Pusch 2, Maskulinguisten 0

Von Anatol Stefanowitsch

Da wir Sprachlog-Autorin­nen so eine Art Mis­chung aus Hitze­frei und Hausar­beit­enko­r­rek­turzwang haben, hier ein Lesetipp für zwischendurch.

Die Uni­ver­sität Leipzig hat mit ihrer Entschei­dung, in ihrer Satzung das gener­ische Fem­i­ninum zu ver­wen­den, eine inter­es­sante öffentliche Debat­te um geschlechterg­erechte Sprache aus­gelöst, bei der – anders als es bei Diskus­sio­nen um Sprache son­st häu­fig der Fall ist – auch Sprachwissenschaftler/innen zu Wort kamen. So hat der Tagesspiegel meinen FU-Kol­le­gen Horst Simon inter­viewt, ich selb­st durfte Spiegel Online Rede und Antwort ste­hen, und Luise Pusch, eine der geisti­gen Müt­ter der Fem­i­nis­tis­chen Sprach­wis­senschaft, hat der Deutschen Welle erk­lärt, worum es geht (eine Langver­sion ihres Inter­views hat sie in ihrem Blog Laut & Luise veröf­fentlicht. Das ist aber noch gar nicht der Lesetipp, denn auf diese Texte haben wir in unserem Blogspek­tro­gramm bere­its verlinkt.

Da Simon, Pusch und ich uns ein­mütig wohlwol­lend zum gener­ischen Fem­i­ninum geäußert haben, war es nur eine Frage der Zeit, bis jemand nach Gegen­stim­men suchen würde. Und die FAZ und die WELT haben jew­eils einen Sprach­wis­senschaftler gefun­den, der bere­it war, diese Gegen­stimme zu sein. In der FAZ hat der emer­i­tierte Freiburg­er Roman­iste Hans-Mar­tin Gauger seine Sicht der Dinge dargestellt. Da dieser hin­ter ein­er Bezahlwand ste­ht, hat ihn kaum jemand gele­sen – ich auch nicht – und so ist auch er ist nicht unser Lesetipp. Die WELT kon­nte den Berlin­er Sprach­wis­senschaftler André Mei­n­unger (Autor des unglück­lich betitel­ten aber inhaltlich abso­lut empfehlenswerten Buch­es Sick of Sick) für einen Gast­beitrag gewin­nen. Auch dieser Gast­beitrag ist nicht unser Lesetipp, seine Lek­türe emp­fiehlt sich aber als Vor­bere­itung auf unseren Lesetipp.

Und der kommt jet­zt: Luise Pusch hat in ihrem Blog auf bei­de Beiträge geantwortet:

Wobei – „geant­wortet“ ist etwas harm­los aus­ge­drückt. Sie seziert die Texte so, dass nichts von ihnen übrig bleibt. Und das fällt ihr aus zwei Grün­den nicht schw­er: Erstens, weil sie eine bril­lante Sprach­wis­senschaft­lerin ist, und zweit­ens, weil Gauger und Mei­n­unger nur Argu­mente wiederkäuen, die Pusch schon seit dreißig Jahren in der Luft zerfetzt.

9 Gedanken zu „Pusch 2, Maskulinguisten 0

  1. Susanne Flach

    Wobei ich den Mei­n­unger-Artikel auf der Liste für ein Blogspek­tro­gramm hat­te — ich mich aber dafür entsch­ieden haben, ihn als „Empfehlung“ nicht unkom­men­tiert zu ver­linken. Und für einen solchen Kom­men­tar hat­te noch keine von uns Zeit, so gesehen.

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  2. Martin

    Ich werde wohl nie ver­ste­hen, wie man aus sprach­wis­senschaftlich­er Sicht einen aktiv­en Ein­griff in die Sprache befür­wrorten kann (wie ihn die fem­i­nis­tis­che Lin­guis­tik fordert). Natür­lich gibt es viele gute Gründe für eine geschlechterg­erechte Sprache, aber “deskrip­tiv” ist dies meines Eracht­ens abso­lut nicht mehr.

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    1. Anatol Stefanowitsch Beitragsautor

      Medi­zin ist auch nicht deskrip­tiv, wird aber trotz­dem von der über­wälti­gen­den Mehrheit der Biolog/innen befür­wortet. Warum soll­ten Linguist/innen nicht eben­so Anwen­dun­gen ihrer Forschung befür­worten? Im übri­gen schlägt Pusch konkret immer nur Ein­griffe in den Sprachge­brauch vor, ins Sprach­sys­tem nur im Rah­men von Gedankenexperimenten.

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  3. Martin

    Hmm… darüber muss ich mal nachdenken…
    Natür­lich finde ich geschlechterg­erechte Sprache auch gut und notwendig, aber nicht als Lin­guist son­dern… als aufgek­lärter Mensch?
    Mich stört im Grunde ja nur, dass dieser aktive Ein­griff in den Sprachge­brauch so dargestellt wird, als würde er im Namen der Wis­senschaft durchge­führt und nicht im Namen ein­er (wenn auch zu begrüßen­den) Agenda.
    Ein Biologe fordert ja auch nicht, dass mehr männliche als weib­liche Vertreter ein­er Gat­tung geboren wer­den son­dern stellt das erst­mal nur fest…

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  4. Statistiker

    Ein Biologe forscht aber sehr wohl an der Pille für den Mann. 

    Das ist für viele schon ein Dorn im Auge, sei es doch gefäl­ligst Auf­gabe der Frau, für Ver­hü­tung zu sor­gen. Von einem Mann könne man dies ja nicht verlangen.…

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  5. Jürgen A.

    Gaugers Posi­tion ist tat­säch­lich lächer­lich: Er behauptet, das gener­ische Maskulinum sei eine Neu­tral­isierungs­form und unter­stellt den Lin­guis­ten unter den Fem­i­nis­ten, dass sie nicht zwis­chen Genus und Sexus zu unter­schieden wüssten. Das gilt kaum für die meis­ten lin­guis­tis­chen Fem­i­nis­ten, und ganz sich­er nicht für Luise F. Pusch.

    Mei­n­unger hinge­gen verir­rt sich in eine ver­stiege­nen These (der Plur­al als gener­isches Fem­i­ninum), aber weist in die richtige Rich­tung: Wenn näm­lich das so beze­ich­nete “gener­ische Maskulinum” im vollen Wortsinn gener­isch wäre, dann würde es sich so ver­hal­ten wie der Plur­al, näm­lich abso­lut geschlechtsneutral.

    (1) Peter und Franz sind Pro­fes­soren, die immer bei Rot über die Straße gehen.
    (2) Luise ist ein Lin­guist, der orig­inelle Auf­sätze geschrieben hat.

    Erst wenn Sätze wie (2) völ­lig akzept­abel wären, hät­ten Gauger und Mei­n­unger Recht. So aber ver­harm­lost ihre Kri­tik lei­der das Problem.

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  6. Lousy

    Gener­isches Fem­i­ninum erregt Maskulin­guis­ten, Teil 1
    “Was ist daran falsch? Frauen endlich sicht­bar zu machen?”
    Es ist Falsch, weil auf­grund der “Sicht­bar­ma­chung” von Frauen die Gle­ich­berech­ti­gung der Geschlechter auch nicht kommt. Über­all muss plöt­zlich z.B. in Berufs­beschrei­bun­gen auch die weib­liche Form ste­hen, Bewer­berin­nen wer­den trotz­dem nicht angenom­men. Sprache hat ein­fach nichts mit Gle­ich­berech­ti­gung zu tun und die Begeis­terung die hier aufgewen­det wird lenkt nur vom eigentlichen Prob­lem ab. Ich als Frau weiß was ich Wert bin, ob man mich nun Stu­dent oder Stu­dentin nen­nt, macht für mich keinen Unter­schied, weil ich ein­fach davon aus­ge­he, dass kein­er Besteht.
    Ich hab eine Son­der­be­hand­lung oder Änderung der Sprache in der Hin­sicht genau­so wenig nötig wie die neue Deutsche Rechtschrei­bung. Das Behar­ren auf der Notwendigkeit der “Fem­i­nisierung” der Sprache weckt in mir eher das Gefühl, vielle­icht doch nicht Gle­ich­w­er­tig zu sein als dass es mich in irgen­dein­er Weise dem Gefühl der Gle­ich­berech­ti­gung näherbringt.

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