Remember, remember, the … 11th of September?

Ran­dall Munroe von xkcd hat gestern einen großar­ti­gen Cal­en­dar of mean­ing­ful dates, also einen Kalen­der bedeu­ten­der Dat­en gepostet:
Hin­ter seinen Web­comics steck­en ja oft kleine wis­senschaftliche Pro­jek­te und Spiel­ereien – in diesem Fall mit Sprache.

Für diesen Com­ic hat Munroe im englis­chsprachi­gen Kor­pus von Google ngrams (mehr dazu hier, hier und hier), also ein­er großen Samm­lung dig­i­tal­isiert­er Büch­er, säm­liche Tage eines Jahres abge­fragt und deren rel­a­tive Häu­figkeit für den Zeitraum seit 2000 dargestellt. Man sieht unter anderem sehr schön, dass über den Monat­ser­sten beson­ders häu­fig geschrieben wird und dass der 29. Feb­ru­ar nicht nur in der Real­ität sehr sel­ten vorkommt. Bei­des wenig ver­wun­der­lich.

In der Beispiel­suchan­frage wird Octo­ber 17th als For­mat angegeben. Inter­es­sant wäre zu erfahren, ob auch die britis­che Datum­snen­nung, 17th of Octo­ber, abge­fragt wurde, sie hat eben­falls viele Tre­f­fer (auch im Sub­ko­r­pus des amerikanis­chen Englisch).

September 11th

Im Fall des 11. Sep­tem­bers aber, der mit Abstand das häu­fig­ste Datum ist, geht die Nutzung der bei­den Benen­nungsmöglichkeit­en weit ausein­der. Während 11th of Sep­tem­ber mit 17th of Octo­ber/Octo­ber 17th in ein­er Liga spielt, stellt die amerikanis­che Vari­ante Sep­tem­ber 11th alles in den Schat­ten:

September 11th in Google ngrams

(Klick­en für Orig­i­nal­suche.)

In diesem Fall ist Sep­tem­ber 11th näm­lich kein ein­fach­es Datum mehr, son­dern ein Eigen­name für ein his­torisches Ereig­nis – Prax­onym nen­nt man das. Und Namen vari­ieren nun mal nicht son­der­lich. (Sep­tem­ber 11th hat aber noch einen zweit­en Namen, 9/11.)

Im xkcd-Kalen­der steckt noch ein weit­eres beson­ders Datum, näm­lich

The 4th of July,

auch als US-amerikanis­ch­er Nation­alfeiertag bekan­nt. Hier sind inter­es­san­ter­weise bei­de For­men fast gle­ich fre­quent, zumin­d­est, wenn man sich die heutige Zeit anschaut. Das erscheint erst ein­mal selt­sam, ist die Vari­ante mit der vor­angestell­ten Zahl doch neben Inde­pen­dence Day die reg­uläre Beze­ich­nung des Tages.

Erweit­ert man sowohl den Zeitraum als auch die unter­sucht­en Vari­anten, wird klar­er, woran das wahrschein­lich liegt: Die Zahl wird heute dann, wenn der Nation­alfeiertag gemeint ist, in der Regel aus­geschrieben, also Fourth of July. Die Ver­lauf­skur­ven seit 1776 (dem Jahr der Unab­hängigkeit­serk­lärung) sehen so aus:

Amerik. Nationalfeiertag bei Google ngrams

(Klick­en für Orig­i­nal­suche.)

Hier ist schön zu sehen, dass das nor­male Datums­for­mat (July 4th) nie beson­ders fre­quent war, wahrschein­lich, weil es in der Regel nicht dazu benutzt wurde, auf den Feiertag zu referieren. Die britis­che Ver­sion ist hinge­gen die ganze Zeit sehr fre­quent, wobei zunächst die Schreib­weise mit der Zahl dominiert (4th of July), gegen Ende der 1870er übern­immt dann aber die aus­geschrieben Form (Fourth of July). Die Beze­ich­nung Inde­pen­dence Day ist zwar laut OED seit 1791 belegt, sie hat aber erst seit den 1940ern an Häu­figkeit gewon­nen – vielle­icht vor dem Hin­ter­grund des Zweit­en Weltkriegs patri­o­tisch begrün­det? (Aber ich spekuliere.)

Warum nicht July 4th?

Bleibt noch die Frage, warum sich bei der Benen­nung des Tages die britis­che Vari­ante durchge­set­zt hat, es ging doch um die Unab­hängigkeit von eben denen? Die nahe­liegende Antwort: Auch amerikanis­ches Englisch war ein­mal britisch, das Datums­for­mat hat sich also in den USA in den let­zten 236 Jahren verän­dert. So etwas sollte man aber, egal wie plau­si­bel, nicht ungeprüft behaupten, also habe ich eine weit­ere (recht schnelle, also verbesser­bare) Kor­pus­recherche gemacht – dies­mal bei COHA, dem Cor­pus of His­tor­i­cal Amer­i­can Eng­lish.1

  In der fol­gen­den Grafik sind die bei­den Datums­for­mate seit 1810 im Ver­gle­ich zueinan­der zu sehen, wobei rot das britis­che, blau das amerikanis­che darstellt:DatumsformateEs ist klar zu erken­nen, dass in den COHA-Dat­en bis Anfang des 20. Jahrhun­derts das britis­che For­mat dominierte – es ist also nicht auss­chließlich britis­ches Englisch, son­dern auch älteres amerikanis­ches Englisch. Ab ca. 1900 vol­l­zog sich dann der Wech­sel zur heuti­gen Aus­druck­weise.

Für den 4th of July war es da aber bere­its zu spät: Er hat­te sich als fes­ter Aus­druck einge­bürg­ert und wurde von diesem Wan­del­prozess nicht ergrif­f­en.

Nun wäre es noch span­nend zu erfahren, warum es den Wech­sel gab. Darüber geben die Kor­pus­dat­en lei­der keine Auskun­ft und meine (allerd­ings ober­fläch­lichen) Recherchen haben auch nichts ergeben. Vielle­icht wis­sen ja Ana­tol oder Suz was? Oder jemand anders? Ich wäre sehr neugierig!

  1. Die genauen Suchan­fra­gen waren für sechs der ersten sieben Tage jedes Monats, außer Juni (bei dem habe ich mich ver­tippt und es erst zu spät bemerkt), d.h.:

    Für Xth of Month: 1st|2nd|3rd|5th|6th|7th of JANUARY|FEBRUARY|MARCH|APRIL|MAY|JULY| AUGUST|SEPTEMBER|OCTOBER|NOVEMBER|DECEMBER
    Für Month Xth: JANUARY|FEBRUARY|MARCH|APRIL|MAY|JULY| AUGUST|SEPTEMBER|OCTOBER|NOVEMBER|DECEMBER 1st|2nd|3rd|5th|6th|7th []

5 Gedanken zu „Remember, remember, the … 11th of September?

  1. Evanesca Feuerblut

    Finde ich faszinierend… denn das ist das Let­zte, worauf ich je acht­en würde, gebe ich zu.
    Wobei ich in meinen eige­nen Schreibereien ja auch oft Datum­sangaben drin­habe und mir mal die Mühe machen müsste die auszuw­erten.

    Danke für den Blog­post.

  2. Oliver Mason

    Was natür­lich auch noch eine Rolle spielt sind andere Namen, zB von Fil­men. Neben “Inde­pen­dence Day” (1996, daher der kleine Peak in der Ver­lauf­skurve) auch noch “Born on the Fourth of July” (1989).

    Das mag nicht immer sehr häu­fig sein, macht aber deut­lich daß pures Suchen nach Wörtern oder Phrasen ohne Berück­sich­ti­gung der Kon­textes sehr frag­würdig ist.

  3. Kristin Kopf Beitragsautor

    @Oliver Mason: Ja, daran habe ich auch kurz gedacht — allerd­ings han­delt es sich ja um ein Kor­pus gedruck­ter Büch­er, von daher glaube ich, dass die Filmti­tel ins­ge­samt nicht so viel ver­fälschen. (Den­noch sieht man den Peak natür­lich kurzzeit­ig klar, und ich nehme auch an, dass das am Film liegt.) Bei einem Zeitungsko­r­pus wäre das wahrschein­lich ganz anders.
    Ich bin auch generell eher vor­sichtig bei Kor­po­ra, deren zugrun­deliegende Daten­ba­sis man nicht sehen kann, aber in diesem Fall bin ich eigentlich recht zuver­sichtlich, dass die Dat­en im Großen und Ganzen die tat­säch­liche Benen­nung des Tages/Datums anzeigen.
    Danke für den Hin­weis auf den Film von ’89 übri­gens, den kenne ich nicht.

  4. Erbloggtes

    Schöne Analyse!
    Der Mouseover-Text von Fußnote 1 wird richtig dargestellt. In der Fußnote entste­hen durch Umbrüche aber uner­wün­schte Num­merierun­gen.

  5. Kristin Kopf Beitragsautor

    Danke!
    Die Num­merierun­gen sind nicht durch Umbrüche ent­standen (die toleriert die Fußnote), son­dern durch eine Liste — da wur­den die Punk­te in Zahlen umge­wan­delt. Hab die Liste mal ent­fer­nt, so iss­es vielle­icht weniger ver­wirrend.

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