Das Erbe des Arbeitsroboters

Dieser Tage bin ich im frühneuhochdeutschen Wörterbuch auf den Eintrag ackerrobot 'Frondienst der Bauern' gestoßen. Das hat mich etwas aus dem Konzept gebracht: Es geht um Arbeit und das zweite Wort sieht quasi aus wie Roboter, Zufall wird das kaum sein. Nun kam der Roboter im 20. Jh. ins Deutsche, Frühneuhochdeutsch sprach man aber zwischen 1350 und 1650 — das eine kann also nicht direkt vom anderen abstammen. Also habe ich etwas in der Vergangenheit herumgegraben, wo ich auf viel Plackerei und arme Waisenkinder gestoßen bin:

Zunächst einmal lässt sich schnell klären, dass Roboter und das fnhd. Robot 'Frondienst' eine gemeinsame Quelle haben: das tschechische robota 'schwere, mühsame Arbeit, Frondienst'. Es leitet sich wiederum, mit dem abstrakten Suffix -ota, von rabu 'Sklave, Knecht, Diener' ab. Das Wort wurde im 14. Jh. ins Deutsche übernommen (als Robot(e), Robat(e), Robolt, Rowolt) und findet sich vor allem in Rechtstexten — meist solchen aus dem Osten des deutschen Sprachgebiets, wo direkter Kontakt mit TschechischsprecherInnen bestand. Davon zeugen auch weitere Entlehnungen, z.B. Quark, Schmant, Zeisig, Grenze, Pistole, Haubitze, Halunke und Trabant (ein besonderer Fall ist Schmetterling). Als Frondienst aus der Mode kam, ging auch der Gebrauch des Wortes Robot zurück, dialektal wird es aber teilweise bis heute für 'Arbeit' genutzt.

Der Roboter, ein mechanischer 'Arbeiter', hat seinen ersten Auftritt in der deutschen Übersetzung des tschechischen Dramas Rossumovi Univerzální Roboti von Karel Čapek aus dem Jahr 1920. Im Original heißt er robot, von robota zurückgebildet, ein Kunstwort, das sich der Bruder des Autors ausgedacht hat. Otto Pick, der Übersetzer, versah den tschechischen robot mit dem Suffix -er, das sog. Nomina Agentis bildet, also handelnde Substantive (wie Lehrer, Schüler, Händler, Arbeiter, …) — ein cleverer Zug zur Integration in den deutschen Wortschatz. In anderen Sprachen, z.B. Englisch, übernahm man das Wort dagegen unverändert.1

Das tschechische robota beinhaltet den Leibeigenen rabu, und der hieß zuvor, im Altslawischen, wohl *orbu-. (Vokal und r haben also später die Plätze getauscht, eine sog. Metathese.) Das wiederum geht auf die indogermanische Wurzel *orbh- ‘verwaist, Waise’ zurück — was einiges über den damaligen Status elternloser Kinder aussagt, die sich das Überleben durch saure Arbeit verdienen mussten. Ein anderer direkter Nachfolger der Wurzel ist das griechische orphanos 'verwaist', das via Latein schließlich als orphan 'Waise' ins Englische entlehnt wurde. Auch im Deutschen hat sie sich gehalten: Sie steckt im althochdeutschen Wort ar(a)beit 'Mühsal, Plage, Anstrengung'.2 In dieser Bedeutung findet es sich auch noch im Nibelungenlied:

Uns ist in alten maeren      wunders vil geseit
von helden lobebaeren,   von grôzer arebeit,
von freuden, hôchgezîten,  von weinen und von klagen
von küener recken strîten  muget ir nu wunder hoeren sagen

(In alten Geschichten wird uns vieles Wunderbare berichtet: von ruhmreichen Helden, von großer Anstrengung, von Freuden, von Festen, von Weinen und Klagen, vom Kampf tapferer Recken: Davon könnt auch Ihr jetzt Wunderbares berichten hören.)

Im Lauf der Zeit wurde der quälende Aspekt abgemildert, heute kann Arbeit auch leicht sein und Spaß machen. Pfeifer schreibt dazu:

Die positive Bewertung der Arbeit (zuerst bei Luther) vollzieht sich unter dem Einfluß des aufsteigenden Bürgertums und der zunehmenden Entwicklung kapitalistischer Produktionsverhältnisse. Sie entspricht der wachsenden Erkenntnis von der Rolle und Bedeutung der menschlichen Arbeit für die Entwicklung der Gesellschaft. Marx und Engels schließlich bestimmen sie als “eine von allen Gesellschaftsformen unabhängige Existenzbedingung des Menschen”.

Ebenfalls auf *orbh- zurückführbar sind das Erbe (das, was einer Waise gehört) und möglicherweise das Adjektiv arm.

Roboter als menschenähnliche Maschinen sind übrigens schon älter als die Bezeichnung: In der Literatur hat man sie sich lange Zeit vor ihrer Existenz als Automaten ausgemalt, ab dem 18. Jh. gab es erste mechanische 'Menschen', aber auch recht erfolgreiche Fakes. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts nutzte man die Bezeichnung dann vermehrt für neue Maschinen, die so gar nicht mehr nach Menschen aussahen, aber deren Arbeit übernahmen.

  1. Das war übrigens nicht das erste Mal, dass man ein Nomen agentis aus robot erzeugte — für das frühe Nhd. habe ich einen Beleg gefunden, bei dem der Fronarbeiter Robather genannt wird. Der Arme bekommt, wie Dienstboten, Tagelöhner und Bettler, schlechteres Brot:

    Derhalben wird eine sorgfältige Haus-Mutter / in ihrer wolbestellten Wirthschafft / den Unterschied zwischen ihrem Tafel-Brod / und was vor das Gesind / Tagwercker / Robather und Bettler gebachen wird / selbst wol wissen anzuordnen. (1682)

    []

  2. Indogermanische kurze o–Laute wurden systematisch zu germanischen a–Lauten, das sog. octo-acht–Gesetz. []

12 Kommentare

  • Nathalie hat Folgendes geschrieben:

    Das war mal wieder sehr interessant. Vielen Dank dafür!

  • Christoph hat Folgendes geschrieben:

    Sehr interessant!

    Kurze Anmerkung: orphanus ist bereits im Lateinischen Fremdwort, es kommt aus dem Griechischen, vgl. http://www.zeno.org/Georges-1913/A/orphanus.

  • Kristin Kopf hat Folgendes geschrieben:

    Oh, vielen Dank — das hätte man sich aufgrund der Struktur auch irgendwie denken können, hmpf. Ich änder's gleich im Text!

  • Dirk Jäckel hat Folgendes geschrieben:

    Auch im polnischen ist der Robotnik der Arbeiter, Robota die Arbeit.

    Gruss
    Dirk Jäckel

  • klappnase hat Folgendes geschrieben:

    Mir ist im Deutschen als Verb auch schon die Variante "raboten" begegnet, vermutlich abgeleitet vom russischen "работник / работа".

  • Thomas hat Folgendes geschrieben:

    Sehr interessanter Artikel, vielen Dank! Nur eine kleine Anmerkung:

    "… wo direkter Kontakt mit TschechischsprecherInnen bestand. Davon zeugen auch weitere Entlehnungen, z.B. Quark, Schmant, Zeisig, Grenze, Pistole, Haubitze, Halunke und Trabant (ein besonderer Fall ist Schmetterling)."

    Angemerkt sei, dass nicht alle dieser Entlehnungen über das Tschechische gelangt sein müssen, insbesondere Grenze und Quark nicht, die beide üblicherweise aus dem Polnischen hergeleitet werden.
    Erinnert sei in diesem Zusammenhang daran, dass germanisch-slawische Sprachkontakte schon vor der Herausbildung der heutigen Sprachen oder gar Zweige bestanden; so wird z.B. poln./serbisch "©hleb" (Brot) von gotisch (vgl. "Laib") hergeleitet. Außerdem existierten bis weit ins Mittelalter und weit nach Westen hinein elbslawische Gebiete; das Wendland war bis ins 18. Jh. eine solche Sprachinsel. Es ist also etwas irreführend, im Kontext deutsch-slawischer Sprachkontakte nur von Kontakten mit dem Tschechischen zu sprechen.

  • Kristin Kopf hat Folgendes geschrieben:

    Danke für den Hinweis, ich habe hier bewusst etwas vereinfacht, um nicht zu viele Stränge aufmachen zu müssen. Natürlich ist der slawisch-germanische Sprachkontakt insgesamt eine sehr viel komplexere Geschichte.

  • Achim hat Folgendes geschrieben:

    Schönes Ding! Immer wieder spannend, wie unter den Sedimenten des Sprachwandels die gemeinsamen Ursprünge zu Tage treten!

  • […] Das Erbe des Arbeitsroboters: […]

  • Matthias HEine hat Folgendes geschrieben:

    Sehr interessant. Vor allem der etymologische Zusammenhang mit Arbeit und orphan war mir nicht bekannt. Der Capek-Übersetzter Pick war übrigens auch Prager und kannte wahrscheinlich das alte Wort Roboter, das ja bis um 1900 in Rechtstexten noch gebräuchlich war. In meinem Buch und einer "Welt"-Kolumne habe ich mich auch mit dem modernen Wort beschäftigt. Da allerdings nur kurz mit der Etymologie und Vorgeschichte, stattdessen vor allem mit den ideologischen Implikationen (Roboter sind immer die anderen: Kommunisten, Nazis, Asiaten) und der Furcht vor der Moderne, für die der Roboter zur Metapher wurde.

  • […] Das Erbe des Arbeitsroboters – Sprachlog Die Wortgeschichte des Roboters. […]

  • Stefan hat Folgendes geschrieben:

    Interessant, mir war gar nicht bewusst, dass dieser Begriff, der ja — wie die passende ARD-Themenwoche gezeigt hat — ein immer wichtiger werdendes Thema beschreibt, ursprünglich aus dem tschechischen stammt.

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