Archiv der Kategorie: Hinweise

Blogspektrogramm 2/2016

Neues Jahr, frische Links! In den Redak­tions­büros des Spek­tro­gramms wird derzeit ganz emsig an Dis­ser­ta­tio­nen gebastelt, aber ab und an rutscht dann halt doch ein Link in unseren Wahrnehmungs­bere­ich. Kurz: jet­zt ist die Hoch­phase der Wörter­wahlen, und auch son­st bleibt alles beim Qual­itätsver­sprechen: Emoji(s), Phrasendrescherei & Neusprech, Klas­sik­er des Yoda-Sprech und eine Dialek­tkarte der mod­er­nen Art. Viel Spaß!

Blogspektrogramm 51/2015

Und hier unsere Links der (let­zten) Woche(n): Um welche Art von Sprache ging es eigentlich bei der Ich­habpolizei-Debat­te? Warum sind Punk­te in Textnachricht­en so bedeu­tungss­chwanger gewor­den? Was assozi­iert man so mit dem Wort Flüchtling? Nach welchen Kri­te­rien wählt man in Öster­re­ich das Jugend­wort des Jahres? Und was stellt Migra­tion eigentlich mit Sprache an?

  • In der ZEIT analysiert David Hugen­dick die Debat­te um Jan Böh­mer­manns »Ich hab Polizei« aus, unter anderem, sozi­olin­guis­tis­ch­er Per­spek­tive: »[D]ie Sprache [ist] nicht bloß soziokul­tureller Herkun­ft­snach­weis: Es ist eine arti­fizielle Schöp­fung. Wom­öglich überse­hen das Böh­mer­manns Kri­tik­er, wenn sie sagen, er ver­al­bere nicht bloß Haft­be­fehls Sprach­duk­tus, son­dern damit auch das soge­nan­nte Kanak-Deutsch ein­er Min­der­heit. Es sei gewis­ser­maßen Klassenkampf von oben, in dem ein­er ohne­hin schon minoritären Gemein­schaft und ihrer als authen­tisch zugeschriebe­nen Aus­drucks­form des Gang­ster­raps wieder ihr sozialer und kul­tureller Platz zugewiesen werde. Diese Argu­men­ta­tion birgt mehrere Denk­fehler.«
  • Warum kom­men Punk­te am Ende von Textnachricht­en nicht gut an? Ana­tol kom­men­tiert für DEUTSCHLANDRADIO KULTUR eine aktuelle Studie von Celia Klin: »Wer am Ende ein­er Textnachricht einen Punkt set­zt, wirkt auf den Empfänger borniert und unaufrichtig. Das hat eine amerikanis­che Studie her­aus­ge­fun­den. Die Forsch­er kon­sta­tieren: Satzze­ichen haben eine sym­bol­is­che Eigen­dy­namik entwick­elt.«
  • Dass Flüchtling das Wort des Jahres ist, haben Sie sich­er mit­bekom­men — das FREIE RADIO hat sich mit Ana­tol darüber unter­hal­ten, welche Assozi­a­tio­nen es her­vor­ruft: »Wenn Sie sich so’n Wort wie Asy­lant anguck­en, das ein­deutig neg­a­tiv behaftet ist, dann sehn Sie, dass das mit so Wörtern wie ille­gal und krim­inell und so vorkommt, über­durch­schnit­tlich häu­fig, und das ist bei dem Wort Flüchtling eben nicht der Fall, das kommt mit ganz neu­tralen Wörtern in ganz vie­len ver­schiede­nen Zusam­men­hän­gen vor.«
  • Auch in Öster­re­ich gab’s kür­zlich Wörter­wahlen, der ORF berichtet, darunter ein Jugend­wort, das tat­säch­lich in Gebrauch sein soll: »Das Jugend­wort „zach“, ein echter „Aus­tri­azis­mus“, sei derzeit unter Jugendlichen stark in Ver­wen­dung. „Seine ursprüngliche Bedeu­tung ‚zäh‘ wurde mas­siv erweit­ert, sodass es heute jede Art Neg­a­tives meint und damit für alles ver­wen­det wird, was müh­sam, schwierig, prob­lema­tisch usw. ist“, so die Jury.«
  • Was tut Migra­tion mit Sprache? Für THE ATLANTIC beschäftigt sich John McWhort­er mit Mul­ti­eth­nolek­ten wie Kiezdeutsch, aber auch Black Eng­lish in den USA und Sha­ba Swahili im Kon­go: »If an adult immi­grates to Ger­many, chances are that his or her Ger­man will always be imper­fect. A lan­guage that, like Ger­man, forces you to remem­ber that forks are fem­i­nine, spoons are mas­cu­line, and knives are neuter seems designed to resist any­one speak­ing it well if they learn it after ado­les­cence. On the oth­er hand, that immigrant’s chil­dren, grow­ing up amid native Ger­man-speak­ers, will like­ly be able to speak per­fect Ger­man. But they might also speak some­thing else.«

Blogspektrogramm 47/2015

Das Spek­tro­gramm ist heute so voll­gepackt, dass alle Son­ntagspläne offiziell gestrichen sind. The­ma­tisch haben wir diese Aus­gabe über­wiegend auf Jugend­wort, Sprach­bilder, Ost- und West­deutsch sowie das Grundge­setz konzen­tri­ert. Enste­hungs­geschichtlich ist es vor­bildlich­es Team­work: Ana­tol und Kristin haben in mühevoller Recherc­hear­beit Links gesam­melt, Susanne hat sie for­matiert und sah­nt jet­zt die Lor­beeren ab. Höhö!

Blogspektrogramm 46/2015

Zum heuti­gen Früh­sprach präsen­tieren wir den Kessel buntes mit Links zur Sprachver­ro­hung im öffentlichen Diskurs, Aus­tralis­chem Akzent & Alko­hol (Nach­trag), Hal­loween, einem Lexikome­ter und ein­er Metaein­sicht in die Arbeitsweise des Sprek­tro­gramm-Teams im Jahr 2015. Schö­nen Sprach­tag!

Blogspektrogramm 45/2015

Willkom­men zum Sonn- und Feiertagsspe­cial des Spek­tro­gramms! Wir bieten heute das N-Wort, die Dig­i­tal­isierung, Sternchen und Bin­nen-I, nüchterne Aus­tralierIn­nen, Meta­phern und Kinder­fehler:

  • Im aktuellen MERKUR gibt’s zwei sprachre­flek­tierende Texte, die wir unser­er Leser­schaft ans Herz leg­en wollen (und einen drit­ten, inter­es­sant klin­gen­den, der aber was kostet und daher nicht test­ge­le­sen wurde). Matthias Dell denkt über das N-Wort bei »Hart aber fair« nach (Pdf): »Es gibt, selb­st für deutsche Poli­tik­er und Jour­nal­is­ten, keine »natür­lichen« Sit­u­a­tio­nen, in denen das N-Wort ver­wen­det wer­den kön­nte, es braucht Vor­wände, um es wieder und wieder zu sagen. Plas­bergs Sendung spielt in dieser Per­spek­tive eine unrühm­liche, wenn nicht zynis­che Rolle, insofern sie den Raum für Her­rmanns Fehlleis­tung ein­richtet.« (Via @texttheater)
  • Kathrin Pas­sig und Aleks Scholz ver­fol­gen in der­sel­ben Aus­gabe den Begriff Dig­i­tal­isierung durch die Zeit (Pdf): »In den sechziger und siebziger Jahren waren Beze­ich­nun­gen wie Automa­tion, Automa­tisierung und Robo­t­er­isierung üblich, in den Achtzigern und Neun­zigern hieß das Geschehen Com­put­er­isierung. Für die Verän­derun­gen der let­zten drei Jahrzehnte gibt es nicht genug Begriffe, die auf -ung enden: der Über­gang von Offline zu Online; der vom Netz als Nach­schlagew­erk zum Netz, das soziale Beziehun­gen abbildet; das Ver­schwinden von physis­chen Gegen­stän­den als Aufen­thalt­sorten für Kul­turgüter; der Über­gang vom sta­tionären zum mobilen Inter­net; der allmäh­liche Rück­gang der Prax­is, an Com­put­ern erzeugte Inhalte auf Papi­er zu druck­en und ana­log weit­erzu­ver­wen­den; der Umgang mit sehr großen statt nur mit­tel­großen Daten­men­gen, der Über­gang von bish­er schweigsamen zu kom­mu­nizieren­den Geräten.«
  • Im TAGESSPIEGEL plädiert Anna Dom­browsky für geschlechterg­erechte Sprache: »Kein Wun­der, dass Gen­dern noch für Diskus­sio­nen sorgt. Ist ja auch unan­genehm, dass dich das Lesen eines gegen­derten Textes auf die Ungle­ich­heit­en im All­t­ag aufmerk­sam macht und die Debat­te in dein Bewusst­sein zurück­bringt. Dass du früher oder später noch andere Ungerechtigkeit­en erkennst. Das Gute am Gen­dern: Es kostet nichts und verän­dert einiges. Näm­lich unser Bewusst­sein.«
  • Diese Woche wurde behauptet, aus­tralis­ches Englisch sei, wie es ist, weil man in Aus­tralien immer betrunk­en war und außer­dem stimme da irgend­was im Hirn nicht. FULLY (SIC) knöpft sich diesen jour­nal­is­tis­chen Unfall vor und zitiert Leute, die sich ausken­nen: »Derid­ing dif­fer­ences in how some folk speak Aus­tralian Eng­lish as “speech imped­i­ments” is absurd and to sug­gest they are indica­tive of “infe­ri­or brain func­tion­ing” belies a breath-tak­ing lev­el of cul­tur­al self-hatred, as does the absolute­ly aston­ish­ing claim that alco­hol con­sump­tion, his­tor­i­cal or oth­er­wise, is some­how impli­cat­ed.«
    (Zum sel­ben The­ma auch Clem Bas­tow im Guardian.)
  • Meta­phern sind über­all! Lib­by Brooks stellt im GUARDIAN ein Pro­jekt vor, das sie für das Englis­che sam­melt: »“[…] metaphor­i­cal think­ing under­lies the way we make sense of the world con­cep­tu­al­ly. It gov­erns how we think and how we talk about our day-to-day lives.” For exam­ple, when we describe a “healthy econ­o­my” or a “clear argu­ment”, we are map­ping from one domain of expe­ri­ence that is quite con­crete, such as med­i­cine or sight, onto anoth­er domain that is rather more abstract, in this case finance or per­cep­tion, and thus ben­e­fits from metaphor­i­cal expla­na­tion. Ander­son adds that the main con­clu­sion of the map­ping exer­cise is “just how per­va­sive metaphor is”.« (Pro­jek­t­seite)
  • Auf MENTAL FLOSS hat Ari­ka Okrent Fehler zusam­menge­tra­gen, die Kinder beim Spracher­werb machen — und erk­lärt, was dahin­ter­steckt:  »Lit­tle kids make such cute mis­takes when they talk. We know they’re still learn­ing the lan­guage, so we tol­er­ate their errors and chuck­le at how fun­ny they sound. Behind that chuck­le is the assump­tion that the kids are get­ting it wrong because they just don’t know the rules yet. In fact, kids’ mis­takes show they know a lot more about the rules than we think. The mis­takes are evi­dence of very smart hypothe­ses the kids are form­ing from the lim­it­ed data they’ve been giv­en so far.«

Blogspektrogramm 44/2015

Was kön­nten Sie mit der geschenk­ten Stunde an diesem Herb­st­son­ntag anstellen? Sie freuen sich jet­zt ver­mut­lich erst­mal n Wolf, weil die beste Linksamm­lung der WeltTM wieder (fast) pünk­tlich erscheint. Für die Lehre danach haben wir fol­gende Vorschläge im Ange­bot:

Blogspektrogramm 43/2015

Da ist es wieder, das Spek­tro­gramm! Faul­heit und widrige Inter­netver­hält­nisse haben sein Erscheinen lei­der zweimal ver­hin­dert, Links gesam­melt haben wir aber die ganze Zeit wie ver­rückt. Also, viel Spaß beim Lesen (außer Sie haben eine schlechte Inter­netverbindung oder sind faul)!

  • Der KURIER hat für eine Sprachkri­tik zum Flüchtlings­diskurs mit Exper­tIn­nen gesprochen: »Aber nicht nur die “Flut nach West­en”, wie kür­zlich die Süd­deutsche Zeitung die hohe Anzahl an ein­reisenden Flüchtlin­gen betitelte und Stun­den später in eine “Flucht nach West­en” änderte, ste­ht im Mit­telpunkt des Asyld­iskurs­es. Meta­phern wie “Fes­tung Europa”, “Gren­zjäger” in Ungarn oder “Neuer Eis­ern­er Vorhang” prä­gen eben­so die Frage, wie man sich vor Flüchtlin­gen “schützen” soll. “Dieser Sprachge­brauch impliziere”, so Wodak, “dass es einen gewalt­samen Krieg zwis­chen Flüchtlin­gen und Europa gäbe. Europa soll qua­si von bewaffneten Flüchtlin­gen ein­genom­men wer­den.”« (Achtung, der Artikel sieht durch die dazwis­chengeschobe­nen Link-Blöcke dauernd so aus, als sei er schon fer­tig, ist aber recht lang.)
  • Im LEXIKOGRAPHIEBLOG hat Michael Mann kurz über das Wort Pfef­fer­minzmilch nachgedacht — das zeigt näm­lich gle­ich drei Laute, die das Deutsche hat, die meis­ten eng ver­wandten Sprachen aber nicht.
  • DER STANDARD hat sich knapp mit Emo­ji und Sprache befasst.
  • Ship­ping — sich sehn­lich wün­schen, dass zwei (meist fik­tive) Per­so­n­en ein Paar wer­den — hat eine inter­es­sante Benen­nung­sprax­is aus­gelöst, bei der  die Namen in einem Wort miteinan­der ver­schmelzen (z.B. kön­nten sich Fred Feuer­stein und Emma aus dem gle­ich­nami­gen Austen-Roman zu Frem­ma verbinden). Auf THE TOAST stellt Gretchen McCul­logh eine wis­senschaftliche Studie zu solchen Namen vor und erk­lärt, warum sie für die Lin­guis­tik inter­es­sant sind: »[…] ship names are part of a broad­er phe­nom­e­non of blends in Eng­lish, from Lewis Carroll’s slithy (slimy and lithe) to why we have brunch and smog rather than leck­fast and foke. But peo­ple don’t actu­al­ly go around cre­at­ing blends all that often — one delight­ful study of Eng­lish blends looked at 63 of them […]. But while 63 is quite a large cor­pus when it comes to real-life blends, it’s noth­ing when it comes to fan­dom: there’s more than that in ship names from the cast of Glee alone.«
  • Und wir schließen mit noch mehr Namen: James Chet­wood fragt sich auf WORDS, NAMES AND HISTORY, wie es zur Benen­nung von Sport­sta­di­en kommt und welche Rolle Spon­soren dabei spie­len: »Some names bare­ly adhere to the basic rules of nam­ing. Lan­cashire and Durham crick­et clubs now have grounds called Emi­rates Old Traf­ford and Emi­rates Durham. They don’t even sound like names! They are a bunch of words that don’t go togeth­er and don’t cre­ate any­thing name-like. Is Emi­rates describ­ing Durham — or the oth­er way round? I have lit­er­al­ly no idea. Even small, ama­teur club grounds now often bear the incon­gru­ous names of local busi­ness­es. I cur­rent­ly play crick­et at Sandy­gate Wan­dis­co and reg­u­lar­ly play against a team whose ground is called The Life Skills Bowl, regard­less of the fact that the ground is rec­tan­gu­lar and gen­er­al­ly boasts play­ers with very few life skills.«

Blogspektrogramm 39/2015

Heute im Spek­tro­gramm: Migra­tion, Flüchtlings»wellen«, Kevin, Chan­tal und Lil­ly, Ms und Mx, Hä? und Huh? und warum ein Men­sch und eine Flasche sich gar nicht so sehr unter­schei­den.

  • Für den STANDARD.AT hat Ana­tol eine kleine Sprachkri­tik zu wer­tenden und poten­ziell neu­tralen Wörtern für Men­schen, die in Europa Asyl beantra­gen, geschrieben: »Die Belei­di­gung liegt natür­lich nur im Auge des Betra­chters, der zwis­chen legit­i­men und ille­git­i­men, erwün­scht­en und uner­wün­scht­en, zu uns gehöri­gen und frem­den Flüchtlin­gen unter­schei­den möchte. Wir kön­nten von dieser Unter­schei­dung ablassen und akzep­tieren, dass Men­schen das selb­stver­ständliche Recht haben, frei von Angst, Hunger, Krieg und Ver­fol­gung zu leben, und dass sie dieses Recht unter anderem durch Ortswech­sel zu erre­ichen ver­suchen. Aus dieser Sicht würde es sich vielle­icht anbi­eten, das Wort “Migrant” als neu­trale Beze­ich­nung zurück­zuer­obern.«
  • Wenn er mit Medi­en redet, dann gründlich, also gab es diese Woche auch ein Inter­view mit BAYERN 2 zur Materie, mit ein­er wun­der­baren Zusam­men­stel­lung von O-Tönen am Anfang: »Das Prob­lem ist ja, dass das Wort Flüchtlingskrise so sehr stark die Krisen­haftigkeit der Gruppe, die dort nach Europa drängt, anlastet. Man kön­nte ja auch von ein­er Schlecht-vor­bere­it­et-sein-Krise sprechen, das wäre vielle­icht objek­tiv richtiger […]«
  • Anfang der Woche fand außer­dem die alljährliche Mainz­er Namen­ta­gung statt, dies­mal ein Crossover von Namen­forschung und Sozi­olo­gie. Mit der FAZ sprach Damaris Nübling in diesem Zusam­men­hang all­ge­mein über Vor­na­men und ihre soziale Bedeu­tung,  bei der SZ geht sie etwas weit­er in die Tiefe.
  • Wir haben ja schon vor zwei Wochen ver­linkt, dass OxfordDictionaries.com einen Ein­trag für Mx angelegt hat, ein­er geschlecht­sneu­tralen Anre­de­form. Lau­rie Pen­ny zieht im NEW STATESMAN Par­al­le­len zur Ein­führung von Ms in den 70ern und ruft dann zum Gebrauch der neuen Form auf: »We can only become what we can imag­ine and we can only imag­ine what we can artic­u­late. That’s why lan­guage mat­ters to our lives; that’s why lit­tle changes in gram­mar and vocab­u­lary can affect the entire archi­tec­ture of our polit­i­cal imag­i­na­tion. Today, sign­ing “Mx” on an appli­ca­tion form or an elec­tric­i­ty bill is an act of lin­guis­tic rebel­lion but, tomor­row, it could be ordi­nary. And that is how you change the world.«
  • Einen der diesjähri­gen Ig Nobel-Preise haben drei Lin­guis­ten bekom­men: Für Forschung zu Hä? und seinen Äquiv­a­len­ten in anderen Sprachen. Zum The­ma gibts übri­gens eine schön gemachte Inter­net­seite (Englisch) und einen schon älteren Artikel von Ari­ka Okrent (Englisch).
  • Und zum Schluss noch was zu Guck­en: THE LING SPACE erk­lärt im Video (Englisch), wie Ton­wellen entste­hen — und dass ein Men­sch sich gar nicht so sehr von ein­er Flasche unter­schei­det.

Blogspektrogramm 36/2015

Son­ntagskaf­fee getrunk­en? Dann ist jet­zt höch­ste Zeit für eine gemütliche Leserunde mit einem komis­chen Buch­staben, besorgten Leuten, Baby­na­men, dem Inter­net anno 2000 und Wörter­buchgeschicht­en.

  • Ein ÿ mit Punk­ten drauf? Die GFDS weiß, woher’s kommt und wann es benutzt wurde: »Beson­ders im 16. und 17. Jahrhun­dert, in der Renais­sance und im Barock, sind Schreib­weisen wie zwaÿ, Maÿ, Julÿ, Kaÿs­er oder seÿn zu find­en, sel­tener einige für unser heutiges Sprachge­fühl selt­sam anmu­ten­den Schrei­bun­gen wie wÿr (›wir‹). In dieser Zeit wur­den auch Ort­sna­men oder Namen von Regio­nen wie z. B. Steÿr, Tÿrol und Kÿburg oft mit ÿ ver­schriftet«
  • Wenn besorgte Men­schen sich irgend­wo äußern, dann sind das zunehmend Men­schen­feinde, stellt Mar­tin Haase auf NEUSPRECH fest: »Wer besorgt ist, macht sich Gedanken und will möglicher­weise sog­ar etwas zum Pos­i­tiv­en verän­dern. Jedoch wird b. lei­der auch in einem ganz anderen Kon­text ver­wen­det: als Euphemis­mus für frem­den­feindlich, ras­sis­tisch oder schwu­len­feindlich: b.-e Bürg­er protestieren gegen Flüchtlinge, b.-e Anwohn­er gegen Flüchtling­sun­terkün­fte in ihrer Nähe, wobei nicht sich­er ist, ob alle „Anwohn­er“ wirk­lich dort wohnen, wo sie protestieren. Worum sie sich eigentlich sor­gen, bleibt eben­so unklar. Um das Schick­sal der Flüchtlinge jeden­falls nicht.«
  • Deb­o­rah Cameron sieht sich auf LANGUAGE: A FEMINIST GUIDE an, welche Ruf­na­men Kinder momen­tan in Großbri­tan­nien bekom­men – und wirft einen Blick auf ihre Geschlechts­markierung: »In the ear­ly 20th cen­tu­ry ‘Dana’, ‘Mar­i­on’, Sta­cy’ and ‘Tra­cy’ were all androg­y­nous; but as they became more pop­u­lar with the par­ents of daugh­ters, they fell out of favour with the par­ents of sons. As a result, they have all become girls’ names. There are no exam­ples of a name mov­ing in the oth­er direc­tion, and this reflects the basic fem­i­nist insight that gen­der isn’t just a dif­fer­ence, it’s a hier­ar­chy.«
  • Gretchen McCul­loch hat in ihrer Jugend Stilempfehlun­gen von Wired gele­sen, die sie in ihrem Umgang mit Sprache nach­haltig geprägt haben — jet­zt hat sie sich eine alte Buchaus­gabe davon gekauft und ihr (Wieder-)Leseerlebnis für THE TOAST fest­ge­hal­ten: »The thing that stuck in my mind about the Wired style guide was the atti­tude. I’d read oth­er usage guides […] But while Strunk & White and their inher­i­tors con­sid­ered them­selves the last thing stand­ing between The Eng­lish Lan­guage and Mor­tal Per­il, Wired Style said, essen­tial­ly, No. We’re not the guardians of tra­di­tion, we’re a for­ward-fac­ing tech pub­li­ca­tion, and it’s essen­tial for us to be on the van­guard of lin­guis­tic change. Hyphens will drop even­tu­al­ly, so let’s drop them now; cap­i­tals will even­tu­al­ly de-cap­i­tal­ize, so let’s low­er­case as soon as the oppor­tu­ni­ty presents itself.«
  • Wörter­büch­er enthal­ten nicht nur Wörter, son­dern auch Sätze — und aus denen baut Jez Bur­rows auf DICTIONARY STORIES Kurzgeschicht­en: »Almost every word you’ll find in the dic­tio­nary will be accom­pa­nied by an exam­ple sen­tence. These sentences—researched and writ­ten by fear­less lexicographers—are intend­ed to demon­strate the most prob­a­ble usage of a word, in order to help you use it cor­rect­ly. All the sto­ries col­lect­ed here are writ­ten entire­ly using exam­ple sen­tences from the New Oxford Amer­i­can Dic­tio­nary, with noth­ing added except some punc­tu­a­tion to piece them togeth­er.« Für das Deutsche wurde so etwas auch gele­gentlich schon unter­nom­men, allerd­ings nicht zum Spaß, son­dern als Gesellschaft­skri­tik (z.B. Luise Pusch: Das DUDEN-Bedeu­tungswörter­buch als Triv­ial­ro­man).

Blogspektrogramm 35/2015

Nach­dem sich let­zte Woche gezeigt hat, dass der Vorspann, den wir übri­gens deshalb schreiben müssen, damit sich die Ini­tiale nicht unschön auf das Lay­out auswirkt, doch gele­sen wird, denke ich grade darüber nach, dass dieser Satz sich exzel­lent dazu eignen würde, das Mys­teri­um unter- und über­ge­ord­neter Sätze mit meinen Studieren­den zu besprechen. Doch zu Nahe­liegen­derem: Diese Woche hat unser Spek­tro­gramm schwammige Leis­tungs­bere­iche, gener­ische Fem­i­ni­na, Mut­ter­sprach­förderung, englis­che Sprachgeschichte und unbe­merk­te Laute an Bord!

  • Auf NEUSPRECH analysiert Mar­tin Haase, warum man lieber “im Leis­tungs­bere­ich etwas tut” als “Mit­tel kürzt”: »Dass Poli­tik­er etwas tun kön­nen und auch soll­ten, ist unstrit­tig. Im obi­gen Zitat von Innen­min­is­ter Thomas de Maiz­ière ist allerd­ings nur aus dem Kon­text zu erken­nen, was er tun will: Asyl­be­wer­bern sollen Leis­tun­gen gekürzt wer­den.«
  • Lalon Sander hat aus­pro­biert, wie TAZ-LeserIn­nen reagieren, wenn ein Artikel im gener­ischen Fem­i­ninum geschrieben ist: »Die Diskus­sion darum hat jeden­falls deut­lich mehr Zeit gekostet, als ich brauchte, um den Text so zu schreiben. Und die paar­mal fünf Buch­staben mehr haben viel weniger Platz im Inter­net ver­schwen­det, als die vie­len lusti­gen Plä­doy­ers verun­sichert­er Män­nern dafür, alles doch ein­fach so zu lassen, wie es ist.«
  • Har­ald Clah­sen hat mit den POTSDAMER NEUSTEN NACHRICHTEN ein bißchen darüber gesprochen, dass es wichtig ist, Kinder von Asyl­be­wer­berIn­nen auch in ihren Mut­ter­sprachen zu unter­richt­en: »Ich halte es für einen Fehler, sich im Bil­dungs­bere­ich nur auf die deutsche Sprache zu konzen­tri­eren, es darf aber auch nicht ver­nach­läs­sigt wer­den. Kindern – beispiel­sweise von ara­bisch sprechen­den Asyl­be­wer­bern – wird die Chance ver­wehrt, mehrsprachig aufzuwach­sen.«
  • Wo kommt das Englis­che her? Claire Bow­ern erklärt’s im TED-ED-Talk, auch das Deutsche hat einen kurzen Gas­tauftritt. (Bish­er lei­der keine deutschen Unter­ti­tel ver­füg­bar.)
  • In THE WEEK wirft James Har­beck einen Blick auf Laute des Englis­chen, die von den SprecherIn­nen gar nicht so recht bemerkt wer­den: »It’s not sim­ply that there are some sounds we don’t make in Eng­lish. It’s that there are sounds we actu­al­ly make, but we think they’re the same as some oth­er sounds. Here’s your guide to some pairs of sounds that oth­er lan­guages treat as dif­fer­ent sounds, but we in Eng­lish treat as the same — and may not even hear the dif­fer­ence.« Zwei der erwäh­n­ten Phänomene gibt es im Deutschen auch: Die Aspi­ra­tion und den Glot­tisver­schlus­slaut, wobei let­zter­er bei uns an ganz anderen Stellen auf­taucht als im Englis­chen — aber eben­so unbe­merkt.