Revolutionär*innen, die auf Sternchen starren

Die Grünen haben am Wochenende auf ihrer Bundesdelegiertenkonferenz unter anderem beschlossen, in Parteitagsbeschlüssen in Zukunft verbindlich den Gender-Stern (Student*innen, Kindergärtner*innen, Terrorist*innen) zu verwenden. Angesichts der Empfindlichkeit, mit der die deutsche Öffentlichkeit auf geschlechtergerechte Sprache reagiert, wurde diese Satzungsänderung natürlich vor, während und nach dem Parteitag in den Medien diskutiert. Die Fronten waren dabei vorhersehbar verteilt: „Gender-Gaga“ war der Beschluss z.B. für die Bild (der es dabei nicht nur um die Sprache ging: sie störte sich auch an der Idee von „Extra-Zelten für transsexuelle Flüchtlinge“). Der Cicero sah in dem Beschluss ein Zeichen für die „Rückverwandlung einer Partei in eine Krabbelgruppe“. Und die Ostthüringer Zeitung konnte es sich nicht verkneifen, in ihrer Schlagzeile von „Grün*innen“ zu sprechen. Die taz dagegen verteidigt den Beschluss sehr fachkundig, und die Süddeutsche Zeitung sagt zum Gender-Stern „Schön ist das nicht — aber richtig“.

Wer ab und zu das Sprachlog liest, wird vermuten, dass ich mich hier dem zweiten Lager anschließen und die Grünen für ihren Beschluss loben werde. Diese Vermutung muss ich aber enttäuschen – anders als die Süddeutsche finde ich den Gender-Stern schön, aber falsch. Natürlich stimme ich auch dem ersten Lager nicht zu. Das Problem ist nicht, dass der Beschluss der Grünen „Gender-Gaga“ ist, sondern, dass er nicht gender-gaga genug ist. Die Grünen entwickeln sich nicht zu einer Krabbelgruppe, sie verabschieden sich von der weltverändernden Anarchie, die jeder Krabbelgruppe innewohnt.

Es ist wichtig, geschlechtergerechte Sprache zu nutzen, und der Antrag der Grünen (PDF, siehe S. 240) begründet sehr gut, warum das so ist:

BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN verwenden geschlechtergerechte Sprache, weil Sprache durch ihren großen Einfluss auf unser Denken und unsere Wahrnehmung die Gesellschaft mit formt. Wer nur von „Ärzten“, „Anwälten“ und „Experten“ spricht, fördert indirekt die Vorstellung, nur Männer seien gemeint. Das kann in Perzeptionsstudien nachgewiesen werden. Mit einer solchen Sprachwahl wird entsprechend auch das Denken über Geschlechter nachhaltig bestimmt. Um beide Geschlechter gleichberechtigt in der Sprache sichtbar zu machen, reden wir beispielsweise von Ärztinnen und Ärzten.

Bis hierhin also von mir kein Widerspruch. Der regt sich bei mir erst im nächsten Absatz:

Um sicherzustellen, dass alle Menschen gleichermaßen genannt und dadurch mitgedacht werden, wird in unseren Beschlüssen ab jetzt der Gender-Star benutzt. Transsexuelle, transgender und intersexuelle Personen werden so nicht mehr unsichtbar gemacht und diskriminiert. Durch den Gender-Star werden somit Menschen mit einbezogen, die sich nicht in ein binäres System der Geschlechter einordnen können oder wollen und es wird (Selbst-)Definitionen Raum gegeben.

Hier macht der Antrag aus meiner Sicht zwei Fehler.

Erstens gehen die Verfasser/innen davon aus, dass der Gender-Stern eine Bedeutung „hat“, nämlich, dass damit nicht nur (wie angeblich beim Binnen-I oder der Schrägstrichform) Männer und Frauen, sondern auch Menschen benannt werden, die „sich nicht in ein binäres System der Geschlechter einordnen können oder wollen“. Das mag die Bedeutung sein, die die Schöpfer/innen des Sterns im Sinn hatten und haben, aber wie ich im letzten Jahr auf der re:publica erklärt habe, bedeuten sprachliche Zeichen nur durch gesellschaftliche Konvention etwas. Der Gender-Stern bedeutet also für die meisten Menschen zunächst einmal gar nichts – anders als etwas das Binnen-I, das seit über dreißig Jahren in linken und/oder feministischen Zusammenhängen gebraucht wird und es so zu einer gewisse Bekanntheit im Sprachgebrauch gebracht hat. Und anders als die Schrägstrichformen, die noch älter sind und deren Bedeutung sich zudem aus der konventionalisierten Bedeutung des Schräsgstrichs zumindest teilweise erschließt.

Zweitens kann eine Organisation von der Größe und Breitenwirkung der Grünen sich natürlich entscheiden, bewusst zur Verbreitung, Bekanntmachung und Konventionalisierung einer neuen Variante wie dem Gender-Stern und der damit gemeinten Bedeutung beizutragen.

Aber indem sie diese Variante zur alleingültigen erklärt, zwingt sie alle ihre Mitglieder, der vorgegebenen Logik dieser Form zu folgen. Also zum Beispiel anzunehmen, dass Sprache sich auf Geschlechtsidentitäten bezieht, und nicht auf das von außen zugeschriebene Geschlecht. Oder, dass diese Geschlechtsidentitäten ein Kontinuum bilden. Oder, dass dieses Kontinuum durch den Gender-Stern, und nur durch den Gender-Stern zum Ausdruck kommt. Alles das kann man glauben, aber nichts davon muss man automatisch glauben um Mitglied bei den Grünen sein zu wollen. Die kategorische Verwendung des Gender-Sterns stellt andere Formen und die damit verknüpften Sichtweisen auf Geschlecht, Gender und Sprache als illegitim oder wenigstens veraltet dar.

Das ist aus meiner Sicht ein schwerer Fehler, denn der Sinn geschlechtergerechter Neologismen wie dem Binnen-I, dem Unterstrich, dem Gender-Stern oder noch extremeren Varianten wie der x–Form meinx geschätztx Kollegx Lann Hornscheidt von der Humboldt-Universität ist es nicht, Patentlösungen zu liefern oder bestimmte Perspektiven vorzugeben. In den Worten von Hornscheidt und xs Arbeitsgruppe:

Es gibt nicht DIE empowernde, nicht-diskriminierende Sprache, sondern nur immer wieder neue, kreative Versuche, Wahrnehmungsgewohnheiten zu irritieren und sprachliche Diskriminierungen wahrzunehmen, herauszufordern, zu bemerken, anzusprechen, dagegen anzuschreiben und den eigenen Sprachgebrauch zu verändern.

Vergleichen wir diese Aussage mit der Begründung der Antragsmitautorin Gesine Agena:

In der Vergangenheit haben wir auf Landes– und Bundesebene mit verschiedenen Varianten experimentiert. Mal wurde das Binnen-I eingesetzt, mal das Sternchen, mal der Unterstrich. Oft kursierten in diesem Zusammenhang zahlreiche Änderungswünsche, die mal die eine, mal die andere Variante bevorzugten. Das kostete Nerven und Papier.

An dieser Begründung zeigt sich ein Problem, das die Grünen auch an anderer Stelle haben: Sie wollen die Gesellschaft verändern, aber bitte nur, wenn es nicht zu viele Nerven und Papier kostet. Aber diese Nerven und dieses Papier sind der eigentliche Sinn nicht-diskriminierender Sprache: Es geht dabei um Kreativität, um Reflexion, um Irritation.

Man kann aus praktischen Gründen eine Einheitsregelung wollen (obwohl schon das für sich genommen bei einer Partei wie den Grünen irgendwie enttäuschend ist), aber dann sollte man etwas allgemein akzeptiertes und wenig aufgeladenes wie den Schrägstrich oder eben die Doppelform wählen. Oder man kann aus der Hoffnung auf gesellschaftliche Veränderungen heraus wilde Vielfalt zulassen, um Ideen streiten, immer wieder Neues ausprobieren und dabei viel zu viel Papier verbrauchen.

Sprachliche Revolution oder sprachliche Benimmregeln – beides geht nicht.

12 Kommentare

  • Mycroft hat Folgendes geschrieben:

    Gibt es eigentlich inzwischen eine einheitliche Aussprache für das Gender*?

  • Lillifred hat Folgendes geschrieben:

    Ein guter Kritikpunkt!

    Was mir inhaltlich aufgefallen ist, ist dass es im Antrag so rüber kommt, als ob _alle_ "Transsexuelle, transgender und intersexuelle" Personen sich in nur die beiden Geschlechter nennenden Formulierungen nicht wieder finden würden (also als ob alle Menschen aus diesem Personenkreis eine nichtbinäre Geschlechtsidentität hätten). Außerdem klingt es durch die Formulierung so, als würde das Sternchen jegliche Diskriminierung mit einem Schlag beenden.

    Die Klarstellung, dass nur Wörter gegendert werden, die Personen bezeichnen und dass nicht zwei mal in einem Wort gegendert wird (warum eigentlich nicht?), weckt bei mir den Eindruck als solle präventiv gegen Kritik gendern sei lächerlich, vorgegangen werden. Das aber wirkt auf mich wiederum lächerlich bis bedrohend, da dadurch der Umgang mit Sprache noch weiter standardisiert wird.

  • up hat Folgendes geschrieben:

    Was denn? Noch kein "Sprachpfleger" hier, der sich am Begriff Gender-Star an sich stört? Immerhin wird durch dessen bloße Nennung eine ganze Minderheitengruppe ausgegrenzt. Ich schlage Geschlechtersternchen, oder kurz **, vor.

  • Konrad hat Folgendes geschrieben:

    Man könnte, Max Webers Wort vom langsamen Bohren dicker Bretter eingedenkt, dieses Vorgehen der Grünen für ganz schön apolitisch halten … Und einem seltsamen, autoritären Bild sowohl der Partei als auch der Gesellschaft verhaftet.

  • Mycroft hat Folgendes geschrieben:

    Transsexuelle sehen sich normalerweise als Frau oder Mann, also durchaus als Teil der binären Geschlechterrollen, nur dass ihr angeborenes anatomisches Geschlecht das jeweils andere war. Das "*" bezieht sich demnach mehr auf die Intersexuellen.

    Wenn man in Komposita, die keine Personenbezeichnungen sind, Beidnennung praktizieren würde, würde es unnötig kompliziert.
    Beispiel Partnersuche. Auch bei Heteromännern und lesbischen Frauen sagt man "Partnersuche", obwohl sie eigentlich Frauen suchen. Wenn jemand auf "Partnerinnensuche" ist, sucht sie oder er mehr als eine Frau, was nicht notwendigerweise der Fall ist. "Partnerinsuche" ist nicht die korrekte Kompositabildung, und "Parnerinnen– und Partnersuche" impliziert, dass jemand min. drei Personen für eine Beziehung sucht, von denen min. zwei, aber nicht alle, Frauen sein sollen. D.h., der seltene Sonderfall würde zur "Norm" erhoben.
    Muss ja nicht sein.

  • Daniel hat Folgendes geschrieben:

    Die Genderisierung ist eine Marketingmaßnahme, die eine Entsprechung in ihrer realen Politik braucht. Sie können nur dann glaubhaft sein, wenn sie Benachteiligungen aller Bevölkerungsgruppen gleichermaßen konsequent bekämpfen.

  • Michaela Lusru hat Folgendes geschrieben:

    Danke Anatol Stefanowitsch für eine saubere Argumentation.
    Ich persönlich lehne Gender als Konstruktion grundsätzlich ab, bin jedoch für eine geschlechterGERECHTE Sprache, so sie sich ohne Sinnentstellung oder Sprechholperei elegant verwirklichen lässt (man lese doch in "schönen" oder feierlichen Texten mal den *Stern* ohne zu husten)denn — so habe ich auch Ihren Kommentar verstanden — nur solche Lösungen haben die reelle Chance, freiwillig weil passend und selbsterklärend und auf breiter Basis gesellschaftliche Tradition zu werden.
    Die Regelung der Grünen ist ein typisches Anzeichen für den Zustand dieser Partei: Formalismen und Zurechtweisung regieren als Instrumente der Erziehung der Gesellschaft, die sich aufmachen sollte, die Parteigänger der Grünen von diesem hässlichen Übel zu befreien, damit sie wieder Luft zum freien Athmen bekommen und ihre eigentlichen Ziele wieder erkennen können.
    Also Danke für die von Ihnen hier geschenkte Klarheit, gegen die keine mir bekannten Argumente sprechen.

  • Daniel hat Folgendes geschrieben:

    Mit "sie" meine ich natürlich die Grünen.

  • […] Gender-Gaga: Revolutionär*innen, die auf Sternchen starren … sprachlog […]

  • Christoph Päper hat Folgendes geschrieben:

    So sehr ich den Grundtenor des Artikels – insbesondere bezüglich der Konventionalität sprachlicher Zeichen – teile, stößt mir ein Detail doch sauer auf:

    Aber diese Nerven und dieses Papier sind der eigentliche Sinn nicht-diskriminierender Sprache: Es geht dabei um Kreativität, um Reflexion, um Irritation.

    Wirklich gerechte, faire, sensible, nicht-diskriminierende Sprache (bezüglich eines beliebigen Kriteriums) kann und soll von allen (oder zumindest jenen, die den Konsens dahinter teilen) verwendet werden. Sie kann nicht gleichzeitig auch agitatorisch, irritierend oder wachrüttelnd, ja nicht mal sonderlich kreativ sein.

    Es ist Grundprinzip sehr vieler Textsorten, möglichst neutral und unauffällig formuliert zu sein. Jeder Bruch mit Konventionen widerspricht dem, solange stattdessen nicht einer anderen etablierten Regel gefolgt wird. Politische Texte – und damit meine ich nicht Gesetze u.ä. – betrifft das natürlich nicht, denn mit ihnen soll gerade die eigene Weltanschauung publiziert und weiterverbreitet werden.

    Wenn sich die Grünen (oder einzelne ihrer Organe oder Mitglieder) einer Idee besonders verpflichtet fühlen, bspw. dem Feminismus oder der Inklusion, dann ist es nur konsequent, an jeder sich bietenden Stelle auch sprachlich (und nicht nur inhaltlich) darauf hinzuweisen. Damit kann aber nicht die Vorstellung oder gar Forderung verbunden sein, dass dies das Ideal allgemeinen Sprachgebrauchs darstellen würde.

    Mit anderen Worten: Alle pseudopluralistischen Formen wie Binnenmajuskeln, Unterstrich– oder Sternchenlücke und sogar die konventionelleren Klammer– und Schrägstrichschreibungen sind nur Stilmittel, die immer wieder auf ein Problem aufmerksam machen sollen, aber sie sind nicht selbst dessen Lösung. Ihre Effektivität sinkt sogar, wenn sie mechanistisch und unreflektiert in nicht agitatorischen Texten eingesetzt werden, da sie damit von der ideologisch motivierten Normverletzung zur gefühlt oktroyierten Normbefolgung werden.

  • Michaela Lusru hat Folgendes geschrieben:

    @Christoph Päper
    Wie wahr, wie wahr:
    "Mit anderen Worten: Alle pseudopluralistischen Formen wie Binnenmajuskeln, Unterstrich– oder Sternchenlücke und sogar die konventionelleren Klammer– und Schrägstrichschreibungen sind nur Stilmittel, die immer wieder auf ein Problem aufmerksam machen sollen, aber sie sind nicht selbst dessen Lösung."

    Lösungen gehen nur gesamtgesellschaftlich, alle Versuche bis dahin sind gemäss dieses Kommentars von Christoph lediglich politische Hinweisschilder, die um Aufmerksamkeit ringen (sollen), und nicht sprachliche Verwendungen.
    Sprache ist kein Plakat, Transparent oder Werbeslogan, sondern das Fundament unser aller Denkens. Noch nie ist ein Denkfundament plakativ begründet worden.
    Wer das Denken beeinflussen möchte, muss sehr sehr tief greifen — aber ohne dabei selbst laufend in der Tiefe zu verschwinden.
    Und Zeit — nicht Krawall — ist dazu mitzubringen, denn politische Sprachregelungsversuche als "Beschleuniger" haben bisher noch immer die betreffenden Politiker aus den Latschen gekippt — und nicht alte Spach-, Sprech– und Dekwurzeln, eben weil in
    "agitatorischen Texten eingesetzt, … sie damit von der ideologisch motivierten Normverletzung zur gefühlt oktroyierten Normbefolgung werden", zur nicht nur unter– sondern ausgekühlten.

  • Alexander hat Folgendes geschrieben:

    "geschlechtergerechte Sprache, weil Sprache durch ihren großen Einfluss auf unser Denken und unsere Wahrnehmung die Gesellschaft mit formt"

    Das sehe ich als Pädagoge (Erzieher in einer Kita) besonders so und gendere im Alltag auch "Du kannst zu einem Erzieher oder einer Erzieherin gehen" — "Am Mittwoch kommen Polizisten und Polizistinnen in die Kita" etc.

    Dennoch wurde mir letztens vorgeworfen, dadurch würde man die Kinder indoktrinieren besonders in Bezug auf den linguistischen Relativismus und speziell weil die Sapir-Whorf-These die "angeblich" widerlegt sei und von Linguistikern auch nicht vertreten wird . Also Sprache angeblich keine Auswirkungen auf das Denken/Verhalten hat.

    Ich bin verwirrt und suche nach empirischen Evidenzen bzw. Klärung des Sachverhalts.

    LG

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