Macht, Meme und Metaphern

Am Wochenende habe ich auf der Open Mind 2013 einen Vortrag über „Macht, Meme und Metaphern“ gehalten. Darin stelle das Konzept des Framings vor, wie es der amerikanische Sprachwissenschaftler George Lakoff vertritt:

Frames sind mentale Strukturen, die formen, wie wir die Welt sehen. Daraus folgt, dass sie unsere Ziele und Pläne formen, wie wir handeln, was als gutes oder schlechtes Ergebnis unserer Handlungen zählt. … Frames sind Teil dessen, was in den Kognitionswissenschaften „das kognitive Unbewusste“ genannt wird – Strukturen/Muster in unserem Gehirns, auf die wir nicht bewusst zugreifen können, die wir aber an ihren Konsequenzen erkennen können: Wie wir argumentieren und
was als gesunder Menschenverstand gilt. Alle
 Wörter werden relativ zu konzeptuellen Frames
 verstanden.“ [Lakoff 2004, eig. Übers.]

Die Aufzeichnung des Vortrags ist jetzt online:

Ich habe sie mir selbst noch nicht angesehen, Korrekturen nehme ich gerne in den Kommentaren entgegen.

Weiterführende Lektüre:

  1. George Lakoff und Mark Johnson (1980/2003) Metaphors we live by. The University of Chicago Press. [Dt. Leben in Metaphern, Carl-Auer Verlag].
  2. George Lakoff (2004) Don’t think of an elephant. Know your values and frame the debate. Chelsea Green Publishing.
  3. George Lakoff und Elisabeth Wehling (2009) Auf leisen Sohlen ins Gehirn. Politische Sprache und ihre heimliche Macht. Carl-Auer Verlag.

(1.) ist ein allgemein verständliches Grundlagenwerk über metaphorische Sprache, ohne speziellen Schwerpunkt auf Politik; (2.) beschäftigt sich speziell mit politischer Sprache; (3.) ist keine direkte deutsche Übersetzung, deckt aber dieselben Themen ab wie (2.).

10 Kommentare

  • Anti hat Folgendes geschrieben:

    Kann es sein, dass der der Ton im Video nur links ist? Bei meinen Laptop funktioniert der linke Lautsprecher nämlich nicht mehr, und ich höre keinen Ton. Und ich würde gerne Ton hören :(

  • Anatol Stefanowitsch hat Folgendes geschrieben:

    Das ist wohl leider tatsächlich so (außerdem ist oft ein leichtes Rückkoppelungsfiepsen zu hören). Lässt sich im Moment aber leider nicht ändern.

  • Jacob (@j_kanev) hat Folgendes geschrieben:

    Sehr schöner Vortrag, Danke Dir.

    Das Konzept von Frames kommt mir bekannt vor. Mir ist das Ganze unter dem Namen "Assoziationsnetz" schon begegnet. Der Begriff wurde von Milton H. Erickson, einem Psychotherapeuten, verwendet. Er hat seine Therapien (konkret war das Hypnose) stark darauf ausgerichtet, welche Assoziatonsnetze mit welchen Wörtern verknüpft sind, und wie man durch bestimmte Formulierungen solche Gruppen von Assoziationen bewußt beim Zuhörer hervorrufen kann. Der Ansatz ist unheimlich mächtig und kann tatsächlich Denk– und Verhaltensmuster des Patienten ändern (oder vielmehr ändert der Patient sie selbst, mit Hilfe des Therapeuten).

    Mir scheinen die Wörter "Assoziationsnetz" und "Frame" synonym zu sein. Siehst Du das auch so? ÜBerhaupt würde es mich wundern, wenn etwas so Fundamentales wie Frames erst 2004 vorgeschlagen worden wären. Ist Dir das Konzept (unter einem anderen Wort) noch an anderen Stellen begegnet? Fände ich interessant.

  • Jacob (@j_kanev) hat Folgendes geschrieben:

    Die Orts-Metapher hat einen tieferen Ursprung. Als Programmierer stelle ich mir Speicher im Rechner grundsätzlich als Ort vor, einzelne Punkte in diesem Ort werden als "Adressen" bezeichnet, Rechner-Netze werden durch Graphen visualisiert, die Assoziation zu Landkarten ist sofort da, etc. Ich denke die Orts-Metapher wurde ganz natürlich verwendet, wahrscheinlich von Technikern. Liegt daran, daß wir uns abstrakte Dinge gerne bildlich vorstellen.

    Ich bin mir nicht einmal sicher, ob die Orts-Metapher so negativ ist. Ein Ort ist etwas, wo man hingehen kann. Damit kann auch ein nicht-internetaffiner Mensch etwas anfangen. Negativ ist eher, daß dieser Ort als eine Parallelwelt wahrgenommen wird. Virtuell. Irgendwie nicht wirklich.

    Wir sollten versuchen, die Orts-Metapher entweder zu vermeiden:
    "Was machst Du da?"
    "Ich rede mit Anatol."
    "Am Telefon?"
    "Nein, am Rechner."
    oder neutral zu besetzen. Der Dialog:
    "Wo hast Du den Text gelesen?"
    "Im Sprachlog."
    ist in etwa so neutral wie:
    "Wo hast Du den Text gelesen?"
    "In der Süddeutschen."
    Sätze wie "das Internet ist…" sollte man wahrscheinlich komplett vermeiden. "Das Telefonnetz ist…" sagt man ja auch nicht.

    Einführen von alternativen Metaphern wird wahrscheinlich nicht funktionieren — entweder werden wir nicht verstanden, oder wir distanzieren uns durch unsere Sprache von den Menschen, die wir eigentlich überzeugen wollen.

  • Anatol Stefanowitsch hat Folgendes geschrieben:

    Die Ortsmetapher könnte ursprünglich aus der Terminologie von Dateisystemen, vor allem auf Multi-User-Systemen kommen, das schlug zumindest Alexander Morlang nach dem Vortrag vor und ich halte das für plausibel, da die Überschneidung mit zentralen Metaphern für das Internet groß ist. Ob diese wiederum aus der Terminologie für die Rechnerarchitektur selbst kommen, kann ich nicht sagen.

    Die Ortsmetapher ist nicht per se negativ, was ich im Vortrag ja wiederholt sage. Sie lenkt nur unser Denken über das Internet in bestimmte Bahnen und hindert uns daran, außerhalb dieser Bahnen zu denken oder wenigstens zu argumentieren. Sie muss nicht in Form von Parallelwelten, unentdeckten Ländern und feindlichen Territorien ausgestaltet werden, aber es kann schnell passieren (es ist ja passiert), und dann haben wir ein Problem.

    Alternative Metaphern gibt es bereits, sie können auf jeden Fall funktionieren, müssen aber langsam und vorsichtig eingeführt werden. Von den Zweiflern distanzieren werden wir uns dadurch kaum noch weiter als es ohnehin der Fall ist, oder?

  • Martin Lindner hat Folgendes geschrieben:

    Schöne Beschreibung der Semantiken, die in Begriffen impliziert sind bzw. mitschwingen. (Das ist übrigens nicht ganz genau dasselbe.)

    Mein persönliches Unbehagen beim Kampf um politische Sprachregelungen gilt eigentlich nur der Idee, außerhalb von offiziellen Verlautbarungen (im weiteren Sinn) bestimmten Sprachgebrauch verbieten und löschen zu wollen: also statt ächten, bekämpfen, brandmarken … Es kommt mir vor, als würde sich dadurch de facto die nötige Diskussion meist verengen und Standpunkte eher unbeweglicher. Eine provokativ gezielte Verbotsdiskussion kann mal eine solche Diskussion auch erst herbeiführen, aber dann eben deshalb, weil das eine Überschreitung ist.

    Ich möchte kein System, in dem es eine Liste von Wörtern gibt, die draußen im Sprachdschungel apriori nicht verwendet werden dürfen, deren Löschung gefordert wird usw. Auch, weil ich nicht will, dass es eine verselbständigte Institution gibt, die darüber entscheiden will.

    Also etwa das N-Wort, an dem selbst mir persönlich überhaupt nichts liegt: Ich möchte z.B. keinen Browser, der das automatisch nicht anzeigt. Ich will, dass das geäußert werden kann. Ich will auch den sprachgeschichtlichen Raum bewahren, weil es der Raum ist, in dem wir de facto agieren. Die dazugehörigen ideologischen Kämpfe müssen eben ausgetragen werden, aber durch mehr Reden, mehr Worte, nicht weniger. Sprache ist kein Lexikon-in-Aktion, sondern ein dynamisches Feld von Ad-hoc-Aussagen.

  • Martin Lindner hat Folgendes geschrieben:

    Nachtrag: … Es geht ja viel eher um die dahinterliegenden Denksysysteme, komplexe semantische Flechtwerke, die man gelegentlich schlaglichtartig durch Wort-Kritik aufdecken kann. Diese Systeme können jederzeit Wortverbote umgehen und kompensieren, so wie umgekehrt Worte auch umcodiert und umgepolt werden können. Da ist die Existenz von Marker-Wörtern sogar oft eher nützlich, kommt mir vor.

  • Introjekt hat Folgendes geschrieben:

    Sie sagen das eine veränderte Sprache das denken und in diesem Zusammenhang die Wirklichkeit verändert, wahrscheinlich weil sich Menschen dann irgendwie anders verhalten.
    In diesem Zusammenhang habe ich 1. Frage:

    Warum gibt es Menschen die nicht auf eine kognitive Unstrukturierung im Rahmen einer kognitiven Verhaltenstherapie ansprechen?
    Zum Beispiel kann ich mir 100Te male sagen das ich ein 'wertvoller Mensch' bin und es trotzdem nicht glauben? Im Gegenteil, der dadurch 'unterdrückte' Gedanke (an meine vermeintliche Minderwertigkeit) wird dadurch oft noch stärker?

  • Toller Vortrag!

    Konnte für mich viele interessante Impulse mitnehmen.

    Beste Grüße

  • Jan Barthel hat Folgendes geschrieben:

    Sehr interessanter und zum Nachdenken anregender Vortrag. Die veränderte Sprache hat bei vielen schon eine völlig andere Realität bzw. die Wahrnehmung dessen erzeugt. Solche Personen trifft man heutzutage immer öfter, sprachliche Tabus und in der Folge Ausblendung objektiver Wahrheiten.

    Grüße

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