leben, sind keine ver­fol­gten, diskri­m­inierten und ras­sis­tisch stereo­typ­isierten Min­der­heit­en.

  17. ayn_rant

    @Lukaz: „Per­sön­lich empfinde ich das Wort “N—–” nicht abw­erten [sic!], ganz im Gegen­teil, denn für mich ste­ht das Wort für Freie unge­bun­dene naturver­bun­dene Men­schen, auch wenn die meis­ten heute nicht mehr so leben.
    Aber das ist ja nur meine Mei­n­ung.“

    Ja, genau, das ist deine Mei­n­ung.
    Und, ich muss es dir hier sagen: wir wer­den alles erden­kliche tun, um dir deine Sprache des „nor­mal denk­enden“ Men­schen weit­er zu ver­fälschen. Wir wer­den wie ver­rückt weit­er daran arbeit­en, um deine Sprache von Idi­o­tis­men wie denen, die deine Jugend miss­braucht haben, zu befreien. You’re wel­come (in Norm­sprech: „Du bist willkom­men“).

    @Klaus Jar­chow: Ein Blick auf dieses Wikipedia, von dem ja jet­zt alle neuerd­ings reden, hätte gere­icht um dir klarzu­machen, dass der Begriff auch schon vor dem drit­ten Reich „kon­t­a­miniert“ war… Aber… „Sin­ti- und Roma-Schnitzel“ fordert auch gar nie­mand… Aber…

  18. Gerald Fix

    Bin ich der einzige, der für Paprikaschnitzel und für Zige­uner­schnitzel ver­schiedene Rezepte ver­wen­det?

    Ich kenne Paprikaschnitzel als Schnitzel mit passiert­er, sehr schar­fer Paprika­soße. Zige­uner­schnitzel -heutzu­tage in Speisekarten eher als “Schnitzel nach Zige­uner­art” beze­ich­net — sind dage­gen mit ein­er Mis­chung aus vornehm­lich schar­fen Gemüseteilen belegt. Im Englis­chen nen­nt man das Zeugs, soweit mir bekan­nt ist, auch “Bavar­i­an Sal­ad”.

  19. Anatol StefanowitschAnatol Stefanowitsch Beitragsautor

    @ Ger­ald Fix: Die Frage der Rezepte (so wenig sie hier eine Rolle spielt) wird doch in den Kom­mentaren von Erblog­gtes und mir weit­er oben aus­führlich disku­tiert. Der Hin­weis mit dem Bavar­i­an Sal­ad ist inter­es­sant, dem müsste man mal nachge­hen; vielle­icht kön­nte man das Schnitzel am Ende „Bayrisches Schnitzel“ nen­nen.

  20. Ich

    Ich bin es aus Kinderta­gen gewöh­nt “Mohrenkopf” zu sagen. Wenn ich den Begriff höre denke ich an eine mit Schoko­lade über­zo­gene Süßspeise und nicht etwa an irgendwelche Vorurteile. Ich finde es richtig auf Ver­pack­un­gen “Schaumkuss” zu schreiben (der polit­i­cal cor­rect­ness wegen), aber nur weil ich “Mohrenkopf” sage macht mich das doch nicht zum Ras­sist. (Oder warum etwa doch?)
    Die Frage die ich mir bei der Diskus­sion stelle: Welchen echt­en Vorteil hät­ten Sin­ti und Roma davon, wenn es “Pap­krikaschnitzel” hieße? Die herrschen­den Vorurteile kom­men doch aus ein­er ganz anderen Rich­tung (etwa all­ge­meine Vorurteile gegen Osteur­päer). Ich bitte um

  21. Anatol StefanowitschAnatol Stefanowitsch Beitragsautor

    @ Ich: Was die Schaumküsse bet­rifft: Spätestens wenn jemand darauf beste­ht, das von Ihnen erwäh­nte Wort weit­er zu ver­wen­den, nach­dem man ihn oder sie darauf hingewiesen hat, dass und warum es prob­lema­tisch ist, wäre diese Per­son ras­sis­tisch (das Wort ist es sowieso, egal, ob es mit Absicht oder aus Gedanken­losigkeit ver­wen­det wird). Ich empfehle in diesem Zusam­men­hang dringlich und aus tief­stem Herzen Noah Sows exzel­lentes Buch Deutsch­land Schwarz-Weiß. Wer sich auf die Lek­türe ein­lässt (woran viele weißen Deutsche erfahrungs­gemäß scheit­ern), sieht die Welt danach sehr viel klar­er.

    Was die Vorteile für Sin­ti, Roma und andere unter dem fraglichen Begriff zusam­menge­fasste Men­schen bet­rifft: Da wäre zunächst der, weniger ras­sis­tis­che Sprache aushal­ten zu müssen. Schw­er zu ver­ste­hen, wenn man nicht selb­st solch­er Sprache aus­ge­set­zt ist, aber ein abso­lut real­er Vorteil. Und vor allem ein­er, der ganz leicht und schnell zu bew­erk­stel­li­gen ist: Er kostet wed­er Geld noch Zeit. Ein­fach aufhören, das Wort zu benutzen, und schon ist mehr Zeit um sich um andere Prob­leme zu küm­mern.

  22. Klaus Jarchow

    @ ayn_rant: Ich habe deswe­gen ja auch von einem ‘ras­sis­tis­chen Vor­feld’ geschrieben. Unscharf for­muliert begann die Aufladung solch­er Wörter mit abw­er­tenden Kon­no­ta­tio­nen in der Kolo­nialzeit, wo die modis­che Rassekunde die Argu­mente für die Last der ‘white man’s bur­den’ liefern musste, die der brave Eurasi­er aus pur­er Phil­an­thropie jet­zt zu schlep­pen begann …

  23. Erbloggtes

    @A.S. 08:44: Danke für die Recherchen! Ich wider­spreche mal in dem Punkt, dass die Sauce Zin­gara (1907) nicht mit der heuti­gen Zige­uner­sauce ver­wandt wäre, weil die Papri­ka fehlten. Man kann ja nicht sagen, dass eine Zutat die Essenz eines Gerichts aus­mache.
    Vielmehr zeigen die vie­len ver­schiede­nen Vari­anten, die als Essen “Zige­uner-Art” beze­ich­net wur­den, dass es keine Tra­di­tion gibt, son­dern dass Benen­nun­gen von Pro­duk­ten gewählt wer­den, um immer konkret mit den beab­sichtigten Kun­den zu kom­mu­nizieren. So sagt auch der Saucen­her­stellerver­band­schef gegenüber der SZ, dass die Kun­den mit “Zigeuner”-Sauce eine Geschmack­ser­wartung verbinden (und — kön­nte man auf­grund der “Zigeuner”-Romantik ergänzen — ein phan­tastis­ches Gegen­bild von ihrer trost­losen All­t­ag­sex­is­tenz).
    Das irgen­dein Essen “tra­di­tionell” sei ist eben­so eine Fik­tion, wie dass es einen bes­timmten Namen tra­gen müsse. (Bavar­i­an Sal­ad kommt bes­timmt aus der Zeit, als Otto die ungarischen Reit­er­hor­den auf dem Lech­feld besiegte. 1000 Jahre vor der Sauce.)

    Wichtig zu unter­schei­den: “Zige­uner” kann eine (fik­tive) ethn. Gruppe beze­ich­nen (@Sven Türpe: Nein.) oder eine soziale Gruppe, deren Exis­tenz als beson­ders deviant stig­ma­tisiert wird, oder ein Phan­tas­ma. Let­zterem würde ich die Sauce zuord­nen. Wegen dieser Bedeu­tun­gen und ihrer Ver­wirrung eignet er sich nicht, um damit echte Men­schen zu beze­ich­nen. Und Saucen auch nicht.

  24. sprech.sucht

    Nach ein­er schnellen Spon­tan­recherche:
    Die Beze­ich­nung Zige­uner­schnitzel (Cut­lets a la Zin­gara) find­et man bere­its in einem Kochbuch von Charles Elmé Fran­catel­li aus dem Jahr 1846. Das ist 110 Jahre vor dem ange­blichen ersten Erscheinen des Zige­uner­schitzels im bösen ras­sis­tis­chen Deutsch­land.
    Und die Zige­uner­sauce taucht spätestens ab 1909 (als Sauce zum Zige­uner-Rinder­rück­en) in einem Kochbuch von Auguste Escoffi­er auf. Auch damit kommt man den 50ern noch um ein halbes Jahrhun­dert zuvor.

    Manch­mal wäre es sin­nvoll, in der Kul­turgeschichte die Gren­zen der eige­nen Sprache hin­ter sich zu lassen, um logis­che Fehlschlüsse wie diesen Blog­post zu ver­mei­den.

  25. Anatol StefanowitschAnatol Stefanowitsch Beitragsautor

    @sprech.sucht Manch­mal wäre es sin­nvoll, zu Ende zu lesen, was man kom­men­tiert, und schnelle Spon­tan­recherchen nicht überzube­w­erten. Die Cut­lets a la Zin­gara und die dazuge­hörige Soße disku­tiere ich oben in einem lan­gen, eigentlich kaum zu überse­hen­den Kom­men­tar: Sie haben erstens kuli­nar­isch (also in ihrer Rezep­tur) nichts mit dem Zige­uner­schnitzel und der dazuge­höri­gen Soße zu tun. Zweit­ens, und das sollte offen­sichtlich sein, spie­len die Namen franzö­sis­ch­er Gerichte für die Bew­er­tung deutschen Ras­sis­mus nur bed­ingt eine Rolle.

    @Erbloggtes: Es fehlt nicht nur die Papri­ka, es gibt prak­tisch keine Gemein­samkeit­en bis auf Dinge, für Soßen all­ge­mein typ­isch sind. Ich bezwei­fle deshalb, dass die Sauce Zin­gara Patin für die Benen­nung der Zige­uner­soße ges­tanden hat, aber selb­st wenn es so wäre, würde das wenig ändern – da die post-1950er Soße der Sauce Zin­gara nicht stärk­er ähnelt als irgen­dein­er anderen Soße, gab es keine Tra­di­tion, die die Beze­ich­nung als „Zige­uner­soße“ nahegelegt hätte. Die noch sehr lebendi­ge Tra­di­tion des Völk­er­mords hätte aber jedem vernün­fti­gen Men­schen nahegelegt, auf diese Namens(neu)schöpfung zu verzicht­en.

  26. Ich

    Danke für Ihre Antwort, Herr Ste­fanow­itsch.
    Dass es (in Deutsch­land) alltäglichen Ras­sis­mus gibt, den die meis­ten gar­nicht bemerken will ich nicht nur abstre­it­en, ich will dem sog­ar zus­tim­men.
    Man scheint, so meine Erfahrung, neg­a­tive Begeg­nun­gen mit Men­schen, die ein­er Min­der­heit ange­hören nicht als “schlecht­en Charak­ter” des anderen zu werten, son­dern als “neg­a­tive Eigen­schaft” der Min­der­heit.
    Möglicher­weise, weil die Zuge­hörigkeit zur Min­der­heit eine auf­fäl­lige äußere Eigen­schaft ist (und bei kurzen Beg­nun­gen oft die einzige die hän­gen bleibt).
    Ich sehe das als all­ge­meines Prob­lem, nicht als eins eines Lades, son­dern des Men­schens an sich. Daher halte ich es für sin­nvoller darüber zu disku­tieren als über einzelne Begriffe. Leuten, denen der All­t­agsras­sis­mus nicht auf­fällt, wer­den sich durch Begriffs­diskus­sio­nen eher bestätigt fühlen und die All­t­agsras­sis­mus­diskus­sion als “lächer­lich” hin­stellen.
    Zum OP: Ich finde den von Ihnen gewählten Titel sehr kon­trapro­duk­tiv. Er nimmt alle Objek­tiv­ität und die meis­ten Leser (auch ich) wer­den sich vorverurteilt fühlen und den Artikel an sich auch aus dieser Per­spek­tive lesen.

  27. bee

    Wenn es an ein­er Lösung gebricht, wo sind die Pusz­ta­hendl geblieben? Alle ab den 1970ern aus dem Wiener­wald geflat­tert? Offen­sichtlich ist das Ter­tium com­pa­ra­tio­nis die ungarische Küche, die das Klis­chee vom Zwiebel-Papri­ka-Glu­ta­mat-Mix in den West­en exportiert hat – in den West­en, denn in der DDR gab es für Schnitzel, Spieße, Soßen die inkri­m­inierte Beze­ich­nung gar nicht. Wir brauchen also keine sekundären Verge­wal­ti­gun­gen wie „Sin­ti-Soße“ oder „Roma-Schnitzel“, die überdies nicht richtiger und nicht weniger ras­sis­tisch wären, der Bezug ist mit der ungarischen Geografie lei­dlich hergestellt. Schmeckt immer noch scheiße, tut aber keinem weh. Voilà.

  28. Statistiker

    Hmm­mm, also um 1990 rum hieß es bei uns in der Kan­tine:
    Schnitzel mit
    — Rahm­sauce
    — Pilzsauce
    — Pfef­fer­sauce
    PAPRIKASAUCE

    Und kein­er hat sich dran gestört, dass er kein “Zigeuner”-Schnitzel kriegt. Ras­sis­mus, auch sprach­lich­er Ras­sis­mus entste­ht erst dann, wenn er einen Nährbo­den hat.

    Entzieht dem Ras­sis­mus den Nährbo­den. Damit hungert man ihn aus!

  29. To. Kreutzfeldt

    Sie haben völ­lig recht, Herr Ste­fanow­itsch, vol­lkom­men recht und haben es auch sehr geistre­ich dargelegt. Ich wage nicht zu wider­sprechen.
    Aber zwei Fra­gen, die mir spon­tan kamen: Was machen wir mit dem Bauern­früh­stück ?
    Und kann irgen­deine Nation außer­halb Deutsch­lands (die Skan­di­navier, mit denen ich über die dänis­chen Vor­fahren ver­bun­den bin, ausgenom­men) mich ein­deutig benen­nen: Denn ich füh­le mich wed­er als Ger­mane (got­tbe­wahr!) noch als Ale­manne (unver­ständlich­er Dialekt). Aber das sind bes­timmt Empfind­lichkeit­en, die an ander­er Stelle disku­tiert wer­den müssen.
    Einst­weilen her­zlichen Dank für das anre­gende Nach­denken

  30. Pingback: Pustaschnitzel | Ingo Buth

  31. LMK

    @ich: Wie soll eine all­ge­meine Diskus­sion über All­t­agsras­sis­mus ausse­hen, wenn man seine alltäglichen Erschei­n­ungs­for­men bess­er uner­wäh­nt läßt?

  32. Ethan

    Ich stimme dem Artikel in sein­er Grun­daus­sage zu: Die Beze­ich­nun­gen der ange­sproch­enen Lebens­mit­tel gehören schon aus päd­a­gogis­chen Grün­den sämtlich auf den Müll — völ­lig unab­hängig davon, seit wann sie nun genau im Umlauf sind und ob etwa der Zige­uner­be­griff schon vor oder erst ab 1933 in diskri­m­inieren­der Absicht ge-/miss­braucht wurde.

    Ich möchte nur kurz auf einen Ran­daspekt dieses The­mas einge­hen, den “Zigeuner”-Begriff. Herr Ste­fanow­itsch, Sie schreiben zu Beginn: “Grund­sät­zlicheres zum Begriff Zige­uner kann ich hier nicht sagen, das The­ma ist zu kom­plex und braucht eine eigene Diskus­sion.” Kurz vor Ende geben Sie diese Zurück­hal­tung jedoch auf mit der For­mulierung: “das in sich schon prob­lema­tis­che Wort Zige­uner”.
    Genau darin sehe ich den grund­sät­zlichen Webfehler der gegen­wär­ti­gen Zige­uner-Diskus­sion in Deutsch­land: Begriff­s­geschichte und Diskurs­ge­halt des “Zige­uners” wer­den mit unbe­d­ingten moralis­chen Posi­tio­nen gle­ichge­set­zt. Der Begriff “Zige­uner” ist aber nicht “in sich schon prob­lema­tisch”. Er wird erst in bes­timmten Kon­tex­ten prob­lema­tisch.

    Ich möchte auf­grund begren­zter Zeichen­zahl dazu nur kurz auf die zulet­zt lei­der sehr polemis­chen Auseinan­der­set­zun­gen inner­halb der Eth­nolo­gie (einzig in Deutsch­land!) hin­weisen. Ich habe eine Zeit lang in Leipzig geforscht und dort miter­lebt, wie Vertretern des “tsiga­nol­o­gis­chen Ansatzes” immer wieder pauschal Ras­sis­mus und Revi­sion­is­mus unter­stellt wurde. Wer die Kol­le­gen per­sön­lich ken­nt, weiß wie absurd der Vor­wurf ist!

  33. Gernot Back

    @Anatol Ste­fanow­itsch.
    Natür­lich kann ich eine auf mich gemünzte Beze­ich­nung nicht selb­st­be­wusst annehmen, die mir die Zuge­hörigkeit zu ein­er Gruppe zuweist, mit der ich nichts zu tun habe!

    Die Beze­ich­nung “schwul” für mich abzulehnen, hielte ich jedoch nicht nur für verklemmt, son­dern es käme auch ein­er Entsol­i­darisierung mit meinen Mitschwulen gle­ich. Nur durch die Annahme dieses ursprünglichen Schimpf­worts als Selb­st­beze­ich­nung und durch Ver­wen­dung ger­ade auch im Dia­log mit denen, die es immer noch weit­er als Schimpf­wort ver­wen­den woll­ten, kon­nten wir es schließlich umdeuten.

    Dass Sie, Herr Ste­fanow­itsch, meinen, in meinem Beitrag den Begriff “schwul” schwärzen zu müssen, stimmt mich da auch nicht ger­ade glück­lich, denn damit betreiben Sie das Geschäft der­er, die uns Schwulen die in jahre­langem Kampf erfocht­ene Deu­tung­shoheit über den Begriff “schwul” wieder entreißen will. Das ist ein viel größeres Ärg­er­nis, als dass der Begriff ursprünglich tat­säch­lich mal als Belei­di­gung gedacht war!
    http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2013–02/zweibruecken-kalender-homophobie

    Ob sich Roma und Sin­ti selb­st als “Zige­uner” beze­ich­nen soll­ten, darüber ste­ht mir in der Tat kein Urteil zu. Wenn Roma und Sin­ti sich den Schuh aber gar nicht anziehen, ste­ht ihnen umgekehrt auch kein Urteil darüber zu, ob ich mein Schnitzel “Zige­uner­schnitzel” nenne. Da kön­nten Roma und Sin­ti sich eher über die Operette “Der Zige­uner­baron” aufre­gen, denn die hat ja tat­säch­lich einen Bezug zu ihnen.

  34. Hopalong

    Ein inter­es­santes The­ma.
    Zur Kuli­narik ist viel gesagt, und was die Zige­uner-Soße ange­ht, stimme ich Ana­tol zu. Es wäre aber tat­säch­lich inter­es­sant, sich dem Begriff Zige­uner noch ein­mal etwas aus­führlich­er zu wid­men. Es kön­nte sich eine Par­al­lelität zum ‘Eski­mo’ ergeben.
    Dass die Wortherkun­ft nicht mit dem ‘ziehen­den Gauner’ zu tun hat, dürfte wohl unstrit­tig sein.
    In einem im Früh­jahr erschienen Buch set­zt sich Rolf Bauerdick pro­gram­ma­tisch für den Begriff ‘Zige­uner’ ein und set­zt sich sehr kri­tisch mit dem Zen­tral­rat der Sin­ti und Roma außeinan­der.
    Ohne die Quelle noch im Kopf zu haben, habe ich vor einiger Zeit gele­sen, dass es auch Stim­men gebe, die den Begriff ‘Sin­ti und Roma’ abschaf­fen wollen, da nicht alle Zige­uner Sin­ti und Roma sind.
    Auch hier eine Ähn­lichkeit zum Begriff ‘Eski­mo’.

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  36. Nanea

    Ich komme lei­der erst jet­zt dazu, meine Hausauf­gaben zu machen.

    @ Ger­ald Fix, 17. August 2013 um 10:54: “Im Englis­chen nen­nt man das Zeugs, soweit mir bekan­nt ist, …” Nice try!

    Wed­er die Bilder­suche bei google.com nach Bavar­i­an Sal­ad noch bei bing.com hat irgen­det­was anderes ergeben als z.B. Bay­erisch­er Wurst­salat, Kartof­fel­salat, Garten­salat.

    Bei Rezepten für “Bavar­i­an Sal­ad” kam wed­er bei Google noch bei Bing auf den ersten Seit­en etwas, das nach “ein­er Mis­chung aus vornehm­lich schar­fen Gemüseteilen” aus­sah, stattdessen wieder pota­to sal­ad, Bavar­i­an plat­ter (sausages, gherkins und so etwas wie Obatz­da) und… irgendwelche selt­samen Dinge, die mit Jel­lo, Dream Whip und Wass­er zusam­mengemixt wur­den.

    Auf mir bekan­nten Rezept­seit­en wie z.B. simplyrecipes.com, bbc­good­food oder der Rezept­seite vom Guardian, die alle oft und gern bay­erische Speisen als deutsche aus­geben, bin ich auf die Schnelle (Bavar­i­an sal­ad site: XYZ) auch nicht fündig gewor­den.

    Um dann ganz sich­er zu gehen, habe ich noch bell pep­per veg­etable pick­led gar­nish gesucht, da kamen Tre­f­fer wie Jalapeño, Japan­ese pick­les, Fil­ipino escabeche.

    Ich bin vor kurzem umge­zo­gen, daher steck­en die meis­ten mein­er ~ 4000 Kochbüch­er in diversen europäis­chen Sprachen, das älteste von 1832, noch in Kar­tons. Im Moment sind andere Dinge wichtiger. Aber: im BEWAG-Kochbuch von 1939, 12. Auflage 1954, gibt es keine Zige­uner, nur Schnitzel mit Zitro­nen­scheiben und Kapern gar­niert.

  37. peer

    @ Ich:
    Zwei Punk­te: 1. Spätestens sobald sie wis­sen, dass ein Begriff von der _betroffenen Gruppe_ als belei­di­gend eingestuft wird, sind Sie besten­falls naiv und unhöflich, wenn Sie diesen Begriff weit­er­ver­wen­den.
    2. Auch Laten­ter Ras­sis­mus ist Ras­sis­mus, und auch aus Igno­ranz stam­mender Ras­sis­mus (ist das nicht eine Tau­tolo­gie?) (siehe 1) ist Ras­sis­mus. Es spielt nur eine geringe Rolle, welchen “Intend” Sie hat­ten, was zählt sind nun ein­mal Tat­en, nicht die Gedanken, die Sie hatten/nicht hat­ten — denn die sind qua­si “nichtöf­fentlich”. Bew­ertet wird, was aus dem Mund kommt…

    Und ja, man kann und man sollte mit solchen Tri­v­il­itäten anfan­gen, denn die lenken den Blick auf das Prob­lem. Ger­ade die kleinen Dinge zu ändern ist ja leicht…und erst damit wird der Stein ins Rollen gebracht. Solche Verän­derun­gen sind doch schle­ichend (siehe die Verän­derun­gen in Bezig auf Sex­is­mus, Ras­sis­mus, aber auch Umwelt­be­wusst­sein, Sicht über die Todesstrafe etc.) und ger­ade die kleinen Dinge zählen hier.

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  41. Flups Baumann

    Ich finde es eigentlich vol­lkom­men belan­g­los, ob die Soße nun schon 10, 50 oder 100 Jahre unter diesem Namen in den Rezept­büch­ern ste­ht. Die Frage ist doch eher, fühlen sich Roma heutzu­tage von der Ver­wen­dung von Begrif­f­en wie “Zigeuern­soße”, “Zige­uner­schnitzel” oder “Zige­uner­musik” diski­miniert?

    Offen­sichtlich ja, dann muss man darüber reden, anstelle so etwas lächer­lich zu machen.

  42. Sam

    Nur um das mal klar zu stellen: Bei “Wiener Würstchen” etc. bezieht man sich nicht auf den Ort, wie hier von Ste­fanow­itsch behauptet wird, son­dern sehr wohl auf die Bewohn­er des Städtchens. Das Wiener Würstchen ist das Würstchen der Wiener und nicht Wiens Würstchen. Allerd­ings ändert das nichts an dem guten Argu­ment, dass das Wort “Wiener” wed­er eine Belei­di­gung ist noch sich auf eine Min­der­heit bezieht.

    Ich kann zwar nicht nachvol­lziehen, wie man sich als Rom oder Rom­ni über so ein däm­lich­es Gericht wie das Zige­uner­schnitzel aufre­gen kann, aber ich stecke ja auch nicht in deren Haut. Außer­dem kann es den Leuten doch echt am Arsch vor­beige­hen, wie bes­timmte Gerichte offiziell genan­nt wer­den. Zu Hause kann man sich immer noch ein Paprikaschnitzel kochen und es Zige­uner­schnitzel nen­nen.

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  44. Anatol StefanowitschAnatol Stefanowitsch Beitragsautor

    Nur um das mal klar zu stellen: Bei “Wiener Würstchen” etc. bezieht man sich nicht auf den Ort, wie hier von Ste­fanow­itsch behauptet wird, son­dern sehr wohl auf die Bewohn­er des Städtchens. Das Wiener Würstchen ist das Würstchen der Wiener und nicht Wiens Würstchen.

    Nein. Wiener Würstchen bedeutet nicht „das Würstchen der Wiener“, son­dern „das Würstchen aus Wien“, denn wenn Wiener ein vor­angestell­ter Gen­i­tiv wäre, müsste es [[der Wiener] Würstchen] heißen (ana­log zu des Meis­terkochs Würstchen). Wiener ist hier aber ein Adjek­tiv und beze­ich­net den Ort, an dem sich etwas befind­et oder aus dem es stammt, ana­log zu Ham­burg­er Hafen, Köl­ner Dom, Hei­del­berg­er Druck­maschi­nen, Berlin­er Phil­har­moniker, Münch­n­er Merkur usw.

  45. Sam

    Ich weiß nicht, wie man hier zitiert. Egal.
    “Wiener” kann nur ein vor­angestell­ter Gen­i­tiv sein, da das Wort an sich schon nicht dek­lin­iert wird. Es ist kein Adjek­tiv. “Wiener” endet immer auf -er und der bes­timmte sowie der unbes­timmte Artikel machen rein gar nichts mit Wort. Die Wiener Würstchen, der Wiener Würstchen, den Wiener Würstchen.

    Außer­dem wird das Wort großgeschrieben, was schon darauf hin­deuten sollte, dass es kein Adjek­tiv ist.

    Dass es nicht “der Wiener Würstchen” heißt, liegt doch nur daran, dass “Wiener” nun ein erstar­rter Gen­i­tiv ist und sich verselb­ständigt hat.
    All die von Ihnen aufge­lis­teten Beispiele (Ham­burg­er Hafen etc.) fol­gen dem­sel­ben Prinzip und sind keine Adjek­tive.

    Es stimmt, dass man heutzu­tage nicht direkt an die Bewohn­er der Stadt denkt, son­dern eher an die Stadt selb­st. Aber das liegt ja auch nahe, da alle Bewohn­er die Stadt repräsen­tieren.
    Sie kön­nen aber gerne das Gegen­teil beweisen.

  46. Daniel

    Ana­tols Argu­ment “Nein. Wiener Würstchen bedeutet nicht „das Würstchen der Wiener“, son­dern „das Würstchen aus Wien“, denn wenn Wiener ein vor­angestell­ter Gen­i­tiv wäre, müsste es [[der Wiener] Würstchen] heißen (ana­log zu des Meis­terkochs Würstchen).” ist val­a­bel. Aaaaaber, vielle­icht hat man vor 500, vor 1000, vor 1500 Jahren tat­säch­lich “[[der Wiener] Würstchen] schmeck­en fein” statt “die Wiener Würstchen schmeck­en fein” geschrieben/gesagt. Das dem nicht so ist müsste er für die Würstchen (falls es die schon solange gibt) oder für ähn­liche Fälle erst mal mit Quellen bele­gen, bevor er es auss­chliesst. Ich kön­nte mir gut vorstellen, dass sich “der Wiener Würstchen” zu “die Wiener Würstchen” gewan­delt hat so dass es wie ein Adjek­tiv aussieht, aber ohne Belege ist die eine wie die andere Behaup­tung reine Speku­la­tion.

    Sams Argu­ment der Grosss­chrei­bung ist falsch. Bei fes­ten Begrif­f­en schreibt man auch Adjek­tive gross, wie zB “das Schwarze Brett” oder “Union der Sozial­is­tis­chen Sow­je­tre­pub­liken”.

  47. Erbloggtes

    Famose Argu­mente! Daraus fol­gt, dass ein “Wiener Steuerzahler” jemand ist, der für die Bewohn­er der Stadt Wien deren Steuer­schulden begle­icht, also wahrschein­lich ein Schw­er­re­ich­er aus dem Umland. Oder er bezahlt Steuern nach Art der Wiener, d.h. vielle­icht zäh­neknirschend? Jeden­falls ist es offen­bar kein­er, der in der Stadt Wien oder an die Stadt Wien Steuern zahlt, denn eine Stadt beste­ht ja aus ihren Bewohn­ern.

  48. Daniel

    Richtig, Erblog­gtes. Vielle­icht gibt es diesen Begriff “Wiener” in adjek­tivis­ch­er Bedeu­tung noch gar nicht so lange und vorher war es ein reines Sub­stan­tiv. Vielle­icht. Dann wäre ein Aus­druck wie “Wiener Steuerzahler” in dieser Vorzeit ziem­lich absurd gewe­sen und nicht vorgekom­men. Wie gesagt braucht man dafür Belege aus früheren Jahrhun­derten, um das zu entschei­den. Vielle­icht find­et sich ja noch jemand, der sie liefern kann.

  49. Kristin Kopf

    Da hier Quellen zum Wort­sta­tus von Wiener gefordert wer­den, werf ich mal eine in die Runde: hier. Seite 51 beson­ders, Seite 53 auch noch für Daniel.
    Anson­sten müsste man zur Diachronie in Hen­zen (“Deutsche Wort­bil­dung”) fündig wer­den, was ich aber grade nicht zur Hand habe.

  50. Anatol StefanowitschAnatol Stefanowitsch Beitragsautor

    @ Sam: Es gibt haufen­weise Adjek­tive, die nicht dek­lin­iert wer­den, Orthografie ist nie ein sprach­sys­temis­ches Argu­ment. Wenn Sie sprach­wis­senschaftliche Argu­mente für den Sta­tus dieser Adjek­tive als vor­angestellte Gen­i­tive (oder all­ge­mein als Sub­stan­tive, die die Bewohn­er der jew­eili­gen Stadt beze­ich­nen) anführen kön­nen, tun Sie das gerne, anson­sten ist diese Diskus­sion wenig sin­nvoll. Da Ihre Auf­fas­sung der etablierten, durch vielfache Argu­mente gestützten Stan­dar­d­auf­fas­sung der Sprach­wis­senschaft wider­spricht, ist es an Ihnen, hier sehr überzeu­gende Argu­mente zu liefern.

    @ Daniel: Ob vor 500, 1000 oder 1500 Jahren weiß ich nicht, aber irgend­wann in der Ver­gan­gen­heit hat man mit Sicher­heit das Ana­log zu „der Wiener Würstchen schmeck­en fein“ gesagt (denn das sagt man ja auch heute noch, wenn es das ist, was man meint). Aus ein­er solchen Kon­struk­tion kön­nten die Adjek­tive, um die es hier geht, ja möglicher­weise sog­ar ent­standen sein; das spielt aber keine Rolle, denn heute sind es sowohl seman­tisch (von ihrer Bedeu­tung) als auch von ihrem gram­ma­tis­chen Ver­hal­ten ein­deutig Adjek­tive, die sich auf den beze­ich­neten Ort beziehen, und noch ein­deutiger keine Gen­i­tive, die sich auf die Bewohn­er der jew­eili­gen Städte beziehen. Das Beispiel von Erblog­gtes zeigt es seman­tisch – noch deut­lich­er wird es in Wen­dun­gen wie Wiener Bürg­erin­nen, Ham­burg­er Bevölkerung, Münch­n­er Wäh­lerin­nen, Köl­ner Ure­in­wohn­er usw., die über­haupt keinen Sinn ergäben, wenn es sich bei den betr­e­f­fend­en Wörtern um Gen­i­tive oder andere auf die Bewohn­er bezo­ge­nen Sub­stan­tive han­deln würde.

    @ Kristin: Danke für den Hin­weis. Desweit­eren kön­nte man Fleischer/Barz, S. 239f. hinzuziehen, die ein Argu­ment aus­führlich­er darstellen, das Furhop nur am Rande auf­greift: dass es adjek­tivis­che Derivate mit [-er] gibt, denen keine sub­stan­tivis­che Bewohner­beze­ich­nung gegenüber­ste­ht (z.B. Teu­to­burg­er Wald [auch von Furhop genan­nt] und Harz­er Käse); im Gegen­zug gibt es Bewohner­beze­ich­nun­gen, denen kein Adjek­tiv auf [-er] entspricht (z.B. Cherusker); ich würde noch Tro­jan­er anführen: Tro­janis­ches Pferd, nicht *Tro­jan­er Pferd, tro­janis­che Nieder­lage, nicht *Tro­jan­er Nieder­lage usw.). Da das Suf­fix [-er] eigentlich Pro­duk­tiv ist, ist dies klar ein Präemp­tion­sphänomen – was ein weit­er­er Beleg für den Adjek­tivs­ta­tus der Ableitun­gen mit [-er] ist, denn warum soll­ten Adjek­tive auf [-isch] die Ver­wen­dung eines Gen­i­tivs block­ieren. (Fleischer/Barz kri­tisieren auch die Großschrei­bung dieser Adjek­tive, aber von Orthografie fan­gen wir lieber gar nicht an…)

  51. Daniel

    Auch wenn die er-Wörter für Ana­tol ein­deutig Adjek­tive sind, ist das nicht die ein­hel­lige Mei­n­ung. Ich zitiere Frau Fuhrhop (2001) (danke dafür an Kristin): “Sowohl die Inter­pre­ta­tion als Adjek­tiv als auch als Sub­stan­tiv wer­den in der Lit­er­atur vertreten.”

    Exem­plar­isch doku­men­tiert der Duden diese Uneinigkeit: der RECHTSCHREIB-Duden beze­ich­net sie vor­sichtiger­weise nur als “Wörter”, der GRAM­MATIK-Duden als “Ursprünglich ein Sub­stan­tiv (eigentlich ein Gen­i­tiv Plur­al des betr­e­f­fend­en Ein­wohn­er­na­mens…)… die heute als attribu­tives flex­ion­slos­es Adjek­tiv aufge­fasst wird.”

    Der ZWEIFELS­FÄLLE-Duden meint hinge­gen: “Es han­delt sich hier um Sub­stan­tive in der Funk­tion eines vor­angestell­ten Gen­i­ti­vat­trib­uts: Münch(e)ner Okto­ber­fest — Okto­ber­fest der Münch(e)ner…”

    Fuhrhop selb­st mag sich auch nicht fes­tle­gen und meint nur, dass “wohl mehr Argu­mente für die Inter­pre­ta­tion als Adjek­tive sprechen, ohne daß es let­z­tendlich entsch­ieden wer­den kann.” (alle Zitate von oder nach Fuhrhop).

    Sams Argu­ment war doch nicht so falsch wie ich gemeint habe (es geht nicht nur um feste Wen­dun­gen): Die Grosss­chrei­bung wider­spiegelt die Auf­fas­sung, es sei irgend­wie “sub­stan­tivisch”.

    Vielle­icht soll­ten wir die neue Wor­tart “das Sub­jek­tiv” ein­führen (keine Angst, nur ein Scherz).

  52. Sam

    Die Diskus­sion hier ist sinn­los. Hier wer­den Sachen ange­führt (Teu­to­burg­er Wald und Tro­janis­ches Pferd), die abso­lut nicht gegen einen erstar­rten Gen­i­tiv sprechen. Die ange­führte Arbeit ist übri­gens auch nicht sehr hil­fre­ich.

    Ich stelle nur noch fol­gende Aus­sagen in den Raum:

    Wenn “Wiener” ein Adjek­tiv sein soll, dann wird es nicht dek­lin­iert, obwohl es leicht zu dek­lin­ieren ist (ein heit­eres Kind – ein wieneres Würstchen). Alle Adjek­tive, die nicht dek­lin­iert wer­den, wer­den aus zwei Grün­den nicht dek­lin­iert: Sie enden auf einen ungün­sti­gen Laut (das stört die Umgangssprache nicht: ein rosanes Kleid) oder sie stam­men von einem Sub­stan­tiv ab (ein klasse Auftritt).
    Soll es ein Adjek­tiv sein, muss “Wiener” somit auch von einem Sub­stan­tiv kom­men. Von welchem? Logis­cher­weise von “Wien”.
    Jet­zt stellt sich die Frage: Seit wann ist -er ein Suf­fix zur Adjek­tivierung von Sub­stan­tiv­en? Richtig, ist es nicht. -er stellt immer nur Sub­stan­tive her.

    Durchgängige Großschrei­bung von Adjek­tiv­en, die mit diesem er-Suf­fix gebildet wur­den?

    Diese Stad­tad­jek­tive sind wohl die beschränk­testen Adjek­tive von allen: keine Dek­li­na­tion obwohl denkbar, nicht ver­schieb­bar, nicht ander­weit­ig flek­tier­bar, nicht adver­bial ver­wend­bar. Eigentlich kön­nen die Dinger gar nichts.

    Es gibt viele erstar­rte Gen­i­tiv, die genau dem­sel­ben Schema fol­gen, z. B. der Müller­sjunge. Zugegeben­er­maßen wer­den diese Gen­i­tive nor­maler­weise an das nach­fol­gende Sub­stan­tiv gehängt.

  53. Erbloggtes

    @nömix: Nicht auszu­denken, wie die Umsätze der Marke ein­brächen, wenn in Deutsch­land die Leute ihren Kindern keine Pro­duk­te mit ras­sis­tis­chen Namen mehr kaufen wür­den. Da beste­ht aber offen­bar keine Gefahr. Ras­sis­tis­che Pro­duk­t­na­men scheinen eher als Argu­ment ange­se­hen zu wer­den, die Pro­duk­te ger­ade deshalb zu kaufen, um seine “Mei­n­ungs­frei­heit” auszuleben, nicht wahr?

  54. Anatol StefanowitschAnatol Stefanowitsch Beitragsautor

    @ Daniel: Der Zweifels­fälle-Duden ist kein sprach­wis­senschaftlich­es Werk, und Furhop lehnt die dort vertretene Auf­fas­sung klar ab (Abs. 2.6.3); diese Auf­fas­sung find­et sich auch son­st nir­gends in der sprach­wis­senschaftlichen Lit­er­atur, was nicht weit­er ver­wun­der­lich ist, da die gesamte sprach­liche Evi­denz dage­gen spricht. Auch Fleis­ch­er, der 1982, wie von Furhop zitiert, noch zwis­chen ein­er Analyse als Sub­stan­tiv in adjek­tivis­ch­er Funk­tion (also nicht als Gen­i­tiv, wie im Zweifels­fälle-Duden) und ein­er als gen­uines Adjek­tiv schwankt, legt sich in der von mir in meinem vor­ange­hen­den Kom­men­tar zitierten Neuau­flage 1995 kristal­lk­lar fest: „Die For­men sind zwar iden­tisch mit den deto­ponymis­chen sub­stan­tivis­chen Bewohner­beze­ich­nun­gen auf -er, jedoch funk­tion­al davon zu unter­schei­den. Das Suf­fix -er ist hier ein Adjek­tiv­suf­fix, die WBK [Wort­bil­dungskon­struk­tio­nen, A.S.] sind Adjek­tive…“ (Her­vorhe­bun­gen von mir). Furhops Schlussfol­gerun­gen geben Sie verkürzt und in der Folge falsch wieder: Sie entschei­det sich gle­ich zu Beginn ihrer Abhand­lung dafür, dass die betr­e­f­fend­en Wörter Adjek­tive sind, und schlägt dementsprechend die Beze­ich­nung „Stad­tad­jek­tive“ vor. Sie fasst ihre Ergeb­nisse wie fol­gt zusam­men (S. 47): „[E]s find­en sich Argu­mente für und gegen die Inter­pre­ta­tion als Adjek­tiv, und solche gegen die Inter­pre­ta­tion als Sub­stan­tiv, aber let­z­tendlich spricht kein Argu­ment für die Inter­pre­ta­tion als Sub­stan­tiv.“ Sie schließt als aus, dass es sich um Sub­stan­tive han­delt. Die Unsicher­heit in der Kat­e­gorisierung, die sie in ihrem Faz­it anspricht, bezieht sich nicht auf die Frage „Sub­stan­tiv oder Adjek­tiv“? Son­dern „Adjek­tiv oder etwas ganz anderes“? Das liegt daran, dass diese Adjek­tive sich in eini­gen Punk­ten ungewöhn­lich ver­hal­ten; deshalb ist Furhops Lösung ein­er eige­nen Unterk­lasse von Adjek­tiv­en (nochmals: „Stad­tad­jek­tive“) hier der richtige Weg. Dass sie sich hier nicht „fes­tle­gen mag“, liegt daran, dass Wissenschaftler/innen beim Vorschla­gen völ­lig neuer Kat­e­gorien sehr vor­sichtig sind.

  55. Anatol StefanowitschAnatol Stefanowitsch Beitragsautor

    @ Sam: Die Diskus­sion ist sinn­los, weil Sie – entschuldigen Sie meine Deut­lichkeit – keine Ahnung von der Materie haben. Deshalb wieder­holen Sie „Argu­mente“, deren Nicht-Zutr­e­f­fen Ihnen bere­its erk­lärt wurde und deshalb ver­ste­hen Sie die tat­säch­lichen Argu­mente nicht (und find­en die „ange­führte Arbeit … auch nicht sehr hil­fre­ich“, obwohl diese alle Argu­mente zusam­men­fasst, die gegen Ihre durch nichts gestützte Auf­fas­sung sprechen). So gerne wir hier im Sprachlog ver­suchen, kom­plizierte sprach­wis­senschaftliche Fra­gen ein­fach zu erk­lären, so ungern führen wir Scheindiskus­sio­nen. Wenn es Sie zufrieden stellt, die betr­e­f­fend­en Adjek­tive gegen jede Evi­denz als erstar­rte Gen­i­tive zu betra­cht­en, wird Sie nie­mand hier daran hin­dern, und die ger­man­is­tis­che Sprach­wis­senschaft wird es wohl ver­schmerzen kön­nen, Sie an dieser Stelle nicht überzeugt zu haben.

  56. Anatol StefanowitschAnatol Stefanowitsch Beitragsautor

    @ nömix: Natür­lich ist es falsch, das Wort Eski­mo als Marke für Speiseeis zu ver­wen­den, und zwar aus ähn­lichen Grün­den wie im Fall der hier disku­tierten Soßen und Schnitzel. Eski­mos haben mit Speiseeis nichts zu tun, es han­delt sich um eine stereo­typ­isierende Assozi­a­tion „Speiseeis ~ Eis, Kälte, Ark­tis ~ Eski­mos“. Auch hier ist das völ­lig unab­hängig davon, welch­es Wort ver­wen­det wird, der Ras­sis­mus liegt in der Stereo­typ­isierung ein­er Men­schen­gruppe. Da es in Öster­re­ich keine nen­nenswerte Anzahl von Vertreter/innen dieser Gruppe geben dürfte, wird diese (anders als bei den hier disku­tierten Schnitzeln und Soßen) aber immer­hin wenig­stens nicht täglich mit dem Prob­lem kon­fron­tiert. Ob das Wort Eski­mo an sich schon prob­lema­tisch ist, ist schw­er zu sagen. Ähn­lich wie bei dem Wort Zige­uner ist eins der Haupt­prob­leme mit diesem Wort, dass damit Men­schen­grup­pen zusam­menge­fasst wer­den, die nicht unbe­d­ingt zusam­menge­fasst wer­den wollen; dazu kommt, dass einige dieser Grup­pen das Wort als Fremd­beze­ich­nung (teil­weise als diskri­m­inierende Fremd­beze­ich­nung) ablehnen, andere es als Selb­st­beze­ich­nung angenom­men haben. Es fehlt eine all­ge­mein akzept­able Alter­na­tive – das Wort Inu­it wird von eini­gen der betrof­fe­nen Grup­pen expliz­it als Fremd­beze­ich­nung abgelehnt (ähn­lich, wie es auch bei Sin­ti und Roma der Fall ist). Über dieses Prob­lem habe ich hier vor Jahren mal geschrieben – ich würde den Text nicht mehr voll unter­schreiben, aber er macht einen Teil der Prob­lematik recht gut deut­lich. Eine umfassendere Behand­lung des Prob­lems muss noch warten, bis ich Zeit dazu finde.

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  58. Schubert1976

    Sin­ti fühlen sich sehr wohl durch die Beze­ich­nung “Zige­uner” ange­sprochen, da diese (so vielfältig sie auch inter­pretiert wird) immer noch im Kern mit umherziehen­den, dunkel­häuti­gen Men­schen ein­deutig indis­chen oder ori­en­tal­is­chen Ursprungs ver­bun­den wird, wobei fast immer ein neg­a­tiv behaftetes Image (Dieb, Ver­brech­er, unhy­gien­isch etc.) hinzuge­fügt wird.

    Das solche brisan­ten The­men sozial- und sprachkri­tisch wie hier ange­gan­gen wer­den ist aber eher die Aus­nahme als die Norm.

    https://www.facebook.com/photo.php?fbid=560891043971745&set=a.147553218638865.30084.147540128640174&type=1&theater&notif_t=photo_reply

    Wie Sie hier anhand dieses Beispiels ent­nehmen kön­nen (Punkt 12, RTL 2), sieht die Mehrheit der Bürg­er die Angele­gen­heit aus jedem Winkel, aber ganz bes­timmt nicht aus der Sicht der Betrof­fe­nen. Faschis­tisch getränk­te Aus­sagen wie hier hat man wohl seit dem let­zten Weltkrieg nicht mehr aus Deutsch­lands Köpfen kom­men sehen, und das erschreck­ende ist, daß es sich hier nicht um einen Einzelfall han­delt. Auch auf den Plat­tfor­men der renom­mierten Nachricht­en-Plat­tfor­men Focus, Stern und Spiegel sieht es kaum anders aus.

    Hier wird ein­deutig klar das es sich lange nicht mehr um ein ein­fach­es Imbiss­gericht dreht, son­dern die Unterord­nung und Mund­tot-Machung der Sin­ti (und ver­mut­lich auch Roma) in Deutsch­land vom Rest Deutsch­lands zu ver­fol­gen. In zahlre­ichen Kom­mentaren wird uns Sin­ti ein sklave­nar­tiger Sta­tus hierzu­lande angedichtet.

  59. s.zacharias

    Wenn nun deut­lich gewor­den ist, dass aus einem Rezept für ein Schnitzel auf ungarische Art sprach­lich ein Zige­uner­schnitzel gewor­den ist, dann wer­den fak­tisch nicht Sin­ti und Roma (die übri­gens nicht mehrheitlich in den Anbauge­bi­eten der Papri­ka leben), son­dern Ungarn als Zige­uner beze­ich­net. Bei dem im Ungarn weit ver­bre­it­eten und selb­st in linken Kreisen kaum reflek­tierten Ras­sis­mus gegen Sin­ti und Roma, ist das schon wieder eine Stil­blüte des Ras­sis­mus.
    Aber auch ein ‘Schnitzel auf ungarische Art’ wäre eine absurde Beze­ich­nung, da in Ungarn Schnitzel mit ein­er Zwiebel-Papri­ka Sosse fast unbekan­nt sind. Hier wer­den Schnitzel durchge­hend paniert und auf ver­schiedene Arten gefüllt. Die Zwiebel-Papri­ka-Tomat­en Sosse wird in Ungarn tra­di­tionell mit Ei oder Nudeln gegessen.
    Beze­ich­nun­gen von Gericht­en beruhen sehr oft auf Pro­jek­tio­nen und spiegeln mehr die Vorstel­lungswelt der Ziel­gruppe wieder als eine Wirk­lichkeit. Ger­ade deshalb sollte man hier ras­sis­tis­che und stereo­type Begriffe ver­mei­den und regionale Beze­ich­nun­gen nur dann ver­wen­den, wenn diese nach­weis­lich auf lokale Spezial­itäten zurück­ge­hen. Selb­st wenn nie­mand sich diskri­m­iniert fühlen sollte, die Ver­wen­dung solch­er Begriffe zemen­tiert eigene Stereo­typen.

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  61. Milchmädchen

    Was mich etwas irri­tiert: sie beto­nen ja in ihrem Artikel, dass nach Ihren eige­nen Recherchen die Soße oder das Schnitzel erst in den 50er Jahren den Namen Zige­uner­soße/-schnitzel erhiel­ten.
    Gle­ichzeit­ig ver­linken Sie einen Artikel, in dem der Her­steller der Soße zitiert wird mit der Aus­sage, die Zige­uner­soße hätte eine über 100-jährige Tra­di­tion. Hm. Haben Sie diese Aus­sage auch über­prüft? Das wäre dann ja deut­lich vor den 50er Jahren gewe­sen, nicht wahr?

  62. Anatol StefanowitschAnatol Stefanowitsch Beitragsautor

    Der Ver­band wird hier mit der Aus­sage zitiert, die Sauce habe eine über 100-jährige Tra­di­tion, nicht, dass der Name seit über 100 Jahren ver­wen­det wird. Sehen Sie sich dazu die Diskus­sion in den Kom­mentaren zum ver­link­ten Beitrag an.

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  64. Christiane Veltens

    Wir leben in einem Zeital­ter mit smart­phones, events, lols, car­ports, high­heels, tun­ing und tausenden anderen Wörtern, die in unsere Sprache und Kul­tur ein­fließen und leise klopften da ein paar Men­schen an, ohne Gewalt und mit der Bitte ein Wort abzule­gen, das sich für sie wahrschein­lich, wenn es sich um türkische Mit­bürg­er han­deln würde, wie Kanaken-Schnitzel anhört. Wenn es so was wie reines deutsches Kul­tur- und Sprachgut über­haupt gibt (was ich über­haupt nicht glaube), gibt es irgen­deinen Men­schen, der glaubt, es hängt an einem Zige­uner­schnitzel? Wenn es das ist was die deutsche Seele aus­macht, dann ist sie auch nicht viel größer als ein Schnitzel. Es spielt aus mein­er Sicht keine Rolle wo und wann, eine Soße, ein Gericht ent­standen ist, wie lange oder wie oft ein Begriff ver­wen­det wird.
    Wenn ich zu ein­er Min­der­heit in einem Land gehören würde, wäre ich vielle­icht auch froh nicht mehr mit dem Wort kon­fron­tiert zu wer­den, das meine Großel­tern ins KZ gebracht hat.
    Nicht der Name eines Schnitzels ist unan­tast­bar, son­dern die Würde des Men­schen.

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  69. Axel F.

    @Christiane:
    Es hängt nicht an einem Wort. Das wäre lange durch.
    Es ist vielmehr die Vielzahl der Änderun­gen (von denen viele auch nur noch bed­ingt nachvol­lziehbar sind), die die PC ver­langt.
    Ich empfinde so: Ähn­lich das Teil­ge­bi­et Fem­i­nis­mus bzw. Gle­ich­stel­lung mit­tler­weile völ­lig aus dem Rud­er gelaufen sind (jüng­stes Beispiel: “We should stop putting women in jail. For any­thing.” — http://goo.gl/qpajjc — Link to Washink­ton Post)* läuft die ganze PC ‘so langsam aber sich­er’ aus dem Rud­er. Wir ändern ja inzwis­chen schon lit­er­arische bzw. ‘his­torische’ Werke!
    Natür­lich gibt es da Wider­stand.

    Ich sehe mich jeden­falls nicht als Ras­sis­ten (sind Rota­tion­seu­ropäer (oder wie ist der aktuell “kor­rek­te” Aus­druck?) über­haupt eine eigene Rasse??? D.h. kann ich über­haupt Ras­sist (statt “nur” diskri­m­inierend) sein, wenn ich ‘Zige­uner’ sage?) son­dern schlimm­sten­falls als Igno­ran­ten, wenn ich weit­er die alte Rechtschrei­bung nutze, gegen Frauen­quoten (apro­pos Frauen­quoten: Warum nicht auch im Knast? Es geht ja offen­sichtlich nicht um indi­vidu­elle Befähigung/Schuld, son­dern Geschlecht 😉 ) bin oder mich freue wenn ich auf ein­er Speisekarte das Zige­uner­schnitzel finde. oder Kinder einen Mohrenkopf noch Mohrenkopf nen­nen.

    * aber lies erst mal mal die Kom­mentare der “Almute Peters” auf https://www.lawblog.de/index.php/archives/2014/10/23/lange-gefaengnissstrafe-fuer-falsche-aussage/ !!

  70. Pingback: Rassistische Zerrbilder in der Musik – Brief an Radio Blau Leipzig | ecoleusti

  71. Oliver Baer

    Zige­uner­schnitzel, auch Jäger­schnitzel und ähn­liche Erfind­un­gen der niederen Gas­tronomie sind ohne­hin frag­würdig. Die Beze­ich­nung Paprikaschnitzel ist schon deshalb über­legen, weil sie über das Ange­bot etwas Objek­tives aus­sagt: Vor­sicht Papri­ka, ist scharf. Vor­sicht Zige­uner wäre gas­tronomis­ch­er Schwachsinn (UND zugle­ich diskri­m­inierend). Den­noch Danke für die Aufk­lärung über die noch ziem­lich junge Herkun­ft des Zige­uner­schnitzels.

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