Flüchtlinge zu Geflüchteten?

Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat in der Begrün­dung zu ihrer Wahl von Flüchtlinge zum Wort des Jahres am Rande the­ma­tisiert, dass das Wort „für sprach­sen­si­ble Ohren ten­den­ziell abschätzig“ klinge, und das deshalb „neuerd­ings … öfters alter­na­tiv von Geflüchteten die Rede sei. Es bleibe aber abzuwarten, ob sich diese Alter­na­tive „im all­ge­meinen Sprachge­brauch durch­set­zen“ würde. Der Vor­sitzende der GfdS, der Han­nover­an­er Sprach­wis­senschaftler Peter Schlobin­s­ki, wurde gegenüber der dpa deut­lich­er: „Ich glaube, dass Flüchtling let­ztlich bleibt, dass Geflüchtete keine Chance hat“.

Bei­de Fra­gen – ob Flüchtlinge einen neg­a­tiv­en Beik­lang hat und ob das Wort Geflüchtete (oder auch Flüch­t­ende) eine aus­sicht­sre­iche neu­trale Alter­na­tive wäre, stoßen auf anhal­tendes Inter­esse (der Sprachlog-Beitrag aus dem Jahr 2012 zu diesem The­ma gehört zu den am kon­tinuier­lich­sten abgerufe­nen, auch der Deutsch­land­funk hat in sein­er Berichter­stat­tung zum Wort des Jahres darauf ver­linkt). Ich möchte die Gele­gen­heit deshalb nutzen, diesen Beitrag um einige Per­spek­tiv­en zu ergänzen, die über die üblichen sub­jek­tiv­en Ein­drücke hin­aus­ge­hen, die die GfdS auch dieses Jahr anstelle sprach­wis­senschaftlich­er Analy­sen von sich gegeben hat.

Ist Flüchtling ein problematisches Wort?

Zunächst zur Frage, ob Flüchtling ein prob­lema­tis­ches Wort ist. Diese Frage kann man – abge­se­hen von sub­jek­tiv­en Ein­drück­en Betrof­fen­er, mit Betrof­fe­nen zusam­me­nar­bei­t­en­der Aktivist/innen oder Wort­wahljurys – auf zwei Weisen wis­senschaftlich ange­hen.

Zum einen kann man, wie im eben ver­link­ten Beitrag von 2012, die Struk­tur des Wortes unter­suchen. Die Nach­silbe -ling, die häu­fig für den möglicher­weise neg­a­tiv­en Beik­lang des Wortes ver­ant­wortlich gemacht wird, ist an ver­schiede­nen Wort­bil­dungsmustern beteiligt, von denen eines einen klar neg­a­tiv­en Beik­lang hat: Bil­dun­gen mit -ling aus Adjek­tiv­en (also [ADJEKTIV + -ling]) sind immer min­destens leicht abschätzig (z.B. Rohling, Son­der­ling, Schwäch­ling, Prim­i­tivling, Weich­ling), selb­st dort, wo das Adjek­tiv eigentlich pos­i­tiv ist (wie bei Schön­ling). Bei dem Wort­bil­dungsmuster [VERB + -ling], zu dem auch Flüchtling gehört, ist das allerd­ings nicht der Fall: hier gibt es sowohl neg­a­tive Wörter (z.B. Sträfling, Häftling, Ein­drin­gling), als auch neu­trale (z.B. Prüfling, Schüt­zling, Täu­flingNeuankömm­ling) und pos­i­tive (z.B. Säugling, Liebling). Diese Bedeu­tun­gen haben allerd­ings oft einen Beik­lang von Abhängigkeit oder Pas­siv­ität.

Aus dieser Analyse ergibt sich, dass Flüchtling zwar nicht notwendi­ger­weise neg­a­tiv behaftet sein muss, dass es für diejeni­gen, die das so empfind­en, aber dur­chaus eine sprach­liche Grund­lage für ihre Empfind­ung gibt.

Zum anderen kann man sich die Ver­wen­dungszusam­men­hänge anse­hen – z.B. die Adjek­tive, die häu­fig gemein­sam mit dem Wort auftreten. Bei dem klar abw­er­tenden Wort Asy­lant sind das (neben eini­gen Herkun­fts­beze­ich­nun­gen) fast auss­chließlich neg­a­tiv behaftete Wörter: geduldet, uner­wün­scht, unbe­quem, ille­gal, krim­inell, falsch, schwarz1 Nur zwei der zehn häu­fig­sten Adjek­tive sind neu­tral: anerkan­nt und echt. Bei Flüchtling find­en sich zum einen viel mehr Herkun­fts­beze­ich­nun­gen, zum anderen sind die häu­fi­gen Adjek­tive über­wiegend neu­tral: min­der­jährig, zurück­kehrend, unbe­gleit­et, trau­ma­tisiert, rück­kehrwillig, heimkehrend, anerkan­nt, zurück­gekehrt. Nur zwei der zehn häu­fig­sten Adjek­tive sind neg­a­tiv: geduldet und (auf Platz 10) ille­gal.

Aus dieser Analyse ergibt sich, dass Flüchtling offen­bar wei­thin als neu­trale Beze­ich­nung ver­wen­det wird. Das zeigt sich auch daran, dass es von allen poli­tis­chen Lagern ver­wen­det wird. Mit den ansteigen­den Flüchtlingszahlen und der entsprechen­den Berichter­stat­tung ist es im öffentlichen Sprachge­brauch sprung­haft angestiegen (was ja der Grund für die Wahl zum Wort des Jahres ist):

Abbildung 1: Verwendungshäufigkeit von Flüchtling (alle Formen) pro 100 Millionen Wörter im Deutschen Referenzkorpus.

Abbil­dung 1: Ver­wen­dung­shäu­figkeit von Flüchtling (alle For­men) pro 100 Mil­lio­nen Wörter im Deutschen Ref­eren­zko­r­pus.

Alternativen zu Flüchtling

Wie sieht es nun mit Alter­na­tiv­en aus – mit dem auch von der GfdS aufge­grif­f­e­nen Geflüchtete oder mit anderen, wie z.B. Flüchtende/r oder Zufluchtsuchende/r?

Begin­nen wir mit der Frage der Ver­wen­dung­shäu­figkeit. Wie die fol­gende Grafik zeigt, ist diese rel­a­tiv sta­bil, es lässt sich für keines der Wörter eine steigen­der Ten­denz beobacht­en. Das Wort Zufluchtsuchende/r spielt so gut wie gar keine Rolle (ich werde in den näch­sten Tagen in einem eige­nen Beitrag auf dieses Wort zurück­kom­men).

Abbildung 2: Verwendungshäufigkeit der Substantive Geflüchtete/r, Flüchtende/r und Zufluchtsuchende/r (alle Wortformen) pro 100 Millionen Wörter im Deutschen Referenzkorpus.

Abbil­dung 2: Ver­wen­dung­shäu­figkeit der Sub­stan­tive Geflüchtete/r, Flüchtende/r und Zufluchtsuchende/r (alle Wort­for­men) pro 100 Mil­lio­nen Wörter im Deutschen Ref­eren­zko­r­pus.

Auf den ersten Blick scheint Schlobin­s­ki also recht zu haben: Keine Chance für die Geflüchteten als Alter­na­tive zu den Flüchtlin­gen.

Der erste Blick täuscht hier aber, denn die Häu­figkeit­en unter­schei­den nicht nach ver­schiede­nen Bedeu­tun­gen. Sowohl Geflüchtete/r als auch Flüchtende/r haben näm­lich (min­destens) zwei Bedeu­tun­gen. Ein­er­seits wer­den sie – nicht nur von linken Aktivist/innen, son­dern in der Tage­spresse – als Alter­na­tive zu Flüchtling ver­wen­det:

  1. Zusät­zlich organ­isiert Sieben mit den Eltern Spielplatzbe­suche, Gril­l­abende, Spaziergänge und andere Freizeitak­tiv­itäten, die die Geflüchteten für kurze Zeit ihre Prob­leme vergessen lassen. [Neue West­fälis­che, 19.05.2014]
  2. Die Ein­rich­tung von Fluchtko­r­ri­doren wäre für die Bevölkerung der Ostukraine von großer Wichtigkeit: Flüch­t­ende müssen derzeit auf ihrem Weg aus den belagerten und umkämpften Städten und Gebi­eten an unzäh­li­gen Kon­troll­posten vor­bei [Wiener Zeitung, 11.06.2014]

Zweit­ens beze­ich­nen sie Men­schen, die vor der Polizei oder ähn­lichen Insti­tu­tio­nen fliehen (sind also eine Alter­na­tive zu Flüchtige):

  1. Kurz vor sein­er Wohnan­schrift ver­ließ der stark angetrunk­ene Mann fluchtar­tig das Taxi, um sich die Kosten zu sparen. Der Fahrer ver­fol­gte ihn erfol­gre­ich zu Fuß. Da sich der Geflüchtete der Polizei gegenüber aggres­siv ver­hielt, wurde er in Gewahrsam genom­men. [Neue West­fälis­che, 19.05.2014]
  2. Wie [die Polizei] am Sonnabend mit­teilte, beobachteten die Beamten den 33-jähri­gen Tatverdächti­gen beim Her­aussprin­gen aus einem Fen­ster ein­er Woh­nung und nah­men den Flüch­t­en­den kurz darauf fest. Sein Kom­plize entkam unerkan­nt. [Der Tagesspiegel, 19.01.2014]

Bei Flüchtende/r ist diese Bedeu­tung extrem dom­i­nant – sie find­et sich in über 95 Prozent aller Ver­wen­dun­gen. Es ver­bi­etet sich also schon aus diesem Grund, das Wort für Flüchtlinge zu ver­wen­den – diese wer­den dadurch gedanklich automa­tisch mit flüch­t­en­den Einbrecher/innen, Unfallverursacher/innen oder Häftlin­gen in Verbindung gebracht.

Anders sieht es bei dem Wort Geflüchtete/r aus. Hier zeigt sich näm­lich bei genauer­er Analyse eine sehr inter­es­sante Bedeu­tungsver­schiebung: Zu Beginn des Zeitraums, den ich mir hier anse­he, ist die Bedeu­tung „(vor der Polizei o.ä.) Flüchtige“ noch sehr häu­fig. Als Alter­na­tive zu Flüchtling find­et sich das Wort vor­rangig dann, wenn es durch eine adver­biale Bes­tim­mung mod­i­fiziert wird, wie in den fol­gen­den Beispie­len:

  1. Damit stieg die Zahl der aus dem Süd- in den Nordteil der Hal­binsel Jaffna Geflüchteten auf 12 000 [Frank­furter Rund­schau, 4.4.2000]
  2. Allein im let­zten Jahr beantragten über 70 000 aus poli­tis­chen und wirtschaftlichen Grün­den Geflüchtete in Gross­bri­tan­nien Asyl. [Der Bund, 20.6.2000]

Hier lässt sich das Wort Flüchtling nicht ohne weit­eres ver­wen­den, da Phrasen wie aus dem Süd- in den Nordteil der Hal­binsel Flüchtlinge (oder Aus-dem-Süd-in-den-Nordteil-der-Hal­binsel-Flüchtlinge oder sog­ar Flüchtlinge aus dem Süd- in den Nordteil der Hal­binsel) ungram­ma­tisch bzw. extrem ungewöhn­lich klin­gen.

Wie die fol­gende Abbil­dung zeigt, machen die Bedeu­tung „(vor der Polizei o.ä.) Flüchtige“ und die Ver­wen­dung mit adver­bialer Bes­tim­mung in den Jahren 2000, 2004 und 2009 (die ich als Stich­proben gewählt habe) die deut­liche Mehrheit aus, nur ein klein­er Teil der Ver­wen­dun­gen entspricht Beispiel (1) oben, ist also ein Syn­onym für Flüchtling.

Abbildung 3. Relativer Anteil der verschiedenen Bedeutungen von Geflüchtete/r in vier verschiedenen Jahren im Deutschen Referenzkorpus

Abbil­dung 3. Rel­a­tiv­er Anteil der ver­schiede­nen Bedeu­tun­gen von Geflüchtete/r in vier ver­schiede­nen Jahren im Deutschen Ref­eren­zko­r­pus

Im Jahr 2014 (dem let­zen Jahr, für das derzeit Dat­en vor­liegen), sieht es anders aus: das Ver­hält­nis hat sich umgekehrt. Schon im let­zten Jahr hat die neuere Bedeu­tung „Men­sch auf der Flucht vor Krieg/Armut/etc.“ begonnen, die Bedeu­tung „(vor der Polizei o.ä.) Flüchtige“ zu ver­drän­gen – ein deut­lich­er Hin­weis darauf, dass das Wort Geflüchteter bere­its dabei ist, sich als Alter­na­tive zu Flüchtling im all­ge­meinen Sprachge­brauch durchzuset­zen.

Man kön­nte Schlobin­s­ki also erwidern: Geflüchtete/r hat keine Chance, aber die nutzt es längst.

Zusammenfassung

Flüchtling ist nach wie vor ein neu­tral ver­wen­detes Wort zur Beze­ich­nung von Men­schen, die vor Krieg, Armut oder ähn­lichem fliehen. Die Alter­na­tive Geflüchtete/r hat aber bere­its eine deut­liche Ver­bre­itung erfahren und es ist wahrschein­lich, dass sie sich langfristig neben Flüchtling etablieren wird. Das Wort Flüchtende/r dage­gen wird vor­rangig für Men­schen ver­wen­det, die vor der Polizei fliehen (z.B. von einem Tatort). Sie kann deshalb keine neu­trale Alter­na­tive für Flüchtling darstellen.

  1. Natür­lich nicht per se neg­a­tiv, son­dern neg­a­tiv auf­grund der Tat­sache, dass in diesen Ver­wen­dun­gen die Haut­farbe in den Vorder­grund gestellt wird, um die so beze­ich­neten als fremd und nicht zuge­hörig zu kennze­ich­nen. []

64 Gedanken zu „Flüchtlinge zu Geflüchteten?

  1. Tom

    Man kann die Men­schen nicht durch Neusprech für dumm verkaufen. Es hieß schon immer “Flüchtling” und keinen hat das gestört, bevor die grü­nen Gut­men­schen Wörter wie Geflüchteter und Refugee (vul­go “Räfjud­schi”) erfun­den haben. Ich werde auf jeden Fall weit­er Flüchtling sagen und lasse mir das von keinem selb­ster­nan­nten Sprachex­perten ver­bi­eten!

  2. Anatol StefanowitschAnatol Stefanowitsch Beitragsautor

    @ Tom: Keine Ahnung, ob man „die Men­schen“ durch Neusprech für dumm verkaufen kann. Ich nehme an, einige ja, einige nein. Sie soll­ten jeman­den fra­gen, der sich mit Neusprech befasst – in meinem Beitrag geht es um Alt­sprech, das Wort Geflüchtete gibt es min­destens seit dem 17. Jahrhun­dert:

    • diese Gefluechtete sollen aus der Stadt pest gewe­sen seyn [1687]
    • und sich samt den Seini­gen / zugle­ich zusamm-Gefluechteten / hinein­begeben [1688]
    • Die Gefluechtete waren die Glueck­selig­sten / dann die Frant­zosen erwiesen an den uebri­gen und ihren Guetern bald / wie viel ihnen und ihren Worten zu trauen [1690]

    Und natür­lich hieß es nicht „schon immer“ Flüchtling – auch dieses Wort stammt aus dem 17. Jahrhun­dert. Zu dem Zeit­punkt, als dieses Wort erfun­den wurde (von Gut- oder Schlecht­men­schen heute nicht mehr rekon­stru­iert­bar­er Farbe), war die deutsche Sprache übri­gens schon über 1000 Jahre alt – also etwa genau­so alt wie Ihre irra­tionale Angst, irgend­je­mand wolle Ihnen Ihre Lieblingswörter ver­bi­eten. Ich will Ihnen nicht zu nahe treten aber SIE HABEN OFFENBAR NICHT EINMAL DIE ZUSAMMENFASSUNG AM ENDE DES BEITRAGS GELESEN.

    Übri­gens: Ich musste mich gar nicht selb­st ernen­nen – ich wurde vom Land Berlin zum „Sprachex­perten“ (vul­go: Pro­fes­sor für Sprach­wis­senschaft) ernan­nt, und davor vom Land Ham­burg und davor vom Land Bre­men.

  3. Anatol StefanowitschAnatol Stefanowitsch Beitragsautor

    @ Roland Roos: Hm, lassen Sie mich kurz nach­schauen – das Wort Flüchtling gibt es seit dem 17. Jahrhun­dert (eine frühe Ver­wen­dung find­et sich 1647 bei Philipp von Zesen), das Abkom­men über die Rechtsstel­lung der Flüchtlinge ist aber von 1951. Das würde ja bedeuten, dass das Wort Flüchtling über 300 Jahre lang gar keine Bedeu­tung hat­te! Alter­na­tiv kön­nte es natür­lich auch sein, dass die Bedeu­tung von Wörtern gar nicht durch inter­na­tionale Verträge definiert wird, son­dern dass solche Verträge all­t­agssprach­liche Begriffe auf­greifen und für ihre Zwecke umdefinieren. Wenn das so wäre, würde man ver­muten, dass so ein Ver­trag bei der Def­i­n­i­tion darauf hin­weist, dass diese nur für Vorgänge gilt, die sich auf diesen Ver­trag beziehen. So etwa in der fol­gen­den Art:

    Im Sinne dieses Abkom­mens find­et der Aus­druck “Flüchtling” auf jede Per­son Anwen­dung […]

    Und wie der Zufall es will ste­ht es genau so in dem von Ihnen so geschätzten Abkom­men. Sollte man als Troll eigentlich wis­sen.

  4. Wentus

    Geflüchtete” hat natür­lich den Vorteil, gle­ichzeit­ig männlich und weib­lich zu sein.
    Wenn man von “Flüchtlin­gen” spricht, hat man genaugenom­men mal wieder die Frauen außer Acht gelassen.
    Ich halte diesen Aspekt für das Haup­tar­gu­ment der Benutzung von “Geflüchtete”.

  5. Susanne

    Wie sich in der Sprachgeschichte schon des Öfteren gezeigt hat, set­zen sich meis­tens die Begriffe durch die ein­fach­er zu sprechen sind. Denn Sprache wird nun mal “gesprochen”. Kön­nte es vielle­icht auch daran liegen, dass es bei “Flüchtling” bleiben wird?

  6. Anatol StefanowitschAnatol Stefanowitsch Beitragsautor

    @ Susanne: Wenn sich in der Sprachgeschichte grund­sät­zlich Wörter durch­set­zen wür­den, die ein­fach zu sprechen sind, wür­den inzwis­chen alle Wörter „uh“ laut­en. Tat­säch­lich ste­ht das Prinzip der Ökonomie, das Sie nen­nen, in Konkur­renz zum Prinzip der Ver­ständlichkeit (wenn alle Wörter „uh“ laut­en wür­den, würde uns nie­mand mehr ver­ste­hen). Dass sich „Geflüchtete“ neben dem kürz­eren „Flüchtling“ durch­set­zt, deutet darauf hin, dass es für eine nen­nenswerte Anzahl von Sprecher/innen einen kom­mu­nika­tiv­en Vorteil mit sich bringt, z.B.eine Bedeu­tungs­d­if­feren­zierung ermöglicht.

  7. Roland Roos

    Ich bin kein Troll, ich bin vom Fach und weiß, wovon ich rede. Das Wort “Flüchtling” ist juris­tisch ein­deutig definiert, egal ob die Leute es im All­t­ag falsch ver­wen­den, weil ihnen die juris­tis­che Vor­bil­dung fehlt. Philipp von Zesen ist laut seinem Wikipedia-Ein­trag Schrift­steller, also auch kein Jurist, und deshalb spielt es keine Rolle, wann und wie er das Wort ver­wen­det hat.

  8. Anatol StefanowitschAnatol Stefanowitsch Beitragsautor

    @ Roland Roos: Ich habe hier einen Kaufver­trag liegen, in dem es heißt: „Ana­tol Ste­fanow­itsch (im Fol­gen­den: der Kunde“) — das heißt dann doch, dass alle, die das Wort „Kunde“ benutzen, damit mich meinen, oder? Das kommt mir zwar komisch vor, aber das Wort „Kunde“ ist in diesem Ver­trag ja juris­tisch ein­deutig definiert, deshalb beuge mich natür­lich Ihrem Urteil als Fach­mann.

  9. Olaf

    @Anatol:

    Eine Frage am Rande: gibt es eine Erk­lärung für den selt­samen “2-Jahres-Zyk­lus”, also die Zick-Zack-Kurve zwis­chen 2004–2013? Er ist in den anderen Kur­ven (Geflüchtete, Zuflucht­suchende) durch die Skalierung schw­er zu erken­nen, aber ja auch vorhan­den. Da scheint doch irgend­wo der Kor­pus einen Defekt zu haben…

    Und eine Anmerkung zur Inter­pre­ta­tion: du schreib­st, die Alter­na­tiv­en zu Flüchtling seien ‘rel­a­tiv sta­bil’. Wenn diese aber in ihrer Ver­wen­dung­shäu­figkeit kon­stant sind, “Flüchtling” in sein­er Ver­wen­dung­shäu­figkeit aber um den Fak­tor 2,5 (Abb.1) im sel­ben Zeitraum gestiegen ist: Heisst das nicht, das die Alter­na­tiv­en zum Flüchtling auf dem absteigen­den Ast sind?

    LG,
    Olaf

  10. Anatol StefanowitschAnatol Stefanowitsch Beitragsautor

    @ Olaf: Zum Zick­za­ck: Es sind ja recht geringe Häu­figkeit­en, da ist ja viel Schwankung erwart­bar – warum sie so regelmäßig auf und ab geht, kann ich ger­ade nicht sagen (die anderen bei­den Wörter haben kein Zick­za­ck­muster, wenn man sich die tat­säch­lichen Zahlen ansieht).

    Zur Anmerkung: Flüch­t­ende wird eben haupt­säch­lich für „Flüchtige/Entflohene“ ver­wen­det, da es davon heute nicht mehr gibt als vor 15 Jahren, ist die Ver­wen­dung­shäu­figkeit eben gle­ich geblieben. Bei Geflüchtete ist die entschei­dende Bedeu­tung „Flüchtlinge“ mit dem Anstieg der Flüchtlingszahlen deut­lich häu­figer gewor­den, die Bedeu­tung „Flüchtige/Entflohene“ wird sel­tener.

  11. Buck Rivera

    Bei der Diskus­sion, ob das eine oder das andere Wort bess­er sei, sich durch­set­zen werde etc., kann leicht überse­hen wer­den, dass die bei­den Wörter in einem dif­feren­zierten Sprachge­brauch nicht völ­lig aus­tauschbar ver­wen­det wer­den.

    Ein Geflüchteter ist jemand, der geflüchtet ist. Das Wort hat einen deut­lich per­fek­tiv­en Bedeu­tungs­ge­halt. Wenn man den ganz ern­st­nimmt, ist ein Geflüchteter ein Angekommen­er, jemand, dessen Flucht vor­bei ist. „Flücht­en“ ist ein per­fek­tives Verb. Es führt von einem sta­bilen Zus­tand (Aufen­thalt an Ort A) zu einem anderen sta­bilen Zus­tand (Aufen­thalt an Ort B).

    Als Beze­ich­nung für die vie­len Men­schen auf der Flucht, die sich in prekären Über­gangssi­t­u­a­tio­nen befind­en und, selb­st wenn sie irgend­wo angekom­men sind, wieder zurück­geschickt wer­den kön­nen, ist „Flüchtling“ oft angemessen­er.

  12. Olaf

    @Anatol:

    @Geringe Häu­figkeit­en: Das gebe ich zu. Bei 100 Tre­f­fern würde ich mir den­noch die Kurve etwas weniger “zyk­lisch” vorstellen. Das dort irgen­dein 2-Jahres-Mess­fehler vor­liegt scheint aber doch irgend­wie nicht unplau­si­bel (bzw ich sehe Muster wo keine sind).

    @Zur Anmerkung: Ich glaube ich habe mich da missver­ständlich aus­ge­drückt. Es ging nicht um das Ver­hält­nis der Zahlen von ‘Flüch­t­en­den zu Geflüchteten zu Flüchtigen/Entflohenen’, son­dern um deren Ver­hält­nis zu den ‘Flüchtlin­gen’. Die Ver­wen­dung­shäu­figkeit des Begriffs ‘Flüchtling’ hat sich in den let­zten 2 Jahren ca verzweiein­halb­facht, während die Nutzung von ‘Flüch­t­end, Geflüchtet, Flüchtigen/Entflohenen’ für sich genom­men und in Summe kon­stant geblieben ist.

    Was ich sagen wollte war: Die Alter­na­tiv­en stinken gegen ‘Flüchtling’ ab!

    LG,
    Olaf

  13. Michaela Lusru

    Wenn wir das Wesen dessen, was wir mit “Willkom­men” mein­ten, tre­f­fend beschreiben wollen, ist allerd­ings der “Flüchtling”, der ja auch aus krim­inellen oder ähn­lich unschö­nen Grün­den vor Ver­fol­gung “flüchtet”, arg neg­a­tiv vor­be­lastet.
    Genau genom­men geht es uns dabei ja auch nicht um alle, die “wan­dern”, son­dern vor­rangig um die, die VERTRIEBEN wur­den aus ihren Ansäs­sigkeit­en, aus ihren Lebenswel­ten und Exis­ten­zen.
    Richtig muss es also heis­sen (das Wilkom­men gel­ten den)
    VERTRIEBENEN.
    Dann wird das Prob­lem in Deutsch­land völ­lig anders ver­ständlich, auch für “ein­fache Gemüter” oder “besorgte Bürg­er”, denn dieser Begriff schafft die Kraft, die nun hier erforder­lich ist, er (er)wärmt die Herzen, während “Flüchtling” doch zu sehr an Ver­fol­gte Übeltäter erin­nert, wie z.B. im Tatort Son­ntag abend ARD

  14. Wuwei

    Auch ich habe hier einen Ver­trag liegen,. bei dem ich, Wuwei, als Kunde beze­ich­net werde.

    Jet­zt quält mich die Frage, ob Sie, Ana­tol Ste­fanow­itsch, und ich, eine Per­son bin/sind

  15. Gerald Fix

    Bil­dun­gen mit –ling aus Adjek­tiv­en (also [ADJEKTIV + –ling]) sind immer min­destens leicht abschätzig

    War das immer so? Den Jüngling kenne ich aus der klas­sis­chen Märchen- und Aben­teuer­lit­er­atur eher positv beset­zt — abschätzig wird das Wort, so scheint mir, erst benutzt, seit es ver­schwindet.

  16. Tom

    Manch­mal denke ich, wäre es bess­er wenn Bild­blogs “6 vor 9” manche Beiträge nicht ver­linken würde. So bliebe einem Zeit für Sin­nvolleres übrig als diese Betrag zu anzule­sen. Die aktuelle Mode, jedes Wort, das für die Beschrei­bung von Rand­grup­pen oder Benachteiligte aller Art (oder Kreise, die irgend­wie in Frage kom­men kön­nten, es zu sein), per wis­senschaftlich­er oder pseudowis­senschaftlich­er Her­führung zu Unwörtern zu erk­lären, geht einem langsam aber sich­er auf den Keks. Und ich behaupte jet­zt auch ein­fach, dass diese Diskus­sion min­destens 99,9 Prozent der Betrof­fe­nen — sprich den Flüchtlin­gen — am Aller­w­ertesten vor­bei geht.

  17. Achim

    @ Roland Roos: Als Jurist wis­sen Sie alles, klar. Sie hät­ten allerd­ings Lehrer wer­den sollen, denn die wis­sen alles bess­er. Im Ernst: Wenn ein inter­na­tionales Abkom­men sich ein­lei­t­end um eine Legalde­f­i­n­i­tion eines im Abkom­men ver­wen­de­ten Begriffs bemüht, ist das ein Zeichen dafür, dass der Begriff im Sprachge­brauch zu unscharf ist, um ohne weit­eres einen ein­deuti­gen Rechts­be­griff abzugeben. Daher auch die in vie­len Geset­zen vork­om­mende For­mulierung “XY im Sinne des Geset­zes ist, wer…”.

  18. Lars Bräsicke

    Mir ist unklar, wie man bei einem Wort eine ten­den­tiell neg­a­tive Bedeu­tung sehen kann, weil es das Bil­dungssuf­fix -ling enthält. Schon diese Argu­men­ta­tion, meist anhand natür­lich exis­ten­ter neg­a­tiv­er Beispiele mit -ling, ist doch frag­würdig bis absurd. Das Suf­fix -ling war sehr pro­duk­tiv, vom Säm­ling, Stich­ling, Fin­d­ling bis zum Lehrling (der schon durch das das alberne Azu­bi abgelöst wurde) und ist zunächst völ­lig wert­frei. Mit allen Wort­bil­dungsaf­fix­en gibt es neg­a­tive Begriffe. Wollte man darob alle nicht­neg­a­tiv­en Begriffe abschaf­fen, blieben zur Bil­dung solch­er wohl nur noch die sub­stan­tivierten Par­tizip­i­al­en­dun­gen übrig, die — wie man sieht — aber auch nicht unprob­lema­tisch sind. Nichts gegen ein gutes Maß an Sprach­sen­si­bil­ität, aber solch unsin­nige Auswüchse lassen mich nur den Kopf schüt­teln.

  19. ich

    Jüngling impliziert aber auch einen Man­gel an Erfahrung und stellt den­jeni­gen als “unwissend(er)” da.

  20. Th. Koch

    @Roland Roos
    Ich weiss, ja nicht, von welchem Fach sie sind, aber wenn es ein juris­tis­ches ist, soll­ten Sie wis­sen, dass gle­iche Sub­stan­tive schon in der Rechtssprache — vom All­t­ags­ge­brauch ein­mal abge­se­hen — keine ein­heitliche Bedeu­tung haben müssen und den Begrif­f­en eine (jew­eilige) nor­ma­tive Verbindlichkeit ohne­hin nur im Ver­hält­nis zu den recht­san­wen­den­den Stellen bzw. Nor­madres­sat­en zukommt, so dass eine abwe­ichende Ver­wen­dung durch Nich­tadres­sat­en bei nor­ma­tiv­er Betra­ch­tung nicht als “falsch” beze­ich­net wer­den kann.
    @Tom
    Vielle­icht soll­ten Sie bedenken, dass die Frage nach einem zu benutzen­den Begriff nicht allein den Ver­wen­der ange­ht, weil Kom­mu­nika­tion einen Adres­sat­en hat und einen Drit­ten betr­e­f­fen kann. Und ent­ge­gen einem ger­ade bei “besorgten Bürg­ern” ver­bre­it­eten Irrtum hat übri­gens die Mei­n­ungs­frei­heit nicht zum Inhalt, dass Äußerun­gen fol­gen­los bleben müssen. Wer im Sprachge­brauch zB her­ab­set­zende Begriffe für eine Bevölkerungs­gruppe ver­wen­det (vgl. das “N-Wort”), hat min­destens zu gewär­ti­gen, dass er von der weit­eren Kom­mu­nika­tion aus­geschlossen wird.

  21. Somaro

    Was hat es mit Wis­senschaft zu tun, darauf zu ver­weisen, dass einige Begriffe die auf -ing enden abschätzig gemeint sind? Was hat das mit Wis­senschaft zu tun, darauf zu ver­weisen, dass andere Begriffe die auf -ing enden, pos­i­tiv beset­zt sind? Was hat es mit Wis­senschaft zu tun, zu dem Ergeb­nis zu kom­men, dass diese Gemein­samkeit­en mit anderen Begrif­f­en eine Grund­lage für die neg­a­tive Empfind­ung beweist?

    Also ich per­sön­lich finde das The­ma ja äußert inter­es­sant, aber nach dieser “Argu­men­ta­tion” hat­te ich keine Lust mehr. Man kann ja mit vielem argu­men­tieren, zeitliche Zusam­men­hänge (wie bei Lügen­presse), primär­er Gebrauch (wie bei Bas­tard) oder auch alter­na­tive Nutzung zur Ver­schleierung (wie bei Diskus­sion­swürdig statt Abgelehnt), aber doch nicht mit Ver­gle­ichen und dem Argu­ment, dass es da eine Empfind­ung gebe.

    Von wem, für was, aus welchem Grund?
    Ich kann mich doch nicht auf eine unspez­i­fizierte Empfind­ung berufen und das Ganze dann Wis­senschaft nen­nen.

    Also sor­ry, ich erwarte nach­prüf­bare und repro­duzier­bare Logik und kein Hin und Her Hopsen. Und ich finde man sollte dann mit der Aus­gangssi­t­u­a­tion anfan­gen: “Generell abschätzig für sprach­sen­si­ble Ohren” — dieser Satz wird so hin­genom­men, als gäbe es an den ver­wen­de­ten Begrif­f­en nichts zu hin­ter­fra­gen. Und schon gar nicht an der Organ­i­sa­tion, die dahin­ter ste­ht.

    TL:DR
    Inter­es­santes The­ma, aber allein der Teil ob Flüchtling abschätzig ist, hat nichts von Wis­senschaft. Und anfan­gen sollte man, die Begrün­dung zu hin­ter­fra­gen und zu disku­tieren, anstatt das ein­fach kri­tik­los zu übernehmen.

  22. Daniel

    Ich möchte Ihre Aus­sage “Die Alter­na­tive Geflüchtete/r hat aber bere­its eine deut­liche Ver­bre­itung erfahren und es ist wahrschein­lich, dass sie sich langfristig neben Flüchtling etablieren wird.” etwas rel­a­tivieren. Flüchtling wurde 2014 gemäß Grafik 1 knapp 5000 mal (pro 100 Mil­lio­nen) ver­wen­det, Geflüchter ca 16 mal, davon nicht mehr als 10 mal in der Bedeu­tung Flüchtling. Das ergibt ein Ver­hält­nis von ca 500:1. Von Bedeu­tung kön­nte hier auch sein, dass Jour­nal­is­ten gerne Syn­onyme ver­wen­den, wenn ein Begriff zu häu­fig auf­taucht um Wieder­hol­un­gen zu ver­mei­den (der Leimen­er, die Brüh­lerin).

    Ein Ver­hält­nis von 500:1 finde ich zu ger­ing, um das als eine nen­nenswerte Ver­bre­itung zu betra­cht­en. Bei dieser Fak­ten­lage tendiere ich eher zur Mei­n­ung Ihres Kol­le­gen Schlobin­s­ki.

  23. Theo Burckgard

    Als Nicht­fach­mann würde ich sagen, dass ein Flüch­t­en­der im Moment ger­ade flüchtet und dass ein Geflüchteter die Flucht schon hin­ter sich hat. Unter dem Begriff Flüchtling kann man bei­des zusam­men­fassen.

  24. Mycroft

    Danke für die aus­führlichen Erläuterun­gen.
    Ich sehe das aber ähn­lich wie Buck Rivera: ein Flüchtling ist auf der Flucht, ein Geflüchteter war auf der Flucht (für weib­liche Flüchtlinge gilt sin­ngemäß das­selbe). Zumin­d­est, bis der Asy­lantrag pos­i­tiv beschieden ist, sug­geriert “Geflüchtete/r” eine Sicher­heit, die es so noch nicht gibt. Und Leute, die in kleinen Booten auf dem Mit­telmeer umkom­men, würde ich nur mit viel Zynis­mus als Geflüchtete beze­ich­nen.
    Hinzu kommt, wenn “Flüchtling” ein ste­hende juris­tis­che t.t. ist, tut es keinem weh, ihn auch zu ver­wen­den. (Ihr Beispiel mit dem Ver­trag passt nicht, weil da “Ste­fanow­itsch” nur für den Ver­trag selb­st mit “Kunde” erset­zt wird.)
    Und eine Gruppe, bei der “Flüchtling” neg­a­tiv kon­notiert ist, dürfte die der Aus­län­der­feinde sein. Die haben was gegen Flüchtlinge, also haben die auch was gegen Geflüchtete, Refugees, Zuflucht­suchende und Asy­lantrag­steller bei­der­lei Geschlecht­es. Andere Wörter wer­den daran wenig ändern.

    Aber mal was anderes, Sie schreiben, “anerkan­nt” und “echt” seien neu­trale Adjek­tive. Wieso? Anerken­nung und Echtheit sind doch pos­i­tiv, müssten die zuge­höri­gen Adjek­tive (Par­tizip­i­en?) das nicht auch sein?

  25. Winny

    Guter Beitrag, vie­len Dank!

    Let­z­tendlich brauchen wir ja auch seman­tis­che Vari­a­tio­nen, um nicht immer diesel­ben For­mulierun­gen ver­wen­den zu müssen. Ist zu Beginn eines Textes ein­mal klar definiert, über wen geschrieben wird, dann ist u.U. auch der Aus­druck “Flüch­t­ende” denkbar und sprach­lich eine willkommene Abwech­selung.

    Eine Kri­tik an dem Wort Flüchtling wäre m.E. noch, dass es sich leichter als seine Syn­onyme mit Wörtern neg­a­tiv­en Bedeu­tungs­ge­halts verbinden lässt, wie beispiel­sweise die Flüchtlingswelle, Flüchtlingskrise, Flüchtling­sprob­lematik, Flüchtlingsströme, Flüchtlings­dra­ma, Flüchtlingse­lend etc.
    Mit den Beze­ich­nun­gen “Geflüchtete” oder “Flüch­t­ende” ist dieses nicht ohne weit­eres möglich.

    Außer­dem bleibt die Kausal­ität des Prob­lems und somit der Hand­lungs­be­darf im Herkun­ft­s­land der “Flüchtlinge”. Hier haben aber die meis­ten durch ihre Flucht für sich bere­its eine Lösung gefun­den (in dem sie vor der Bedro­hung geflo­hen sind). Sobald sie in einem sicheren Land sind und die Bedro­hung wegge­fall­en ist, han­delt es sich somit eigentlich nicht mehr um “Flüch­t­ende”, son­dern allen­falls um “Ver­triebene”, falls sie in dem neuen Land nicht bleiben kön­nen. (Die Aus­drücke “Geflüchtete” und “Flüchtlinge” scheinen hier unschär­fer und kön­nen im Gegen­satz zum “Flüch­t­en­den” auch eine zurück­liegende Flucht mit bein­hal­ten).

    Mir per­sön­lich gefällt der Aus­druck “Schutz­suchende”, da genau genom­men dieses dem tat­säch­lichem Anliegen der “Flüchtlinge” bei uns in Deutsch­land entspricht und gle­ichzeit­ig deut­lich wird, was wir — unab­hängig davon, welche Zustände in den Heimatlän­dern herrschen — tun kön­nen, um diesen Men­schen zu helfen.

  26. Achim

    Ich habe noch zwei Anmerkun­gen: In engl. “refugee” steckt das Wort “refuge” = Zuflucht drin. Das ist natür­lich schön, mich inter­essiert aber jet­zt das Wort­bil­dungss­chema. Angelehnt an “trainee” oder “mentee” würde es bedeuten “ein­er, dem eine Zuflucht gegeben wird”. Ins­ge­samt scheint es nicht viele Wörter nach dem Muster zu geben (inter­es­san­ter­weise nen­nt Mer­ri­am / Web­ster “depor­tee” und “evac­uee” als Syn­onyme, was ich anzweifeln möchte).

    Zum anderen: Es gibt wohl eine Ten­denz, “anstößige” deutsche Wörter durch mehr oder weniger äquiv­a­lene englis­che Wörter zu erset­zen. Hier an der Uni reden die ein­schlägi­gen Aktivis­ten von “peo­ple of col­or”, und ich frage mich, warum das erlaubt sein soll und “far­bige Men­schen” nicht.

  27. Sahni

    Was passiert mit Exem­plaren wie bspw dem Vio­let­ten Rötel­rit­ter-ling oder Vio­let­ter Lack­trichter-ling?

  28. Sabine Manning

    Die sprach­wis­senschaftlichen Debat­ten um ‘Flüchtling’, ‘Geflüchtete/r’ oder ‘Refugee’ sind sehr anre­gend und man kön­nte sie unendlich fort­führen. Aber nicht min­der nüt­zlich für den Sprachge­brauch sind klare Resümees, wie im obi­gen Beitrag die ‘Zusam­men­fas­sung’. Aus solchen Erken­nt­nis­sen ist z.B. im Blog “Sprachkri­tik und Poli­tik” ein klein­er ‘Weg­weis­er’ durch die umstrit­te­nen Begriffe ent­standen:
    http://sprachkritik.org/2015/11/17/refugee-statt-fluechtling/

  29. Anatol StefanowitschAnatol Stefanowitsch Beitragsautor

    @ Mycroft: „Flüchtling“ wird eben­falls nur im Rah­men der betr­e­f­fend­en Verträge mit der durch diese Verträge definierten Bedeu­tung verse­hen, die Verträge zie­len nicht darauf ab, das Wort grund­sät­zlich zu definieren (was auch merk­würdig wäre, da die Bedeu­tung von Wörtern nicht ver­traglich fest­gelegt wird, son­dern sich aus dem Sprachge­brauch ergibt).

  30. Anatol StefanowitschAnatol Stefanowitsch Beitragsautor

    @ Sah­ni: Dabei han­delt es sich um ein Wort­bil­dungsmuster, das im Beitrag oben nicht erwäh­nt ist (aber im ver­link­ten Beitrag von 2012), näm­lich [SUBSTANTIV + -ling]. Dieses Muster hat zwei Unterbe­deu­tun­gen: a) „Per­son, die über ihren Bezug zum SUBSTANTIV definier­bar ist“ (z.B. Däum­ling, Lüstling, Dichter­ling, Schreiber­ling) – diese Unterbe­deu­tung hat typ­is­cher­weise einen neg­a­tiv­en Beik­lang; b) „Tier/Pflanze/Gegenstand“, vor allem für Fis­che (wie den Saib­ling oder Stich­ling), aber auch Vögel (Sper­ling) und Insek­teng (Enger­ling), Pilze (wie die von Ihnen genan­nten Beispiele, vgl. aber auch Ries­ling, Schier­ling) und Münzen (Sil­ber­ling, Schilling (urspr. Schildling)) – diese sind nicht neg­a­tiv kon­notiert, allerd­ings sind es eben Tiere und Pflanzen, sodass die neg­a­tive Kon­no­ta­tion bei Per­so­n­en­beze­ich­nun­gen dur­chaus durch diese Assozi­a­tion mit „niederen“ Lebens­for­men mitbe­d­ingt sein kön­nte.

  31. Anatol StefanowitschAnatol Stefanowitsch Beitragsautor

    @ Theo Bur­ck­gard: Nein, „geflüchtet“ bin ich in dem Moment, in dem ich die Flucht ange­treten habe, ob ich immer noch auf der Flucht bin oder nicht, lässt sich daraus nicht ableit­en (das zeigt auch der Sprachge­brauch, wo das Wort sowohl in der Bedeu­tung „Ent­flo­hen­er“ als auch in der Bedeu­tung „Flüchtling“ auf Men­schen angewen­det wird, die noch auf der Flucht sind.

  32. Andrzeij

    @Somaro: Sie müssen sich nicht für Sprach­wis­senschaft inter­essieren (was Sie offenkundig auch nicht tun), aber Sie müssen auch nicht allem, was ohne Laborkit­tel und Welt-der-Wun­der-Beitrag daherkommt, den Wis­senschaftssta­tus oder Nutzen absprechen. Ein leb­haftes Inter­esse daran, poli­tis­chen Diskurs über das Explizite hin­aus zu ver­ste­hen, stünde auch Ihnen gut. Dafür muss man sich aber auch daran machen, es zu analysieren.

  33. Anatol StefanowitschAnatol Stefanowitsch Beitragsautor

    @ Daniel: Es gibt jede Menge Wörter, die in Tageszeitun­gen um die 10 Mal pro 100 Mil­lio­nen Wörter vorkom­men und trotz­dem „ver­bre­it­et“ sind, z.B. Wüstling, mit 13 Tre­f­fern. Ob das Wort Geflüchtete in der Bedeu­tung „Flüchtling“ eine „deut­liche Ver­bre­itung“ erfahren hat, zeigt sich nicht an einem Ver­gle­ich mit Flüchtling, son­dern an einem Ver­gle­ich mit der eige­nen Häu­figkeit zu einem früheren Zeit­punkt. Sie dür­fen gerne zur Mei­n­ung des Kol­le­gen Schlobin­s­ki tendieren, haben aber für diese Mei­n­ung eine eben­so dünne empirische Grund­lage wie er.

  34. Anatol StefanowitschAnatol Stefanowitsch Beitragsautor

    @ Somaro: So trau­rig, dass die Sprach­wis­senschaft nicht Ihr Wohlwollen find­et. Ich werde gle­ich alle Kolleg/innen anrufen, und ihnen sagen, dass wir unsere Tätigkeit umge­hend ein­stellen wer­den, weil jemand im Inter­net unzufrieden war, nach­dem er das erste Vier­tel eines Blog­beitrags gele­sen hat­te.

  35. Anatol StefanowitschAnatol Stefanowitsch Beitragsautor

    @ Tom: Ich weiß, dieses gemeine Bild-Blog mit sein­er per­fi­den Klick-Dik­tatur ist eine ganz üble Sache. Da hät­ten Sie eine Lösung für die Flüchtlingssi­t­u­a­tion find­en kön­nen, wenn man Sie nicht bru­tal auf diese Seite gebracht und zum Lesen gezwun­gen hätte. Nein, natür­lich nur zum „Anle­sen“, bevor Sie sich dann doch todesmutig los­reißen und entkom­men kon­nten um sich Sin­nvollerem zu wid­men – natür­lich erst, nach­dem Sie noch schnell einen Kom­men­tar hin­ter­lassen haben, der erk­lärt, dass Sie Sin­nvolleres zu tun haben als vom Bild-Blog ver­link­te Beiträge anzule­sen.

  36. Mycroft

    @Anatol Ste­fanow­itsch:

    Erstens: Ihr Kaufver­trag gilt nur für Sie und den Verkäufer (juris­tis­che oder natür­liche Per­son), insoweit Sie ihn bei­de unter­schrieben haben, und nicht für Dritte, inter­na­tionale Verträge hinge­gen für alle Men­schen, die sich in den Gebi­eten der Unterze­ich­n­er­staat­en aufhal­ten.
    Insofern haben diese Verträge mehr “Macht” als Ihr Kaufver­trag.

    Zweit­ens gibt es eine juris­tis­che Def­i­n­i­tion des Wortes “Kunde”, eine DIN und diverse Lexi­ka-Ein­träge dazu, wenn Sie der Ansicht sind, dass diese Def­i­n­i­tio­nen auf Sie nicht zutr­e­f­fen, ok, aber offen­bar ist es möglich, Wörter qua Gesetz zu definieren. (Natür­lich ist es nicht ver­boten, solche Wörter ein­er­seits anders zu ver­wen­den, oder andr­er­seits mit anderen zu erset­zen, aber wozu das?)

    Drit­tens kön­nen Sie jet­zt ein­wen­den, dass diese Verträge nicht den Sinn haben, das Wort “Flüchtling” als juris­tis­chen t.t. für alle Zusam­men­hänge und Zwecke zu definieren, oder dass Juris­ten­sprache nicht immer all­t­agstauglich ist; sehe ich prinzip­iell ein, aber im konkreten Fall sehe ich den Vorteil nicht, den man hätte, statt “Flüchtling” “Geflüchtete®” genan­nt zu wer­den. (Wenn ich mut­ter­sprach­lich­er Araber wäre, wären mir solche Fein­heit­en ver­mut­lich sowieso egal, aber das ist nur meine per­sön­liche Ansicht).

    Prüflinge”, “Lehrlinge”, “Nestlinge” und im mehr abstrak­ten Sinn “Zwill­inge” und “Lieblinge” sind von jeman­den abhängig, Flüchtlinge bspw. von UNS. Warum so tun, als wäre das anders?

  37. meh

    Gibt es für die Endung -Ling auch eine Sta­tis­tik, wie häu­fig pos­i­tive und neg­a­tive Wörter gebraucht wer­den?

    Und wenn das Wort wirk­lich so neg­a­tiv belegt ist, ohne dass es dur einen his­torischen Hin­ter­grund so geprägt wurde, muss es doch an der aktuellen Ver­wen­dung liegen.
    Und wenn wir die Mil­lion Geflüchteten hier aufnehmen, dann ist das genau­so eine finanzielle Belas­tung für Kom­munen, Län­der und Bund und alle weit­eren ihnen fälschlicher­weise zugeschriebe­nen neg­a­tiv­en Eigen­schaften.

    Also macht es aus mein­er Sicht keinen Sinn, das Wort zu erset­zen, weil das nach­fol­gende dieselbe Wer­tung erhal­ten wird. Oder liege ich hier falsch?

  38. Anatol StefanowitschAnatol Stefanowitsch Beitragsautor

    @ Mycroft: Let­zter Ver­such: Es geht nicht darum, für wen Verträge gel­ten, son­dern darum, wann die Def­i­n­i­tio­nen in Verträ­gen und Geset­zten gel­ten. Und die gel­ten nur, wenn es um die Anwen­dung der Verträge geht. Das von Roland Roos erwäh­nte Abkom­men macht dies deut­lich, indem es der Def­i­n­i­tion die Worte „Im Sinne dieses Abkom­mens“ voranstellt. Die For­mulierun­gen „im Sinne“, „gemäß“ und „nach“ dienen expliz­it dazu, zu sig­nal­isieren, dass ein Wort nicht in sein­er all­ge­mein­sprach­lichen Bedeu­tung son­dern in ein­er speziellen, auf eine bes­timmte Def­i­n­i­tion bezo­ge­nen Bedeu­tung ver­wen­det wer­den. Ein paar Beispiele aus Google Books:

    1. Flüchtling im Sinne des Abkom­mens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstel­lung der Flüchtlinge
    2. Flüchtling im Sinne der Gen­fer Flüchtlingskon­ven­tion
    3. Flüchtling im Sinne des Bun­desrats­beschlusses vom 20. Jan­u­ar 1939
    4. Flüchtling im Sinne des Asylver­fahrens­ge­set­zes
    5. Flüchtling im Sinne der UN-Flüchtlingskon­ven­tion
    6. Flüchtling im Sinne eines Staatsver­trages oder ein­er anderen Rechtsvorschrift
    7. Flüchtling im Sinne des Flüchtlings­ge­set­zes
    8. Flüchtling gemäß UN-Flüchtlingskon­ven­tion
    9. Flüchtling gemäß der Def­i­n­i­tion der Gen­fer Flüchtlingskon­ven­tion
    10. Flüchtling gemäß § 3 Bun­desver­triebe­nenge­setz
    11. Flüchtling gemäß den Vorschriften des Gen­fer Abkom­mens über die Rechtsstel­lung der Flüchtlinge
    12. Flüchtling gemäss der obi­gen Def­i­n­i­tion
    13. Flüchtling gemäss 160 BEG
    14. Flüchtling nach der Gen­fer Kon­ven­tion
    15. Flüchtling nach der Asylverord­nung
  39. Daniel

    @ AS: “Sie dür­fen gerne zur Mei­n­ung des Kol­le­gen Schlobin­s­ki tendieren, haben aber für diese Mei­n­ung eine eben­so dünne empirische Grund­lage wie er.”

    Nun ja, meine “dünne empirische Grund­lage” habe ich mir von Ihnen gemopst, ich inter­pretiere sie nur anders. Oder Sie ver­ste­hen “langfristig neben Flüchtling etablieren” anders als ich. Wenn sie damit ein < 1%-Niveau bezüglich der Wörter mit der Bedeu­tung “Flüchtling” meinen, also auf dem Niveau eines Wüstlings, dann gebe ich ihnen recht.

    Für mich ist aber tat­säch­lich das Ver­hält­nis zum Flüchtling rel­e­van­ter als das zum Wüstling, wenn es um die Frage geht, ob der Geflüchtete den Flüchtling vertreiben kann. Und das war ja auch die Aus­sage von Schoblin­s­ki, “dass Flüchtling let­ztlich bleibt”.

  40. Andrzeij

    @Mycroft: Von der Wor­tendung -linge schließen Sie darauf, dass Flüchtlinge von UNS (wem?) abhängig sind? Diese Idee hätte ich gern nochmal erläutert, gerne auch unter Ein­bezug von Emporkömm­ling, Zwill­ing (abhängig? wie abstakt?), Früh­ling, Däum­ling. Übri­gens gebe ich Ihnen auf eine Weise Recht: Insofern wie west­liche Außen­poli­tik inkl. Erhalt von Dik­ta­toren oder ander­er frag­würdi­ger Struk­turen zum Zwecke des Han­dels etwa mit Öl zur Insta­bil­ität und zu Bürg­erkrieg geführt hat, in dem Maße hing die Flucht viel­er Flüchtlinge von uns ab.

  41. SchORSCH

    Kann man sich der Materie nicht weniger über die Häu­figkeit der Ver­wen­dung, als vielmehr über die reine Wortbe­deu­tung näh­ern?

    Ein Geflüchteter ist jemand, dessen Flucht (zumin­d­est im Augen­blick) abgeschlossen ist. Das Wort fusst auf dem Par­tizip Per­fekt (geflüchtet), das eine abgeschlossene Hand­lung darstellt.

    Ein Flüchtling ist immer noch auf der Flucht. Wir sind hier im Präsens (gegen­wär­tige Hand­lung) oder Prä­ter­i­tum (ver­gan­gene Hand­lung, die aber nicht abgeschlossen ist). Wobei die Präsen­srolle beim Flüch­t­en­den deut­lich­er ist.

    Es kommt also ein wenig darauf an, ob man diese Men­schen also solche sieht, die an einem Ziel angekom­men sind, oder als solche, die nur eine Zwis­ch­ene­tappe erre­icht haben. Wer wird bleiben, wer wird zurück­kehren, wer wird weit­er­reisen?

    Inter­es­sant finde ich bei dem Wort­stamm, dass der Akt des Flücht­ens in allen Alter­na­tiv­en betont wird. Man reduziert die Men­schen auf die erzwun­gene Bewe­gung von Ort A nach Ort B. Viel angenehmer ist da der Wort­stamm im Englis­chen (refugees), der auf die Gebor­gen­heit ein­er Stätte (lat. Refugium, Unter­schlupf und, ja, auch Zuflucht) fokussiert. Ein Ort, an dem man sich sich­er fühlen kann. Das wird auch mit dem Wort Zuflucht­suchende nicht aus­re­ichend gewürdigt, denn da ist wieder diese Bewe­gung des Suchens enthal­ten, nicht die Ruhe der Sicher­heit.

    Wobei das im Lateinis­chen auch mit refugere eine stärkere Bewe­gung hat und die Flucht stark betont wird. Zuflucht eben. Der Ort zu dem man flieht, um die Flucht zu been­den.

    Hmm, gibt es ein Wort im Deutschen, dass dies halb­wegs brauch­bar wiedergibt? Etwas sper­rig aber seman­tisch passend wäre vielle­icht Zufluchter­hal­tende.

    Aber ich kann auch gut mit Flüchtlin­gen leben, lin­guis­tisch wie physikalisch^^

  42. Stefan Wagner

    Mein erster Kom­men­tar ist lei­der nicht veröf­fentlicht wor­den. Ver­stößt er gegen eine Net­ti­quette?

    Was die Anwen­dung der Sprache in Geset­zes­tex­ten und außer­halb bet­rifft muss ich Ana­tol zus­tim­men: Das Wort ist schlicht älter als die zitierten Geset­ze, und die Geset­ze kön­nen zwar die Recht­slage bes­tim­men, aber nicht den Sprachge­brauch. Oft stimmt die juris­tis­che Sprache sehr mit der All­t­agssprache übere­in, manch­mal gibt es sub­tile Unter­schiede (siehe z.B. geschäftsmäßig, Zen­sur), und manch­mal geht es weit auseinan­der. Ähn­lich­es gilt für andere Fach­sprachen, so hat die Physik eine sehr strenge Vorstel­lung davon, was Arbeit ist oder sein kann, die weit von dem auseinan­derge­ht, was im Arbeit­srecht ste­ht. Und trotz des Ver­bots von Kinder­ar­beit gibt es Klasse­nar­beit­en für 11jährige.

    Anders bei der Bew­er­tung der Häu­figkeit. Wenn der Gebrauch des Wortes “Flüchtling” expo­nen­tiell ansteigt, weil das The­ma in den Vorder­grund dringt, dann kön­nte man auch mit ein­er ähn­lichen Zunahme der Alter­na­tivschöp­fun­gen rech­nen. Wenn diese aus­bleibt nimmt deren rel­a­tive Bedeu­tung klar­erweise ab.

    Die frühere Häu­figkeit des Wortes selb­st wird ja ger­ade herange­zo­gen, um festzustellen, dass es bei ‘Geflüchteter’ keinen Anstieg der Häu­figkeit gibt. Dieser Vor­wurf ist also hohl.

    P.S.: Soll ich mein erstes Post­ing nochmal schick­en, oder muss ich das auf meinem eige­nen Blog veröf­fentlichen?

  43. Anatol StefanowitschAnatol Stefanowitsch Beitragsautor

    Die Frage nach dem Anstieg der Häu­figkeit von „Geflüchteter“ ist bere­its beant­wortet. Es gibt einen Anstieg der hier rel­e­van­ten Bedeu­tung, der sicht­bar wird sobald man nicht die Gesamthäu­figkeit des Wortes betra­chtet son­dern nach Bedeu­tun­gen dif­feren­ziert.

  44. Achim

    @ SchORSCH: Ich möchte die Schwarz-weiß-Unter­schei­dung zwis­chen “geflüchtet” als “angekom­men” und “Flüchtling” als “noch unter­wegs” zurück­weisen. Ganz so ein­fach ist es nicht, wie der Sprachge­brauch zeigt: “Seine Eltern sind Flüchtlinge aus Ost­preußen.” — “Er ist im Flüchtlingslager XY aufgewach­sen.” So richtig angekom­men ist jemand erst, wenn er eine Zuflucht gefun­den hat, nicht, wenn er sie noch sucht.
    Und das ange­blich so empathis­che englis­che Wort “refugees” wird ja nicht nur benutzt, um Men­schen zu beze­ich­nen, die eine Zuflucht gefun­den haben, son­dern auch solche, die sie noch suchen! Die Ableitung von “refugee” von der “refuge” halte ich daher für falsch — Wun­schdenken statt Seman­tik.

  45. Mycroft

    @Andrzeij: ein Zwill­ing ist davon abhängig, dass er einen Zwill­ing hat, son­st wäre er kein Zwill­ing. Ein Liebling ist davon abhängig, geliebt zu sein, son­st wäre er kein­er. Für weib­liche Per­so­n­en gilt das­selbe.
    Mit UNS meinte ich in dem Fall die EU, bzw. die konkreten Leute, die ver­hin­dern, dass Flüchtige im Meer ertrinken oder im Win­ter erfrieren usw., jeden­falls ist es nicht pos­i­tiv oder neu­tral, auf der Flucht zu sein. Wie kann ein Wort, das Men­schen auf der Flucht beze­ich­net, dann pos­i­tiv oder neu­tral sein? (Oder es ist ein Euphemis­mus.)

    @Anatol Ste­fanow­itsch: Das heißt, ich darf jeden Men­schen einen Flüchtling nen­nen, der die Def­i­n­i­tion in diesen Geset­zen oder Verträ­gen erfüllt; im Einzelfall kann es wichtig sein, zu präzisieren, z.B.: “Flüchtling im Sinne des Flüchtlings­ge­set­zes”. Gibt es eigentlich auch Geset­ze, die sich mit “Geflüchteten” befassen? Oder — mal ein ganz anderes Beispiel, wenn der Sprachge­brach nicht immer sauber zwis­chen Architek­ten und Bauin­ge­nieuren tren­nt, dürfte ich mich deshalb als Bauin­ge­nieur “Architekt” nen­nen? “Herr Ste­fanow­itsch hat aber gesagt, dass nicht das Architek­tenge­setz definiert, was ein Wort bedeutet, son­dern der Sprachge­brauch.”

    Ich sehe ja grund­sät­zlich ein, dass manche Wörter bess­er sind als andere und man diese benutzen sollte, aber jet­zt klingt “Geflüchtete” vllt. um Nuan­cen bess­er als “Flüchtling”, bildet aber Wor­tungetüme wie “Geflüchteten­hil­fe”, Geflüchteten­schutz”, “Geflüchtete­nauf­nah­me­lager” oder “Geflüchtetenge­set­zge­bung”.

  46. Anatol StefanowitschAnatol Stefanowitsch Beitragsautor

    @ Mycroft: Sie dür­fen in Deutsch­land „Architekt“ nicht als Berufs­beze­ich­nung führen, weil es eine geschützte Berufs­beze­ich­nung ist. Aber natür­lich dür­fen Sie sagen „Ich bin der Architekt dieser schö­nen Hun­de­hütte“ oder erst recht „Ich bin der Architekt meines eige­nen Erfolges“. Sie dür­fen sich auch über­all und zu jed­er Zeit „Flüchtling“ nen­nen, nur halt nicht „Flüchtling im Sinne der Gen­fer Flüchtlingskon­ven­tion“ (o.ä.). Alle anderen Men­schen dür­fen Sie nach Herzenslust als „Flüchtling“ (mit oder ohne den Zusatz „im Sinne der Gen­fer Flüchtlingskon­ven­tion“ und sog­ar als „Architekt“ beze­ich­nen. Da mir diese Diskus­sion langsam etwas auf den Keks geht, weise ich Sie darauf hin, dass ich keine weit­eren Kom­mentare mehr frei schal­ten werde, in denen Sie weit­er­hin so tun als ob Verträge den Sprachge­brauch regeln wollen, sollen oder kön­nen.

  47. Anatol StefanowitschAnatol Stefanowitsch Beitragsautor

    Nein, Sie sind ein vor jed­er Art von Erk­lärungsver­such Flüch­t­en­der. Hier geht es nicht um Deu­tung­shoheit, son­dern um die ein­fache Tat­sache, dass Verträge, Geset­ze usw. Begriffe nicht all­ge­mein, son­dern nur in Bezug auf ihren Anwen­dungs­bere­ich definieren. Was in diesen Verträ­gen und Geset­zen durch sprach­liche For­mulierun­gen ken­ntlich gemacht wird, die ich mehrfach zitiert habe.

  48. Roland Roos

    Als Jurist kann ich Ihnen ver­sich­ern, dass Sie da falsch liegen, Herr Pro­fes­sor: Wer sich “Architekt” nen­nen darf, regeln die Lan­desar­chitek­tenge­set­ze, in Ihrem Fall das Berlin­er Architek­ten- und Baukam­merge­setz, speziell §2(1): “Die Berufs­beze­ich­nung „Architek­tin“, „Architekt“, „Innenar­chitek­tin“, „Innenar­chitekt“, „Land­schaft­sar­chitek­tin“ oder „Land­schaft­sar­chitekt“ darf führen, wer unter dieser Beze­ich­nung in die Architek­ten­liste des Lan­des Berlin oder in die Architek­ten­liste eines anderen Bun­des­lan­des einge­tra­gen ist.”

    Sie dür­fen also keineswegs beliebige Men­schen als Architekt beze­ich­nen, son­dern nur solche, die auf ein­er Architek­ten­liste ste­hen.

  49. Achim

    @ Roland Roos: Und wenn Egon Bahr in ein­er Berlin­er Pub­lika­tion als “Architekt der Ost­poli­tik” beschrieben wird, ver­stößt der Urhe­ber dieser Äußerung gegen das Berlin­er Architek­ten– und Baukam­merge­setz, weil Egon Bahr nicht bei der entsprechen­den Kam­mer auf der richti­gen Liste geführt wurde?

    Nein, Sie wis­sen selb­st, dass das Unsinn ist. Das Gesetz schützt hier einzig die Berufs­beze­ich­nung. Es ver­bi­etet wed­er den metapho­rischen Gebrauch wie in meinem Beispiel noch den Gebrauch wie in Her­rn Ste­fanow­itschs Beispiel mit der Hun­de­hütte.

  50. Mycroft

    Oh, schrieb ich Deu­tung­shoheit? Ich meinte natür­lich Fachkom­pe­tenz.
    Wie Wittgen­stein schon sagte, die Bedeu­tung eines Wortes ist sein Gebrauch.

    Aber nur zum Ver­ständ­nis, woran erken­nt man, ob ein Wort falsch gebraucht wird, wenn seine Bedeu­tung durch seinen Gebrauch erst definiert wird? Ist das eine Mehrheits­frage?
    Falls ja, was passiert, wenn der all­ge­meine Sprachge­brauch der Deutschsprachi­gen “Asphalt” und “Teer” mehrheitlich syn­onym ver­wen­det? Sind Asphalt und Teer dann das­selbe?
    Falls nein, wer kann son­st die Bedeu­tung von Wörtern definieren?

  51. Xand

    @Roland Roos: Du ver­stehst diese Aus­sage von Ana­tol Ste­fanow­itsch darüber, wen man als Architek­ten oder Archtitekin beze­ich­nen darf, doch absichtlich falsch, oder? Er hat in seinem beitrag dazu doch ein­deutig geschrieben, dass nicht alle Men­schen ein­fach die Berufs­beze­ich­nung „Architekt(in)“ führen dür­fen, da dies eine geschützte Berufs­beze­ich­nung ist. Und genau das ies es, was durch die von dir genan­nten Geset­ze geregelt wird. Aber natür­lich ist es vol­lkom­men freigestellt, das Wort Architekt in einem anderen Sinne als ein­er Berufs­beze­ich­nung zu ver­wen­den. Und in diesem Sinne ist es auch vol­lkom­men legit­im, eine Per­son als Architek­tin zu beze­ich­nen, auch wenn diese nicht in dieser genan­nten Architek­ten­liste einge­tra­gen ist.
    Das ich einem Men­schen, der sich hier als Jurist offen­bart, erk­lären muss, was durch Geset­ze abgedeckt wird, hätte ich nicht erwartet.

  52. Anatol StefanowitschAnatol Stefanowitsch Beitragsautor

    @ Mycroft: Asphalt und Teer wären dann nicht das­selbe, aber die Wörter Asphalt und Teer wür­den dann das­selbe bedeuten. Ich fange jet­zt aber nicht auch noch an, Ihnen den Unter­schied zwis­chen Wörtern und Din­gen zu erk­lären.

  53. Michaela Lusru

    @Anatol Ste­fanow­itsch
    auch mir scheint doch die Betra­ch­tung und Wer­tung der Wörter mit “-ling” nach Adjek­tiv­en zu lau recher­chiert bzw. zu ein­seit­ig gew­ertet zu sein, denn Ihre Sicht dürfte wed­er auf den Früh_ling noch auf den Frisch_ling noch auf den Sait_ling zutr­e­f­fen.
    Auch ein Breit_ling, eine Re_ling, ein Erst_ling, ein Leer_ling, Grün_ling, Lieb_ling und Zwil_ling dürften mit­nicht­en ihren doch wohl etwas zu vor­eili­gen ver­all­ge­mein­erten Schlussfol­gerun­gen der neg­a­tiv­en Deu­tun­gen entsprechen.

  54. Anatol StefanowitschAnatol Stefanowitsch Beitragsautor

    @ Michaela Lus­ru: Erstens frage ich mich, welche „Schlussfol­gerun­gen der neg­a­tiv­en Deu­tun­gen“ Sie meinen, denn ich komme wed­er hier noch im ursprünglichen Artikel zu dem Schluss, dass -ling neg­a­tiv kon­notiert ist. Ich kann also nur annehmen, dass Sie den Text genau bis zu der Stelle gele­sen haben, an der ich schreibe, dass die Nach­silbe „häu­fig für den möglicher­weise neg­a­tiv­en Beik­lang des Wortes ver­ant­wortlich gemacht wird“. Wie ich im Fol­gen­den dann aus­führe (sowohl hier als auch im ursprünglichen Beitrag), zeigt sich ein neg­a­tiv­er Beik­lang nur bei Wörtern, die aus Adjek­tiv­en gebildet sind (und das habe ich mir nicht aus­gedacht, son­dern das ist die Lehrmei­n­ung in der Mor­pholo­gie, z.B. bei Heike Baeskow oder bei Fleischer/Barz). Das bet­rifft von Ihren Beispie­len nicht: Saitling (von „Saite“), Rel­ing (von „Riegel“), Zwill­ing (von „Zwei“) und Liebling (vom Verb „lieben“). Wie sin­nvoll es ist, Tier- und Pflanzen­beze­ich­nun­gen (Bre­itling, Grün­ling, Frischling) als Beleg für die Neu­tral­ität eines Wortes her­anzuziehen, das sich auf Men­schen bezieht, kön­nen Sie für sich selb­st beurteilen. Die einzige wirk­lich inter­es­sante Aus­nahme ist das Wort Früh­ling, das ein Überbleib­sel aus ein­er Zeit ist, als sich die Wort­bil­dungsmuster mit -ling noch nicht etabliert hat­ten.

  55. Mycroft

    Hmm, ich meine, hier noch etwas geschrieben zu haben, was nicht die Def­i­n­i­tion­s­macht juris­tis­ch­er Doku­mente über den allg. Sprachge­brauch pos­tulierte, aber lei­der ist es weg.
    Naja, wie auch immer. Wenn die Wörter “Asphalt” und “Teer” im allg. Sprachge­brauch das­selbe bedeuten, hat der allg. Sprachge­brauch eben keine Ahnung von Teer und Asphalt.

  56. Anatol StefanowitschAnatol Stefanowitsch Beitragsautor

    Die Wörter Teer und Asphalt bedeuten im all­ge­meinen Sprachge­brauch nicht das­selbe – dass sie bedeu­tungs­gle­ich ver­wen­det wer­den, hat­ten Sie sich selb­st aus­gedacht.

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  59. Christian Bittner

    Danke für die überzeu­gen­den Beiträge (ins­beson­dere der von 2012) und auch für die oft (sor­ry) saugeilen Antworten auf viele sicher­lich ermü­dende Kom­mentare.

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