Meist märchenhaft? Mehr Etymologien (und eine Siegerehrung)

Was zum Beispiel Advent und Akrobat oder Gräte und Grenze miteinander zu tun haben, habe ich vor einer Weile schon geklärt. Seither war bei mir irgendwie zu viel los um die Auflösung des letzten Etymologierätsels zu Ende zu bringen. Auch hinter den noch unbesprochenen Wörtern verbergen sich aber interessante Zusammenhänge (und ein Fehler), die für Nicht-RaterInnen ebenso spannend sind. Nachdem ich sie erhellt habe, kommen wir dann endlich zur Siegerehrung.

Märchen und meist. Das Märchen ist eine Diminutivbildung zu ahd. māri 'Nachricht, Erzählung; Gerücht'. Die heutige Form des Substantivs ist, kaum mehr gebräuchlich, Mär — vielleicht haben Sie den Anfang des Nibelungenlieds noch im Kopf, wie "in alten maeren" viel Wunderbares berichtet wird,((Hier findet sich eine Übersetzung der ersten Strophe.)) oder es weihnachtet bei Vom Himmel hoch, wo "gute neue Mär" gebracht wird. Diese "kleine Erzählung" bezog sich schon früh auf Ausgedachtes, im Gegensatz zur Mär, die lange Zeit Fakt und Fiktion bezeichnen konnte.

Aber um zu meist zu gelangen, müssen wir in die andere Richtung gehen: Das ahd. māri war von einem Verb abgeleitet, māren ‘verkünden, sagen’. An anderen altgermanischen Sprachen können wir sehen, dass es einmal eine speziellere Bedeutung hatte: 'preisen, loben, rühmen, verkünden'. Und von dort ist es semantisch nicht mehr weit zur idg. Wurzel *-, *- ‘groß, ansehnlich’. Dass die auch mehr und seine Steigerungsform meist — anfangs meristo, also wörtlich mehrest — hervorgebracht hat, dürfte niemanden wundern.

Meer und Morast haben beide was mit Wasser zu tun, das macht sie zu offensichtlichen Verwandtschaftskandidaten. Zu offensichtlich? Nein: Am Anfang steht tatsächlich bei beiden Wörtern das indogermanische *mori/mari ‘Meer'. Im Fall von Meer veränderte sich kaum etwas.1 Ganz anders beim Morast: Im Germanischen hatte man neben mari– auch das *marisk- ‘sumpfiges Gebiet’, das irgendwann (wann, ist etwas unklar) vom Meer–Wort abgeleitet wurde. Nun siedelten damals die germanischen Franken und Fränkinnen auf französischsprachigem Gebiet. Sie übernahmen recht bald das lokale Französisch, manche ihrer Wörter hielten sich aber. Darunter dürfte das marisk gewesen sein, das als marois (später marais) ‘Sumpf, Moor’ im Französischen weiterlebte. Vielleicht kommt es Ihnen als Pariser Stadtteil bekannt vor? Das Wort marais hatte irgendwie was — es gelangte später ins Niederländische (heute moeras) und Niederdeutsche (mōras), von wo man es schließlich im 16. Jh. wieder ins Deutsche übernahm (eine "Rückentlehnung"). Man integrierte es dabei gleich ganz gründlich, indem man ihm noch ein -t am Ende verpasste, und fertig war der Morast. (Das machte man damals generell gerne, aus vin sec wurde Sekt, aus saf wurde Saft etc.)

Moral und Wehmut eint das m: Moral kommt vom lateinischen Adjektiv mōrālis ‘die Sitten betreffend’, das wiederum vom Substantiv mōs 'Sitte, Brauch' abgeleitet wurde. Im 16. Jh. gebrauchte man das Wort noch als 'Lehre, die man aus etwas zieht' (die Moral von der Geschicht), im 18. Jh. nahm es die heutige Bedeutung an. Der Mut in Wehmut geht nun gemeinsam mit dem lat. mōs auf idg. *-, *-, *- ‘heftigen und kräftigen Willens sein, heftig streben’ zurück. Die Geschichte von Wehmut selbst ist noch etwas verwickelter, ich verweise mal nach hier.

Stern und Vanessa sind Verwandte neueren Datums: Der Name Vanessa ist wohl eine Kunstbildung von Anfang des 18. Jh. Jonathan Swift (bekannt z.B. durch »Gullivers Reisen«) dachte sie sich für Esther Vanhomrigh aus (vgl. z.B. in diesem Gedicht). Das Van kommt vom Nachnamen, das Ess(a) vom Vornamen. Esther wiederum ist ein alttestamentarischer Name. Wer sich grob mit Sprachfamilien auskennt, wird jetzt die Stirn runzeln: Hebräisch ist ja keine indogermanische Sprache. Es hat die Esther aber auch nicht erfunden, sondern übernommen — von persisch sitareh 'Stern'. Persisch ist indogermanisch, und das Wort lässt sich letztlich auf die Wurzel *ster- zurückführen. Ihr Bezug zu unserem heutigen Stern ist ebenfalls offensichtlich.

Vanille und Vagina haben einen sehr direkten Bezug: Die Vanille stammt von der spanischen vainilla — kein Wunder, stammt die Pflanze doch aus Südamerika. Ende des 17. Jh. tritt das Wort auch im Deutschen auf. Das spanische vainilla ist die Verkleinerungsform von vaina ‘Scheide, Futteral, Hülse, Schote’, was von lateinisch vagīna ‘Schwertscheide, Scheide, Ährenhülse’ stammt. Wer schon einmal Vanillepflanzen gesehen hat, versteht die Benennung der Orchidee und damit auch ihres Gewürzes. Vagina wurde im 18. Jh. aus medizinischen Texten, die zumeist auf Latein waren, ins Deutsche übernommen.

Bei vage und vakant habe ich mich wohl etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt. Sie sind zwar lautlich und semantisch sehr nah aneinander, aber zusammenbringen lassen sie sich nicht: Vage haben wir aus dem Französischen, wo es dem lat. vagus 'umherschweifend, unstet' nachfolgt. Das kommt von der idg. Wurzel u̯əg- 'gebogen sein'. Vakant haben wir Anfang des 17. Jh. direkt aus dem Lateinischen übernommen, wo es wiederum von vacāre ‘leer, frei (von etw.) sein, müßig sein’ abgeleitet wurde. Das stammt seinerseits von vānus 'leer, nichtig', und das möglicherweise von der idg. Wurzel euə- 'mangeln, leer'. Zwischen den beiden besteht dann aber kein Bezug. Da hab ich wohl beim Zusammenbasteln einen Fehler gemacht, das tut mir leid — ich hoffe, die RaterInnen sind daran nicht völlig verzweifelt. (Für die Auslosung habe ich die Lösungen, die die beiden zusammenbringen, trotzdem berücksichtigt.)

Siegerehrung

Es gab 15 vollständige und korrekte Lösungen, die ich chronologisch durchnummeriert habe. Der Random Number Generator hat dann einen Sieger generiert:

16-12-22Das ist Thomas Vesper — ganz herzlichen Glückwunsch! Das gewonnene kleine Etymologicum (übrigens ein ganz exzellentes Weihnachtsgeschenk, falls hier jemand noch Tipps sucht!) schicke ich demnächst los. Auch allen anderen Danke für's Mitmachen, das nächste Rätsel kommt bestimmt!

 

  1. Die Bedeutung blieb, die Form veränderte sich über germ. mari– zu ahd. meri (durch Umlaut) und dann zu mhd. mer(e) (Nebensilbenabschwächung und Apokope), was quasi dem heutigen Meer entspricht. []

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