Pippi Langstrumpf, N****prinzessin und Übersetzungsproblem

Von Anatol Stefanowitsch

Wenn ich mein­er Tochter früher die Büch­er Pip­pi Langstrumpf geht an Bord und Pip­pi auf Taka-Tuka-Land vorge­le­sen habe, sah ich mich zu redak­tionellen Änderun­gen gezwun­gen: Die Büch­er enthal­ten eine Rei­he ras­sis­tis­ch­er Aus­drücke, die ich beim Vor­lesen stillschweigend durch annäh­ernd neu­trale Wörter erset­zt habe.

[Hin­weis: Der fol­gende Beitrag enthält Beispiele ras­sis­tis­ch­er Sprache.}

Konkret ging es dabei um das Wort Neger, sowohl für sich ste­hend als auch in Wortkom­bi­na­tio­nen wie Negerprinzessin, Negerkönig u.ä. Diese emp­fand ich im Jahr 2004, vor allem im Kon­text eines Kinder­buchs, als höchst prob­lema­tisch, und so habe ich das Wort Neger durchgängig durch Süd­see- bzw. Süd­seein­su­lan­er ersetzt.

Im vor­let­zten Jahr habe ich darüber in einem Beitrag (ursprünglich im Bre­mer Sprach­blog erschienen) geschrieben, und damit einen für mich über­raschen­den Sturm der Empörung aus­gelöst, sowohl in den Kom­mentaren damals als auch in E‑Mails und Briefen, die ich bis heute erhalte. Die Empörung bezieht sich dabei haupt­säch­lich auf zwei Aspek­te. Erstens habe ich mein Vorge­hen damals als „Über­set­zung“ charak­ter­isiert indem ich schrieb: „Ich habe also das Deutsch der Über­set­zerin Cäcile Heinig aus den 1950ern in das Deutsch des 21. Jahrhun­derts über­set­zt.“ Das wird, mal mehr, mal weniger aufgeregt infrage gestellt, zulet­zt in einem eher unaufgeregten (aber auch eher undurch­dacht­en) Beitrag in Lud­wig Tre­pls Deutsche-Sprak-Blog. Zweit­ens wirft man mir Zen­sur und Bilder­stürmerei vor — in Lind­grens Text ste­he nun ein­mal Neger, und das müsse ich respek­tieren und beim Vor­lesen eben erk­lären und his­torisch ein­bet­ten; keines­falls aber dürfe ich am Text etwas ändern.

Meine Ein­stel­lung zu bei­den Punk­ten hat sich durch diese Diskus­sio­nen weit­er­en­twick­elt, und als ich vor ein paar Wochen fest­gestellt habe, dass der Oetinger-Ver­lag die Texte im Jahr 2009 — zufäl­lig dem Jahr meines ursprünglichen Blog­beitrags — in ein­er sprach­lich aktu­al­isierten Fas­sung neu her­aus­gegeben hat, hielt ich das für einen guten Anlass, mich in zwei Fol­ge­beiträ­gen noch ein­mal mit diesem The­ma zu befassen.

Begin­nen möchte ich heute mit der rel­a­tiv trock­e­nen Frage, ob meine Anpas­sun­gen beim Vor­lesen, und die des Oetinger-Ver­lags in sein­er Neubear­beitung, eine „Über­set­zung“ darstellen. Das bein­hal­tet auch die Frage, ob es angemessen­er ist, das neger des schwedis­chen Orig­i­nals mit Neger zu übersetzen.

Um diese Frage zu beant­worten, müssen wir uns zunächst verge­gen­wär­ti­gen, was eine Über­set­zung eigentlich ist. Eine all­ge­mein akzep­tierte Def­i­n­i­tion besagt, dass es sich dabei um die „schriftl[iche] Form der Ver­mit­tlung eines Textes durch Wieder­gabe in ein­er anderen Sprache unter Berück­sich­ti­gung bes­timmter Äquiv­alen­z­forderun­gen“ han­delt. ((Brock­haus Enzyk­lopädie, 19. Aufl, Wies­baden 1974–1994, 22. Band (1994), S. 542f, zit. InfoWis­s­Wi­ki, s.v. Über­set­zungswis­senschaft. [Link]))

Entschei­dend ist hier der Ver­weis auf die „Äquiv­alen­z­forderun­gen“: Um als Über­set­zung zu gel­ten, muss die Wieder­gabe dem Orig­i­nal in ihrem gesamten Bedeu­tung­sum­fang entsprechen. Schon die Bedeu­tung von Wörtern (um die es mir hier geht) ist dabei deut­lich kom­plex­er, als unser All­t­agsmod­ell von Sprache es möglicher­weise ver­muten lässt.

Zunächst müssen wir zwis­chen der Ref­erenz eines Wortes und seinem Sinn unter­schei­den. ((Ich folge hier grob der Diskus­sion von Got­t­lob Frege, nicht aber den von ihm vorgeschla­ge­nen Begrif­f­en: Das, was er „Bedeu­tung“ nen­nt, nenne ich Ref­erenz, um das Wort Bedeu­tung im all­t­agssprach­lichen Sinne für die Gesamtheit der seman­tis­chen und prag­ma­tis­chen Aspek­te eines Wortes ver­wen­den zu kön­nen.)) Die Ref­erenz ist dabei grob gesagt das­jenige, was durch ein Wort beze­ich­net wird, der Sinn ist die abstrak­te Wis­sensstruk­tur, die wir mit dem Wort verbinden. Diese bei­den Aspek­te der Wortbe­deu­tung kön­nen auseinan­der­fall­en. Der Philosoph Got­tlieb Frege verdeut­licht das an einem Beispiel, das inzwis­chen Stan­dard in allen Lehrw­erken ist: den Wörtern Mor­gen­stern und Abend­stern. Die Ref­erenz dieser bei­den Wörter ist iden­tisch: sie beze­ich­nen den Plan­eten Venus. Der Sinn dage­gen unter­schei­det sich: der Abend­stern ist der erste Him­mel­skör­p­er (außer dem Mond), der am Nachthim­mel sicht­bar wird. Der Mor­gen­stern ist dage­gen der let­zte Him­mel­skör­p­er (außer dem Mond), der am Mor­gen­him­mel (kurz vor, manch­mal sog­ar nach Son­nenauf­gang) noch sicht­bar ist.

Inner­halb des Sinnes (also der mit dem Wort verknüpften abstrak­ten Wis­sensstruk­tur) müssen wir eine weit­ere Unter­schei­dung tre­f­fen: die zwis­chen der Deno­ta­tion des Wortes und sein­er Kon­no­ta­tion. Die Deno­ta­tion ist der neu­trale Kern dieser Wis­sensstruk­tur — grob gesagt, der Teil, der es uns erlaubt, die Ref­erenz des Wortes zu erken­nen. Mit Kon­no­ta­tion beze­ich­nen wir dage­gen diejeni­gen Teile dieser Wis­senssturk­tur, die uns etwas über die Ein­stel­lung von Sprecher/innen zum Beze­ich­neten und über die mit diesem ver­bun­de­nen Gefüh­le sagen. Die Aus­drücke Erde und blauer Plan­et beze­ich­nen beispiel­sweise bei­de den Plan­eten Ter­ra, aber während Erde neu­tral ist, schwin­gen bei blauer Plan­et eine Rei­he von Gefühlsre­gun­gen mit — Roman­tik, Ver­bun­den­heit, Zer­brech­lichkeit usw.

Die Kom­plex­ität von Wortbe­deu­tun­gen bringt es außer­dem noch mit sich, dass Wörter einen Teil ihrer Bedeu­tung mit anderen Wörtern teilen kön­nen, ohne deshalb dieselbe Ref­erenz oder densel­ben Sinn zu haben. Die Wörter Plan­et, Venus und Erde teilen zum Beispiel alle die Bedeu­tungskom­po­nente „Him­mel­skör­p­er ein­er bes­timmten Größe, der sich auf ein­er Umlauf­bahn um einen Stern befind­et“, aber während der Sinn von Plan­et damit voll­ständig beschrieben ist, kom­men bei Erde und Venus zusät­zliche Kom­po­nen­ten hinzu, die dazu führen, dass man die bei­den Wörter nicht beliebig aus­tauschen kann (wohl aber kön­nte man sie not­falls bei­de durch das Wort Plan­et, also durch ihren Ober­be­griff ersetzen).

Sehen wir uns mit diesem Wis­sen im Hin­terkopf nun ein konkretes Über­set­zung­sprob­lem an. Da ich Anglist bin, erlaube ich mir, dafür einen Klas­sik­er der mit­te­lenglis­chen Lit­er­atur her­anzuziehen, näm­lich Geof­frey Chaucers Can­ter­bury Tales. Im Pro­log dieser Erzäh­lung heißt es über eine der Fig­uren (eine Äbtissin):

Of smale houndes hadde she that she fedde
With ros­t­ed flessh, or milk and wastel-breed.
But soore wepte she if oon of hem were deed,
Or if men smoot it with a yerde smerte;
And al was con­science and ten­dre herte. ((Geof­frey Chaucer, The Can­ter­bury Tales. Originalfassung.))

Eine wörtliche Über­set­zung der ganzen Pas­sage ins Gegen­warts­deutsche find­et sich am Ende des Beitrags. ((„Sie hat­te einige kleine Hunde, die sie mit geröstetem Fleisch oder Milch und Weißbrot füt­tere. Aber sie weinte bit­ter­lich, wenn ein­er von ihnen starb, oder wenn die Leute sie mit ein­er Gerte schlu­gen; sie bestand ganz aus Empfind­samkeit und weichem Herzen.“)) Uns geht es hier nur um die erste Zeile, speziell um das Wort hound. Das Wort beze­ich­nete im Mit­te­lenglis­chen alle Mit­glieder der Gat­tung Can­is famil­iaris, also das, was wir im Deutschen mit Hund beze­ich­nen. Und wie das Wort Hund hat auch das Wort hound im Mit­te­lenglis­chen keine speziellen Kon­no­ta­tio­nen, drückt also keine beson­dere Ein­stel­lung gegenüber Hun­den aus.

In der bekan­nten deutschen Über­set­zung von Adolf von Düring lautet die Pas­sage wie folgt:

Wenn von den Hünd­chen, die mit Semmelbrod
Und Braten­fleisch und süßer Milch sie nährte,
Eines ver­reckt war, oder mit der Gerte
Geschla­gen wurde, weinte sie vor Schmerz.
So voller Zart­ge­fühl war sie und Herz. ((Geof­frey Chaucer, Die Can­ter­bury-Erzäh­lun­gen. In: Geof­frey Chaucers Werke, Band 2. Über­set­zt von Adolf von Düring. Straßburg, Trüb­n­er, 1886. [Link]))

Düring benutzt hier zunächst fol­gerichtig das Wort Hund und entschei­det sich dann, die Bedeu­tung von smal („klein“) nicht als sep­a­rates Wort, son­dern in Form des Suf­fix­es -chen wiederzugeben. Damit bewegt er sich schon auf dün­nem Eis, denn das Suf­fix -chen trägt neben der deno­ta­tiv­en Bedeu­tung „klein“ auch noch die kon­no­ta­tive Bedeu­tung „pos­i­tive Ein­stel­lung“. Aus den neu­tralen smale houndes des Orig­i­nals wer­den also „niedliche kleine Hunde“. Trotz­dem ist klar, dass Düring es schlechter hätte tre­f­fen kön­nen, zum Beispiel, indem er fol­gende, klar pos­i­tiv bzw. neg­a­tiv kon­notierte Aus­drücke ver­wen­det hätte:

Wenn von den besten Fre­un­den des Men­schen, die mit Semmelbrot…
Wenn von den Wauwaus, die mit Semmelbrot…
Wenn von den Kötern, die mit Semmelbrot…
Wenn von den Tölen, die mit Semmelbrot…

Außer­dem musste Düring etwas wis­sen, das dem Englis­chen nur aus der Ferne ver­traute Leser/innen vielle­icht gar nicht bemerkt haben: die Bedeu­tung des Wortes hound hat sich seit dem Mit­te­lenglis­chen verän­dert. Im Gegen­wart­sen­glisch bedeutet es näm­lich nicht mehr all­ge­mein „Hund“, son­dern es hat sich auf die Bedeu­tung „Jagdhund“ spezial­isiert. Hätte Düring diesen seman­tis­chen Wan­del ignori­ert, hätte er fälschlicher­weise wie fol­gt übersetzt:

Wenn von den kleinen Jagdhun­den, die mit Semmelbrot…

Auch mod­erne englis­che Über­set­zun­gen der Can­ter­bury Tales nehmen natür­lich auf diesen Bedeu­tungswan­del Rück­sicht, und schreiben statt hound das­jenige Wort, das im heuti­gen Englisch die neu­trale Beze­ich­nung für Can­is famil­iaris ist:

And she had lit­tle dogs she would be feeding
With roast­ed flesh, or milk, or fine white bread.
And bit­ter­ly she wept if one were dead
Or some­one took a stick and made it smart;
She was all sen­ti­ment and ten­der heart. ((Geof­frey Chaucer, The Can­ter­bury Tales. Über­set­zt von Nevill Coghill. Lon­don, Pen­guin, 1952.))

She kept some lit­tle dogs, and these she fed
On roast meat, or on milk and fine white bread.
But how she’d weep if one of them were dead,
Or if some­body took a stick to it!
She was all sen­si­tiv­i­ty and ten­der heart. ((Geof­frey Chaucer, The Can­ter­bury Tales. Über­set­zt von David White. Oxford Uni­ver­si­ty Press, 1985.))

Die Über­set­zer wür­den ihrer Auf­gabe kaum gerecht wer­den, wenn sie stur mit hound über­set­zen wür­den, oder wenn sie ein neg­a­tiv kon­notiertes Wort ver­wen­den wie mutt/mon­grel ver­wen­den würden:

She kept some lit­tle hounds, and these she fed…
She kept some lit­tle mutts, and these she fed…
She kept some lit­tle mon­grels, and these she fed…

Kom­men wir nun zu Pip­pi Langstrumpf zurück und sehen uns die Pas­sage, die ich schon in meinem ursprünglichen Beitrag prob­lema­tisiert habe, unter diesen Gesicht­spunk­ten noch ein­mal an. Im schwedis­chen Orig­i­nal lautet diese Passage:

Negerprins­es­sa, tänk bara! […] Jag ska ha en egen neger som blankar mej med skokräm över hela krop­pen, sä att jag blir lika svart som dom andra negerbarna.

Die klas­sis­che deutsche Über­set­zung von 1950 lautet:

Bedenkt mal — Negerprinzessin! … [I]ch werde einen eige­nen Neger haben, der mir jeden Mor­gen den ganzen Kör­p­er mit Schuhcreme putzt. Damit ich eben­so schwarz werde wie die anderen Neger. ((Astrid Lind­gren, Pip­pi geht an Bord. Über­set­zt von Cäcile Heinig. Ham­burg, Oetinger, 1968, S. 173–174))

Die Wörter negerprins­es­sa und neger sind mit Negerprinzessin und Neger über­set­zt, aus den negerbar­na („Negerkindern“) wer­den schlicht Neger.

Der Oetinger-Ver­lag recht­fer­tigt diese klas­sis­che Über­set­zung auf sein­er Web­seite Über­set­zung damit, dass das schwedis­che Wort neger und das deutsche Neger „[i]n den 1940er Jahren, als Astrid Lind­gren die ‚Pip­pi Langstrumpf“-Bücher schrieb … die übliche Beze­ich­nung für Men­schen mit schwarz­er Haut­farbe“ war, und auch im Buch selb­st gab es eine entsprechende Fußnote:

[I]n diesem und fol­gen­den Kapiteln wird der Aus­druck „Neger“ ver­wen­det. Als Astrid Lind­gren Pip­pi Langstrumpf geschrieben hat, war das noch üblich. Heute würde man „Schwarze“ sagen ((Astrid Lind­gren, Pip­pi geht an Bord. Über­set­zt von Cäcile Heinig. Ham­burg, Oetinger, 1986, S. 10)).

Ich weiß nicht, seit wann diese Fußnote in den Büch­ern ste­ht. Ich besitze zwei Aus­gaben, eine von 1968 und eine von 1986; in der zweit­en ist sie enthal­ten, in der ersten noch nicht. Die Tat­sache, dass man es irgend­wann zwis­chen 1968 und 1986 für nötig hielt, diese Fußnote hinzuzufü­gen, zeigt, dass die ursprüngliche Über­set­zung spätestens zu diesem Zeit­punkt nicht mehr angemessen war. Denn wie ich oben aus­führlich illus­tri­ert habe, muss eine Über­set­zung nach voll­ständi­ger seman­tis­ch­er Äquiv­alenz streben, also Wörter find­en, deren Ref­erenz, Deno­ta­tion und Kon­no­ta­tion dem Orig­i­nal entsprechen.

Das schwedis­che Wort neger mag in den 1940er Jahren eine neu­trale Beze­ich­nung für Men­schen mit schwarz­er Haut gewe­sen sein. Das deutsche Wort Neger war es spätestens 1986 nicht mehr, son­dern hat­te zusät­zlich neg­a­tive Kon­no­ta­tio­nen angenom­men. Indem der Ver­lag das Wort trotz­dem beibehal­ten hat, hat er diesen Bedeu­tungswan­del nicht berück­sichtigt und ein falsch kon­notiertes Wort ver­wen­det — eben so, als hätte Düring Chaucers smale houndes mit kleine Köter oder kleine Jagdhunde übersetzt.

Als ich mein­er Tochter die Geschichte im Jahr 2004 vorge­le­sen habe, habe ich, wie ein­gangs angedeutet, statt Negerprinzessin das Wort Süd­seep­rinzessin ver­wen­det, den „eige­nen Neger“ und das Ein­fär­ben mit Schuhcreme habe ich ganz wegge­lassen. In der Neuaus­gabe des Oetinger-Ver­lags von 2009 lautet die Pas­sage so:

Stellt euch mal vor — Taka-Tuka-Prinzessin! […] ich werde mich jeden Mor­gen mit Schuhcreme blank putzen lassen. Damit ich genau­so schwarz werde wie die anderen. ((Astrid Lind­gren, Pip­pi geht an Bord. Über­set­zt von Cäcile Heinig. Ham­burg, Oetinger, 2009.))

Man hat hier also etwas weniger radikal in den Text einge­grif­f­en: Das Ein­fär­ben wird beibehal­ten, der „eigene Neger“ aber mit­tels ein­er Pas­sivkon­struk­tion aus dem Text entfernt.

Die englis­che Über­set­zung aus den 1950er Jahren hat die schein­bare Über­set­zung negro von Anfang an ver­mieden — offen­bar war der Über­set­zerin schon damals klar, dass dieses Wort eine neg­a­tive Kon­no­ta­tion hat­te, die nicht der von Astrid Lind­gren intendierten Bedeu­tung des schwedis­chen neger entsprach. Die Pas­sage lautete dort so:

Imag­ine! A Can­ni­bal Princess! … I shall have a can­ni­bal of my own to pol­ish me all over with shoe pol­ish every morn­ing. ((Astrid Lind­gren, Pip­pi Goes Aboard. Über­set­zt von Mar­i­anne Turn­er, Oxford Uni­ver­si­ty Press, 2002.))

Das Polieren mit Schuhcreme bleibt hier erhal­ten, aber der Zweck — das Fär­ben der Haut — wird weggelassen.

Nach­dem ich klargestellt habe, dass die Über­set­zung mit Neger und davon abgeleit­eten Wörtern wie Negerprinzessin eine schlechte Über­set­zung darstellt, muss ich eingeste­hen, dass auch die hier präsen­tierten Alter­na­tiv­en, anders als in meinem ursprünglichen Beitrag behauptet, als Über­set­zun­gen nicht unprob­lema­tisch sind.

Sie beschränken sich näm­lich nicht darauf, seman­tis­che Äquiv­alenz herzustellen: Wed­er Süd­seep­rinzessin, noch Taka-Tuka-Prinzessin oder gar Can­ni­bal Princess genü­gen diesm Kri­teri­um, denn keine dieser Über­set­zun­gen ver­sucht, eine angemessene neu­trale Beze­ich­nung für Men­schen mit „schwarz­er“ Haut­farbe zu find­en (eine solche Beze­ich­nung wäre heute vielle­icht so etwas wie „dunkel­häutiger Mensch“).

Stattdessen ver­suchen alle drei Über­set­zun­gen, über die seman­tis­che Äquiv­alenz hin­auszuge­hen. Der Oetinger-Ver­lag recht­fer­tigt seine Neubear­beitung wie fol­gt (und ich hätte mich dieser Begrün­dung damals angeschlossen):

Wer Astrid Lind­gren und ihre Werke ken­nt, weiß, dass sie tol­er­ant und allem Frem­den gegenüber aufgeschlossen war. Ihr Werk ist gekennze­ich­net durch Liebe und Ver­ständ­nis gegenüber allen Men­schen und ihr human­itär­er Anspruch prägt alle ihre Geschicht­en. Auch ihre Kinder­buch­fig­uren hegen kein­er­lei Vorurteile. ((Ver­lag Friedrich Oetinger, Die Begriffe „Neger“ und „Zige­uner“ im Werk Astrid Lind­grens [Link]))

Wenn wir davon aus­ge­hen, dass Astrid Lind­gren nicht nur keine neg­a­tiv kon­notierten Wörter ver­wen­den wollte, son­dern sog­ar aufgeschlossen für alles Fremde — in diesem Fall für die Bewohn­er der Süd­see — war, dann kön­nen wir ver­suchen, diese Aufgeschlossen­heit mit zu über­tra­gen. Dazu müssen wir aber in den Inhalt der Geschicht­en ein­greifen, denn diese sind — egal, wie aufgeschlossen und tol­er­ant Lind­gren war oder nicht war — von Anfang bis Ende von einem tief­greifend­en Ras­sis­mus durchdrungen.

Das fängt mit der rel­a­tiv triv­ialen Tat­sache an, dass die Bewohn­er der Süd­see schlicht keine schwarze Haut haben, und dass allein die Idee, dass alle „Frem­den“ Schwarz sein müssen ein kolo­niales Herrschafts­denken spiegelt, das einem kalte Schauer den Rück­en herun­ter­laufen lassen würde — wenn dieses Denken nicht so tief ver­ankert wäre, dass wir es kaum bemerken.

Die englis­che Über­set­zung und meine Vor­leseprax­is haben ver­sucht, die Idee des „Schwarzen“ völ­lig zu ver­mei­den, indem wir die schwarze Haut­farbe kom­plett aus der Geschichte gestrichen haben. Ich habe beim Vor­lesen z.B. die Pas­sage mit der Schuhcreme ein­fach wegge­lassen, in der englis­chen Über­set­zung lässt sich Pip­pi zwar mit Schuhcreme polieren, aber eine Farbe wird dabei nicht erwäh­nt. (Dass die englis­che Über­set­zung mit can­ni­bal lei­der gle­ich zum näch­sten üblen kolo­nialen Stereo­typ gegrif­f­en hat, wäre einen eige­nen Beitrag wert).

Die Neubear­beitung des Oetinger-Ver­lags behält die schwarze Haut­farbe durchgängig bei, sie ver­sucht aber, alle Wörter zu ver­mei­den, die über­haupt eine Klas­si­fika­tion von Men­schen nach ihrer Haut­farbe vornehmen. Statt Negerkönig ste­ht dort Süd­seekönig, statt Taka-Tuka-Neger heißt es Taka-Tuka-Volk und statt Negern schlicht Taka-Tukan­er, statt der Negersprache spricht man die Taka-Tuka-Sprache und so weit­er ((z.B. Pip­pi geht an Bord, 1968 S. 157ff. und Pip­pi geht an Bord, 2009 S. 106ff)).

Eine seman­tisch saubere Über­set­zung, egal wie gelun­gen sie wäre, würde nichts daran ändern, dass Pip­pi Langstrumpf geht an Bord und Pip­pi in Taka-Tuka-Land von einem Rassedenken geprägt sind, das im 21. Jahrhun­dert in Kinder­büch­ern nicht mehr akzept­abel sein kann. Das zeigt ein Ver­such, die oben zitierte Pas­sage unter Ver­wen­dung des (ver­gle­ich­sweise) neu­tralen Aus­drucks dunkel­häutiger Men­sch zu übersetzen:

Bedenkt mal — Prinzessin der dunkel­häuti­gen Men­schen! … [I]ch werde einen eige­nen dunkel­häuti­gen Men­schen haben, der mir jeden Mor­gen den ganzen Kör­p­er mit Schuhcreme putzt. Damit ich eben­so schwarz werde wie die anderen dunkel­häuti­gen Menschen.

Das Prob­lem an dieser Pas­sage (und an den Büch­ern ins­ge­samt) ist tat­säch­lich gar nicht die Sprache. Es ist die Idee, dass es sin­nvoll ist, Men­schen nach ihrer Haut­farbe zu kat­e­gorisieren, dass man Men­schen (mit bes­timmten Haut­far­ben) besitzen kann, dass man Haut­far­ben mit der Ein­fär­bung durch Schuhcreme ver­gle­ichen kann. Diese Ideen bleiben auch bei ein­er guten Über­set­zung Teil des Textes.

Auch die Neubear­beitung des Oetinger-Ver­lags schafft es nicht, gegen diese tief in die Büch­er gewobe­nen Ideen anzukom­men — um das wirk­lich zu erre­ichen, müsste man so radikal in Lind­grens Texte ein­greifen, dass man sie nicht mehr als Über­set­zung, son­dern als Neu­dich­tung beze­ich­nen müsste. Das ist ja auch nicht schlimm — ich habe schon in meinem ursprünglichen Beitrag darauf hingewiesen, dass ich nicht nur neu über­set­zt, son­dern teil­weise auch umgedichtet habe und dass Texte wie die Pip­pi-Langstrumpf-Geschicht­en nur durch eine solche Umdich­tung aktuell bleiben.

Mit solchen Umdich­tun­gen stellt sich aber ein neues Prob­lem, das ich in einem Fol­ge­beitrag am Don­ner­stag genauer disku­tieren werde: Wann kann man umdicht­en, und wann würde man damit ein Kunst­werk zer­stören? Und was geschieht mit Tex­ten, die man nicht umdicht­en kann oder darf, die aber in ihrer Orig­i­nal­form nicht mehr angemessen sind?

 

[Dieser Beitrag erschien ursprünglich im alten Sprachlog auf den SciLogs. Die hier erschienene Ver­sion enthält möglicher­weise Kor­rek­turen und Aktu­al­isierun­gen. Auch die Kom­mentare wur­den möglicher­weise nicht voll­ständig übernommen.]

59 Gedanken zu „Pippi Langstrumpf, N****prinzessin und Übersetzungsproblem

  1. Medium

    Das Prob­lem (…) ist tat­säch­lich gar nicht die Sprache.… Sprachlog: Pip­pi Langstrumpf, N—-prinzessin und Übersetzungsproblem …

  2. David

    Frege
    Klein­er Hin­weis: Freges Vor­name war “Got­t­lob” nicht “Got­tlieb”.
    [Danke, ist kor­rigiert (got­tlieb haben Sie aufgepasst) — A.S.]

  3. Julius

    Nur neben­bei: Inter­es­sant, daß sich in der Aus­gabe von 1986 über­haupt schon die Fußnote find­et. Andere nah­men das auch in den 80ern noch nicht so eng: Per Ver­sand­hauskat­a­log kon­nte man ohne weit­eres eine ‘Negerlampe’ bestellen und im (großen, bekan­nten, Schul-)Weltatlas gab es noch immer die Grafik zur ‘Negerpop­u­la­tion in den USA’…

  4. tba

    Guter Text. Erk­lärt sehr anschaulich, warum über­set­zen mehr ist als nur Vok­a­beln trans­ferieren. Zum The­ma Umdich­tung und Weglassen der Haut­farbe und Sklaven­tum: Ich finde nicht, dass es ein Gewinn ist, diese Prob­lematik ein­fach zu ignori­eren. Eine unan­genehmes The­ma Kindern gegenüber zu ver­schweigen war noch nie eine gute Idee. Bess­er bei ein­er Gele­gen­heit mal mit dem Kind über das The­ma Ras­sis­mus oder Sklaven­hal­tung zu reden und dann sagen “Kannst du dich noch ein die Geschichte von Pipi Langstrumpf erin­nern, in der Sie ins Taka Tuka Land fuhr. Da kommt das The­ma auch vor.”
    Da kann man gle­ich den Blick der Kinder für All­t­agsras­sis­mus schär­fen und sie ler­nen, Dinge dif­feren­ziert zu betrachten.

  5. Thomas Arbs

    Und? Was tun?
    Ich bin kein Lin­guist, aber ein selb­st mit Lind­gren aufgewach­sen­er, heute (vor 2009) Lind­gren vor­lesender Vater, und habe selb­stver­ständlich an der­sel­ben Stelle ges­tanden und gezögert.
    Und? Was tun wir jet­zt konkret? Es ist ja ganz richtig, über­set­zten wir den Text in die “Gegen­wartssprache polit­i­cal cor­rect­ness”, bliebe kein Fleisch mehr am Knochen, die Geschichte hätte schi­er irrepara­ble Brüche. “Bedenkt mal — demokratisch gewähltes Ober­haupt dunkel­häutiger, anson­sten aber ganz gle­ich­er Menschen!”
    Das geht nicht, weil eine Über­set­zung auch die Auf­gabe hat, der Inten­tion der Autorin treu zu bleiben. Nun war Lind­gren meines Wis­sens keine Ras­sistin, aber sie war sicher­lich keine poli­tisch Kor­rek­te, die ganze Grun­didee von Pip­pi Langstrumpf ist der Grun­didee der Polit­i­cal Cor­rect­ness so diame­tral ent­ge­genge­set­zt, dass das eine in die Sprache des anderen ein­fach nicht über­set­zt wer­den kann. Pip­pi hat mit Obdachlosen, Kleinkrim­inellen und anderen sozial Benachteiligten zu tun, mit Großwüch­si­gen und Klein­wüch­si­gen, mit auf­grund ihrer nicht akzent­freien Sprach­be­herrschung Diskri­m­inierten, und natür­lich immer wieder mit der Kurzsichtigkeit des Estab­lish­ments. Und sie find­et für jede und jeden die richtige Ansprache.
    Ich glaube, Pip­pi selb­st hätte dazu gesagt: “Du, Onkel, wenn ich mit diesen Kindern spiele, mit ihnen Fis­che fange und mit ihnen gegen Pirat­en kämpfe, und sie dabei keinen Deut bess­er oder schlechter behan­dele als meine blonden und blauäugi­gen Fre­unde Tom­mi und Anni­ka, ist es dann nicht egal, wie ich sie nenne?”
    “Polit­i­cal cor­rect­ness” ist eben keine Sprache, und deshalb ist das ganze auch kein lin­guis­tis­ches Problem.

  6. rauskucker

    witzig
    Da gibt es noch ein Prob­lem mit der genan­nten “Pippi”-Passage: die ist näm­lich auch noch sehr witzig, und das geht eigentlich in jed­er Neuüber­set­zung ver­loren. Ich habe jeden­falls als Kind gelacht über die Vorstel­lung, sich mit Schuhkrem einzureiben zu lassen um daduch zum “Neger” (oder was immer) zu werden.
    Außer­dem zeigt der Satz “Ich werde einen eige­nen Neger haben,…” an, daß hier mit “Neger” auch “Diener” gemeint war. Das dürfte aber der Punkt sein, der Pip­pi beson­ders gefiel. (Die kon­nte ja ein ziem­lich­es Ekel sein, ger­ade darum lieben wir sie doch.)
    Ich halte es für den besten Weg, die Geschichte genau so zu lassen wie in der ursprünglichen Über­set­zung. Und dann aber ein für Kinder ver­ständlich­es (und witziges!)Nachwort dranzuhän­gen, das nicht nur den Begriff “Neger” prob­lema­tisiert, son­dern über­haupt die Vorstel­lung von äußer­lich unter­schei­d­baren Men­schen­grup­pen. Und zum Nach­denken über Ungle­ich­heit­en auffordert.
    Vielle­icht mal J.K.Rawling bit­ten, die kön­nte sowas hinbekommen.

  7. Bernhard

    Vielle­icht eine blöde Frage, aber wie ist das bei Tom Sawyer und Huck­el­ber­ry Finn? Da kom­men ja auch ständig die Wörter Injun und Nig­ger vor. Die sind aber in mein­er Aus­gabe, die recht neu ist (erst vor ein paar Jahren gekauft) noch enthalten.

  8. David

     ‘Polit­i­cal cor­rect­ness’ ist eben keine Sprache, und deshalb ist das ganze auch kein lin­guis­tis­ches Problem.”
    Bemerkenswerte Sen­tenz. Und viel­seit­ig ein­set­zbar: Das Pas­siv ist keine Sprache, deshalb ist das Pas­siv auch kein lin­guis­tis­ches Prob­lem; Sub­jek­tan­hebung ist keine Sprache, deshalb …

  9. Katja Kraus

    Pipi Langstrumpf würde ein Buch so vor­lesen wiede wiede wie es ihr gefällt. “Aber das ste­ht da ja gar nicht!” “So gefällt’s mir aber besser.”
    Kennze­ich­nung als Remix und gut is.

  10. kreetrapper

    Ein sehr inter­es­san­ter und gut durch­dachter Text. Danke, Ana­tol. Ich war mit Deinem Text im Bre­mer Sprach­blog (btw: gibt es da eigentlich Neuigkeit­en bezüglich der Archivierung?) damals nicht zufrieden, kon­nte aber auch keine bessere Lösung find­en. Ich finde, dieser Text zeigt schön, daß es keine wirk­lich in allen Hin­sicht­en zufrieden­stel­lende Lösung für das Prob­lem gibt. Ich bin schon ges­pan­nt auf den zweit­en Teil am Donnerstag.

  11. Muriel

    Hm… Ich habe jet­zt kaum Aktien drin, wie jemand die Geschicht­en vari­iert, die er seinen Kindern vor­li­est, auch wenn ich selb­st wahrschein­lich ein­fach lesen würde, was da ste­ht, und es zur Not erläutern.
    Aber wenn ich mir trotz­dem mal Gedanken dazu machen würde, käme ich wohl zu dem Ergeb­nis, Lind­grens Geschicht­en seien tatsächlich
    “von Anfang bis Ende von einem tief­greifend­en Ras­sis­mus durch­drun­gen”, sodass man tat­säch­lich den “Neger” beibehal­ten müsste, wenn man nicht umdicht­en wollte. Eine Über­set­zung ist das für mich nicht mehr. (Ich weiß allerd­ings auch nicht viel über die Kon­no­ta­tio­nen des Begriffs für Frau Lind­gren, deswe­gen füh­le ich mich da auf dün­nem Eis.)
    Das Umdicht­en wiederum sehe ich dann prag­ma­tisch: Wenn die Geschichte dadurch bess­er (also unter­halt­samer, lehrre­ich­er, orig­ineller, klüger, oder alles davon) wird, bin ich dafür, anson­sten dage­gen. Und weil ich per­sön­lich nun Lind­grens Geschicht­en nie ausste­hen kon­nte, kann ich eigentlich nur dafür sein, dass jed­er sie so gut umdichtet, wie er eben kann.
    (Und um ein biss­chen mit mein­er Autoren-Cred zu wedeln: Falls es jeman­den inter­essiert, hätte ich als… ähem, Schrift­steller auch nichts dage­gen, wenn jemand meine Geschicht­en beim Vor­lesen umdicht­en würde, solange er das irgend­wie ken­ntlich macht und nicht so tut, als würde er meine Ver­sion vorlesen.)

  12. Ky

    Also ich weiß nicht …
    Bin keine Lin­guistin, jet­zt 35, schwanger und sehe mich mit ganz neuen, mir bish­er unbekan­nten (noch zukün­fti­gen) Prob­le­men kon­fron­tiert. Ich denke, ich würde meinem Kind Pipi Langstrumpf in der orig­i­nalen Ver­sion vor­lesen. Ganz ohne “polit­i­cal cor­rect­ness”. Das ist doch ohne­hin so was ganz erwach­senes und hat in Kinder­büch­ern irgend­wie nix verloren.
    Außer­dem ist Kindern ja “Ras­sis­mus” als Konzept vol­lkom­men fremd, wenn man es ihnen nicht beib­ringt. Vielle­icht kann man ja anschließend mit dem Kind darüber sprechen, was das Wort “Neger” damals und heute bedeutet hat. In ganz schlim­men Fällen müsste man son­st eben auf das Buch verzicht­en. Aber die Geschichte ganz so verän­dern bis es passt … das ist mir zu verkopft. Dann vielle­icht lieber zu einem anderen Buch greifen.

  13. Irene

    Irgend­wie scheint das The­ma (was genau eigentlich…) nos­tal­gisch aufge­laden zu sein, dass es da zu Protest kommt?
    Let­zten Som­mer stand in der Süd­deutschen ein langer Artikel über Han­ni und Nan­ni. Die Geschicht­en sind ja rund 70 Jahre alt, und so ging es auch darum, wie die Büch­er halb­wegs up to date gehal­ten wer­den, z.B. wurde aus dem Gram­mophon ein Plattenspieler.
    Außer­dem wurde die deutsche Fas­sung manch­er Bly­ton-Büch­er nach Nord­deutsch­land ver­legt (Tina und Tini spielt auf deutsch in Ham­burg), und nie­mand stört es. Aber Lind­gren Negerkönig muss weit­er­hin Negerkönig heißen? Oder liegt es daran, dass Lind­gren als lit­er­arisch-unan­tast­bar gilt und Bly­ton als trival?

  14. Kai

    Bedeu­tun­gen drehen
    Wie wäre es denn, wenn man ein­fach die Bedeu­tun­gen der Wörter mal wieder da hin dreht, wo sie mal hinge­hört haben? Es wurde ja nun hier im Text fest­gestellt, das dieses Wort “Neger” wahrschein­lich nicht neg­a­tiv gemeint war. Genau so sehe ich es auch und warum sollte es auch so sein? Eine (zu große) kleine Min­der­heit nutzt dieses Wort neg­a­tiv, darf ich es dann gar nicht mehr nutzen? Warum brin­gen wir nicht ger­ade unseren Kindern bei, daß Wörter wie diese NICHT neg­a­tiv sind und es nur ein paar Idioten gibt, die es neg­a­tiv bele­gen wollen. Ein Negerkuss ist und bleibt für mich ein Negerkuss. Und ich sehe das nicht neg­a­tiv irgend­je­mand gegenüber. Warum ist es nicht sog­ar etwas pos­i­tives, wenn so etwas leck­eres nach einem Volk benan­nt wird? Wichtig ist es nicht, wie ich den Men­schen nenne, wichtig ist, daß ich ihn achte. Mir geht diese kom­plette Debat­te um polit­i­cal cor­rect­ness jeden­falls gehörig auf den Senkel. Man muss nicht poli­tisch kor­rekt reden, man muss nur so han­deln. Und ger­ade Pipi Langstrumpf gibt sich (wie oben schon geschrieben) sehr vorurteils­frei gegenüber jeglichen anderen. Ich finde sog­ar, dass sie durch die Schuhcreme sein will wie diese anderen ist eher etwas pos­i­tives als etwas neg­a­tives. “Schau mal, Pipi will sein wie diese Neger, also muss das doch etwas tolles sein”. Und schon ist das Wort in der jun­gen Gen­er­a­tion wieder pos­i­tiv beset­zt. Stärken wir (als Eltern) das!

  15. Ü wie Übersetzen

    Pip­pi Langstrumpf bere­it­et (Übersetzungs-)Probleme… hat heute in seinem Sprachlog einen Beitrag unter dem Titel Pip­pi Langstrumpf, Negerprinzessin und Über­set­zung­sprob­lem veröffentlicht …

  16. Engywuck

    Das mit dem tief­greifend­en Ras­sis­mus ist mir auch aufge­fall­en, als ich “Taka-Tuka-Land” kür­zlich, mit über 30, nochmals las.
    Das fängt schon damit an, dass ihr Vater und seine Kumpane “frei­willig” von den “Negern” zu Häuptlin­gen gemacht wer­den (die Weißen als “natür­liche” Herrsch­er) und führt dann dazu, dass dauernd die “Negerkinder” von Haien gefressen wer­den bis die intel­li­gen­ten weißen Kinder kom­men und die haie vertreiben und dann einen Schutz­za­un um die Bucht ziehen. Von den auch von dir genan­nten Teilen (alle Men­schen der Süd­see sind “Neger”, “Neger” als Diener, … ganz abgesehen.
    Auch die anderen Pip­pi-Büch­er sind nicht unprob­lema­tisch — Gewalt wird eigentlich durchge­hend als legit­imes Mit­tel nicht nur zum Kampf gegen Unter­drück­ung etc son­dern zur Durch­set­zung der eige­nen Inter­essen dargestellt.
    Ich tue mich (nicht nur deshalb) schw­er, dem Zitat im Artikel “Ihr Werk ist gekennze­ich­net durch Liebe und Ver­ständ­nis gegenüber allen Men­schen und ihr human­itär­er Anspruch prägt alle ihre Geschicht­en” zuzus­tim­men. Pip­pi Langstrumpf ist als Iden­ti­fika­tions­fig­ur und für diese ange­blichen Ziele jeden­falls denkbar ungeeignet.

  17. Mueller

    @Bernhard: keine blöde Frage. In den USA ist kür­zlich eine poli­tisch kor­rigierte Neuaus­gabe erschienen, die ähn­liche Diskus­sio­nen aus­gelöst hat. Eine lit­er­atur­wis­senschaftliche Anmerkung: Pip­pi ist ein sur­re­al­is­tis­ch­er Text, das hätte berück­sichtigt wer­den müssen, zumal es sich auch für Kinder erschließt, auch wenn diese den Begriff nicht ken­nen. Tom Sawyer ist das nicht, was die Prob­lematik ver­schärft, die Diskus­sion ist entsprechend bre­it­er geführt worden.

  18. Achim

    unsere tägliche Schuhcreme
    Den Kom­mentaren zum eigentlichen The­ma habe ich nichts mehr hinzuzufü­gen. Mir ist aber aufge­fall­en, dass die ganze Schuhcremeschmier­erei auf deutsch und englisch täglich vorge­se­hen ist (“jeden Mor­gen”, “every morn­ing”). Im schwedis­chen Orig­inal­text, wie er hier wiedergegeben wurde, fehlt diese Angabe. Wie kom­men die ver­schiede­nen Über­set­zer dazu, dies unab­hängig voneinan­der einzufügen?

  19. Anatol Stefanowitsch

    Divers­es
    @tba, Thomas Arbs, Muriel, Mueller, Bern­hard: Darüber mehr am Donnerstag!
    @Irene: das ist eine sehr inter­es­sante Beobach­tung. Bei den meis­ten Ein­sprüchen habe ich das Gefühl, es liegt tat­säch­lich daran, dass viele Leute aus einem mir nicht nachvol­lziehbaren Grund Lind­gren für lit­er­arisch wertvoller hal­ten als Bly­ton. Bei ein­er Min­der­heit (die sich hier glück­licher­weise bis­lang nicht blick­en lässt) dürfte es darum gehen, dass einem die ursprüngliche Über­set­zung eine Entschuldigung bietet, straf­los „Neger“ zu sagen.
    @Kai: Sie kön­nen Bedeu­tun­gen nicht „drehen“: http://www.iaas.uni-bremen.de/…nota­tiv­en-leit­er/
    Das Grund­prob­lem ist außer­dem nicht das Wort „Neger“, son­dern die Idee, dass wir Wörter brauchen, um Men­schen auf­grund ihrer Haut­farbe in Grup­pen einzuteilen.
    @Engywuck: Danke für diese kurze aber präg­nante Analyse von ras­sis­tis­chen Ele­menten auf der Erzäh­lebene. Diese wer­den in der Diskus­sion gerne überse­hen — auch dazu kom­men am Don­ner­stag ein paar Anmerkungen.
    @Achim: Keine Ahnung! Man bräuchte dazu Ein­blick in die ver­schiede­nen schwedis­chsprachi­gen Aus­gaben, die mir lei­der nicht vor­liegen. Falls jemand eine schwedis­che Aus­gabe hat, wäre ich für einen Scan der betr­e­f­fend­en Seite mit genauer Angabe der Aus­gabe sehr dankbar.

  20. SaschaC

    Moralvorstel­lung
    Hal­lo Allerseits,
    es erscheint mir als wenig sin­nvoll lit­er­arische Werke (unab­hängig ihrer Höhe) den jew­eils herrschen­den Moralvorstel­lun­gen entsprechend anzupassen.
    Vor 20 Jahren führte unser Deutschlehrer kurz in die jew­eilige zeitliche Sit­u­a­tion und Beson­der­heit­en der anste­hen­den Lit­er­atur ein.
    Sen­si­bil­isierung statt Ver­leug­nung oder Geschichtsverdrehung.

  21. kreetrapper

    Das Grund­prob­lem ist außer­dem nicht das Wort „Neger“, son­dern die Idee, dass wir Wörter brauchen, um Men­schen auf­grund ihrer Haut­farbe in Grup­pen einzuteilen.

    Wieso soll man dafür denn kein Wort haben? Wir haben doch auch Wörter um Men­schen auf­grund ihrer Haar­farbe in Grup­pen einzuteilen. Daran sehe ich per se nichts Verwerfliches.

  22. Christoph Päper

    Inter­pre­ta­tion
    Das ist in der Tat ein altes sprach­philosophis­ches Problem.
    Ich würde hier allerd­ings nur bei der Neuüber­set­zung im Auf­trag des Ver­lages von ein­er Trans­la­tion reden, da beim Bet­tkan­ten­le­sen nicht das Orig­i­nal herange­zo­gen, die Sprache (wenn auch in min­i­mal ander­er diachroner Aus­prä­gung) beibehal­ten und das Medi­um gewech­selt wird. Stattdessen han­delt es sich um eine Inter­pre­ta­tion, denn wenn sie auch vor exk­lu­siv­en Pub­likum und pro-bono stat­tfind­et, han­delt es sich beim Vor­lesen doch um eine Aufführung.
    Wer – außer Kle­in­st­geis­tern – würde Kün­stlern, seien es Musik­er (am Instru­ment, Mikro­fon oder Pult) oder Regis­söre und Schaus­piel­er, ver­bi­eten wollen, ihrem Spiel trotz fes­ter, orig­i­naler Nota­tion eine eigene Note zu ver­lei­hen und sie durch Adap­tion dem kon­tem­porären Pub­likum näher­brin­gen zu wollen?
    Das 20. Jahrhun­dert war anders als alle davor und hof­fentlich alle danach stark von der Idee des kanon­is­chen Orig­i­nals geprägt, die wir uns mit den mod­er­nen audio­vi­suellen Kon­serve-und Teleme­di­en einge­han­delt haben. So ste­ht heute weniger der Autor (ob Tex­ter oder Kom­pon­ist) im Mit­telpunkt der öffentlichen Aufmerk­samkeit, son­dern der Inter­pret (oft Sänger oder Darsteller) und nur seine in Bild und Ton verewigte Auf­führung ist das Orig­i­nal. Wenn wir Eltern solcher­lei Frei­heit­en verneinen, tun wir das auch mit Remix­ern, Mashup­pern etc.pp. und behin­dern damit poten­tiell einen guten Teil neuer Kultur.

  23. Jean Baptiste

    @SaschaC: Im Text und in den bish­eri­gen Kom­mentaren geht es impliz­it um Kinder­büch­er als Gebrauch­slit­er­atur. Nur unter dieser Prämisse kann man ja sin­nvoll die Forderung erheben, die Büch­er soll­ten “aktuell bleiben”. – Ein­er möglichen Lind­gren-Philolo­gie ist damit der Rück­griff aufs Orig­i­nal nicht genommen.
    @Alle: Wenn Sie die Nöte beim Leseein­satz am Kinder­bett mal schön illus­tri­ert sehen wollen, empfehle ich Ihnen die erst am 21. Juli aus­ges­trahlte Episode “Coun­try Dri­ve” der amerikanis­chen Sit­com “Louie”, die das The­ma mit Mark Twain durchex­erziert: “I can’t sit on my daughter’s bed and say ’nig­ger’ all night!”

  24. FrauMau

    Anachro­nis­men
    In der Tat ist “Pip­pi in Taka-Tuka-Land“von kolo­nialem Denken durch­zo­gen, da Astrid Lind­gren eben ein Kind ihrer von kolo­nialem Denken durch­zo­ge­nen Zeit war.
    “We can­not help it; our view of his­to­ry is lim­it­ed by our van­tage-point and our imaginations.
    Han van Meergeren’s paint­ings are an exam­ple. Van Meerg­eren pro­duced a num­ber of paint­ings in the 1930s and 1940s in the style of Ver­meer and de Hoogh. He man­aged to fool all the Ver­meer experts of his time. When they are viewed today, it is hard to under­stand how any­one could have thought they were by Ver­meer. Wer­ness com­ments in her arti­cle on the famous legal pros­e­cu­tion of van Meerg­eren, “Some of van Meergeren’s beau­ti­ful fig­ures curi­ous­ly resem­ble Gre­ta Garbo…that charm has fad­ed with its time.” ” (Bruce Haynes, “The end of Ear­ly Music”, Oxford, 2007)
    Ich denke, das Haupt­prob­lem bei Astrid Lind­gren ist, dass es sich um ein Kinder­buch han­delt und dass wir unseren Kindern keine anachro­nis­tis­chen Denkweisen mit auf den Weg geben wollen (obwohl es ein fan­tastis­ches Buch ist).
    Abge­se­hen davon: gibt es Beispiele lit­er­arisch­er Stilkopi­en, in der die Entste­hungszeit später nur allzu sicht­bar wurde wie in darstel­lende Kun­st und Musik?

  25. Dierk

    @FrauMau
    Meinen Sie so etwas wie Mendelssohn-Bartholdys Barock­nachah­mung? Und dann, welche Entste­hung, die der Kopie oder die des Originals?

  26. Wentus

    Kul­tur­wan­del ist Wan­del der Prioritäten
    Wir wollen unsere Kinder darauf vor­bere­it­en, in unser­er Kul­tur Spaß und Erfolg zu haben.
    Wir müssen also nicht die Prob­leme aller ver­al­teten Kul­turen für sie aufwär­men, bevor sie sich für Geschichte inter­essieren. Es ist unsin­nig zu erk­lären, dass Messerklin­gen aus Stein hergestellt wur­den und statt Geld einge­set­zt wur­den, weil es auch kein Geld gab.
    Kinder von heute inter­essieren sich für Com­put­er und wer­den dadurch Erfolg haben. Wer ihnen die augen­blick­lichen Pri­or­itäten voren­thal­ten will, z.B. das Prob­lem der Inter­net­sucht, tut ihnen keinen Gefallen.
    Also ist es bess­er, das Prob­lem des Kolo­nial­is­mus nicht bei jedem Kinder­buch erk­lären zu müssen, son­dern die Sprache zu bereinigen.

  27. Wentus

    Wort­wan­del
    Viele alte Wörter bekom­men einen neuen Sinn, das ist ja ein­er der Gründe, warum dieses Sprach­blog existiert.
    Das Wort “Hexe” ist ein Beispiel. In gebir­gi­gen Regio­nen von Europa bringt sie im Volks­glauben Glück, weil sie das keltische Heil­wis­sen bewahrte. In unseren Volksmärchen frisst sie Kinder, weil die katholis­che Kirche sie ver­leum­den wollte.
    Wir müssen alte Texte auch in unser­er eige­nen Mut­ter­sprache völ­lig anders lesen als neue Texte. Wir müssen also übersetzen.
    Das ist ger­ade das Prob­lem der berühmten 72 Jungfrauen, welche ange­blich den Mär­tyr­ern im Paradies gegeben wer­den. Das Wort für Jungfrau beze­ich­nete in sein­er aramäis­chen Herkun­ft nur eine Wein­traube. Wer hier nicht richtig über­set­zt, kann großes Unheil anrichten.

  28. Tobias Schmidt

    Ein Blick auf die Figuren
    Von Pipi im Taka-Tuka-Land ein­mal abge­se­hen, weil das ein anders gelagert­er Fall ist. Aber in der Regel erzählt Pipi doch Tom­my und Anni­ka bloß ihre Geschicht­en. Von daher ist aus lit­er­atur­wis­senschaftlich­er Per­spek­tive die Rede von den Negern zunäch­st­mal Fig­urenrede und nicht Aus­druck eines laten­ten Ras­sis­mus von Astrid Lind­gren. Vielle­icht ließe sich genau an diesem Punkt Kindern erk­lären, dass Pipi da wohl ein paar falsche Vorstel­lun­gen von der Welt hat, weil sie nie in der Süd­see war. Das zu erk­lären ist in meinen Augen Auf­gabe der Eltern, und nicht das Weglassen oder Neuüber­set­zen heik­ler Stellen. Dann dürfte man ja auch die Filme nur mit Kom­mentaren schauen.
    Übri­gens: Janoschs Büch­er und Trick­se­rien sind ja auch nicht immer ganz astrein, weil da bspw. mitunter recht expliz­it sex­uelle The­men ver­han­delt wer­den, etwa beim kleinen Schweinchen oder wenn der Igel mit sein­er Frau oder in dem Buch vom Kin­der­ma­chen. Und was ist mit dem “unsicht­baren Indi­an­er” den sich Hannes Strohkopp mit­tlels eines Zaubers für den Som­mer als Fak­to­tum herbeizaubert?
    Klar, heute sagen wir nicht mehr Neger, und auch von Schwarzen zu reden ist irgend­wie selt­sam. Meine Tochter (fast 5) hat, wie ich finde, für sich eine schöne Lösung gefun­den. Sie hat im Kinder­garten eine Fre­undin, die aus Ägypten kommt. Diese hat für meine Tochter ein­fach nur ein dun­kles Gesicht. Über­haupt ist sie fasziniert davon, dass es Men­schen gibt, die dun­kle oder gar schwarze Gesichter haben.

  29. Joe Dramiga

    @ kree­trap­per, kai,gast
    Die Bedeu­tung und der Sprachge­brauch dieses Wortes lassen sich nicht so ein­fach tren­nen und ändern. Vor allem nicht von ein­er einzel­nen Person.
    Buchtipps:
    Afri­ka und die deutsche Sprache. Ein kri­tis­ches Nachschlagewerk”
    Wie Ras­sis­mus aus Wörtern spricht
    (K)Erben des Kolo­nial­is­mus im Wis­sensarchiv deutsche Sprache.

  30. FrauMau

    @Dierk
    Die Musikgeschichte seit den Karolingern wim­melt nur so von Stilkopi­en, allerd­ings haben die Kom­pon­is­ten, wenn sie eine solche (nicht zu Übungszweck­en) anfer­tigten eigentlich immer ver­sucht, die Vor­lage zu verbessern, dh dem Stil/der Mode ihrer eige­nen Zeit anzu­passen. Ich bezog mich allerd­ings eher auf Auf­nah­men von Musik, die zum Zeit­punkt der Auf­nahme eben schon etwas älter ist, wie sie ja seit über hun­dert Jahren massen­haft pro­duziert werden.
    Ken­nen Sie das, dass man eine Auf­nahme von zB Bach hört und sich denkt: “Das klingt ja voll 70er-Jahre mäßig.”?. Wir erken­nen sofort die Entste­hungszeit der Auf­nahme anhand ein­er Rei­he von bewussten Entschei­dun­gen, die die Musik­er getrof­fen haben, aber eben auch ein­er Menge von Inter­pre­ta­tion­s­gepflo­gen­heit­en, die abso­lut unhin­ter­fragt über­nom­men wur­den. So kann eine vor 1750 ent­standene Kom­po­si­tion 70er-Jahre-mäßig klingen.
    Warum wer­den unsere mod­er­nen Auf­nah­men in 40 Jahren nach 2010 klingen?
    Welche der zahlre­ichen Klis­chees, die in den Har­ry Pot­ter Büch­ern gedroschen wer­den, wer­den in 50 Jahren Anstoß erre­gen? Die extrem neg­a­tive Darstel­lung von Dick­en? Oder vielle­icht etwas völ­lig anderes, das kein­er von uns heute für prob­lema­tisch hält?

  31. Daniel

    Sehr inter­es­san­ter Beitrag!
    Ich finde, 2 inter­es­sante Aspek­te der “Über­set­zung” ver­di­enen noch etwas mehr Beachtung:
    1. die englis­che Über­set­zung “can­ni­bal” ist aus mein­er Sicht die sprach­lich ziem­lich clever. Das Konzept der schwedis­che Autorin ist ja wohl die Abene­teur von Pip­pi bei den “unzivil­isierten Wilden”. In der Gedanken­welt des Wes­teu­ropäers sind das natür­lich automa­tisch Schwarze und das es auch “zivil­isierte” Schwarze geben kön­nte existiert im eige­nen Wahrnehmungsraum nicht.
    Ein Leser in den USA hat da selb­st in den 50ern einen anderen Erfahrung­shor­i­zont und denkt bei “Negro” vllt. eher an Base­ball als an Wilde Stämme in der Süd­see. Ddas gemeinte kolo­niale Klis­chee wird mit den Kan­ni­balen ziem­lich per­fekt abgebildet.
    2. Man sollte unter­schei­den zwis­chen der Frage ob man Worte wie “Neger” redigiert und der Frage ob man den gesamten kolo­nial-ras­sis­tis­chen Hin­ter­grund des Buch­es “säu­bern” will.
    Für das Wort Neger gibt es aus mein­er Sicht schlicht keine Recht­fer­ti­gung. Wie man seinen Kindern klar­ma­chen will, dass das “Neger” eine abw­er­tende und ras­sis­tis­che Beze­ich­nung ist (und das ist es, trotz einiger Kom­men­ta­toren die das anders sehen wollen), es aber selb­st dann Dutzend Male fröh­lich vor­li­est will mir nicht in den Kopf. Allem Erk­lären zum trotz, wenn man es hier drin­lässt führt man es dem aktiv­en Wortschatz eines Kindes zu.
    Der andere Pun­tk ist das kolo­niale Denken, das man nur durch Ignori­eren des Buch­es wirk­lich beseit­i­gen kann. Ich denke hier kann man dur­chaus dem Kind erk­lären, dass es sich dabei um eine fik­tive Welt han­delt, die dem Geiste der dama­li­gen Zeit entsprun­gen ist. Dafür fände ich auch im Deutschen eine Über­set­zung mit “Kan­ni­balen” oder “Wilden” akzept­abel, weil es zwar das volle Pro­gramm kolo­nialer Vorurteile trans­portiert, aber das Ganze zumin­d­est in eine fik­tive Sphäre ver­schiebt, denn Kan­ni­balen trifft man ja eher sel­ten mal in der U‑Bahn.
    Prob­lema­tisch bleiben die Bezüge zur Haut­farbe (z.B. mit der Schuhcreme) trotz­dem und inwieweit man einem Kind trotz Erk­lärun­gen dabei nicht doch das kolo­niale Welt­bild irgend­wie mit auf dem Weg gibt, da bin ich mir auch nicht sicher.

  32. Georg Scherer

    […] ich werde mich jeden Mor­gen mit Schuhcreme blank putzen lassen. Damit ich genau­so schwarz werde wie die anderen.”
    Ich spiele mal Teufel’s Anwalt und inter­pretiere die Pas­sage mal auf ein paar andere Arten:
    1) Umgekehrter Ras­sis­mus: Nicht Weiß, son­dern Schwatz ist eine erstrebenswerte Hautfarbe
    2) Demon­stra­tion des Inte­gra­tionswil­lens: Wenn alle schwarz sind, macht man halt mit.
    3) Sym­bol­is­che Char­ac­ter­isierung des Unter­schiedes als ober­fläch­lich: Mit ober­fläch­lich­er Anwen­dung von etwas Schuhcreme ist der Unter­schied näm­lich aufgehoben.
    4) Legit­imierung des Herrschaft­sanspruch­es: Frei nach Hein­rich dem IV. von Frankre­ich (“Paris ist eine Messe wert.”) denkt frau: “Taka-Tuka ist eine Schuhcreme wert.”

  33. Dierk

    @FrauMau
    Ich bin mir zwar nicht ganz sich­er, ob ich sie richtig ver­ste­he, würde ihre ursprüngliche Frage jet­zt aber mit einem laut­en ‘Na klar’ beantworten.
    Da wäre zuerst ein­mal die inter­pre­ta­torische Auf­führung, wie sie in der Musik gang und gäbe ist. In der Lit­er­atur find­en wir das bei Lesun­gen, bei Poet­ry-Slams und natür­lich in The­ater und Film. Zu William Shake­speare gab es den großen Stre­it, ob seine Werke büh­nen­gerecht bear­beit­et wer­den dür­fen [Samuel John­son sprach sich heftig dage­gen aus], andere mein­ten, sie wür­den den Bar­den dadurch verbessern.
    Dann gibt es ganz bewusste Bear­beitun­gen für, meist, ein jün­geres Pub­likum, wie Charles und Mary Lambs Tales from Shake­speare, Howard Pyles Robin-Hood-Ver­wurstung und Ähn­lich­es. Hier geht es allerd­ings nicht so sehr darum, ältere Erzählfor­men und Stilis­tiken wiederzugeben, son­dern im Gegen­teil darum, Altertüm­lich­es aus dem Text zu ent­fer­nen. In diese Kat­e­gorie gehören sich­er auch die inzwis­chen diversen Bear­beitun­gen der Texte von Karl May, die immer wieder dem Zeit­geist angepasst wurden.
    Zu guter Let­zt beziehen sich Autoren immer wieder, bewusst und unbe­wusst, auf mehr oder weniger bekan­nte Werke. Darunter gibt es auch solche, die alte Stile und For­men aufleben lassen wollen. Und natür­lich im Bere­ich soge­nan­nter “Triv­ial­lit­er­atur” Schreiber, die nach dem Tod des Orig­i­nalau­tors fortschreiben — z.B. Ruth Plum­ly Thomp­son für L. Frank Baum; diverse englis­che, franzö­sis­che und deutsche Enid Bly­tons; Kingse­ly Amis, John Gard­ner, Ray­mond Ben­son für Ian Fleming.
    Ich denke, ger­ade unter den Auf­tragsar­beit­ern, die eine Erfol­gssereie weit­er führen sollen find­en Sie reich­lich Beispiele, die ana­log zu Ihrem van Meerg­eren sind. Nicht zu vergessen Fälschun­gen und ‘Auf­springer’, jene Schrift­steller also, die ganz schnell Werke pro­duzieren, die einem großen Vor­bild entsprechen und dadurch Geld machen sollen — siehe die umstrit­te­nen Stücke rund um Shake­speare. In let­zterem Falle han­delt es sich allerd­ings weit­ge­hend um Zeitgenossen.
    Trifft eine dieser Kat­e­gorien, was Sie sich vorstellten?

  34. flux

    Auch ich bin keine Lin­guistin, aber begeis­terte Leserin des Sprachlogs und ausser­dem Mut­ter von drei nun­mehr fast erwach­se­nen Kindern
    Wie schon mehrfach gesagt, die poli­tis­che Unko­r­rek­theit in „Pip­pi Langstrumpf“, lässt sich nicht durch einige Neuüber­set­zun­gen oder Weglas­sun­gen wegdisku­tieren, son­dern zieht sich durch das ganze Werk …einen eige­nen Neger besitzen … erwäh­nte Gewaltver­her­rlichung und frag­würdi­ge Frauen­bilder … Neben der Kun­st­fig­ur Pip­pi mit Superkräften ala Clark Kent entsprechen alle anderen weib­lichen Figuren,allen voran Anni­ka, das ängstliche Mäd­chen, des weit­eren die überängstlich besorgte Mut­ter von Tom und Anni­ka, die zick­ige Lehrerin usw.… damals (und zum Teil bis heute) gängi­gen Klischees.
    Ähn­lich ist es bei Erich Käst­ner, der auch als lit­er­arisch wertvoll gilt, dessen Frauen­feindlichkeit ja off­fen­sichtlich ist…
    Zwar ist beispiel­sweise Pünk­tchen eine pri­ma weib­liche Iden­ti­fika­tions­fig­ur, aber das naive Dien­st­mäd­chen fällt auf den Betrüger here­in und Pünk­tchens Mut­ter ist eine Kar­ri­ere­frau, die naturgemäß her­z­los ist .. da helfen auch Syn­onyme, Aus­las­sun­gen und Umschrei­bun­gen nichts.
    Wieder anders ist es bei dem schon öfters erwäh­n­ten Huck­le­ber­ry Finn: Es geht ja ger­ade darum , dass Huck­le­ber­ry im Kon­flikt mit sich ist, sich mit einem „Nig­ger“, also einem aus dama­liger Sicht „min­der­w­er­ti­gen Men­schen“ ange­fre­un­det zu haben und eben gle­ichzeit­ig zu erken­nen, dass jen­er eigentlich „schw­er in Ord­nung“ ist.…
    Inwieweit die Pas­sage: „Wur­den Men­schen ver­let­zt?“ „Nein ‚nur ein Nig­ger“ von Marc Twain schon iro­nisch gemeint gewe­sen sein kön­nte, kann ich nicht einschätzen
    Und by the way, lesen Kinder Tom Sawyer zumeist erst in einem Alter, wo ihnen diese Prob­lematik schon selb­st auffällt.
    Als ich damals meinen Kindern vor­las, ging es fol­gen­der­maßen zu: Ich habe die ein­schlägi­gen Werke ohne vorherige Prü­fung ein­fach unbe­darft vorge­le­sen …umso authen­tisch befremde­ter bis erschüt­tert­er war ich dann hin und wieder über eben Phe­nomene wie Ras­sis­mus, Frauen­fei­dlichkeit usw. (unvergessen: die Häschen­schule oder Chris­t­ian Ander­sons „kleine Meer­jungfrau“, die ich meinen Töchtern als „lit­er­arisch hochw­er­tige“ Vari­ante zu Dis­neys „Arielle“ vor­lesen zu müssen glaubte) …und umso authen­tis­ch­er kon­nte ich dann meinen Kindern erzählen,w a s mich an besagten Tex­ten nun befremdete oder gar erschüt­terte und wir kon­nten darüber sprechen.
    Mir wären „Orig­i­nalaus­gaben“ mit Anmerkun­gen, Erläuterun­gen und Nachworten,wie schon vorgeschla­gen, am lieb­sten … und auch gerne dürfte bei „Han­ni und Nan­ni“ noch das „Gram­mophon“ zu lesen sein und die Kinder lern­ten dann, was ein „Gram­mophon“ war … ist doch auch ganz spannend…
    und ich zöge auch eine Orig­i­nalver­sion der „can­ter­bury tales“ mit „ hounds“ ein­er Neuan­pas­sung vor, allerd­ings mit dies­bezüglich notwendi­gen Erläuterun­gen …um es eben im ursprünglichen Kon­text zu verstehen.
    Eine Alter­na­tive wäre, Lind­gren oder Käst­ner eben gar­nicht mehr vorzule­sen ??? Wäre es das?
    Sich­er fährt man da mit „Har­ry Pot­ter“ besser.
    Doch selb­st dort lassen sich Momente poli­tis­ch­er Unko­r­rek­theit find­en: Eine gewisse bly­toneske Franko­pho­bie … oder die Tat­sache, dass alle Dick­en in „Har­ry Pot­ter“ dumm und/oder gewalt­tätig sind…

  35. anonym

    @flux
    Ich habe bei Astrid Lind­gren den Ein­druck, dass nor­maler­weise nicht nur Frauen, son­dern Erwach­sene über­haupt mehrheitlich recht schlecht wegkommen.
    Auf dem Katthulthof ist die vernün­ftig­ste und ver­ständig­ste Per­son die Mut­ter Alma, gefol­gt m.E. vom Knecht Alfred. Bei Pip­pi nehmen sich Tom und Anni­ka nichts bzgl. Bravheit und Angepassheit; die Lehrerin mag (im Gegen­satz zur Lehrerin aus Lön­neber­ga) nicht gut wegkom­men, aber die bei­den Polizis­ten sind ihr in punc­to Beschränk­theit wahrschein­lich noch ein Stück voraus.

  36. Dierk

    @flux
    wg. Geschlechter­rollen bei Käst­ner [und anderen]:
    Drehen Sie die Geschlechter aller Fig­uren um. Sollte ein Werk dann immer noch sex­is­tisch sein, ist es nicht sexistisch.
    Ich habe nicht den Ein­druck, dass bei Käst­ner Män­ner grund­sät­zlich bess­er weg kom­men als Frauen. Ich glaube auch nicht, dass jed­er Schrift­steller zu jed­er Zeit die Real­ität ‘da draußen’ ignori­eren und nur noch Utopi­en ver­fassen sollte.
    Für den Fall Pip­pi Langstrumpf fehlt mir schlicht die Kom­pe­tenz, zu beurteilen, inwieweit die Wahl des schwedis­chen Wortes ’neger’ zu jen­er Zeit oder heute in jedem Aspekt deck­ungs­gle­ich ist mit dem deutschen Wort ‘Neger’. Auch im Deutschen war das Wort mal neu­tral und beschrieb ein­fach Men­schen mit rel­a­tiv mod­ern­er afrikanis­ch­er Abstam­mung [aber prä-kolo­nial]. Das Konzept, dass deut­lich anders ausse­hen­den Men­schen einen 4/5‑S­ta­tus-Men­sch oder weniger zuge­s­tand, hängt nicht am Wort.
    Mir scheint die Begrün­dung des Ver­lages, weshalb man bei der aktuellen Über­set­zung Lind­grens das Wort erset­zt hat, sehr ein­sichtig. Ich habe auch nicht den Ein­druck, dass eine wie auch immer ver­steck­te oder offene Hal­tung gegen Kolo­nial­träume durch die Stre­ichung ver­wässert wird.
    Im Falle Mark Twains ist die ganze Sache dur­chaus kom­pliziert­er, nicht zulet­zt, weil sein Werk noch weit­er von uns ent­fer­nt ist als Lind­grens — zeitlich, räum­lich, stilis­tisch, inhaltlich. Der üblicher­weise in Frage gestellte Huck Finn ist allerd­ings auch nicht als Kinder­buch konzip­iert, son­dern wen­det sich an Erwach­sene. Eine Über­set­zung dieser Satire ist ohnedies nur eine Krücke, da die sprach­lichen Eigen­heit­en wesentlich­es Ele­ment sind — aber zur Abwech­slung wirk­lich unübersetzbar.*

  37. Björn

    Schwedis­che Ausgabe
    @A.S.: “Keine Ahnung! Man bräuchte dazu Ein­blick in die ver­schiede­nen schwedis­chsprachi­gen Aus­gaben, die mir lei­der nicht vor­liegen. Falls jemand eine schwedis­che Aus­gabe hat, wäre ich für einen Scan der betr­e­f­fend­en Seite mit genauer Angabe der Aus­gabe sehr dankbar.”
    Ich bin mir ziem­lich sich­er, dass es in den Ikeas hierzu­lande auch schwedis­che Aus­gaben von Lind­grens Büch­ern gibt.
    Anson­sten: Her­vor­ra­gen­der Artikel!

  38. Engywuck

    @Wentus
    das mit dem “Hexe=böse” wegen(!) “Ver­leum­dung durch die katholis­che Kirche” würde ich gerne belegt sehen. Meines Wis­sens ist diese ver­meintliche Kausal­ität näm­lich erst deut­lich mordern­er, näm­lich nach 1850, ent­standen, als “die Kirche” als böse dargestellt wer­den sollte (nur ein Stich­wort: Kulturkampf)
    Im übri­gen sollen in evan­ge­lis­chen Gebi­eten mehr Hex­en ver­bran­nt wor­den sein als in katholischen.

  39. Makarios

    Und stattdessen?
    Die sprach­liche Seite finde ich ver­ständlich her­aus­gear­beit­et, aber wird das dem The­ma gerecht? Was ist mit den Rezip­i­en­ten? Es han­delt sich um Kinder­büch­er. Kinder sind neugierig auf Fremdes und lieben krasse Darstel­lun­gen und Über­höhun­gen (das macht auch den Reiz der Lind­gren­schen Büch­er für sie aus). Wie in dem Textbeispiel: Kinder lachen sich über die Schuhcreme kaputt, wollen auch Prinzessin sein und pro­bieren mit der Haupt­per­son ein­fach mal aus, in eine andere Kul­tur zu schlüpfen. Let­zeres finde ich fortschrit­tlich, nicht abw­er­tend. Ich selb­st habe als Kind laufend von Negern und Muselmän­nern gele­sen, immer aus Inter­esse — nie, um sie abzuw­erten; ich war auch von kein­er neg­a­tiv­en Kon­no­ta­tion belastet. Was für ein Men­sch ich dann gewor­den bin, haben eh keine Kinder­büch­er bewirkt, son­dern die guten und schlecht­en Vor­bilder real­er Per­so­n­en in meinem Leben. Ärg­er­lich­er wäre ein Ver­lust der Deno­ta­tion gewe­sen, wie er beim Ersatz von “Neger” durch “Dunkel­häutiger” auftritt, weil es nur auf die Haut­farbe abstellt und die anderen Unter­schiede (Haare, Lip­pen, Sprache, Brauch­tum, Wohnge­gend) unterschlägt.
    Wenn ich also nicht möchte, dass mein Kind “Neger” sagt, habe ich zwei Möglichkeiten:
    1. Die alten Geschicht­en vor­lesen und erk­lären, dass man heute nicht mehr “Neger” sagt, son­dern … was dann? Was bedeutet es eigentlich, dass wir heute kein Wort besitzen, das dieselbe Kon­no­ta­tion und Deno­ta­tion wie “Neger” in den 40er Jahren des vorigen Jahrhun­derts hat­te? Außer­dem müsste ich natür­lich erk­lären, dass man heute auch keine Hex­en mehr in Back­öfen stößt.
    2. Wie Sie zum Schluss vorschla­gen: Neue Geschicht­en vor­lesen. Zum Beispiel und als Entsprechung zu dem vorgestell­ten Text, wie eine west­liche Pip­pi des 21. Jahrhun­derts in eine Bur­ka schlüpft und den afghanis­chen Mäd­chen beib­ringt, wie man Face­book ver­wen­det… auch nicht konfliktfrei.
    Bei­des ver­langt mehr als eine sprach­liche Beurteilung.

  40. Carolin Liefke

    Neger oder nicht Neger?
    Ich finde, es ist wichtig bei solchen Sachen zu dif­feren­zieren. Da ist ein­mal der Begriff “Neger”, und dann das Men­schen­bild, das im Textzusam­men­hang mit dem Begriff propagiert wird.
    Ersteres stößt mir immer wieder sauer auf, allerd­ings anders als üblich. Bei dieser Gele­gen­heit sei gesagt, daß die Pip­pi-Langstrumpf-Ver­sion, mit der ich groß gewor­den bin — eine Lizen­zaus­gabe des Deutschen Bücher­bun­des, eben­falls aus dem Jahre 1986 — ohne die erwäh­nte Fußnote dahergekom­men ist. Pip­pi Langstrumpf wurde mir damals vorge­le­sen — ich gehe mal davon aus ohne irgendwelche “Über­set­zun­gen”. Irgend­wann hieß es dann plöt­zlich, daß der Negerkuß nicht mehr Negerkuß heißen darf. (Noch später wurde dann klar, daß auch “Schwarz­er” nicht mehr oppor­tun ist.) Ver­standen habe ich das damals nicht, denn das Wort “Neger” hat­te für mich als Kind abso­lut keinen neg­a­tiv­en Beigeschmack. Es beze­ich­nete nichts weit­er als Men­schen mit dun­kler Haut­farbe, so wie das Mäd­chen, das zwei Klassen­stufen unter mir auf dieselbe Grund­schule ging. Nun hieß es also auf ein­mal, Neger sagen darf man nicht, das wäre eine Beschimpfung.
    Was ich mich heute aber frage: Redet man damit nicht die neg­a­tive Bedeu­tung für ein Kind, das den Begriff gar nicht der­art emp­fun­den hat über­haupt erst her­bei? Nach meinem Dafürhal­ten hätte man genau­sogut — wenn nicht sog­ar bess­er — durch aktive Gle­ich­be­hand­lung von Men­schen aller Haut­far­ben bei beste­hen­der Ver­wen­dung des Begriffs dazu beitra­gen kön­nen, daß sich die zweifel­los real vorhan­dene neg­a­tive Bedeu­tung im Laufe der Zeit (für kom­mende Gen­er­a­tio­nen endgültig) zum Pos­i­tiv­en wandelt?
    Stattdessen habe ich das Gefühl, für eine wach­sende Zahl von Leuten ist “Moslem” gle­ichbe­deu­tend mit “Islamist” und das wiederum gle­ichbe­deu­tend mit “Ter­ror­ist”. Neue neg­a­tive Bedeu­tun­gen sind also fleißig am Entstehen…
    Und das kolo­nial­is­tis­che Welt­bild? Fakt ist, für die Geschichte macht es keinen Unter­schied, ob die Taka-Tuka-Bewohn­er nun eine dun­kle Haut­farbe haben oder nicht. Selt­samer­weise haben Poly­ne­si­er eigentlich gar keine völ­lig dun­kle Haut­farbe, wozu also die “Neger”? Eine Prinzessin kön­nte genau­sogut einen hell­häuti­gen Diener haben. Aber — Pip­pi hat dann ja später auf Taka-Tuka-Land gar keinen. Im Gegen­teil, Pip­pi will nicht, daß ihr die Taka-Tuka-Bewohn­er zu Füßen liegen und die Taka-Tuka-Kinder wer­den nicht anders behan­delt als Thomas und Annika.
    Also vielle­icht doch kein Kolo­nial­is­mus? Ich denke schon er ist irgend­wo vorhan­den in der Pip­pi-Langstrumpf-Welt, wenn auch ver­mut­lich von Astrid Lind­gren sel­ber nur unbe­wußt hereinge­bracht. Aber deswe­gen das gesamte Buch umstrick­en? Ich sage nein. Kinder im Pip­pi-Langstrumpf-Leseal­ter sind zwar keine Geis­teswis­senschaftler, die die Geschicht­en in den zeit­geschichtlichen Zusam­men­hang einzuord­nen ver­mö­gen, in dem sie ent­standen sind. Ich bin aber der Mei­n­ung, daß ger­ade solche Lek­türe einem Kind auch unbe­wußt entsprechende Denkanstöße ver­mit­teln kann.
    Ich habe als Kind sehr schnell Büch­er selb­st gele­sen. Und so wußten sich meine Großel­tern nicht anders zu helfen, als der Drit­tk­läss­lerin, der in den Ferien der Leses­toff aus­ge­gan­gen war, die Büch­er zu geben, die mein Vater in sein­er Kind­heit gele­sen hat. Das war in diesem Falle Karl May, und ich habe mich durch die vom Schreib­stil für eine Achtjährige deut­lich zu anspruchsvolle Lek­türe gear­beit­et. Bei späteren Lese­durchgän­gen durch die geliebten Win­netou-Geschicht­en dage­gen habe ich, völ­lig ohne das Zutun mein­er Eltern übri­gens, einen sehr kri­tis­chen Blick auf den religiösen Eifer Karl Mays entwick­elt, der mit Sicher­heit seinen Teil dazu beige­tra­gen hat, daß ich heute Athe­ist bin.
    Ich würde meinen Kindern (die ich allerd­ings noch nicht habe) nach wie vor Pip­pi Langstrumpf “im Orig­i­nal” vor­lesen, und ihnen auch die alten Karl-May-Bände meines Vaters zu lesen geben. Let­zteres ist ver­mut­lich alleine schon wegen der alten Rechtschrei­bung päd­a­gogisch ver­pönt. Aber wenn ich in der Lage bin meinen Kindern zu erk­lären, daß man früher anders geschrieben hat (und Mama deshalb immer­noch so schreibt), dann kann ich ihnen auch erk­lären, daß man früher anders gedacht hat.

  41. David

    Gute Idee

    Nach meinem Dafürhal­ten hätte man genau­sogut — wenn nicht sog­ar bess­er — durch aktive Gle­ich­be­hand­lung von Men­schen aller Haut­far­ben bei beste­hen­der Ver­wen­dung des Begriffs dazu beitra­gen kön­nen, daß sich die zweifel­los real vorhan­dene neg­a­tive Bedeu­tung im Laufe der Zeit (für kom­mende Gen­er­a­tio­nen endgültig) zum Pos­i­tiv­en wandelt?

    Es scheint zunächst einen uner­hörten Aufwand von zweifel­haftem moralis­chem Mehrw­ert zu bedeuten, belei­di­gende Aus­drücke wieder ins Neu­trale wen­den zu wollen. Aber hey — wenn wir eh schon dabei sind, nehmen wir uns doch gle­ich alle vor. “Darf ich ihnen über die Straße helfen, sie altes Arschloch?” und “Kann ich ihnen, mit dem Kinder­wa­gen behil­flich sein, sie dumme Sau?”, das brächte uns nach vorn.
    Wenn wir damit durch sind, wird es keine Belei­di­gun­gen mehr geben, und wir alle wer­den eine glück­liche Gemein­schaft von Dreck­säck­en und Gras­dack­eln bilden. Bin ich für!

  42. flux

    @Dierk
    „Ich glaube auch nicht,dass jed­er Schrift­steller zu jed­er Zeit die Real­ität „ da draussen“ ignori­eren und nur noch Utopi­en ver­fassen sollte.“
    Da sprechen Sie mir aus der Seele, genau das wollte ich doch sagen.
    Erich Käst­ner (z.B) ist aus sein­er Zeit her­aus zu ver­ste­hen , die er beschrieben hat und aus seinen eige­nen, sein­er Zeit gemäßen Sichtweisen oder gar Vorurteilen, die einem/einer nun­mal aus heutiger Sicht ärg­er­lich vorkom­men können.
    Denkt man dies mal weg, bleibt die erzäh­lerische Kraft von Erich Kästner.
    Und genau deswe­gen bin ich dafür,die Werke so zu belassen, wie sie geschrieben wur­den und dem Leser die Möglichkeit zu geben, sie aus ihrer Zeit her­aus zu ver­ste­hen … gegeben­falls mit Fußnoten und dergl
    Würde man Käst­ner in ein­er Neuan­pas­sung poli­tisch kor­rekt „umdicht­en“, würde man in der Tat die dama­lige „Real­ität da draussen“ ignori­eren und Utopi­en verfassen.

  43. Wentus

    Hex­en
    @Engywuck

    das mit dem “Hexe=böse” wegen(!) “Ver­leum­dung durch die katholis­che Kirche” würde ich gerne belegt sehen.
    Ich bin kein His­torik­er, aber mir scheint die Erwäh­nung des “Hex­en­ham­mers” aus 1486 genug.

  44. Wentus

    Die Real­ität da draußen
    @flux
    Diese alten Geschicht­en enthal­ten über­haupt nicht die Prob­lematik, die für Kinder inter­es­sant sein wird.
    Auf dem Schul­hof gibt es heutzu­tage die Auseinan­der­set­zung zwis­chen “Kanaken” und “Kartof­feln” oder “Schweine­fressern”. Jedes Kind ist außer­dem in Gefahr, der Inter­net­sucht zu verfallen.
    Darüber muss man Geschicht­en vor­lesen. Das ist “die Real­ität da draußen”.

  45. anonym

    @Carolin Liefke
    “Was ich mich heute aber frage: Redet man damit nicht die neg­a­tive Bedeu­tung für ein Kind, das den Begriff gar nicht der­art emp­fun­den hat über­haupt erst herbei?”
    Mein Sohn ist in einen firmeneige­nen Kinder­garten gegan­gen, in dem Kinder mit ver­schiede­nen Haut­far­ben und Mut­ter­sprachen betreut wur­den. Dass das etwas Beson­deres sein kön­nte, kam ihm gar nicht in den Sinn.
    Auf der Grund­schule waren die Schulka­m­er­aden dann zu mehr als 90% hell­häutige Mit­teleu­ropäer. Sprich: Deutsche. Und dann gab es diese Unter­richt­sein­heit gegen Diskri­m­inierung von Frem­den, die ihn erst auf die Idee brachte, dass so ein Negerkind wegen sein­er dun­klen Haut ja ein Fremder sei. Und nach anfänglichem Unver­ständ­nis (wieso ist der José ein Fremder? Der wohnt doch auch hier?), hat er die Lek­tion dann gel­ernt und wurde natür­lich prompt dafür bestraft, dass er den Frem­den nach einem Stre­it erk­lärte, sie soll­ten doch heimge­hen, wo sie herkä­men. Es kostete uns einige Mühe, diesen Unsinn wieder einiger­maßen geradezurücken.

  46. Ludwig Trepl

    Neger” war nie neutral
    Lieber Herr Stefanowitisch,
    Sie schreiben, “in einem eher unaufgeregten (aber auch eher undurch­dacht­en)“ Beitrag in meinem Deutsche-Sprak-Blog hätte ich Ihre Mei­n­ung, Sie hät­ten „das Deutsch der Über­set­zerin Cäcile Heinig aus den 1950ern in das Deutsch des 21. Jahrhun­derts über­set­zt“ infrage gestellt. Da haben Sie recht: Mein Beitrag ist rasch hingeschrieben und wenig durch­dacht. Da Sie aber dann, wenn auch zöger­lich, im Grunde alles bestäti­gen, was ich geschrieben habe, scheine ich das Wesentliche doch einiger­maßen getrof­fen zu haben.
    Sie schreiben weit­er: „Das schwedis­che Wort neger mag in den 1940er Jahren eine neu­trale Beze­ich­nung für Men­schen mit schwarz­er Haut gewe­sen sein.“
    Das deutsche Wort Neger und das englis­che negro – und man kann jeden Betrag darauf wet­ten, daß es beim schwedis­chen neger nicht anders war – waren keineswegs neu­tral. (Im Hin­blick auf den kul­turelle Rang dürfte der „Mohr“ des Mit­te­lal­ters neu­tral gewe­sen sein, allerd­ings war das Wort mit ein­er anderen, viel wichtigeren, wenn auch indi­vidu­ell leicht zu beheben­den Min­der­w­er­tigkeit kon­notiert: Ein Mohr war im all­ge­meinen ein Hei­de.) Neger war nicht neu­tral, son­dern nur all­ge­mein gebräuch­lich. Das Wesen des Negers (also auf deutschdeutsch bzw. in der Sprache der­er, die vor 40, 50 Jahren für die Befreiung kämpften und, was etwas ganz anderes ist, in der Sprache der heuti­gen polit­i­cal cor­rect­ness: des Schwarzen) war seine Haut­farbe. Er wurde, anders als die anderen, nicht über seine Kul­tur, Sprache, nationale Zuge­hörigkeit usw. definiert, son­dern über seine Haut­farbe. Alle tat­en das. Ein weißer Amerikan­er war ein Amerikan­er, ein weißer Englän­der ein Englän­der, ein schwarz­er Amerikan­er oder Englän­der aber war ein Neger, egal was er son­st noch sein mochte. Nicht-Ras­sis­ten wird es wohl gegeben haben, aber man mußte sie Lupe suchen. (Wer zu jung ist, um sich daran zu erin­nern, muß nur einiges an Lit­er­atur, am besten beliebig her­aus­ge­grif­f­en­er Triv­ial­lit­er­atur, lesen.) Die Ras­sis­ten unter­schieden sich nur darin, daß die einen mein­ten, man müsse die Neger gut behan­deln, die anderen, man dürfe sie schlecht behandeln.
    „Indem der Ver­lag das Wort [Neger] trotz­dem beibehal­ten hat, hat er diesen Bedeu­tungswan­del nicht berück­sichtigt und ein falsch kon­notiertes Wort ver­wen­det — eben so, als hätte Düring Chaucers smale houndes mit kleine Köter oder kleine Jagdhunde übersetzt.“
    Es stimmt schon, es gab einen Bedeu­tungswan­del und das Wort war nun (in den 70er/80ern) anders kon­notiert. „Neger“ bedeutete nun ein explizites Beken­nt­nis zum Ras­sis­mus (es sei denn, jemand hat­te, wie damals wohl die noch meis­ten, den Bedeu­tungswan­del ein­fach nicht mit­bekom­men). Den­noch ist ein Unter­schied zu „Jagdhunde“. Der nor­male Leser würde näm­lich denken, es habe sich um Jagdhunde gehan­delt, er weiß von dem Bedeu­tungswan­del nichts. Was Neger bedeutet hat, wußte aber jed­er, der auf „Schwarz­er“ umgestiegen ist. Das spielt natür­lich hin­sichtlich der Frage, was man heuti­gen Kindern vor­lesen soll, keine Rolle, aber es zeigt, daß das ganze Über­set­zung­sprob­lem etwas kom­pliziert­er ist. „König“ muß man trotz seines Bedeu­tungswan­dels nicht mit „Staatschef“ oder ähn­lichem über­set­zen, weil näm­lich jed­er die alte Bedeu­tung noch kennt.
    Daß „Neger“ auch damals nicht neu­tral war, zeigt ein Prob­lem: Wer das Wort aus der Sprache ent­fer­nen will, der müßte den Ras­sis­mus über­haupt eli­m­inieren, und er müßte fol­glich so gut wie die gesamte Lit­er­atur der ras­sis­tis­chen Zeit, also etwa der 200 Jahre von der Mitte des 20. Jahrhun­derts zurück­gerech­net, in der z. B. vorkommt, daß es Län­der außer­halb Europas gibt, umdicht­en oder ein­stampfen. Mir würde das nicht gefall­en. Ich möchte auch nicht, daß man die Rit­ter­bur­gen abreißt, weil die Rit­ter die Bauern blutig unter­drück­ten, und die Kirchen, weil … usw. usf.

  47. Anatol Stefanowitsch

    @ Lud­wig Trepl
    Lieber Herr Trepl,
    vie­len Dank für den Kom­men­tar mit dem her­vor­ra­gen­den Hin­weis auf die schon immer zweifel­hafte „Neu­tral­ität“ des Wortes Neger. Ich stimme ihnen hier zu, und habe deshalb For­mulierun­gen wie „ange­bliche“ Neu­tral­ität, oder „mag … gewe­sen sein“ gewählt.
    Der pauschale Vor­wurf des „Undurch­dacht­en“ tut mir leid, ich hätte genau sagen müssen, was ich an Ihrem Beitrag undurch­dacht finde, und was nicht. Wo ich Ihnen (teil­weise) zus­timme, ist ja, wie Sie richtig fest­gestellt haben, bei der Grenzziehung zwis­chen Über­set­zun­gen und Umdich­tun­gen. Wo ich Ihnen Undurch­dachtheit vor­w­er­fen wollte, war bei der bei Ihnen fehlen­den Dif­feren­zierung zwis­chen Werken, die nur neben­säch­lich ras­sis­tisch sind (Pip­pi Langstrumpf) und solchen, in denen es die Ver­mit­tlung ras­sis­tis­ch­er Inhalte geht (Mein Kampf). Dass es ein entschei­den­der Unter­schied ist, ob man erstere oder let­ztere Umschreibt, dürfte doch auf der Hand liegen, ich führe es aber trotz­dem in dem ver­sproch­enen Fol­ge­beitrag genauer aus.

  48. Ute

    Manch­mal läuft es leichter als man denkt
    Wir haben “Pip­pi” vor ca. einem Jahr gele­sen, und da ich noch meine alte Aus­gabe aus den Siebzigern des vorigen Jahrhun­derts habe, stand auf jeden Fall noch das Wort “Neger” drin. Genau so habe ich es auch vorge­le­sen (meine Tochter kann eh über­prüfen, was da wirk­lich ste­ht) — und was geschah? Mein Kind wollte erst­mal wis­sen, was ein Neger über­haupt ist. Kurz erk­lärt, dann darauf hingewiesen, daß das Wort inzwis­chen als nicht mehr nett emp­fun­den wird, das Buch eben schon etwas älter ist und man jet­zt andere Wörter benutzt. Und schon war das The­ma durch.
    Ich per­sön­lich finde es auch gar nicht schlecht, die Büch­er im Orig­i­nal zu erhal­ten, statt sie der jew­eils aktuellen Vorstel­lung von Polit­i­cal Cor­rect­ness anzu­passen. Ich finde es näm­lich sehr inter­es­sant, wenn ich so einen kleinen Ein­blick in die Orig­i­nal-Welt­sicht des Autors erhalte. Auch andere Büch­er aus mein­er Kind­heit offen­baren da inter­es­sante Ein­blicke, wie z.B. die Serie “Burg Schreck­en­stein”, die ich in den ver­gan­genen Tagen nochmal gele­sen habe. Hol­lala, der Autor (Oliv­er Has­sen­camp) hätte mit Alice Schwarz­er aber mächtig Ärg­er bekom­men… *g*

  49. Ludwig Trepl

    @ A.S. @ Lud­wig Trepl
    Lieber Herr Stefanowitsch,
    Sie haben natür­lich recht. Die for­male Übere­in­stim­mung in dem Punkt: wenn man ein “gemäßigt” ras­sis­tis­ches Buch so “über­set­zen” darf, daß der Rass­simus ver­schwindet, dann müsse man das doch auch mit einem nicht so gemäßigten ras­sis­tis­chen Buch dür­fen, reicht natür­lich nicht aus; das ist so ähn­lich wie: wenn man Mundraub nicht bestraft, dann darf man Bankraub auch nicht bestrafen. (Allerd­ings: so harm­los finde ich den Ras­sis­mus in Pip­pi Langstrumpf nun auch wieder nicht, trotz­dem lese ich die 5oer-Jahre-Fas­sung meinen Enkeln vor.) Aber so ganz ernst habe ich das mit dem poli­tisch bere­inigten “Mein Kampf” auch nicht gemeint.
    Ein Prob­lem bleibt: wo zieht man die Grenze?

  50. Ludwig Trepl

    @ A.S. @ Lud­wig Trepl
    Lieber Herr Stefanowitsch,
    Sie haben natür­lich recht. Die for­male Übere­in­stim­mung in dem Punkt: wenn man ein “gemäßigt” ras­sis­tis­ches Buch so “über­set­zen” darf, daß der Ras­sis­mus ver­schwindet, dann müsse man das doch auch mit einem nicht so gemäßigten ras­sis­tis­chen Buch dür­fen, reicht natür­lich nicht aus; das ist so ähn­lich wie: wenn man Mundraub nicht bestraft, dann darf man Bankraub auch nicht bestrafen. (Allerd­ings: so harm­los finde ich den Ras­sis­mus in Pip­pi Langstrumpf nun auch wieder nicht, trotz­dem lese ich die 5oer-Jahre-Fas­sung meinen Enkeln vor.) Aber so ganz ernst habe ich das mit dem poli­tisch bere­inigten “Mein Kampf” auch nicht gemeint.
    Ein Prob­lem bleibt: wo zieht man die Grenze?

  51. Sonja

    Umdicht­en kann nicht die Lösung sein. Die Büch­er sind, was sie sind, und man sollte sie nicht verän­dern und aus dem his­torischen Kon­text reißen. Es ist immer noch das Werk der Autorin. Wenn sie noch leben und ein­er Umdich­tung zus­tim­men würde, oder sie sog­ar selb­st durch­führen, wäre der Fall ein ander­er. Aber die Büch­er ein­er toten Autorin umzuschreiben, ist schlicht nicht richtig. Ich finde auch die Verän­derun­gen, die bere­its durchge­führt wur­den, grund­falsch. Büch­er sind etwas sta­tis­ches, sie sind, was sie sind, und sie bleiben es. Das ist die Grund­lage des geschriebe­nen Wortes. Man dichtet ja auch Kaf­ka nicht um.
    Ohne Frage sind diese Büch­er nicht mehr aktuell und ich würde sie meinen Kindern auch nicht vor­lesen, weil ich dieses ras­sis­tis­che und sex­is­tis­che Welt­bild nicht ver­mit­teln möchte.
    Aber ich ver­ste­he nicht, warum Sie sich auf Pipi Langstrumpf ver­steifen. Wenn es Ihnen nicht gefällt, lesen Sie es ihren Kindern nicht vor. Es ist nicht mehr zeit­gemäß, aber es gibt neue Kinder­büch­er, die genau das ver­mit­teln, was Sie ihren Kindern offen­bar ver­mit­teln möcht­en. Ein sehr gutes Beispiel ist Mol­ly Moon. Ein selb­st­be­wusstes kleines Mäd­chen, das niemals irgendwelche Vorurteile gegen Men­schen hat, weil sie eine andere Haut­farbe haben. Oder ein anderes Geschlecht.
    Es gibt so viele gute Kinder­büch­er mit ein­er mod­er­nen Welt­sicht. Man muss seinen Kindern nicht vor­lesen, was man selb­st vorge­le­sen bekom­men hat. Dazu zwingt einen nie­mand. Und es gibt auch keine Büch­er, die Kinder “gele­sen haben soll­ten”. Wenn sie Pipi nicht ken­nen, ken­nen sie sie nicht. Davon geht die Welt nicht unter. Büch­er zu ver­fälschen finde ich da wesentlich schlim­mer. Das ver­stößt gegen so ziem­lich alles, was Lit­er­atur aus­macht und sein soll.
    Pipi ist das Werk von Astrid Lind­gren, und außer ihr sollte da kein­er dran pfuschen. Es malt ja auch nie­mand drei neue Seerosen auf einen Mon­et, weil die Lück­en nicht hüb­sch aussehen.

  52. poppy

    Englisch
    Wäre es möglich, diesen Text und den danach fol­gen­den Text “Pip­pi geh von Bord” ins Englis­che zu über­set­zen? Als Diskus­sions­beitrag für einen indone­sis­chen Schrift­steller, der glaubt, dass es ein “Van­dal­is­mus gegenüber lit­er­arischen Werken” sei. Er bezieht sich auf diesen Artikel: http://www.bbc.co.uk/news/world-us-canada-12126700

  53. Jan Schreiber

    Got­tlieb strikes again
    Ziem­lich zu Anfang des Artikels ist ein­mal “Got­tlieb” ste­henge­blieben. Ein inter­es­san­ter Beitrag zu einem hochkon­tro­ver­sen The­ma übri­gens, danke!

  54. Mark

    Viele Kom­men­ta­toren und auch der Blo­gau­tor selb­st sind anscheinend der Mei­n­ung, Astrid Lind­gren sei eben ein Kind ihrer Zeit gewe­sen und habe deren kolo­nial­is­tis­che Werte naiv repro­duziert. Und weil sie ja nichts dafür kann, müsse man ihr Werk eben jet­zt den aufgek­lärten, neuen Zeit­en anpassen. Wofür man allerd­ings abwarten musste, bis die Autorin gestor­ben war, denn zu Lebzeit­en hat­te sie sich stets dage­gen gesperrt.
    Naiv ist hier vor allem das Lit­er­aturver­ständ­nis. Nicht die Autorin spricht hier, son­dern Pip­pi, eine lit­er­arische Fig­ur. Und Pip­pi ist — aufge­merkt! — keine Diplom-Sozialpäd­a­gogin, son­dern ein junges, starkes Mäd­chen, das aus Prinzip zu jed­er­mann respek­t­los ist und eine blühende Fan­tasie hat. Deswe­gen ist es auch vol­lkom­men schnurz, welche Haut­tö­nung die Bewohn­er der Süd­seein­seln in Wirk­lichkeit haben. In Pip­pis Fan­tasie leben dort eben die Neger, und ihr Papa ist dort Negerkönig.
    Im frühen Nachkriegs­deutsch­land galt Pip­pi Langstrumpf vie­len kon­ser­v­a­tiv­en Eltern als schlecht­es Kinder­buch, weil Pip­pi eben kein gutes Vor­bild für ihre Kinder abgeben würde. Inzwis­chen sind wir offen­sichtlich wieder im Ver­hätschelungsmuff der 1950er angekom­men. Über­all treiben die wohlmeinen­den Prus­selieses ihr Unwe­sen, auch hier in diesem Blog.

  55. Stefan Wagner

    Eine inter­es­sante und schwierige Debatte
    Ein­fach dage­gen ist es Astrid Lind­gren auf einen Sock­el zu heben, und als Tabu zu verkün­den, sie könne nicht nur ein Kind ihrer Zeit gewe­sen sein, son­dern eine Ras­sistin ihrer Zeit, die zwar nicht mit weißer Kapuze zum Lynchen durch die Wälder zog, aber eben auch kein Vor­bild an Aufk­lärung war.
    Wer ihre Büch­er für sakrosankt erk­lärt, der mag ja ins Auge fassen sie nur noch reifen Erwach­se­nen zu Stu­dien­zweck­en zu überlassen.
    Bei Tim & Strup­pi gibt es eine ähn­liche Prob­lematik mit “Tim im Kon­go”. Kon­gole­sen sind übri­gens ein Volk — “Neger” oder “Schwarze” ist kein Volk, und war auch nie eines, auch nicht 1940.
    Jeden­falls hat Hergé m.W. selb­st dafür gesorgt, dass spätere Aufla­gen über­ar­beit­et wer­den. Das Frau Lind­gren sich gegen Änderun­gen ver­wahrt ist m.E. ihr gutes Recht — man muss die Büch­er ja nicht kaufen, oder Ver­fil­mungen senden.
    Die Idee zu warten, bis Begriffe ihre Kon­no­ta­tion ändern mag einem sog. Weißen plau­si­bel erscheinen. Aber wenn die Betrof­fe­nen unter der Beze­ich­nung lei­den, dann halte ich den Vorschlag für indiskutabel. Ich muss aber zugeben, dass ich, als ich selb­st keine Fre­unde afrikanis­ch­er Abstam­mung jün­ger­er Zeit — wir kom­men ja wohl alle aus Äthiopi­en, soweit man weiß — hat­te, die Prob­lematik mir auch viel the­o­retis­ch­er schien, und ich dachte, dass Worte wie “Negerkuss” zu ver­wen­den unschuldig sei.
    Ja, die Frage ist, wieso braucht man eine Unter­schei­dung der Haut­farbe? Und wieso genügt denen, die ganz unschuldig nur Haut­far­ben unter­schei­den wollen eine Unter­schei­dung in schwarz und weiß? In die und wir? Wenn ich einen Brief­bo­gen aus dem Druck­er­fach nehme, und an meine Haut halte, dann ist das nicht gle­ich oder ähn­lich — ich bin nicht weiß! Und wenn ich das 10.000m Finale, Leich­tath­letik der Män­ner sehe, dann haben die Keni­an­er oft eine ähn­liche Farbe untere­inan­der, aber eine andere als die Äthiopi­er, und die Läufer aus Namib­ia wieder eine andere, und aus Jamai­ka, dass ist beileibe nicht schwarz — niemals. Und fragt man einen sog. Weißen, dann glauben fast alle Oba­ma sei ein schwarz­er Präsi­dent, dabei ist er zur Hälfte weiß, oder was man für weiß hält. Haben Spanier und Dänen i.d.R. die gle­iche Hautfarbe?
    Wir haben den Ras­sis­mus noch lange nicht über­wun­den, aber wir wür­den es gerne glauben.

  56. frauziefle

    Lind­gren wusste genau, was sie schreibt
    Noch ein winziger Nach­trag, weil ich ger­ade eine Astrid Lind­gren Biografie gele­sen habe, und mich dabei an diese Diskus­sion hier erin­nerte: Astrid Lind­gren war 1948 in Ameri­ka, und auf eigene Faust, sehr zum Entset­zen all ihrer Reise­be­gleit­er, in New Orleans unterwegs.
    Ihre Erfahrun­gen hat sie in “Kati in Ameri­ka” (1950 in Schwe­den und 1952 auf deutsch erschienen) ver­ar­beit­et. Darin find­et sich die Pas­sage, wie Kati ihrer Tante schreibt: “Far­bige Amerikan­er nen­nt man coloured, einen Neger als Neger zu beze­ich­nen ist eine ein­deutige Beleidigung.”
    aus: Astrid Lind­gren, Ein Lebens­bild, von Mar­gare­ta Ström­st­edt, Oetinger 2011, S. 322
    Pipi Langstrumpf ist zum einen als mündliche Erzäh­lung für die eignen Kinder ent­standen, und zum anderen erst nach dieser Reise erschienen, so dass man davon aus­ge­hen kann, es han­delt sich um Fig­urenrede und keineswegs um ein ras­sis­tis­ches Welt­bild der Autorin. Pipi war ihr erstes Buch über­haupt, sie stand ganz am Anfang ihrer schrift­stel­lerischen Betä­ti­gung, ihre Fig­uren sind im Laufe ihrer Schaf­fens immer aus­gear­beit­eter gewor­den, ich würde ihr das also sehr zugute hal­ten wollen.

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