Angriff ist die beste Verteidigung

Wer kein Blut lesen kann, sollte heute lieber wegschauen:

Avi­so Nr. 33 (30.8.1609)

(Zum Text in lateinis­ch­er Schrift | Zur Über­tra­gung ins Neuhochdeutsche)

Ja, so war das damals. In Wien übri­gens. (Ich habe ver­sucht, das Datum rauszukriegen. Der Bericht ist auf den 14.8. datiert – falls noch der julian­is­che Kalen­der galt, war das ein Mon­tag, d.h. die Hin­rich­tung fand am 9.8. statt. Ganz schön viel Zeit zum Ver­we­sen! Nach dem gre­go­ri­an­is­chen war’s ein Fre­itag, Hin­rich­tung damit am 12.8. – das scheint mir plau­si­bler.)

Jet­zt aber zur Sprache! Beim Lesen bin ich über ein paar Stellen gestolpert – unter anderem über vnd die Wehr vber jhn gezuck­et. Nach­dem ich gezuck­et mit zück­en in Verbindung gebracht hat­te, war mein erster Ver­dacht zu Wehr, es sei ein altes Wort für Gewehr. Aber das Wort tauchte noch ein­mal auf, näm­lich in mit Wehren zu stück­en zer­haut. Nun gab’s zwar Bajonette, aber die scheinen erst im Ver­lauf des 17. Jahrhun­derts pop­ulär gewor­den zu sein. Und ein nor­males Gewehr erschien mir als Hieb- und Stich­w­erkzeug nicht das erste Mit­tel der Wahl. Also habe ich mich ein bißchen nach der Ety­molo­gie von Wehr umge­se­hen …

Nach Adelung kon­nte es “alle Werkzeuge, sowohl zum Angriffe, als zur Ver­thei­di­gung” beze­ich­nen, “z.B. Degen, Spieße, Lanzen, Dolche u.s.f.”. Das Grimm­sche Wörter­buch nen­nt für das Althochdeutsche die Bedeu­tun­gen ‘Vertei­di­gung, Befes­ti­gung’, aber bere­its im Mit­tel­hochdeutschen kann es daneben auch ‘Waffe’ bedeuten. Abgeleit­et ist das Wort vom Verb wehren ‘schützen, vertei­di­gen’ (Verb­stamm wer + Nom­i­nal­isierungssuf­fix î).

Doch auch das Wort Gewehr gab es schon im Althochdeutschen, es lautete giwer(i) ‘Vertei­di­gungswaffe’. Anfangs muss es sich dabei um eine Kollek­tiv­bil­dung gehan­delt haben, also so etwas wie ‘Menge zur Vertei­di­gung geeigneter Instru­mente’. (Das schließe ich aus Grimms Wörter­buchein­trag.) Außer­dem kon­nte man es auch als ‘Vor­gang des Wehrens’ benutzen, also Gewehre, so wie Geschreie.

Gewehr wurde schließlich im Mil­itär für ‘Hand­waffe’ gebraucht, dann im 18. Jahrhun­dert auf ‘Hand­feuer­waffe’ eingeschränkt und kann heute nur noch eine Lang­waffe beze­ich­nen. Wehr hinge­gen behielt seine all­ge­meinere Bedeu­tung bei und schied irgend­wann still aus dem Wortschatz. Es hin­ter­ließ nur Wehr als zur Vertei­di­gung gedacht­es Bauw­erk, heute beson­ders gern gegen Wass­er einge­set­zt.

So, jet­zt gehe ich weit­er nach blutrün­sti­gen Stellen suchen … schon ein har­ter Job, diese Wis­senschaft.

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Orig­inal­text:

Vorschienen Mit­wochen ist alhie auf der Newen­stadt ein Soldat/ vmb allein / das er ein­er alten Böh­min 2. Birn vom Kram genom­men / vnd der­hal­ben mit jhr/wie auch mit dem Feldtwebel/so furüber gangen/inZanck ger­aht­en / vnd die Wehr vber jhn gezuck­et / gehenckt wor­den / weil aber die auffhenck­ung nicht der rechte Meis­ter / son­dern ein­er so ein Zugkerbacker/vnd sambt seinen Knecht ein Sol­dat gewesen/ vnd sich aus lauter Mutwillen/ selb­sten zu diesem Ambt gemacht / vnd hiemit sein erste Prob erweisen wollen / geth­an / vnd den Armen­Sün­der anderthal­ben Elen herunter gehenckt/ das er bey ein­er guten vier­tel stun­den nicht erster­ben kön­nen / haben die anderen zuse­hend. Soldaten/dem Henck­er mit Steinen vom Gal­gen geworf­fen /hernach mit Wehren zu stück­en zerhaut/vnd seinem Knecht /welchen man wed­er stechen noch hawen können/ endtlich bey ein­er Schmieden mit SchmiedtHem­mern zer­schla­gen / also das noch auf die stund der arme Sün­der am Galgen/ der Henck­er vor dem Galgen/vnd der Knecht bei dem Schmiedt­laden ligt/ der Stadt Henck­er wil solche nicht hin­weg thun/ man gebe jhme dann zuvor 200. Thaler / vnd 500. Musquatir­er die jhn beschützen / dann es möcht jhm auch also erge­hen / man hat jhme schon 50. Thal. bewil­liget.

Über­tra­gung ins Nhd. (ohne Gewähr):

Let­zten Mittwoch ist hier in der Neustadt ein Sol­dat aufge­hängt wor­den, einzig weil er ein­er alten Böh­min zwei Bir­nen vom Stand genom­men hat­te und deshalb mit ihr und mit dem ger­ade vor­beige­hen­den Feld­webel in Stre­it geri­et und seine Waffe gegen ihn erhob. Die Hin­rich­tung wurde aber nicht vom Profi durchge­führt, son­dern von einem Kon­di­tor und seinem Knecht, zwei Ex-Sol­dat­en*. Er hat­te sich aus lauter Über­mut selb­st zum Henker gemacht, wollte nun seine erste Kost­probe geben und hängte den armen Sün­der einein­halb Ellen zu tief, sodass er noch eine Vier­tel­stunde lang mit dem Tod rang. Deshalb war­fen die anderen zuse­hen­den Sol­dat­en Steine nach dem Henker, sodass er vom Gal­gen fiel und hieben ihn danach mit Waf­fen in Stücke. Seinen Knecht, den man wed­er erstechen noch erschla­gen kon­nte**, erschlug man schließlich bei ein­er Schmiede mit Schmiede­häm­mern, sodass noch bis jet­zt der arme Sün­der am Gal­gen, der Henker vor dem Gal­gen und der Knecht bei der Schmiede liegt. Der Stadthenker will sie nicht wegschaf­fen, es sei denn man gibt ihm 200 Taler und 500 Mus­ketiere zum Schutz, weil es ihm eben­so erge­hen kön­nte. Man hat ihm schon 50 Taler bewil­ligt.

*Oder war nur der Knecht Sol­dat? /**Vielleicht habe ich hier was nicht richtig durch­schaut, denn warum nicht?

10 Gedanken zu „Angriff ist die beste Verteidigung

  1. Mirko

    Also *wenn* nur ein­er Sol­dat war (obwohl ich deine Über­set­zung eigentlich schlüs­sig finde), dann hätte ich den Kon­di­tor-Absatz eher so ver­standen, dass nur der Kon­di­tor Sol­dat war. Also sambt seinen Knecht ist doch mehr die Ergänzung zum Zugker­backer, oder nicht? Der Kon­di­tor (mit Knecht im Schlepp­tau), der Sol­dat war. Oder hat “sambt” eine andere Bedeu­tung und ich als Unwis­sender bin zu doof? 😀

  2. JJ

    »**Vielle­icht habe ich hier was nicht richtig durch­schaut, denn warum nicht?«
    — also rein kon­textuell würde ich sagen weil er abge­hauen ist? Schließlich wird die Schmiede zweimal als sep­a­rater Schau­platz erwäh­nt, kön­nte also ein Stück ent­fer­nt sein.

  3. Achim

    Ab und zu in die Kirche gehen hil­ft auch weit­er bei der ety­mol­o­gis­chen Forschung: Ein feste Wehr und Waf­fen… Klingt doch sehr nach dem, was die Her­ren Adelung und Grimm sagen.

  4. Kristin Beitragsautor

    Ja, das Lied ist mir trotz katholis­ch­er Sozial­isierung ein Begriff. Allerd­ings war mir die Inter­pre­ta­tion von Wehr hier nicht so klar — es kön­nte sowohl ein Syn­onym für Waffe sein, als auch ein Syn­onym für Schutzge­bäude (sich also an feste Burg anschließen).
    Ich habe jet­zt aber noch ein­mal genauer nachge­le­sen, im Grimm­schen Ein­trag wird ja expliz­it auf Luther Bezug genom­men, der das Wort wohl in mehreren Bedeu­tun­gen (und in der Form Wehre) zu ver­wen­den pflegte. Zu Wehr und Waf­fen heißt es unter d):

    die rei­hen­folge der bei­den wörter ist an sich willkür­lich, mundartlich ist keine der bei­den begrün­det, denn aus echter mundart ist die formel kaum zu bele­gen. […] das wort­paar enthält keine tau­tolo­gie, ergänzt sich vielmehr zum vollen sinn von ‘bewaffnung zu schutz und trutz’. […] Luther entschei­det dann für wehr und waf­fen [gemeint ist die Abfolge der Wörter] […] durch den vers:
    ein feste burg ist unser gott,
    ein gute wehr und waf­fen,

    dessen nach­wirken in der dich­tung wei­thin sicht­bar ist. […] im ferneren gebrauch von wehr und waf­fen zeich­net sich die dich­tung dadurch aus, dasz in ihr die formel kaum je gestört ist:

    Hier fol­gen dann Beispiele, in denen die Bedeu­tung Waffe sein kann/muss, z.B. zu tra­gen jre wehr und waf­fen.
    Sieht also schon so aus, als sei’s in der Waf­fenbe­deu­tung gemeint — Punkt für Dich 😉

  5. Kristin Beitragsautor

    Ja, das klingt recht überzeu­gend — ich würde wohl auch abhauen, wenn mein Chef von einem Mob zer­hackt würde. (Allerd­ings hätte man ihn ja auch dort mit den “Wehren” kalt­machen kön­nen.)

  6. Kristin Beitragsautor

    Ich hätte es so analysiert:
    1. bei­de waren Sol­dat­en: ein­er so ein Zugker­backer vnd [sambt seinen Knecht] ein Sol­dat gewe­sen
    2. nur der Knecht war’s: ein­er so ein Zugker­backer vnd sambt seinen Knecht, ein Sol­dat, gewe­sen (hier hieße vnd sambt dann sowas wie ‘mit­samt’)
    Die erste Lösung scheint mir aber wesentlich plau­si­bler.

  7. André M.

    Tut mir leid, dass ich ger­ade vom The­ma abwe­iche, aber ich habe auf meine Frage im Inter­net lei­der keine Antwort find­en kön­nen und bin lei­der fast 10.000 km von meinen Dialekt- und Wörter­büch­ern ent­fer­nt — kannst du mir/uns vielle­icht sagen, wo das Rel­a­tivpronomen “wo” (den, wo ich gese­hen hab) im deutschen Sprachge­bi­et ver­bre­it­et ist? Irgend­wo in Süd­deutsch­land und sich­er in der Schweiz, aber wo genau. Vor allem die nördliche Isoglosse würde mich inter­essieren.

    Vielle­icht find­est du da was, oder hättest sog­ar Lust, darüber was zu schreiben. 🙂

  8. Kristin Beitragsautor

    Hey­ho nach Chi­na!

    Das Phänomen ist meines Wis­sens im ganzen ale­man­nis­chen Sprachraum ver­bre­it­et. Dann habe ich mal in Wörter­büch­er geschaut, und das Pfälzis­che und das Rheinis­che WB verze­ich­nen es u.a. eben­falls als Rel­a­tivpronomen. Im Rheinis­chen WB ist als Ver­bre­itung angegeben “Rhfrk, Saar bis Mos ein­schl., May, SNeuw.”.

    Im Grimm­schen Wörter­buch find­et sich fol­gen­der Ein­trag:

    wo ver­tritt das pronomen rel­a­tivum in allen seinen for­men; zur erk­lärung vgl. Behaghel dtsche syn­tax 3, 737. in dieser ver­wen­dung ist wo bre­it­er nur mundartlich ent­fal­tet, s. O. Weise a. a. o.:
    wir kum­ment widerum zuo got,
    ja wo uns unser sün­den lot

    Murn­er baden­fahrt 99, 10 Michels;
    die werk, wo wir selb­st erwählen, nen­net der herr Chris­tus unnütze (opera a nobis elec­ta) apolo­gie d. Augs­burg­er kon­fes­sion (1530) bei J. T. Müller d. symb. büch­er d. ev.-luth. kirche (1886) 280;
    es ist doch nicht mein fräuelein,
    es ist doch num­men (nur) eüss­er lieb­stes kind, wo wir so lang ver­loren hei ghan
    (schweiz­erisch) bei Uhland volk­slieder 1, 276;
    der meis­ter nimmt das schlecht­este mess­er, wo er hat Hebel w. 2, 179 Behaghel;
    und du muszt doch jezt auch den buben sehen, wo du zu mir ein­ge­laden Pestalozzi w. 3, 135 Buchenau u. a.

    Ich gehe jet­zt gle­ich arbeit­en, dann schaue ich auch mal in den Behagel rein, vielle­icht find­et sich da noch Genaueres. Der Ver­weis auf Weise ist “O. Weise d. rel­a­tivpron. in den dtsch. maa. in: zs. f. dtsche maa. 1917, 67”, das müssten wir auch haben.

  9. Achim

    Hal­lo,

    ich habe darüber vor vie­len Jahren (bin ja schon eine Weile exma­trikuliert…) mal eine Sem­i­narar­beit geschrieben (diachrone und syn­chrone Betra­ch­tung der Rel­a­tivpronom­i­na vor allem im Deutschen, aber darüber­hin­aus auch in den ger­man­is­chen, und ein biss­chen in den indoeu­ropäis­chen Sprachen). Ich hat­te immer gedacht, dass ich sie noch hätte, weil nicht nur der Prof. zufrieden war, son­dern ich auch. Muss noch mal suchen.

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