Von Gräten und Grenzen

Letzte Woche ging's ja schon los mit der Auflösung des Etymologierätsels — die nächsten beiden Wortpaare verraten Spannendes über Siedlungsgeschichte und Kriegsführung:

Gräte und Grenze

Die Gräte ist ein alter Plural von Grat. So wie BartBärte ging im Mittelhochdeutschen (1050–1350) auch GratGräte. Das Wort hatte einen recht breiten Bedeutungsumfang, darunter 'Rückgrat, Bergrücken, Spitze, Stachel, Fischgräte'. Wenn man über letztere sprach, benutzte man das Wort aber wohl meist in der Mehrzahl. Logisch, die Dinger stecken ja massenweise in so einem Fisch drin. Irgendwann wurde diese Form dann als Einzahl uminterpretiert, die Gräte war geboren. (Der Grat bekam später einen neuen Plural, Grate, so wie Jahre.)

Die Grenze ist dagegen ein slawischer Import, wahrscheinlich von altpolnisch granica, grańca. Nun teilen sich slawische Sprachen ja einen Vorfahren mit dem Deutschen, und tatsächlich, im Indogermanischen können wir die Wurzel *gher(ə)- 'hervorstechen' annehmen. Sie brachte einerseits Grat hervor (s.o. die älteren Bedeutungen 'Spitze' und 'Stachel', die sich direkt anschließen lassen), und damit auch Gräte. Andererseits entstanden die slawischen Formen, bei denen der Aspekt des Abgrenzens beim Hervorstechen in den Vordergrund trat. Ebenfalls dazu gehören Gras und grün (wundervoll vereint in grasgrün) — hier geht es um das Hervorstechen von Pflanzentrieben (in Gras) bzw. um deren Farbe (grün kommt vom ahd. Verb gruoen 'wachsen, gedeihen', das sich wiederum auf die idg. Wurzel zurückführen lässt).

Die Geschichte der Grenze im Deutschen ist auch interessant: Sie machte sich schon im Mittelhochdeutschen als graniza, graenizen, greniz bei uns breit — oder eher "wir" uns bei ihr: Ab Mitte des 12. Jh. gab es größere Siedlungsbewegungen aus dem damaligen deutschen Sprachraum nach Osten (in Teile des heutigen Bayerns und Österreichs und in die heutigen neuen Bundesländer). Dort traf man auf die autochthone slawische Bevölkerung und bediente sich auch an ihrem Vokabular ("Deutsche Ostsiedlung"). Entsprechend war Grenze zunächst auch nur in diesem neuen Gebiet verbreitet. Gegen Ende der mittelhochdeutschen Zeit findet sich das Wort dann auch weiter südlich (im oberdeutschen Raum) und nördlich (im niederdeutschen Sprachgebiet), erst etwas später übernimmt man es auch im Westmitteldeutschen. Anfang des 18. Jh. ist es schließlich überall gebräuchlich. Vorher kannte man Grenzen als Konzept natürlich auch schon, nannte sie aber Ende, Scheide, Rain oder Mark. Deshalb heißt z.B. die Mark Brandenburg so, sie war Grenzland zum slawischen Siedlungsgebiet. Und ein Markgraf war natürlich einer, der über so ein Grenzgebiet herrschte.

Grenadier und granulär

Ein Grenadier kommt, natürlich, von der Granate (frz. grenade). Im 17. Jh., als die Bezeichnung aus dem Französischen ins Deutsche übernommen wurde, waren Grenadiere mit Granaten ausgerüstet, so wie Musketiere mit Musketen, Füsiliere mit fusils 'Gewehren' und Kanoniere mit Kanonen. Später wurden Grenadiere allgemein Fußsoldaten.

In Frankreich hatte man die grenade aus Italien importiert. Dort nannte man sie granata – weil sie einem Granatapfel glich, der im Italienischen ebenfalls granata hieß: Der Granatapfel ist mit Kernen gefüllt, die Granate mit Pulverkörnern, auch die äußere Form war ähnlich.

Das italienische granata wiederum kommt vom lat. mālum grānātum, wörtlich 'mit (vielen) Kernen versehener Apfel'. (Das Wort wurde bei der Übernahme ins Deutsche, in mittelhochdeutscher Zeit, nur halb übersetzt: Aus mālum machte man zwar Apfel, aber grānātum blieb — so kamen wir zum Granatapfel.)

Das lat. grānātum kommt von grānum 'Korn, Kern'. Daraus machte man bei anderer Gelegenheit das diminuierte granulum 'Körnchen', Basis des Adjektivs granulär 'körnig'. Es steckt auch in Granulat 'gekörnte Substanz' und Granulom. Auch granulär dürfte übers Französische ins Deutsche gekommen sein, wobei ich grade keine Quelle dafür finde. Da die är–Endung aber auch sonst von frz. -aire kommt (legendär < légendaire, komplementär < complémentaire etc.), müsste das hinhauen.

So, das ist genug Land, das nächste Mal geht's mehr ins Meer und den Morast!

2 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird niemals weitergegeben.Erforderliche Felder sind mit einem * markiert.