Kandidaten für den Anglizismus 2013: Fake–

Nach dem größten Fakefake 2014 überhaupt, den Twitter letzte Woche unter ungefakter Anteilnahme des Postillon mit sich und dem Rest der Welt ausgefochten hat, knöpfen wir uns heute Fake–Konzept und –Morphologie vor. Wenn Ihnen das jetzt zu viel Meta war — gut aufpassen!

Nominiert ist Fake–, nennen wir es vorläufig ein Präfix. Das ist keine triviale Feststellung. Denn während es mit dem Nomen Fake und seinen Ableitungen faken oder Faker/in enge Bedeutungsbeziehungen unterhält, hat Fake– in der deutschen Sprachgemeinschaft ein so faszinierendes semantisches und morphologisches Eigenleben entwickelt, dass wir ihm unrecht tun würden, es als bloße Zutat zu hundsgewöhnlichen Komposita abzutun. Und bevor Sie sich fragen, ob Fake– als Anglizismus 2013 taugt, wo es doch soooo alt ist — einfach das Spannungsfeld aus sehr Altem, viel Neuem und sprachlich Wertvollem genießen!

Wir müssen aber bei Fake anfangen, um zu Fake– zu kommen. Der DUDEN definiert nicht, aber listet als Umschreibung Fälschung, Kopie, Nachahmung, Plagiat, Schmu, Schwindel. Das trifft auf Fake sicherlich in vielen Fällen zu, auch wenn etwa ein Plagiat ja auch nur dann ein Fake sein kann, wenn es um Produktpiraterie geht, nicht aber bei Doktorarbeiten (Prinzip: Nicht-Synonymität). Der Bedeutung übergeordnet ist das Element des ‚nicht echt seins‘ (in welcher Form auch immer). Für Fake– gilt diese übergeordnete Bedeutung des ‚unechten‘ auch, nicht aber die von Fälschung, Kopie, Nachahmung oder des Plagiats (jedenfalls nicht uneingeschränkt).

Etymologie

Als Wortbildungselement steht Fake– nicht im DUDEN, aber auch nicht im OED. Das OED listet für fake in der relevanten Bedeutung1 als Nomen (1) ‚contrievance, trick, invention‘ (loose: Erfindung), ‚counterfeit person or thing‘ (Fälschung, Nachahmung einer Person oder Objekts), (2) ‚spurious, counterfeit‘ (gefälscht, unecht, zweifelhaft) sowie aus dem Sport (3) ‚feinting to deceive one’s opponent‘ (den Gegner täuschen). 2004 bekam fake tan (‚Solariumsbräune‘) einen eigenen Untereintrag; offensichtlich, weil sich aus der Phrase fakeADJ + tanN hier eine intransparente Bedeutung entwickelt hat. Auffällig ist, dass bis auf fake tan alle Belege uralt sind. Der Eintrag ist also lange nicht mehr bearbeitet und ergänzt worden sein. Denn Belege für fake in ADJ+N-Phrasen, die am ehesten der deutschen Affix-Verwendung entsprechen, gibt es z.B. im GloWbE-Korpus zu zehntausenden. Interessanterweise fehlt im OED der Eintrag als Adjektiv.

Bei der Etymologie ist man sich unsicher. Möglicherweise besteht eine ferne Verwandschaft zum Deutschen fegen. Im Wiktionary werden außerdem Verbindungen zum Altenglischen fācn ‚Betrug‘, oder zum Altnordischen fjuka ‚verblassen, verschwinden‘ oder feikn ‚komisch, unnatürlich‘ diskutiert. Die Unsicherheit hat sicherlich auch mit der großen zeitlichen Lücke zu tun, denn fake ist erst seit 1775 belegt. Aber sollte an der Verwandtschaft was dran sein, ist die semantische Nähe des Scheins, Betrügens und Vertuschens durchaus plausibel.

Im Deutschen Referenzkorpus (DeReKo) ist es erstmals 1986 belegt (Der Bettler an der Ecke ist natürlich nicht blind, alles fake), die erste Verwendung als kombinierte Form taucht 1990 in der Verbindung Fake Jazz auf (Fachbegriff?), 1992 als Fake-Rap. In den 1990ern und frühen 2000ern dominieren in komplexen Begriffen Mode– und Lifestyleprodukte mit Imitatcharakter (Fake-Fur, Fake-Nerz oder Fake-Beer), neben der Etablierung von Fake– als Begriff für Fälschungen und Täuschung:

Im Juni brachten sie [Titanic] live den Mitschnitt ihrer Telefonate mit den drei SPD-Größen Lafontaine, Scharping und Schröder, die eine Fake-Einladung zu Tony Blairs Sieger-Party für bare Münze nahmen. [Frankfurter Rundschau, 1997]

Interessant sind Belege wie dieser deshalb, weil sie natürlich das Täuschungselement in sich tragen, aber die Einladung ja tatsächlich ausgesprochen wurde, nur eben keine Einladung zu einem Fake, sondern zu etwas außerhalb. Fake– beginnt ab hier ein Eigenleben.

Morphologie & Produktivität

Fake– bildet fast ausnahmslos Nomen (Fake-Account, Fake-Fotos, Fake-Ehepaar oder Fake-Like). Dabei kann es entweder mit Komposita noch komplexere Wörter bilden (Fake-Anti-Viren-Programme, es bezieht sich ja auf Anti-Viren-Programme, nicht Programm auf Fake-Anti-Viren) oder größere Komposita (Fake-Moustache > Fake-Moustache-Party). Im DeReKo finden sich auch die Adjektive fake-anfällig, fake-artig und fake-verseucht; dazwischen schieben sich auch substantivierte Adjektive wie Fake-Berlinerisch und Fake-Sorbisch (erstere eher in der Bedeutung von Fake, letztere in der Fake-). Sehr selten, aber mit etwas Glück lassen sich auch ein paar Verben finden,2 wie etwa fakeverprügeln, fakebashen oder — mein persönliches Highlight — fake-fiedeln im Kontext des Eurovision Song Contest. Nicht unerwähnt lassen sollte man auch die Kontaminationen (Fakelore aus ‚Fake‘ + ‚Folklore‘ oder Fakepedia aus ‚Fake‘ und ‚Wikipedia‘) und Ableitungen (Fakeung, Faker und Fakerei).3

Dabei fällt vor allem auf, dass Fake– zügellos mit entlehntem und einheimischen Material kombiniert wird. Das unterscheidet Fake– deutlich von anderen englischen Affixen, wie etwa –ing, das in der Regel nur mit entlehntem Material auftritt (Clubbing, Nordic Walking, Casting). Und anders als beim Suffix –gate, welches ja wieder nominiert ist und im ersten Anlauf 2011 vor allem an eingeschränkter Produktivität und Eigennamencharakter gescheitert ist, ist Fake– fast schaurig schön produktiv. Es kann immer dort eingesetzt werden, wo etwas ‚unecht‘ ist (oder als solches empfunden wird). Neben sich etablierenden Begriffen wie Fake-Account oder Fake-Adresse ist es auch immer für Gelegenheitsbildungen gut — solange das Endprodukt das Element des Falschen enthält. Die Orthografie ist variabel: die Bindestrichvariante überwiegt, ist aber nicht zwingend — und ist übrigens kein Fremdheits– oder Lehnwortindikator. Solche Varianten gibt es auch bei urdeutschen Bildungen (Altbundespräsident und Alt-Kanzler).

Aktualität & Frequenz

Was die Verbreitungsmessung angeht, ist Fake– ist sowas wie Segen und Fluch zugleich. Es ist mit etwa 900 Treffern im DeReKo etabliert genug, um von weitreichender Verbreitung zu sprechen. Aber wie sehr Fake– tatsächlich und vor allem 2013 zum deutschen Gesamtwortschatz beigetragen hat und somit unser Aktualitätskriterium erfüllen kann, ist schwer messbar. Das liegt einerseits daran, dass wir es nicht mit einem gut eingrenzbaren Wort, sondern mit einem wandelbaren Wortteil zu tun haben. Ohne eine halbwegs normierte Schreibweise und wegen der fehlenden Lemmatisierung bleibt nur eine händische Suche.4

Aber so lassen sich etwa 300 Begriffe isolieren, die Fake– im Namen tragen. Auffällig ist die große Diskrepanz zwischen den Typen hoher Frequenz (Fakeaccount, Fakedoku) und der hohen Zahl an sogenannten Hapax Legomena, also der Wörter, die nur ein Mal im Korpus vorkommen. Das ist zwar ein Indikator für eine gesunde Produktivität, andererseits verkompliziert es die Frage nach der exakten Frequenzzunahme.5 Klammert man die offensichtlichsten Störfaktoren aus, hat sich Fake– seit Mitte der 2000er stablisiert.

Fragen wir GoogleTrends, wie sich das Interesse der Internetnutzer/innen in Deutschland an Fakeigem entwickelt hat und nehmen wir als naheligende Benchmark das Gewinnerwort von 2011, Shitstorm:

Verlauf der Google-Anfragen für fake (blau) und shitstorm (rot) [Quelle: GoogleTrends]

Verlauf der Google-Anfragen für fake (blau) und shitstorm (rot) [Quelle: GoogleTrends]

Natürlich sagt das wenig darüber aus, nach welchem morphologischen Fake gesucht wurde — aber wenn wir Shitstorm als im Sprachgebrauch verbreitet akzeptieren, dann dürfen wir das natürlich auch zumindest für das Fake–Feld annehmen. Und eine schleichende Zunahme ist ja auch eine Zunahme.

Bedeutung (fürs Deutsche)

Und was unterscheidet jetzt Fake von Fake– und warum ist es so ein Faszinosum? Bis hier habe ich mich um eine genaue Bedeutungsdefinition ja gedrückt. Das liegt an der großen Variabilität. Die genaue Affix-Bedeutung ergibt sich meist nur aus dem Kontext heraus — und ist häufig auf zwei, manchmal sogar auf drei Ebenen ambig. Dennoch lässt sich Fake– in mindestens sechs Bedeutungsgruppen einteilen:

  1. Die ‚Imitat‘-Gruppe. Darunter fallen Dinge, die aus unterschiedlichen Motiven einem Original nachempfunden sind: Fake-Blut, Fake-Sperma, Fake-Beach oder Fake-Rolex. Mit den als traditionell „deutsch“ angebotenen Alternativen sind diese Verwendungen nicht abbildbar: Fälschungsblut? Aber vielleicht freut sich ja jemand über Imitatsperma.
  2. Die ‚Schein‘-Gruppe. Hier finden sich Wörter, die Dinge oder Vorgänge bezeichnen, die offensichtlich vorgeben, das zu sein, was sie nicht sind (huhu scheinbar/anscheinend–Fraktion!). Hier transportiert Fake– auch zweifellos einen Vorwurfscharakter: Fake-Demokrat, Fake-Diskussion, Fake-Genauigkeit oder Fake-Medizin. Kommt dem Alibi–Affix recht nahe.
  3. Die ‚Troll‘-Gruppe. Der Klassiker der Web-Gemeinde: Als Fake-User und Fake-Schreiber werden Menschen bezeichnet, die in Sozialen Netzwerken Unruhe stiften und/oder sinn– und endlose Diskussionen führen. Wegen des Störenfriedcharackters fallen hierunter auch Fake-Account, Fake-Identität oder Fake-Adresse — denn die Nutzer/innen, Accounts und Identitäten existieren meist ja tatsächlich, aber eben mit dem von den aufrichtigen Nutzer/innen unerwünschten Motiven und Nebeneffekten.6 Was hier als „deutsche“ Alternative dienen soll, übersteigt meine Vorstellungskraft.
  4. Die ‚Erfunden‘-Gruppe. Etwa ein Fake-Interview, wenn es nie stattgefunden hat oder Fake-Quelle, wenn die Quelle gar nicht existiert (Fake-Quelle z.B. kann auch mit Bedeutung 2 oder 3 auftreten). Täuschung? Kopie? Gefälscht? Wenn es gar nicht existiert?
  5. Die ‚Gestellt‘-Gruppe. Etwa Fake-TV oder Fake-Doku, die sich tatsächlich auf Fernsehen und Dokus beziehen (aber eine Falschheitswertung in sich tragen), aber auch so prätentiöse Dinge wie ein gestellter Akzent, Fake-Berlinerisch. Wie weit kommen Sie nun mit Kopie? Einen Akzent imitieren und einen Akzent faken sind zwei völlig verschiedene Wertungsperspektiven.
  6. Die ‚Unaufrichtigkeit‘-Gruppe (eng verwandt mit Gruppe 5). Du bist so ein Fake! führt zu Einschätzungen über einen falschen, einen Fake-Charakter. Ich bin geneigt, auch (gekaufte) Jubelvorgänge wie Fake-Likes und Fake-Fan hier einzuordnen. Wer diese Begriffe äußert, transportiert großen Missmut.

Sehen Sie, da kommen Sie weder mit Fälschung, Imitat, Plagiat oder Vortäuschung weiter, selbst Hoax (obacht!) trifft den Bedeutungskern von Fake– nicht. Wenn wir akzeptieren, dass diese Alternativen für Fake möglich sind bzw. es je nach Kontext gut umschreiben, dann ist die Kluft zu Fake– umso evidenter. Das Affix hat eine dem Nomen verwandte, aber abweichende, eigene Bedeutung. Wenn Sie die dargebotenen Synonyme verwenden wollten, dann könnten Sie das mit ungelenken Umschreibungen tun — ein gefälschter Fan, ein unaufrichtiges Like, eine vorgetäuschte Meldung — und den Kern trotzdem noch nicht treffen.

Zur Verdeutlichung der morphologischen Bedeutung fürs Deutsche noch kurz ein Ausflug zur Mehrdeutigkeiten, denn kaum ein Begriff lässt sich eindeutig nur einer Gruppe zuordnen: ein Fake-Festival kann entweder ein Festival aus Fakes sein, wenn also beispielsweise gehäuft Imitate, Fälschungen oder Falschmeldungen auftauchen. Dann ist Fake-Festival ein handelsübliches Kompositum. Bezeichnet es aber ein Festival, das seinen Namen nicht verdient hat (‚unaufrichtiges|prätentiöses Festival‘), dann haben wir eine Verwendung von Fake–, die der freien Form in Komposita nicht mehr entspricht. Denn dann modifiziert Fake– das folgende Nomen, der Fake steht nicht Modell (probieren Sie das in der Mittagspause mit Fake-Check, Fake-Abwehr oder Fake-Kopie).

Das führt uns unweigerlich zur Frage zurück, warum ich Fake– oben nur vorläufig als Affix klassifiziert habe. Denn einerseits wird es trotz der unübersichtlichen Verwendungsvielfalt anders als die freie Form gebraucht. Andererseits erfüllen Affixe auch eine grammatische Funktion (wie –ing etwa, das Nomen aus Verben ableitet). Fake– hat aber eine überwiegend inhaltliche Komponente, die dem freien Cousin ja recht nahe steht. Es steht also irgendwo dazwischen. Es ist sozusagen affixoid.

Dafür gibt es in der Literatur so Zwischendrinkategorien wie Halbaffix, Konfix, oder eben Affixoide. Affixoide sind Wortbildungselemente, die mit der freien Form semantisch noch eng verbunden sind, aber in komplexen Verbindungen mit eigener Bedeutung (und zwar systematisch!) auftauchen. Das ist eine Spezialität unter anderem des Deutschen: Alt– in den oben angeführten Altbundespräsident und Altkanzler hat zwar noch etwas mit alt zu tun, aber bezieht sich in diesen Wörtern natürlich nicht auf das Alter der Personen a.D. (ein alter Bundespräsident), sondern auf deren Status des ‚nicht mehr X-seins‘.

Fazit

Kein Fake: steht ganz weit oben. Potzblitz! Ein Affixoid!

Alles drin: lexikalische Bereicherung und Ausdrucksstärke sowie Produktivität und ein morphologisches Muster, das innerhalb des Deutschen entstanden ist, denn die Diskussion im Englischen um fake in vergleichbaren Kontexten würde auf anderen Ebenen geführt werden. Allerdings: ob es 2013 war, das primär für die Verbreitung im Bewusstsein einer breiten Sprachöffentlichkeit verantwortlich war — das würde ich so nicht unterschreiben. Es ist ja verbreitet, aber hat sich über Jahre schleichend ausgebreitet, nicht 2013 allein. Andererseits ist es im Gegensatz zu vielen anderen AdJ-Nominierungen kein reines Internetphänomen. Und: vermutlich dürften es alle Kandidaten außer Nomen, Verben und Adjektiven immer schwer haben, dieses Kriterium vollauf zu erfüllen. Ein Funktionselement braucht sozusagen Inkubationszeit. Geben wir sie ihm.

  1. Eine weitere kommt aus der nautischen Domäne. []
  2. aufgespürt via COW []
  3. Auch wenn vor allem in die Ableitungen qua definitionem das Nomen, nicht das Affix eingegangen ist. []
  4. DeReKo erlaubt meines Wissens keine Suchen nach Lemmata mit Platzhaltern. Außerdem ist die Suche nach den Lemmata, die nachweislich im DeReKo vorkommen, nicht möglich: die lemmatisierte Abfrage &Fake-Account liefert keinen Treffer, obwohl Fake-Account und Fake-Accounts insgesamt 46 mal belegt sind. Das gleiche gilt übrigens für die Abfrage &faken — auch faken ist als Lemma nicht auffindbar. Es liegt also nicht am Bindestrich allein. []
  5. Das andere Problem ist, dass die Frequenz im DeReKo 2011 zwar sprunghaft ansteigt — das ist aber vor allem der unglücklich unausgewogenen Zusammenstellung des Korpus für diese Periode geschuldet: für das Jahr 2011 finden sich im DeReKo die Subkorpora „Wikipedia-Artikel“ und „Wikipedia-Diskussionen“. Und wenig überraschend kommt ein Großteil der Fake–Derivate aus dieser Textsorte. Kleinere Störfeuer sind ab 2006 z.B. auch die Musiker der „Peter Maffay Fakeband|Fake-Band“ aus Viernheim bei Mannheim, was die Fake-Konzentration beim Mannheimer Morgen erklärt. []
  6. An dieser Stelle noch: in den Wikipedia-Quellen, die einen Großteil der Fake-III-Einträge beheimaten, hat auch Fake ein Eigenleben entwickelt, als Initialreaktion auf ungewünschte Entwicklungen in Form von Ein-Wort-Äußerung [Fake!, Fake?] []

12 Kommentare

  • Daniel hat Folgendes geschrieben:

    Ist mit Fake-Beer Fake-Bear gemeint?

    Mit Fake-User ist üblicherweise nicht ein Troll gemeint, sondern einer, der so tut, als ob er ein User wäre; zB der Betreiber einer Website, der als Fake-User einen Kommentar schreibt oder ein Hotelier, der sein eigenes Hotel auf einer Bewertungsseite lobend erwähnt.

    *Für Fake– gilt diese übergeordnete Bedeutung des ‚unechten‘ auch, nicht aber die von Fälschung, Kopie, Nachahmung oder des Plagiats (jedenfalls nicht uneingeschränkt).*

    Sie sehen also für Fake einen grösseren Bedeutungsumfang als für Fake-. Ich sehe keinen Bedeutungsunterschied. Könnten Sie das an ein, zwei konkreten Beispielen festmachen, wo man Fake, nicht aber Fake– gebrauchen kann?

    Die grammatische Bedeutung von Fake– sehe ich hier nicht so im Vordergrund (man kann es ja meistens weglassen, ohne dass der Satz grammatisch falsch würde), die Bedeutung überwiegt für mich klar.

  • Kolya hat Folgendes geschrieben:

    Ich denke dass Fake– ausschließlich irreführend bedeutet, wenn man es allein betrachtet.
    Die Bedeutungsgruppen, die Sie auflisten, sind in dem Wort schlicht nicht enthalten, sondern nur in dem Zusammenhang, in dem es verwendet wird.

    Beispiel "Fake-Account":
    1. Ein Account das von jemanden im Namen einer bekannten Persönlichkeit angelegt wird.
    2. Ein Account das jemand als Alternativ-Account anlegt, zusätzlich zu seinem bereits existierenden Account, um andere zu beleidigen, mit sich selbst zu diskutieren, Erwartungshaltungen zu umgehen, etc.
    3. Ein Account das gar nicht genutzt wird, sondern nur der Steigerung der angeblich registrierten Nutzerzahl dient (um Popularität der Webseite vorzutäuschen).

    Diese Aufzählung ließe sich beliebig erweitern, weil alles was irgendwie irreführend an einem Account sein kann auch als Fake-Account beschrieben werden kann und wird. Das zeigt, dass Fake-, abgesehen von irreführend, keine klar abgrenzbare Bedeutung hat.
    Der Unterscheidung zum Nomen Fake dient das nicht, weil das genauso vielfältig einsetzbar ist: Der Blinde ist ein Fake. Die Mondlandung war ein Fake. Dein Berlinerisch ist doch Fake/gefaked/Fake-Berlinerisch. Diese Mona-Lisa ist natürlich ein Fake, usw.

    Genau wie bei "irreführend" ist die Wertung von Fake bzw. von Fake– Zusammensetzungen grundsätzlich negativ und wird nur abgeschwächt wenn man damit sympathisiert, z.B. weil man selbst schon immer mal einen falschen Schnurrbart tragen wollte und deshalb jetzt zur Fake-Moustache-Party geht. Oder weil man der Hacker ist, der das Fake-Account benutzt.

    Ob es ein Original gibt, das gefälscht wird oder ob es frei erfunden ist, ist in Fake/Fake– nicht enthalten, sondern nur die Irreführung. Siehe die von mir genannten Bedeutungen von Fake-Account.

  • Susanne Flach hat Folgendes geschrieben:

    Die Bedeutungsgruppen, die Sie auflisten, sind in dem Wort schlicht nicht enthalten, sondern nur in dem Zusammenhang, in dem es verwendet wird.

    Mit Verlaub, nichts anderes habe ich behauptet. Denn es ist eine empirische valide Grundannahme, dass sich Bedeutungen im Kontext ergeben (oder zeigen, je nach Betrachtungsebene). Und natürlich, das mag etwas untergegangen sein, könnten einige Begriffe in mehreren Kategorien aufgeführt werden, weil sie sehr variabel verwendet werden. Aber es ist dann eben auch so, dass die Bedeutungscluster durch diese Verwendungen auch auf die Elemente übergehen, die in ihnen auftauchen.

    Die Irreführung ist auch ein interessanter Aspekt — und danke dafür — aber eben auch nicht überall uneingeschränkt möglich, genauso wenig vielleicht wie unecht, unaufrichtig, ge- oder verfälscht (vielleicht hätte ich stärker betonen sollen, dass es mir um UNECHTHEIT als schematisches Konzept ging, nicht um die lexikalische Manifestation (aka ‚Synonyme‘). Das alles widerspricht aber nicht meinem grundsätzlichen Argument der lexikografischen, semantischen und morphologischen Bedeutung (‚Relevanz‘) fürs Deutsche bzw. seiner Kreativität in derselben.

  • slowtiger hat Folgendes geschrieben:

    Zu Bedeutung 1: läßt sich fast immer durch "Ersatz" ersetzen: Ersatz-Sperma etc. im Sinne von Kaffee-Ersatz.

  • Susanne hat Folgendes geschrieben:

    Also, ich fand ja "Fake-" von Anfang an von allen Vorschlägen den besten. Allerdings vor allem deshalb, weil ich es für am meisten verbreitet halte. Was wieder dafür sprechen würde, dass es sich nicht erst 2013 derart verbreitet haben kann. Aber ich finde es immer wieder toll, welche Facetten ein Wort haben kann. Äußerst praktisch, so ein Anglizismus…

  • Vilinthril hat Folgendes geschrieben:

    Ich bin eigentlich recht eindeutig für „Fake-“ als AdJ – ja, Verbreitungszuwachs ist fraglich, aber es ist einfach an der Zeit, das Wort mal abzufrühstücken. 😉

  • Greta hat Folgendes geschrieben:

    Klasse! Bester Vorschlag von allen, finde ich auch! Und schöner Artikel auch für linguistisch nur Halbgebildete…

  • […] @sprachlog: Kandidaten für den Anglizismus 2013: Fake– sprachlog.de/2014/01/06/kandidaten-fuer-den-anglizismus-2013-fake/ […]

  • Matthias Heine hat Folgendes geschrieben:

    Ich möchte darauf hinweisen, dass das Wort fake einer größeren Gruppe von Menschen in Deutschland schon Anfang der Achtzigerjahre durch die Band Lounge Lizards mit John Lurie (auch bekannt als Schauspieler in "Down By Law") bekannt wurde. Die Lizards definierten ihre Musik von Beginn an (1978) als "fake jazz" und so wurde sie (mit Worterklärung) auch hierzulande in Publikationen wie Spex oder Sounds bezeichnet, seitdem 1981 die erste LP der Gruppe herausgekommen war.

  • […] Sprachlog diskutiert Jurymitglied Susanne Flach, ob dieses Präfix das Zeug zum Anglizismus des Jahres […]

  • Matthias Heine hat Folgendes geschrieben:

    Schon klar. War auch nur als Ergänzung zu Ihren wortgeschichtlichen Erläuterungen gemeint. Es ist eben im Deutschen noch älter als gedacht. Dass das Wort in den vergangenen Jahren einen enormen Aufschwung erlebt hat, ist mir nicht entgangen.

  • Oliver C hat Folgendes geschrieben:

    Natürlich treffen die deutschen Alternativen den Bedeutungskern nicht, weil es gar keinen Kern gibt — „Fake“ ist im Vergleich zu „Fälschung“ oder „Imitat“ multipolar, das haben Sie selber gut herausgestellt („Sie“ scheint ja hier üblich zu sein, ich fühle mich komisch dabei).

    Das macht Fake auch so praktisch, man muß sich nicht genauer überlegen, in welcher Art an der Sache /etwas nicht stimmt/. Wie auch „Ticket“ bequem ist, weil man sich nicht zwischen „Eintrittskarte“, „Fahrkarte“, „Flugschein“ etc. entscheiden muß.

    Zum Imitatsperma: das heißt Sperma-Imitat, dann klingt es für mich unauffällig, genauso Blut-Imitat etc.

    Ein Ersatzbegriff muß ja nicht die gleiche Bildungsstruktur aufweisen. Wobei es halt immer schwieriger ist, auf solche anders strukturierten Ausweichbegriffe erst mal zu kommen.

    Andere Möglichkeit: unechtes Blut, unechter Strand usw. (wie genau im Deutschen „Beach“ verwendet wird, ist mir bisher entgangen).

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