Kandidaten für den Anglizismus 2013: ranten

Nach­dem Michael am Mon­tag im LEXIKOGRAPHIEBLOG mit Veg­gie Day den ersten Kan­di­dat­en besprochen hat, startet heute auch die Juryabor­d­nung des Sprachlogs in die Kan­di­datenbe­sprechung.

Eigentlich habe ich mich bei den Recherchen recht schnell gefragt, warum ranten auf der Short­list gelandet ist. Und dann hab ich mich daran erin­nert, dass ich das selb­st war — ver­mut­lich wegen ein­er gewis­sen Fasz­i­na­tion für das Shit­stormesque.

Das nominierte Verb ranten und sein nom­i­nales Pen­dant, der Rant, beze­ich­nen Vor­gang bzw. Aus­führung eines emo­tionalen Damm­bruchs (vor allem im Netz) über große und kleine Aufreger, der vor allem von Wut- und Frustele­menten charak­ter­isiert ist. Im Gegen­satz zum Shit­storm erfol­gt ein Rant aber auf der indi­vidu­ellen Ebene, obwohl er bei gesellschaft­srel­e­van­ten The­men natür­lich in einem Shit­storm enden kann oder aus ihm abgeleit­et wird. Ein Rant ist qua­si die (elek­tro­n­isch) ver­schriftliche Ver­sion der Wutrede.

Die Suche nach Ver­wen­dungs­beispie­len ist, sagen wir: schwierig. Erstens wer­den Suchan­fra­gen nach Rant oder ranten gestört von Städten, Per­so­n­en, Wikipedia-Usern oder Restau-rants. Zweit­ens, und diese Erken­nt­nis wurde durch Erstens her­vor gebracht, ist ranten bish­er offen­bar viel zu sel­ten, um diese Störtr­e­f­fer zu übertrumpfen (Google fragt: „Mein­ten Sie ger­atet?“).

Nahezu alle Belege find­en sich in net­zkul­turlasti­gen Kon­tex­ten bzw. sind stark von deren Sozi­olo­gie bes­timmt:

Aus­lös­er von Rants kön­nen ein­er­seits aus Langeweile oder per­sön­lichem Frust aufge­bauschte, inhaltlich­sleere Beschw­er­den über Paket­sta­tio­nen oder Paris sein. Ander­er­seits spie­len vor allem emo­tion­al aufge­ladene, aber sach­lich begrün­dete Kom­mentare zu gesellschaftlich hochrel­e­van­ten The­men eine große Rolle — Diskri­m­inierung, Alter­na­tivmedi­zin, Drosselkom-Fla­trates, Leis­tungss­chutzrecht oder StreetView. Auf der einen Seite also die zeitlich und the­ma­tisch begren­zte Nick­lichkeit­en, auf der anderen große Net­zthe­men. Und alles mit ein­er gehöri­gen Por­tion Frust — ein­mal queer durch die Net­zpsy­cholo­gie eben.

Ins Englis­che entlehnt wurde rant im frühen 17. Jahrhun­dert aus dem Nieder­ländis­chen. Schon Rant-Experte Ham­let wusste: „I’ll rant as well as thou!“ (Ham­let, V.1). Und abge­se­hen von ein paar mar­ginaleren Schat­tierun­gen und Kon­tex­ten ist die heutige gängig­ste Bedeu­tung

To engage in lengthy, vehe­ment, and intem­per­ate dis­course, esp. as a means of express­ing out­rage or dis­sat­is­fac­tion.

[Sich an ein­er aus­führlichen, lei­den­schaftlichen und unbe­herrscht­en Diskus­sion beteili­gen, beson­ders als Aus­druck von Empörung und Unzufrieden­heit.]

OED, s.v. rant, 1e.

unser­er gar nicht so fern. Mit einem wesentlichen Unter­schied: im Deutschen wird bish­er eher schriftlich ger­an­tet. Über­wiegend wird es in bei­den Sprachen intran­si­tiv bzw. intran­si­tiv mit ein­er Prä­po­si­tiona­lergänzung benutzt: wir ranten, dabei meist über oder gegen The­men (sel­tener: Per­so­n­en). Abge­se­hen von der englis­chen Aussprache [rænt] — die sich wohl hal­ten wird, auch, um es von For­men des Verbs ren­nen zu unter­schei­den — lässt es sich unkom­pliziert ins deutsche Flex­ion­spar­a­dig­ma inte­gri­eren (ich rante, du rantest, er hat ger­an­tet).

Ver­bre­itung? Das ist jet­zt das Prob­lem: sowohl Fre­quenz, als auch Ver­bre­itung im (all­ge­meinen) Sprachge­brauch sind sehr schw­er mess­bar. Gut schaut’s aber nicht aus: Google­Trends verze­ich­net für rant keinen nen­nenswerten Anstieg für 2013; dieses Muster existiert seit min­destens 2007. Für ranten gibt es nur zwei kleine Auss­chläge (ver­mut­lich Ende 2012 und ein­mal Anfang 2013). Das ist ein biss­chen sehr wenig. Deshalb ist dann auch uner­he­blich, welche anderen Wörter und For­men, die mit rant(en) nichts zu tun haben, die Suchan­frage stören. Und viele Belege aus ein­er ober­fläch­lichen Beleg­suche bei Google liegen deut­lich vor 2013 — ein möglich­er Ein­druck der Gebrauch­szu­nahme wirkt deshalb zum jet­zi­gen Zeit­punkt sehr gewollt.

Aber die Net­zge­meinde weiß, was ranten ist. Böse Zun­gen wür­den behaupten, die soziale Net­zwelt ist ein Rant. Die Fasz­i­na­tion für das shit­stormesque an ranten macht aus, dass es nicht nur für die unbe­darfte Meck­erei über Kleinigkeit­en benutzt wird, son­dern damit auch (oder über­wiegend?) inten­sive und detail­lierte Auseinan­der­set­zun­gen mit einem Prob­lemthe­ma beze­ich­net wer­den — mit dem Schuss Frust im Vorder­grund.

Deshalb sehr hüb­sch, als Ergänzung zum Schwarm­phänomen des Shit­storms (bzw. shit­stor­men), sowohl auf der indi­vidu­ellen Ebene, als auch aus der Per­spek­tive der inhaltlichen Auseinan­der­set­zung. Und als schriftliche Wutrede ist Rant defin­i­tiv eine lexikalis­che Ergänzung, das Verb dazu gibt’s frei Haus. Oder wutre­den Sie etwa?

Let­ztlich wird ranten 2013 noch daran scheit­ern, dass es keinen nen­nenswerten Fre­quenz­zuwachs geliefert hat und auch bish­er kaum in den all­ge­meinen Sprachge­brauch überge­gan­gen ist, son­dern vor­erst ein Net­zkul­tur­phänomen bleibt — aber bei Shit­storm dacht­en wir das auch mal.

10 Gedanken zu „Kandidaten für den Anglizismus 2013: ranten

  1. slowtiger

    Ich kenne es seit unge­fähr 1996 als , also ein nachgestelltes Pseu­do-HTML-Tag hin­ter ein­er Ereifer­ung. Dazu muß man aber wirk­lich schon die Struk­tur von HTML ken­nen. (Krieg ich in dieser Form nicht gegoogelt, auch nicht mit Anführungsze­ichen.)

  2. Det

    Google “html rant” oder “rant tag”, dann find­est Du etwas.
    Die rant-Tags funk­tion­ieren aber nur, wenn sie in ein­er bes­timmten Umge­bung (z.B einem Blog) definiert sind, in reinem HTML bleiben sie unsicht­bar.

  3. Erbloggtes

    Um “ranten” noch eine gold­ene Zukun­ft zu ermöglichen, schlage ich vor, “shit­stor­men” kom­plett zu stre­ichen und “ranten” als gemein­schaftlich­es Tätigkeitswort für “einen Shit­storm ver­anstal­ten” zu ver­wen­den. Indi­vidu­ell kann man ja in einem einzel­nen Text ranten, aber wenn “wir ranten” oder “ihr rantet” oder “sie ranten”, dann fühlt sich das für mich ziem­lich nach Shit­storm an.

  4. MCBuhl

    Musste es nicht auss­chei­den, weil es eigentlich ein Nieder­lan­dis­mus ist?
    Zur Aussprache: län­geres a,statt ä??

  5. Susanne Flach Beitragsautor

    @MCBuhl: nein. Denn son­st führten wir die Wahl ad absur­dum, weil der Großteil des englis­chen Wortschatzes entlehnt ist (Löwenan­teil: roman­is­che Sprachen, Ger­man­is­che Sprachen, Griechisch). Das spielt für diesen Zeit­punkt aber keine Rolle mehr.

  6. Viss Shimley

    Ich will an dieser Stelle auch mal einen kleinen Rant loslassen, und zwar gegen falsche phonetis­che Tran­sk­tip­tio­nen in Sprach­wis­senschaftlichen Blogs: [rænt] — im Ernst?? Das wäre ein alve­o­lar­er Vibrant (also ein mit der Zun­gen­spitze am vorderen Gau­men­rand gerolltes “r”), gefol­gt von einem fast offe­nen vorderen Vokal, der im Stan­dard­deutschen gar nicht vorkommt. Das ist wed­er die übliche englis­che Aussprache (die wäre [ɹænt]), noch habe ich es jemals so im Deutschen gehört.
    In meinem Ide­olekt ver­hält es sich so: der alve­o­lare Approx­i­mant [ɹ] bleibt tat­säch­lich aus dem Englis­chen erhal­ten, aber der Vokal wird ans Deutsche angepasst und wird in etwa zu [ɛː], als wäre er ein orthographis­ches (Rand­no­tiz: in nord­deutschen Dialek­ten wird meist nicht [ɛː] aus­ge­sprochen, son­dern [eː], somit kommt [ɛː] dort nur in englis­chen Lehn­wörtern vor, z.B. Jam/jammen, Bam!/Bäm! oder eben Rant/ranten).

  7. Anatol StefanowitschAnatol Stefanowitsch

    Da das keine enge, son­dern eine bre­ite phonetis­che Tran­skrip­tion ist, kommt hier selb­stver­ständlich die anglis­tis­che Tra­di­tion zur Anwen­dung, bei der Tran­skri­bierung des Stan­dar­d­englis­chen das [r] zu ver­wen­den, wo laut IPA das [ɹ] ste­hen müsste.

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