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Laudatio zum Anglizismus des Jahres 2019: … for Future

Anglizis­mus des Jahres 2019 ist der Phrase­ol­o­gis­mus [… for future], der die Grund­lage für den Namen der von Jugendlichen in vie­len Län­dern getra­ge­nen Kli­maschutzbe­we­gung „Fri­days for Future“ bildet, aber der auch pro­duk­tiv ver­wen­det wird, um all­ge­mein die Kli­mafre­undlichkeit bes­timmter Ver­hal­tensweisen anzudeuten – zum Beispiel, wenn Umweltschut­zor­gan­i­sa­tio­nen ein böller­freies Sil­vester for Future anmah­nen oder unter Feiern for Future Tipps für ein nach­haltiges Wei­h­nacht­en geben, über eine kli­ma­neu­trale Wohnge­mein­schaft mit dem Begriff WG for future berichtet oder unter dem Begriff Grundge­setz for Future ein Ver­fas­sungssta­tus für Nach­haltigkeit gefordert wird.

Diese sprach­lich pro­duk­tive Phraseosch­ablone (wie solche fest­ste­hen­den Redewen­dun­gen mit ein­er frei beset­zbaren Leer­stelle genan­nt wer­den) leit­et sich ab aus dem Namen der eben erwäh­n­ten Kli­maschutzbe­we­gung. Diesen Namen wiederum hat die schwedis­che Aktivistin Gre­ta Thun­berg geschaf­fen, die ihn am 8. Sep­tem­ber 2018 erst­mals als Slo­gan in Form eines Hash­tags in einem Tweet ver­wen­dete:

Skolstrejken fortsätter! After 3 weeks of #schoolstrike for the #climate I will continue. #skolstrejk #climatestrike #klimatstrejk #FridaysForFuture #RiseforClimate #ClimateMarch

Vor- und Frühgeschichte

Eine englis­che Vorgeschichte hat der Aus­druck nicht: Es gibt im Englis­chen keine ähn­lichen Slo­gans oder Namen für Bewe­gun­gen und Bünd­nisse. Das liegt nicht daran, dass man sich im englis­chen Sprachraum nicht um die Zukun­ft küm­mert, son­dern an der merk­würdi­gen gram­ma­tis­chen Form des Slo­gans: Im Englis­chen kön­nen nur nicht-zählbare Sub­stan­tive wie human­i­ty (Habi­tat for Human­i­ty) oder Sub­sta­tive in der Mehrzahl (Nation­al Orga­ni­za­tion for Women) ohne einen Artikel wie the oder a(n)  ste­hen. Da future zählbar ist, braucht es einen Artikel – so wie in den Beze­ichun­gen für Insti­tu­tio­nen wie Resources for the Future, South­ern For­est for the Future und Women for the Future.

Beim Slo­gan „Fri­days for Future“ fehlt der Artikel, was ihn im Englis­chen gram­ma­tisch merk­würdig erscheinen lässt – weshalb englis­chsprachige Medi­en ihn manch­mal stillschweigend zu „Fri­days for the Future“ kor­rigieren.

SKOLSTREJK FÖR KLIMATET

Foto: A. Hell­berg (CC-BY-SA 4.0 Int.)

Für diese merk­würdi­ge gram­ma­tis­che Form ist ver­mut­lich eine gram­ma­tis­che Beson­der­heit von Thun­bergs Mut­ter­sprache Schwedisch ver­ant­wortlich: Der def­i­nite Artikel (der, die das im Deutschen, the im Englis­chen) wird dort als Nach­silbe -en oder -et an das Sub­stan­tiv gehängt: bil “Auto” ~ bilen “das Auto”, träd “Baum” ~ trädet “der Baum”, usw. Das gram­ma­tisch erwart­bare englis­che Fri­days for the future hieße auf Schwedisch freda­gar för framtiden (z.B. hier), wobei die Endung -en eben dem englis­chen the entspricht.Als Thun­berg das Hash­tag #Fri­daysFor­Future prägte, ori­en­tierte sie sich ver­mut­lich an dieser ober­fläch­lich artikel­losen Struk­tur. Dafür spricht auch, dass zwei alter­na­tiv­en englis­chen Namen der Bewe­gung – School Strike for Cli­mate (Aus­tralien) und Youth Strike for Cli­mate (UK) – eben­falls der def­i­nite Artikel fehlt: Bei­de Namen sind direkt an Thun­bergs berühmtes Plakat Skol­stre­jk för Kli­matet angelehnt, wobei die def­i­nite Nach­silbe -et des schwedis­chen Orig­i­nals (kli­mat “Kli­ma” ~ kli­matet “das Kli­ma”) bei der Über­set­zung eben­falls nicht mit über­set­zt wurde.

Jüngere Geschichte

Zunächst benan­nten sich andere Bünd­nisse ana­log zu diesem Namen, wobei sie das Wort Fri­day durch eine Charak­ter­isierung ihrer Mit­glieder erset­zten – z.B. durch Berufs­beze­ich­nun­gen, wie bei den Sci­en­tists for Future, den Stu­dents for Future oder den Omas for Future, oder durch Orts- und Herkun­fts­beze­ich­nun­gen wie Pots­dam for Future, Kaarster for Future oder Bad Zwis­chenahn For Future. Auch iro­nis­che Ver­wen­dun­gen dieser Form und Bedeu­tung find­en sich, wenn z.B. Ver­suche von Parteien, sich als umwelt­be­wusst darzustellen, als Freie Demokrat­en for future oder CDU for Future beze­ich­net wer­den.

Schon hier ist die Form der Sch­ablone [… for Future] klar erkennbar. Eine erste Bedeu­tungser­weiterung erfährt sie durch eine Ausweitung von Bünd­nis­sen auf konkrete Demon­stra­tio­nen, z.B. Fahrrad­kuriere for Future oder den Slo­gan Ten­nis for Future, mit dem ein Ten­nisvere­ins dazu aufrief, vor einem Spiel noch bei der Fri­days-for-Future-Demo mitzu­machen. Inter­es­sant ist hier die Über­schrift Flug­be­gleit­er for Future zu einem taz-Artikel, in dem es um den Streik der Flugblegleiter/innen geht, die damit unab­sichtlich zur Scho­nung des Kli­mas beitra­gen. [… for future] beze­ich­net hier nicht die tat­säch­liche Inten­tion, son­dern eine Neben­wirkung.

Bald wer­den nicht nur Demon­stra­tio­nen mit der Phraseosch­ablone benan­nt, son­dern auch andere umwelt­be­zo­gene Aktio­nen, etwa das Auf­sam­meln von Abfall – Berns­dor­fer Ober­schule for Future und Firm­linge for Future – und Infor­ma­tionsver­anstal­tun­gen zur Nach­haltigkeit – All­t­ag for future und Spiel­mo­bil for future. Im näch­sten Schritt wird die Sch­ablone erweit­ert, um ganz all­ge­mein umwelt­fre­undliche Ver­hal­tensweisen zu benen­nen – Mehrweg for Future, Klei­der­tausch for future, Radeln for Future oder das oben schon erwäh­nte böller­freie Sil­vester for Future. Die Wirtschaft hat die Formel noch nicht auf bre­it­er Ebene für sich ent­deckt, um Pro­duk­te als umwelt­fre­undlich darzustellen – erste Ver­suche sind der Cof­fee for Future eines öster­re­ichis­chen Her­stellers und die Nürn­berg­er Spielzeugmesse Toys for Future.

Allerd­ings gibt es Ver­suche, die Sch­ablone für Zwecke zu kapern, die mit Kli­ma, Umwelt oder Nach­haltigkeit nichts zu tun haben, etwa, wenn der Zen­tralver­band des Deutschen Handw­erks mit dem Slo­gan Handw­erk for Future „junge Men­schen für das Handw­erk zu begeis­tern“ gedenkt oder wenn die FDP mit dem Wahlslo­gan Bil­dung for Future Investi­tio­nen ins Bil­dungssys­tem ver­spricht. Dabei schwingt immer mit, dass die jun­gen Klimaaktivist/innen sich lieber um die genan­nten Dinge als um das Kli­ma küm­mern soll­ten.

Zukunft

Die zunehmende Inte­gra­tion des Aus­drucks for future in die Deutsche Sprache zeigt sich an ersten Verän­derun­gen im gram­ma­tis­chen Ver­hal­ten – der Aus­druck for future löst sich aus der Phraseosch­ablone und tritt als adver­biale Bes­tim­mung mit ver­schiede­nen Wor­tarten auf. Zunächst gibt es Ver­wen­dun­gen, die for­mal noch der Sch­ablone entsprechen, bei denen for future in sein­er Bedeu­tung aber ein­er adver­bialen Bes­tim­mung der Art und Weise entspricht:

(1) Wir brauchen ein Par­la­ment, das Kli­maschutzver­ant­wor­tung übern­immt, eine Poli­tik for Future. (der­Stan­dard, 28.6.2019)

Noch deut­lich­er ist diese Funk­tion dort, wo for future mit Ver­ben auftritt:

(2) Realschü­lerin­nen pflanzen for Future (PNP, 29.10.2019)

(3) Länger tra­gen for Future (HOR­I­ZONT­magazin Mode­mar­ket­ing, 19.06.2019, Seite 3)

(4) Angeket­tet for future (taz, 18.3.2019)

Und sog­ar als eigen­ständi­ges Sub­jek­t­sprädika­tiv kommt die Phrase bere­its vor:

(5) Eine Kli­mak­lage ist auch „for future“ (Tagesspiegel, 31.10.2019)

Fazit

Anglizis­men – das zeigen die Aus­drücke, die wir in den let­zten zehn Jahren in unserem Wet­tbe­werb gekürt haben, immer wieder – über­rollen das Deutsche (und andere Sprachen) nicht, wie eine Naturge­walt. Stattdessen eignen sich die Mit­glieder ganz unter­schiedlich­er Sprachge­mein­schaften englis­ches Wortgut aktiv an und nutzen es für ihre eignen kom­mu­nika­tiv­en Bedürfnisse. Im Falle des Phrase­ol­o­gis­mus [… for future] ist das Bedürf­nis ein glob­ales, und der Schöp­fung­sprozess eben­falls: Eine schwedis­che Mut­ter­sprach­lerin prägt einen englis­chen Slo­gan unter Rück­griff auf gram­ma­tis­che Eigen­heit­en des Schwedis­chen. Dieser Slo­gan wird dann weltweit als Name ein­er Kli­maschutzbe­we­gung aufge­grif­f­en und als Vor­bild für die Namens­bil­dung weit­er­er Bünd­nisse ver­wen­det. Schließlich bildet sich im Deutschen eine Vari­ante mit ein­er Leer­stelle, in die zunächst andere Sub­stan­tive und inzwis­chen auch Ver­ben einge­set­zt wer­den kön­nen, um all­ge­mein ein klimabe­wusstes Han­deln zu beze­ich­nen. Das zeigt, dass die englis­che Sprache längst allen Sprachge­mein­schaften der Welt gehört, die sich hier eine sprach­liche Form geschaf­fen haben, um die Hoff­nung nach ein­er Zukun­ft ohne Kli­makol­laps Aus­druck zu ver­lei­hen – ob das den Sprachpurist/innen und CO2-Apologet/innen nun gefällt oder nicht.

Unwort des Jahres: Anti-Abschiebe-Industrie

Die Sprachkri­tis­che Aktion hat ger­ade das Unwort des Jahres bekan­nt­gegeben: Anti-Abschiebe-Indus­trie (PDF). Nach Volksver­räter (2016), Gut­men­sch (2015), und Lügen­presse (2014) ist damit zum vierten Mal in den let­zten fünf Jahren ein Begriff zum Unwort gewählt wor­den, mit dem Akteure am recht­en Rand Insti­tu­tio­nen und Men­schen kri­tisieren, die sich im Prinzip nur um die Aufrechter­hal­tung rechtsstaatlich­er Prinzip­i­en bemühen.

In diesem Fall war es der CSU-Poli­tik­er Alexan­der Dobrindt, der den Begriff in die öffentliche Debat­te warf, um dem Bemühen um eine recht­skon­forme Behan­dling von Asylbewerber/innen die Legit­im­ität abzus­prechen:

Der Aus­druck unter­stellt den­jeni­gen, die abgelehnte Asyl­be­wer­ber rechtlich unter­stützen und Abschiebun­gen auf dem Rechtsweg prüfen, die Absicht, auch krim­inell gewor­dene Flüchtlinge schützen und damit in großem Maßstab Geld ver­di­enen zu wollen. Der Aus­druck Indus­trie sug­geriert zudem, es wür­den dadurch über­haupt erst Asyl­berechtigte „pro­duziert“. [Pressemit­teilung der Sprachkri­tis­chen Atkion]

Der Begriff fügt sich naht­los in ein all­ge­meines Fram­ing ein, das jeden Ein­satz für Schwächere als Han­deln mächtiger Akteure im Hin­ter­grund darstellt — er ist nicht weit ent­fer­nt von recht­sradikalen Ver­schwörungth­e­o­rien, nach denen schwammig definierte Eliten (die oft von Angela Merkel, den Grü­nen und/oder George Soros ange­führt wer­den) sich bere­ich­ern, indem sie die anges­tammte Bevölkerung des Lan­des durch Geflüchtete erset­zen wollen. Das ist kein Zufall: der Begriff greift direkt das gut etablierte recht­sradikale Schlag­wort der Asylin­dus­trie auf.

Auf bre­it­er Ebene durchge­set­zt hat sich die von Dobrindt pop­u­lar­isierte Wortschöp­fung nicht, aber rechte Parteien, von der AfD bis zur NPD, haben das Wort dankbar aufge­grif­f­en. Dass ein Poli­tik­er ein­er in ihrem Selb­stver­ständ­nis demokratis­chen Partei sich auf diese Weise zum Stich­wort­ge­ber für Recht­sradikale macht — und Dobrindt ist da nicht der einzige –, trägt mehr zur oft beklagten „Ver­ro­hung“ des öffentlichen Sprachge­brauchs bei, als es die Recht­sradikalen alleine jemals kön­nten.

Die Unwort-Jury hat ihre Sache also wieder ein­mal gut gemacht — auch wenn die CSU sich von der Neg­a­ti­vausze­ich­nung, die ihr radikalisiert­er Sprachge­brauch heute erfährt, wohl nicht mäßi­gen lassen wird.

Verwortete Jugend

Das Jugend­wort des Jahres ist i bims, was in der Logik des Wet­tbe­werbs nur fol­gerichtig ist, weil es wed­er ein Wort ist, noch von Jugendlichen ver­wen­det wird. Wie jedes Jahr sind uns auch dies­mal wieder die Aufze­ich­nun­gen aus den Redak­tion­sräu­men des Schlangenei­dt-Ver­lags zuge­spielt wor­den, in denen Ober­lexiko­graf Dr. Will­helm Wortwisper­er und Assis­ten­zober­lexiko­graf Siegfried Sil­ben­säusler das Wort alljährlich küren. (Die geleak­ten Pro­tokolle der ver­gan­genen Jahre find­en Sie hier.)

In den Redak­tion­sräu­men des Wörter­buchver­lags Schlangenei­dt in München.

Anwe­send sind OBERLEXIKOGRAF DR. WILLHELM WORTWISPERER und ASSISTENZOBERLEXIKOGRAF SIEGFRIED SILBENSÄUSLER.

SILBENSÄUSLER. Wortwisper­er, Wortwisper­er!

(STILLE)

SILBENSÄUSLER. Aufgewacht, Wortwisper­er!

WORTWISPERER. Eider­daus, Sil­ben­säusler, wie oft habe ich Ihnen gesagt, Sie sollen mich nicht beim Nach­denken stören!

SILBENSÄUSLER. Par­don, Wortwisper­er, aber ich hat­te just den Herr Direk­tor Schlangenei­dt am Fern­sprechap­pa­rat, er fragt, wo das Jungspund­wort des Jahres bleibt!

WORTWISPERER. Er will schon wieder ein neues? Was passt ihm denn an „knorke“ nicht?

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Unwort des Jahres 2016: Volksverräter.

Die „Sprachkri­tis­che Aktion“ hat ger­ade das Unwort des Jahres 2016 bekan­nt­gegeben: Volksver­räter. Damit set­zt die Jury unter Leitung mein­er Darm­städter Kol­le­gin Nina Janich kon­se­quent die Kri­tik an rechter und recht­es Han­deln ver­harm­losender Sprache fort, die sie 2013 mit dem Unwort Sozial­touris­mus begonnen und sei­ther mit Lügen­presse (2014) und Gut­men­sch (2015) fort­ge­set­zt hat.

Die zunehmende Nor­mal­isierung rechter Inhalte und rechter Sprache im öffentlichen Diskurs ist eine erschreck­ende Entwick­lung und man kann es der „Sprachkri­tis­chen Aktion“ nicht hoch genug anrech­nen, dass sie jedes Jahr aufs neue auf diese Entwick­lung hin­weist.

Volksver­räter ist ein Begriff, der his­torisch schon zwei sprach­liche Kon­junk­tur­phasen hat­te. Zum ersten Mal nimmt seine Häu­figkeit im Sprachge­bauch im ersten Weltkrieg zu und sinkt dann wieder ab, um dann in der Zeit des Nation­al­sozial­is­mus einen sprung­haften und nach­halti­gen Anstieg zu erleben, der in den 1950er und 1960er Jahren langsam wieder nach­lässt.

Die Häu­figkeit­sen­twick­lung liest sich also wie eine Fieberkurve völkischen Denkens in Deutsch­land, und dass das Wort inzwis­chen wieder laut auf der Straße gerufen wird, zeigt, dass die aktuelle, häu­fig als „recht­spop­ulis­tisch“ ver­harm­loste Stim­mung in großen Teilen der Gesellschaft diskur­siv direkt an dieses Denken anschließt.

Wer mehr wis­sen will – ich bin ab 12:10 im Kul­tur­ra­dio des rbb zu Gast, um mit Mod­er­a­tor Frank Rawel und dem Kolum­nis­ten Har­ald Marten­stein über Unwörter all­ge­mein und das Unwort des Jahres im Beson­deren zu disku­tieren. Später bin ich dann noch im Deutsch­landra­dio Kul­tur zu Gast, Details fol­gen.

Wort des Jahres 2016: Postfaktisch

Wenn die Gesellschaft für Deutsche Sprache uns ihre Wörter schickt, schickt sie nicht ihre besten Wörter. Sie schick­en uns Wörter, die viele Prob­lem haben und sie brin­gen diese Prob­leme zu uns. Sie brin­gen wohlfeilen Unfug. Sie brin­gen erfun­dene Wörter. Es sind Wörter, die nie­mand ken­nt. Und einige, ver­mute ich, sind gute Wörter.

Das Wort des Jahres wurde von und für die Chi­ne­sen erfun­den, um die deutsche Sprach­pro­duk­tion wet­tbe­werb­sun­fähig zu machen. Die krim­inelle Gesellschaft für deutsche Sprache hat die Puris­ten­miliz Vere­in Deutsche Sprache gegrün­det. Aber da kann man nichts machen, Obwohl — die Leute der Amtlichen Rechtschrei­bung, vielle­icht gibt es doch etwas. Ich weiß es nicht.

Ich werde ein eigenes Wort des Jahres wählen – und nie­mand wählt Wörter bess­er als ich, glauben Sie mir – und ich wäh­le sie sehr kostengün­stig. Ich werde ein großes, großes Wort des Jahres an unser­er Sprach­gren­ze wählen und ich werde die Lexiko­graphen für dieses Wort bezahlen lassen.

Alle lieben meine Wörter. Ich kön­nte mich auf die Kon­rad-Duden-Straße stellen und jeman­den zutex­ten, und die Leute wür­den mein Wort des Jahres trotz­dem wählen. Wenn es nicht mein Wort des Jahres wäre, würde ich es wahrschein­lich dat­en.

Blogspektrogramm 29/2016

Hur­ra, hur­ra, das Spek­tro­gramm ist wieder da! Heute gibt’s Spracherken­nungssoft­ware, eine Stop­puhr, ein paar Über­set­zung­prob­leme und einen tragis­chen Fall qua­si kollek­tiv­en moralis­chen Ver­sagens in der Lin­guis­tik.

  • Googles automa­tis­che Spracherken­nung ist auf männliche Stim­men hin opti­miert, stellt Rachael Tat­man auf MAKING NOISE & HEARING THINGS fest, und das ist schlecht: »This is a real prob­lem with real impacts on people’s lives. Sure, a few incor­rect Youtube cap­tions aren’t a mat­ter of life and death. But some of these appli­ca­tions have a lot high­er stakes. Take the med­ical dic­ta­tion soft­ware study. The fact that men enjoy bet­ter per­for­mance than women with these tech­nolo­gies means that it’s hard­er for women to do their jobs. Even if it only takes a sec­ond to cor­rect an error, those sec­onds add up over the days and weeks to a major time sink, time your male col­leagues aren’t wast­ing mess­ing with tech­nol­o­gy. And that’s not even touch­ing on the safe­ty impli­ca­tions of voice recog­ni­tion in cars.« Wie das passiert, erk­lärt der Artikel wun­der­bar.
  • Ein kleines Tool zur Mes­sung von Rededauer gibts auf der Sin­gle-Pur­pose-Seite arementalkingtoomuch.com. Lei­der fehlt die Möglichkeit, anzugeben, wie viele Män­ner und Frauen über­haupt am Gespräch teil­nehmen, um den Wert rel­a­tiv berech­nen zu kön­nen, aber in manchen Kon­tex­ten vielle­icht doch brauch­bar.
  • In der SÜDDEUTSCHEN hat sich Jörg Häntzschel (schon vor ein paar Wochen) über­legt, welche Prob­leme sich bei der Über­set­zung von (police) shoot­ing und to shoot ergeben und man kann ihm ein wenig beim Nach­denken zuse­hen: »Nicht ein­mal für das tran­si­tive Verb to shoot gibt es ein Äquiv­a­lent. Im Englis­chen bleibt erst mal offen, was genau die Kugel angerichtet hat. Sie hat das Opfer getrof­fen, Blut fließt — das zählt. Im Deutschen hinge­gen muss man, um den Vor­gang über­haupt beschreiben zu kön­nen, noch bevor der Pul­ver­dampf ver­zo­gen ist, klären, ob das Opfer erschossen oder “nur” angeschossen wurde.«  Manche sein­er Über­set­zung­sprob­leme sind sich­er keine so großen — die deutschen Wörter kön­nen ihre Bedeu­tung ja verän­dern, um auch die englis­che Bedeu­tung mitzuer­fassen, eben dadurch, dass sie in neuen Kon­tex­ten genutzt wer­den, aber das leichte Unbe­ha­gen, das dem voraus­ge­ht, wird hier ganz gut erfasst. (Via @check_live)
  • Rory Car­roll schreibt im GUARDIAN über Genie, ein Mäd­chen, das 1970 im Alter von 13 Jahren das erste Mal in Kon­takt mit der Außen­welt und mit Sprache kam. Der Artikel streift die sprach­wis­senschaftlichen Aspek­te nur, ist aber den­noch (oder erst recht) lesenswert: »Over time, Genie slipped from head­lines – Viet­nam was burn­ing, the Bea­t­les were in the midst of break­ing up – but she retained the atten­tion of sci­en­tists, espe­cial­ly lin­guists. She was a prize spec­i­men for hav­ing grown up with­out lan­guage or social train­ing. Could she now learn lan­guage?«

Revolutionär*innen, die auf Sternchen starren

Die Grü­nen haben am Woch­enende auf ihrer Bun­des­delegiertenkon­ferenz unter anderem beschlossen, in Parteitags­beschlüssen in Zukun­ft verbindlich den Gen­der-Stern (Student*innen, Kindergärtner*innen, Ter­ror­ist*innen) zu ver­wen­den. Angesichts der Empfind­lichkeit, mit der die deutsche Öffentlichkeit auf geschlechterg­erechte Sprache reagiert, wurde diese Satzungsän­derung natür­lich vor, während und nach dem Parteitag in den Medi­en disku­tiert. Die Fron­ten waren dabei vorherse­hbar verteilt: „Gen­der-Gaga“ war der Beschluss z.B. für die Bild (der es dabei nicht nur um die Sprache ging: sie störte sich auch an der Idee von „Extra-Zel­ten für trans­sex­uelle Flüchtlinge“). Der Cicero sah in dem Beschluss ein Zeichen für die „Rück­ver­wand­lung ein­er Partei in eine Krabbel­gruppe“. Und die Ost­thüringer Zeitung kon­nte es sich nicht verkneifen, in ihrer Schlagzeile von „Grün*innen“ zu sprechen. Die taz dage­gen vertei­digt den Beschluss sehr fachkundig, und die Süd­deutsche Zeitung sagt zum Gen­der-Stern „Schön ist das nicht — aber richtig“.

Wer ab und zu das Sprachlog liest, wird ver­muten, dass ich mich hier dem zweit­en Lager anschließen und die Grü­nen für ihren Beschluss loben werde. Diese Ver­mu­tung muss ich aber ent­täuschen – anders als die Süd­deutsche finde ich den Gen­der-Stern schön, aber falsch. Natür­lich stimme ich auch dem ersten Lager nicht zu. Das Prob­lem ist nicht, dass der Beschluss der Grü­nen „Gen­der-Gaga“ ist, son­dern, dass er nicht gen­der-gaga genug ist. Die Grü­nen entwick­eln sich nicht zu ein­er Krabbel­gruppe, sie ver­ab­schieden sich von der weltverän­dern­den Anar­chie, die jed­er Krabbel­gruppe innewohnt. Weit­er­lesen

Blogspektrogramm 48/2015

Was macht ein Artikel aus einem Mann? Was haben Main­stream und Min­der­heit miteinan­der zu tun? Wie kann man den Islamis­chen Staat belei­di­gen? Wie spricht man in der Ukraine? Und was bedeutete schein­bar früher? Fünf Fra­gen, fünf Antworten:

  • Auf ISOGLOSSE macht sich Christo­pher Bergmann Gedanken über Artikelver­wen­dung: Warum find­en sich immer wieder Kon­struk­tio­nen wie Der Mann mag das statt Mein Mann mag das? »Was leis­tet die Ver­wen­dung des Defini­tar­tikels außer­halb von Kon­tex­ten, in denen sowieso klar ist, wer ›der Mann‹ ist? Aus mein­er Sicht eine Infor­mal­isierung des Textes sowie die Erzeu­gung von Nähe. Ich werde als Leser, und sei’s nur für die Dauer ein­er Anek­dote, in den Kreis aufgenom­men, in dem man sich den – kom­mu­nika­tiv gese­hen – über­triebe­nen Aufwand des Pos­ses­si­var­tikels sparen kann, weil auf der Hand liegt ist, wer ›der Mann‹ ist (auch wenn ich, als Leser des Textes, diesen Mann noch nie gese­hen habe oder selb­st nicht mal von sein­er Exis­tenz wusste).«
  • Bet­ti­na Stein­er hat für DIE PRESSE ein kleines Glos­sar zusam­mengestellt, in dem sie Wörter beleuchtet, mit denen Poli­tik gemacht wird — zum Beispiel den Main­stream»Inter­es­san­ter­weise wird stillschweigend voraus­ge­set­zt, dass die Vertreter des Main­streams gar nicht die Mehrheit stellen – ganz im Gegen­teil wird ver­mutet, eine mächtig gewor­dene links­gerichtete Min­der­heit unter­drücke die legit­i­men Äußerun­gen eines ganzen Volkes.«
  • Dass der Islamis­che Staat jet­zt auch hierzu­lande gegen seinen Willen zunehmend Daesh genan­nt wird, haben Sie sich­er mit­bekom­men (z.B. hier) — Alice Guthrie hat für FREE WORD erk­lärt, warum seine Anhän­gerIn­nen das ablehnen:  »So what does Daesh real­ly mean? Well, D.A.E.SH is a translit­er­a­tion of the Ara­bic acronym formed of the same words that make up I.S.I.S in Eng­lish: ‘Islam­ic State in Iraq and Syr­ia’, or ‘لدولة الإسلامية في العراق والشام’ (‘al-dowla al-islaamiyya fii-il-i’raaq wa-ash-shaam’). That’s the full name cho­sen by the organ­i­sa­tion, and – when used in full – it’s def­i­nite­ly how they want to be referred to. […] And so if the word is basi­cal­ly ‘ISIS’, but in Ara­bic, why are the peo­ple it describes in such a fury about it?« (Eine kürzere Erk­lärung auf Deutsch hat DRADIO Wis­sen.)
  • Haben Sie schon ein­mal von Surschyk gehört? Auf POLITICO erk­lärt Vijai Mahesh­wari, was es mit diesem rus­sis­chen Ukrainisch oder ukrainis­chem Rus­sisch auf sich hat: »As Russ­ian became the lin­gua fran­ca of the indus­tri­al­ized cities in Ukraine’s heart­land, peas­ants began mix­ing Russ­ian words into their speech to com­mu­ni­cate with city-dwellers — and a form of Ukrain­ian cre­ole was born. […] the cre­ole lan­guage is expe­ri­enc­ing a revival in the wake of the revanche of the Ukrain­ian lan­guage in the post-rev­o­lu­tion­ary era. As more Russ­ian speak­ers from the cities attempt to speak Ukrain­ian to fit in with the zeit­geist, they unwit­ting­ly end up speak­ing a reverse form of Surzhyk.«
  • Michael Mann weist im LEXIKOGRAPHIEBLOG kurz darauf hin, dass das Gegen­teil von schein­bar mal unschein­bar war.

Blogspektrogramm 40/2015

Wenn voll­mundi­ger Kaf­fee­duft auf früh­herb­stliche Küh­le trifft, wenn im Hin­ter­grund san­fte Klavierk­länge aus dem Radio mit dem son­ntäglichen Glock­en­geläut um die Wette bim­meln, wenn das Rascheln der aus­ge­le­se­nen Aus­gabe Ihrer Wochen­zeitung ver­s­tummt ist, dann wis­sen Sie: es ist Zeit für die zuver­läs­sig­ste Linksamm­lung der Welt. Und wer eben am Früstück­stisch mal wieder über das Genus von Nutel­la gestrit­ten hat: die Spek­tro­gramm­redak­tion hat da was für Sie.

  • Let­zte Woche haben wir was zu hä? ver­linkt. Diese Woche geht’s um die Füller uh und um und er und erm — und Ari­ka Okrents erk­lärt auf MENTAL FLOSS, was es mit dem Unter­schied zwis­chen Amerikanis­chem (uh/um) und Britis­chem Englisch (er/erm) auf sich hat.
  • Ari­ka Okrent war diese Woche auch auf RADIO WEST zu Gast zum The­ma „Erfun­dene Sprachen“.
  • Ach, Sie glauben, die Frage um das Nutel­la oder die Nutel­la sei emo­tion­al sehr aufwüh­lend? Dann klick­en Sie sich mal durch dieses Som­mer­loch. (Ver­mut­lich ist „Enthül­lung von Fer­rero“ das neue „Langeweile in der Prak­tikumsabteilung bei BUZZFEED“.)
  • In Deutsch­land machen Standesämter ab und an Schlagzeilen, wenn sie bekan­nt­geben, welche Namen Eltern ihren Kindern geben wür­den — wenn Sie dürften. Aber damit sind deutsche Beamte nicht allein.
  • Karte der Woche: „zwei“ in der Indoeu­ropäis­chen Sprach­fam­i­lie.

Blogspektrogramm 38/2015

Her­zlich Willkom­men zum son­ntäglichen Bil­dungs­fernse­hen in schriftkul­tureller Rein­form. Heute sind wir das größte Sam­mel­beck­en sprach­lich­er Lecker­bis­sen aus Lexiko­grafie, Migra­tion, Inter­net­sprache und der Lin­guis­tik auf Star­bucks­bech­ern. Enthält wie jede gute Nachricht­ensendung auch den Wet­ter­bericht.