Kandidaten für den Anglizismus 2013: Fake-

Nach dem größten Fake­fake 2014 über­haupt, den Twit­ter let­zte Woche unter unge­fak­ter Anteil­nahme des Pos­til­lon mit sich und dem Rest der Welt aus­ge­focht­en hat, knöpfen wir uns heute Fake-Konzept und -Mor­pholo­gie vor. Wenn Ihnen das jet­zt zu viel Meta war — gut auf­passen!

Nominiert ist Fake-, nen­nen wir es vor­läu­fig ein Prä­fix. Das ist keine triv­iale Fest­stel­lung. Denn während es mit dem Nomen Fake und seinen Ableitun­gen fak­en oder Faker/in enge Bedeu­tungs­beziehun­gen unter­hält, hat Fake- in der deutschen Sprachge­mein­schaft ein so faszinieren­des seman­tis­ches und mor­phol­o­gis­ches Eigen­leben entwick­elt, dass wir ihm unrecht tun wür­den, es als bloße Zutat zu hunds­gewöhn­lichen Kom­posi­ta abzu­tun. Und bevor Sie sich fra­gen, ob Fake- als Anglizis­mus 2013 taugt, wo es doch soooo alt ist — ein­fach das Span­nungs­feld aus sehr Altem, viel Neuem und sprach­lich Wertvollem genießen!

Wir müssen aber bei Fake anfan­gen, um zu Fake- zu kom­men. Der DUDEN definiert nicht, aber lis­tet als Umschrei­bung Fälschung, Kopie, Nachah­mung, Pla­giat, Schmu, Schwindel. Das trifft auf Fake sicher­lich in vie­len Fällen zu, auch wenn etwa ein Pla­giat ja auch nur dann ein Fake sein kann, wenn es um Pro­duk­t­pi­ra­terie geht, nicht aber bei Dok­torar­beit­en (Prinzip: Nicht-Syn­onymität). Der Bedeu­tung über­ge­ord­net ist das Ele­ment des ‚nicht echt seins‘ (in welch­er Form auch immer). Für Fake- gilt diese über­ge­ord­nete Bedeu­tung des ‚unecht­en‘ auch, nicht aber die von Fälschung, Kopie, Nachah­mung oder des Pla­giats (jeden­falls nicht uneingeschränkt).

Etymologie

Als Wort­bil­dungse­le­ment ste­ht Fake- nicht im DUDEN, aber auch nicht im OED. Das OED lis­tet für fake in der rel­e­van­ten Bedeu­tung1 als Nomen (1) ‚con­trievance, trick, inven­tion‘ (loose: Erfind­ung), ‚coun­ter­feit per­son or thing‘ (Fälschung, Nachah­mung ein­er Per­son oder Objek­ts), (2) ‚spu­ri­ous, coun­ter­feit‘ (gefälscht, unecht, zweifel­haft) sowie aus dem Sport (3) ‚feint­ing to deceive one’s oppo­nent‘ (den Geg­n­er täuschen). 2004 bekam fake tan (‚Solar­i­ums­bräune‘) einen eige­nen Untere­in­trag; offen­sichtlich, weil sich aus der Phrase fakeADJ + tanN hier eine intrans­par­ente Bedeu­tung entwick­elt hat. Auf­fäl­lig ist, dass bis auf fake tan alle Belege uralt sind. Der Ein­trag ist also lange nicht mehr bear­beit­et und ergänzt wor­den sein. Denn Belege für fake in ADJ+N-Phrasen, die am ehesten der deutschen Affix-Ver­wen­dung entsprechen, gibt es z.B. im GloWbE-Kor­pus zu zehn­tausenden. Inter­es­san­ter­weise fehlt im OED der Ein­trag als Adjek­tiv.

Bei der Ety­molo­gie ist man sich unsich­er. Möglicher­weise beste­ht eine ferne Ver­wand­schaft zum Deutschen fegen. Im Wik­tionary wer­den außer­dem Verbindun­gen zum Altenglis­chen fācn ‚Betrug‘, oder zum Alt­nordis­chen fju­ka ‚verblassen, ver­schwinden‘ oder feikn ‚komisch, unnatür­lich‘ disku­tiert. Die Unsicher­heit hat sicher­lich auch mit der großen zeitlichen Lücke zu tun, denn fake ist erst seit 1775 belegt. Aber sollte an der Ver­wandtschaft was dran sein, ist die seman­tis­che Nähe des Scheins, Betrü­gens und Ver­tuschens dur­chaus plau­si­bel.

Im Deutschen Ref­eren­zko­r­pus (DeReKo) ist es erst­mals 1986 belegt (Der Bet­tler an der Ecke ist natür­lich nicht blind, alles fake), die erste Ver­wen­dung als kom­binierte Form taucht 1990 in der Verbindung Fake Jazz auf (Fach­be­griff?), 1992 als Fake-Rap. In den 1990ern und frühen 2000ern dominieren in kom­plex­en Begrif­f­en Mode- und Lifestylepro­duk­te mit Imi­tatcharak­ter (Fake-Fur, Fake-Nerz oder Fake-Beer), neben der Etablierung von Fake- als Begriff für Fälschun­gen und Täuschung:

Im Juni bracht­en sie [Titan­ic] live den Mitschnitt ihrer Tele­fonate mit den drei SPD-Größen Lafontaine, Scharp­ing und Schröder, die eine Fake-Ein­ladung zu Tony Blairs Sieger-Par­ty für bare Münze nah­men. [Frank­furter Rund­schau, 1997]

Inter­es­sant sind Belege wie dieser deshalb, weil sie natür­lich das Täuschungse­le­ment in sich tra­gen, aber die Ein­ladung ja tat­säch­lich aus­ge­sprochen wurde, nur eben keine Ein­ladung zu einem Fake, son­dern zu etwas außer­halb. Fake- begin­nt ab hier ein Eigen­leben.

Morphologie & Produktivität

Fake- bildet fast aus­nahm­s­los Nomen (Fake-Account, Fake-Fotos, Fake-Ehep­aar oder Fake-Like). Dabei kann es entwed­er mit Kom­posi­ta noch kom­plexere Wörter bilden (Fake-Anti-Viren-Pro­gramme, es bezieht sich ja auf Anti-Viren-Pro­gramme, nicht Pro­gramm auf Fake-Anti-Viren) oder größere Kom­posi­ta (Fake-Mous­tache > Fake-Mous­tache-Par­ty). Im DeReKo find­en sich auch die Adjek­tive fake-anfäl­lig, fake-artig und fake-verseucht; dazwis­chen schieben sich auch sub­stan­tivierte Adjek­tive wie Fake-Berliner­isch und Fake-Sor­bisch (erstere eher in der Bedeu­tung von Fake, let­ztere in der Fake-). Sehr sel­ten, aber mit etwas Glück lassen sich auch ein paar Ver­ben find­en, wie etwa fakev­er­prügeln, fake­bashen oder — mein per­sön­lich­es High­light — fake-fiedeln im Kon­text des Euro­vi­sion Song Con­test. Nicht uner­wäh­nt lassen sollte man auch die Kon­t­a­m­i­na­tio­nen (Fakelore aus ‚Fake‘ + ‚Folk­lore‘ oder Fake­pe­dia aus ‚Fake‘ und ‚Wikipedia‘) und Ableitun­gen (Fake­ung, Fak­er und Fak­erei).3

Dabei fällt vor allem auf, dass Fake- zügel­los mit entlehn­tem und ein­heimis­chen Mate­r­i­al kom­biniert wird. Das unter­schei­det Fake- deut­lich von anderen englis­chen Affix­en, wie etwa -ing, das in der Regel nur mit entlehn­tem Mate­r­i­al auftritt (Club­bing, Nordic Walk­ing, Cast­ing). Und anders als beim Suf­fix -gate, welch­es ja wieder nominiert ist und im ersten Anlauf 2011 vor allem an eingeschränk­ter Pro­duk­tiv­ität und Eigen­na­men­charak­ter gescheit­ert ist, ist Fake- fast schau­rig schön pro­duk­tiv. Es kann immer dort einge­set­zt wer­den, wo etwas ‚unecht‘ ist (oder als solch­es emp­fun­den wird). Neben sich etablieren­den Begrif­f­en wie Fake-Account oder Fake-Adresse ist es auch immer für Gele­gen­heits­bil­dun­gen gut — solange das End­pro­dukt das Ele­ment des Falschen enthält. Die Orthografie ist vari­abel: die Binde­strich­vari­ante über­wiegt, ist aber nicht zwin­gend — und ist übri­gens kein Fremd­heits- oder Lehn­wortindika­tor. Solche Vari­anten gibt es auch bei urdeutschen Bil­dun­gen (Alt­bun­de­spräsi­dent und Alt-Kan­zler).

Aktualität & Frequenz

Was die Ver­bre­itungsmes­sung ange­ht, ist Fake- ist sowas wie Segen und Fluch zugle­ich. Es ist mit etwa 900 Tre­f­fern im DeReKo etabliert genug, um von weitre­ichen­der Ver­bre­itung zu sprechen. Aber wie sehr Fake- tat­säch­lich und vor allem 2013 zum deutschen Gesamt­wortschatz beige­tra­gen hat und somit unser Aktu­al­ität­skri­teri­um erfüllen kann, ist schw­er mess­bar. Das liegt ein­er­seits daran, dass wir es nicht mit einem gut ein­grenzbaren Wort, son­dern mit einem wan­del­baren Wort­teil zu tun haben. Ohne eine halb­wegs normierte Schreib­weise und wegen der fehlen­den Lem­ma­tisierung bleibt nur eine händis­che Suche.4

Aber so lassen sich etwa 300 Begriffe isolieren, die Fake- im Namen tra­gen. Auf­fäl­lig ist die große Diskrepanz zwis­chen den Typen hoher Fre­quenz (Fakeac­count, Fake­doku) und der hohen Zahl an soge­nan­nten Hapax Legom­e­na, also der Wörter, die nur ein Mal im Kor­pus vorkom­men. Das ist zwar ein Indika­tor für eine gesunde Pro­duk­tiv­ität, ander­er­seits verkom­pliziert es die Frage nach der exak­ten Fre­quenz­zu­nahme.5 Klam­mert man die offen­sichtlich­sten Stör­fak­toren aus, hat sich Fake- seit Mitte der 2000er sta­b­lisiert.

Fra­gen wir Google­Trends, wie sich das Inter­esse der Internetnutzer/innen in Deutsch­land an Fakeigem entwick­elt hat und nehmen wir als nahe­li­gende Bench­mark das Gewin­ner­wort von 2011, Shit­storm:

Verlauf der Google-Anfragen für fake (blau) und shitstorm (rot) [Quelle: GoogleTrends]

Ver­lauf der Google-Anfra­gen für fake (blau) und shit­storm (rot) [Quelle: Google­Trends]

Natür­lich sagt das wenig darüber aus, nach welchem mor­phol­o­gis­chen Fake gesucht wurde — aber wenn wir Shit­storm als im Sprachge­brauch ver­bre­it­et akzep­tieren, dann dür­fen wir das natür­lich auch zumin­d­est für das Fake-Feld annehmen. Und eine schle­ichende Zunahme ist ja auch eine Zunahme.

Bedeutung (fürs Deutsche)

Und was unter­schei­det jet­zt Fake von Fake- und warum ist es so ein Faszi­nosum? Bis hier habe ich mich um eine genaue Bedeu­tungs­de­f­i­n­i­tion ja gedrückt. Das liegt an der großen Vari­abil­ität. Die genaue Affix-Bedeu­tung ergibt sich meist nur aus dem Kon­text her­aus — und ist häu­fig auf zwei, manch­mal sog­ar auf drei Ebe­nen ambig. Den­noch lässt sich Fake- in min­destens sechs Bedeu­tungs­grup­pen ein­teilen:

  1. Die ‚Imitat‘-Gruppe. Darunter fall­en Dinge, die aus unter­schiedlichen Motiv­en einem Orig­i­nal nachemp­fun­den sind: Fake-Blut, Fake-Sper­ma, Fake-Beach oder Fake-Rolex. Mit den als tra­di­tionell „deutsch“ ange­bote­nen Alter­na­tiv­en sind diese Ver­wen­dun­gen nicht abbild­bar: Fälschungs­blut? Aber vielle­icht freut sich ja jemand über Imi­tatsper­ma.
  2. Die ‚Schein‘-Gruppe. Hier find­en sich Wörter, die Dinge oder Vorgänge beze­ich­nen, die offen­sichtlich vorgeben, das zu sein, was sie nicht sind (huhu scheinbar/anscheinend-Frak­tion!). Hier trans­portiert Fake- auch zweifel­los einen Vor­wurf­scharak­ter: Fake-Demokrat, Fake-Diskus­sion, Fake-Genauigkeit oder Fake-Medi­zin. Kommt dem Ali­bi-Affix recht nahe.
  3. Die ‚Troll‘-Gruppe. Der Klas­sik­er der Web-Gemeinde: Als Fake-User und Fake-Schreiber wer­den Men­schen beze­ich­net, die in Sozialen Net­zw­erken Unruhe stiften und/oder sinn- und end­lose Diskus­sio­nen führen. Wegen des Stören­fried­charack­ters fall­en hierunter auch Fake-Account, Fake-Iden­tität oder Fake-Adresse — denn die Nutzer/innen, Accounts und Iden­titäten existieren meist ja tat­säch­lich, aber eben mit dem von den aufrichti­gen Nutzer/innen uner­wün­scht­en Motiv­en und Neben­ef­fek­ten.6 Was hier als „deutsche“ Alter­na­tive dienen soll, über­steigt meine Vorstel­lungskraft.
  4. Die ‚Erfunden‘-Gruppe. Etwa ein Fake-Inter­view, wenn es nie stattge­fun­den hat oder Fake-Quelle, wenn die Quelle gar nicht existiert (Fake-Quelle z.B. kann auch mit Bedeu­tung 2 oder 3 auftreten). Täuschung? Kopie? Gefälscht? Wenn es gar nicht existiert?
  5. Die ‚Gestellt‘-Gruppe. Etwa Fake-TV oder Fake-Doku, die sich tat­säch­lich auf Fernse­hen und Dokus beziehen (aber eine Falschheitswer­tung in sich tra­gen), aber auch so prä­ten­tiöse Dinge wie ein gestell­ter Akzent, Fake-Berliner­isch. Wie weit kom­men Sie nun mit Kopie? Einen Akzent imi­tieren und einen Akzent fak­en sind zwei völ­lig ver­schiedene Wer­tungsper­spek­tiv­en.
  6. Die ‚Unaufrichtigkeit‘-Gruppe (eng ver­wandt mit Gruppe 5). Du bist so ein Fake! führt zu Ein­schätzun­gen über einen falschen, einen Fake-Charak­ter. Ich bin geneigt, auch (gekaufte) Jubelvorgänge wie Fake-Likes und Fake-Fan hier einzuord­nen. Wer diese Begriffe äußert, trans­portiert großen Miss­mut.

Sehen Sie, da kom­men Sie wed­er mit Fälschung, Imi­tat, Pla­giat oder Vortäuschung weit­er, selb­st Hoax (obacht!) trifft den Bedeu­tungskern von Fake- nicht. Wenn wir akzep­tieren, dass diese Alter­na­tiv­en für Fake möglich sind bzw. es je nach Kon­text gut umschreiben, dann ist die Kluft zu Fake- umso evi­den­ter. Das Affix hat eine dem Nomen ver­wandte, aber abwe­ichende, eigene Bedeu­tung. Wenn Sie die darge­bote­nen Syn­onyme ver­wen­den woll­ten, dann kön­nten Sie das mit unge­lenken Umschrei­bun­gen tun — ein gefälschter Fan, ein unaufrichtiges Like, eine vor­getäuschte Mel­dung — und den Kern trotz­dem noch nicht tre­f­fen.

Zur Verdeut­lichung der mor­phol­o­gis­chen Bedeu­tung fürs Deutsche noch kurz ein Aus­flug zur Mehrdeutigkeit­en, denn kaum ein Begriff lässt sich ein­deutig nur ein­er Gruppe zuord­nen: ein Fake-Fes­ti­val kann entwed­er ein Fes­ti­val aus Fakes sein, wenn also beispiel­sweise gehäuft Imi­tate, Fälschun­gen oder Falschmel­dun­gen auf­tauchen. Dann ist Fake-Fes­ti­val ein han­del­süblich­es Kom­posi­tum. Beze­ich­net es aber ein Fes­ti­val, das seinen Namen nicht ver­di­ent hat (‚unaufrichtiges|prätentiöses Fes­ti­val‘), dann haben wir eine Ver­wen­dung von Fake-, die der freien Form in Kom­posi­ta nicht mehr entspricht. Denn dann mod­i­fiziert Fake- das fol­gende Nomen, der Fake ste­ht nicht Mod­ell (pro­bieren Sie das in der Mit­tagspause mit Fake-Check, Fake-Abwehr oder Fake-Kopie).

Das führt uns unweiger­lich zur Frage zurück, warum ich Fake- oben nur vor­läu­fig als Affix klas­si­fiziert habe. Denn ein­er­seits wird es trotz der unüber­sichtlichen Ver­wen­dungsvielfalt anders als die freie Form gebraucht. Ander­er­seits erfüllen Affixe auch eine gram­ma­tis­che Funk­tion (wie -ing etwa, das Nomen aus Ver­ben ableit­et). Fake- hat aber eine über­wiegend inhaltliche Kom­po­nente, die dem freien Cousin ja recht nahe ste­ht. Es ste­ht also irgend­wo dazwis­chen. Es ist sozusagen affixoid.

Dafür gibt es in der Lit­er­atur so Zwis­chen­drinkat­e­gorien wie Hal­baf­fix, Kon­fix, oder eben Affixoide. Affixoide sind Wort­bil­dungse­le­mente, die mit der freien Form seman­tisch noch eng ver­bun­den sind, aber in kom­plex­en Verbindun­gen mit eigen­er Bedeu­tung (und zwar sys­tem­a­tisch!) auf­tauchen. Das ist eine Spezial­ität unter anderem des Deutschen: Alt- in den oben ange­führten Alt­bun­de­spräsi­dent und Altkan­zler hat zwar noch etwas mit alt zu tun, aber bezieht sich in diesen Wörtern natür­lich nicht auf das Alter der Per­so­n­en a.D. (ein alter Bun­de­spräsi­dent), son­dern auf deren Sta­tus des ‚nicht mehr X-seins‘.

Fazit

Kein Fake: ste­ht ganz weit oben. Potzblitz! Ein Affixoid!

Alles drin: lexikalis­che Bere­icherung und Aus­drucksstärke sowie Pro­duk­tiv­ität und ein mor­phol­o­gis­ches Muster, das inner­halb des Deutschen ent­standen ist, denn die Diskus­sion im Englis­chen um fake in ver­gle­ich­baren Kon­tex­ten würde auf anderen Ebe­nen geführt wer­den. Allerd­ings: ob es 2013 war, das primär für die Ver­bre­itung im Bewusst­sein ein­er bre­it­en Sprachöf­fentlichkeit ver­ant­wortlich war — das würde ich so nicht unter­schreiben. Es ist ja ver­bre­it­et, aber hat sich über Jahre schle­ichend aus­ge­bre­it­et, nicht 2013 allein. Ander­er­seits ist es im Gegen­satz zu vie­len anderen AdJ-Nominierun­gen kein reines Inter­net­phänomen. Und: ver­mut­lich dürften es alle Kan­di­dat­en außer Nomen, Ver­ben und Adjek­tiv­en immer schw­er haben, dieses Kri­teri­um vol­lauf zu erfüllen. Ein Funk­tion­se­le­ment braucht sozusagen Inku­ba­tion­szeit. Geben wir sie ihm.

  1. Eine weit­ere kommt aus der nautis­chen Domäne. []
  2. aufge­spürt via COW []
  3. Auch wenn vor allem in die Ableitun­gen qua def­i­n­i­tionem das Nomen, nicht das Affix einge­gan­gen ist. []
  4. DeReKo erlaubt meines Wis­sens keine Suchen nach Lem­ma­ta mit Platzhal­tern. Außer­dem ist die Suche nach den Lem­ma­ta, die nach­weis­lich im DeReKo vorkom­men, nicht möglich: die lem­ma­tisierte Abfrage &Fake-Account liefert keinen Tre­f­fer, obwohl Fake-Account und Fake-Accounts ins­ge­samt 46 mal belegt sind. Das gle­iche gilt übri­gens für die Abfrage &faken — auch fak­en ist als Lem­ma nicht auffind­bar. Es liegt also nicht am Binde­strich allein. []
  5. Das andere Prob­lem ist, dass die Fre­quenz im DeReKo 2011 zwar sprung­haft ansteigt — das ist aber vor allem der unglück­lich unaus­ge­wo­ge­nen Zusam­men­stel­lung des Kor­pus für diese Peri­ode geschuldet: für das Jahr 2011 find­en sich im DeReKo die Sub­ko­r­po­ra „Wikipedia-Artikel“ und „Wikipedia-Diskus­sio­nen“. Und wenig über­raschend kommt ein Großteil der Fake-Derivate aus dieser Textsorte. Kleinere Stör­feuer sind ab 2006 z.B. auch die Musik­er der „Peter Maf­fay Fakeband|Fake-Band“ aus Viern­heim bei Mannheim, was die Fake-Konzen­tra­tion beim Mannheimer Mor­gen erk­lärt. []
  6. An dieser Stelle noch: in den Wikipedia-Quellen, die einen Großteil der Fake-III-Ein­träge behei­mat­en, hat auch Fake ein Eigen­leben entwick­elt, als Ini­tial­reak­tion auf ungewün­schte Entwick­lun­gen in Form von Ein-Wort-Äußerung [Fake!, Fake?] []

13 Gedanken zu „Kandidaten für den Anglizismus 2013: Fake-

  1. Daniel

    Ist mit Fake-Beer Fake-Bear gemeint?

    Mit Fake-User ist üblicher­weise nicht ein Troll gemeint, son­dern ein­er, der so tut, als ob er ein User wäre; zB der Betreiber ein­er Web­site, der als Fake-User einen Kom­men­tar schreibt oder ein Hote­lier, der sein eigenes Hotel auf ein­er Bew­er­tungs­seite lobend erwäh­nt.

    *Für Fake– gilt diese über­ge­ord­nete Bedeu­tung des ‚unecht­en‘ auch, nicht aber die von Fälschung, Kopie, Nachah­mung oder des Pla­giats (jeden­falls nicht uneingeschränkt).*

    Sie sehen also für Fake einen grösseren Bedeu­tung­sum­fang als für Fake-. Ich sehe keinen Bedeu­tung­sun­ter­schied. Kön­nten Sie das an ein, zwei konkreten Beispie­len fest­machen, wo man Fake, nicht aber Fake- gebrauchen kann?

    Die gram­ma­tis­che Bedeu­tung von Fake- sehe ich hier nicht so im Vorder­grund (man kann es ja meis­tens weglassen, ohne dass der Satz gram­ma­tisch falsch würde), die Bedeu­tung über­wiegt für mich klar.

  2. Kolya

    Ich denke dass Fake- auss­chließlich irreführend bedeutet, wenn man es allein betra­chtet.
    Die Bedeu­tungs­grup­pen, die Sie auflis­ten, sind in dem Wort schlicht nicht enthal­ten, son­dern nur in dem Zusam­men­hang, in dem es ver­wen­det wird.

    Beispiel “Fake-Account”:
    1. Ein Account das von jeman­den im Namen ein­er bekan­nten Per­sön­lichkeit angelegt wird.
    2. Ein Account das jemand als Alter­na­tiv-Account anlegt, zusät­zlich zu seinem bere­its existieren­den Account, um andere zu belei­di­gen, mit sich selb­st zu disku­tieren, Erwartung­shal­tun­gen zu umge­hen, etc.
    3. Ein Account das gar nicht genutzt wird, son­dern nur der Steigerung der ange­blich reg­istri­erten Nutzerzahl dient (um Pop­u­lar­ität der Web­seite vorzutäuschen).

    Diese Aufzäh­lung ließe sich beliebig erweit­ern, weil alles was irgend­wie irreführend an einem Account sein kann auch als Fake-Account beschrieben wer­den kann und wird. Das zeigt, dass Fake-, abge­se­hen von irreführend, keine klar abgrenzbare Bedeu­tung hat.
    Der Unter­schei­dung zum Nomen Fake dient das nicht, weil das genau­so vielfältig ein­set­zbar ist: Der Blinde ist ein Fake. Die Mond­lan­dung war ein Fake. Dein Berliner­isch ist doch Fake/ge­faked/­Fake-Berliner­isch. Diese Mona-Lisa ist natür­lich ein Fake, usw.

    Genau wie bei “irreführend” ist die Wer­tung von Fake bzw. von Fake- Zusam­menset­zun­gen grund­sät­zlich neg­a­tiv und wird nur abgeschwächt wenn man damit sym­pa­thisiert, z.B. weil man selb­st schon immer mal einen falschen Schnur­rbart tra­gen wollte und deshalb jet­zt zur Fake-Mous­tache-Par­ty geht. Oder weil man der Hack­er ist, der das Fake-Account benutzt.

    Ob es ein Orig­i­nal gibt, das gefälscht wird oder ob es frei erfun­den ist, ist in Fake/­Fake- nicht enthal­ten, son­dern nur die Irreführung. Siehe die von mir genan­nten Bedeu­tun­gen von Fake-Account.

  3. Susanne

    Also, ich fand ja “Fake-” von Anfang an von allen Vorschlä­gen den besten. Allerd­ings vor allem deshalb, weil ich es für am meis­ten ver­bre­it­et halte. Was wieder dafür sprechen würde, dass es sich nicht erst 2013 der­art ver­bre­it­et haben kann. Aber ich finde es immer wieder toll, welche Facetten ein Wort haben kann. Äußerst prak­tisch, so ein Anglizis­mus…

  4. Vilinthril

    Ich bin eigentlich recht ein­deutig für „Fake-“ als AdJ – ja, Ver­bre­itungszuwachs ist fraglich, aber es ist ein­fach an der Zeit, das Wort mal abzufrüh­stück­en. 😉

  5. Greta

    Klasse! Bester Vorschlag von allen, finde ich auch! Und schön­er Artikel auch für lin­guis­tisch nur Hal­bge­bildete…

  6. Susanne Flach Beitragsautor

    Die Bedeu­tungs­grup­pen, die Sie auflis­ten, sind in dem Wort schlicht nicht enthal­ten, son­dern nur in dem Zusam­men­hang, in dem es ver­wen­det wird.

    Mit Ver­laub, nichts anderes habe ich behauptet. Denn es ist eine empirische valide Grun­dan­nahme, dass sich Bedeu­tun­gen im Kon­text ergeben (oder zeigen, je nach Betra­ch­tungsebene). Und natür­lich, das mag etwas unterge­gan­gen sein, kön­nten einige Begriffe in mehreren Kat­e­gorien aufge­führt wer­den, weil sie sehr vari­abel ver­wen­det wer­den. Aber es ist dann eben auch so, dass die Bedeu­tungsclus­ter durch diese Ver­wen­dun­gen auch auf die Ele­mente überge­hen, die in ihnen auf­tauchen.

    Die Irreführung ist auch ein inter­es­san­ter Aspekt — und danke dafür — aber eben auch nicht über­all uneingeschränkt möglich, genau­so wenig vielle­icht wie unecht, unaufrichtig, ge- oder ver­fälscht (vielle­icht hätte ich stärk­er beto­nen sollen, dass es mir um UNECHTHEIT als schema­tis­ches Konzept ging, nicht um die lexikalis­che Man­i­fes­ta­tion (aka ‚Syn­onyme‘). Das alles wider­spricht aber nicht meinem grund­sät­zlichen Argu­ment der lexiko­grafis­chen, seman­tis­chen und mor­phol­o­gis­chen Bedeu­tung (‚Rel­e­vanz‘) fürs Deutsche bzw. sein­er Kreativ­ität in der­sel­ben.

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  8. Matthias Heine

    Ich möchte darauf hin­weisen, dass das Wort fake ein­er größeren Gruppe von Men­schen in Deutsch­land schon Anfang der Achtziger­jahre durch die Band Lounge Lizards mit John Lurie (auch bekan­nt als Schaus­piel­er in “Down By Law”) bekan­nt wurde. Die Lizards definierten ihre Musik von Beginn an (1978) als “fake jazz” und so wurde sie (mit Worterk­lärung) auch hierzu­lande in Pub­lika­tio­nen wie Spex oder Sounds beze­ich­net, seit­dem 1981 die erste LP der Gruppe her­aus­gekom­men war.

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  10. Matthias Heine

    Schon klar. War auch nur als Ergänzung zu Ihren wort­geschichtlichen Erläuterun­gen gemeint. Es ist eben im Deutschen noch älter als gedacht. Dass das Wort in den ver­gan­genen Jahren einen enor­men Auf­schwung erlebt hat, ist mir nicht ent­gan­gen.

  11. Oliver C

    Natür­lich tre­f­fen die deutschen Alter­na­tiv­en den Bedeu­tungskern nicht, weil es gar keinen Kern gibt — „Fake“ ist im Ver­gle­ich zu „Fälschung“ oder „Imi­tat“ mul­ti­po­lar, das haben Sie sel­ber gut her­aus­gestellt („Sie“ scheint ja hier üblich zu sein, ich füh­le mich komisch dabei).

    Das macht Fake auch so prak­tisch, man muß sich nicht genauer über­legen, in welch­er Art an der Sache /etwas nicht stimmt/. Wie auch „Tick­et“ bequem ist, weil man sich nicht zwis­chen „Ein­trittskarte“, „Fahrkarte“, „Flugschein“ etc. entschei­den muß.

    Zum Imi­tatsper­ma: das heißt Sper­ma-Imi­tat, dann klingt es für mich unauf­fäl­lig, genau­so Blut-Imi­tat etc.

    Ein Ersatzbe­griff muß ja nicht die gle­iche Bil­dungsstruk­tur aufweisen. Wobei es halt immer schwieriger ist, auf solche anders struk­turi­erten Auswe­ich­be­griffe erst mal zu kom­men.

    Andere Möglichkeit: unecht­es Blut, unechter Strand usw. (wie genau im Deutschen „Beach“ ver­wen­det wird, ist mir bish­er ent­gan­gen).

  12. Pingback: Laudatio zum Anglizismus des Jahres 2016: Fake News – Sprachlog

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