Eine Straße für Nelson Mandela

Wenn es den Vorschlag gäbe, die Straße, in der ich wohne, in „Nel­son-Man­dela-Straße“ umzube­nen­nen, wäre ich begeis­tert. Nicht, weil mit dem Namen mein­er Straße irgen­det­was nicht stimmte – sie ist nach irgen­deinem harm­losen Dorf vor den Toren Berlins benan­nt, dessen Name leicht von der Zunge geht und keine Erk­lärun­gen erfordert. Nein, ich würde ein­fach gerne in ein­er Straße wohnen, die nach ein­er der beein­druck­end­sten Per­sön­lichkeit­en des zwanzig­sten Jahrhun­derts benan­nt wäre.

[Hin­weis: Der fol­gende Text enthält Beispiele ras­sis­tis­ch­er Sprache.]

Wenn ich in ein­er Straße wohnte, die „Mohren­straße“ heißt, und der Vorschlag beträfe diese Straße, wäre ich natür­lich dop­pelt begeis­tert, denn dann kön­nte ich Men­schen endlich mit­teilen, wo ich wohne, ohne dabei jedes Mal vor Scham über den Ras­sis­mus der europäis­chen Kolo­nialzeit im Boden zu versinken. Ich hätte deshalb erwartet, dass die Be- und Anwohn­er der Mohren­straße in Berlin sich über genau diesen schon länger – unter anderem vom berlin-bran­den­bur­gis­chen Afri­ka-Rat und der Ini­tia­tive Schwarze Men­schen in Deutsch­land – lancierten Vorschlag freuen wür­den.

Aber die find­en die Umbe­nen­nung im besten Fall unnötig. Die Argu­mente sind die sel­ben, die wir immer zu hören bekom­men, wenn weiße Deutsche schwarzen Deutschen Ras­sis­mus erk­lären: der Name störe doch nie­man­den, das sei früher ein ganz nor­males, neu­trales Wort für Schwarze gewe­sen und außer­dem könne der Name sowieso nicht ras­si­tisch sein, weil er ja schließlich eine lange Tra­di­tion habe.

Diese Tra­di­tion hat der Name tat­säch­lich: Sie führt direkt ins 18. Jahrhun­dert, in dem die Straße ihren Namen erhielt, weil dort ver­schleppte und zur Sklave­nar­beit am preußis­chen Hof gezwun­gene Kinder lebten. Und das zeigt eben, dass es mit den ange­blich neu­tralen Beze­ich­nun­gen der guten alten Zeit eben nicht so son­der­lich weit her ist, weil diese gute alte Zeit schlicht und ein­fach nicht neu­tral, son­dern zutief­st ras­sis­tisch war.

Wem das nicht reicht, um über die Umbe­nen­nung der Straße noch ein­mal nachzu­denken, dem hil­ft vielle­icht ein kurz­er Aus­flug in die Sprachgeschichte: Das Wort Mohr stammt, wie das Wort Mau­re, vom Lateinis­chen mau­rus ab, das schon dort eine unscharfe Bedeu­tung hat­te, die sowohl Ein­wohn­er Afrikas (unab­hängig von ihrer Haut­farbe) als auch schwarze Men­schen (unab­hängig von ihrer Herkun­ft) und manch­mal auch Mus­lime (unab­hängig von Herkun­ft und Haut­farbe) umfasste.

Das Wort find­et sich schon im Althochdeutschen, wo es Nordafrikaner/innen und/oder Schwarze, aber auch Teufel beze­ich­nete (Kurze Denkauf­gabe für zwis­chen­durch: Für wie wahrschein­lich hal­ten Sie es, dass in ein­er Zeit, in der schwarze Men­schen mit dem Teufel gle­ichge­set­zt wer­den, „neu­tralen“ Begriffe für diese Men­schen entste­hen?). Es dif­fernzierte sich im Deutschen dann in das Wort Mohr (für schwarze Men­schen) und Mau­re für (dunkel­häutige) Nicht-Chris­ten aus. Die Afrikawis­senschaft­lerin und Anglistin Susan Arndt ver­mutet, dass bei dieser Aus­d­if­feren­zierung das griechis­che moros („töricht, ein­fältig, dumm, got­t­los“) eine Rolle spielte, und die jahrhun­derte­lange Darstel­lung von „Mohren“ als ein­fältige Diener oder „noble Wilde“ spricht dur­chaus dafür.

Wed­er an der Namensge­bung der Mohren­straße, noch an dem Wort Mohr ist also auch nur ent­fer­nt etwas Neu­trales zu ent­deck­en. Es ist ein Straßen­name mit ein­er ras­sis­tis­chen Geschichte, der aus einem Wort mit ein­er ras­sis­tis­chen Geschichte gebildet wurde. Die Umbe­nen­nung in „Nel­son-Man­dela-Straße“ wäre aus dieser Sicht ein Geschenk für die Anwohn­er, denn ein angemessener­er Name wäre „Straße der Kolo­nialver­brechen“.

Für Mor­gen (Sam­stag, den 22. Feb­ru­ar 2014) ruft der Afri­ka-Rat zum 8. Gedenkmarsch zur Erin­nerung an die afrikanis­chen Opfer von Sklaven­han­del, Sklaverei, Kolo­nial­is­mus und ras­sis­tis­ch­er Gewalt auf. Beginn des Marsches ist um 11:30 ab U-Bahn­hof Mohren­straße. Es wäre schön, wenn der Tre­ff­punkt im näch­sten Jahr der U-Bahn­hof Nel­son-Man­dela-Straße wäre.

Literatur
  • Arndt, Susan (2009): Mohr/Mohrin. In: Susan Arndt und Antje Horn­schei­dt (Hg.) Afri­ka und die deutsche Sprache (2. Auflage). Unrast Ver­lag.
  • Oxford Eng­lish Dic­tio­nary (2002): Moor, n2. Oxford Uni­ver­si­ty Press.

38 Gedanken zu „Eine Straße für Nelson Mandela

  1. Red Baron

    Nel­son Man­dela ist als Über­winder der Apartheit eine Ikone und sein Name auf einem Berlin­er Straßen­schild mehr als über­fäl­lig. Muss es aber ger­ade die gewach­sene und den Berlin­ern ans Herz gewach­se­nen Mohren­straße sein? Wann hören wir endlich auf über­all nach poli­tis­ch­er Kor­rek­theit zu fah­n­den und ler­nen, uns unser­er Ver­gan­gen­heit zu stellen. Soll das Wort Mohr aus der deutschen Sprache getil­gt wer­den?

  2. Red Baron

    Sehr wohl gele­sen und ich stelle hier nochmals die Frage: Soll Mohr nicht nur von einem Straßen­schild, son­dern auch aus der deutschen Sprache getil­gt wer­den?

  3. Emmi

    Ja! Und wenn alles nichts hil­ft, gegen ver­bohrte Igno­ranz, schlage ich vor, die Kraft des Gemüs­es zu nutzen und klammheim­lich “Ö”-Pünktchen am “O” zu platzieren.

  4. Susanne

    Ich glaube, es wäre kein Prob­lem, das Wort “Mohr” aus der deutschen Sprache zu tilgen. Das ver­wen­det doch sowieso kein­er mehr, oder? Ich wüßte nicht, in welchem Zusam­men­hang man das noch sagen sollte, seit es den “Sarot­ti­mohr” und den “Mohrenkopf” nicht mehr gibt.

  5. Markus Schäfer

    Richtig, ohne den Struwwelpeter kön­nen wir ja auch genau­so gut wieder in Höhlen leben.

  6. Ferrer

    Bitte zur Klarstel­lung: Wenn Mohr und Mau­re dieselbe Wurzel haben, und Mohr ras­sis­tisch und daher unange­bracht ist, ist es dann Mau­re eben­falls?
    Gibt es eine Verbindung zwis­chen der Mohrrübe und das Wort Mohr? Sollte man die Mohrrübe eben­falls ver­mei­den?
    Wie wäre es, falls Mohrrübe akzept­abel sein sollte, wenn man die Mohren­str. eigen­mächtig durch ein­fach­es hinzufü­gen von Umlaut­en (Edding!) in Möhren­str. umben­nent?

  7. Feathers McGraw

    @Red Baron: Die Antwort lautet nat­uer­lich: Ja, bitte tilgen. Ver­wen­det wird das Wort nicht mehr, und ras­sis­tisch ist es noch dazu, bessere Gru­ende und Bedin­gun­gen fuer ein Ignori­eren eines Wortes gibt es doch kaum.

  8. Dierk

    Was spräche jet­zt gegen eine Umbe­nen­nung in Nel­son-Man­dela-Strasse, wenn Möhren­strasse i.O. wäre, Herr oder Frau Fer­rer?

    Über­haupt, was spricht dage­gen der Strasse mit einem deut­lich ras­sis­tis­chen Namen jet­zt einen ein­deutig nicht vor­be­lasteten Namen zu geben? Ist ja nicht so, als wür­den in deutschen Städten und Gemein­den nicht nahezu täglich Strassen umbe­nan­nt.

    Nie­mand ver­langt, dass Deutsche ihre Ver­gan­gen­heit vergessen — aber muss man sie feiern? Das kann ich noch nachvol­lziehen, geht es um Bis­mar­ck und seine Bünd­nis­poli­tik [oder seine Sozialpoli­tik, wie falsch auch seine Motive gewe­sen sein mögen]. Ich kann es sehr gut bei Paz­i­fis­ten, Frei­heit­skämpfern oder Human­is­ten von Carl von Ossi­et­zky, über Ernst Thäl­mann bis zu Kurt Tuchol­sky ver­ste­hen.* Aber für eine Mohren­strasse?! Das ist nicht mal die Feier eines speziellen Vor­falls oder Men­schen, es ist nur ein all­ge­mein­er, ras­sis­tis­ch­er Name.

    *Ich hätte gerne statt Ossi­et­zkys Bertha von Sut­tner genom­men, die war aber keine Deutsche.

  9. Dierk

    A pro­pos Struwwelpeter. Wenn Sie, Red Baron*, schon damit ankom­men, hät­ten Sie ihn vielle­icht ein­mal lesen sollen. Richtig ist, dort taucht ein ‘schwarz­er Bub’ auf und Hein­rich Hoff­mann benutzt auch das Wort ‘Mohr’. Die Geschichte dreht sich näm­lich genau darum, dass andere nicht auf­grund ihrer Haut­farbe veräp­pelt und diskri­m­iniert gehören. Der Niko­laus — ja, der — bestraft die bürg­er­lichen, weißen Buben, die den schwarzen hänseln und her­ab­würdi­gen.

    *Echt jet­zt? Haben Sie da auch ein­fach keine Ahnung oder nen­nen Sie sich mor­gen aus Überzeu­gung nach einem bekan­nten Kam­er­aden Richthofens?

  10. Ferrer

    Ja, selb­stver­ständlich wäre das in Ord­nung, Herr oder Frau Dierk, Nel­son-Man­dela-Straße wäre pri­ma. Ich habe nur vorgeschla­gen, da es meis­tens auf dem Amtsweg etwas länger dauert, in der Zwis­chen­zeit die Sache auf humorigem Weg zu lösen. Bitte um Entschuldigung, wenn Sie es falsch aufge­fasst haben, habe mich wohl zu flap­sig aus­ge­drückt. Ich dachte, wenn man ein Prob­lem nicht gle­ich lösen kann, kann man immer noch darüber lachen.
    Kön­nen Sie auch die Frage nach der Mohrrübe und dem Mau­ren beant­worten? Ich bin näm­lich sel­ber etwas aus­ländisch (Herr, um genau zu sein, Vor­name Jor­di) und möchte Fet­tnäpfchen ver­mei­den. Es wer­den täglich mehr!

  11. Jenny

    @Ferrer: Das “Mohr” in “Mohrrübe” kommt laut Wikipedia vom althochdeutschen Wort für “Wurzel”.

  12. Ferrer

    Danke, Jen­ny! Dann kann man ja sagen, dass die Mohren­str. eigentlich die Wurzel­str. ist, und wir pfeif­f­en auf die Ras­sis­ten 🙂 Sie lügen doch auch immer, dann dür­fen wir es auch! Jeden­falls ihnen gegenüber.
    Für die, dessen Leben schw­er bleibt: Selb­stver­ständlich wäre Nel­son-Man­dela-Straße viel bess­er. Ob es sich durch­set­zen läßt, wage ich zu bezweifeln. Ich meine, unsere Stadträte zu ken­nen…

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  14. sascha

    Und was machen die Scherzkekse, die immer auf dem Straßen­schild den Namen in Möhren­straße geän­dert haben? Obwohl, vielle­icht kön­nten die Anwohn­er ja damit leben…

  15. gnaddrig

    @ sascha: Die find­en sich­er andere Betä­ti­gungsmöglichkeit­en. Sie kön­nten etwa in den Mohren­straßen in Ettlin­gen, Coburg, Köln oder Schwäbisch Hall ihre Punk­te set­zen, oder in den Mohren­gassen in Marxzell, Nürn­berg oder Alzey, im Mohrengäss­chen in Franken­thal (Pfalz), auf den Mohren­plätzen in Garmisch-Partenkirchen, Gera oder Willisau (Schweiz), oder im Mohren­garten in Gruibin­gen. Dann gibt es noch einen Mohren­weg in Wörth (und Möhren­wege in Waib­lin­gen und Celle, da waren die Stadträte schneller). Alter­na­tiv ziehen sie nach Möhren­dorf oder -bach…

  16. Stephan Fleischhauer

    Ich frage mich, ob man den Bewohn­ern, die den bish­eri­gen Straßen­na­men beibehal­ten wollen, Ras­sis­mus vor­w­er­fen kann. So haben offen­bar kein Prob­lem damit, in ein­er Straße zu wohen, die so heißt. Ich nehme mal stark an, dass sie den Namen “Arschlochstraße” nicht so gern hät­ten. Sie kön­nen sich mit “Mohren­straße” sozusagen “iden­ti­fizieren” und sind sich des kolo­nial­is­tis­chen Kon­textes wahrschein­lich nicht bewusst. Da würde ich als erstes anset­zen. Ein­fach einen erk­lären­den Text unter das Straßen­schild, dann kann man darin sog­ar eine Art Mah­n­mal sehen.

  17. gnaddrig

    Allerd­ings. Da wäre es doch gut, mal irgend­wo anz­u­fan­gen. Zum Beispiel in Berlin. Die anderen kön­nen dann ja nachziehen.

  18. Sachsenulf

    Sehr geehrter Herr Ste­fanow­itsch,

    ich wun­dere mich doch etwas über diesen Beitrag. Die Darstel­lung der Begriff­s­geschichte von “Mohr” ist grob lück­en­haft und dadurch lei­der falsch. Die Römer haben sich “mau­rus” nicht aus den Fin­gern gezo­gen son­dern aus dem Griechis­chen über­nom­men. Der Begriff stammt vom Griechis­chen ἀμαυρός (amaurós)also dunkel bzw. von μαυ̃ρος (maũros)=schwarz. Ist als per Herkun­ft nicht belei­di­gen­den son­dern bechreiben­den Charak­ters. Es hätte auch kein Sinn ergeben, diese Men­schen mit μωρός also moros= töricht, dumm, got­t­los zu beze­ich­nen. Schließlich gab es auch dumme Griechen. Der Bezug von Mohr zu moros ist mit­te­lal­ter­lichen Ursprungs und mag den Begriff in sein­er Bedeu­tung erweit­ert haben. Auch der “Höl­len­mohr” spielt hier mit hinein. Den­noch kann keine Rede davon sein, dass “Mohren” per se als dumm und ein­fältig betra­chtet wur­den. Exo­tisch und fremd ja, aber das sollte uns nun wirk­lich nicht ver­wun­dern.

  19. engywuck

    Nicht nur wäre die Umbe­nen­nung aus­gerech­net der Mohren­straße in den Namen eines Schwarzafrikan­ers nicht unbe­d­ingt ein Zeichen beson­deren Fin­ger­spitzenge­fühls, macht man sich damit doch auch in gewiss­er Weise die Gle­ich­set­zung Mohr (mit allen Kon­no­ta­tio­nen) mit Men­schen sehr dun­kler Haut­farbe zu eigen, auch die Per­son “Nel­son Man­dela” ist nicht ganz so ein­seit­ig rein-weiss (SCNR) wie nach seinem Tod ihn viele mal­ten. Immer­hin war er Anführer des bewaffneten Flügels des ANC und begrün­dete vor der Verurteilung zu jahrzehn­te­langer Haft (die ihn berühmt machte) in ein­er stun­den­lan­gen Rede die Notwendigkeit bewaffneten Kampfs.
    Warten wir doch bess­er mit Benen­nun­gen von Straßen, bis die Per­so­n­en nach denen wir benen­nen wollen einige Jahre tot sind und “die Geschichte” ein klares Bild zeich­nen kann, anstatt qua­si “san­ta subito” zu fordern. Es gibt genug Fälle, in denen im Über­schwang Straßen, Plätze und Gebäude nach einem vor kurzem Ver­stor­be­nen (oder gar noch Leben­den) benan­nt wur­den und die dann Jahrzehnte später unter dem Auf­schrei “wie kon­nte man nur” erneut umbe­nan­nt wer­den mussten. Nicht dass ich ver­mute, dass dies bei Man­dela geschehen wird, aber was schadet es, noch etwas zu warten?
    Für die Mohren­straße find­et sich sich­er auch eine andere Beze­ich­nung, die gle­ich ver­wend­bar ist.

  20. Anatol StefanowitschAnatol Stefanowitsch Beitragsautor

    @ Sach­senulf: Das Wort ist aus dem Lateinis­chen in die ger­man­is­chen Sprachen entlehnt wor­den, woher die es hat­ten spielt für die Begriff­s­geschichte keine Rolle. Im Lateinis­chen hat­te es die beschriebene unscharfe Bedeu­tung, die sich dann auch in den ger­man­is­chen Sprachen find­et. Dass das griechis­che Wort moros erst später eine Rolle gespielt hat, ste­ht klar und deut­lich in meinem Beitrag, isofern weiß ich nicht, wo Sie da Lück­en sehen.

  21. Anatol StefanowitschAnatol Stefanowitsch Beitragsautor

    @engywuck: Ja, erk­lären wir doch dem Afri­ka-Rat, dass die Umbe­nen­nung von man­gel­n­dem Fin­ger­spitzenge­fühl zeugt. Ich bin mir sich­er, die warten nur darauf, das von zwei weißen Deutschen erläutert zu bekom­men. Und was die Nel­son Man­de­las Hal­tung zur Notwendigkeit des bewaffneten Kampfes bet­rifft – inwiefern dis­qual­i­fiziert ihn diese als Namensge­ber ein­er Straße? In Berlin sind nun wirk­lich aus­re­ichend viele Straßen nach kriegs­führen­den deutschen Adli­gen benan­nt, da würde eine Nel­son-Man­dela-Straße die Waf­fen­dichte nicht nen­nenswert steigern. Und anders als die kriegs­führen­den deutschen Adli­gen hat Nel­son Man­dela ja für einen bewaffneten Frei­heit­skampf plädiert, nicht für bewaffnete Eroberungskriege.

  22. engywuck

    wer hat die “kriegführen­den Deutschen” als Namensge­ber gut gefun­den? Gehört zur Kat­e­gorie “wie kon­nte man nur”, jeden­falls wenn man gewisse Leute befragt.
    “Frei­heit­skämpfer”, “Auf­ständis­che” und “Ter­ror­is­ten” kommt ja alles auf den Blick­winkel an, oder? (Beispiele für die Ambi­gu­i­tät: RAF Nordir­lands, Mud­scha­hedin Afghanistans vs. “die Russen” bzw später die daraus ent­stande­nen Tal­iban vs. “Rest der Welt”)
    Deswe­gen plädiere ich für das warten. Oder damit zu leben, dass man die Bew­er­tung in den näch­sten Jahrzehn­ten *eventuell* noch ein paar­mal ändert.

    Warum soll ich übri­gens nicht den “Afri­ka-Rat” kri­tisieren dür­fen (wer hat den gewählt?) bzw. woraus schließen Sie, dass ich nicht-schwarz bin und vor allem dass ein “Weißer” hier keine Mei­n­ung haben darf? Wäre das nicht wieder ras­sis­tisch?

  23. engywuck

    argh, man sollte nach Kor­rek­turen nochmals durch­le­sen: natür­lich “die IRA Nordir­lands” (wobei die Roy­al Air Force ver­mut­lich dort auch aktiv war) — wobei die RAF Deutsch­lands auch passen würde, hat sie ja anfangs tat­säch­lich vorhan­dene Prob­leme des Nachkriegs­deutsch­lands bekämpft (auch wenn sie sel­ber im Gegen­satz zu Man­dela nie sel­ber *wirk­lich* betrof­fen waren, jeden­falls soweit ich das überblicke).

  24. Sachsenulf

    Das Wort ist aus dem Lateinis­chen in die ger­man­is­chen Sprachen entlehnt wor­den, woher die es hat­ten spielt für die Begriff­s­geschichte keine Rolle.”

    Verzei­hung, aber Sie kön­nen doch nicht über die Begriff­s­geschichte eines Wortes schreiben und die Herkun­ft ein­fach weglassen. Noch dazu wenn es wie hier schlichtweg essen­tiell für das Ver­ständ­nis ist. Wenn sie über den Ein­fluss von moros auf den Bedeu­tungswan­del im Deutschen schreiben, ist bspw. der Hin­weis auf die phonetis­che Ähn­lichkeit von moros und amau­rós bzw. maũros ein­fach uner­lässlich. Denn ohne diese Analo­gie wäre man niemals auf die Idee gekom­men, das Wörtchen Mohr mit dem griechis­chen moros in Verbindung zu brin­gen. Gle­ichzeit­ig hät­ten Sie dann auch hin­ter­fra­gen müssen, ob bei der Her­aus­d­if­feren­zierung von Mau­re und Mohr im Deutschen nicht nur moros son­dern eben auch der griechis­che Ursprung amaurós/maũros rel­e­vant war. Denn wer damals wusste, was moros heißt, war sich natür­lich auch über die Bedeu­tung der bei­den anderen ähn­lich klin­gen­den griechis­chen Worte im Klaren. Ich halte per­sön­lich die These von Susan Arndt sehr gewagt. Die Unter­schei­dung zwis­chen “Mohren” und “Mau­ren” hat­te eine deskrip­tive Funk­tion. Mit Mohren waren Schwarzafrikan­er und mit Mau­ren in der Regel ara­bis­che Nordafrikan­er gemeint. “Schwarz­er Mohr” wird heute als Pleonas­mus wahrgenom­men, das war nicht immer so. Welche Funk­tion soll bei dieser Aus­d­if­feren­zierung moros also “dumm” gehabt haben? Nur eine sehr geringe da sie nicht hil­fre­ich für die äußer­liche Unter­schei­dung gewe­sen wäre.

    Dann möchte ich mich noch all­ge­mein zur Umbe­nen­nung­sprob­lematik äußern. Ich halte das für falsch. Die Straße trägt diesen Namen seit mehr als 300 Jahren. Allein geschicht­shis­torische Abwä­gun­gen sprechen klar gegen eine Umbe­nen­nung. Weit­er­hin ist der Begrif ein­deutig ver­al­tet, eine gesellschaftliche Rel­e­vanz besitzt er nicht mehr. Weshalb ich es eige­nar­tig finde, wie man sich davon noch belei­digt fühlen kann. Wenn in Würt­tem­berg ein Spä­tan­tik­er Schatz als “Bar­baren­schatz” tit­uliert wird, füh­le ich mich als gewis­ser­maße Nach­fahre jen­er “Bar­baren” davon doch nicht belei­digt.
    Welch­es Ziel ver­fol­gt zudem die Umbe­nen­nung, die Erin­nerung an die Afrikan­er zu tilgen, nach denen die Straße benan­nt ist? Das kann ich mir kaum vorstellen und es wäre auch dumm. Straßen­na­men sind wie Stadtchroniken, dass sollte man akzep­tieren und sich damit auseinan­der­set­zen. Nel­son Man­dela hat wed­er einen Bezug zu Berlin, noch zur Mohren­straße oder den Afrikan­ern nach denen diese benan­nt ist. Er kommt nicht mal aus der sel­ben Region.

  25. Anatol StefanowitschAnatol Stefanowitsch Beitragsautor

    @Sachsenulf:

    Verzei­hung, aber Sie kön­nen doch nicht über die Begriff­s­geschichte eines Wortes schreiben und die Herkun­ft ein­fach weglassen.

    Doch, kann ich. Vielle­icht hil­ft Ihnen ein Gedanken­ex­per­i­ment, das zu ver­ste­hen: Woher kam das griechis­che Wort, und was bedeutete es dort? Und woher kam es davor, und was bedeutete es dort? Und so weit­er.

    (Falls das Exper­i­ment nicht funk­tion­iert, hier die Auflö­sung: Das Wort hat (wie alle Wörter) keine nachvol­lziehbare ursprüngliche Herkun­ft. Ich will das Wort bis zum Lateinis­chen zurück­ver­fol­gen, und ich habe auch erk­lärt, warum: Weil es von dort in die ger­man­is­chen Sprachen entlehnt wurde und es deshalb rel­e­vant ist, zu wis­sen, was es dort zum Zeit­punkt der Entlehnung bedeutet hat. Sie wollen es bis zum Griechis­chen zurück­ver­fol­gen, aber nicht weit­er. Warum? Davon abge­se­hen, dass das Griechis­che für das ger­man­is­che Lehn­wort keine Rolle spielt(e), welchen Grund haben Sie, beim Griechis­chen aufzuhören?)

  26. Sachsenulf

    Welchen Grund haben Sie, beim Griechis­chen aufzuhören?”

    Weil das Griechis­che für die Beze­ich­nung die erste aus Quellen ein­deutig nachvol­lziehbare Sta­tion ist. Weit­ere sprach­liche Vorstufen sind entwed­er wed­er bis nicht heute zweifels­frei doku­men­tier­bar, noch hät­ten diese Man­gels Ken­nt­nis davon im Mit­te­lal­ter Ein­fluss auf die Begriff­s­geschichte im Deutschen nehmen kön­nen. Griechisch hinge­gen war zusam­men mit Latein und Hebräisch eine der wichtig­sten Gelehrten­sprachen.

    Davon abge­se­hen, dass das Griechis­che für das ger­man­is­che Lehn­wort keine Rolle spielt(e)”
    Für die direk­te Entlehnung nicht. Das habe ich auch nicht behauptet. Aber wie kom­men sie, der Argu­men­ta­tion ihrer Antwort fol­gend, auf den Gedanken, das griechis­che “moros” kön­nte bei der begrif­flichen Dif­feren­zierung von Mau­re und Mohr im Deutschen eine Rolle gespielt haben und der griechis­che Wortk­ern amaurós/maũros nicht? Wenn sie dem, ich denke von ihrer Seite wohl nicht bestrit­te­nen, Ursprung aus dem griechis­chen keine Bedeu­tung beimessen, soll­ten sie kon­se­quent sein und diese bei moros eben­falls nicht tun. Die Wahrschein­lichkeit, dass jemand im Mit­te­lal­ter wusste was moros heißt aber nicht die Bedeu­tung von amau­rós oder maũros kan­nte, halte ich wie schon gesagt für sehr ger­ing.

  27. Christoph Päper

    Straßen, Plätze, Gebäude etc.pp. soll­ten nim­mer nie nicht nach Per­so­n­en benan­nt wer­den! Nach Orten, die nicht Nach­barorte sind, in die die Straße führt, übri­gens auch nicht: Es gibt in unge­fähr jed­er deutschen Stadt Danziger, Stet­tin­er, Bres­lauer, Elsäss­er Straßen etc., viel weniger als Berlin­er, Ham­burg­er oder Münch(e)ner oder gar Paris­er und Lon­don­er Straßen. Warum wohl? (Nein, i.d.R. nicht weil sich dort vor rund 70 Jahren Ver­triebene ange­siedelt hät­ten.)

  28. Oliver C

    Ger­ade die Mohren­straße in Nel­son-Man­dela-Straße umzube­nen­nen soll doch wohl besagen: Schaut, früher hat­ten wir für dunkel­häutige Afrikan­er nur eine eher despek­tier­liche Grup­pen­beze­ich­nung, heute nehmen wir sie als Indi­viduen wahr, und find­en manche davon sog­ar so toll, daß wir unsere Straßen nach ihnen benen­nen. Mir scheint das ger­ade Fin­ger­spitzenge­fühl zu beweisen. Aber das sollte ich wohl nicht beurteilen, weil ich auch weiß bin.

    Um den Wan­del für die Nach­welt deut­lich zu machen, sollte da aber ste­hen: (früher Mohren­straße). Mit ein­er Erk­lärung, was da früher abging und zu dem alten Namen geführt hat. Ein­fach nur die Erk­lärung auf ein­er Gedenk­tafel fände ich darum auch nicht schlecht.

    Vielle­icht kön­nte man auch nur den U-Bahn­hof in “Nel­son Man­dela” umbe­nen­nen, ohne Straße. Müssen die denn immer nach Straßen benan­nt wer­den? Hier in Mon­tre­al hat man eine U-Bahn-Sta­tion nach dem bekan­nten Ras­sis­ten Lionel Groulx benan­nt, ohne Rück­sicht auf Straßen — aber im let­zten Moment dann doch noch eine Straße zum Bahn­hof passend mit umbe­nan­nt. Es gab schon mal eine Peti­tion, die Sta­tion in “Oscar Peter­son” umzube­nen­nen.

  29. gnaddrig

    @ Christoph Päper: Wonach wollen Sie Straßen denn dann benen­nen? Wenn Sie Per­so­n­en und Orte als Namensge­ber auss­chließen, stre­ichen Sie damit einen ganz erhe­blichen Teil des Reser­voirs, aus dem Straßen­na­men geschöpft wer­den, und es kön­nte schwierig wer­den, geeignete Straßen­na­men für alle Straßen in Berlin zu find­en.

    Um Ihren Vorschlag umzuset­zen müssten man in Berlin wohl mehrere tausend Straßen neu benen­nen. Man kön­nte Straßen natür­lich auch ein­fach durch­num­merieren wie in der Mannheimer Innen­stadt. Der Namen­sraum von AA00 bis ZZ99 bietet 67600 Straßen Platz, das sollte bis ins 22. Jahrhun­dert reichen.

    Was haben Sie übri­gens gegen die vie­len Danziger, Stet­tin­er usw. Straßen in deutschen Städten? Wäre es bess­er, wenn es mehr Berlin­er, Ham­burg­er oder Paris­er Straßen gäbe? Wenn ja, warum?

  30. engywuck

    in vie­len Fällen sollen die Straßen wohl an die “ver­lore­nen Gebi­ete” erin­nern — hier in der Gegend sind es oft­mals Straßen, die kurz nach dem zweit­en Weltkrieg angelegt wur­den — auch, um die Flüchtlingsströme unterzubrin­gen. Hamburg&Co. wären da neu­traler. Zudem heißen die entsprechen­den Städte heute nicht mehr mit ihren (ehe­mals) deutschen Namen, eine “Gdańsker Straße” habe ich aber noch nir­gends gese­hen.

  31. Sachsenulf

    Also das ist Unsinn. Die großen Straßen tra­gen diese Namen nicht aus Ver­triebe­nen­ro­man­tik, son­dern weil man, wenn man ihnen fol­gte, halt irgend­wann nach Bres­lau, Danzig oder wohin auch immer gekom­men ist. Und da wir hier in Deutsch­land sind, wer­den in der Regel auch die in Deutsch­land gebräuch­lichen Namen ver­wen­det. Gdan­sk ist bspw. ein­fach der pol­nis­che Name für Danzig. So wie Fran­zosen und Briten zu Köln Cologne sagen und wir eben zu Pra­ha Prag, Warschau statt Warsza­wa, Lem­berg statt Lviv oder Mai­land statt Milano. Das ist in Europa das nor­mal­ste auf der Welt und hat mit Revan­chis­mus nun wirk­lich nichts zu tun. Oder wüssten sie spon­tan wie man Szczecin ausspricht? Klingt wie ein genuscheltes Stet­tin. Warum also einen abkrampfen? Viele pol­nis­che Namen für ehe­mals deutsche Städte sind auch ein­fach bloße Über­set­zun­gen des deutschen Namens. Pol­nis­che Touris­musagen­turen wer­ben in Deutsch­land zudem ganz selb­stver­ständlich mit Bres­lau, Swinemünde oder Oppeln. Und häu­fig ist man in Polen bess­er drann, wenn man den Deutschen Name ver­wen­det statt den Pol­nis­chen. Die Aussprache ist häu­fig so falsch, dass man ohne­hin nicht ver­standen wird. Und wie ihre Stadt bis 1945 offiziell hieß, wis­sen die meis­ten Polen selb­stver­ständlich.

  32. engywuck

    Die großen Straßen, vor allem im Nor­dosten des heuti­gen Deutsch­land, möglicher­weise.
    Für die Bres­lauer Straße in Altenstaig (Schwarzwald), unmit­tel­bar neben Stet­tin­er, Königs­berg­er und Danziger Straße gele­gen oder für die Bres­lauer Straße in Alb­stadt, par­al­lel zu Lieg­nitzer, Königs­berg­er und Danziger Straße (um nur zwei Beispiele zu nen­nen, die Google Maps beim Ein­tip­pen von “Bres­lauer Straße, A” anzeigt) trifft dies dage­gen eher weniger zu (zumal alle direkt in Ost-West-Rich­tung ver­laufen, also eher in Tschechien “enden” wür­den — oder im Falle Alb­stadts eher im Wald)

  33. Caro

    @Sachsenulf

    Von dem Gebrauch des Wortes “Bar­baren­schatz” dürfte man schon allein deswe­gen belei­digt sein, weil des über­set­zt “Schatz der nicht griechisch sprechen­den” heißt. Das griechis­che Wort βάρβαρος (bár­baros) beze­ich­nete ursprünglich näm­lich nur den Nicht-Hele­nen, der der griechis­chen Sprache nicht mächtig war.

  34. trippmadam

    Nel­son Man­dela hat sicher­lich eine Straße ver­di­ent. Ander­er­seits halte ich es für wichtig, an die ver­sklavten Afrikan­er, nach denen die Mohren­straße anscheinend benan­nt wurde, zu erin­nern, aber eben bess­er nicht mit einem belei­di­gen­den Begriff.

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