Kandidaten für den Anglizismus 2013: Paywall vs. Bezahlschranke

Die Paywall ist eine aufgewärmte Anglizismus-des-Jahres-Kandidatin: Schon letztes Jahr nahm Kilian Evang sie im Texttheater auseinander:

Das englische paywall, seltener: pay wall, ist ein Substantiv und ein Kompositum aus dem Verb pay („bezahlen“) und dem Substantiv wall („Mauer“). Ins Deutsche wurde es als Paywall praktisch unmodifiziert übernommen und bezeichnet auch dasselbe wie im Englischen: eine technische Vorrichtung, mit der Online-Medien den Zugang zu ihren Inhalten beschränken, wobei diese Beschränkung für zahlende Benutzer/innen aufgehoben wird, typischerweise in Form eines Abonnements. [im Texttheater weiterlesen]

Seiner gründlichen Beschreibung des Wortes und des dahinterstehenden technischen Konzepts kann ich ein Jahr später wenig hinzufügen. Meine Hauptfragen heute daher: Hat Paywall im vergangenen Jahr eine weitere Verbreitung erfahren und wie verhält es sich mittlerweile zu seiner teilübersetzten Konkurrenz Bezahlschranke ?

Offline lieber übersetzt

Für deutschsprachige Zeitungen sieht es so aus, als sei die Verwendung von Paywall angestiegen:

Treffer/Mio Wörter im DeReKo (n=69)

Treffer/Mio Wörter im DeReKo, W-Archiv ohne WDD und WPD (n=69)

Der Hauptanstieg ist jedoch 2012 zu beobachten, 2013 gewinnt das Wort nur noch geringfügig dazu.

Die Treffer für beide Wörter zusammen (!) liegen allerdings nur im zweistelligen Bereich. Entsprechend kann man auch auf die vielversprechend aussehenden Unterschiede zwischen Paywall und Bezahlschranke nichts geben.1

Bei so wenigen Verwendungen kann man dafür umso besser in die Daten hineinschauen. Fast die Hälfte der Treffer hat ein einziges Medium zu verantworten: Die Südostschweiz.2 Salomonisch widmet sie sich der Verwendung beider Bezeichnungen (Bezahlschranke: 15, Paywall: 17). In den meisten Fällen werden sie bei der Berichterstattung über die NZZ benutzt, die 2012 eine Paywall einführte.

Wirft man die Schweizer Verwendungen3 raus, so ergibt sich trotz mittlerweile winzig gewordener Zahlen ein klareres Bild, und diesmal verliert die Paywall eindeutig:

(n=26)

(n=26, davon 4 für Paywall)

In Printmedien wird also die Bezeichnung bevorzugt, die das Konzept auch für nicht-netzaffine LeserInnen transparent(er) macht.4 In dieser Hinsicht hat die Paywall das Nachsehen und es ist fraglich, ob sie bei OfflinejournalistInnen noch eine Chance hat.

Online: ???

Online ist das Datenproblem noch viel massiver. Also, man kann natürlich beide Wörter in großer Zahl finden – aber eine zeitliche Eingrenzung und eine Vergleichbarkeit der Zahlen ist kaum gegeben. Eine Suche bei Google Trends liefert dünne Ergebnisse: Seit März 2012 wird in Deutschland ab und an mal nach Paywall gesucht (und zwar primär in Berlin).5 Vergleicht man nach Jahren, zeigt sich 2013 eine Steigerung gegenüber 2012. Wir müssen aber davon ausgehen, dass darunter auch englischsprachige Suchanfragen fallen (bzw. Suchanfragen, mit denen auch englischsprachige Nachrichten gesucht wurden), womit die Daten wieder wertlos werden. Für die Bezahlschranke interessierte sich bei Google hingegen niemand.

Fazit

Was die Frequenzsteigerung angeht, hat Paywall dieses Jahr nichts zu bieten: In den deutschen Zeitungstexten des DeReKo kommt es nur viermal vor und falls die Ergebnisse von Google Trends irgendwie brauchbar sind, fällt der Hauptanstieg dort auf 2012, nicht 2013.

Ich halte Paywall für ein sehr interessantes Wort – und zwar gerade wegen seiner Entsprechung Bezahlschranke. Die ist jedoch der zweite Grund, warum ich Paywall als Anglizismus des Jahres 2013 keine Chancen einräume. Wenn ich wild spekulieren darf: Ich vermute, dass die Hochzeit (langes o!) von Paywall schon vorbei ist. Das Phänomen trat zuerst im englischsprachigen Raum auf, die entsprechende Bezeichnung wurde anfangs unverändert ins Deutsche übernommen (dafür leider keine Zeitungsbelege), dann jedoch – zumindest in journalistischen Texten – zunehmend durch Bezahlschranke ersetzt. Das ist damit ebenfalls ein Anglizismus, aber halt kein nominierter. Er könnte sich wegen seiner größeren semantischen Transparenz und seiner unauffälligen Struktur langfristig durchsetzen.

  1. Das sind grade mal 2 bzw. 3 Belege Unterschied für 2012 bzw. 13. []
  2. Leider hat sich mir kein unaufwändiger Weg erschlossen hat, die Korpusgröße einzelner Zeitungen zu berechnen. Es ist also gut möglich, dass die Südostschweiz insgesamt mehr Textwörter für das W-Archiv stellt und deshalb mehr Belege zu finden sind. Daher erfolgt hier auch kein Vergleich mit anderen Zeitungen. []
  3. Die Südostschweiz und St. Galler Tagblatt []
  4. Die Bildung wird gelegentlich übrigens auch für reale Schranken an Parkplätzen oder auf Toiletten verwendet (4 Belege) – wahrscheinlich unabhängig von ihrer 'Paywall'-Bedeutung. []
  5. In der Schweiz ist das Interesse hingegen gering. Wahrscheinlich wurde man von Die Südostschweiz schon ausreichend informiert. []

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