Funktioniert das Gendersternchen (und wie)?

Von Anatol Stefanowitsch

Das Gen­der­sternchen wird in den Medi­en meis­tens im beliebten Pro-/Kon­tra-For­mat abge­han­delt, wobei die „Pro“-Position immer „Für’s Gen­dern“ und die „Kontra“-Position „Gegen das Gen­dern“ ist. „Gen­dern“ wird dabei mit dem Gen­der­sternchen (oder manch­mal noch dem Gen­der­dop­pelpunkt) gle­ichge­set­zt, und es wird so getan, als gin­ge es bei diesem The­ma haupt­säch­lich um eine Meinungssache.

Das ist aus vie­len Grün­den ärg­er­lich, von denen die für das Pro-/Kon­tra-For­mat typ­is­che „False Bal­ance“ noch der ger­ing­ste ist. Es ist ärg­er­lich, weil dadurch die vie­len Fra­gen ver­drängt wer­den, die es im Rah­men der grundle­gen­den Verän­derun­gen im Sprachge­brauch, die wir im Bere­ich Gen­der seit eini­gen Jahren beobacht­en, zu stellen und zu disku­tieren gäbe.

Eine wichtige Frage ist, ob und wie die ver­schiede­nen For­men, die derzeit prak­tiziert wer­den, psy­cholin­guis­tisch wirken – wie sie also unsere Inter­pre­ta­tion des Gesagten bee­in­flussen. Zu dieser Frage gibt es für das Gen­der­sternchen nun erste Dat­en, die – soweit ich sehen kann – bish­er nicht sehr bre­it wahrgenom­men oder disku­tiert wor­den sind.

Die Studie benutzt eine Ver­sion eines Assozi­a­tion­stest, den die Psy­chologin­nen Dag­mar Stahlberg, Sabine Sczes­ny und Friederike Braun im Jahr 2001 erst­mals ver­wen­det haben. Bei diesem Test wer­den Ver­suchsper­so­n­en gebeten, bekan­nte Mit­glieder bes­timmter Per­so­n­en­grup­pen zu nen­nen (Musikschaf­fende, Roman­fig­uren, schaus­pielerisch tätige Men­schen, Sport­treibende, in der Poli­tik tätige Men­schen, Fernsehmod­erierende). Entschei­dend ist im Forschungs­de­sign dann, mit welch­er Form diese Gruppe präsen­tiert wird – z.B. im „gener­ischen“ Maskulinum (Musik­er), in der Dop­pelform (Musik­er und Musik­erin) oder eben auch inno­v­a­tiv­en For­men. Die Antworten lassen sich dann daraufhin ver­gle­ichen, wieviele Män­ner, Frauen oder non-binäre Per­so­n­en genan­nt wer­den – ein Hin­weis darauf, wie die Form inter­pretiert wurde. (Wer die detail­lierte Diskus­sion der Stu­di­en nicht lesen will, kann zum Abschnitt „Diskus­sion“ springen!)

Stahlberg, Sczes­ny und Braun testeten in ihrer ersten Studie drei For­men: Maskuli­na (z.B. Nen­nen Sie ihren lieb­sten Roman­helden), geschlecht­sneu­trale Aus­drücke (helden­hafte Roman­fig­ur) und Dop­pelfor­men (Roman­heldin oder Roman­held). Es gab sechs solche Fragen.

Die Autorin­nen bericht­en die Ergeb­nisse in Form von Durch­schnittswerten von Antworten, die sich auf weib­liche Per­so­n­en (Musik­erin­nen, Roman­heldin­nen usw.) bezo­gen. Da sechs Fra­gen gestellt wur­den, kann dieser Wert zwis­chen 0 (es wurde keine Frau genan­nt) und 6 (es wur­den nur Frauen genan­nt) liegen. Waren die Fra­gen im „gener­ischen“ Maskulinum gestellt, wur­den im Schnitt 0.67 weib­liche Per­so­n­en genan­nt (11 Prozent), waren die Fra­gen geschlecht­sneu­tral gestellt, waren es 1.67 (27.8 Prozent) und enthielt die Frage eine Dop­pelform, waren es 1.68 (28 Prozent). In allen Bedin­gun­gen wur­den also haupt­säch­lich männliche Per­so­n­en genan­nt (weil Män­ner eben, auch, wenn sie nicht darauf hingewiesen wer­den wollen, der gesellschaftliche „Nor­mal­fall“ sind). Beim „gener­ischen Maskulinum“ wur­den aber sig­nifikant weniger Frauen genan­nt als bei den anderen bei­den For­men. Diese bei­den For­men (neu­trale Form und Dop­pelform) unter­schieden sich dabei nicht sig­nifikant voneinander.

Das Ergeb­nis war also ein­deutig: Das „gener­ische“ Maskulinum lässt uns fast auss­chließlich an Män­ner denken, bei geschlecht­sneu­tralen Wörtern und Dop­pelfor­men sind wir wenig­stens grund­sät­zlich in der Lage, uns auch Frauen vorzustellen (dabei gab es noch sig­nifikante Unter­schiede zwis­chen männlichen und weib­lichen Ver­suchsper­so­n­en, aber dazu ein ander­mal mehr).

In einem zweit­en Exper­i­ment wur­den die Ver­suchsper­so­n­en gebeten, jew­eils drei Mit­glieder der o.g. Per­so­n­en­grup­pen zu nen­nen. Hier wur­den die Fra­gen im „gener­ischen“ Maskulinum, in der Dop­pelform und unter Ver­wen­dung des Binnen‑I gestellt (Nen­nen Sie drei Musik­erIn­nen). Nach drei Per­so­n­en zu fra­gen, statt nur nach ein­er, hat zwei Vorteile: Die Fra­gen kön­nen im Plur­al gestellt wer­den, und die Ver­suchsper­so­n­en kön­nen ein flex­i­bleres Assozi­a­tionsver­hal­ten zeigen. Es gab vier solche Fra­gen, die Zahl der genan­nten Frauen kon­nte also the­o­retisch zwis­chen 0 und 12 liegen. In diesem Fall unter­schieden sich das „gener­ische“ Maskulinum (mit durch­schnit­tlich 2.37 genan­nten Frauen, also 19.7 Prozent) und die Dop­pelform (mit durch­schnit­tlich 2.67 genan­nten Frauen, also 22.2 Prozent) nicht sig­nifikant voneinan­der  (das „gener­ische“ Maskulinum schnitt etwas bess­er ab als im ersten Exper­i­ment, die Dop­pelform etwas schlechter). Das Binnen‑I zeigte sich mit durch­schnit­tlich 4.6 genan­nten Frauen (38.3 Prozent) als am besten geeignet, (binäre) gemis­cht­geschlechtliche Assozi­a­tio­nen auszulösen.

Kom­men wir nun zur oben angekündigten Studie über das Gen­der­sternchen. Von der sind, soweit ich sehen kann, bish­er nur die Dat­en veröf­fentlicht, die von der Mark­t­forschungsagen­tur EARS and EYES für eine wis­senschaftliche Abschlus­sar­beit erhoben wur­den (wenn ich die Abschlus­sar­beit finde, werde ich hier darüber berichten).

In der Studie wurde das­selbe grund­sät­zliche Design ver­wen­det, wie in den früheren Stu­di­en. Hier wur­den Ver­suchsper­so­n­en gebeten, je zwei Mit­glieder aus drei ver­schiede­nen Beruf­s­grup­pen zu nen­nen. Dabei wurde neben dem „gener­ischen“ Maskulinum wieder die Bei­d­nen­nung unter­sucht, neu hinzu gekom­men ist das Gen­der­sternchen (Nen­nen Sie zwei Schauspieler*innen, bzw. Musiker*innen, Moderator*innen). Die Ergeb­nisse wer­den in Form von Häu­figkeit­en berichtet – zur Ver­gle­ich­barkeit mit der Studie von Stahlberg, Sczes­ny und Braun habe ich sie in Prozentzahlen (Anteil genan­nter Frauen) umgerech­net. Beim „gener­ischen“ Maskulinum wur­den 18 Prozent Frauen genan­nt (ein Ergeb­nis, das gut zu den o.g. Stu­di­en passt), bei der Dop­pelform 28.5 Prozent (also unge­fähr wie bei der ersten der o.g. Stu­di­en), und beim Gen­der­sternchen 30.5 Prozent. Der Unter­schied zwis­chen dem gener­ischen Maskulinum und den anderen bei­den For­men ist dabei sta­tis­tisch sig­nifikant, der Unter­schied zwis­chen Dop­pelform und Gen­der­sternchen nicht.

Diskussion

Zusam­menge­fasst: Das „gener­ische“ Maskulinum ist nicht geeignet, uns neben Män­nern auch an Frauen denken zu lassen (keine Über­raschung, das wis­sen wir schon lange). Außer­dem denken wir bei (fast) jed­er sprach­lichen Form haupt­säch­lich an Män­ner (auch das ist schon lange bekan­nt). Aber: Das Gen­der­sternchen erhöht sig­nifikant die Wahrschein­lichkeit, dass wir auch an Frauen denken – allerd­ings nicht stärk­er als die tra­di­tionelle Dop­pelform (und nicht so stark wie das Binnen‑I)!

Wir kön­nen also eben­sogut weit­er­hin die Dop­pelform (Musik­erin­nen und Musik­er) ver­wen­den, um den Effekt des Gen­der­sternchens (Musiker*innen) zu bekommen.

Oder doch nicht? Haben wir da nicht etwas vergessen?

Ach ja, richtig: Das Gen­der­sternchen soll ja, anders als die Dop­pelform, neben Frauen auch nicht-binäre Men­schen ein­schließen, also solche, die sich in die Kat­e­gorien „Mann“ und „Frau“ nicht einord­nen kön­nen oder wollen. Das scheint das Gen­der­sternchen aber empirisch nicht zu tun, und dafür gibt es ver­mut­lich zwei Gründe, die diejeni­gen, denen es um die sprach­liche Inklu­sion von nicht-binären Men­schen geht, im Bewusst­sein behal­ten müssen.

Erstens reicht es nicht aus, eine neue Form zu schaf­fen und in ein altes Sys­tem einzufü­gen. Egal, ob es der Unter­strich, der Gen­der­stern oder der Dop­pelpunkt ist – diese Inter­punk­tion­sze­ichen bedeuten von sich aus nicht „hier sind nicht-binäre Men­schen gemeint“, wenn wir sie in Wörter ein­fü­gen, die nach dem Schema „männlich­er Wort­stamm + weib­liche Nach­silbe“ gebildet wor­den sind. Stattdessen scheinen sie zunächst ein­fach als Alter­na­tive zu tra­di­tionellen Sparschrei­bun­gen (wie Musik­er/-innen) inter­pretiert zu wer­den. Das wäre eine Art Reparaturstrate­gie seit­ens der Sprachver­ar­beitung im Gehirn: Sie stößt auf etwas, das (noch) nicht Teil des Sys­tems ist und inte­gri­ert es, indem sie nach etwas Ähn­lichem sucht, das bere­its Teil des Sys­tems ist.

Damit das Gen­der­sternchen (oder eine beliebige Alter­na­tive) mehr als das wer­den kann, muss seine Ein­führung mit ein­er bre­it­en gesellschaftlichen Diskus­sion darüber ein­herge­hen, was es bedeuten soll. Und dazu ist es nötig, die Sprachge­mein­schaft (oder wenig­stens große Teile) davon zu überzeu­gen, dass es (a) nicht-binäre Men­schen gibt, dass diese (b) in den tra­di­tionellen Sprach­for­men nicht sicht­bar sind, und dass © das Sternchen ein Ver­such ist, das zu ändern. Das sind drei Annah­men, deren Akzep­tanz (einzeln oder gemein­sam) nicht ein­fach voraus­ge­set­zt wer­den kann.

Zweit­ens zeigt sich in dem Exper­i­ment ver­mut­lich auch der Ein­fluss ein­er weit­eren Vari­able: Die meis­ten Ver­suchsper­so­n­en ken­nen schlicht keine nicht-binären Musiker*innen, Schauspieler*innen oder Moderator*innen, deshalb kön­nen sie sie in einem Exper­i­ment nicht nen­nen. Tat­säch­lich ken­nen die meis­ten Mit­glieder der Sprachge­mein­schaft wahrschein­lich grund­sät­zlich keine (oder nur sehr wenige) nicht-binäre Men­schen, ein­fach, weil diese eine sehr kleine Min­der­heit darstellen – deshalb haben sie auch keine men­tale Repräsen­ta­tion dieser Gruppe, die sie mit dem Gen­der­sternchen verknüpfen könnten.

Auch hier gilt es, die gesellschaftliche Sicht­barkeit und Wahrnehmung der betrof­fe­nen Gruppe zu verän­dern. Das ist bei sehr kleinen Grup­pen schwieriger, als bei sehr großen Grup­pen (etwa Frauen, die eine Bevölkerungsmehrheit darstellen). Wenn die Sprachge­mein­schaft ein men­tales Konzept der Kat­e­gorie „nicht-binäre Men­schen“ haben soll, das mit dem Gen­der­sternchen verknüpft wer­den kann, müssen hier aber Wege gefun­den werden.

Mit anderen Worten: Das Gen­der­sternchen ist nicht die Lösung für das Prob­lem der Unsicht­barkeit nicht-binär­er Men­schen, es ist nur ein erster Schritt.

Heißt das, dass wir eben­sogut darauf verzicht­en kön­nen? Nein, denn mit unser­er Sprache bilden wir nicht nur Inhalte ab, wir kom­mu­nizieren auch unsere Per­spek­tive (bei Karl Büh­ler hieß diese Funk­tion noch „Aus­druck“, im beliebten „Kom­mu­nika­tion­squadrat“ von Schulz von Thun heißt sie „Selb­stkundgabe“). Indem wir das Gen­der­sternchen bewusst und aus eigen­er Entschei­dung ver­wen­den, zeigen wir der betrof­fe­nen Gruppe wenig­stens, dass wir sie wahrnehmen wollen.

Da das Gen­der­sternchen bish­er nicht bess­er darin ist, die Sicht­barkeit von Frauen (die ja auch darin inkludiert sein sollen) zu erhöhen, als die Dop­pelform, soll­ten wir außer­dem nicht vor­eilig auf das Binnen‑I verzicht­en (das viele Insti­tu­tio­nen jet­zt hastig aus ihren Gen­der­leit­fä­den stre­ichen). In Zusam­men­hän­gen, in denen es vor­rangig um die Sicht­barkeit von Frauen geht (und solche Zusam­men­hänge gibt es ja immer noch viele), ist es eine sehr effek­tive Form.

24 Gedanken zu „Funktioniert das Gendersternchen (und wie)?