Männer sind Norm, Frauen sind Ideologie

Geschlechterg­erechte Sprache ist nicht nur ein gesellschaftlich kon­tro­ver­s­es The­ma – kein Wun­der in ein­er Gesellschaft, in der der Mann immer noch als Norm gilt –, son­dern vor allem auch eines, über das sich viele Men­schen schlicht noch nie Gedanken gemacht haben – eben­falls kein Wun­der in ein­er Gesellschaft, in der der Mann immer noch als Norm gilt. Es ist deshalb klar, dass man nicht automa­tisch vom Schlimm­sten aus­ge­hen sollte, wenn jemand gegen geschlechterg­erechte Sprache argu­men­tiert und etwa behauptet, das „gener­ische“ Maskulinum sei unprob­lema­tisch, da ja alle wüssten, dass dabei auch Frauen ein­be­zo­gen sind, und jede Abwe­ichung von dieser sprach­lichen Form würde Texte nur unles­bar machen. Die- oder der­jenige kön­nte ja ein­fach aus ein­er Unken­nt­nis des The­mas so argu­men­tieren.

Das kön­nte auch für das „Komi­tee zur Regelung des Schriftverkehrs“ des Aus­tri­an Stan­dards Insti­tute gel­ten, das in einem Entwurf für eine Über­ar­beitung ÖNORM A 1080 („Richtlin­ien für die Textgestal­tung“) vorschlägt, das „gener­ische“ Maskulinum tat­säch­lich zur Norm zu erheben und damit alle For­men geschlechterg­erechter Sprache für inko­r­rekt zu erk­lären (wir berichteten).

Als die öster­re­ichis­che Sprach­wis­senschaft­lerin und Lek­torin Karin Wetschanow, Mitau­torin eines Leit­fadens für geschlechterg­erechte Sprache des öster­re­ichis­chen Bun­desmin­is­teri­ums für Bil­dung, Wis­senschaft und Kul­tur (PDF) dem Komi­tee in der Wiener Zeitung vor­warf, „von ein­er ‚antifem­i­nis­tis­chen Ide­olo­gie‘ geprägt zu sein und auf die Exper­tise maßge­blich­er Wis­senschaftler verzichtet zu haben“, war ich zunächst sehr skep­tisch.

Österreichische Flagge mit dem Schriftzug ÖNORN, wobei das Ö das Symbol für Männer ist

No sex (oth­er than male) please, we’re ÖNORM

Das ist natür­lich ein Scherz. Nie­mand, der qual­i­fiziert genug ist, um in einem „Komi­tee zur Regelung des Schriftverkehrs“ mitzuwirken, kön­nte sich ern­sthaft auf Unken­nt­nis der The­matik der geschlechterg­erecht­en Sprache berufen. Das The­ma wird seit über dreißig Jahren disku­tiert und es existiert eine umfassende Forschungslage, die zeigt, dass das „gener­ische“ Maskulinum in Wahrheit ein ganz nor­males Maskulinum ist, das bei Per­so­n­en­beze­ich­nun­gen wie zu erwarten männlich inter­pretiert wird. Ich ver­mutete also sofort, dass Wetschanow mit ihrer Annahme richtig liegt.

Und ich musste auch gar nicht lange bei Ver­mu­tun­gen bleiben, denn die Vor­sitzende des Komi­tees, die Lek­torin und Geschäft­sko­r­re­spon­denz-Trainer­in Wal­burg Ernst bestätigte das in einem Inter­view, das sie gestern eben­falls der Wiener Zeitung gab.

Zunächst zeigt sie dort, dass sie schlicht keine Ahnung von den Funk­tio­nen und der Funk­tion­sweise natür­lich­er Sprachen hat: „Die Sprache dient der kla­glosen Ver­ständi­gung und nicht der Durch­set­zung zweifel­hafter poli­tis­ch­er Ziele“, behauptet sie etwa. Schon das ist Unfug: Sprache dient zur Kom­mu­nika­tion, und Kom­mu­nika­tion ist nie neu­tral, son­dern immer von der Per­spek­tive der Sprechen­den geprägt. Natür­lich geht es bei geschlechterg­erechter Sprache um ein poli­tis­ches Ziel: die Sicht­bar­ma­chung von Frauen, zum Beispiel, oder der Auflö­sung tra­di­tioneller Geschlechtsvorstel­lun­gen über­haupt. Ob diese Ziele „zweifel­haft“ sind, liegt dabei im Auge der Betra­ch­t­en­den. Ich zum Beispiel halte es für ein zweifel­haftes poli­tis­ches Ziel, Frauen sprach­lich weit­er­hin unsicht­bar zu hal­ten und patri­ar­chale Tra­di­tio­nen unre­flek­tiert fortzuführen.

Ernst bestätigt ihre Unken­nt­nis noch ein­mal deut­lich, als sie auf die Frage, ob sie z.B. bei dem Wort Arzt automa­tisch Frauen mit­denke, antwortet

Natür­lich, das tut jed­er Men­sch, der in der Schule Deutsch gel­ernt hat, weil das Berufs­beze­ich­nun­gen und keine Geschlechterzuord­nun­gen sind.

Sie glaubt also ern­sthaft, wir lern­ten unsere Mut­ter­sprache in der Schule. Tat­säch­lich ler­nen wir sie aber durch Imi­ta­tion und (unbe­wusste) Analyse der Sprech-Ereignisse in unserem sozialen Umfeld, und zwar lange bevor wir in der Lage sind, abstrak­te Kat­e­gorien wie „Berufs­beze­ich­nung“ und „Geschlechterzuord­nung“ zu reflek­tieren.

Außer­dem liefert Ernst zwei Lieblings­pseudoar­gu­mente der Feinde geschlechterg­erechter Sprache. Das erste:

Sprach­liche Gle­ich­berech­ti­gung und fak­tis­che Gle­ich­berech­ti­gung sind ver­schiedene Paar Schuhe. 20 und mehr Jahre der Bemühun­gen um sprach­liche Gle­ich­be­hand­lung haben die fak­tis­chen Prob­leme der Frau in der Gesellschaft um keinen Mil­lime­ter zum Besseren gewen­det.

Nun ist es ja so, dass das selb­st, wenn es stim­men würde, kein Argu­ment gegen sprach­liche Gle­ich­berech­ti­gung wäre. Sprach­liche Gle­ich­berech­ti­gung ist ein Ziel an und für sich, sie muss ihren Nutzen nicht dadurch recht­fer­ti­gen, dass sie magisch auch Gle­ich­berech­ti­gung bei Gehäl­tern nach sich zieht. Aber natür­lich ist über­haupt nicht klar, ob das stimmt, denn es ist ja nicht so, als habe man in Öster­re­ich in den let­zten 20 Jahren flächen­deck­end geschlechterg­erechte Sprache einge­führt. Stattdessen führt diese in Öster­re­ich (genau wie in Deutsch­land) ein Nis­chen­da­sein in Behör­den­rat­ge­bern und fem­i­nis­tis­chen Veröf­fentlichun­gen. Dass sich die Gen­der Pay Gap in Öster­re­ich (und Deutsch­land) in den let­zten 10 bis 20 Jahren kaum ver­ringert (in Deutsch­land sog­ar ver­größert) hat, ist deshalb wohl kaum ein Beleg für die Unwirk­samkeit gerechter Sprache.

Und das zweite, auf die Frage hin, ob man nicht „wie an der Uni Leipzig nur die weib­liche Form nehmen“ kön­nte:

Das tauscht die ange­bliche „Unter­legen­heit“ der Frau in der Sprache durch eine „Unter­legen­heit“ des Mannes aus. Da befind­en wir uns auf dem Niveau eines Rachefeldzugs.

Das Prob­lem hier ist natür­lich, dass Ernst damit zugibt, dass das gener­ische Maskulinum zu ein­er sprach­lichen Unter­legen­heit von Frauen führt, auch wenn sie ver­sucht, das mit den Wort ange­blich und den Anführungsze­ichen zu ver­tuschen. Denn wenn die weib­liche Unter­legen­heit wirk­lich nur „ange­blich“ wäre, würde das ja auch für die männliche Unter­legen­heit beim gener­ischen Fem­i­ninum gel­ten. Dann kön­nte es sich aber nicht um einen Rachefeldzug han­deln, denn eine nur „ange­bliche“ Unter­legen­heit des Mannes würde ja nie­man­dem weh tun und wäre als Rache völ­lig ungeeignet.

Schon diese inkon­sis­ten­ten Stan­dar­d­ar­gu­mente der anti-fem­i­nis­tis­chen Sprach­be­wahrer zeigen, woher Ernst ihre Ein­stel­lun­gen nimmt. Ganz deut­lich wird sie aber, als der Inter­view­er sie direkt auf Wetschanow anspricht:

[Frage:] Die Sprach­wis­senschaf­terin Karin Wetschanow ver­weist auf Stu­di­en, die bele­gen sollen, dass Frauen beim Maskulinum nur bed­ingt mitgedacht wer­den.

[Ernst:] Man muss wis­sen, dass Frau Wetschanow die fem­i­nis­tis­che Lin­guis­tik ver­tritt. Das ist ein ide­ol­o­gis­ches Pro­gramm im Gewand der Wis­senschaft. Wis­senschaft hat kri­tisch, objek­tiv und wert­neu­tral zu sein.

Wenn als Reak­tion auf „fem­i­nis­tis­che Lin­guis­tik“ näm­lich die Phrase „ide­ol­o­gis­ches Pro­gramm im Gewand der Wis­senschaft“ kommt, ist klar, dass man es mit maskulis­tis­chen Argu­menten zu tun hat. Die fem­i­nis­tis­che Lin­guis­tik ist keineswegs ein „ide­ol­o­gis­ches Pro­gramm“ (außer in dem Sinne, dass sie, wie alle Wis­senschaften, auf der „Ide­olo­gie“ der Wis­senschaftlichkeit beruht). Die Stu­di­en, die Wetschanow meint, sind in nation­al und inter­na­tion­al anerkan­nten Fachzeitschriften erschienen, die über jeden Ver­dacht erhaben sind, von fem­i­nis­tis­chen Ide­ologin­nen unter­laufen zu sein – Behav­ior Research Meth­ods, Jour­nal of Cog­ni­tive Psy­chol­o­gy, Jour­nal of Psy­chol­o­gy of Edu­ca­tion, Lan­guage and Cog­ni­tive Process­es, Exper­i­men­tal Psy­chol­o­gy, Psy­chol­o­gis­che Rund­schau, Jour­nal of Ver­bal Learn­ing and Ver­bal Behav­ior, Jour­nal of Psy­cholin­guis­tic Research, Devel­op­men­tal Psy­chol­o­gy, um nur einige zu nen­nen.

Die einzige, die hier von einem „ide­ol­o­gis­chen“ Pro­gramm geleit­et ist, ist Wal­burg Ernst, die glaubt, ihre unin­formierten und antifem­i­nis­tis­chen All­t­agsweisheit­en wür­den eher dem Anspruch ein­er „kri­tis­chen, objek­tiv­en und wert­neu­tralen“ Wis­senschaftlichkeit genü­gen als zwanzig Jahre tat­säch­lich­er wis­senschaftlich­er Forschung.

[Nach­trag. Das Aus­tri­an Stan­dards Insti­tute rud­ert inzwis­chen übri­gens heftig zurück. In ein­er Press­mit­teilung dis­tanziert man sich von der Komi­tee-Vor­sitzen­den Wal­burg Ernst: diese sei „gegenüber Aus­tri­an Stan­dards Insti­tute für die objek­tive und sach­be­zo­gene Führung ver­ant­wortlich“ und man werde prüfen, ob in dieser Sache „weit­ere Schritte nötig“ seien. Man sei sich bewusst, dass es sich bei geschlechterg­erechter Sprache um ein sehr sen­si­bles The­ma han­dele und rufe ja ger­ade deshalb zu ein­er beson­ders bre­it­en Diskus­sion auf. Es werde am Ende nur das zur Norm, was „bre­it­er Kon­sens“ sei.

Dieser Sinneswan­del deutete sich übri­gens schon gestern an. Die von mir im Screen­shot fest­ge­hal­tene, beim Einkauf im Super­markt von Nor­men begleit­ete Frau…

Mann entwirft Standard, Frau geht Einkaufen

Das Aus­tri­an Stan­dards Insti­tute stellt sich Män­ner und Frauen vor

… war ganz plöt­zlich durch eine Auf­forderung zur Mitwirkung an ÖNOR­Men erset­zt wor­den, bebildert mit Men­schen um einen Kon­feren­ztisch, von denen wenig­stens eine möglicher­weise weib­lich sein kön­nte:

Das Austrian Standards Institute stellt sich Mitwirkung vor.

Das Aus­tri­an Stan­dards Insti­tute stellt sich Mitwirkung vor.

Klickt man auf den Link, kommt man zum Nor­men-Entwurf-Por­tal, das dann aber fototech­nisch wieder klarstellt, wer hier Nor­men kom­men­tieren soll – Män­ner in Polo­hem­den mit Mac­Book:

Das Austrian Standards Institute stellt sich Menschen vor, die Normen kommentieren.

Das Aus­tri­an Stan­dards Insti­tute stellt sich Men­schen vor, die Nor­men kom­men­tieren.

Tja, alles nicht so ein­fach mit der Geschlechterg­erechtigkeit…]

39 Gedanken zu „Männer sind Norm, Frauen sind Ideologie

  1. Daniel

    Ich hoffe, dass hier auch abwe­ichende Mei­n­un­gen zuläs­sig sind.

    Ich habe in meinem Bekan­ntenkreis näm­lich fest­gestellt, dass die männlichen Beze­ich­nun­gen zunehmend auch von Frauen ver­wen­det wer­den. Zum Beispiel hat sich vorgestern eine Kol­le­gin als Anfänger im Pok­ern beze­ich­net — nicht als Anfän­gerin. Zweites Beispiel: Meine Frau hat­te in ihrem Xing-Pro­fil „wis­senschaftlich­er Mitar­beit­er“ ste­hen, bis ich sie gefragt habe, ob sie denn nicht vielmehr eine Mitar­bei­t­erin ist.

    Vielle­icht löst sich das Prob­lem in eini­gen Jahren von selb­st – dadurch, dass man bei vie­len Beze­ich­nun­gen nicht mehr zwis­chen den Geschlechtern unter­schei­det? So wie zum Beispiel im Englis­chen.

  2. Anatol StefanowitschAnatol Stefanowitsch Beitragsautor

    Anek­doten heißen Anek­doten, weil es eben Anek­doten sind. Ins­ge­samt lässt sich keineswegs ein Trend dahinge­hend fest­stellen, dass männliche Beze­ich­nun­gen „zunehmend auch von Frauen ver­wen­det wer­den“. Im Gegen­teil: in der deutschen Sprachgeschichte zeigt sich seit Jahrhun­derten ein Trend zum immer stärk­eren Zusam­men­fall von Genus (gram­ma­tis­chem Geschlecht) und Sexus (dem „natür­lichen“ Geschlecht der Beze­ich­neten). Das Prob­lem wird sich erst lösen, wenn die Kat­e­gorie des gram­ma­tis­chen Geschlechts aus der Sprache ver­schwindet, so wie im Englis­chen bere­its geschehen. Erste Anze­ichen dafür gibt es in diversen Dialek­ten, aber bis es wirk­lich soweit ist, wer­den schon noch einige hun­dert Jahre ins Land gehen.

  3. Vilinthril

    Erste Anze­ichen dafür gibt es in diversen Dialek­ten, […]“

    Oh, inter­es­sant – Links?

  4. Momo

    Klickt man auf den Link, kommt man zum Nor­men-Entwurf-Por­tal, das dann aber fototech­nisch wieder klarstellt, wer hier Nor­men kom­men­tieren soll – Män­ner in Polo­hem­den mit Mac­Book:”

    Das ist aber ein nor­males, hochgekrem­peltes Hemd und Mac­Books sind auf Stockart-Bilder nun mal Usus. Das Bild beweist ein­fach nur das die betraute Agen­tur keine Fin­ger­spitzenge­fühl in der Auswahl solch­er Bilder hat.
    Ich arbeite sel­ber häu­fig mit Sym­bol­bildern für Min­is­te­rien und gen­derneu­trale Bilder zu find­en ist gar nicht so leicht bzw. wird in vie­len Agen­turen lei­der kaum the­ma­tisiert.

    Mann mit Polo­hemd und Mac­Book ist übri­gens auch so ein fieses Klis­chee. 🙂 So haben sich meine Ex-Mit­be­wohner­in­nen (Gen­der-Stud­ies) alle BWL- und Medi­en-Fuzzies vorgestellt.

  5. Carol

    In Frankre­ich heißt es la bierre und la lune. In Deutsch­land das bier und der Mond. Was sagt das prak­tisch aus? Das gram­ma­tis­che Geschlecht (genus) hat nichts direkt mit dem natür­lichen (sexus) zu tun. Das Mäd­chen ist säch­lich wie das Häuschen und das Män­nchen, das im Walde ste­ht. Die Natur ist weib­lich, die Tech­nik sowieso und die Kalaschnikoff im Gegen­satz zu dem Tan­ga, dem Rock, dem Zopf.

    Orwell hat gewarnt. Nehmen wir ihn ernst. Machen wir Sprache nicht zu einem arti­fiziellen Instru­ment von sym­bol­is­ch­er Poli­tik für Arme.

  6. Herbert

    Nach­trag:
    ich frage mich, weshalb sich noch kein­er darüber echauffiert hat, dass Schiffe — egal welchen Namen sie tra­gen — weib­lich sind:
    DIE Titan­ic
    DIE USS-Enter­prise
    DIE Gorch Fock
    DIE Bis­mar­ck
    DIE Wil­helm Gust­loff

    Sind die Ver­fechter ein­er geschlecht­sneu­tralen Sprache nur Frauen und weib­liche Män­ner mit Min­der­w­er­tigkeit­skom­plex?

  7. Alex

    Ich habe in meinem Bekan­ntenkreis näm­lich fest­gestellt, dass die männlichen Beze­ich­nun­gen zunehmend auch von Frauen ver­wen­det wer­den.”

    Ich empfehle einen Grund­kurs in der Sta­tis­tik. Da wird u.a. gelehrt, was eine Stich­probe ist, und wie diese erhoben wer­den muss, um eine Schlussfol­gerung auf die Grundge­samtheit zuzu­lassen.
    Übri­gens, und für dieses Wis­sen braucht es keinen Sta­tis­tikkurs, sind Frauen nicht frei von (sprach­lichem) Sex­is­mus. Frauen sind näm­lich auch alle in dieser sex­is­tis­chen Welt groß gewor­den, und haben entsprechende Werte/Vorstellungen verin­ner­licht.

    Und weit­er:

    Vielle­icht löst sich das Prob­lem in eini­gen Jahren von selb­st – dadurch, dass man bei vie­len Beze­ich­nun­gen nicht mehr zwis­chen den Geschlechtern unter­schei­det? So wie zum Beispiel im Englis­chen.”

    Auch zum Englis­chen gibt es Stu­di­en, die bele­gen, dass “nurse” (Krankenpfleger\in) über­wiegend als auf Frauen referierend ver­standen wird, wohinge­gen die meis­ten Men­schen bei “pilot” (Pilot\in) nur an Män­ner denken. Die Lösung wäre also nicht, das in Sprachen wie dem Deutschen Genus abgeschafft wird, son­dern vielmehr das in Sprachen wie dem Englis­chen Genus einge­führt wird, so dass alle Geschlechter kon­se­quent mitgedacht und benan­nt wer­den.

  8. fegalo

    Zitat: „Natür­lich geht es bei geschlechterg­erechter Sprache um ein poli­tis­ches Ziel: die Sicht­bar­ma­chung von Frauen, zum Beispiel, oder der Auflö­sung tra­di­tioneller Geschlechtsvorstel­lun­gen über­haupt. Ob diese Ziele „zweifel­haft“ sind, liegt dabei im Auge der Betra­ch­t­en­den.“

    Und darum darf die „geschlechterg­erechte Sprache“ auch nicht von irgendwem zur Norm erk­lärt wer­den, eben weil sie Ziele trans­portiert, zu denen man sich per­sön­lich beken­nen muss, und die zu dekretieren nie­mand das Recht hat.

    Zitat: „Ich zum Beispiel halte es für ein zweifel­haftes poli­tis­ches Ziel, Frauen sprach­lich weit­er­hin unsicht­bar zu hal­ten und patri­ar­chale Tra­di­tio­nen unre­flek­tiert fortzuführen.“

    Das ist eben genau gar kein „Ziel“ der­jeni­gen, die so sprechen, wie die deutsche Sprache nun mal ist, son­dern sie sprechen ein­fach deutsch, ohne poli­tis­che Hin­tergedanken. Es ist absurd, einem gewöhn­lichen deutschen Sprech­er zu unter­stellen, er hätte ein dezi­diertes Inter­esse daran, „Frauen sprach­lich unsicht­bar“ zu hal­ten.

  9. Kaimo

    Lieber Herr Ste­fanow­itsch,

    1) was ich mich frage: ist nicht das gram­matikalis­che “Geschlecht” etwas völ­lig anderes als das biol­o­gis­che oder Gen­der-Geschlecht?! Warum ist z.B. “Schraube” dem­nach “weib­lich” und “Faden” “männlich”?! Kann es nicht sein, dass hier von ein­er völ­lig anderen Art des “Geschlechts” die Rede ist als bei der Redeweise von männlichen oder weib­lichen Per­so­n­en?
    Das gram­matikalis­che Geschlecht hat doch keineswegs immer irgend­was mit einem “realen” Geschlecht der beze­ich­neten Dinge zu tun.
    “Per­son” ist (gram­matikalisch) weib­lich, und “Gast” ist (gram­matikalisch) männlich, aber das sagt doch rein GAR NICHTS über das biol­o­gis­che Geschlecht des Beze­ich­neten aus.

    2) Die Sprache kann doch niemals direk­ten Bezug auf Dinge nehmen, son­dern es gibt doch immer die kom­mu­nika­tiv­en Zwis­ch­enebe­nen mit Botschaft, Inter­pret etc.
    Warum sollte man davon aus­ge­hen, dass mit dem Wort “Arzt” konkrete männliche Per­so­n­en mehr gemeint sein sollen als weib­liche? Jed­er Men­sch auf der Welt weiß, dass es viele weib­liche Ärzte gibt, und wer kön­nte beweisen, dass man damit “mehr” an Män­ner denkt als an Frauen?

    Wie soll eine psy­chol­o­gis­che Studie bele­gen kön­nen, was Test­per­so­n­en bei bes­timmten Begrif­f­en “mit­denken”? Was ist “mit­denken” über­haupt für eine Tätigkeits­beze­ich­nung? Wie soll sich messen lassen, ob man eine Frau oder einen Mann “mit­denkt?!

    3) “sprach­liche Gle­ich­berech­ti­gung” haben wir dahinge­hend, dass wahnsin­nig viele Frauen von “geschlechterg­erechter” Sprache gen­ervt sind und gerne auf alle For­men des “innen” verzicht­en. Für wessen Nutzen kämpfen sie eigentlich (und haben sie mal gefragt, ob das über­haupt mehrheitlich gewollt wird?)? Wieso soll “sprach­liche Gle­ich­berech­ti­gung” ein Ziel an sich sein? Müsste man dann nicht auch weit­erge­hen und prüfen, ob nicht zuviele Sub­stan­tive gram­matikalis­che männlich sind, und warum Wörter wie “Bombe” skan­dalöser­weise gram­matikalisch weib­lich sind?

    4) Was wäre denn so schlimm daran, wenn man z.B. beim Wort “Inge­nieur” vor­rangig an Män­ner denken würde (sofern man dies bele­gen kön­nte)? Verklein­ert es wirk­lich die Chan­cen von Frauen auf bes­timmte Berufe und Führungspo­si­tio­nen, wenn man mit manchen Berufs­beze­ich­nung eher Män­ner assozi­iert? Wie genau ist da der Zusam­men­hang und ließe er sich irgend­wie beweisen? Und dass es bes­timmte Berufs- und Führungs­grup­pen gibt, in denen Frauen unter­repräsen­tiert sind: wäre das so schlimm? Und für wen? Und wer sagt das? Die Betrof­fe­nen selb­st? Kann es nicht sein, dass der Grund dafür, dass viele Frauen nicht in gle­ich­er Weise beru­fliche Kar­riere machen wie viele Män­ner auch in dem unhin­terge­hbaren biol­o­gis­chen Fak­tum liegt, dass Frauen in unser­er Welt die Gebären­den sind, und dass so eine Geburt ein­schl. Schwanger­schaft und Stil­lzeit vielle­icht — jen­seits aller sprach­lichen “Diskri­m­inierung” — viele “natür­liche” Gründe für diese Tat­sache mit sich brin­gen?

  10. werauchimmer

    @alex: ich glaub eher, dass es da zwei ver­schiedene prob­leme gibt. ein­mal, dass bes­timmte sprach­liche struk­turen bes­timmte gedanken wachrufen- zb eher män­ner bei männlichen berufs­beze­ich­nun­gen in ein­er sprache, die da prinzip­iell auch weib­liche ver­sio­nen hätte.
    wenn es aber eh keine geschlechter­spez­i­fis­chen for­men gibt und trotz­dem noch manche begriffe das eine geschlecht eher nahele­gen als das andere, mag es schon sein, dass ein ein­griff in das genussys­tem auch eine verbesserung brächte, aber das scheint doch unnötig kom­pliziert. sprach­lich kann auch anders auf die geschlechter der beteiligten aufmerk­sam gemacht wer­den, und dann gibt es ja noch bilder etc…
    darüber hin­aus (mal so weit­ergedacht, als kön­nte das gelin­gen) find ich die idee gefährlich für alle, die wed­er männlich noch weib­lich sind. ein nicht abw­er­tendes neu­trum ein­führen? ok, wenn ersteres gelun­gen ist kön­nte das schon auch gehen… aber prinzip­iell: je weniger das geschlecht ein­er per­son markiert wird, umso ein­fach­er ist es für nicht­binäre leute, sich zu beze­ich­nen und beze­ich­net zu wer­den, ohne dass das jedes­mal sowas wie ein ihre iden­tität leug­nen­der faustschlag ist.
    klar, gedanken­ex­per­i­ment, aber auch in solchen gilt: my fem­i­nism will be inter­sec­tion­al or it will be bull­shit.

  11. Anatol StefanowitschAnatol Stefanowitsch Beitragsautor

    @ Car­ol: Wow, in vierzig Jahren fem­i­nis­tis­ch­er Sprach­wis­senschaft ist es nie­man­dem aufge­fall­en, dass Genus und Sexus nicht iden­tisch sind! Gut, dass Sie vor­beigekom­men sind, und das klargestellt haben. Ich werde umge­hend die inter­na­tionale Forschungs­ge­meinde informieren, dass die Forschung zu diesem The­ma umge­hend eingestellt wer­den kann.

    PS. Da Ironie im Inter­net häu­fig ger­ade von denen nicht ver­standen wird, die es am nötig­sten haben: DAS WAR IRONIE. Vielle­icht informieren Sie sich ein­fach mal über die Forschungslage zum Zusam­men­hang zwis­chen Sexus und Genus, zum Beispiel, indem Sie die Beiträge lesen, die IN DIESEM BLOG dazu ste­hen.

  12. Anatol StefanowitschAnatol Stefanowitsch Beitragsautor

    @fegalo: Ich fasse zusam­men: Ein Unrecht, das schon lange existiert, ist völ­lig unprob­lema­tisch und darf uns allen als Norm dekretiert wer­den – weil es ja schon so lange existiert. Dieses Unrecht darf aber keines­falls beseit­igt wer­den, denn nie­mand hat das Recht, eine solche Besei­t­i­gung zu dekretieren. Hm, irgen­det­was stimmt an dieser Idee nicht, aber ich komme nicht darauf, was das sein kön­nte…

  13. Matthias

    @Alex: Wieso sollte man alle Geschlechter kon­se­quent mit­denken wollen? Für so gut wie alle Aus­sagen, außer es geht z.B. expliz­it um Repro­duk­tion, ist der Sexus der Beze­ich­neten völ­lig uner­he­blich. Wäre es dann nicht logis­ch­er, über­haupt kein Geschlecht mitzu­denken?

  14. fegalo

    Zitat: „Hm, irgen­det­was stimmt an dieser Idee nicht, aber ich komme nicht darauf, was das sein kön­nte…“

    Wenn Sie nicht von selb­st darauf kom­men, dann bin ich gerne behil­flich, obwohl die Antwort eigentlich schon sehr klar in meinem Kom­men­tar enthal­ten ist.

    - Mit der Sprache wird nie­man­dem ein „Unrecht als Norm dekretiert“, da die Sprache gar keinen Vorschriftscharak­ter hat hin­sichtlich dessen, wie jemand über irgen­det­was zu denken hat. Ich kann ja kaum glauben, dass Sie als Sprach­wis­senschaftler so tun, als würde die gewach­sene Sprache der gesellschaftlichen Prax­is irgendwelche Vorschriften machen.

    - Wenn Sie etwas an der Posi­tion der Frauen in unser­er Gesellschaft stört, so ist es Ihr gutes Recht, Ihre Mei­n­ung zu vertreten, und sich für Ihre Posi­tion einzuset­zen, um etwas daran zu ändern.

    - Wenn Sie der Ansicht sind, dass der Sprache patri­ar­chale Struk­turen eingeschrieben sind, dann dür­fen Sie gerne – was Sie ja auch tun – selb­st eine andere Aus­druck­sweise ver­wen­den.

    - Jedoch den Sprachge­brauch ander­er Men­schen zu „kor­rigieren“ oder Nor­men dafür zu for­mulieren, ist schlicht poli­tis­ches Pro­gramm und hat mit Lin­guis­tik exakt nichts zu tun. Sie tun das dann als Pri­vat­mann oder Poli­tik­er. Mit den Erken­nt­nis­sen der Lin­guis­tik kön­nen Sie nicht das ger­ing­ste poli­tis­che Pro­gramm recht­fer­ti­gen.

  15. Anatol StefanowitschAnatol Stefanowitsch Beitragsautor

    @ fega­lo: Vie­len Dank für Ihre großzügige Hil­fe, da will ich Ihnen im Gegen­zug auch gerne behil­flich sein: Diejeni­gen, die hier den Sprachge­brauch ander­er Men­schen kor­rigieren und Nor­men dafür for­mulieren wollen, sind nicht die Befürworter/innen, son­dern die Gegner/innen geschlechterg­erechter Sprache. Und die wollen nicht „die gewach­sene Sprache der gesellschaftlichen Prax­is“ zur Norm erheben, son­dern eine bes­timmte Sprache, näm­lich eine, die Män­ner als Norm darstellt und Frauen unsicht­bar macht. Und wenn Sie tat­säch­lich glauben, diese Sprache sei ein­fach so „gewach­sen“, dann täuschen sie sich. Die men­schliche Sprach­fähigkeit mag ein Pro­dukt der natür­lichen Welt sein, das sich nach eige­nen Prinzip­i­en entwick­elt, aber einzelne Sprachen sind Pro­duk­te einzel­ner Kul­turen.

    Was den Vorschriftscharak­ter von Sprache ange­ht, mögen diese Worte von Ben­jamin Lee Whorf ein Denkanstoß sein:

    Wie wir die Natur aufgliedern, sie in Begrif­f­en organ­isieren und ihnen Bedeu­tun­gen zuschreiben, das ist weit­ge­hend davon bes­timmt, daß wir an einem Abkom­men beteiligt sind, sie in dieser Weise zu organ­isieren — einem Abkom­men, das für unsere ganze Sprachge­mein­schaft gilt und in den Struk­turen unser­er Sprache kod­i­fiziert ist. Dieses Übereinkom­men ist natür­lich nur ein implizites und unaus­ge­sproch­enes, aber sein Inhalt ist abso­lut oblig­a­torisch; wir kön­nen über­haupt nicht sprechen, ohne uns der Ord­nung und Klas­si­fika­tion des Gegebe­nen zu unter­w­er­fen, die dieses Übereinkom­men vorschreibt.

  16. Statistiker

    Ana­tol, bei For­mulierun­gen wie “Ich kann ja kaum glauben, dass Sie als Sprach­wis­senschaftler so tun…” kann man auf Reak­tio­nen wohl verzicht­en…

    Da geht es nur um Pro­voka­tion, nicht um Diskus­sion.…

    Hat­te heute übri­gens heute ein nettes Gespräch mit mein­er Mut­ter über die Darstel­lung des Ukraine-/Krimkon­flik­tes in den Medi­en. Gilt auch für Ägypten.

    Trau­rig, wie ein­seit­ig die Medi­en bericht­en. Nehmen wir Ägypten: Als die Leute gegen den Dik­ta­tor Mubarak auf die Straße gin­gen, waren da “Helden”. Als die Men­schen gegen die demokratisch gewählten Mus­lim­brüder auf die Straße gin­gen, waren das “Helden”. Als die Men­schen gegen die an Macht geputscht­en, west­lich-fre­undlichen Mil­itärs auf die Straßen gin­gen, war es der “Mob”.…

    Sor­ry, wurde etwas off-top­ic, ist aber die gle­iche Prob­lematik.…

  17. Marxist

    Sprach­liche Gle­ich­berech­ti­gung ist ein Ziel an und für sich, sie muss ihren Nutzen nicht dadurch recht­fer­ti­gen, dass sie magisch auch Gle­ich­berech­ti­gung bei Gehäl­tern nach sich zieht.”

    Nein, aber es zieht die Erken­nt­nis nach sich, was wirk­lich zu ein­er besseren Welt führt. Mit sym­bol­is­ch­er Anerken­nung kann man sich nun mal nicht viel kaufen.
    Das ‘bemühen um eine bessere Sprache’ hat bei Ihnen, wahrschein­lich die Sehn­sucht nach einem besseren Leben schon längst ver­drängt.

  18. fegalo

    Zitat: „Diejeni­gen, die hier den Sprachge­brauch ander­er Men­schen kor­rigieren und Nor­men dafür for­mulieren wollen, sind nicht die Befürworter/innen, son­dern die Gegner/innen geschlechterg­erechter Sprache. Und die wollen nicht „die gewach­sene Sprache der gesellschaftlichen Prax­is“ zur Norm erheben, son­dern eine bes­timmte Sprache, näm­lich eine, die Män­ner als Norm darstellt und Frauen unsicht­bar macht.“

    Was Sie da schreiben, ist ja vol­lkom­men wahrheitswidrig. Sie argu­men­tieren nicht, son­dern wieder­holen ein­fach nur Ihre falschen The­sen. Sie wer­den nie­man­den anführen kön­nen, der das explizite Ziel ver­fol­gt, “Frauen unsicht­bar zu hal­ten”. Nie­mand außer den Gen­der­be­wegten will an der Sprache herum­basteln oder Vorschriften machen. Ihren Geg­n­ern geht auss­chließlich um die Zurück­weisung ide­ol­o­gisch motiviert­er Ein­griffe in die Sprache.

    Zu Whorf: Der Schärfe sein­er The­sen wird bekan­ntlich seit Jahrzehn­ten in der Lin­guis­tik wider­sprochen. Warum führen Sie sie dann an?

    Die Vorstel­lung, der Gebrauch eines gener­ischen Maskulins etwa kön­nte Ein­fluss haben auf mein Ver­hält­nis zu Frauen, wäre in ihrer Naiv­ität ger­adezu aben­teuer­lich.

  19. Irene Gronegger

    Zweites Beispiel: Meine Frau hat­te in ihrem Xing-Pro­fil „wis­senschaftlich­er Mitar­beit­er“ ste­hen, bis ich sie gefragt habe, ob sie denn nicht vielmehr eine Mitar­bei­t­erin ist.

    Es hat seine Tück­en, im Xing-Pro­fil weib­liche Berufs­beze­ich­nun­gen zu ver­wen­den (siehe Abschnitt “Xing – der Gen­der-Fluch der Daten­bank”):
    http://ebookautorin.de/twitter-xing-facebook-autoren/

    Tech­nisch wäre es für Xing keine große Sache, das zu ändern und der Kundin den sel­ben Nutzen zu bieten wie dem Kun­den. Man kön­nte in der Daten­bank die Begriffe Fotograf, Fotografin, Fotografie sozusagen gle­ich­stellen.

  20. Alex

    Danke an “wer­auchim­mer” für die Ergänzung zum Bina­rität­sprob­lem. Das hat­te ich tat­säch­lich nur impliz­it mitgedacht (schrieb darum im ersten Beitrag “alle Geschlechter” und nicht nur “bei­de Geschlechter”).

    Ich bin allerd­ings der Mei­n­ung, dass, ger­ade weil andere Geschlechter als das männliche oft unsicht­bar sind, eine sprach­lich explizite Mit­be­nen­nung wün­schenswert ist. Die bewusst­seins­bildende Funk­tion von Sprache ist in diesem Blo­gein­trag ja schon erwäh­nt wor­den.

  21. Gerald Fix

    Es scheint ein Unter­schied zu beste­hen, wie nahe ein Begriff mit ein­er Per­son ver­bun­den ist.

    Ich würde nie auf die Idee kom­men, bei ein­er Auseinan­der­set­zung zwis­chen Ukrain­ern und Russen nur an Män­ner zu denken. Bei der Frage, wer der erfol­gre­ich­ste deutsche Ten­nis­spiel­er der let­zten 50 Jahre ist, fiele mir allerd­ings zunächst Boris Beck­er ein — hier scheint mir Stef­fi Graf nicht mit­ge­meint zu sein.

    Gibt es dafür einen objek­tiv­en Grund oder ist es nur die Gewohn­heit, dass eben bei Sport­treiben­den der Unter­schied schon lange gemacht wird und bei anderen Grup­pen nicht?

  22. Klaas

    Übri­gens ist die weib­liche Entsprechung ein­er männlichen Per­so­n­en­beze­ich­nung nicht zwangsläu­fig eine Ableitung mit­tels “in”-Suffixes. Ger­ade dort, wo die männliche und die weib­liche Beze­ich­nung stark von einan­der abwe­ichen, treten die zu Grunde liegen­den Rol­len­bilder deut­lich her­vor. So ist in der Lit­er­atur das Gegen­stück zum aktiv­en “Lieb­haber” prak­tisch immer die pas­sive “Geliebte”, während die “Lieb­haberin” äußerst sel­ten zu find­en ist. Ganz grob lässt sich das hier sehen (method­isch nicht son­der­lich sauber, aber der Kon­trast zwis­chen “Lieb­haber” und “Lieb­haberin” lässt sich gut erken­nen).

  23. Anatol StefanowitschAnatol Stefanowitsch Beitragsautor

    @ „Marx­ist“: Ja, genau. Gerechte Sprache führt dazu, dass Frauen nicht mehr merken, dass sie weniger ver­di­enen, einen schlechteren Zugang zum Arbeits­markt haben, häu­figer die Dop­pel­be­las­tung von Beruf und Haushalt tra­gen, in Poli­tik und Medi­en unter­repräsen­tiert sind, dass ihre Kör­p­er und ihre Sex­u­al­ität gesellschaftlich und rechtlich stärk­er regle­men­tiert wer­den, dass ihre Bewe­gungs­frei­heit stärk­er eingeschränkt ist usw. So sind sie lei­der, die armen Hascherl – lassen sich leicht von Sym­bo­l­ik blenden. Hängt wahrschein­lich mit ihrer Liebe zu Schmuck, Schminke und Haute Cou­ture zusam­men.

  24. Anatol StefanowitschAnatol Stefanowitsch Beitragsautor

    @ fega­lo: Vielle­icht ver­ste­hen Sie es, wenn ich lauter rede: DER BEITRAG HANDELT VOM VERSUCH EINES KOMITEES DER ÖSTERREICHISCHEN NORMIERUNGSBEHÖRDE, GESCHLECHTERGERECHTE SCHREIBWEISEN PER INDUSTRIENORM ZU VERBIETEN. Da Sie das anscheinend nicht begreifen, haben Sie den Text ver­mut­lich gar nicht gele­sen. Weit­ere Kom­mentare von Ihnen wer­den hier nicht freigeschal­tet, denn der Kom­men­tar­bere­ich in diesem Blog ist kein Forum für Dinge, die Sie immer schon ein­mal loswer­den woll­ten, son­dern dient zur inhaltlichen Diskus­sion der Beiträge.

  25. fegalo

    Haha, Herr Ste­fanow­itsch, Sie kön­nen halt nicht aus Ihrer Haut, und dass Sie mich sofort sper­ren wür­den, wenn ich Ihren wirren The­sen wider­spreche, war mir von vorn­here­in klar.

    Die Öster­re­icherin hat­te ein­fach keinen Bock darauf, mit Schrägstrichen, Bin­nen-Is, Redun­danzen wie „Schü­lerin­nen und Schülern“ die deutsche Sprache ver­hun­zen zu lassen. So ein­fach wohl.

    Sie dage­gen lei­den etwas an Ver­fol­gungswahn durch fin­stere Mächte, die den armen Frauen ständig etwas antun wollen.

    Träu­men Sie weit­er von Ihrer ver­dreht- verquas­ten kor­rek­ten Gen­der­welt. Hof­fentlich vergel­ten es die Objek­te Ihrer Für­sorge es Ihnen wenig­stens angemessen.

  26. Martin

    Was mir bei solchen Diskus­sio­nen immer wieder auf­fällt, ist der, nen­nen wir es mal, Man­gel an Autorität der Sprach­wis­senschaft im öffentlichen Diskurs über Sprache. Hätte man zum Beispiel ein Prob­lem aus einem natur­wis­senschaftlichen oder math­e­ma­tis­chen Bere­ich, so würde wohl kaum jemand Dinge sagen wie “also ich habe da einen Kumpel, der hat das auch mal aus­gerech­net und bei dem kam was ganz anderes raus. Somit ist für mich erwiesen, dass diese Leute da an der Uni alle total ide­ol­o­gisch verblendet sind!” Nur bei Sprache (oder all­ge­mein Geis­teswis­senschaften?) glauben alle, nur weil sie die Sprache benutzen, wis­sen sie auch so gut Bescheid, dass sie sich mit Fach­leuten (die den ganzen Tag nix anderes machen, als sich mit dem The­ma zu beschäfti­gen) anle­gen kön­nen.

    Klar, da kön­nte man spon­tan zwar noch z.B. den Kli­mawan­del oder Homo­sex­u­al­ität anführen, da wehren sich bes­timmte Grup­pen auch stark gegen die Wis­senschaftlichkeit, aber da wird m.M.n. eher bei den Geg­n­ern die Ide­olo­gi­eschiene gefahren als bei den Befür­wortern.

  27. fluctuat

    In Frankre­ich gibt es übri­gens eine ähn­liche Diskus­sion, da die Sprach­struk­tur des Franzö­sis­chen natür­lich eben­so eine regelmäßige Fem­i­nisierung männlich­er Berufs­beze­ich­nun­gen zulässt (auch wenn diese mor­phol­o­gisch etwas kom­plex­er ist als im Deutschen), die jedoch noch weniger flächen­deck­end benutzt wird und genau­so bei vie­len Grup­pen auf große Ablehnung stößt.

    Im Jan­u­ar ist die franzö­sis­che Lin­guistin Valérie Brunetière vom Cen­tre de Recherche Sens, Éthique, Société (CERSES) der Uni­ver­sité Paris Descartes zu diesem The­ma in der Tageszeitung Libéra­tion zu Wort gekom­men. Brunetière set­zt sich zwar für die Benutzung weib­lich­er Berufs­beze­ich­nun­gen ein, muss aber gle­ichzeit­ig fest­stellen, dass dies auf dem Arbeits­markt immer noch Risiken mit sich bringt. Viele empfän­den es als lächer­lich, wenn man sich con­trôleuse de qual­ité auf dem Lebenslauf nen­nt. In dem Artikel wer­den übri­gens diesel­ben “Argu­mente” der Geg­n­er genan­nt, die auch die Geg­n­er im deutschen Sprachraum anführen: es klänge nicht gut und es sei ein­fach kein richtiger Sprachge­brauch.

    Der Unwille, über Sprachverän­derun­gen dieser Art nachzu­denken, ist also zumin­d­est kein rein deutsches Phänomen. Dadurch wird es lei­der auch nicht bess­er…

    Der Artikel ist noch frei zugänglich auf der Web­site von Libéra­tion:
    http://www.liberation.fr/vous/2014/01/21/cheffe-cheffe-ou-est-la-plombiere_974549

  28. Andreas

    Herr Ste­fanow­itsch,
    Sie schreiben: “Tat­säch­lich ler­nen wir sie aber durch Imi­ta­tion und (unbe­wusste) Analyse der Sprech-Ereignisse in unserem sozialen Umfeld, und zwar lange bevor wir in der Lage sind, abstrak­te Kat­e­gorien wie „Berufs­beze­ich­nung“ und „Geschlechterzuord­nung“ zu reflek­tieren.”
    Hierzu eine Frage: würde das nicht für das “gener­ische Maskulinum” sprechen? Wenn Eltern zu ihrem Kind sagen, dass sie zu einem Arzt gehen und dieser Arzt eine Frau ist, dann dürfte das Kind den Begriff “Arzt” doch eigentlich nicht auf ein bes­timmtes Geschlecht beziehen?
    Oder ist das zu ein­fach gedacht?

  29. Irene Gronegger

    Der Unwille, über Sprachverän­derun­gen dieser Art nachzu­denken, ist also zumin­d­est kein rein deutsches Phänomen. Dadurch wird es lei­der auch nicht bess­er…

    Die franzö­sis­che Gesellschaft ist sog­ar wesentlich kon­ser­v­a­tiv­er als die deutsche, siehe z.B. die Großdemos gegen die gle­ichgeschlechtliche Ehe. Man legt auch bei der Sprache mehr Wert auf Tra­di­tion und bearg­wöh­nt Fremd­wörter, während man sich in Deutsch­land bemüht, up to date zu sein und gern neue Begriffe ein­führt. Moslems heißen z.B. im Franzö­sis­chen immer noch “musulman(e)s” (als Selb­st- und Fremd­beze­ich­nung gängig). Der­weil im deutschen Sprachraum: Musel­ma­nen -> Mohammedan­er -> Moslems -> Moslems, gegen­dert (Moslem und Mus­li­ma) -> Mus­lime (Mus­lim und Mus­lim­in) -> …

  30. Pingback: Umleitung: Hochbegabte Kinder, geschlechtergerechte Sprache, Hoodiejournalismus, Ukraine und wie war der Winter? | zoom

  31. H.M.Voynich

    Oft wird aber auch der Unwille, bes­timmte Lösungsan­sätze für dieses Prob­lem zu befür­worten bere­its als Unwille aus­gelegt, das Prob­lem über­haupt zu sehen.

    Und die Diskus­sio­nen ver­laufen sich dann dahin, ob man über­haupt etwas tun muss, anstatt die Optio­nen abzuwä­gen unter der Prämisse: das Prob­lem ist real.

    Frauen­quote, zum Beispiel. Empfinde ich als Res­ig­na­tion vor den Ursachen, die dazu geführt haben, daß sie über­haupt nötig ist.
    Es ist die schlecht­est­mögliche aller Lösun­gen — aber wir haben keine bessere.
    Bei den (gener­ischen) Geg­ner­in­nen gibt es viel intelek­tuelles Poten­tial — aber anstatt bessere Lösun­gen zu zeigen wird das Prob­lem als solch­es zeitraubend abgestrit­ten.
    Ver­dammt, dann TUT doch ein­fach mal so, als wäre es nötig, wenn ihr es schon nicht glaubt, und sagt, was Ihr machen würdet!

  32. dot tilde dot

    tür­lich lernt man das in der schule, heißt ja auch “mut­ter­sprache”, nicht wahr.

    .~.

  33. Christoph Päper

    Als […] Wetschanow […] dem Komi­tee […] vor­warf, „von ein­er ‚antifem­i­nis­tis­chen Ide­olo­gie‘ geprägt zu sein und auf die Exper­tise maßge­blich­er Wis­senschaftler verzichtet zu haben“, war ich zunächst sehr skep­tisch.

    Hihi.

  34. Ospero

    @fluctuat, Irene Groneg­ger: Franzö­sisch lei­det allerd­ings auch unter dem der Sprache immi­nen­ten Prob­lem, dass es nur zwei Gen­era ken­nt. Wie soll geschlechterneu­trale Sprache funk­tion­ieren, wenn die Struk­tur der Sprache selb­st dazu zwingt, sich zwis­chen maskulin und fem­i­nin zu entschei­den?

  35. monika kneiseler

    aber let­ztlich ist ja jede diskrim­minierung auf die denk­faul­heit der nicht­be­trof­fe­nen zurück­zuführen, die herrschaft über­haupt erst so man­i­festiert.…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .