Eine Straße für Nelson Mandela

Wenn es den Vorschlag gäbe, die Straße, in der ich wohne, in „Nelson-Mandela-Straße“ umzubenennen, wäre ich begeistert. Nicht, weil mit dem Namen meiner Straße irgendetwas nicht stimmte – sie ist nach irgendeinem harmlosen Dorf vor den Toren Berlins benannt, dessen Name leicht von der Zunge geht und keine Erklärungen erfordert. Nein, ich würde einfach gerne in einer Straße wohnen, die nach einer der beeindruckendsten Persönlichkeiten des zwanzigsten Jahrhunderts benannt wäre.

[Hinweis: Der folgende Text enthält Beispiele rassistischer Sprache.]

Wenn ich in einer Straße wohnte, die „Mohrenstraße“ heißt, und der Vorschlag beträfe diese Straße, wäre ich natürlich doppelt begeistert, denn dann könnte ich Menschen endlich mitteilen, wo ich wohne, ohne dabei jedes Mal vor Scham über den Rassismus der europäischen Kolonialzeit im Boden zu versinken. Ich hätte deshalb erwartet, dass die Be– und Anwohner der Mohrenstraße in Berlin sich über genau diesen schon länger – unter anderem vom berlin-brandenburgischen Afrika-Rat und der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland – lancierten Vorschlag freuen würden.

Aber die finden die Umbenennung im besten Fall unnötig. Die Argumente sind die selben, die wir immer zu hören bekommen, wenn weiße Deutsche schwarzen Deutschen Rassismus erklären: der Name störe doch niemanden, das sei früher ein ganz normales, neutrales Wort für Schwarze gewesen und außerdem könne der Name sowieso nicht rassitisch sein, weil er ja schließlich eine lange Tradition habe.

Diese Tradition hat der Name tatsächlich: Sie führt direkt ins 18. Jahrhundert, in dem die Straße ihren Namen erhielt, weil dort verschleppte und zur Sklavenarbeit am preußischen Hof gezwungene Kinder lebten. Und das zeigt eben, dass es mit den angeblich neutralen Bezeichnungen der guten alten Zeit eben nicht so sonderlich weit her ist, weil diese gute alte Zeit schlicht und einfach nicht neutral, sondern zutiefst rassistisch war.

Wem das nicht reicht, um über die Umbenennung der Straße noch einmal nachzudenken, dem hilft vielleicht ein kurzer Ausflug in die Sprachgeschichte: Das Wort Mohr stammt, wie das Wort Maure, vom Lateinischen maurus ab, das schon dort eine unscharfe Bedeutung hatte, die sowohl Einwohner Afrikas (unabhängig von ihrer Hautfarbe) als auch schwarze Menschen (unabhängig von ihrer Herkunft) und manchmal auch Muslime (unabhängig von Herkunft und Hautfarbe) umfasste.

Das Wort findet sich schon im Althochdeutschen, wo es Nordafrikaner/innen und/oder Schwarze, aber auch Teufel bezeichnete (Kurze Denkaufgabe für zwischendurch: Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass in einer Zeit, in der schwarze Menschen mit dem Teufel gleichgesetzt werden, „neutralen“ Begriffe für diese Menschen entstehen?). Es differnzierte sich im Deutschen dann in das Wort Mohr (für schwarze Menschen) und Maure für (dunkelhäutige) Nicht-Christen aus. Die Afrikawissenschaftlerin und Anglistin Susan Arndt vermutet, dass bei dieser Ausdifferenzierung das griechische moros („töricht, einfältig, dumm, gottlos“) eine Rolle spielte, und die jahrhundertelange Darstellung von „Mohren“ als einfältige Diener oder „noble Wilde“ spricht durchaus dafür.

Weder an der Namensgebung der Mohrenstraße, noch an dem Wort Mohr ist also auch nur entfernt etwas Neutrales zu entdecken. Es ist ein Straßenname mit einer rassistischen Geschichte, der aus einem Wort mit einer rassistischen Geschichte gebildet wurde. Die Umbenennung in „Nelson-Mandela-Straße“ wäre aus dieser Sicht ein Geschenk für die Anwohner, denn ein angemessenerer Name wäre „Straße der Kolonialverbrechen“.

Für Morgen (Samstag, den 22. Februar 2014) ruft der Afrika-Rat zum 8. Gedenkmarsch zur Erinnerung an die afrikanischen Opfer von Sklavenhandel, Sklaverei, Kolonialismus und rassistischer Gewalt auf. Beginn des Marsches ist um 11:30 ab U-Bahnhof Mohrenstraße. Es wäre schön, wenn der Treffpunkt im nächsten Jahr der U-Bahnhof Nelson-Mandela-Straße wäre.

Literatur
  • Arndt, Susan (2009): Mohr/Mohrin. In: Susan Arndt und Antje Hornscheidt (Hg.) Afrika und die deutsche Sprache (2. Auflage). Unrast Verlag.
  • Oxford English Dictionary (2002): Moor, n2. Oxford University Press.

38 Kommentare

  • Krischan hat Folgendes geschrieben:

    Ich muss beim Singular 'Mohr' immer an https://de.wikipedia.org/wiki/Mohr_und_die_Raben_von_London_(Roman) denken. Eine Karl-Marx-Straße hat es aber sicher schon.

  • Red Baron hat Folgendes geschrieben:

    Nelson Mandela ist als Überwinder der Apartheit eine Ikone und sein Name auf einem Berliner Straßenschild mehr als überfällig. Muss es aber gerade die gewachsene und den Berlinern ans Herz gewachsenen Mohrenstraße sein? Wann hören wir endlich auf überall nach politischer Korrektheit zu fahnden und lernen, uns unserer Vergangenheit zu stellen. Soll das Wort Mohr aus der deutschen Sprache getilgt werden?

  • Anatol Stefanowitsch hat Folgendes geschrieben:

    @ Red Baron: Hand aufs Herz: Sie haben den Beitrag nicht gelesen, oder?

  • Red Baron hat Folgendes geschrieben:

    Sehr wohl gelesen und ich stelle hier nochmals die Frage: Soll Mohr nicht nur von einem Straßenschild, sondern auch aus der deutschen Sprache getilgt werden?

  • Emmi hat Folgendes geschrieben:

    Ja! Und wenn alles nichts hilft, gegen verbohrte Ignoranz, schlage ich vor, die Kraft des Gemüses zu nutzen und klammheimlich "Ö"-Pünktchen am "O" zu platzieren.

  • Susanne hat Folgendes geschrieben:

    Ich glaube, es wäre kein Problem, das Wort "Mohr" aus der deutschen Sprache zu tilgen. Das verwendet doch sowieso keiner mehr, oder? Ich wüßte nicht, in welchem Zusammenhang man das noch sagen sollte, seit es den "Sarottimohr" und den "Mohrenkopf" nicht mehr gibt.

  • Red Baron hat Folgendes geschrieben:

    Vergessen wir das Kulturerbe "Struwwelpeter" nicht.

  • Markus Schäfer hat Folgendes geschrieben:

    Richtig, ohne den Struwwelpeter können wir ja auch genauso gut wieder in Höhlen leben.

  • Ferrer hat Folgendes geschrieben:

    Bitte zur Klarstellung: Wenn Mohr und Maure dieselbe Wurzel haben, und Mohr rassistisch und daher unangebracht ist, ist es dann Maure ebenfalls?
    Gibt es eine Verbindung zwischen der Mohrrübe und das Wort Mohr? Sollte man die Mohrrübe ebenfalls vermeiden?
    Wie wäre es, falls Mohrrübe akzeptabel sein sollte, wenn man die Mohrenstr. eigenmächtig durch einfaches hinzufügen von Umlauten (Edding!) in Möhrenstr. umbennent?

  • Feathers McGraw hat Folgendes geschrieben:

    @Red Baron: Die Antwort lautet natuerlich: Ja, bitte tilgen. Verwendet wird das Wort nicht mehr, und rassistisch ist es noch dazu, bessere Gruende und Bedingungen fuer ein Ignorieren eines Wortes gibt es doch kaum.

  • Dierk hat Folgendes geschrieben:

    Was spräche jetzt gegen eine Umbenennung in Nelson-Mandela-Strasse, wenn Möhrenstrasse i.O. wäre, Herr oder Frau Ferrer?

    Überhaupt, was spricht dagegen der Strasse mit einem deutlich rassistischen Namen jetzt einen eindeutig nicht vorbelasteten Namen zu geben? Ist ja nicht so, als würden in deutschen Städten und Gemeinden nicht nahezu täglich Strassen umbenannt.

    Niemand verlangt, dass Deutsche ihre Vergangenheit vergessen — aber muss man sie feiern? Das kann ich noch nachvollziehen, geht es um Bismarck und seine Bündnispolitik [oder seine Sozialpolitik, wie falsch auch seine Motive gewesen sein mögen]. Ich kann es sehr gut bei Pazifisten, Freiheitskämpfern oder Humanisten von Carl von Ossietzky, über Ernst Thälmann bis zu Kurt Tucholsky verstehen.* Aber für eine Mohrenstrasse?! Das ist nicht mal die Feier eines speziellen Vorfalls oder Menschen, es ist nur ein allgemeiner, rassistischer Name.

    *Ich hätte gerne statt Ossietzkys Bertha von Suttner genommen, die war aber keine Deutsche.

  • Dierk hat Folgendes geschrieben:

    A propos Struwwelpeter. Wenn Sie, Red Baron*, schon damit ankommen, hätten Sie ihn vielleicht einmal lesen sollen. Richtig ist, dort taucht ein 'schwarzer Bub' auf und Heinrich Hoffmann benutzt auch das Wort 'Mohr'. Die Geschichte dreht sich nämlich genau darum, dass andere nicht aufgrund ihrer Hautfarbe veräppelt und diskriminiert gehören. Der Nikolaus — ja, der — bestraft die bürgerlichen, weißen Buben, die den schwarzen hänseln und herabwürdigen.

    *Echt jetzt? Haben Sie da auch einfach keine Ahnung oder nennen Sie sich morgen aus Überzeugung nach einem bekannten Kameraden Richthofens?

  • Ferrer hat Folgendes geschrieben:

    Ja, selbstverständlich wäre das in Ordnung, Herr oder Frau Dierk, Nelson-Mandela-Straße wäre prima. Ich habe nur vorgeschlagen, da es meistens auf dem Amtsweg etwas länger dauert, in der Zwischenzeit die Sache auf humorigem Weg zu lösen. Bitte um Entschuldigung, wenn Sie es falsch aufgefasst haben, habe mich wohl zu flapsig ausgedrückt. Ich dachte, wenn man ein Problem nicht gleich lösen kann, kann man immer noch darüber lachen.
    Können Sie auch die Frage nach der Mohrrübe und dem Mauren beantworten? Ich bin nämlich selber etwas ausländisch (Herr, um genau zu sein, Vorname Jordi) und möchte Fettnäpfchen vermeiden. Es werden täglich mehr!

  • Jenny hat Folgendes geschrieben:

    @Ferrer: Das "Mohr" in "Mohrrübe" kommt laut Wikipedia vom althochdeutschen Wort für "Wurzel".

  • Ferrer hat Folgendes geschrieben:

    Danke, Jenny! Dann kann man ja sagen, dass die Mohrenstr. eigentlich die Wurzelstr. ist, und wir pfeiffen auf die Rassisten :-) Sie lügen doch auch immer, dann dürfen wir es auch! Jedenfalls ihnen gegenüber.
    Für die, dessen Leben schwer bleibt: Selbstverständlich wäre Nelson-Mandela-Straße viel besser. Ob es sich durchsetzen läßt, wage ich zu bezweifeln. Ich meine, unsere Stadträte zu kennen…

  • […] Straßenumbenennungen in Berlin: Eine Straße für Nelson Mandela … sprachlog […]

  • sascha hat Folgendes geschrieben:

    Und was machen die Scherzkekse, die immer auf dem Straßenschild den Namen in Möhrenstraße geändert haben? Obwohl, vielleicht könnten die Anwohner ja damit leben…

  • gnaddrig hat Folgendes geschrieben:

    @ sascha: Die finden sicher andere Betätigungsmöglichkeiten. Sie könnten etwa in den Mohrenstraßen in Ettlingen, Coburg, Köln oder Schwäbisch Hall ihre Punkte setzen, oder in den Mohrengassen in Marxzell, Nürnberg oder Alzey, im Mohrengässchen in Frankenthal (Pfalz), auf den Mohrenplätzen in Garmisch-Partenkirchen, Gera oder Willisau (Schweiz), oder im Mohrengarten in Gruibingen. Dann gibt es noch einen Mohrenweg in Wörth (und Möhrenwege in Waiblingen und Celle, da waren die Stadträte schneller). Alternativ ziehen sie nach Möhrendorf oder –bach…

  • Red Baron hat Folgendes geschrieben:

    Da sind in der Tat noch viele Tüttel zu malen.

  • Stephan Fleischhauer hat Folgendes geschrieben:

    Ich frage mich, ob man den Bewohnern, die den bisherigen Straßennamen beibehalten wollen, Rassismus vorwerfen kann. So haben offenbar kein Problem damit, in einer Straße zu wohen, die so heißt. Ich nehme mal stark an, dass sie den Namen "Arschlochstraße" nicht so gern hätten. Sie können sich mit "Mohrenstraße" sozusagen "identifizieren" und sind sich des kolonialistischen Kontextes wahrscheinlich nicht bewusst. Da würde ich als erstes ansetzen. Einfach einen erklärenden Text unter das Straßenschild, dann kann man darin sogar eine Art Mahnmal sehen.

  • gnaddrig hat Folgendes geschrieben:

    Allerdings. Da wäre es doch gut, mal irgendwo anzufangen. Zum Beispiel in Berlin. Die anderen können dann ja nachziehen.

  • Sachsenulf hat Folgendes geschrieben:

    Sehr geehrter Herr Stefanowitsch,

    ich wundere mich doch etwas über diesen Beitrag. Die Darstellung der Begriffsgeschichte von "Mohr" ist grob lückenhaft und dadurch leider falsch. Die Römer haben sich "maurus" nicht aus den Fingern gezogen sondern aus dem Griechischen übernommen. Der Begriff stammt vom Griechischen ἀμαυρός (amaurós)also dunkel bzw. von μαυ̃ρος (maũros)=schwarz. Ist als per Herkunft nicht beleidigenden sondern bechreibenden Charakters. Es hätte auch kein Sinn ergeben, diese Menschen mit μωρός also moros= töricht, dumm, gottlos zu bezeichnen. Schließlich gab es auch dumme Griechen. Der Bezug von Mohr zu moros ist mittelalterlichen Ursprungs und mag den Begriff in seiner Bedeutung erweitert haben. Auch der "Höllenmohr" spielt hier mit hinein. Dennoch kann keine Rede davon sein, dass "Mohren" per se als dumm und einfältig betrachtet wurden. Exotisch und fremd ja, aber das sollte uns nun wirklich nicht verwundern.

  • Anatol Stefanowitsch hat Folgendes geschrieben:

    @ Sachsenulf: Das Wort ist aus dem Lateinischen in die germanischen Sprachen entlehnt worden, woher die es hatten spielt für die Begriffsgeschichte keine Rolle. Im Lateinischen hatte es die beschriebene unscharfe Bedeutung, die sich dann auch in den germanischen Sprachen findet. Dass das griechische Wort moros erst später eine Rolle gespielt hat, steht klar und deutlich in meinem Beitrag, isofern weiß ich nicht, wo Sie da Lücken sehen.

  • engywuck hat Folgendes geschrieben:

    Nicht nur wäre die Umbenennung ausgerechnet der Mohrenstraße in den Namen eines Schwarzafrikaners nicht unbedingt ein Zeichen besonderen Fingerspitzengefühls, macht man sich damit doch auch in gewisser Weise die Gleichsetzung Mohr (mit allen Konnotationen) mit Menschen sehr dunkler Hautfarbe zu eigen, auch die Person "Nelson Mandela" ist nicht ganz so einseitig rein-weiss (SCNR) wie nach seinem Tod ihn viele malten. Immerhin war er Anführer des bewaffneten Flügels des ANC und begründete vor der Verurteilung zu jahrzehntelanger Haft (die ihn berühmt machte) in einer stundenlangen Rede die Notwendigkeit bewaffneten Kampfs.
    Warten wir doch besser mit Benennungen von Straßen, bis die Personen nach denen wir benennen wollen einige Jahre tot sind und "die Geschichte" ein klares Bild zeichnen kann, anstatt quasi "santa subito" zu fordern. Es gibt genug Fälle, in denen im Überschwang Straßen, Plätze und Gebäude nach einem vor kurzem Verstorbenen (oder gar noch Lebenden) benannt wurden und die dann Jahrzehnte später unter dem Aufschrei "wie konnte man nur" erneut umbenannt werden mussten. Nicht dass ich vermute, dass dies bei Mandela geschehen wird, aber was schadet es, noch etwas zu warten?
    Für die Mohrenstraße findet sich sicher auch eine andere Bezeichnung, die gleich verwendbar ist.

  • Anatol Stefanowitsch hat Folgendes geschrieben:

    @engywuck: Ja, erklären wir doch dem Afrika-Rat, dass die Umbenennung von mangelndem Fingerspitzengefühl zeugt. Ich bin mir sicher, die warten nur darauf, das von zwei weißen Deutschen erläutert zu bekommen. Und was die Nelson Mandelas Haltung zur Notwendigkeit des bewaffneten Kampfes betrifft – inwiefern disqualifiziert ihn diese als Namensgeber einer Straße? In Berlin sind nun wirklich ausreichend viele Straßen nach kriegsführenden deutschen Adligen benannt, da würde eine Nelson-Mandela-Straße die Waffendichte nicht nennenswert steigern. Und anders als die kriegsführenden deutschen Adligen hat Nelson Mandela ja für einen bewaffneten Freiheitskampf plädiert, nicht für bewaffnete Eroberungskriege.

  • engywuck hat Folgendes geschrieben:

    wer hat die "kriegführenden Deutschen" als Namensgeber gut gefunden? Gehört zur Kategorie "wie konnte man nur", jedenfalls wenn man gewisse Leute befragt.
    "Freiheitskämpfer", "Aufständische" und "Terroristen" kommt ja alles auf den Blickwinkel an, oder? (Beispiele für die Ambiguität: RAF Nordirlands, Mudschahedin Afghanistans vs. "die Russen" bzw später die daraus entstandenen Taliban vs. "Rest der Welt")
    Deswegen plädiere ich für das warten. Oder damit zu leben, dass man die Bewertung in den nächsten Jahrzehnten *eventuell* noch ein paarmal ändert.

    Warum soll ich übrigens nicht den "Afrika-Rat" kritisieren dürfen (wer hat den gewählt?) bzw. woraus schließen Sie, dass ich nicht-schwarz bin und vor allem dass ein "Weißer" hier keine Meinung haben darf? Wäre das nicht wieder rassistisch?

  • engywuck hat Folgendes geschrieben:

    argh, man sollte nach Korrekturen nochmals durchlesen: natürlich "die IRA Nordirlands" (wobei die Royal Air Force vermutlich dort auch aktiv war) — wobei die RAF Deutschlands auch passen würde, hat sie ja anfangs tatsächlich vorhandene Probleme des Nachkriegsdeutschlands bekämpft (auch wenn sie selber im Gegensatz zu Mandela nie selber *wirklich* betroffen waren, jedenfalls soweit ich das überblicke).

  • Sachsenulf hat Folgendes geschrieben:

    "Das Wort ist aus dem Lateinischen in die germanischen Sprachen entlehnt worden, woher die es hatten spielt für die Begriffsgeschichte keine Rolle."

    Verzeihung, aber Sie können doch nicht über die Begriffsgeschichte eines Wortes schreiben und die Herkunft einfach weglassen. Noch dazu wenn es wie hier schlichtweg essentiell für das Verständnis ist. Wenn sie über den Einfluss von moros auf den Bedeutungswandel im Deutschen schreiben, ist bspw. der Hinweis auf die phonetische Ähnlichkeit von moros und amaurós bzw. maũros einfach unerlässlich. Denn ohne diese Analogie wäre man niemals auf die Idee gekommen, das Wörtchen Mohr mit dem griechischen moros in Verbindung zu bringen. Gleichzeitig hätten Sie dann auch hinterfragen müssen, ob bei der Herausdifferenzierung von Maure und Mohr im Deutschen nicht nur moros sondern eben auch der griechische Ursprung amaurós/maũros relevant war. Denn wer damals wusste, was moros heißt, war sich natürlich auch über die Bedeutung der beiden anderen ähnlich klingenden griechischen Worte im Klaren. Ich halte persönlich die These von Susan Arndt sehr gewagt. Die Unterscheidung zwischen "Mohren" und "Mauren" hatte eine deskriptive Funktion. Mit Mohren waren Schwarzafrikaner und mit Mauren in der Regel arabische Nordafrikaner gemeint. "Schwarzer Mohr" wird heute als Pleonasmus wahrgenommen, das war nicht immer so. Welche Funktion soll bei dieser Ausdifferenzierung moros also "dumm" gehabt haben? Nur eine sehr geringe da sie nicht hilfreich für die äußerliche Unterscheidung gewesen wäre.

    Dann möchte ich mich noch allgemein zur Umbenennungsproblematik äußern. Ich halte das für falsch. Die Straße trägt diesen Namen seit mehr als 300 Jahren. Allein geschichtshistorische Abwägungen sprechen klar gegen eine Umbenennung. Weiterhin ist der Begrif eindeutig veraltet, eine gesellschaftliche Relevanz besitzt er nicht mehr. Weshalb ich es eigenartig finde, wie man sich davon noch beleidigt fühlen kann. Wenn in Württemberg ein Spätantiker Schatz als "Barbarenschatz" tituliert wird, fühle ich mich als gewissermaße Nachfahre jener "Barbaren" davon doch nicht beleidigt.
    Welches Ziel verfolgt zudem die Umbenennung, die Erinnerung an die Afrikaner zu tilgen, nach denen die Straße benannt ist? Das kann ich mir kaum vorstellen und es wäre auch dumm. Straßennamen sind wie Stadtchroniken, dass sollte man akzeptieren und sich damit auseinandersetzen. Nelson Mandela hat weder einen Bezug zu Berlin, noch zur Mohrenstraße oder den Afrikanern nach denen diese benannt ist. Er kommt nicht mal aus der selben Region.

  • Anatol Stefanowitsch hat Folgendes geschrieben:

    @Sachsenulf:

    Verzeihung, aber Sie können doch nicht über die Begriffsgeschichte eines Wortes schreiben und die Herkunft einfach weglassen.

    Doch, kann ich. Vielleicht hilft Ihnen ein Gedankenexperiment, das zu verstehen: Woher kam das griechische Wort, und was bedeutete es dort? Und woher kam es davor, und was bedeutete es dort? Und so weiter.

    (Falls das Experiment nicht funktioniert, hier die Auflösung: Das Wort hat (wie alle Wörter) keine nachvollziehbare ursprüngliche Herkunft. Ich will das Wort bis zum Lateinischen zurückverfolgen, und ich habe auch erklärt, warum: Weil es von dort in die germanischen Sprachen entlehnt wurde und es deshalb relevant ist, zu wissen, was es dort zum Zeitpunkt der Entlehnung bedeutet hat. Sie wollen es bis zum Griechischen zurückverfolgen, aber nicht weiter. Warum? Davon abgesehen, dass das Griechische für das germanische Lehnwort keine Rolle spielt(e), welchen Grund haben Sie, beim Griechischen aufzuhören?)

  • Sachsenulf hat Folgendes geschrieben:

    "Welchen Grund haben Sie, beim Griechischen aufzuhören?"

    Weil das Griechische für die Bezeichnung die erste aus Quellen eindeutig nachvollziehbare Station ist. Weitere sprachliche Vorstufen sind entweder weder bis nicht heute zweifelsfrei dokumentierbar, noch hätten diese Mangels Kenntnis davon im Mittelalter Einfluss auf die Begriffsgeschichte im Deutschen nehmen können. Griechisch hingegen war zusammen mit Latein und Hebräisch eine der wichtigsten Gelehrtensprachen.

    "Davon abgesehen, dass das Griechische für das germanische Lehnwort keine Rolle spielt(e)"
    Für die direkte Entlehnung nicht. Das habe ich auch nicht behauptet. Aber wie kommen sie, der Argumentation ihrer Antwort folgend, auf den Gedanken, das griechische "moros" könnte bei der begrifflichen Differenzierung von Maure und Mohr im Deutschen eine Rolle gespielt haben und der griechische Wortkern amaurós/maũros nicht? Wenn sie dem, ich denke von ihrer Seite wohl nicht bestrittenen, Ursprung aus dem griechischen keine Bedeutung beimessen, sollten sie konsequent sein und diese bei moros ebenfalls nicht tun. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand im Mittelalter wusste was moros heißt aber nicht die Bedeutung von amaurós oder maũros kannte, halte ich wie schon gesagt für sehr gering.

  • Christoph Päper hat Folgendes geschrieben:

    Straßen, Plätze, Gebäude etc.pp. sollten nimmer nie nicht nach Personen benannt werden! Nach Orten, die nicht Nachbarorte sind, in die die Straße führt, übrigens auch nicht: Es gibt in ungefähr jeder deutschen Stadt Danziger, Stettiner, Breslauer, Elsässer Straßen etc., viel weniger als Berliner, Hamburger oder Münch(e)ner oder gar Pariser und Londoner Straßen. Warum wohl? (Nein, i.d.R. nicht weil sich dort vor rund 70 Jahren Vertriebene angesiedelt hätten.)

  • Oliver C hat Folgendes geschrieben:

    Gerade die Mohrenstraße in Nelson-Mandela-Straße umzubenennen soll doch wohl besagen: Schaut, früher hatten wir für dunkelhäutige Afrikaner nur eine eher despektierliche Gruppenbezeichnung, heute nehmen wir sie als Individuen wahr, und finden manche davon sogar so toll, daß wir unsere Straßen nach ihnen benennen. Mir scheint das gerade Fingerspitzengefühl zu beweisen. Aber das sollte ich wohl nicht beurteilen, weil ich auch weiß bin.

    Um den Wandel für die Nachwelt deutlich zu machen, sollte da aber stehen: (früher Mohrenstraße). Mit einer Erklärung, was da früher abging und zu dem alten Namen geführt hat. Einfach nur die Erklärung auf einer Gedenktafel fände ich darum auch nicht schlecht.

    Vielleicht könnte man auch nur den U-Bahnhof in "Nelson Mandela" umbenennen, ohne Straße. Müssen die denn immer nach Straßen benannt werden? Hier in Montreal hat man eine U-Bahn-Station nach dem bekannten Rassisten Lionel Groulx benannt, ohne Rücksicht auf Straßen — aber im letzten Moment dann doch noch eine Straße zum Bahnhof passend mit umbenannt. Es gab schon mal eine Petition, die Station in "Oscar Peterson" umzubenennen.

  • gnaddrig hat Folgendes geschrieben:

    @ Christoph Päper: Wonach wollen Sie Straßen denn dann benennen? Wenn Sie Personen und Orte als Namensgeber ausschließen, streichen Sie damit einen ganz erheblichen Teil des Reservoirs, aus dem Straßennamen geschöpft werden, und es könnte schwierig werden, geeignete Straßennamen für alle Straßen in Berlin zu finden.

    Um Ihren Vorschlag umzusetzen müssten man in Berlin wohl mehrere tausend Straßen neu benennen. Man könnte Straßen natürlich auch einfach durchnummerieren wie in der Mannheimer Innenstadt. Der Namensraum von AA00 bis ZZ99 bietet 67600 Straßen Platz, das sollte bis ins 22. Jahrhundert reichen.

    Was haben Sie übrigens gegen die vielen Danziger, Stettiner usw. Straßen in deutschen Städten? Wäre es besser, wenn es mehr Berliner, Hamburger oder Pariser Straßen gäbe? Wenn ja, warum?

  • engywuck hat Folgendes geschrieben:

    in vielen Fällen sollen die Straßen wohl an die "verlorenen Gebiete" erinnern — hier in der Gegend sind es oftmals Straßen, die kurz nach dem zweiten Weltkrieg angelegt wurden — auch, um die Flüchtlingsströme unterzubringen. Hamburg&Co. wären da neutraler. Zudem heißen die entsprechenden Städte heute nicht mehr mit ihren (ehemals) deutschen Namen, eine "Gdańsker Straße" habe ich aber noch nirgends gesehen.

  • Sachsenulf hat Folgendes geschrieben:

    Also das ist Unsinn. Die großen Straßen tragen diese Namen nicht aus Vertriebenenromantik, sondern weil man, wenn man ihnen folgte, halt irgendwann nach Breslau, Danzig oder wohin auch immer gekommen ist. Und da wir hier in Deutschland sind, werden in der Regel auch die in Deutschland gebräuchlichen Namen verwendet. Gdansk ist bspw. einfach der polnische Name für Danzig. So wie Franzosen und Briten zu Köln Cologne sagen und wir eben zu Praha Prag, Warschau statt Warszawa, Lemberg statt Lviv oder Mailand statt Milano. Das ist in Europa das normalste auf der Welt und hat mit Revanchismus nun wirklich nichts zu tun. Oder wüssten sie spontan wie man Szczecin ausspricht? Klingt wie ein genuscheltes Stettin. Warum also einen abkrampfen? Viele polnische Namen für ehemals deutsche Städte sind auch einfach bloße Übersetzungen des deutschen Namens. Polnische Tourismusagenturen werben in Deutschland zudem ganz selbstverständlich mit Breslau, Swinemünde oder Oppeln. Und häufig ist man in Polen besser drann, wenn man den Deutschen Name verwendet statt den Polnischen. Die Aussprache ist häufig so falsch, dass man ohnehin nicht verstanden wird. Und wie ihre Stadt bis 1945 offiziell hieß, wissen die meisten Polen selbstverständlich.

  • engywuck hat Folgendes geschrieben:

    Die großen Straßen, vor allem im Nordosten des heutigen Deutschland, möglicherweise.
    Für die Breslauer Straße in Altenstaig (Schwarzwald), unmittelbar neben Stettiner, Königsberger und Danziger Straße gelegen oder für die Breslauer Straße in Albstadt, parallel zu Liegnitzer, Königsberger und Danziger Straße (um nur zwei Beispiele zu nennen, die Google Maps beim Eintippen von "Breslauer Straße, A" anzeigt) trifft dies dagegen eher weniger zu (zumal alle direkt in Ost-West-Richtung verlaufen, also eher in Tschechien "enden" würden — oder im Falle Albstadts eher im Wald)

  • Caro hat Folgendes geschrieben:

    @Sachsenulf

    Von dem Gebrauch des Wortes "Barbarenschatz" dürfte man schon allein deswegen beleidigt sein, weil des übersetzt "Schatz der nicht griechisch sprechenden" heißt. Das griechische Wort βάρβαρος (bárbaros) bezeichnete ursprünglich nämlich nur den Nicht-Helenen, der der griechischen Sprache nicht mächtig war.

  • trippmadam hat Folgendes geschrieben:

    Nelson Mandela hat sicherlich eine Straße verdient. Andererseits halte ich es für wichtig, an die versklavten Afrikaner, nach denen die Mohrenstraße anscheinend benannt wurde, zu erinnern, aber eben besser nicht mit einem beleidigenden Begriff.

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