Public Viewing Of Public Viewing

Von Susanne Flach

Gestern begann in Frankre­ich die Fußball-Europameis­ter­schaft – mir wäre in den let­zten Wochen vor lauter dis­sertieren gar nicht aufge­fall­en, wie schnell die EM auf uns zukommt, wenn, ja wenn nicht die Alerts von Google zu „Anglizis­mus“ voll mit „Leichen­schauen“ gewe­sen wären. Tra­di­tionell haben wir zu Fußball-Großereignis­sen in den let­zten Jahren eher gelang­weilt ein­fach auf die Artikel im Sprachlog ver­linkt, die sich damit beschäfti­gen, dass pub­lic view­ing im (Amerikanis­chen) Englisch nicht eigentlich „Leichen­schau“ heißt, son­dern dass es das auch heißen kann, weil pub­lic view­ing ein all­ge­mein­er Begriff für das Ein- und Anse­hen von Din­gen durch die Öffentlichkeit ist (z.B. Regierungs­doku­mente, Exponate aus Kun­st, Geschichte oder Botanik, Flughäfen, Paraden ein­er Sport­mannschaft, sich selb­st in Sozialen Net­zw­erken oder eben halt Leichen). Das Argu­ment wird übri­gens nicht valid­er, wenn dann noch jemand sagt, es heiße streng genom­men auch nicht Leichen­schau, son­dern Auf­bahrung.

Internationaler Flughafen Perth, Westaustralien (Familienarchiv, CC-BY-SA-3.0)

Inter­na­tionaler Flughafen Perth, Wes­t­aus­tralien, März 2014 (Susanne Flach, CC-BY-SA‑4.0)

Genutzt hat es wenig. Nach wie vor behaupten Journalist/innen (hier, hier, hier oder hier) ungeprüft den Quark von der Leichen­schau — und das, obwohl die Begriffs­be­deu­tung ein­deutig in der Recherchequelle Nr. 1 verze­ich­net ist. Wahlweise kom­men dem Mythos klugscheißende Kommentator/innen zu Hil­fe (hier, hier, hier, hier, hier oder hier). Dass die Behaup­tun­gen vor allem im Qual­ität­sjour­nal­is­mus etwas sel­tener gewor­den ist, kön­nte auch daran liegen, dass Pub­lic View­ing im deutschsprachi­gen Raum mit­tler­weile so ver­bre­it­et ist, dass es qua­si für sich ste­ht und es nicht (mehr) erk­lärt wer­den muss.

Obwohl uns die Diskus­sion und die Lern­re­sistenz von Klugscheißis­tan naturgemäß eher lang­weilt, habe ich mir gedacht, dass die ern­sthafte Auseinan­der­set­zung mit Dat­en aus dem Englis­chen tat­säch­lich schon etwas her ist — und wenn es manche nicht überzeugt, wenn wir einzelne Kor­pus­belege für die Ver­wen­dung von pub­lic view­ing im Englis­chen zitieren, warum nicht mal alle für sich sprechen lassen?

Deshalb sind in diesem Google-Doku­ment alle Belege für pub­lic view­ing aus einem ca. 1,3 Mrd Wörter umfassenden Sub­ko­r­pus des ENCOW14 zu find­en. ((ENCOWAX01 & ENCOWAX03, https://webcorpora.org/)) Für jede/n zur Ein­sicht und Run­ter­laden. Qua­si ein Pub­lic View­ing für Pub­lic View­ing. Die Kurz­fas­sung: von 316 Bele­gen beschreiben lediglich 14 15 ein­deutig oder nahezu ein­deutig öffentliche Aufbahrung.

Im Sinne von Trans­parenz und Open Data kön­nen Sie meine Kodierung ein­se­hen und über­prüfen (ich kor­rigiere Fehler, zitieren Sie die Beleg-ID). Damit hat dieser Beitrag immer­hin auch für Leichen­schau-gelang­weilte Sprachlog-Leser/in­nen noch einen päd­a­gogis­chen Wert und qual­i­fiziert sich außer­dem für die Kat­e­gorie „Fin­gerübung aus der Kor­puslin­guis­tik“. Denn so arbeit­en wir: eine Urliste (Tabel­len­blatt 1) mit ein­er Beobach­tung pro Zeile, aus der sich jed­erzeit gewün­schte Zusam­men­fas­sung erstellen oder aktu­al­isieren lassen (Tabel­len­blatt 2), sowie eine Doku­men­ta­tion über die Vorge­hensweise und eine Erk­lärung zum Kodier­schema (Tabel­len­blatt 3).

Vielle­icht kriegen wir den Mythos irgend­wann so schein­tot wie den mit den Schneewörtern.

 

10 Gedanken zu „Public Viewing Of Public Viewing

  1. Pingback: Public Viewing | digithek blog

  2. Daniel

    Ich habe mir mal die unklaren angeschaut: Ich fand sie rel­a­tiv eindeutig.
    64 nein / ist das nicht eher Sri Lan­ka als USA?
    74 ja
    75 nein
    148 Audruck nicht gefunden
    199 nein

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    1. Susanne Flach Beitragsautor

      @Daniel: Danke, ist einge­tra­gen — ich hat­te die unklaren nicht selb­st per Link über­prüft, weil ich zuerst kat­e­gorisiert hat­te und mir dann ein­fiel, dass die Quelle ja auch im Kor­pus ver­merkt ist (aber natür­lich hätte ich das tun können/sollen). Beleg 64 — bei der Geolokalisierung kann es immer zu Fehlin­ter­pre­ta­tio­nen kom­men. Es geht nach der IP-Adresse der Quell­seite, und in diesem Fall hat der Serv­er ver­mut­lich einen Stan­dort in den USA. Das sind Fehldeu­tun­gen, mit denen man leben muss. Es gibt allerd­ings Unter­suchun­gen anhand von bekan­nten, region­al verteil­ten Phänome­nen, dass diese Form der Lokalisierung bess­er abschnei­det, als nach Top-Lev­el-Domain zu lokalisieren. Son­st müsste man natür­lich jedes einzelne Doku­ment im Kor­pus in Frage stellen — was auch dage­gen spricht, dass man „händisch“ einen einzel­nen Beleg nachko­r­rigieren sollte.

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    1. Susanne Flach Beitragsautor

      Naja, hier würde ich den Kol­le­gen in Schutz nehmen: da ste­ht hat eine gän­zlich andere Bedeu­tung — und das ist vielle­icht missver­ständlich, wenn man auf den Mythos fix­iert ist, aber es ist nicht unbe­d­ingt falsch. Denn pub­lic view­ing hat im Amerikanis­chen Eng­lish eine andere Bedeu­tung, je nach Blick­winkel: wir ver­wen­den es viel enger für eine Fußball­mas­sen­guck­par­ty, während es im Englis­chen viel weit­er und flex­i­bler anwend­bar ist auf alle möglichen Gegen­stände, für die Aktion an sich oder bere­its für den Prozess des Bere­it­stellen von Objek­ten zur öffentlichen Ein­sicht. Wir bestre­it­en ja nur, dass es Auf­bahrung heißt, und das behauptet wed­er der Kol­lege, noch die Redak­tion der ZEIT, die vielle­icht bei der For­mulierung der Fra­gen das let­zte Wort hatte.

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  3. Nathalie

    Gän­zlich anders” impliziert für mich aber, dass die deutsche Ver­wen­dung so gar nicht mit der englis­chen kom­pat­i­bel ist. Das geht für mich dann doch etwas weit. Ger­ade wegen des häu­fig unkri­tisch weit­er­ver­bre­it­eten Mythos würde ich mir da etwas mehr Dif­feren­ziertheit wün­schen, auch wenn es “nur” ein spaßiges Quiz ist…

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  4. Kommentor

    Hmm, das sehe ich doch anders. Dann ist es zumin­d­est sehr unglück­lich for­muliert, denn das mit dem “gän­zlich anders” ist ja genau das, was fälschlich trans­portiert wird — Hier Rudel­guck­en, dort Leichen­schau. Völ­lig dis­junk­te Bedeutungen.

    Hätte es im Quiz “eine wesentlich umfassendere Bedeu­tung” geheißen oder meinetwe­gen auch “eine deut­lich andere”, wäre ich ganz bei Ihnen. So hinge­gen unter­stützt die For­mulierung das Trennende.

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  5. Kommentor

    (Nach­trag: Ich bezog mich auf den Kom­men­tar von Susanne Flach. Mit dem zwis­chen­zeitlich veröf­fentlicht­en Kom­men­tar von Nathalie gehe ich völ­lig konform.)

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