Flüchtlinge zu Geflüchteten?

Von Anatol Stefanowitsch

Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat in der Begrün­dung zu ihrer Wahl von Flüchtlinge zum Wort des Jahres am Rande the­ma­tisiert, dass das Wort „für sprach­sen­si­ble Ohren ten­den­ziell abschätzig“ klinge, und das deshalb „neuerd­ings … öfters alter­na­tiv von Geflüchteten die Rede sei. Es bleibe aber abzuwarten, ob sich diese Alter­na­tive „im all­ge­meinen Sprachge­brauch durch­set­zen“ würde. Der Vor­sitzende der GfdS, der Han­nover­an­er Sprach­wis­senschaftler Peter Schlobin­s­ki, wurde gegenüber der dpa deut­lich­er: „Ich glaube, dass Flüchtling let­ztlich bleibt, dass Geflüchtete keine Chance hat“.

Bei­de Fra­gen – ob Flüchtlinge einen neg­a­tiv­en Beik­lang hat und ob das Wort Geflüchtete (oder auch Flüch­t­ende) eine aus­sicht­sre­iche neu­trale Alter­na­tive wäre, stoßen auf anhal­tendes Inter­esse (der Sprachlog-Beitrag aus dem Jahr 2012 zu diesem The­ma gehört zu den am kon­tinuier­lich­sten abgerufe­nen, auch der Deutsch­land­funk hat in sein­er Berichter­stat­tung zum Wort des Jahres darauf ver­linkt). Ich möchte die Gele­gen­heit deshalb nutzen, diesen Beitrag um einige Per­spek­tiv­en zu ergänzen, die über die üblichen sub­jek­tiv­en Ein­drücke hin­aus­ge­hen, die die GfdS auch dieses Jahr anstelle sprach­wis­senschaftlich­er Analy­sen von sich gegeben hat.

Ist Flüchtling ein problematisches Wort?

Zunächst zur Frage, ob Flüchtling ein prob­lema­tis­ches Wort ist. Diese Frage kann man – abge­se­hen von sub­jek­tiv­en Ein­drück­en Betrof­fen­er, mit Betrof­fe­nen zusam­me­nar­bei­t­en­der Aktivist/innen oder Wort­wahljurys – auf zwei Weisen wis­senschaftlich angehen.

Zum einen kann man, wie im eben ver­link­ten Beitrag von 2012, die Struk­tur des Wortes unter­suchen. Die Nach­silbe -ling, die häu­fig für den möglicher­weise neg­a­tiv­en Beik­lang des Wortes ver­ant­wortlich gemacht wird, ist an ver­schiede­nen Wort­bil­dungsmustern beteiligt, von denen eines einen klar neg­a­tiv­en Beik­lang hat: Bil­dun­gen mit -ling aus Adjek­tiv­en (also [ADJEKTIV + -ling]) sind immer min­destens leicht abschätzig (z.B. Rohling, Son­der­ling, Schwäch­ling, Prim­i­tivling, Weich­ling), selb­st dort, wo das Adjek­tiv eigentlich pos­i­tiv ist (wie bei Schön­ling). Bei dem Wort­bil­dungsmuster [VERB + -ling], zu dem auch Flüchtling gehört, ist das allerd­ings nicht der Fall: hier gibt es sowohl neg­a­tive Wörter (z.B. Sträfling, Häftling, Ein­drin­gling), als auch neu­trale (z.B. Prüfling, Schüt­zling, Täu­flingNeuankömm­ling) und pos­i­tive (z.B. Säugling, Liebling). Diese Bedeu­tun­gen haben allerd­ings oft einen Beik­lang von Abhängigkeit oder Passivität.

Aus dieser Analyse ergibt sich, dass Flüchtling zwar nicht notwendi­ger­weise neg­a­tiv behaftet sein muss, dass es für diejeni­gen, die das so empfind­en, aber dur­chaus eine sprach­liche Grund­lage für ihre Empfind­ung gibt.

Zum anderen kann man sich die Ver­wen­dungszusam­men­hänge anse­hen – z.B. die Adjek­tive, die häu­fig gemein­sam mit dem Wort auftreten. Bei dem klar abw­er­tenden Wort Asy­lant sind das (neben eini­gen Herkun­fts­beze­ich­nun­gen) fast auss­chließlich neg­a­tiv behaftete Wörter: geduldet, uner­wün­scht, unbe­quem, ille­gal, krim­inell, falsch, schwarz1 Nur zwei der zehn häu­fig­sten Adjek­tive sind neu­tral: anerkan­nt und echt. Bei Flüchtling find­en sich zum einen viel mehr Herkun­fts­beze­ich­nun­gen, zum anderen sind die häu­fi­gen Adjek­tive über­wiegend neu­tral: min­der­jährig, zurück­kehrend, unbe­gleit­et, trau­ma­tisiert, rück­kehrwillig, heimkehrend, anerkan­nt, zurück­gekehrt. Nur zwei der zehn häu­fig­sten Adjek­tive sind neg­a­tiv: geduldet und (auf Platz 10) ille­gal.

Aus dieser Analyse ergibt sich, dass Flüchtling offen­bar wei­thin als neu­trale Beze­ich­nung ver­wen­det wird. Das zeigt sich auch daran, dass es von allen poli­tis­chen Lagern ver­wen­det wird. Mit den ansteigen­den Flüchtlingszahlen und der entsprechen­den Berichter­stat­tung ist es im öffentlichen Sprachge­brauch sprung­haft angestiegen (was ja der Grund für die Wahl zum Wort des Jahres ist):

Abbildung 1: Verwendungshäufigkeit von Flüchtling (alle Formen) pro 100 Millionen Wörter im Deutschen Referenzkorpus.

Abbil­dung 1: Ver­wen­dung­shäu­figkeit von Flüchtling (alle For­men) pro 100 Mil­lio­nen Wörter im Deutschen Referenzkorpus.

Alternativen zu Flüchtling

Wie sieht es nun mit Alter­na­tiv­en aus – mit dem auch von der GfdS aufge­grif­f­e­nen Geflüchtete oder mit anderen, wie z.B. Flüchtende/r oder Zufluchtsuchende/r?

Begin­nen wir mit der Frage der Ver­wen­dung­shäu­figkeit. Wie die fol­gende Grafik zeigt, ist diese rel­a­tiv sta­bil, es lässt sich für keines der Wörter eine steigen­der Ten­denz beobacht­en. Das Wort Zufluchtsuchende/r spielt so gut wie gar keine Rolle (ich werde in den näch­sten Tagen in einem eige­nen Beitrag auf dieses Wort zurückkommen).

Abbildung 2: Verwendungshäufigkeit der Substantive Geflüchtete/r, Flüchtende/r und Zufluchtsuchende/r (alle Wortformen) pro 100 Millionen Wörter im Deutschen Referenzkorpus.

Abbil­dung 2: Ver­wen­dung­shäu­figkeit der Sub­stan­tive Geflüchtete/r, Flüchtende/r und Zufluchtsuchende/r (alle Wort­for­men) pro 100 Mil­lio­nen Wörter im Deutschen Referenzkorpus.

Auf den ersten Blick scheint Schlobin­s­ki also recht zu haben: Keine Chance für die Geflüchteten als Alter­na­tive zu den Flüchtlin­gen.

Der erste Blick täuscht hier aber, denn die Häu­figkeit­en unter­schei­den nicht nach ver­schiede­nen Bedeu­tun­gen. Sowohl Geflüchtete/r als auch Flüchtende/r haben näm­lich (min­destens) zwei Bedeu­tun­gen. Ein­er­seits wer­den sie – nicht nur von linken Aktivist/innen, son­dern in der Tage­spresse – als Alter­na­tive zu Flüchtling verwendet:

  1. Zusät­zlich organ­isiert Sieben mit den Eltern Spielplatzbe­suche, Gril­l­abende, Spaziergänge und andere Freizeitak­tiv­itäten, die die Geflüchteten für kurze Zeit ihre Prob­leme vergessen lassen. [Neue West­fälis­che, 19.05.2014]
  2. Die Ein­rich­tung von Fluchtko­r­ri­doren wäre für die Bevölkerung der Ostukraine von großer Wichtigkeit: Flüch­t­ende müssen derzeit auf ihrem Weg aus den belagerten und umkämpften Städten und Gebi­eten an unzäh­li­gen Kon­troll­posten vor­bei [Wiener Zeitung, 11.06.2014]

Zweit­ens beze­ich­nen sie Men­schen, die vor der Polizei oder ähn­lichen Insti­tu­tio­nen fliehen (sind also eine Alter­na­tive zu Flüchtige):

  1. Kurz vor sein­er Wohnan­schrift ver­ließ der stark angetrunk­ene Mann fluchtar­tig das Taxi, um sich die Kosten zu sparen. Der Fahrer ver­fol­gte ihn erfol­gre­ich zu Fuß. Da sich der Geflüchtete der Polizei gegenüber aggres­siv ver­hielt, wurde er in Gewahrsam genom­men. [Neue West­fälis­che, 19.05.2014]
  2. Wie [die Polizei] am Sonnabend mit­teilte, beobachteten die Beamten den 33-jähri­gen Tatverdächti­gen beim Her­aussprin­gen aus einem Fen­ster ein­er Woh­nung und nah­men den Flüch­t­en­den kurz darauf fest. Sein Kom­plize entkam unerkan­nt. [Der Tagesspiegel, 19.01.2014]

Bei Flüchtende/r ist diese Bedeu­tung extrem dom­i­nant – sie find­et sich in über 95 Prozent aller Ver­wen­dun­gen. Es ver­bi­etet sich also schon aus diesem Grund, das Wort für Flüchtlinge zu ver­wen­den – diese wer­den dadurch gedanklich automa­tisch mit flüch­t­en­den Einbrecher/innen, Unfallverursacher/innen oder Häftlin­gen in Verbindung gebracht.

Anders sieht es bei dem Wort Geflüchtete/r aus. Hier zeigt sich näm­lich bei genauer­er Analyse eine sehr inter­es­sante Bedeu­tungsver­schiebung: Zu Beginn des Zeitraums, den ich mir hier anse­he, ist die Bedeu­tung „(vor der Polizei o.ä.) Flüchtige“ noch sehr häu­fig. Als Alter­na­tive zu Flüchtling find­et sich das Wort vor­rangig dann, wenn es durch eine adver­biale Bes­tim­mung mod­i­fiziert wird, wie in den fol­gen­den Beispielen:

  1. Damit stieg die Zahl der aus dem Süd- in den Nordteil der Hal­binsel Jaffna Geflüchteten auf 12 000 [Frank­furter Rund­schau, 4.4.2000]
  2. Allein im let­zten Jahr beantragten über 70 000 aus poli­tis­chen und wirtschaftlichen Grün­den Geflüchtete in Gross­bri­tan­nien Asyl. [Der Bund, 20.6.2000]

Hier lässt sich das Wort Flüchtling nicht ohne weit­eres ver­wen­den, da Phrasen wie aus dem Süd- in den Nordteil der Hal­binsel Flüchtlinge (oder Aus-dem-Süd-in-den-Nordteil-der-Hal­binsel-Flüchtlinge oder sog­ar Flüchtlinge aus dem Süd- in den Nordteil der Hal­binsel) ungram­ma­tisch bzw. extrem ungewöhn­lich klingen.

Wie die fol­gende Abbil­dung zeigt, machen die Bedeu­tung „(vor der Polizei o.ä.) Flüchtige“ und die Ver­wen­dung mit adver­bialer Bes­tim­mung in den Jahren 2000, 2004 und 2009 (die ich als Stich­proben gewählt habe) die deut­liche Mehrheit aus, nur ein klein­er Teil der Ver­wen­dun­gen entspricht Beispiel (1) oben, ist also ein Syn­onym für Flüchtling.

Abbildung 3. Relativer Anteil der verschiedenen Bedeutungen von Geflüchtete/r in vier verschiedenen Jahren im Deutschen Referenzkorpus

Abbil­dung 3. Rel­a­tiv­er Anteil der ver­schiede­nen Bedeu­tun­gen von Geflüchtete/r in vier ver­schiede­nen Jahren im Deutschen Referenzkorpus

Im Jahr 2014 (dem let­zen Jahr, für das derzeit Dat­en vor­liegen), sieht es anders aus: das Ver­hält­nis hat sich umgekehrt. Schon im let­zten Jahr hat die neuere Bedeu­tung „Men­sch auf der Flucht vor Krieg/Armut/etc.“ begonnen, die Bedeu­tung „(vor der Polizei o.ä.) Flüchtige“ zu ver­drän­gen – ein deut­lich­er Hin­weis darauf, dass das Wort Geflüchteter bere­its dabei ist, sich als Alter­na­tive zu Flüchtling im all­ge­meinen Sprachge­brauch durchzusetzen.

Man kön­nte Schlobin­s­ki also erwidern: Geflüchtete/r hat keine Chance, aber die nutzt es längst.

Zusammenfassung

Flüchtling ist nach wie vor ein neu­tral ver­wen­detes Wort zur Beze­ich­nung von Men­schen, die vor Krieg, Armut oder ähn­lichem fliehen. Die Alter­na­tive Geflüchtete/r hat aber bere­its eine deut­liche Ver­bre­itung erfahren und es ist wahrschein­lich, dass sie sich langfristig neben Flüchtling etablieren wird. Das Wort Flüchtende/r dage­gen wird vor­rangig für Men­schen ver­wen­det, die vor der Polizei fliehen (z.B. von einem Tatort). Sie kann deshalb keine neu­trale Alter­na­tive für Flüchtling darstellen.

  1. Natür­lich nicht per se neg­a­tiv, son­dern neg­a­tiv auf­grund der Tat­sache, dass in diesen Ver­wen­dun­gen die Haut­farbe in den Vorder­grund gestellt wird, um die so beze­ich­neten als fremd und nicht zuge­hörig zu kennze­ich­nen. []

64 Gedanken zu „Flüchtlinge zu Geflüchteten?

  1. Tom

    Man kann die Men­schen nicht durch Neusprech für dumm verkaufen. Es hieß schon immer “Flüchtling” und keinen hat das gestört, bevor die grü­nen Gut­men­schen Wörter wie Geflüchteter und Refugee (vul­go “Räfjud­schi”) erfun­den haben. Ich werde auf jeden Fall weit­er Flüchtling sagen und lasse mir das von keinem selb­ster­nan­nten Sprachex­perten verbieten!

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    1. Anatol Stefanowitsch Beitragsautor

      @ Tom: Keine Ahnung, ob man „die Men­schen“ durch Neusprech für dumm verkaufen kann. Ich nehme an, einige ja, einige nein. Sie soll­ten jeman­den fra­gen, der sich mit Neusprech befasst – in meinem Beitrag geht es um Alt­sprech, das Wort Geflüchtete gibt es min­destens seit dem 17. Jahrhundert:

      • diese Gefluechtete sollen aus der Stadt pest gewe­sen seyn [1687]
      • und sich samt den Seini­gen / zugle­ich zusamm-Gefluechteten / hinein­begeben [1688]
      • Die Gefluechtete waren die Glueck­selig­sten / dann die Frant­zosen erwiesen an den uebri­gen und ihren Guetern bald / wie viel ihnen und ihren Worten zu trauen [1690]

      Und natür­lich hieß es nicht „schon immer“ Flüchtling – auch dieses Wort stammt aus dem 17. Jahrhun­dert. Zu dem Zeit­punkt, als dieses Wort erfun­den wurde (von Gut- oder Schlecht­men­schen heute nicht mehr rekon­stru­iert­bar­er Farbe), war die deutsche Sprache übri­gens schon über 1000 Jahre alt – also etwa genau­so alt wie Ihre irra­tionale Angst, irgend­je­mand wolle Ihnen Ihre Lieblingswörter ver­bi­eten. Ich will Ihnen nicht zu nahe treten aber SIE HABEN OFFENBAR NICHT EINMAL DIE ZUSAMMENFASSUNG AM ENDE DES BEITRAGS GELESEN.

      Übri­gens: Ich musste mich gar nicht selb­st ernen­nen – ich wurde vom Land Berlin zum „Sprachex­perten“ (vul­go: Pro­fes­sor für Sprach­wis­senschaft) ernan­nt, und davor vom Land Ham­burg und davor vom Land Bremen.

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    1. Anatol Stefanowitsch Beitragsautor

      @ Roland Roos: Hm, lassen Sie mich kurz nach­schauen – das Wort Flüchtling gibt es seit dem 17. Jahrhun­dert (eine frühe Ver­wen­dung find­et sich 1647 bei Philipp von Zesen), das Abkom­men über die Rechtsstel­lung der Flüchtlinge ist aber von 1951. Das würde ja bedeuten, dass das Wort Flüchtling über 300 Jahre lang gar keine Bedeu­tung hat­te! Alter­na­tiv kön­nte es natür­lich auch sein, dass die Bedeu­tung von Wörtern gar nicht durch inter­na­tionale Verträge definiert wird, son­dern dass solche Verträge all­t­agssprach­liche Begriffe auf­greifen und für ihre Zwecke umdefinieren. Wenn das so wäre, würde man ver­muten, dass so ein Ver­trag bei der Def­i­n­i­tion darauf hin­weist, dass diese nur für Vorgänge gilt, die sich auf diesen Ver­trag beziehen. So etwa in der fol­gen­den Art:

      Im Sinne dieses Abkom­mens find­et der Aus­druck “Flüchtling” auf jede Per­son Anwendung […] 

      Und wie der Zufall es will ste­ht es genau so in dem von Ihnen so geschätzten Abkom­men. Sollte man als Troll eigentlich wissen.

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  2. Wentus

    Geflüchtete” hat natür­lich den Vorteil, gle­ichzeit­ig männlich und weib­lich zu sein.
    Wenn man von “Flüchtlin­gen” spricht, hat man genaugenom­men mal wieder die Frauen außer Acht gelassen.
    Ich halte diesen Aspekt für das Haup­tar­gu­ment der Benutzung von “Geflüchtete”.

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  3. Susanne

    Wie sich in der Sprachgeschichte schon des Öfteren gezeigt hat, set­zen sich meis­tens die Begriffe durch die ein­fach­er zu sprechen sind. Denn Sprache wird nun mal “gesprochen”. Kön­nte es vielle­icht auch daran liegen, dass es bei “Flüchtling” bleiben wird?

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    1. Anatol Stefanowitsch Beitragsautor

      @ Susanne: Wenn sich in der Sprachgeschichte grund­sät­zlich Wörter durch­set­zen wür­den, die ein­fach zu sprechen sind, wür­den inzwis­chen alle Wörter „uh“ laut­en. Tat­säch­lich ste­ht das Prinzip der Ökonomie, das Sie nen­nen, in Konkur­renz zum Prinzip der Ver­ständlichkeit (wenn alle Wörter „uh“ laut­en wür­den, würde uns nie­mand mehr ver­ste­hen). Dass sich „Geflüchtete“ neben dem kürz­eren „Flüchtling“ durch­set­zt, deutet darauf hin, dass es für eine nen­nenswerte Anzahl von Sprecher/innen einen kom­mu­nika­tiv­en Vorteil mit sich bringt, z.B.eine Bedeu­tungs­d­if­feren­zierung ermöglicht.

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  4. Roland Roos

    Ich bin kein Troll, ich bin vom Fach und weiß, wovon ich rede. Das Wort “Flüchtling” ist juris­tisch ein­deutig definiert, egal ob die Leute es im All­t­ag falsch ver­wen­den, weil ihnen die juris­tis­che Vor­bil­dung fehlt. Philipp von Zesen ist laut seinem Wikipedia-Ein­trag Schrift­steller, also auch kein Jurist, und deshalb spielt es keine Rolle, wann und wie er das Wort ver­wen­det hat.

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    1. Anatol Stefanowitsch Beitragsautor

      @ Roland Roos: Ich habe hier einen Kaufver­trag liegen, in dem es heißt: „Ana­tol Ste­fanow­itsch (im Fol­gen­den: der Kunde“) — das heißt dann doch, dass alle, die das Wort „Kunde“ benutzen, damit mich meinen, oder? Das kommt mir zwar komisch vor, aber das Wort „Kunde“ ist in diesem Ver­trag ja juris­tisch ein­deutig definiert, deshalb beuge mich natür­lich Ihrem Urteil als Fachmann.

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  5. Olaf

    @Anatol:

    Eine Frage am Rande: gibt es eine Erk­lärung für den selt­samen “2‑Jahres-Zyk­lus”, also die Zick-Zack-Kurve zwis­chen 2004–2013? Er ist in den anderen Kur­ven (Geflüchtete, Zuflucht­suchende) durch die Skalierung schw­er zu erken­nen, aber ja auch vorhan­den. Da scheint doch irgend­wo der Kor­pus einen Defekt zu haben…

    Und eine Anmerkung zur Inter­pre­ta­tion: du schreib­st, die Alter­na­tiv­en zu Flüchtling seien ‘rel­a­tiv sta­bil’. Wenn diese aber in ihrer Ver­wen­dung­shäu­figkeit kon­stant sind, “Flüchtling” in sein­er Ver­wen­dung­shäu­figkeit aber um den Fak­tor 2,5 (Abb.1) im sel­ben Zeitraum gestiegen ist: Heisst das nicht, das die Alter­na­tiv­en zum Flüchtling auf dem absteigen­den Ast sind?

    LG,
    Olaf

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    1. Anatol Stefanowitsch Beitragsautor

      @ Olaf: Zum Zick­za­ck: Es sind ja recht geringe Häu­figkeit­en, da ist ja viel Schwankung erwart­bar – warum sie so regelmäßig auf und ab geht, kann ich ger­ade nicht sagen (die anderen bei­den Wörter haben kein Zick­za­ck­muster, wenn man sich die tat­säch­lichen Zahlen ansieht).

      Zur Anmerkung: Flüch­t­ende wird eben haupt­säch­lich für „Flüchtige/Entflohene“ ver­wen­det, da es davon heute nicht mehr gibt als vor 15 Jahren, ist die Ver­wen­dung­shäu­figkeit eben gle­ich geblieben. Bei Geflüchtete ist die entschei­dende Bedeu­tung „Flüchtlinge“ mit dem Anstieg der Flüchtlingszahlen deut­lich häu­figer gewor­den, die Bedeu­tung „Flüchtige/Entflohene“ wird seltener.

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  6. Buck Rivera

    Bei der Diskus­sion, ob das eine oder das andere Wort bess­er sei, sich durch­set­zen werde etc., kann leicht überse­hen wer­den, dass die bei­den Wörter in einem dif­feren­zierten Sprachge­brauch nicht völ­lig aus­tauschbar ver­wen­det werden.

    Ein Geflüchteter ist jemand, der geflüchtet ist. Das Wort hat einen deut­lich per­fek­tiv­en Bedeu­tungs­ge­halt. Wenn man den ganz ern­st­nimmt, ist ein Geflüchteter ein Angekommen­er, jemand, dessen Flucht vor­bei ist. „Flücht­en“ ist ein per­fek­tives Verb. Es führt von einem sta­bilen Zus­tand (Aufen­thalt an Ort A) zu einem anderen sta­bilen Zus­tand (Aufen­thalt an Ort B).

    Als Beze­ich­nung für die vie­len Men­schen auf der Flucht, die sich in prekären Über­gangssi­t­u­a­tio­nen befind­en und, selb­st wenn sie irgend­wo angekom­men sind, wieder zurück­geschickt wer­den kön­nen, ist „Flüchtling“ oft angemessener.

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  7. Olaf

    @Anatol:

    @Geringe Häu­figkeit­en: Das gebe ich zu. Bei 100 Tre­f­fern würde ich mir den­noch die Kurve etwas weniger “zyk­lisch” vorstellen. Das dort irgen­dein 2‑Jahres-Mess­fehler vor­liegt scheint aber doch irgend­wie nicht unplau­si­bel (bzw ich sehe Muster wo keine sind).

    @Zur Anmerkung: Ich glaube ich habe mich da missver­ständlich aus­ge­drückt. Es ging nicht um das Ver­hält­nis der Zahlen von ‘Flüch­t­en­den zu Geflüchteten zu Flüchtigen/Entflohenen’, son­dern um deren Ver­hält­nis zu den ‘Flüchtlin­gen’. Die Ver­wen­dung­shäu­figkeit des Begriffs ‘Flüchtling’ hat sich in den let­zten 2 Jahren ca verzweiein­halb­facht, während die Nutzung von ‘Flüch­t­end, Geflüchtet, Flüchtigen/Entflohenen’ für sich genom­men und in Summe kon­stant geblieben ist. 

    Was ich sagen wollte war: Die Alter­na­tiv­en stinken gegen ‘Flüchtling’ ab!

    LG,
    Olaf

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  8. Michaela Lusru

    Wenn wir das Wesen dessen, was wir mit “Willkom­men” mein­ten, tre­f­fend beschreiben wollen, ist allerd­ings der “Flüchtling”, der ja auch aus krim­inellen oder ähn­lich unschö­nen Grün­den vor Ver­fol­gung “flüchtet”, arg neg­a­tiv vorbelastet.
    Genau genom­men geht es uns dabei ja auch nicht um alle, die “wan­dern”, son­dern vor­rangig um die, die VERTRIEBEN wur­den aus ihren Ansäs­sigkeit­en, aus ihren Lebenswel­ten und Existenzen.
    Richtig muss es also heis­sen (das Wilkom­men gel­ten den)
    VERTRIEBENEN.
    Dann wird das Prob­lem in Deutsch­land völ­lig anders ver­ständlich, auch für “ein­fache Gemüter” oder “besorgte Bürg­er”, denn dieser Begriff schafft die Kraft, die nun hier erforder­lich ist, er (er)wärmt die Herzen, während “Flüchtling” doch zu sehr an Ver­fol­gte Übeltäter erin­nert, wie z.B. im Tatort Son­ntag abend ARD …

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  9. Wuwei

    Auch ich habe hier einen Ver­trag liegen,. bei dem ich, Wuwei, als Kunde beze­ich­net werde. 

    Jet­zt quält mich die Frage, ob Sie, Ana­tol Ste­fanow­itsch, und ich, eine Per­son bin/sind

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  10. Gerald Fix

    Bil­dun­gen mit –ling aus Adjek­tiv­en (also [ADJEKTIV + –ling]) sind immer min­destens leicht abschätzig

    War das immer so? Den Jüngling kenne ich aus der klas­sis­chen Märchen- und Aben­teuer­lit­er­atur eher positv beset­zt — abschätzig wird das Wort, so scheint mir, erst benutzt, seit es verschwindet.

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  11. Tom

    Manch­mal denke ich, wäre es bess­er wenn Bild­blogs “6 vor 9” manche Beiträge nicht ver­linken würde. So bliebe einem Zeit für Sin­nvolleres übrig als diese Betrag zu anzule­sen. Die aktuelle Mode, jedes Wort, das für die Beschrei­bung von Rand­grup­pen oder Benachteiligte aller Art (oder Kreise, die irgend­wie in Frage kom­men kön­nten, es zu sein), per wis­senschaftlich­er oder pseudowis­senschaftlich­er Her­führung zu Unwörtern zu erk­lären, geht einem langsam aber sich­er auf den Keks. Und ich behaupte jet­zt auch ein­fach, dass diese Diskus­sion min­destens 99,9 Prozent der Betrof­fe­nen — sprich den Flüchtlin­gen — am Aller­w­ertesten vor­bei geht.

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    1. Anatol Stefanowitsch Beitragsautor

      @ Tom: Ich weiß, dieses gemeine Bild-Blog mit sein­er per­fi­den Klick-Dik­tatur ist eine ganz üble Sache. Da hät­ten Sie eine Lösung für die Flüchtlingssi­t­u­a­tion find­en kön­nen, wenn man Sie nicht bru­tal auf diese Seite gebracht und zum Lesen gezwun­gen hätte. Nein, natür­lich nur zum „Anle­sen“, bevor Sie sich dann doch todesmutig los­reißen und entkom­men kon­nten um sich Sin­nvollerem zu wid­men – natür­lich erst, nach­dem Sie noch schnell einen Kom­men­tar hin­ter­lassen haben, der erk­lärt, dass Sie Sin­nvolleres zu tun haben als vom Bild-Blog ver­link­te Beiträge anzulesen.

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  12. Achim

    @ Roland Roos: Als Jurist wis­sen Sie alles, klar. Sie hät­ten allerd­ings Lehrer wer­den sollen, denn die wis­sen alles bess­er. Im Ernst: Wenn ein inter­na­tionales Abkom­men sich ein­lei­t­end um eine Legalde­f­i­n­i­tion eines im Abkom­men ver­wen­de­ten Begriffs bemüht, ist das ein Zeichen dafür, dass der Begriff im Sprachge­brauch zu unscharf ist, um ohne weit­eres einen ein­deuti­gen Rechts­be­griff abzugeben. Daher auch die in vie­len Geset­zen vork­om­mende For­mulierung “XY im Sinne des Geset­zes ist, wer…”.

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  13. Lars Bräsicke

    Mir ist unklar, wie man bei einem Wort eine ten­den­tiell neg­a­tive Bedeu­tung sehen kann, weil es das Bil­dungssuf­fix ‑ling enthält. Schon diese Argu­men­ta­tion, meist anhand natür­lich exis­ten­ter neg­a­tiv­er Beispiele mit ‑ling, ist doch frag­würdig bis absurd. Das Suf­fix ‑ling war sehr pro­duk­tiv, vom Säm­ling, Stich­ling, Fin­d­ling bis zum Lehrling (der schon durch das das alberne Azu­bi abgelöst wurde) und ist zunächst völ­lig wert­frei. Mit allen Wort­bil­dungsaf­fix­en gibt es neg­a­tive Begriffe. Wollte man darob alle nicht­neg­a­tiv­en Begriffe abschaf­fen, blieben zur Bil­dung solch­er wohl nur noch die sub­stan­tivierten Par­tizip­i­al­en­dun­gen übrig, die — wie man sieht — aber auch nicht unprob­lema­tisch sind. Nichts gegen ein gutes Maß an Sprach­sen­si­bil­ität, aber solch unsin­nige Auswüchse lassen mich nur den Kopf schütteln.

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  14. Th. Koch

    @Roland Roos
    Ich weiss, ja nicht, von welchem Fach sie sind, aber wenn es ein juris­tis­ches ist, soll­ten Sie wis­sen, dass gle­iche Sub­stan­tive schon in der Rechtssprache — vom All­t­ags­ge­brauch ein­mal abge­se­hen — keine ein­heitliche Bedeu­tung haben müssen und den Begrif­f­en eine (jew­eilige) nor­ma­tive Verbindlichkeit ohne­hin nur im Ver­hält­nis zu den recht­san­wen­den­den Stellen bzw. Nor­madres­sat­en zukommt, so dass eine abwe­ichende Ver­wen­dung durch Nich­tadres­sat­en bei nor­ma­tiv­er Betra­ch­tung nicht als “falsch” beze­ich­net wer­den kann.
    @Tom
    Vielle­icht soll­ten Sie bedenken, dass die Frage nach einem zu benutzen­den Begriff nicht allein den Ver­wen­der ange­ht, weil Kom­mu­nika­tion einen Adres­sat­en hat und einen Drit­ten betr­e­f­fen kann. Und ent­ge­gen einem ger­ade bei “besorgten Bürg­ern” ver­bre­it­eten Irrtum hat übri­gens die Mei­n­ungs­frei­heit nicht zum Inhalt, dass Äußerun­gen fol­gen­los bleben müssen. Wer im Sprachge­brauch zB her­ab­set­zende Begriffe für eine Bevölkerungs­gruppe ver­wen­det (vgl. das “N‑Wort”), hat min­destens zu gewär­ti­gen, dass er von der weit­eren Kom­mu­nika­tion aus­geschlossen wird.

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  15. Somaro

    Was hat es mit Wis­senschaft zu tun, darauf zu ver­weisen, dass einige Begriffe die auf ‑ing enden abschätzig gemeint sind? Was hat das mit Wis­senschaft zu tun, darauf zu ver­weisen, dass andere Begriffe die auf ‑ing enden, pos­i­tiv beset­zt sind? Was hat es mit Wis­senschaft zu tun, zu dem Ergeb­nis zu kom­men, dass diese Gemein­samkeit­en mit anderen Begrif­f­en eine Grund­lage für die neg­a­tive Empfind­ung beweist?

    Also ich per­sön­lich finde das The­ma ja äußert inter­es­sant, aber nach dieser “Argu­men­ta­tion” hat­te ich keine Lust mehr. Man kann ja mit vielem argu­men­tieren, zeitliche Zusam­men­hänge (wie bei Lügen­presse), primär­er Gebrauch (wie bei Bas­tard) oder auch alter­na­tive Nutzung zur Ver­schleierung (wie bei Diskus­sion­swürdig statt Abgelehnt), aber doch nicht mit Ver­gle­ichen und dem Argu­ment, dass es da eine Empfind­ung gebe.

    Von wem, für was, aus welchem Grund?
    Ich kann mich doch nicht auf eine unspez­i­fizierte Empfind­ung berufen und das Ganze dann Wis­senschaft nennen.

    Also sor­ry, ich erwarte nach­prüf­bare und repro­duzier­bare Logik und kein Hin und Her Hopsen. Und ich finde man sollte dann mit der Aus­gangssi­t­u­a­tion anfan­gen: “Generell abschätzig für sprach­sen­si­ble Ohren” — dieser Satz wird so hin­genom­men, als gäbe es an den ver­wen­de­ten Begrif­f­en nichts zu hin­ter­fra­gen. Und schon gar nicht an der Organ­i­sa­tion, die dahin­ter steht.

    TL:DR
    Inter­es­santes The­ma, aber allein der Teil ob Flüchtling abschätzig ist, hat nichts von Wis­senschaft. Und anfan­gen sollte man, die Begrün­dung zu hin­ter­fra­gen und zu disku­tieren, anstatt das ein­fach kri­tik­los zu übernehmen.

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    1. Anatol Stefanowitsch Beitragsautor

      @ Somaro: So trau­rig, dass die Sprach­wis­senschaft nicht Ihr Wohlwollen find­et. Ich werde gle­ich alle Kolleg/innen anrufen, und ihnen sagen, dass wir unsere Tätigkeit umge­hend ein­stellen wer­den, weil jemand im Inter­net unzufrieden war, nach­dem er das erste Vier­tel eines Blog­beitrags gele­sen hatte.

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  16. Daniel

    Ich möchte Ihre Aus­sage “Die Alter­na­tive Geflüchtete/r hat aber bere­its eine deut­liche Ver­bre­itung erfahren und es ist wahrschein­lich, dass sie sich langfristig neben Flüchtling etablieren wird.” etwas rel­a­tivieren. Flüchtling wurde 2014 gemäß Grafik 1 knapp 5000 mal (pro 100 Mil­lio­nen) ver­wen­det, Geflüchter ca 16 mal, davon nicht mehr als 10 mal in der Bedeu­tung Flüchtling. Das ergibt ein Ver­hält­nis von ca 500:1. Von Bedeu­tung kön­nte hier auch sein, dass Jour­nal­is­ten gerne Syn­onyme ver­wen­den, wenn ein Begriff zu häu­fig auf­taucht um Wieder­hol­un­gen zu ver­mei­den (der Leimen­er, die Brühlerin).

    Ein Ver­hält­nis von 500:1 finde ich zu ger­ing, um das als eine nen­nenswerte Ver­bre­itung zu betra­cht­en. Bei dieser Fak­ten­lage tendiere ich eher zur Mei­n­ung Ihres Kol­le­gen Schlobinski.

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    1. Anatol Stefanowitsch Beitragsautor

      @ Daniel: Es gibt jede Menge Wörter, die in Tageszeitun­gen um die 10 Mal pro 100 Mil­lio­nen Wörter vorkom­men und trotz­dem „ver­bre­it­et“ sind, z.B. Wüstling, mit 13 Tre­f­fern. Ob das Wort Geflüchtete in der Bedeu­tung „Flüchtling“ eine „deut­liche Ver­bre­itung“ erfahren hat, zeigt sich nicht an einem Ver­gle­ich mit Flüchtling, son­dern an einem Ver­gle­ich mit der eige­nen Häu­figkeit zu einem früheren Zeit­punkt. Sie dür­fen gerne zur Mei­n­ung des Kol­le­gen Schlobin­s­ki tendieren, haben aber für diese Mei­n­ung eine eben­so dünne empirische Grund­lage wie er.

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  17. Theo Burckgard

    Als Nicht­fach­mann würde ich sagen, dass ein Flüch­t­en­der im Moment ger­ade flüchtet und dass ein Geflüchteter die Flucht schon hin­ter sich hat. Unter dem Begriff Flüchtling kann man bei­des zusammenfassen.

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    1. Anatol Stefanowitsch Beitragsautor

      @ Theo Bur­ck­gard: Nein, „geflüchtet“ bin ich in dem Moment, in dem ich die Flucht ange­treten habe, ob ich immer noch auf der Flucht bin oder nicht, lässt sich daraus nicht ableit­en (das zeigt auch der Sprachge­brauch, wo das Wort sowohl in der Bedeu­tung „Ent­flo­hen­er“ als auch in der Bedeu­tung „Flüchtling“ auf Men­schen angewen­det wird, die noch auf der Flucht sind.

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  18. Mycroft

    Danke für die aus­führlichen Erläuterungen.
    Ich sehe das aber ähn­lich wie Buck Rivera: ein Flüchtling ist auf der Flucht, ein Geflüchteter war auf der Flucht (für weib­liche Flüchtlinge gilt sin­ngemäß das­selbe). Zumin­d­est, bis der Asy­lantrag pos­i­tiv beschieden ist, sug­geriert “Geflüchtete/r” eine Sicher­heit, die es so noch nicht gibt. Und Leute, die in kleinen Booten auf dem Mit­telmeer umkom­men, würde ich nur mit viel Zynis­mus als Geflüchtete bezeichnen.
    Hinzu kommt, wenn “Flüchtling” ein ste­hende juris­tis­che t.t. ist, tut es keinem weh, ihn auch zu ver­wen­den. (Ihr Beispiel mit dem Ver­trag passt nicht, weil da “Ste­fanow­itsch” nur für den Ver­trag selb­st mit “Kunde” erset­zt wird.)
    Und eine Gruppe, bei der “Flüchtling” neg­a­tiv kon­notiert ist, dürfte die der Aus­län­der­feinde sein. Die haben was gegen Flüchtlinge, also haben die auch was gegen Geflüchtete, Refugees, Zuflucht­suchende und Asy­lantrag­steller bei­der­lei Geschlecht­es. Andere Wörter wer­den daran wenig ändern.

    Aber mal was anderes, Sie schreiben, “anerkan­nt” und “echt” seien neu­trale Adjek­tive. Wieso? Anerken­nung und Echtheit sind doch pos­i­tiv, müssten die zuge­höri­gen Adjek­tive (Par­tizip­i­en?) das nicht auch sein?

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    1. Anatol Stefanowitsch Beitragsautor

      @ Mycroft: „Flüchtling“ wird eben­falls nur im Rah­men der betr­e­f­fend­en Verträge mit der durch diese Verträge definierten Bedeu­tung verse­hen, die Verträge zie­len nicht darauf ab, das Wort grund­sät­zlich zu definieren (was auch merk­würdig wäre, da die Bedeu­tung von Wörtern nicht ver­traglich fest­gelegt wird, son­dern sich aus dem Sprachge­brauch ergibt).

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  19. Winny

    Guter Beitrag, vie­len Dank!

    Let­z­tendlich brauchen wir ja auch seman­tis­che Vari­a­tio­nen, um nicht immer diesel­ben For­mulierun­gen ver­wen­den zu müssen. Ist zu Beginn eines Textes ein­mal klar definiert, über wen geschrieben wird, dann ist u.U. auch der Aus­druck “Flüch­t­ende” denkbar und sprach­lich eine willkommene Abwechselung. 

    Eine Kri­tik an dem Wort Flüchtling wäre m.E. noch, dass es sich leichter als seine Syn­onyme mit Wörtern neg­a­tiv­en Bedeu­tungs­ge­halts verbinden lässt, wie beispiel­sweise die Flüchtlingswelle, Flüchtlingskrise, Flüchtling­sprob­lematik, Flüchtlingsströme, Flüchtlings­dra­ma, Flüchtlingse­lend etc.
    Mit den Beze­ich­nun­gen “Geflüchtete” oder “Flüch­t­ende” ist dieses nicht ohne weit­eres möglich. 

    Außer­dem bleibt die Kausal­ität des Prob­lems und somit der Hand­lungs­be­darf im Herkun­ft­s­land der “Flüchtlinge”. Hier haben aber die meis­ten durch ihre Flucht für sich bere­its eine Lösung gefun­den (in dem sie vor der Bedro­hung geflo­hen sind). Sobald sie in einem sicheren Land sind und die Bedro­hung wegge­fall­en ist, han­delt es sich somit eigentlich nicht mehr um “Flüch­t­ende”, son­dern allen­falls um “Ver­triebene”, falls sie in dem neuen Land nicht bleiben kön­nen. (Die Aus­drücke “Geflüchtete” und “Flüchtlinge” scheinen hier unschär­fer und kön­nen im Gegen­satz zum “Flüch­t­en­den” auch eine zurück­liegende Flucht mit beinhalten).

    Mir per­sön­lich gefällt der Aus­druck “Schutz­suchende”, da genau genom­men dieses dem tat­säch­lichem Anliegen der “Flüchtlinge” bei uns in Deutsch­land entspricht und gle­ichzeit­ig deut­lich wird, was wir — unab­hängig davon, welche Zustände in den Heimatlän­dern herrschen — tun kön­nen, um diesen Men­schen zu helfen.

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  20. Achim

    Ich habe noch zwei Anmerkun­gen: In engl. “refugee” steckt das Wort “refuge” = Zuflucht drin. Das ist natür­lich schön, mich inter­essiert aber jet­zt das Wort­bil­dungss­chema. Angelehnt an “trainee” oder “mentee” würde es bedeuten “ein­er, dem eine Zuflucht gegeben wird”. Ins­ge­samt scheint es nicht viele Wörter nach dem Muster zu geben (inter­es­san­ter­weise nen­nt Mer­ri­am / Web­ster “depor­tee” und “evac­uee” als Syn­onyme, was ich anzweifeln möchte).

    Zum anderen: Es gibt wohl eine Ten­denz, “anstößige” deutsche Wörter durch mehr oder weniger äquiv­a­lene englis­che Wörter zu erset­zen. Hier an der Uni reden die ein­schlägi­gen Aktivis­ten von “peo­ple of col­or”, und ich frage mich, warum das erlaubt sein soll und “far­bige Men­schen” nicht.

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    1. Anatol Stefanowitsch Beitragsautor

      @ Sah­ni: Dabei han­delt es sich um ein Wort­bil­dungsmuster, das im Beitrag oben nicht erwäh­nt ist (aber im ver­link­ten Beitrag von 2012), näm­lich [SUBSTANTIV + -ling]. Dieses Muster hat zwei Unterbe­deu­tun­gen: a) „Per­son, die über ihren Bezug zum SUBSTANTIV definier­bar ist“ (z.B. Däum­ling, Lüstling, Dichter­ling, Schreiber­ling) – diese Unterbe­deu­tung hat typ­is­cher­weise einen neg­a­tiv­en Beik­lang; b) „Tier/Pflanze/Gegenstand“, vor allem für Fis­che (wie den Saib­ling oder Stich­ling), aber auch Vögel (Sper­ling) und Insek­teng (Enger­ling), Pilze (wie die von Ihnen genan­nten Beispiele, vgl. aber auch Ries­ling, Schier­ling) und Münzen (Sil­ber­ling, Schilling (urspr. Schildling)) – diese sind nicht neg­a­tiv kon­notiert, allerd­ings sind es eben Tiere und Pflanzen, sodass die neg­a­tive Kon­no­ta­tion bei Per­so­n­en­beze­ich­nun­gen dur­chaus durch diese Assozi­a­tion mit „niederen“ Lebens­for­men mitbe­d­ingt sein könnte.

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  21. Sabine Manning

    Die sprach­wis­senschaftlichen Debat­ten um ‘Flüchtling’, ‘Geflüchtete/r’ oder ‘Refugee’ sind sehr anre­gend und man kön­nte sie unendlich fort­führen. Aber nicht min­der nüt­zlich für den Sprachge­brauch sind klare Resümees, wie im obi­gen Beitrag die ‘Zusam­men­fas­sung’. Aus solchen Erken­nt­nis­sen ist z.B. im Blog “Sprachkri­tik und Poli­tik” ein klein­er ‘Weg­weis­er’ durch die umstrit­te­nen Begriffe entstanden:
    http://sprachkritik.org/2015/11/17/refugee-statt-fluechtling/

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  22. Andrzeij

    @Somaro: Sie müssen sich nicht für Sprach­wis­senschaft inter­essieren (was Sie offenkundig auch nicht tun), aber Sie müssen auch nicht allem, was ohne Laborkit­tel und Welt-der-Wun­der-Beitrag daherkommt, den Wis­senschaftssta­tus oder Nutzen absprechen. Ein leb­haftes Inter­esse daran, poli­tis­chen Diskurs über das Explizite hin­aus zu ver­ste­hen, stünde auch Ihnen gut. Dafür muss man sich aber auch daran machen, es zu analysieren.

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  23. Mycroft

    @Anatol Ste­fanow­itsch:

    Erstens: Ihr Kaufver­trag gilt nur für Sie und den Verkäufer (juris­tis­che oder natür­liche Per­son), insoweit Sie ihn bei­de unter­schrieben haben, und nicht für Dritte, inter­na­tionale Verträge hinge­gen für alle Men­schen, die sich in den Gebi­eten der Unterze­ich­n­er­staat­en aufhalten.
    Insofern haben diese Verträge mehr “Macht” als Ihr Kaufvertrag.

    Zweit­ens gibt es eine juris­tis­che Def­i­n­i­tion des Wortes “Kunde”, eine DIN und diverse Lexi­ka-Ein­träge dazu, wenn Sie der Ansicht sind, dass diese Def­i­n­i­tio­nen auf Sie nicht zutr­e­f­fen, ok, aber offen­bar ist es möglich, Wörter qua Gesetz zu definieren. (Natür­lich ist es nicht ver­boten, solche Wörter ein­er­seits anders zu ver­wen­den, oder andr­er­seits mit anderen zu erset­zen, aber wozu das?)

    Drit­tens kön­nen Sie jet­zt ein­wen­den, dass diese Verträge nicht den Sinn haben, das Wort “Flüchtling” als juris­tis­chen t.t. für alle Zusam­men­hänge und Zwecke zu definieren, oder dass Juris­ten­sprache nicht immer all­t­agstauglich ist; sehe ich prinzip­iell ein, aber im konkreten Fall sehe ich den Vorteil nicht, den man hätte, statt “Flüchtling” “Geflüchtete®” genan­nt zu wer­den. (Wenn ich mut­ter­sprach­lich­er Araber wäre, wären mir solche Fein­heit­en ver­mut­lich sowieso egal, aber das ist nur meine per­sön­liche Ansicht).

    Prüflinge”, “Lehrlinge”, “Nestlinge” und im mehr abstrak­ten Sinn “Zwill­inge” und “Lieblinge” sind von jeman­den abhängig, Flüchtlinge bspw. von UNS. Warum so tun, als wäre das anders?

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    1. Anatol Stefanowitsch Beitragsautor

      @ Mycroft: Let­zter Ver­such: Es geht nicht darum, für wen Verträge gel­ten, son­dern darum, wann die Def­i­n­i­tio­nen in Verträ­gen und Geset­zten gel­ten. Und die gel­ten nur, wenn es um die Anwen­dung der Verträge geht. Das von Roland Roos erwäh­nte Abkom­men macht dies deut­lich, indem es der Def­i­n­i­tion die Worte „Im Sinne dieses Abkom­mens“ voranstellt. Die For­mulierun­gen „im Sinne“, „gemäß“ und „nach“ dienen expliz­it dazu, zu sig­nal­isieren, dass ein Wort nicht in sein­er all­ge­mein­sprach­lichen Bedeu­tung son­dern in ein­er speziellen, auf eine bes­timmte Def­i­n­i­tion bezo­ge­nen Bedeu­tung ver­wen­det wer­den. Ein paar Beispiele aus Google Books:

      1. Flüchtling im Sinne des Abkom­mens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstel­lung der Flüchtlinge
      2. Flüchtling im Sinne der Gen­fer Flüchtlingskonvention
      3. Flüchtling im Sinne des Bun­desrats­beschlusses vom 20. Jan­u­ar 1939
      4. Flüchtling im Sinne des Asylverfahrensgesetzes
      5. Flüchtling im Sinne der UN-Flüchtlingskonvention
      6. Flüchtling im Sinne eines Staatsver­trages oder ein­er anderen Rechtsvorschrift
      7. Flüchtling im Sinne des Flüchtlingsgesetzes
      8. Flüchtling gemäß UN-Flüchtlingskonvention
      9. Flüchtling gemäß der Def­i­n­i­tion der Gen­fer Flüchtlingskonvention 
      10. Flüchtling gemäß § 3 Bundesvertriebenengesetz
      11. Flüchtling gemäß den Vorschriften des Gen­fer Abkom­mens über die Rechtsstel­lung der Flüchtlinge
      12. Flüchtling gemäss der obi­gen Definition
      13. Flüchtling gemäss 160 BEG
      14. Flüchtling nach der Gen­fer Konvention
      15. Flüchtling nach der Asylverordnung
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    2. Stefan Wagner

      Mein erster Kom­men­tar ist lei­der nicht veröf­fentlicht wor­den. Ver­stößt er gegen eine Nettiquette? 

      Was die Anwen­dung der Sprache in Geset­zes­tex­ten und außer­halb bet­rifft muss ich Ana­tol zus­tim­men: Das Wort ist schlicht älter als die zitierten Geset­ze, und die Geset­ze kön­nen zwar die Recht­slage bes­tim­men, aber nicht den Sprachge­brauch. Oft stimmt die juris­tis­che Sprache sehr mit der All­t­agssprache übere­in, manch­mal gibt es sub­tile Unter­schiede (siehe z.B. geschäftsmäßig, Zen­sur), und manch­mal geht es weit auseinan­der. Ähn­lich­es gilt für andere Fach­sprachen, so hat die Physik eine sehr strenge Vorstel­lung davon, was Arbeit ist oder sein kann, die weit von dem auseinan­derge­ht, was im Arbeit­srecht ste­ht. Und trotz des Ver­bots von Kinder­ar­beit gibt es Klasse­nar­beit­en für 11jährige. 

      Anders bei der Bew­er­tung der Häu­figkeit. Wenn der Gebrauch des Wortes “Flüchtling” expo­nen­tiell ansteigt, weil das The­ma in den Vorder­grund dringt, dann kön­nte man auch mit ein­er ähn­lichen Zunahme der Alter­na­tivschöp­fun­gen rech­nen. Wenn diese aus­bleibt nimmt deren rel­a­tive Bedeu­tung klar­erweise ab. 

      Die frühere Häu­figkeit des Wortes selb­st wird ja ger­ade herange­zo­gen, um festzustellen, dass es bei ‘Geflüchteter’ keinen Anstieg der Häu­figkeit gibt. Dieser Vor­wurf ist also hohl.

      P.S.: Soll ich mein erstes Post­ing nochmal schick­en, oder muss ich das auf meinem eige­nen Blog veröffentlichen?

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      1. Anatol Stefanowitsch Beitragsautor

        Die Frage nach dem Anstieg der Häu­figkeit von „Geflüchteter“ ist bere­its beant­wortet. Es gibt einen Anstieg der hier rel­e­van­ten Bedeu­tung, der sicht­bar wird sobald man nicht die Gesamthäu­figkeit des Wortes betra­chtet son­dern nach Bedeu­tun­gen differenziert.

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  24. meh

    Gibt es für die Endung ‑Ling auch eine Sta­tis­tik, wie häu­fig pos­i­tive und neg­a­tive Wörter gebraucht werden?

    Und wenn das Wort wirk­lich so neg­a­tiv belegt ist, ohne dass es dur einen his­torischen Hin­ter­grund so geprägt wurde, muss es doch an der aktuellen Ver­wen­dung liegen.
    Und wenn wir die Mil­lion Geflüchteten hier aufnehmen, dann ist das genau­so eine finanzielle Belas­tung für Kom­munen, Län­der und Bund und alle weit­eren ihnen fälschlicher­weise zugeschriebe­nen neg­a­tiv­en Eigenschaften.

    Also macht es aus mein­er Sicht keinen Sinn, das Wort zu erset­zen, weil das nach­fol­gende dieselbe Wer­tung erhal­ten wird. Oder liege ich hier falsch?

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  25. Daniel

    @ AS: “Sie dür­fen gerne zur Mei­n­ung des Kol­le­gen Schlobin­s­ki tendieren, haben aber für diese Mei­n­ung eine eben­so dünne empirische Grund­lage wie er.”

    Nun ja, meine “dünne empirische Grund­lage” habe ich mir von Ihnen gemopst, ich inter­pretiere sie nur anders. Oder Sie ver­ste­hen “langfristig neben Flüchtling etablieren” anders als ich. Wenn sie damit ein < 1%-Niveau bezüglich der Wörter mit der Bedeu­tung “Flüchtling” meinen, also auf dem Niveau eines Wüstlings, dann gebe ich ihnen recht.

    Für mich ist aber tat­säch­lich das Ver­hält­nis zum Flüchtling rel­e­van­ter als das zum Wüstling, wenn es um die Frage geht, ob der Geflüchtete den Flüchtling vertreiben kann. Und das war ja auch die Aus­sage von Schoblin­s­ki, “dass Flüchtling let­ztlich bleibt”.

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  26. Andrzeij

    @Mycroft: Von der Wor­tendung ‑linge schließen Sie darauf, dass Flüchtlinge von UNS (wem?) abhängig sind? Diese Idee hätte ich gern nochmal erläutert, gerne auch unter Ein­bezug von Emporkömm­ling, Zwill­ing (abhängig? wie abstakt?), Früh­ling, Däum­ling. Übri­gens gebe ich Ihnen auf eine Weise Recht: Insofern wie west­liche Außen­poli­tik inkl. Erhalt von Dik­ta­toren oder ander­er frag­würdi­ger Struk­turen zum Zwecke des Han­dels etwa mit Öl zur Insta­bil­ität und zu Bürg­erkrieg geführt hat, in dem Maße hing die Flucht viel­er Flüchtlinge von uns ab.

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  27. SchORSCH

    Kann man sich der Materie nicht weniger über die Häu­figkeit der Ver­wen­dung, als vielmehr über die reine Wortbe­deu­tung nähern?

    Ein Geflüchteter ist jemand, dessen Flucht (zumin­d­est im Augen­blick) abgeschlossen ist. Das Wort fusst auf dem Par­tizip Per­fekt (geflüchtet), das eine abgeschlossene Hand­lung darstellt. 

    Ein Flüchtling ist immer noch auf der Flucht. Wir sind hier im Präsens (gegen­wär­tige Hand­lung) oder Prä­ter­i­tum (ver­gan­gene Hand­lung, die aber nicht abgeschlossen ist). Wobei die Präsen­srolle beim Flüch­t­en­den deut­lich­er ist.

    Es kommt also ein wenig darauf an, ob man diese Men­schen also solche sieht, die an einem Ziel angekom­men sind, oder als solche, die nur eine Zwis­ch­ene­tappe erre­icht haben. Wer wird bleiben, wer wird zurück­kehren, wer wird weiterreisen?

    Inter­es­sant finde ich bei dem Wort­stamm, dass der Akt des Flücht­ens in allen Alter­na­tiv­en betont wird. Man reduziert die Men­schen auf die erzwun­gene Bewe­gung von Ort A nach Ort B. Viel angenehmer ist da der Wort­stamm im Englis­chen (refugees), der auf die Gebor­gen­heit ein­er Stätte (lat. Refugium, Unter­schlupf und, ja, auch Zuflucht) fokussiert. Ein Ort, an dem man sich sich­er fühlen kann. Das wird auch mit dem Wort Zuflucht­suchende nicht aus­re­ichend gewürdigt, denn da ist wieder diese Bewe­gung des Suchens enthal­ten, nicht die Ruhe der Sicherheit.

    Wobei das im Lateinis­chen auch mit refugere eine stärkere Bewe­gung hat und die Flucht stark betont wird. Zuflucht eben. Der Ort zu dem man flieht, um die Flucht zu beenden.

    Hmm, gibt es ein Wort im Deutschen, dass dies halb­wegs brauch­bar wiedergibt? Etwas sper­rig aber seman­tisch passend wäre vielle­icht Zufluchterhaltende.

    Aber ich kann auch gut mit Flüchtlin­gen leben, lin­guis­tisch wie physikalisch^^

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  28. Achim

    @ SchORSCH: Ich möchte die Schwarz-weiß-Unter­schei­dung zwis­chen “geflüchtet” als “angekom­men” und “Flüchtling” als “noch unter­wegs” zurück­weisen. Ganz so ein­fach ist es nicht, wie der Sprachge­brauch zeigt: “Seine Eltern sind Flüchtlinge aus Ost­preußen.” — “Er ist im Flüchtlingslager XY aufgewach­sen.” So richtig angekom­men ist jemand erst, wenn er eine Zuflucht gefun­den hat, nicht, wenn er sie noch sucht.
    Und das ange­blich so empathis­che englis­che Wort “refugees” wird ja nicht nur benutzt, um Men­schen zu beze­ich­nen, die eine Zuflucht gefun­den haben, son­dern auch solche, die sie noch suchen! Die Ableitung von “refugee” von der “refuge” halte ich daher für falsch — Wun­schdenken statt Semantik.

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  29. Mycroft

    @Andrzeij: ein Zwill­ing ist davon abhängig, dass er einen Zwill­ing hat, son­st wäre er kein Zwill­ing. Ein Liebling ist davon abhängig, geliebt zu sein, son­st wäre er kein­er. Für weib­liche Per­so­n­en gilt dasselbe.
    Mit UNS meinte ich in dem Fall die EU, bzw. die konkreten Leute, die ver­hin­dern, dass Flüchtige im Meer ertrinken oder im Win­ter erfrieren usw., jeden­falls ist es nicht pos­i­tiv oder neu­tral, auf der Flucht zu sein. Wie kann ein Wort, das Men­schen auf der Flucht beze­ich­net, dann pos­i­tiv oder neu­tral sein? (Oder es ist ein Euphemismus.)

    @Anatol Ste­fanow­itsch: Das heißt, ich darf jeden Men­schen einen Flüchtling nen­nen, der die Def­i­n­i­tion in diesen Geset­zen oder Verträ­gen erfüllt; im Einzelfall kann es wichtig sein, zu präzisieren, z.B.: “Flüchtling im Sinne des Flüchtlings­ge­set­zes”. Gibt es eigentlich auch Geset­ze, die sich mit “Geflüchteten” befassen? Oder — mal ein ganz anderes Beispiel, wenn der Sprachge­brach nicht immer sauber zwis­chen Architek­ten und Bauin­ge­nieuren tren­nt, dürfte ich mich deshalb als Bauin­ge­nieur “Architekt” nen­nen? “Herr Ste­fanow­itsch hat aber gesagt, dass nicht das Architek­tenge­setz definiert, was ein Wort bedeutet, son­dern der Sprachgebrauch.”

    Ich sehe ja grund­sät­zlich ein, dass manche Wörter bess­er sind als andere und man diese benutzen sollte, aber jet­zt klingt “Geflüchtete” vllt. um Nuan­cen bess­er als “Flüchtling”, bildet aber Wor­tungetüme wie “Geflüchteten­hil­fe”, Geflüchteten­schutz”, “Geflüchtete­nauf­nah­me­lager” oder “Geflüchtetenge­set­zge­bung”.

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    1. Anatol Stefanowitsch Beitragsautor

      @ Mycroft: Sie dür­fen in Deutsch­land „Architekt“ nicht als Berufs­beze­ich­nung führen, weil es eine geschützte Berufs­beze­ich­nung ist. Aber natür­lich dür­fen Sie sagen „Ich bin der Architekt dieser schö­nen Hun­de­hütte“ oder erst recht „Ich bin der Architekt meines eige­nen Erfolges“. Sie dür­fen sich auch über­all und zu jed­er Zeit „Flüchtling“ nen­nen, nur halt nicht „Flüchtling im Sinne der Gen­fer Flüchtlingskon­ven­tion“ (o.ä.). Alle anderen Men­schen dür­fen Sie nach Herzenslust als „Flüchtling“ (mit oder ohne den Zusatz „im Sinne der Gen­fer Flüchtlingskon­ven­tion“ und sog­ar als „Architekt“ beze­ich­nen. Da mir diese Diskus­sion langsam etwas auf den Keks geht, weise ich Sie darauf hin, dass ich keine weit­eren Kom­mentare mehr frei schal­ten werde, in denen Sie weit­er­hin so tun als ob Verträge den Sprachge­brauch regeln wollen, sollen oder können.

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    1. Anatol Stefanowitsch Beitragsautor

      Nein, Sie sind ein vor jed­er Art von Erk­lärungsver­such Flüch­t­en­der. Hier geht es nicht um Deu­tung­shoheit, son­dern um die ein­fache Tat­sache, dass Verträge, Geset­ze usw. Begriffe nicht all­ge­mein, son­dern nur in Bezug auf ihren Anwen­dungs­bere­ich definieren. Was in diesen Verträ­gen und Geset­zen durch sprach­liche For­mulierun­gen ken­ntlich gemacht wird, die ich mehrfach zitiert habe.

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  30. Roland Roos

    Als Jurist kann ich Ihnen ver­sich­ern, dass Sie da falsch liegen, Herr Pro­fes­sor: Wer sich “Architekt” nen­nen darf, regeln die Lan­desar­chitek­tenge­set­ze, in Ihrem Fall das Berlin­er Architek­ten- und Baukam­merge­setz, speziell §2(1): “Die Berufs­beze­ich­nung „Architek­tin“, „Architekt“, „Innenar­chitek­tin“, „Innenar­chitekt“, „Land­schaft­sar­chitek­tin“ oder „Land­schaft­sar­chitekt“ darf führen, wer unter dieser Beze­ich­nung in die Architek­ten­liste des Lan­des Berlin oder in die Architek­ten­liste eines anderen Bun­des­lan­des einge­tra­gen ist.”

    Sie dür­fen also keineswegs beliebige Men­schen als Architekt beze­ich­nen, son­dern nur solche, die auf ein­er Architek­ten­liste stehen.

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    1. Achim

      @ Roland Roos: Und wenn Egon Bahr in ein­er Berlin­er Pub­lika­tion als “Architekt der Ost­poli­tik” beschrieben wird, ver­stößt der Urhe­ber dieser Äußerung gegen das Berlin­er Architek­ten– und Baukam­merge­setz, weil Egon Bahr nicht bei der entsprechen­den Kam­mer auf der richti­gen Liste geführt wurde?

      Nein, Sie wis­sen selb­st, dass das Unsinn ist. Das Gesetz schützt hier einzig die Berufs­beze­ich­nung. Es ver­bi­etet wed­er den metapho­rischen Gebrauch wie in meinem Beispiel noch den Gebrauch wie in Her­rn Ste­fanow­itschs Beispiel mit der Hundehütte.

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  31. Mycroft

    Oh, schrieb ich Deu­tung­shoheit? Ich meinte natür­lich Fachkompetenz.
    Wie Wittgen­stein schon sagte, die Bedeu­tung eines Wortes ist sein Gebrauch.

    Aber nur zum Ver­ständ­nis, woran erken­nt man, ob ein Wort falsch gebraucht wird, wenn seine Bedeu­tung durch seinen Gebrauch erst definiert wird? Ist das eine Mehrheitsfrage?
    Falls ja, was passiert, wenn der all­ge­meine Sprachge­brauch der Deutschsprachi­gen “Asphalt” und “Teer” mehrheitlich syn­onym ver­wen­det? Sind Asphalt und Teer dann dasselbe?
    Falls nein, wer kann son­st die Bedeu­tung von Wörtern definieren?

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    1. Anatol Stefanowitsch Beitragsautor

      @ Mycroft: Asphalt und Teer wären dann nicht das­selbe, aber die Wörter Asphalt und Teer wür­den dann das­selbe bedeuten. Ich fange jet­zt aber nicht auch noch an, Ihnen den Unter­schied zwis­chen Wörtern und Din­gen zu erklären.

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  32. Xand

    @Roland Roos: Du ver­stehst diese Aus­sage von Ana­tol Ste­fanow­itsch darüber, wen man als Architek­ten oder Archtitekin beze­ich­nen darf, doch absichtlich falsch, oder? Er hat in seinem beitrag dazu doch ein­deutig geschrieben, dass nicht alle Men­schen ein­fach die Berufs­beze­ich­nung „Architekt(in)“ führen dür­fen, da dies eine geschützte Berufs­beze­ich­nung ist. Und genau das ies es, was durch die von dir genan­nten Geset­ze geregelt wird. Aber natür­lich ist es vol­lkom­men freigestellt, das Wort Architekt in einem anderen Sinne als ein­er Berufs­beze­ich­nung zu ver­wen­den. Und in diesem Sinne ist es auch vol­lkom­men legit­im, eine Per­son als Architek­tin zu beze­ich­nen, auch wenn diese nicht in dieser genan­nten Architek­ten­liste einge­tra­gen ist.
    Das ich einem Men­schen, der sich hier als Jurist offen­bart, erk­lären muss, was durch Geset­ze abgedeckt wird, hätte ich nicht erwartet.

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  33. Michaela Lusru

    @Anatol Ste­fanow­itsch
    auch mir scheint doch die Betra­ch­tung und Wer­tung der Wörter mit “-ling” nach Adjek­tiv­en zu lau recher­chiert bzw. zu ein­seit­ig gew­ertet zu sein, denn Ihre Sicht dürfte wed­er auf den Früh_ling noch auf den Frisch_ling noch auf den Sait_ling zutreffen.
    Auch ein Breit_ling, eine Re_ling, ein Erst_ling, ein Leer_ling, Grün_ling, Lieb_ling und Zwil_ling dürften mit­nicht­en ihren doch wohl etwas zu vor­eili­gen ver­all­ge­mein­erten Schlussfol­gerun­gen der neg­a­tiv­en Deu­tun­gen entsprechen.

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    1. Anatol Stefanowitsch Beitragsautor

      @ Michaela Lus­ru: Erstens frage ich mich, welche „Schlussfol­gerun­gen der neg­a­tiv­en Deu­tun­gen“ Sie meinen, denn ich komme wed­er hier noch im ursprünglichen Artikel zu dem Schluss, dass -ling neg­a­tiv kon­notiert ist. Ich kann also nur annehmen, dass Sie den Text genau bis zu der Stelle gele­sen haben, an der ich schreibe, dass die Nach­silbe „häu­fig für den möglicher­weise neg­a­tiv­en Beik­lang des Wortes ver­ant­wortlich gemacht wird“. Wie ich im Fol­gen­den dann aus­führe (sowohl hier als auch im ursprünglichen Beitrag), zeigt sich ein neg­a­tiv­er Beik­lang nur bei Wörtern, die aus Adjek­tiv­en gebildet sind (und das habe ich mir nicht aus­gedacht, son­dern das ist die Lehrmei­n­ung in der Mor­pholo­gie, z.B. bei Heike Baeskow oder bei Fleischer/Barz). Das bet­rifft von Ihren Beispie­len nicht: Saitling (von „Saite“), Rel­ing (von „Riegel“), Zwill­ing (von „Zwei“) und Liebling (vom Verb „lieben“). Wie sin­nvoll es ist, Tier- und Pflanzen­beze­ich­nun­gen (Bre­itling, Grün­ling, Frischling) als Beleg für die Neu­tral­ität eines Wortes her­anzuziehen, das sich auf Men­schen bezieht, kön­nen Sie für sich selb­st beurteilen. Die einzige wirk­lich inter­es­sante Aus­nahme ist das Wort Früh­ling, das ein Überbleib­sel aus ein­er Zeit ist, als sich die Wort­bil­dungsmuster mit -ling noch nicht etabliert hatten.

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  34. Mycroft

    Hmm, ich meine, hier noch etwas geschrieben zu haben, was nicht die Def­i­n­i­tion­s­macht juris­tis­ch­er Doku­mente über den allg. Sprachge­brauch pos­tulierte, aber lei­der ist es weg.
    Naja, wie auch immer. Wenn die Wörter “Asphalt” und “Teer” im allg. Sprachge­brauch das­selbe bedeuten, hat der allg. Sprachge­brauch eben keine Ahnung von Teer und Asphalt.

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  37. Christian Bittner

    Danke für die überzeu­gen­den Beiträge (ins­beson­dere der von 2012) und auch für die oft (sor­ry) saugeilen Antworten auf viele sicher­lich ermü­dende Kommentare.

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  38. Pingback: Die Geflüchteten kommen | better media - The Quality Content Company

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