Pippi Langstrumpf, N****prinzessin und Übersetzungsproblem

Wenn ich meiner Tochter früher die Bücher Pippi Langstrumpf geht an Bord und Pippi auf Taka-Tuka-Land vorgelesen habe, sah ich mich zu redaktionellen Änderungen gezwungen: Die Bücher enthalten eine Reihe rassistischer Ausdrücke, die ich beim Vorlesen stillschweigend durch annähernd neutrale Wörter ersetzt habe.

[Hinweis: Der folgende Beitrag enthält Beispiele rassistischer Sprache.}

Konkret ging es dabei um das Wort Neger, sowohl für sich stehend als auch in Wortkombinationen wie Negerprinzessin, Negerkönig u.ä. Diese empfand ich im Jahr 2004, vor allem im Kontext eines Kinderbuchs, als höchst problematisch, und so habe ich das Wort Neger durchgängig durch Südsee– bzw. Südseeinsulaner ersetzt.

Im vorletzten Jahr habe ich darüber in einem Beitrag (ursprünglich im Bremer Sprachblog erschienen) geschrieben, und damit einen für mich überraschenden Sturm der Empörung ausgelöst, sowohl in den Kommentaren damals als auch in E-Mails und Briefen, die ich bis heute erhalte. Die Empörung bezieht sich dabei hauptsächlich auf zwei Aspekte. Erstens habe ich mein Vorgehen damals als „Übersetzung“ charakterisiert indem ich schrieb: „Ich habe also das Deutsch der Übersetzerin Cäcile Heinig aus den 1950ern in das Deutsch des 21. Jahrhunderts übersetzt.“ Das wird, mal mehr, mal weniger aufgeregt infrage gestellt, zuletzt in einem eher unaufgeregten (aber auch eher undurchdachten) Beitrag in Ludwig Trepls Deutsche-Sprak-Blog. Zweitens wirft man mir Zensur und Bilderstürmerei vor — in Lindgrens Text stehe nun einmal Neger, und das müsse ich respektieren und beim Vorlesen eben erklären und historisch einbetten; keinesfalls aber dürfe ich am Text etwas ändern.

Meine Einstellung zu beiden Punkten hat sich durch diese Diskussionen weiterentwickelt, und als ich vor ein paar Wochen festgestellt habe, dass der Oetinger-Verlag die Texte im Jahr 2009 — zufällig dem Jahr meines ursprünglichen Blogbeitrags — in einer sprachlich aktualisierten Fassung neu herausgegeben hat, hielt ich das für einen guten Anlass, mich in zwei Folgebeiträgen noch einmal mit diesem Thema zu befassen.

Beginnen möchte ich heute mit der relativ trockenen Frage, ob meine Anpassungen beim Vorlesen, und die des Oetinger-Verlags in seiner Neubearbeitung, eine „Übersetzung“ darstellen. Das beinhaltet auch die Frage, ob es angemessener ist, das neger des schwedischen Originals mit Neger zu übersetzen.

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir uns zunächst vergegenwärtigen, was eine Übersetzung eigentlich ist. Eine allgemein akzeptierte Definition besagt, dass es sich dabei um die „schriftl[iche] Form der Vermittlung eines Textes durch Wiedergabe in einer anderen Sprache unter Berücksichtigung bestimmter Äquivalenzforderungen“ handelt.1

Entscheidend ist hier der Verweis auf die „Äquivalenzforderungen“: Um als Übersetzung zu gelten, muss die Wiedergabe dem Original in ihrem gesamten Bedeutungsumfang entsprechen. Schon die Bedeutung von Wörtern (um die es mir hier geht) ist dabei deutlich komplexer, als unser Alltagsmodell von Sprache es möglicherweise vermuten lässt.

Zunächst müssen wir zwischen der Referenz eines Wortes und seinem Sinn unterscheiden.2 Die Referenz ist dabei grob gesagt dasjenige, was durch ein Wort bezeichnet wird, der Sinn ist die abstrakte Wissensstruktur, die wir mit dem Wort verbinden. Diese beiden Aspekte der Wortbedeutung können auseinanderfallen. Der Philosoph Gottlieb Frege verdeutlicht das an einem Beispiel, das inzwischen Standard in allen Lehrwerken ist: den Wörtern Morgenstern und Abendstern. Die Referenz dieser beiden Wörter ist identisch: sie bezeichnen den Planeten Venus. Der Sinn dagegen unterscheidet sich: der Abendstern ist der erste Himmelskörper (außer dem Mond), der am Nachthimmel sichtbar wird. Der Morgenstern ist dagegen der letzte Himmelskörper (außer dem Mond), der am Morgenhimmel (kurz vor, manchmal sogar nach Sonnenaufgang) noch sichtbar ist.

Innerhalb des Sinnes (also der mit dem Wort verknüpften abstrakten Wissensstruktur) müssen wir eine weitere Unterscheidung treffen: die zwischen der Denotation des Wortes und seiner Konnotation. Die Denotation ist der neutrale Kern dieser Wissensstruktur — grob gesagt, der Teil, der es uns erlaubt, die Referenz des Wortes zu erkennen. Mit Konnotation bezeichnen wir dagegen diejenigen Teile dieser Wissenssturktur, die uns etwas über die Einstellung von Sprecher/innen zum Bezeichneten und über die mit diesem verbundenen Gefühle sagen. Die Ausdrücke Erde und blauer Planet bezeichnen beispielsweise beide den Planeten Terra, aber während Erde neutral ist, schwingen bei blauer Planet eine Reihe von Gefühlsregungen mit — Romantik, Verbundenheit, Zerbrechlichkeit usw.

Die Komplexität von Wortbedeutungen bringt es außerdem noch mit sich, dass Wörter einen Teil ihrer Bedeutung mit anderen Wörtern teilen können, ohne deshalb dieselbe Referenz oder denselben Sinn zu haben. Die Wörter Planet, Venus und Erde teilen zum Beispiel alle die Bedeutungskomponente „Himmelskörper einer bestimmten Größe, der sich auf einer Umlaufbahn um einen Stern befindet“, aber während der Sinn von Planet damit vollständig beschrieben ist, kommen bei Erde und Venus zusätzliche Komponenten hinzu, die dazu führen, dass man die beiden Wörter nicht beliebig austauschen kann (wohl aber könnte man sie notfalls beide durch das Wort Planet, also durch ihren Oberbegriff ersetzen).

Sehen wir uns mit diesem Wissen im Hinterkopf nun ein konkretes Übersetzungsproblem an. Da ich Anglist bin, erlaube ich mir, dafür einen Klassiker der mittelenglischen Literatur heranzuziehen, nämlich Geoffrey Chaucers Canterbury Tales. Im Prolog dieser Erzählung heißt es über eine der Figuren (eine Äbtissin):

Of smale houndes hadde she that she fedde
With rosted flessh, or milk and wastel-breed.
But soore wepte she if oon of hem were deed,
Or if men smoot it with a yerde smerte;
And al was conscience and tendre herte.3

Eine wörtliche Übersetzung der ganzen Passage ins Gegenwartsdeutsche findet sich am Ende des Beitrags.4 Uns geht es hier nur um die erste Zeile, speziell um das Wort hound. Das Wort bezeichnete im Mittelenglischen alle Mitglieder der Gattung Canis familiaris, also das, was wir im Deutschen mit Hund bezeichnen. Und wie das Wort Hund hat auch das Wort hound im Mittelenglischen keine speziellen Konnotationen, drückt also keine besondere Einstellung gegenüber Hunden aus.

In der bekannten deutschen Übersetzung von Adolf von Düring lautet die Passage wie folgt:

Wenn von den Hündchen, die mit Semmelbrod
Und Bratenfleisch und süßer Milch sie nährte,
Eines verreckt war, oder mit der Gerte
Geschlagen wurde, weinte sie vor Schmerz.
So voller Zartgefühl war sie und Herz.5

Düring benutzt hier zunächst folgerichtig das Wort Hund und entscheidet sich dann, die Bedeutung von smal („klein“) nicht als separates Wort, sondern in Form des Suffixes –chen wiederzugeben. Damit bewegt er sich schon auf dünnem Eis, denn das Suffix –chen trägt neben der denotativen Bedeutung „klein“ auch noch die konnotative Bedeutung „positive Einstellung“. Aus den neutralen smale houndes des Originals werden also „niedliche kleine Hunde“. Trotzdem ist klar, dass Düring es schlechter hätte treffen können, zum Beispiel, indem er folgende, klar positiv bzw. negativ konnotierte Ausdrücke verwendet hätte:

Wenn von den besten Freunden des Menschen, die mit Semmelbrot…
Wenn von den Wauwaus, die mit Semmelbrot…
Wenn von den Kötern, die mit Semmelbrot…
Wenn von den Tölen, die mit Semmelbrot…

Außerdem musste Düring etwas wissen, das dem Englischen nur aus der Ferne vertraute Leser/innen vielleicht gar nicht bemerkt haben: die Bedeutung des Wortes hound hat sich seit dem Mittelenglischen verändert. Im Gegenwartsenglisch bedeutet es nämlich nicht mehr allgemein „Hund“, sondern es hat sich auf die Bedeutung „Jagdhund“ spezialisiert. Hätte Düring diesen semantischen Wandel ignoriert, hätte er fälschlicherweise wie folgt übersetzt:

Wenn von den kleinen Jagdhunden, die mit Semmelbrot…

Auch moderne englische Übersetzungen der Canterbury Tales nehmen natürlich auf diesen Bedeutungswandel Rücksicht, und schreiben statt hound dasjenige Wort, das im heutigen Englisch die neutrale Bezeichnung für Canis familiaris ist:

And she had little dogs she would be feeding
With roasted flesh, or milk, or fine white bread.
And bitterly she wept if one were dead
Or someone took a stick and made it smart;
She was all sentiment and tender heart.6

She kept some little dogs, and these she fed
On roast meat, or on milk and fine white bread.
But how she’d weep if one of them were dead,
Or if somebody took a stick to it!
She was all sensitivity and tender heart.7

Die Übersetzer würden ihrer Aufgabe kaum gerecht werden, wenn sie stur mit hound übersetzen würden, oder wenn sie ein negativ konnotiertes Wort verwenden wie mutt/mongrel verwenden würden:

She kept some little hounds, and these she fed…
She kept some little mutts, and these she fed…
She kept some little mongrels, and these she fed…

Kommen wir nun zu Pippi Langstrumpf zurück und sehen uns die Passage, die ich schon in meinem ursprünglichen Beitrag problematisiert habe, unter diesen Gesichtspunkten noch einmal an. Im schwedischen Original lautet diese Passage:

Negerprinsessa, tänk bara! […] Jag ska ha en egen neger som blankar mej med skokräm över hela kroppen, sä att jag blir lika svart som dom andra negerbarna.

Die klassische deutsche Übersetzung von 1950 lautet:

Bedenkt mal — Negerprinzessin! … [I]ch werde einen eigenen Neger haben, der mir jeden Morgen den ganzen Körper mit Schuhcreme putzt. Damit ich ebenso schwarz werde wie die anderen Neger.8

Die Wörter negerprinsessa und neger sind mit Negerprinzessin und Neger übersetzt, aus den negerbarna („Negerkindern“) werden schlicht Neger.

Der Oetinger-Verlag rechtfertigt diese klassische Übersetzung auf seiner Webseite Übersetzung damit, dass das schwedische Wort neger und das deutsche Neger „[i]n den 1940er Jahren, als Astrid Lindgren die ‚Pippi Langstrumpf“-Bücher schrieb … die übliche Bezeichnung für Menschen mit schwarzer Hautfarbe“ war, und auch im Buch selbst gab es eine entsprechende Fußnote:

[I]n diesem und folgenden Kapiteln wird der Ausdruck „Neger“ verwendet. Als Astrid Lindgren Pippi Langstrumpf geschrieben hat, war das noch üblich. Heute würde man „Schwarze“ sagen9.

Ich weiß nicht, seit wann diese Fußnote in den Büchern steht. Ich besitze zwei Ausgaben, eine von 1968 und eine von 1986; in der zweiten ist sie enthalten, in der ersten noch nicht. Die Tatsache, dass man es irgendwann zwischen 1968 und 1986 für nötig hielt, diese Fußnote hinzuzufügen, zeigt, dass die ursprüngliche Übersetzung spätestens zu diesem Zeitpunkt nicht mehr angemessen war. Denn wie ich oben ausführlich illustriert habe, muss eine Übersetzung nach vollständiger semantischer Äquivalenz streben, also Wörter finden, deren Referenz, Denotation und Konnotation dem Original entsprechen.

Das schwedische Wort neger mag in den 1940er Jahren eine neutrale Bezeichnung für Menschen mit schwarzer Haut gewesen sein. Das deutsche Wort Neger war es spätestens 1986 nicht mehr, sondern hatte zusätzlich negative Konnotationen angenommen. Indem der Verlag das Wort trotzdem beibehalten hat, hat er diesen Bedeutungswandel nicht berücksichtigt und ein falsch konnotiertes Wort verwendet — eben so, als hätte Düring Chaucers smale houndes mit kleine Köter oder kleine Jagdhunde übersetzt.

Als ich meiner Tochter die Geschichte im Jahr 2004 vorgelesen habe, habe ich, wie eingangs angedeutet, statt Negerprinzessin das Wort Südseeprinzessin verwendet, den „eigenen Neger“ und das Einfärben mit Schuhcreme habe ich ganz weggelassen. In der Neuausgabe des Oetinger-Verlags von 2009 lautet die Passage so:

Stellt euch mal vor — Taka-Tuka-Prinzessin! […] ich werde mich jeden Morgen mit Schuhcreme blank putzen lassen. Damit ich genauso schwarz werde wie die anderen.10

Man hat hier also etwas weniger radikal in den Text eingegriffen: Das Einfärben wird beibehalten, der „eigene Neger“ aber mittels einer Passivkonstruktion aus dem Text entfernt.

Die englische Übersetzung aus den 1950er Jahren hat die scheinbare Übersetzung negro von Anfang an vermieden — offenbar war der Übersetzerin schon damals klar, dass dieses Wort eine negative Konnotation hatte, die nicht der von Astrid Lindgren intendierten Bedeutung des schwedischen neger entsprach. Die Passage lautete dort so:

Imagine! A Cannibal Princess! … I shall have a cannibal of my own to polish me all over with shoe polish every morning.11

Das Polieren mit Schuhcreme bleibt hier erhalten, aber der Zweck — das Färben der Haut — wird weggelassen.

Nachdem ich klargestellt habe, dass die Übersetzung mit Neger und davon abgeleiteten Wörtern wie Negerprinzessin eine schlechte Übersetzung darstellt, muss ich eingestehen, dass auch die hier präsentierten Alternativen, anders als in meinem ursprünglichen Beitrag behauptet, als Übersetzungen nicht unproblematisch sind.

Sie beschränken sich nämlich nicht darauf, semantische Äquivalenz herzustellen: Weder Südseeprinzessin, noch Taka-Tuka-Prinzessin oder gar Cannibal Princess genügen diesm Kriterium, denn keine dieser Übersetzungen versucht, eine angemessene neutrale Bezeichnung für Menschen mit „schwarzer“ Hautfarbe zu finden (eine solche Bezeichnung wäre heute vielleicht so etwas wie „dunkelhäutiger Mensch“).

Stattdessen versuchen alle drei Übersetzungen, über die semantische Äquivalenz hinauszugehen. Der Oetinger-Verlag rechtfertigt seine Neubearbeitung wie folgt (und ich hätte mich dieser Begründung damals angeschlossen):

Wer Astrid Lindgren und ihre Werke kennt, weiß, dass sie tolerant und allem Fremden gegenüber aufgeschlossen war. Ihr Werk ist gekennzeichnet durch Liebe und Verständnis gegenüber allen Menschen und ihr humanitärer Anspruch prägt alle ihre Geschichten. Auch ihre Kinderbuchfiguren hegen keinerlei Vorurteile.12

Wenn wir davon ausgehen, dass Astrid Lindgren nicht nur keine negativ konnotierten Wörter verwenden wollte, sondern sogar aufgeschlossen für alles Fremde — in diesem Fall für die Bewohner der Südsee — war, dann können wir versuchen, diese Aufgeschlossenheit mit zu übertragen. Dazu müssen wir aber in den Inhalt der Geschichten eingreifen, denn diese sind — egal, wie aufgeschlossen und tolerant Lindgren war oder nicht war — von Anfang bis Ende von einem tiefgreifenden Rassismus durchdrungen.

Das fängt mit der relativ trivialen Tatsache an, dass die Bewohner der Südsee schlicht keine schwarze Haut haben, und dass allein die Idee, dass alle „Fremden“ Schwarz sein müssen ein koloniales Herrschaftsdenken spiegelt, das einem kalte Schauer den Rücken herunterlaufen lassen würde — wenn dieses Denken nicht so tief verankert wäre, dass wir es kaum bemerken.

Die englische Übersetzung und meine Vorlesepraxis haben versucht, die Idee des „Schwarzen“ völlig zu vermeiden, indem wir die schwarze Hautfarbe komplett aus der Geschichte gestrichen haben. Ich habe beim Vorlesen z.B. die Passage mit der Schuhcreme einfach weggelassen, in der englischen Übersetzung lässt sich Pippi zwar mit Schuhcreme polieren, aber eine Farbe wird dabei nicht erwähnt. (Dass die englische Übersetzung mit cannibal leider gleich zum nächsten üblen kolonialen Stereotyp gegriffen hat, wäre einen eigenen Beitrag wert).

Die Neubearbeitung des Oetinger-Verlags behält die schwarze Hautfarbe durchgängig bei, sie versucht aber, alle Wörter zu vermeiden, die überhaupt eine Klassifikation von Menschen nach ihrer Hautfarbe vornehmen. Statt Negerkönig steht dort Südseekönig, statt Taka-Tuka-Neger heißt es Taka-Tuka-Volk und statt Negern schlicht Taka-Tukaner, statt der Negersprache spricht man die Taka-Tuka-Sprache und so weiter13.

Eine semantisch saubere Übersetzung, egal wie gelungen sie wäre, würde nichts daran ändern, dass Pippi Langstrumpf geht an Bord und Pippi in Taka-Tuka-Land von einem Rassedenken geprägt sind, das im 21. Jahrhundert in Kinderbüchern nicht mehr akzeptabel sein kann. Das zeigt ein Versuch, die oben zitierte Passage unter Verwendung des (vergleichsweise) neutralen Ausdrucks dunkelhäutiger Mensch zu übersetzen:

Bedenkt mal — Prinzessin der dunkelhäutigen Menschen! … [I]ch werde einen eigenen dunkelhäutigen Menschen haben, der mir jeden Morgen den ganzen Körper mit Schuhcreme putzt. Damit ich ebenso schwarz werde wie die anderen dunkelhäutigen Menschen.

Das Problem an dieser Passage (und an den Büchern insgesamt) ist tatsächlich gar nicht die Sprache. Es ist die Idee, dass es sinnvoll ist, Menschen nach ihrer Hautfarbe zu kategorisieren, dass man Menschen (mit bestimmten Hautfarben) besitzen kann, dass man Hautfarben mit der Einfärbung durch Schuhcreme vergleichen kann. Diese Ideen bleiben auch bei einer guten Übersetzung Teil des Textes.

Auch die Neubearbeitung des Oetinger-Verlags schafft es nicht, gegen diese tief in die Bücher gewobenen Ideen anzukommen — um das wirklich zu erreichen, müsste man so radikal in Lindgrens Texte eingreifen, dass man sie nicht mehr als Übersetzung, sondern als Neudichtung bezeichnen müsste. Das ist ja auch nicht schlimm — ich habe schon in meinem ursprünglichen Beitrag darauf hingewiesen, dass ich nicht nur neu übersetzt, sondern teilweise auch umgedichtet habe und dass Texte wie die Pippi-Langstrumpf-Geschichten nur durch eine solche Umdichtung aktuell bleiben.

Mit solchen Umdichtungen stellt sich aber ein neues Problem, das ich in einem Folgebeitrag am Donnerstag genauer diskutieren werde: Wann kann man umdichten, und wann würde man damit ein Kunstwerk zerstören? Und was geschieht mit Texten, die man nicht umdichten kann oder darf, die aber in ihrer Originalform nicht mehr angemessen sind?

 

[Dieser Beitrag erschien ursprünglich im alten Sprachlog auf den SciLogs. Die hier erschienene Version enthält möglicherweise Korrekturen und Aktualisierungen. Auch die Kommentare wurden möglicherweise nicht vollständig übernommen.]

  1. Brockhaus Enzyklopädie, 19. Aufl, Wiesbaden 1974–1994, 22. Band (1994), S. 542f, zit. InfoWissWiki, s.v. Übersetzungswissenschaft. [Link] []
  2. Ich folge hier grob der Diskussion von Gottlob Frege, nicht aber den von ihm vorgeschlagenen Begriffen: Das, was er „Bedeutung“ nennt, nenne ich Referenz, um das Wort Bedeutung im alltagssprachlichen Sinne für die Gesamtheit der semantischen und pragmatischen Aspekte eines Wortes verwenden zu können. []
  3. Geoffrey Chaucer, The Canterbury Tales. Originalfassung. []
  4. Sie hatte einige kleine Hunde, die sie mit geröstetem Fleisch oder Milch und Weißbrot füttere. Aber sie weinte bitterlich, wenn einer von ihnen starb, oder wenn die Leute sie mit einer Gerte schlugen; sie bestand ganz aus Empfindsamkeit und weichem Herzen.“ []
  5. Geoffrey Chaucer, Die Canterbury-Erzählungen. In: Geoffrey Chaucers Werke, Band 2. Übersetzt von Adolf von Düring. Straßburg, Trübner, 1886. [Link] []
  6. Geoffrey Chaucer, The Canterbury Tales. Übersetzt von Nevill Coghill. London, Penguin, 1952. []
  7. Geoffrey Chaucer, The Canterbury Tales. Übersetzt von David White. Oxford University Press, 1985. []
  8. Astrid Lindgren, Pippi geht an Bord. Übersetzt von Cäcile Heinig. Hamburg, Oetinger, 1968, S. 173–174 []
  9. Astrid Lindgren, Pippi geht an Bord. Übersetzt von Cäcile Heinig. Hamburg, Oetinger, 1986, S. 10 []
  10. Astrid Lindgren, Pippi geht an Bord. Übersetzt von Cäcile Heinig. Hamburg, Oetinger, 2009. []
  11. Astrid Lindgren, Pippi Goes Aboard. Übersetzt von Marianne Turner, Oxford University Press, 2002. []
  12. Verlag Friedrich Oetinger, Die Begriffe „Neger“ und „Zigeuner“ im Werk Astrid Lindgrens [Link] []
  13. z.B. Pippi geht an Bord, 1968 S. 157ff. und Pippi geht an Bord, 2009 S. 106ff []

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