Israel und die Hamas im Spiegel deutscher Schlagzeilen

Hinweis: Eine neuere Version des unten stehenden Textes mit einer umfassenderen Analyse auf einer breiteren Datengrundlage ist hier erschienen.

Die Presseberichte der letzten Tage aus Israel und dem Gazastreifen haben viele Menschen in meinen sozialen Netzwerken als unausgewogen empfunden: viele waren der Ansicht, die deutsche Presse berichte nicht angemessen über den sogenannten „Nahost-Konflikt“ sondern bewerte die israelische Seite übermäßig negativ und interessiere sich hauptsächlich für Angriffe Israels auf Ziele im Gazastreifen, aber nicht für Angriffe der Hamas auf Israel. Da mir dieser Vorwurf im Zusammenhang mit der Israel-Berichterstattung nicht zum ersten Mal begegnet, habe mich gefragt, ob dieser Eindruck stimmt, oder ob er das Ergebnis selektiver Wahrnehmung ist – die wenigsten von uns analysieren ja systematisch die Berichterstattung tagesaktueller Ereignisse, und die eigene Perspektive kann sich deshalb ja leicht zu einem falschen Gesamteindruck verfestigen.

Um das zu überprüfen, habe ich heute morgen auf Google News die Suchbegriffe Israel und Hamas eingegeben, und die Überschriften der jeweils 25 ersten Treffer analysiert (da einige Meldungen natürlich bei beiden Suchbegriffen auftauchten, waren das 37 Überschriften; sie sind alle am Ende des Beitrags aufgelistet). Ich konzentriere mich auf die Überschriften, weil sie erstens der Teil der Presseberichte sind, der am stärksten Wahrgenommen wird (vor allem in sozialen Netzwerken, wo außer Überschriften häufig nicht viel gelesen wird), und weil sie zweitens die Perspektive oder den Frame verdeutlichen, die ein bestimmtes Medium uns auf die Ereignisse vermitteln will.

Die Ereignisse, um die es in den Berichten geht, sind grob gesagt folgende: Die Hamas hat Städte in Israel (vor allem Tel Aviv und Jerusalem) mit Raketen angegriffen (und tut das noch), die israelische Armee hat daraufhin Ziele im Gazastreifen bombardiert und bereitet den Einmarsch von Bodentruppen vor. Es wäre zu erwarten, dass die israelische Armee und die Hamas in den Überschriften mindestens zu gleichen Teilen als aktiv handelnde Kräfte dargestellt werden – wenn es ein Ungleichgewicht geben sollte, wäre zu erwarten, das die Hamas häufiger genannt wird, da sie die aktuellen Ereignisse durch ihre Raketenangriffe ausgelöst hat (dabei spielt es im konkreten Fall keine Rolle, wie der Konflikt insgesamt zu bewerten ist und wem man zu welchen Teilen Verantwortung für diesen Konflikt zuweist).

Tatsächlich ist es aber umgekehrt: In den 37 Schlagzeilen wird Israel 14 Mal explizit als aktiv handelnde Kraft benannt, die Hamas 10 Mal. Das scheint zahlenmäßig zunächst kein sehr großer Unterschied zu sein, auch wenn er nicht in die eigentlich erwartbare Richtung ausfällt. Dass die deutsche Presse insgesamt Israel eine stärkere Verantwortung zuschreibt, wird aber deutlich, wenn wir die sprachlichen Strukturen betrachten, die dabei verwendet werden. In 13 der 14 Fälle in denen Israel als handelnde Kraft benannt wird, steht Israel (oder israelische/s Armee/Militär oder Netanyahu) in der Subjektposition des Satzes, die Prädikate sind eine Offensive vorbereiten/starten/fortsetzen/sich-rüsten (6 Mal), (Groß)einsatz vorbereiten/sich-einstellen (2 Mal), töten, Angriffe fliegen, bombardieren, mit Militärschlägen drohen, und Samthandschuhe ausziehen (je 1 Mal). Die Hamas wird als handelnde Kraft nur sechs Mal in Subjektposition genannt, mit den Prädikaten Raketenhagel auf Israel abfeuern/feuern/schießen (5 Mal) und bombardieren (1 Mal). In den übrigen Beispielen wird die Hamas an weniger prominenter Stelle, nämlich als Teil von zusammengesetzten Substantiven genannt (Hamas-Angriffe, Hamas-Raketen).

Das ist nicht nur ein zahlenmäßiges Ungleichgewicht, die Formulierungen zeichnen auch unterschiedliche Bilder: Israel wird nicht nur als militärisch überlegen dargestellt (was ja objektiv richtig ist), sondern mit Formulierungen wie Offensive, Angriff, mit Militärschlag drohen als Angreifer. Weniger als die Hälfte der Formulierungen sind bezüglich Angriff/Verteidigung neutral (töten, bombardieren, Einsatz vorbereiten), keine einzige enthält eine Bewertung als Verteidigungshandlung (überhaupt wird nur ein einziges Mal durch die Überschrift Reaktion auf Hamas-Angriffe darauf hingewiesen, dass die israelische Militäroperation eine Reaktion auf etwas ist, in einigen weiteren Fällen wird das angedeutet, indem in der Raketenbeschuss erwähnt wird (z.B. Nach Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen: Israel startet Offensive gegen die Hamas). Die Aktionen der Hamas werden dagegen mit der Formulierung Raketen abfeuern/schießen grundsätzlich nicht als Angriff oder Verteidigung bewertet.

Der Unwille, die Hamas als Angreifer darzustellen, zeigt sich auch darin, dass selbst in der Mehrzahl der Fälle, in denen der Raketenbeschuss explizit genannt wird, die Hamas unerwähnt bleibt: in 13 Sätzen stehen Rakete/n, Raketenbeschuss und ähnliche Wörter in der Subjektposition, in keinem einzigen Fall wird gesagt, wer diese Raketen abgefeuert hat (vage angedeutet wird das in zwei Fällen durch die Ortsangabe Raketen(beschuss) aus dem Gazastreifen).

Die Verantwortung für die aktuellen Ereignisse (die meistens als Eskalation und manchmal als Konflikt bezeichnet werden), wird also entweder (durch die oben beschriebenen Mittel) Israel zugewiesen, oder allgemein Raketen, die ihrerseits wie eine Naturgewalt ohne Verantwortlichen dargestellt werden). Schließlich gibt es noch einige Fälle, in denen Israel und die Hamas oder die Palästinenser als einer allgemeinen Situation ausgeliefert dargestellt werden (Israel und Hamas im Sog der Gewalt, Gewalt zwischen Israel und den Palästinensern eskaliert). Das ist, wenn wir das größere Bild betrachten, vielleicht gar nicht so falsch, ignoriert aber natürlich den konkreten Auslöser der aktuellen Ereignisse.

Abschließend ist noch interessant, dass die Aktionen der israelischen Regierung und des israelischen Militärs durchgängig dem ganzen Land zugeschrieben werden – es heißt fast ausschließlich Israel tue dieses oder jenes, während die Handlungen der Hamas, grundsätzlich der Hamas zugeschrieben werden, und nicht den Palestinensern, oder Gaza.

Es wäre übertrieben, zu behaupten, dass die Mehrheit der deutschen Presse grundsätzlich israelfeindlich berichtet. In den Artikeln selbst erfolgt ja meistens eine etwas differenziertere Darstellung aller Ereignisse und ihrer ursächlichen Beziehungen. Aber die Überschriften zeigen, dass die deutsche Presse sich mit der Benennung mancher Aspekte des Konflikts tatsächlich schwerer zu tun scheint als mit anderen. Es scheint ihr schwer zu fallen, die Hamas überhaupt zu erwähnen, vor allem an prominenter Stelle. Noch schwerer scheint es ihr zu fallen, der Hamas eine Verantwortung (oder auch nur Mitverantwortung) für die Ereignisse zuzuschreiben. Der „Raketenhagel“ (um die Formulierung einer Überschrift der Bild zu verwenden), wird oft tatsächlich wie eine Art Hagel behandelt – eine Wetterkatastrophe, die natürlich schlimm ist, für die aber niemand etwas kann. Entsprechend stehen die israelischen Militäroperationen selbst dort tendenziell als zusammenhangslose Aggression da, wo sie mit neutralen Wörtern beschrieben werden; erst recht ist das dort der Fall, wo Wörter wie Offensive und Angriff gewählt werden.

Dass die aktuellen Ereignisse im Zusammenhang einer langen, sehr komplexen Geschichte stehen, ist keine Frage, und diese Geschichte lässt sich in Schlagzeilen natürlich schwer unterbringen. Aber das erklärt für mich nicht die systematische Asymmetrie in der Darstellung der Akteure.

Nachtrag 1 (10.7.14, 9:23). Eine mit einem Hinweis verbundene Bitte: Hier geht es nicht darum, wer für welche Aspekte des Konflikts verantwortlich ist, sondern darum, wie diese Verantwortlichkeiten in den Überschriften deutscher Medien verteilt werden. Ich bitte deshalb darum, in den Kommentaren nur auf das eigentliche Thema einzugehen und weise darauf hin, dass ich Kommentare, die sich ohne Bezug zur medialen Berichterstattung mit dem Konflikt an sich befassen, löschen bzw. nicht freischalten werde.

Nachtrag 2 (10.7.14, 9:51). Da in den Kommentaren die Möglichkeit geäußert wurde, dass das Ergebnis nur zufällig mit der gestern früh herrschenden Informationslage zusammenhängt, habe ich es in verkürzter Form heute früh wiederholt (siehe Kommentar unten).

Daten
Eskalation in Nahost | Israel rüstet sich für Bodenoffensive [tagesschau.de]
Nach Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen: Israel startet Offensive gegen die Hamas [tagesschau.de]
Luftangriffe auf Gazastreifen: Israel tötet Extremistenführer bei Vergeltungsschlag [spiegel.de]
Eskalation in Nahost: Der Raketenkrieg kehrt zurück nach Israel [spiegel.de]
ESKALATION IN NAHOST | Israel stellt sich auf Einsatz von Bodentruppen ein [welt.de]
Haus in Jerusalem bombardiert: Naher Osten steht vor neuem Gaza-Krieg [focus.de]
Nahost-Konflikt: Jerusalem unter Raketenbeschuss [spiegel.de]
Eskalation im Nahen Osten: Hamas schießt Raketen auf Israel [tagesschau.de]
Eskalation im Nahen Osten | Raketen schlagen in Jerusalem und Tel Aviv ein [faz.net]
Eskalation in Nahost | Israel unter ständigem Raketenbeschuss [stern.de]
Gewalt zwischen Israel und den Palästinensern eskaliert [dw.de]
RAKETEN TREFFEN JERUSALEM | Israel setzt Militäroffensive fort [handelsblatt.com]
Reservisten werden mobilisiert | Israel bereitet Bodenoffensive vor [n-tv.de]
Angst vor neuem Krieg in Nahost | Angriffe auf Jerusalem und Tel Aviv [stern.de]
ESKALATION IN ISRAEL | Raketen-Inferno im Nahen Osten [bild.de]
Hamas feuert Raketen auf Jerusalem ab [welt.de]
Eskalation im Nahost-Konflikt: Netanjahu droht Hamas mit harten Militärschlägen [spiegel.de]
Offensive im Gazastreifen: Israel und Hamas im Sog der Gewalt [weser-kurier.de]
Reaktion auf Hamas-Angriffe: Israel fliegt Dutzende Angriffe auf Gazastreifen [spiegel.de]
Israelische Armee bombardiert 160 Ziele im Gazastreifen [zeit.de]
Israel und Hamas im Sog der Gewalt [dw.de]
Hamas feuert Raketenhagel auf Israel [faz.net]
Die Hamas ist geschwächt – und unberechenbar [welt.de]
Gaza-Krise | Raketenalarm in Tel Aviv und Jerusalem [stuttgarter-zeitung.de]
NAHOST-KONFLIKT | Hamas feuert Dutzende Raketen auf Israel ab [zeit.de]
Massive Angriffe der Hamas | Israels Süden unter Beschuss [faz.net]
KRIEG IN NAHOST? | Hamas feuert weiter Raketen auf Israel — Luftangriffe auf Gaza [augsburger-allgemeine.de]
Rakete trifft Haus in Jerusalem [berliner-zeitung.de]
Raketen aus dem Gazastreifen | Hamas nimmt Jerusalem unter Beschuss [n24.de]
Reaktion auf Hamas-Raketen | Israel startet neue Militäroffensive [taz.de]
Hamas bombardiert Israel | Jerusalem bereitet Großeinsatz vor [n24.de]
ESKALATION IN ISRAEL | Schon wieder Luftalarm in Tel Aviv [bild.de]
Gaza-Konflikt | Israels Militär soll „die Samthandschuhe ausziehen“ [faz.net]
Eskalation in Israel [welt.de]
Krise in Nahost | Mindestens 25 Palästinenser sterben bei israelischen Angriffen [rp-online.de]
NAHOSTKONFLIKT | Israel bereitet Offensive vor — Raketen auf Jerusalem [derwesten.de]
Konflikt in Israel | Steht die Region vor dem nächsten Gazakrieg? [tagesspiegel.de]

59 Kommentare

  • Dok hat Folgendes geschrieben:

    Ich denke es ist legitim, auf der einen Seite von "Israel" zu sprechen, und auf der anderen Seite von der Hamas und nicht von "Palästina" oder den Palästinensern. Schließlich ist der Staat Israel ein eindeutiger Akteur, während Palästina faktisch immer noch in den Hamas-regierten Gaza-Streifen und das Westjordanland getrennt ist. Darüber hinaus ist Israel ein demokratischer Staat, während sich die Hamas quasi an die Macht geputscht hat.
    Die Tendenz in den Schlagzeilen stimmt allerdings durchaus sehr nachdenklich.

  • Nicolai Levin hat Folgendes geschrieben:

    Dieses Missverhältnis kann einmal daran liegen, dass die Journalisten der Hamas-Seite eher gewogen sind als der israelischen.

    Es könnte aber auch daran liegen, dass die Berichterstattung die Asymmetrie der Kriegführung widerspiegelt. Die israelische Seite kämpft mit offenem Visier, steht mit Pressesprechern und Hoheitsabzeichen zu ihrem Tun. Die Raketen aus Gaza hingegen kommen unmarkiert, niemand sieht, wer sie abfeuert, die Schützen verbergen sich in der Mitte der palästinensichen Bevölkerung. Es ist schon ein Ereignis, wenn die Hamas überhaupt zugibt, etwas mit den Raketen zu tun zu haben. Ein vorsichtiger Journalist wird sich hüten, voreilig jemandem die Schuld zu geben, wenn dies nicht einwandfrei bewiesen ist.

  • Stefan hat Folgendes geschrieben:

    Die Überschrift »Israelische Armee bombardiert 160 Ziele im Gazastreifen [zeit.de]« ist entweder geändert worden oder der Link ist beim Verfassen des Artikels verrutscht. Der Link verweist aktuell jedenfalls auf die Überschrift:

    »Hamas setzt Beschuss von Tel Aviv fort«

    http://www.zeit.de/politik/2014–07/israel-gaza-hamas-raketen-jerusalem

    Interessant ist in dem Artikel die folgende Bildunterschrift:

    Die israelische Luftwaffe flog binnen 24 Stunden mehr als 100 Angriffe. Doch auch die israelische Stadt Tel Aviv war Ziel palästinensischer Raketenangriffe.

    Dort wird suggeriert, dass der palästinensische Raketenterror »auch so« stattfände, während die israelische Luftwaffe 100 Angriffe pro Tag fliegt.

  • Anatol Stefanowitsch hat Folgendes geschrieben:

    Es ist gut möglich, dass die Überschrift oder sogar der ganze Artikel geändert worden ist – in der Liste sind mehrere solche Fälle, weil die Online-Medien die einmal verbreitete URL gerne beibehalten, wenn sie aktualisierte Artikel (inkl. aktualisierter Überschriften) nachreichen. Manchmal erkennt man das noch an den URLs:

    Eskalation in Nahost: Der Raketenkrieg kehrt zurück nach Israel war ursprünglich „Hamas feuert Raketen auf Israel ab“ [spiegel.de]
    Haus in Jerusalem bombardiert: Naher Osten steht vor neuem Gaza-Krieg war ursprünglich: „Israel bereitet sich auf Schlacht gegen Hamas vor“ [focus.de]
    Nahost-Konflikt: Jerusalem unter Raketenbeschuss war ursprünglich „Israel bereitet Großoffensive im Gazastreifen vor“ [spiegel.de]

    Die Überschriften in meiner Analyse entsprechen dem Stan von heute früh, ca. 9:00 Uhr.

    (Die zitierte Bildunterschrift ist in der Tat sehr bezeichnend.)

  • Tim hat Folgendes geschrieben:

    Hinzu kommt noch, daß deutschen Medien oft nicht berichten, wenn es eigentlich doch etwas zu berichten gäbe. Die regelmäßigen Raketenangriffe auf Israel werden nämlich fast nie prominent bzw. überhaupt erwähnt. Meist geht die Berichterstattung erst los, wenn Israel reagiert.

    Eine Übersicht gibt es hier.

  • Mitdenker hat Folgendes geschrieben:

    DOK "während sich die Hamas quasi an die Macht geputscht hat" eine sehr eurozentristische Sichtweise und sie hat nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Es gab Wahlen, einfach mal im "Neuland" suchen.…

  • Jens Best hat Folgendes geschrieben:

    Worüber in deutschen Medien auch nicht berichtet wird:

    - ständige Price Tag-Gewalt (inkl. Angriffe auf Menschen) seitens radikal-israelischen Siedlern
    – permanente rassistische Ausfälle führender gewählter Volksvertreter in Knesset und in der Regierung
    – die alltägliche Gewalt der israelischen “Sicherheits“-Kräfte (6 tote Palästinenser, darunter ein Kind, allein bei den “Ermittlungen“ wegen den drei verschwundenen israelischen Jungen (die dann tot aufgefunden wurden).

    Wenn man also das Spektrum der deutschen Berichterstattung zum Konflikt betrachten will, sollte man auch beachten über welche Gewalt und welche Toten nicht berichtet wird.

  • Benjamin Küchenhoff hat Folgendes geschrieben:

    Eine sehr interessante Analyse. Auch ich empfinde die Israel-Berichterstattung deutscher Medien häufig als einseitig, zu Lasten Israels. Die unterschiedliche Betrachtung der Akteure könnte in diesem konkreten Fall aber auch andere Ursachen haben:

    1. Eine asymmetrische Nachrichtenlage. Die Israelis betreiben in diesem Konflikt – darauf hat Nicolai Levin in den Kommentaren bereits hingewiesen – eine umfangreiche Öffentlichkeitsarbeit. Während wir von der Hamas kaum mehr wissen, als dass sie eben Raketen nach Israel abfeuern, gibt die israelische Seite Informationen über ihr eigenes Handeln, Sprechen und Planen an die Presse. Über die Folgen der Raketeneinschläge in Tel Aviv, Jerusalem und anderswo hat Israel hingegen gestern eine Nachrichtensperre verhängt. Die Medien wissen also viel mehr über die Handlungen Israels als über die der Hamas.

    2. Eine größere Verbundenheit mit Israel: Die Handlungen eines pluralistischen, demokratischen und weitgehend nach Westen orientierten Staates wie Israel werden möglicherweise genauer betrachtet und auch kritischer bewertet als die einer Organisation, die Terroranschläge verübt und deren Ziele unmissverständlich, unumstößlich und auch schwerer nachvollziehbar sind. Manche eine/r mag „die Palästinenser“ sogar insgeheim für „Wilde“ halten, die nicht anders können, so dass die Hamas gar nicht als verantwortlich handelnder Akteur wahrgenommen wird, sondern als eine Art Naturgewalt. Eine Wetterkatastrophe, wie Sie geschrieben haben. Dahinter steckt meines Erachtens weniger Sympathie als Geringschätzung.

    3. Der Zeitpunkt: Die Analyse haben Sie „heute morgen“ vorgenommen, an einer bestimmten Stelle des news cycle also. Da war die Information über die israelischen Luftangriffe aktueller als jene zu den Hamas-Raketen. Nachrichtensubjekt ist nun mal, wer als letzter gehandelt hat (gestern Nacht: „Die deutsche Mannschaft schießt 7 Tore“, heute morgen: „Alle Welt gratuliert der Mannschaft“). Es wäre interessant, diese Analyse (zu Hamas/Israel) zu einem anderen Zeitpunkt zu wiederholen. Wobei ich es vorziehen würde, wenn die Hamas zur Inaktivität zurück fände und gar keine Schlagzeilen mehr produzierte.

  • Jens Best hat Folgendes geschrieben:

    @Anatol 14:06

    Du hast recht. Wenn da im führenden innerdeutschen Medium, also dem deutschen Auslandsmedium DW, einmal über radikale Siedler kompakt Bericht wird, ist der Aufklärung genüge getan.

    Gleiches gilt für die Erwähnung von sechs Toten in einem Satz im 15. Absatz in einem FOCUS-Artikel, der über etwas völlig anderes im Kern berichtet.

    Und wie könnte ich nur denken, dass die Vergiftung des öffentlichen israelischen Diskurses durch die permanenten rassistischen Ausfälle von Lieberman (Außenminister) und Bennett (Wirtschaftsminister) in deutschen Medien Niederschlag finden sollten, wenn selbst die regelmässigen Aufrufe zum Genozid von israelischen Parlamentarier nicht erwähnt werden.
    Lieber Anatol, deine “Analyse“ ist in keinster Weise objektiv, sondern durchdrungen von einer klar erkennbaren Absicht. Damit entwertest du deine bekannte Kompetenz in diesem Bereich. Das fast schon hilflose Verlinken von drei hastig und schlecht ausgesuchten Artikeln rettet da wenig.

  • Anatol Stefanowitsch hat Folgendes geschrieben:

    @ Jens: Hastig, naja, es ist ja eigentlich nett von mir dass ich überhaupt mit Belegen auf deine unbelegten Behauptungen antworte, wir sind offensichtlich unterschiedlicher Ansicht darüber, wer jetzt an der Reihe wäre, seine bekannte Kompetenz unter Beweis zu stellen (und das meine ich nicht ironisch, ich halte dich tatsächlich für kompetent). Ich habe halt drei Artikel aus großen Medien herausgesucht, damit hinterher nicht der Vorwurf kommt, es würden nur in irgendwelchen randständigen Medien berichten, die niemand liest. Dabei habe einfach jeweils einen Treffer von der ersten Seite der Suchergebnisse genommen, aber wenn du mehr Berichte willst, die findest du für die Siedler (Suchwort: z.B. "radikale Siedler") und die palästinensischen Toten völlig ohne Probleme. Was die Diskussionen und auch Ausfälle im Knesset betrifft, über die wird tatsächlich weniger ausführlich berichtet – das gilt aber für die Berichterstattung über ausländische Parlamente ganz allgemein, es ist nichts, was speziell für die Israel-Berichterstattung typisch wäre. Das bedeutet aber nicht, dass über Bennet, Liebermann und andere nicht kritisch berichtet würde (eine Google-News-Suche nach "Hardliner" hilft weiter).

    Ich habe nichts weiter gemacht, als eine Stichprobe von Überschriften darauf hin zu untersuchen, wer dort als Akteur dargestellt wird und mit welchen sprachlichen Mitteln. Das ist eine sprachwissenschaftliche Analyse, auf die ich weder von dir noch von anderen ein belegbares Gegenargument gehört habe. Mir "Absichten" oder versteckte Motive zu unterstellen, ist eben nur das – eine Unterstellung.

  • Stefan hat Folgendes geschrieben:

    Dagegen ist Jens Bests Wendung

    »… wegen den drei verschwundenen israelischen Jungen (die dann tot aufgefunden wurden).«

    völlig objektiv. Es stören nur zwei Details: Die drei Jungen sind nicht verschwunden, sondern sie wurden brutal entführt. Und sie wurden nicht einfach tot aufgefunden, sondern ermordet.

  • Jens Best hat Folgendes geschrieben:

    Lieber Stefan,

    ich sehe was du versuchst, muss dies allerdings ablehnen.

    Zur Klarstellung: Ich schrieb dies so, um darzustellen, dass die sechs bei den israelischen Razzien umgekommenen Palästinenser starben, bevor (offiziell) bekannt war, dass die drei israelischen Jugendlichen ermordet wurden. Deswegen schrieb ich “verschwunden“ und erst in Klammern “tot aufgefunden“. Du hast hinsichtlich des Sentiment recht — es wäre besser gewesen hier “ermordet aufgefunden“ zu schreiben. Dies nicht zu tun war keine Intention.

    Unanhängig von dieser dramatischen und furchtbaren Zuspitzung der letzten Wochen, galt mein ursprünglicher Hinweis auch der permanenten Verletzung und Tötung von Palästinensern durch die israelischen Besatzungs– und Sicherheitskräfte in den letzten Jahren, über die nie in deutschen Hauptmedien berichtet wird.

  • Dozer hat Folgendes geschrieben:

    Danke, interessant zu lesen. Mich würde dabei auch noch interessieren, wie die dpa-Meldung + Überschrift dazu lautete. Wenn da nämlich alle Seiten auf das gleiche Ausgangsmaterial rekurieren, könnte der inhaltliche Bias möglicherweise gar nicht bei den Redaktionen selbst lieben, sondern im Ausgangsmaterial. Denn eine Korrektur eines solchen Bias durch bearbeitende Redaktionen ist eher die Ausnahme.

  • Felix Reichert hat Folgendes geschrieben:

    Soory, aber der gesamte Blogpost, ebenso wie viele der deutschen Medienberichte, basiert auf einer falschen Annahme:

    "Die Hamas hat Städte in Israel (vor allem Tel Aviv und Jerusalem) mit Raketen angegriffen (und tut das noch), die israelische Armee hat daraufhin Ziele im Gazastreifen bombardiert und bereitet den Einmarsch von Bodentruppen vor."

    Stimmt nicht. Israel hat Ziele in Gaza bombardiert, nachdem im Westjordanland die drei jüdischen Teenager entführt wurden, und es im Zuge des Mordes am palästinensischen Jugendlichen im Westjordanland protestiert wurde.

    Ja, es wurden ein paar (im Verhältnis zu früheren Eskalationen wenige) Raketen vorher auf Israel geballert. Diese kamen aber höchstwahrscheinlich gar nicht von Hamas, was auch die israelischen Sicherheitskreise so sehen.

    http://www.haaretz.com/news/diplomacy-defense/1.600970

    "Israeli security forces estimate that the Islamic Jihad is responsible for some of the launches in the past week and a half, while others were probably carried out by organizations that do not accept Hamas' rule in the strip.

    The IDF has responded to every incident of rocket fire from the Gaza Strip since the beginning of Operation Brother's Keeper, with more than 20 targets in Gaza bombed by the Israel Air Force."

    Erst daraufhin hat die Hamas angefangen, selbst Raketen zu verschießen. Die Fakten zeichnen also ein genau umgekehrtes Bild (wenn wir schon simplifiziert nur über Hamas & israelische Armee/Regierung sprechen):

    Israel hat Gaza bombardiert. DARAUFHIN hat Hamas mit Raketen kläglich versucht zurückzuschlagen.

  • Sarah hat Folgendes geschrieben:

    Was ich in der Hinsicht auch nicht verstehe, ist warum auf palästinensischer Seite immer nur die Hamas als Aggressor genannt wird. Haben die deutschen Medien nicht erst vor ein Paar Wochen die neue "Einheitsregierung" aus Hamas und Fatah gefeiert?

    Völlig korrekt müsste es daher heißen: "Palästinensische Regierung überzieht Israel mit Raketenhagel".

    Es wird in Israel ja auch kein Unterschied gemacht, welche Regierungspartei etwas gesagt hat, ob eine Aussage offiziell ist oder vom radikalen Rand stammt.

  • Christian hat Folgendes geschrieben:

    Die Berichterstattung im Nahostkonflikt ist definitiv sehr tendenziös. Es scheint mir, dass jede noch so kleine Aktion der israelischen Armee eine Schlagzeile wert ist. Auch im TV, insbesondere in den Nachrichtensendungen des ZDF, agiert zunächst immer Israel, erst gegen Ende der Beiträge wird der Grund für dieses Handeln (permanenter Raketenbeschuss von palästinensischer Seite) genannt. Auf diese Weise wird der Eindruck erweckt, die Palästinenser wären die Opfer und nicht die Täter, Israel der Treiber des Konflikts.

    Gleichzeitig habe ich den Eindruck, dass das Vorgehen Israels deutlich höheren Stellenwert besitzt als das Grauen, das tagtäglich in den Anrainerstaaten stattfindet – etwa der Bürgerkrieg in Syrien oder die "Aktivitäten" der IS(IS)-Terroristen. Einen gewisse zwanghafte und sehr einseitige Fixierung auf den Staat Israel kann man vielen Vertretern der deutschen Presse also nicht absprechen, hier von Antisemitismus zu sprechen, wäre wohl zuviel, trotzdem ist die Berichterstattung in Nahost alles andere als ausgeglichen.

  • antagonistin hat Folgendes geschrieben:

    Danke für diese hilfreiche Darstellung, die meine Wahrnehmung bestätigt. Ich lese seit Tagen die internationale Presse und aus Israel v.a. Haaretz, weil die Berichterstattung in Deutschland überwiegend tendenziös ist und vieles ohnehin nicht thematisiert. Solange das so bleibt wird die Gleichzeitigkeit des Leids zweier Völker hier nicht sichtbar.

  • Dok hat Folgendes geschrieben:

    @ Mitdenker: Auch wenn die Hamas bei den letzten demokratischen Wahlen die Mehrheit der Stimmen errungen hat: Sie hat die Macht im Gazastreifen mit Waffengewalt errungen und politische Gegner ermordet. Seitdem regiert sie dort autokratisch und absolut. Nach meiner, meinetwegen europäischen Definition, hat das herzlich wenig mit Demokratie zu tun.

  • K. W. Goebel hat Folgendes geschrieben:

    Für einen naiven Leser in DE stellt sich die Konfliktsituation ziemlich einfach dar. Immer und immer wieder ist da ein "Nichtstaat" böswillig aktiv und stört die Demokratie Israel. Explizit wird nur über die humane, staatsgeordnete, israelische Verteidigung berichtet. Wen wundern dann Ergebnisse wie die obenstehenden…?

  • Sascha Pallenberg hat Folgendes geschrieben:

    "Ich lese seit Tagen die internationale Presse und aus Israel v.a. Haaretz, weil die Berichterstattung in Deutschland überwiegend tendenziös ist und vieles ohnehin nicht thematisiert."

    Na dann bin ich ja beruhigt, dass du auf derartig objektive Quellen ausweichst

  • K. W. Goebel hat Folgendes geschrieben:

    Lieber Christian (v. 9.7.14) "…die Palästinenser wären die Täter…"
    Wer solche Fragen stellt, sollte die Historie beachten.
    Es wäre für uns Deutsche verständlich, wenn man annähme,vor ca. 65 Jahren hätte die Uno beschlossen, z. B. Baden– Württemberg wäre ab sofort der Staat Israel.
    Wer ist dann dort Täter? Wer Opfer?
    Die Berichterstattung aus dem inzwischen modernen Israel ist mutmaßlich konsumgerechter…

  • Anatol Stefanowitsch hat Folgendes geschrieben:

    Ich habe heute früh keine Zeit für eine ausführliche Analyse, deshalb nur schnell die dreißig aktuellsten Schlagzeilen zur Suche "israel hamas" auf Google News heute um etwa 9 Uhr:

    – Israelische Aktionen werden 17 Mal erwähnt, davon wird in 9 Fällen Israel explizit als Akteur genannt.

    – Palästinensische Aktionen werden 9 Mal erwähnt, nur in drei Fällen wird ein expliziter Akteur genannt (2 Mal Hamas, 1 Mal Palästinenser).

    – In fast der Hälfte der Schlagzeilen finden die Opfer Erwähnung (in der Stichprobe von Gestern nur vereinzelt): Palästinensische Todesopfer werden in 11 der Schlagzeilen erwähnt, die Probleme der palästinensischen Zivilbevölkerung in zwei weiteren.

    Die Asymmetrie in der Zuschreibung von Verantwortlichkeit ist also die selbe wie gestern, und der mehrfach auf Twitter (Beispiel) geäußerte Vorwurf, die Presse würde systematisch die Opfer ausblenden, stimmt auch nicht.

  • Jens hat Folgendes geschrieben:

    Wie schon erwähnt ist auch der Nahostkonflikt mittlerweile ein Medienkrieg geworden, den vor allem Israel geschickt lenkt (mit Pressesprechern, Veröffentlichen der Videos ihrer Bombenschläge etc), während von palästinensischer Seite sicherlich geschickt mit den Bildern der Opfer gespielt wird. Es ist sehr schwer, ein hier eine neutrale Berichterstattung zu finden, so wie ich das ganze in verschiedenen Medien wahrnehme sieht es normalerweise so aus: Israel demonstriert seine Militärmacht mit Videos von "präzisen" Bombenschlägen. Auf der anderen Seite sieht man dann zerstörte Häuser und Leichen, die durch die Strasse getragen werden. Auf israelischer Seite kann man scheinbar immer nur zerstörte Autos oder Scheiben als Auswirkung der Raketen von palästinensischer Seite vorweisen (oder nur diese Bilder werden in den Medien gezeigt). Also entweder die PR des israelischen Militärs macht einen sehr schlechten Job und zeigt das wahre Ausmass der Raketen nicht, das sicher auch hier bei mehr Leuten als Legitimität der Selbstverteidigung anerkannt werden würde. Oder die Auswirkungen sind wirklich "Tote und zerstörte Häuser" gegen "demolierte Autos / Scheiben". Sollte dies der Fall sein ist es aus meiner Sicht nicht verwunderlich, dass die israelische Seite mehr Aufmerksamkeit erhält.

  • David hat Folgendes geschrieben:

    "Es wäre für uns Deutsche verständlich, wenn man annähme,vor ca. 65 Jahren hätte die Uno beschlossen, z. B. Baden– Württemberg wäre ab sofort der Staat Israel."

    Das wäre in der Tat sehr verständlich. Hätte die UNO das doch gemacht.

  • K. W. Goebel hat Folgendes geschrieben:

    Antwort: Sind Sie ein Spaßvogel oder ein ernstzunehmender Diskutant?
    Im ersten Falle könnte ich die Zahl der besonders witzigen Vergleichsbeispiele noch erhöhen. Im zweiten Falle passt Ihnen vielleicht das Emsland von Nordhorn bis zur Küste im Norden bis zur lotgerechte Linie von Bremerhaven nach Süden wegen des dortigen Reichtums besser…

  • akbwl hat Folgendes geschrieben:

    An dieser Stelle muss aber auch der Google-Algoritmus hinterfragt werden. Wenn stur die ersten 25 Schlagzeilen bzw. die entsprechenden Texte ausgwertet werden, dann wurde hier eine (automatische) Vorauswahl von Google getroffen, die nicht neutral, Zensur– und Wertungsfrei ist.
    Die vorgenommene Auswertung kann nicht pauschal als Spiegelbild der deutschen Presse gewertet werden.

  • Udo Stiehl hat Folgendes geschrieben:

    Mal zurück zum Kern und zu Anatols Frage, warum Israel als ganzes Land oft zum Akteur "geschrieben" wird: In Überschriften und auch in Leadsätzen ist es einfach wesentlich kürzer. Ich würde da keine tiefere Bedeutung hinein interpretieren.
    Übrigens entsteht bei den Formulierungen noch ein anderes Problem, das nicht nur das Land, sondern gleich seine gesamte Bevölkerung zu Akteuren macht. Stehen sich zwei Seiten (z.B. in Verhandlungen) gegenüber, greifen wir Redakteure gerne zu den Ländernamen. "Deutschland forderte die USA auf…" funktioniert. In der Nah-Ost-Berichterstattung aber entsteht häufig "Israelis und Palästinenser verhandelten…", weil die Palästinener keinen offiziellen Staat und keinen Staatsnamen haben. Auch das mag zu einer gewissen Verzerrung in der Wahrnehmung beitragen, weil die Formulierung eben nicht die Länder sondern deren Bürger zu Akteuren macht.

  • karpatenhund hat Folgendes geschrieben:

    Ich halte es für zu kurz gegriffen zu behaupten, es wäre tendenziöse Berichterstattung, wenn Israel als agierende und nicht als reagierende Partei beschrieben werde. Damit wird auch eine Bewertung des Konflikts vorgenommen: Israel reagiert auf Raketenangriffe, warum nicht radikale Palästinensergruppen auf die Ermordung eines palästinensischen Jugendlichen? Der Nahostkonflikt ist geprägt von Reaktionen auf Provokationen und aggressiven Aktionen.
    Auch die Kritik daran, dass die Aktionen der Hamas nicht als Angriffsakt gewertet werden, ist irreführend: Tatsächlich können die Raketenangriffe oft nicht mit Sicherheit auf die Hamas zurückgeführt werden. Es ist unklar, ob sie von der Hamas geduldet werden, ob sie von ihr ausgeführt werden und wieviel Einfluss die Hamas auf diese Angriffe hat.
    Auch die Bezeichnung "Raketenhagel" ist nicht ganz falsch. Es stimmt, dass die Raketen aus dem Gazastreifen potentiell gefährlich sind. Faktisch stellen sie aber nur ein geringes Risiko dar, da ein Großteil abgefangen wird (dank der ausgezeichneten Abwehrsysteme Israels) oder kaum Schäden anrichtet. Personen kommen durch die Angriffe jedenfalls kaum zu Schaden, nur der psychologische Effekt auf die Israelis ist enorm.
    Zur Zuschreibung von Aktionen: Militäroperationen Israel zuzuschreiben ist korrekt. Israel handelt als Staat. Falsch wäre, die Aktionen allen israelischen Bürgern zuzuschreiben ("die Israelis"). Im Gegensatz dazu wäre eine Zuschreibung der Raketenangriffe "den Palästinensern" falsch, weil die Angriffe nicht von allen Palästinensern getragen werden. "Gaza" könnte man die Angriffe zuschreiben; aber nur, wenn klar wäre, dass die Angriffe alle von der dortigen Regierung durchgeführt werden. Ob das so ist, ist aber unklar.

  • Anatol Stefanowitsch hat Folgendes geschrieben:

    Auch die Kritik daran, dass die Aktionen der Hamas nicht als Angriffsakt gewertet werden, ist irreführend: Tatsächlich können die Raketenangriffe oft nicht mit Sicherheit auf die Hamas zurückgeführt werden.

    Akkuratesse in der Berichterstattung ist sicher wünschenswert, aber wer sich auf die „Hamas“ nicht festlegen will (was in den Artikeln selbst allerdings meistens erfolgt, dem blieben (je nach politischer Ausrichtung der Zeitung) immer noch die Bezeichnungen „palästinensische Terroristen/Saboteure/Partisanen/Freiheitskämpfer/usw.“.

  • Anubis hat Folgendes geschrieben:

    »Es wäre für uns Deutsche verständlich, wenn man annähme,vor ca. 65 Jahren hätte die Uno beschlossen, z. B. Baden– Württemberg wäre ab sofort der Staat Israel.
    Wer ist dann dort Täter? Wer Opfer?«

    Deutschland wäre der Täter, wie jeder Mensch, der schon einmal von der Schoa gehört hat, wissen sollte.

    Ansonsten hinkt der Vergleich, aber gewaltig. Deutschland war 1871–1945 – leider – ein Nationalstaat. Das ehemalige Palästina (1920–1948) dagegen nicht. Allerdings sind auf dem Gebiet Palästinas seither zwei Staaten entstanden: Jordanien (1946) und Israel (1948). Und es ist zwar unwahrscheinlich, dass so etwas in absehbarer Zeit passieren wird, aber völkerrechtlich spricht nichts dagegen, dass dort (im Westjordanland und im Gazastreifen) irgendwann noch ein dritter Staat entsteht.

    Die Behauptung, die UNO hätte vor 65 Jahren in Palästina Teile eines bestehenden Nationalstaats einer anderen Bevölkerungsgruppe überlassen, ist reine Geschichtsklitterei. Übriggens hat der Völkerbund berits vor 90 Jahren die Errichtung einer jüdischen Heimstätte im cisjordanischen Teil Palästinas beschlossen.

    »Wer solche Fragen stellt, sollte die Historie beachten.«

    Indeed.

  • K. W. Goebel hat Folgendes geschrieben:

    Ok. Schön, dass da mal jemand Fakten auf den Tisch legt.
    Die UNO, eine Organisation von "Nationalstaaten", und nur das (!!!!), hat seinerzeit einen Beschluss mit Zustimmung dieser "Nationalstaaten" gefasst. Eine der Ursachen für das Drama ist doch gerade über Ihr Argument zu begründen: "Palästinenser", bzw. diejenigen, die das Territorium auf ihre Bodeneigentum vernachlässigende Wüsten — Weise nutzten, waren Menschen, die nie befragt wurden.
    Die Welt existiert real. Nationalstaaten kommen und gehen. Wir derzeitigen Gäste auf Erden sind nun schon annähernd 70 Jahre mit diesem UNO — Fehler konfrontiert…und Israel ist bedroht.

  • Anubis hat Folgendes geschrieben:

    »Die Welt existiert real.«

    Nationalstaaten auch.

    »›Palästinenser‹, bzw. diejenigen, die das Territorium auf ihre Bodeneigentum vernachlässigende Wüsten — Weise nutzten, waren Menschen, die nie befragt wurden.«

    Sie wurden gefragt, und zwar in Gestalt ihrer politischen Vertretungen. Leider lehnten sowohl das Arabische Hohe Komitee (die Vertretung der arabischen Bevölkerung Palästinas) als auch die Arabische Liga den UN-Teilungsplan von 1947 ab. Hätten sie zugestimmt, dann wären jetzt, wenn mich nicht alles täuscht, von den ca. 127.000 km² des Völkerbundmandats Palästina ca. 112.000 km² jordanisches bzw. palästinensisch-arabisches Staatsgebiet.

    Stattdessen beschlossen sie noch vor der Gründung Israels, den jüdischen Staat anzugreifen und zu vernichten. Glücklicherweise hatten sie damit keinen Erfolg.

    Dass die palästinensisch-arabische Bevölkerung sich übervorteilt fühlt, finde ich sehr verständlich. Zu verdanken hat sie ihre heutige Situation vor allem den Organen der Arabischen Liga und ihrer eigenen politischen Führung. Weder die UNO noch Israel hat diese gezwungen, sich so zu entscheiden, wie sie es getan haben.

  • K. W. Goebel hat Folgendes geschrieben:

    @anubis — Ich möchte keine Nachhilfe in Historie, denn die völkerrechtliche Fragwürdigkeit der Legitimität von "Vertretern" müsste umfassender aufgearbeitet werden, soll in dieser Weltregion die beiderseitige Rechthaberei endlich aufhören. Sie langweilt nach so vielen Jahren die Zeitgenossen…:-[[[
    Wie wäre es mit der nachdenkenswerten Spruchweisheit:"…und dennoch bin ich der Meinung…muss zerstört werden…

  • […] Autor: Anatol Stefanowitsch, erschienen auf Sprachblog.de […]

  • […] Medien hat offensichtlich für sich schon eine Wahl getroffen. Wie sonst wäre zu erklären, was Anatol Stefanowitsch über deren Berichterstattung herausgefunden […]

  • David hat Folgendes geschrieben:

    "Im Übrigen". Es heißt "im Übrigen", nicht "und dennoch". Und eine Spruchweisheit ist es auch nicht.

  • Anubis hat Folgendes geschrieben:

    »Ich möchte keine Nachhilfe in Historie, denn die völkerrechtliche Fragwürdigkeit der Legitimität von ›Vertretern‹ müsste umfassender aufgearbeitet werden …«

    Dann wünsche ich frohes Schaffen. Im Übrigen (sic!) bin ich der Meinung, wer solche Fragen stellt, sollte die Historie beachten. Auch keine alte Spruchweisheit, aber nachdenkenswert. Wenn man es nicht nur als Floskel gebraucht.

  • Doro hat Folgendes geschrieben:

    Spannende Analyse, aber ein Teil des Ergebnisses liegt an der Eingabe, Israel (Staat) und Hamas (Partei). Andere Ergebnisse ergeben sich bei "Israel Palestina Raketen". Ich habe nur ganz oberflächlich ermittelt Die obersten 20: 6 neutral, 13 Palestina als Akteur, 1 Israel als Akteur

  • Anatol Stefanowitsch hat Folgendes geschrieben:

    Den Suchbegriff „Raketen“ zu verwenden, halte ich für fragwürdig, das wäre, als ob ich „Offensive“ oder „Bodenoffensive“ mit eingegeben hätte. Ich habe eben "Israel Palästina" eingegeben und bekomme: 8 Mal Israel als Akteur, zwei Mal Palästinenser. Wenn ich jetzt gerade die allgemeinen Schlagzeilen für Nahhost durchsehe (ohne Suchbegriff), erhalte ich sechs Erwähnungen israelischer Aktionen (davon drei mit expliziter Benennung von Israel als Akteur), und neun Erwähnungen der Raketenangriffe auf Israel, davon drei ohne Benennung eines Akteurs, zwei mit Nennung der Hamas, und vier mit Nennung des Libanon. Interessanterweise scheint also die Zurückhaltung weniger stark, den Libanon als Akteur darzustellen, was zeigt, dass die staatliche Verfasstheit eines Akteurs eine Rolle spielen könnte. Allerdings sind die Schlagzeilen insgesamt gerade sehr stark von Obamas Vermittlungsangebot beherrscht, sodass die Stichprobe sehr klein ist.

  • Esurk hat Folgendes geschrieben:

    Sehr interessante Diskussion — deren latent aggressiver Unterton genau das Problem wiederspiegelt. In diesem Konflikt ist es schwer, sich — bewusst oder unbewusst — nicht für eine Seite zu entscheiden. Ich selbst habe als Schreiberling die Gegend besucht und in vielen Jahren zahllose Überschriften über den Nahost-Konflikt gemacht — und ja, Israel ist kürzer als isrealische Regierung, was oft nicht deckungsgleich ist. Genauso feuern nicht DIE Palästinenser ständig Raketen nach Israel. Ich persönlich glaube: Beide Seiten verstehen es blendend, politisch unkorrekt gesagt, Arschlöcher zu sein. Der Grund aber, warum Israel eher als Aggressor dargestellt wird, ist, dass es das stärkere, mächtigere Land ist, viele Deutsche aber zu den Schwächeren, den Palästinensern, halten. Helfen tut das leider niemandem.

  • Askan Schenck hat Folgendes geschrieben:

    Eine kleine Korrektur der chronologischen Dalegung von Felix Reichert.
    Da wurde geschrieben: "Israel hat Gaza bombardiert. DARAUFHIN hat Hamas mit Raketen kläglich versucht zurückzuschlagen."
    Der Raketenbeschuss von Gaza auf Israel dauert doch schon seit Monaten (allein von Januar bis Apri 2014 waren es 100 Raketen) an und die Israelischen Luftschläge waren immer nur eine Reaktion darauf, unabhängig von der Sache mit den ermordeten Jugendlichen. Diese Angriffe gingen zwar auch häufig von militanten Splittergruppen wie Islamische Jihad aus aber genauso auch von Hamas Leuten die auch schon bei dem Versuch Raketen auf Israel abzuschießen von Israelischen Luftschlägen getötet wurden.
    Ein Problem der deutschen Bericherstattung ist das immer erst berichtet wird wenn Israel mal wieder auf den Beschuss reagiert. So sieht es häufig so aus als gehe die agression von Israel aus. Es wird ständig geschrieben und gesagt dass das Problem die "Extremisten auf beiden Seiten" sind — Gewaltspirale usw. Das stimmt aber so nicht, denn letzendlich hätte es nie militärische Auseinendersetzungen, geschweige denn eine Abriegelung von Gaza gegeben wenn Israel nicht einer vortwährenden Agression von dort ausgesetzt gewesen wäre.

  • Andreas hat Folgendes geschrieben:

    1. Gedankenspiel: Stellen wir uns eine Außerirdische vor, die zwar unsere Sprache versteht und die gegenwärtige Berichterstattung liest, aber keine Geschichtsbücher kennt, also die größtmögliche denkbare Neutralität oder Unvoreingenommenheit in diesem super komplexen Thema aufweist.
    Frage: Welchem Eindruck würde so eine Rezipientin von der Lage gewinnen? Ich bin mir wirklich nicht sicher, ob ein signifikantes Übergewicht zu der einen oder anderen Seite für so eine Betrachterin ablesbar wäre oder ob sich so ein einseitiger Eindruck (meinetwegen auch 'unterbewusst') einstellen würde.

    2. Die Daten und ihre Auswertung finde ich sehr interessant. Ich hätte allerdings darauf verzichtet, Erwartungen zu formulieren: "[…] wenn es ein Ungleichgewicht geben sollte, wäre zu erwarten, das die Hamas häufiger genannt wird, da sie die aktuellen Ereignisse durch ihre Raketenangriffe ausgelöst hat […]". Die Basis einer solchen Erwartungen ist ein mehr oder weniger willkürlich gesetzter Anfangspunkt der Gewalt, an dem die eine oder die andere Seite (ich habe da keinerlei Vorlieben) einen Gewaltakt begeht, ab dem alles Weitere Reaktion darauf und somit irgendwie legitimiert ist. Weil die Gewalt in dieser Region aber schon so lange dauert, erscheint mir solch eine Interpunktion (wenn man das so nenne kann), immer angreifbar und auch unnötig.

    3. Ich finde, in den Kommentaren wird zu wenig linguistisch und zu viel politisch argumentiert.

  • Go West hat Folgendes geschrieben:

    Das ist eine sehr interssante Diskussion, die mir sehr hilft. Seit Tagen hatte ich schon den Eindruck einer — einmal mehr — einseitigen Berichtenrstattung. Dieser Artikel und die Kommentare geben mir Fakten in die Hand.
    Ich habe z.B. auch nirgends in der deutschen Presse davon gelesen, welche Reaktionen es von Israel aus auf den direkten Racheakt nach der Ermordung der drei jungen Israelis gegen hat. Da gab es grosse Zeichen von Menschlichkeit und Mitgefuehl. Umgekehrt hat es das von Gaza aus nicht gegeben.
    Es stimmt mich schon lange bedenklich, wie es Hamas und zuvor Fatah gelungen ist, den Nah-Ost-Konflikt quasi Israel allein in die Schuhe zu schieben. Das geht ja bis in die UNO, in der die bestaendigen Attacken auf die Zivilbevoelkerung von Gaza aus, ignoriert werden.
    Man muss nicht einmal mit der israelischen Politik sympatisieren, um zu erkennen, welche Chancen zum Frieden von den palaestinensischen Organisationen wieder und wieder vergeben werden. Wuerde dort die selbe Energie, die in den Aufbau von Hass und in Waffen investiert wird, in einen echten Friedensprozess und einen Aufbau von Gaza und dem West-Jordan-Land eingebracht, koennten dort laengst ebensolche bluehenden Landschaften entstanden sein, wie in Israel. Doch wenn man sich erinnert, dass Arafat seiner Frau 2 Milliarden Dollar privates Vermoegen hinterlassen hat, weiss man, wem solche Konflikte letztlich nutzen.
    Und eines wird auch immer und ueberall verschwiegen. Der wahre Feind der Palaestinenser sitzt nicht in Israel, sondern in den arabischen "Bruderlaendern". Das belegt die Geschichte sehr eindruecklich.

  • Inna Ligum hat Folgendes geschrieben:

    Und wenn ich nicht immer einer Meinung mit Ihnen bin, verehrter Prof. Stefanowitsch, finde ich Ihre Analyse nicht nur großartig sondern einfach köstlich. Es zeigt wieder wieviel Sprengstoll die sachliche Sprachwissenschaft in sich birgt… Und wieviel Sprengsätze vielleicht genau dadurch entschärt werden könnten…

  • Marvin Zeller hat Folgendes geschrieben:

    Stimme Felix Reichert voll und ganz zu!

    Natürlich gab es schon lange vereinzelten Raketenbeschuss, genauso wie es die hier schon angesproche "ständige Price Tag-Gewalt seitens radikal-israelischen Siedler" und "die alltägliche Gewalt der israelischen “Sicherheits“-Kräfte" gibt.
    Den Konflikt der jetzt gerade besteht hat aber Israel eskalieren lassen.
    Außerdem geht es doch auch gar nicht nur darum wer angefangen hat wie es hier teilweise klingt, sondern auch in welchem Verhältniss eine Reaktion noch steht. Und drei tote Jugendliche und einige abgefangene Raketen rechtfertigen halt nicht 100te Tote (viele davon Zivilisten) auf der anderen Seite.
    Nicht umsonst sieht die UNO hier verstöße gegen das Völkerrecht!

    Ich empfinde die westliche Berichterstattung auf jeden Fall eher pro-israelisch als umgekehrt, denke aber dass sich das relativ ausgeglichen vehält.

  • Stefan Wagner hat Folgendes geschrieben:

    Ich kann der Argumentation nicht folgen. "Bombardieren" und "Raketen abfeuern" sind m.E. immer Angriffshandlungen. Wieso das neutral sein soll erschließt sich mir nicht.

    Auch wird nicht erklärt inwiefern es von Bedeutung ist, ob die Hamas als Subjekt des Satzes auftritt oder als zusammengesetztes Substantiv. "Raketen schlagen in Jerusalem ein" dürfte auch fast alle Leser, die den Konflikt seit Jahrzehnten verfolgen und auch in den letzten Tagen verfolgten nicht im Unklaren darüber belassen, wer der Akteur war.

    Ich würde sogar damit rechnen, dass man bei einer Befragung kurz nach Lektüre des Artikels bei fast allen Lesern abfragen kann, welche Handlungen geschildert werden, aber bei quasi niemandem, wie dies grammatisch erreicht wurde. Ob Israel oder die Hamas Subjekt des Satzes sind ist für die inhaltliche Darstellung m.E. vollkommen wumpe und wird daher auch von niemandem falsch rezipiert.

  • Anatol Stefanowitsch hat Folgendes geschrieben:

    Bombardieren und Raketen abfeuern kann sprachlich sowohl eine Angriffs– als auch eine Verteidigungshandlung beschreiben, mit angreifen dagegen wird eine Kampfhandlung als Angriff dargestellt.

    Wer im Subjekt des Satzes auftaucht ist deshalb wichtig, weil in der Subjektposition typischerweise Akteure genannt werden. Dass die Leser/innen nach der Lektüre eines Textes dessen grammatische Struktur nicht beschreiben können (und ohnehin meistens nicht in der Lage sind, grammatische Strukturen überhaupt zu erkennen), spielt keine Rolle für die Wirkung, die diese grammatischen Strukturen haben.

    "Raketen schlagen in Jerusalem ein" dürfte auch fast alle Leser, die den Konflikt seit Jahrzehnten verfolgen und auch in den letzten Tagen verfolgten nicht im Unklaren darüber belassen, wer der Akteur war.

    Dasselbe würde auch für die Schlagzeile „Ziele im Gaza-Streifen bombardiert“ gelten – auch hier wüssten die meisten wohl, wer das Bombardement durchgeführt hat. Trotzdem wird Israel als Akteur proportional deutlich häufiger genannt.

  • Roadmanager hat Folgendes geschrieben:

    Hat sich scheinbar nicht viel verändert. Es gab aber schon mal den ernst gemeinten Versuch, die Veröffentlichungen zu diesem Konflikt zu untersuchen:
    http://www.diss-duisburg.de/Internetbibliothek/Artikel/DEUTSCH%20Kurzfassung%20Israel%20Studie.pdf

  • Christoph Deeg hat Folgendes geschrieben:

    Hi all,

    ich finde den Blogbeitrag und die Diskussion sehr spannend. Ich hätte noch einen anderen Gedanken beizutragen:

    Kann es sein, das ein Problem eine Art "Event-Journalismus" ist? Der aktuelle Konflikt ist ja letztlich kein Konflikt der gerade ausbricht. Es ist vielmehr eine eskalierende Momentaufnahme eines Konfliktes, der schon Jahrzehnte dauert. D.h. es geschehen dauernd Handlungen und Gegenhandlungen die zudem abhängig sind von den jeweiligen politischen Ist-Zuständen. Und auch die Berichterstattung ist wiederum ein Prozess, der von vielen Faktoren abhängig ist. Oder sehe ich das falsch?

    Beste Grüße Christoph

  • K. W. Goebel hat Folgendes geschrieben:

    Hi, ich verstehe zwar einen Teil der Abhandlungen als eine wohl in der westlichen Pressearbeit notwendige Bemühung um Suche nach "Objektivität".

    Mich wundert jedoch, wenn von der PR des Militärs in einem Umfeld mit vielen, vielen Toten gesprochen wird und dann vom grünen Stick — Tisch aus naiv Objektivität wie beim Kindergartenspiel oder den "Siedlern" oder Monopoly infantil erwartet wird.

    Ihre Methoden, bei der Suche nach Objektivität in der Berichterstattung sind doch nicht ernst zu nehmen.

    Geht es den asymmetrischen Kriegstreibern darum, eine "schöne Presse" zu haben? Ich vermute das nach 65 Jahren nicht. Den Menschen dort, und denen wollen Journalisten angeblich "objektiv" dienen, helfen sie mit diesem Dilettantismus nicht. Sorry.

  • […] “Der Unwille, die Hamas als Angreifer darzustellen, zeigt sich auch darin, dass selbst in der Mehrzahl der Fälle, in denen der Raketenbeschuss explizit genannt wird, die Hamas unerwähnt bleibt.[…] Die Verantwortung für die aktuellen Ereignisse […] wird also entweder Israel zugewiesen, oder allgemein Raketen, die ihrerseits wie eine Naturgewalt ohne Verantwortlichen dargestellt werden).” – Sprachlog […]

  • […] Israel und Hamas im Spiegel deutscher Schlagzeilen […]

  • […] Die Hamas. Allzuoft wird in der aktuellen Berichterstattung ausgelassen oder erst später erwähnt, dass es die Hamas war die den Raketenbeschuss begann. In den deutschen Leitmedien hingegen lässt sich oft eine Überschrift lesen, die suggeriert, dass Israel der agierende Akteur sei. Manchmal kommt es sogar so an, aöls wäre Israel der Aggressor. Hier ein Blogartikel, der sich der sprachlichen Ausrichtung der Schlagzeilen in den deutschen Medien… […]

  • B.B. hat Folgendes geschrieben:

    Ich habe auf einem Beitrag eines Blogs des Münchner Gesprächskreises der NachDenkseiten ("Blog des NDR Gesprächskreises München") mit dem Titel "Beihilfe ist strafbar" Auszüge aus Ihrer Untersuchung — die ich hervorragend finde und in jeder Hinsicht gelungen — zitiert und auf Ihren Blog als Urheber hingewiesen, sowie Sie als Autor benannt.

    Hier der Beitrag "Beihilfe ist strafbar!" http://nachdenken-in-muenchen.de/?p=253#comment-23. Sie haben ja nur die seriösen Medien untersucht: ich möchte gar nicht wissen, wie Ihre Untersuchung ausfallen würde, wenn sie nicht nur das Hellfeld FAZ, SZ und ZEIT untersuchen würden, sondern sich auch in deren Dunkelfeld umtun müssten.

  • […] Das Bild, das die Medien mit ihren Schlagzeilen tendenziell malen, ist vernichtend für Israel. Anatol Stefanowitsch hat das mal statistisch und sprachlich ausgewertet. […]

  • Ludwig Malke hat Folgendes geschrieben:

    Einen Apsekt dürfen wir natürlich bei der Frage, warum in den Medien bestimmte sprachliche Begriffe verwendet werden, nicht vernachlässigen: Die (Nicht-)Existenz staatlicher Strukturen.

    Mit Israel gibt es einen Staat mit einer Verfassung, mit Gewaltenteilung, mit Demokratie und mit einem Rechtsstaat. "Wir" (der Mainstrem der Medien und ihrer Leser) gehen davon aus, dass sich so ein Staat rationaler und nachvollziehbarer verhält als "Terroristen". "Wir" identifizieren uns auch stärker mit ihm und den Menschen, die in ihm Leben. Vermutlich vergleichen wir wesentlich stärker unter dem Motto "Was würden wir Deutsche tun?" (auch wenn die Situation natürlich nicht so vergleichbar ist, wie "wir" denken). Deshalb ist Israel "unser" Ansprechpartner, was sich auch in den Überschriften widerspiegelt.

    Die "Hamas" ist dagegen für uns ein ziemlich unbekanntes Gebilde. Wer kennt sich wirklich aus mit den Unterschieden zwischen Palästinensern und Arabern, Schiiten und Sunniten, mit Muslimbrüdern und Taliban, mit Islamisten und Terroristen, mit Fatah und PLO? Gibt es dort überhaupt eine Regierung? (Vergessen wir nicht, dass Israel Hamas-Führer gezielt getötet hat.) Sind die Raketenangriffe systematisch-militärisch? Sind es Verzweiflungstaten eines Unterlegenen?

    Auf der Seite Gaza/Hamas/Palästinenser gibt es also mangels einer staatlichen Struktur viel zu viele Unbekannte, die es zuließen, hier einfache Verantwortlichkeiten zu benennen. "Israel" ist dagegen als Staat fest definiert. So wie im Satz "Die USA überwachen massenhaft das Internet." Klar, das sind nicht alles US-Bürger. Es ist auch nicht der Präsident. Es sind die staatlichen Strukturen.

  • Anatol Stefanowitsch hat Folgendes geschrieben:

    @ Ludwig Malke: Diese Einwände sind in den Kommentaren bereits aufgebracht und beantwortet worden.

  • Juliane House hat Folgendes geschrieben:

    jenseits der quantitativen Analyse sollte auch eine qualitative Analyse durchgeführt werden. So wird Hamas nur als 'die radikalislamische Hamas' bezeichnet, und die Kollokation mit 'Terror' ist ebenso bezeichnend. Auch die Bilder sollten nicht vergessen werden: wenn israelische Bürger über eine kaputte Sauna weinen, ist das sicher anders zu bewerten als über nun fast 800 Tote weinende Palästinenser (die grosse Mehrheit Zivilisten)

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