Flüchtlinge und Geflüchtete

Vorschläge für sensible Sprachregelungen treffen selten auf Gegenliebe. Im Gegenteil: Sie ziehen Vorwürfe von „Zensur“, „Denkverboten“ und natürlich „politischer Korrektheit“ an, wie das Licht die Motten.1

So auch bei dem Vorschlag, Flüchtlinge lieber als Geflüchtete zu bezeichnen. Dieser Vorschlag ist nicht völlig neu, aber er erreicht immer wieder mal eine breitere Öffentlichkeit, z.B. während des No-Border-Camps in Köln im Juni oder während der aktuellen als Refugee Camp bezeichneten Demonstrationen.

Warum diese (oder irgendeine andere) Sprachregelung sinnvoll sein könnte, fragen die Gegner politischer Korrektheit nie: für sie ist klar, dass jede Sprachregelung erstens überflüssig und zweitens ein schwerer Fall von Sprachverhunzung ist. Überflüssig, weil das Wort, um das es jeweils geht, doch völlig unproblematisch sei, und Sprachverhunzung, weil für sie jede ungewohnte Formulierung eine ästhetische Gefahr darstellt. Sehen wir uns deshalb diese zwei Aspekte anhand des Begriffspaars Flüchtlinge/Geflüchtete näher an, denn es lassen sich daran die Überlegungen verdeutlichen, die bei Vorschlägen für Sprachregelungen immer eine Rolle spielen. [Hinweis: Der folgende Text enthält Beispiele rassistischer Sprache].

Die Verwendung von Flüchtling

Zunächst zur Frage, ob das Wort Flüchtling problematisch ist. Diese Frage lässt sich auf zwei Arten beantworten: Erstens könnten wir fragen, ob die Betroffenen selbst das Wort problematisch finden. Da „die Betroffenen“ keine homogene Gruppe darstellen, hilft das aber nicht sehr viel weiter. Ich selbst habe es nie als problematisch empfunden, dass meine Großmutter als Kriegsflüchtling nach Deutschland gekommen ist und auch als solcher bezeichnet wurde. Aber da ich nicht weiß, ob ich repräsentativ bin, besagt das nichts. Zweitens könnten wir nach objektiven Kriterien fragen, und die lassen sich auf zwei Ebenen finden: a) das Wort könnte überwiegend in negativen Zusammenhängen verwendet werden; b) die Struktur des Wortes selbst könnte problematisch sein.

Das Wort Flüchtling ist allgemein gebräuchlich, und findet sich sowohl in negativen als auch in positiven Zusammenhängen. Es wird völlig neutral verwendet, etwa in den Namen des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge, der bundesweiten Flüchtlingsräte oder des Weltflüchtlingstages. Die Verwendungszusammenhänge an sich sind also nicht grundsätzlich problematisch.

Bei der Struktur des Wortes selbst ist das anders, sehen wir sie uns also genauer an.

Die Struktur von Flüchtling

Das Suffix –ling war ursprünglich eine Verkleinerungsform (ein sogenannter Diminutiv) ohne negative Nebenbedeutung, wie sie heute noch bei bestimmten Tier– und Pflanzenbezeichnungen zu finden ist (Engerling, Sperling, Frischling, Nestling, Setzling).2

Bei Personenbezeichnungen entwickelte es jedoch schnell eine abwertende Bedeutung. Hier müssen zunächst drei Fälle unterschieden werden: Das Suffix -ling kann an Verben (auch substantivierte Verben) oder an Adjektive angehängt werden, und bei Verben kann das so entstehende Wort eine aktivische Bedeutung („Person, die etwas tut“) oder eine passivische Bedeutung („Person, mit der etwas getan wird“) haben.

Mit –ling aus Adjektiven gebildete Wörter hatten im Prinzip von Anfang an einen negativen Beiklang (eine sog. negative Konnotation). Die aus mittelhochdeutscher Zeit stammenden Wörter Fremdling und Neuling waren anfangs manchmal noch neutral (bei Luther findet sich Fremdling noch in der Bedeutung „Gast“), aber schon viele der frühen Bildungen sind klar negativ, z.B. Zärtling („schwächlicher Mensch“) oder Dümmling. Auch die Bildungen in den Jahrhunderten danach sind, mit der Ausnahme von Liebling (17 Jh.), durchgängig negativ: Rohling, Sonderling, Wüstling, Schwächling, Kümmerling, Primitivling, Naivling, Jüngling, Weichling, Winzling und Feigling. Und das sind nur die Wörter, die heute noch im Gebrauch sind. Nehmen wir die hinzu, wie sich nicht halten konnten, wird die negative Konnotation noch deutlicher: Blasiertling, Korruptling, Stupidling, Süßling, Weibling, Kindling, Blässling, Bleichling, Dickling, Feistling, Schmächtling. Kümmerling, Frühreifling, Grämling, Strengling, Heiterling, Gescheitling, Vornehmling, Armling („armer Mensch“), Weisling, Bequemling, Müssling („Müssiggänger“).

Besonders interessant sind die Wörter Süßling und Schönling, da sie zeigen, dass das Suffix –ling auch aus eigentlich positiv konnotierten Adjektiven negativ konnotierte Substantive macht (Süßling hies ursprünglich „Leckermaul“, ab dem 18 Jh. dann aber „fader, süßlich tuender Mensch“, und Schönling war schon zu seiner Entstehung im 18. Jh. negativ). Wir sehen also, bei Adjektiven ergibt das Suffix –ling spätestens seit dem 18. Jahrhundert negativ konnotierte Wörter.

Aber Flüchtling ist natürlich nicht von einem Adjektiv, sondern vom Verb flüchten abgeleitet. Wie sieht es also bei Wörtern aus, die aus Verben abgeleitet sind? Hier müssen wir, wie gesagt, zwischen denen unterscheiden, die eine passivische Bedeutung haben (wie Prüfling, „Person, die geprüft wird“) und denen, die eine aktivische Bedeutung haben (wie Eindringling, „Person, die irgendwo eindringt“).

Die mit passivischer Bedeutung sind grundsätzlich nicht im engeren Sinne negativ konnotiert, sie implizieren aber alle ein mehr oder weniger starkes Abhängigkeitsverhältnis, was vielleicht in der Natur der passivischen Bedeutung liegt: Prüfling, Impfling, Lehrling, Säugling, Findling, Täufling, Sträfling, Zögling, Häftling, Schützling, Pflegling.

Mit aktivischer Bedeutung gibt es nur sehr wenige gebräuchliche Wörter, nämlich Flüchtling, Eindringling, Emporkömmling und Schreiberling (letzteres aus einem Substantiv, das seinerseits mit aktivischer Bedeutung aus einem Verb abgeleitet ist. Zumindest Eindringling, Emporkömmling und Schreiberling sind hier klar negativ konnotiert, und dieses Bild bestätigt sich, wenn wir Wörter mit hinzunehmen, die sich im Gegenwartsdeutschen nicht gehalten haben: Beichtling, Kriechling, Reimling/Dichterling („schlechter Dichter“), Schwindling („Lügner, Phantast“), Fressling, Säufling, Rühmling („Prahler“), Nasenrümpfling („Besserwisser“), Romanling („schlechter Schriftsteller“) und Dichterling.

Es lässt sich also feststellen: Wer Flüchtling als negativ konnotiert empfindet, hat mindestens zwei Argumente, die diese Empfindung stützen. Erstens: Die Mehrzahl der nach dem gleichen Muster gebildeten Wörter ist negativ konnotiert. Zweitens: Das Muster ist sehr selten, die dominanten Muster sind die aus adjektiven abgeleiteten Wörter (die durchgängig negativ konnotiert sind), und die passivischen Wörter (die durchgängig Abhängigkeitsverhältnisse suggerieren). Diese Muster sind zwar nicht direkt auf Flüchtling zu beziehen, aber da sie so dominant sind, ist es nicht unwarhscheinlich, dass ihre Bedeutung auch auf Wörter des Musters Flüchtling abfärbt.

Wer Flüchtling nicht als negativ konnotiert empfindet, muss sich für seine Empfindung aus meiner Sicht nicht in dem Maße rechtfertigen, wie es bei klar diskriminierenden Wörtern wie N****, Kanacke o.ä. der Fall wäre. Allerdings ändern das persönliche Empfinden und die Tatsache, dass Flüchtling im allgemeinen Sprachgebrauch sowohl in positiven als auch in negativen Zusammenhängen verwendet werden, nichts an der allgemein negativen Konnotation des Wortbildungsmusters.

Die Alternative Geflüchtete

Die neutrale Alternative Geflüchtete/r bietet sich aber auch dann an, wenn keine Einigkeit bezüglich der Konnotation des Wortes Flüchtling besteht, denn schaden würde eine neutrale Alternative ja auf keinen Fall. Das einzige Argument, was gegen sie vorgebracht werden könnte, und das gegen sprachsensible Vorschläge mit schöner Regelmäßigkeit vorgebracht wird, wäre eben, dass es sich um „Sprachverhunzung“ handele.

Aber ist das so? Ich wüsste nicht, warum, denn das Wort folgt einem völlig normalen Wortbildungsmuster des Deutschen: Der Ableitung von Substantiven aus Partizipien, in diesem Fall aus dem Partizip Perfekt. Es gibt jede Menge solcher Wörter (ich nenne sie hier in der Pluralform): Gelandete, Gestrandete, Genesene, Gefallene, Geschworene, Geheilte, Gesuchte, Gefangene, Gejagte, Geächtete, Gekreuzigte, Geliebte, Gelehrte — um nur eine Auswahl zu nennen.

Diese Wörter sind nicht nur völlig normal, was den Vorwurf der Sprachverhunzung entkräfte. Sie zeigen auch, dass das Wortbildungsmuster im Gegensatz zu dem mit -ling, völlig neutral ist, also sowohl positiv als auch negativ belegte Wörter bilden kann.

Das Wort Geflüchtete ist auch nicht neu, es war schon im 19. Jahrhundert  mit genau dieser Bedeutung gebräuchlich, wie die folgenden ausgewählten Beispiele zeigen:

  1. In Folge der Aufnähme vieler Geflüchteten aus Natolien, Skio, Jpsara und andern Orten ist die Zahl ihrer griech. Bewohner auf 32.000 gestiegen… [1836]
  2. Die weltliche Gewalt darf nicht verhindern, daß man dem Geflüchteten Kleider und Lebensmittel bringe. [1840]
  3. Die Wirkung der Freistätte ist, daß der dahin Geflüchtete durch den weltlichen Richter nicht gewaltsam weggeführt werden kann… [1856]

Die Alternative Refugee

Neben dem Wort Geflüchtete lässt sich manchmal auch die Verwendung des englischen Lehworts Refugee(s) beobachten. Diese dürfte auf noch weniger Gegenliebe stoßen als Geflüchtete, da hier zur vermeintlichen Sprachverhunzung durch politische Korrektheit auch noch die durch Aufnahme von Lehngut hinzukommt. Es wäre aber voreilig, das Wort Refugees deshalb ohne weitere Diskussion abzulehnen, denn es hat für mich einen Vorteil gegenüber Geflüchtete. Sowohl Flüchtlinge als auch Geflüchtete stellt die Flucht selbst in den Vordergrund, während das englische Wort den SICHEREN ORT in den Vordergrund stellt, den die so Bezeichneten suchen (engl. refuge bedeutet „Zuflucht(sort)“, „Schutzort“, „Freistatt“, „Schutzgebiet“).

Es könnte schließlich nicht schaden, wenn die Bezeichnung von Menschen, die auf der Suche nach einem sicheren Ort zu uns kommen, uns an diese Suche erinnern würde. Das würde der Gesellschaft vielleicht dabei helfen, mehr darüber nachzudenken, wie sie diesen Menschen einen solchen sicheren Ort schaffen kann, und weniger darüber, wie sie sie schnellstmöglich wieder los wird. Es wäre deshalb lohnenswert, über Wörter wie Schutzsuchende oder Zufluchtsuchende nachzudenken.

Schlussgedanken

Insgesamt können wir also festhalten: Das Wort Flüchtling ist vielleicht nicht hoch problematisch, aber doch potenziell bedenklich. Es kann Situationen oder Menschen geben, in denen oder denen gegenüber das Wort abwertend empfunden wird, und diese Empfindung wird durch die Struktur des Wortes gestützt. Das Wort Geflüchtete/r ist dagegen in seiner Bedeutung völlig neutral und kann in jeder Situation verwendet werden, also sowohl dort, wo das Wort Flüchtling problematisch sein könnte, als auch dort, wo es das nicht ist. Noch besser wäre ein Wort wie Zufluchtsuchende/r, das in seiner Bedeutung nicht nur neutral ist, sondern uns daran erinnert, warum die so Bezeichneten bei uns sind.

  1. Mit „politischer Korrektheit“ meinen diejenigen, die sie anderen vorwerfen, natürlich nichts Gutes und die Metapher vom Licht (der Vernunft) und den Motten (aus der ~kiste der Geschichte) gefällt mir immer besser, je öfter ich sie lese. []
  2. Die Diskussion der Wörter auf –ling stützt sich auf Baeskow, Heike (2002) Abgeleitete Personenbezeichnungen im Deutschen und Englischen: Kontrastive Wortbildungsanalysen im Rahmen des Minimalistischen Programms und unter Berücksichtigung sprachhistorischer Aspekte. Berlin: Walter de Gruyter [Google Books Voransicht]. []

38 Kommentare

  • Jhermes hat Folgendes geschrieben:

    Treffende Analyse. Darüber hinaus interpretiere ich Wörter, die auf das Suffix –ling enden, per default ausschließlich maskulin (auch die von dir erwähnten Erläuterungen — Dichter, Prahler — sind durchgehend maskulin). In der Alltagssprache begegnet einer/m wahrscheinlich deshalb auch öfter mal die Bildung mit –line, wie "Prüfline" oder "Impfline".

  • SP hat Folgendes geschrieben:

    Warum eigentlich "Geflüchtete" und nicht "Geflohene"?

  • ke hat Folgendes geschrieben:

    "Jüngling" ist negativ? Empfinde ich nicht so — ich kenne das Wort glaubich hauptsächlich aus Grimms Märchen, wo es ganz neutral verwendet zu werden scheint bzw .die vorkommenden Jünglinge auch noch eine Neigung dazu haben, Sympathieträger zu sein.

  • Antje Schrupp hat Folgendes geschrieben:

    Was mir am Wort "Flüchtling" eigentlich ganz gut gefällt ist dass es eine Linie zieht von den deutschen Flüchtlingen nach WK2 zu den heutigen Flüchtlingen. Auf diese Weise relativiert es die Grenze zwischen "Wir" und "die anderen" im Asyldiskurs. Natürlich nur solange wie Deutsche noch gewohnt sind/waren, das Wort "Flüchtling" auf sich selbst zu beziehen. In meiner Familie war das so, aber sicher nicht in allen. Und vielleicht ist diese Bedeutung inzwischen auch schon ganz irrelevant geworden.

  • grmph hat Folgendes geschrieben:

    Einen Einwand habe ich gegen die Argumentation. Ich halte die Trennung von passiv– und aktivverwendung der Worte für künstlich. Ebenso könnte man z.B. formulieren: Ein Prüfling ist jemand, der sich einer Prüfung unterzieht. Dann ist es ein aktiv-Wort, oder nicht? Das funktioniert so auch bei einigen der anderen Beispiele.
    Damit wird auch die Negativkonnotation der "-ling –Endung" relativiert.

  • cloudette hat Folgendes geschrieben:

    Ich stimme A. Schrupp zu und möchte ergänzen: Hierzulande wurde gerne zwischen Flüchtlingen (positiv) und Asylanten (extrem negativ konnotierte Wortschöpfung) bzw. Asylbewerber (unabhängig vom tatsächlichen Aufenthaltsstatus) unterschieden.

    Flüchtlinge waren dabei: Deutsche während/nach 2. WK, Leute aus DDR– und Ostblock und Personen, die auf der Flucht waren, aber NICHT die dt. Grenze überschritten haben, sondern irgendwo weit weg blieben (Flüchtlingslager).

    Sobald ein Flüchtling über die dt. Grenze kam, war er meist keiner mehr, sondern eben Asylant, Asylbewerber — und je dunkler die Hautfarbe, desto schneller die Zuordnung, deshalb auch eindeutig rassistisch.

    In der politischen Arbeit zum Thema Flucht/Asyl war es daher jahrelang (kann ich aus den 90ern sagen: Asyldiskussion) ein Ziel, den damals eindeutig positiven Begriff Flüchtling zu etablieren.

    Vielleicht hat sich die damals positive Konnotation aber gerade darüber tatsächlich ins Negative verschoben.

    Auch deshalb könnte eine Veränderung zu Geflohene/Geflüchtete sinnvoll sein.

  • Ich bin wie SP intuitiv eher für "Geflohene".

  • CIS hat Folgendes geschrieben:

    Ich glaube, das Problem "sensibler Sprachregelungen" liegt auf einer anderen Ebene.

    Wenn ich Texte lese, die sich durch irgendeinen Sprachgebrauch von der Umgangssprache oder zumindest den Sprachcodes, die ich so kenne und verwende, abheben, beschleicht mich zuweilen ein mulmiges Gefühl. Mal mehr, mal weniger. Ich kann die verwendete Ausdrucksweise als roh oder primitiv, als aufgeblasen und pseudointellektuell — oder als anmaßend und arrogant empfinden.

    Letzteres ist bei den "politisch Korrekten" manchmal der Fall. Form ist Inhalt, wie man so schön sagt. Das Medium ist die Botschaft und da gehört Sprache dazu. Ich habe manchmal den Eindruck, solche Texte wollen mir unterschwellig sagen: "Wir sind reflektiert, sensibel, avantgardistisch, problemorientiert und aufgeklärt. Und du, wenn du nicht auch so schreibst wie wir, bist hinterwäldlerisch, rassistisch, chauvinistisch, dumm und brutal."

    Ich will das nicht überbewerten, ich weiß auch, dass es so nicht gemeint ist, aber manchmal ist das eben der Effekt.

    Und der ist sehr kontraproduktiv.

    Statt Verständnis für Diskriminierung, Probleme und Spaltungen der Gesellschaft zu erlangen, erreicht man so das Gegenteil: Gräben werden tiefer.

  • Thomas hat Folgendes geschrieben:

    Ich mag das Wort "Geflüchtete" auch noch aus einem anderen Grund. Es erinnert mich an das Wort "Gegangen". Es zeigt, dass nicht alle Menschen, die fliehen, dies auch freiwillig tun. Ich wage mal die Behauptung, kaum jemand, der flieht, tut dies freiwillig. Bei "Flüchtling" wird dies, meiner bescheidenen Meinung nach, nicht deutlich.

  • DrNI hat Folgendes geschrieben:

    Eine kleine Frage zur "Verwendung": Wenn nun ein Wort so verwendet wird, dass man seine Verwendung als diskriminierend empfindet, besteht dann nicht auch die Gefahr, dass ein Ersatzwort dann wieder genau so verwendet wird? Sprache ist eben kein Gesetz, die Leute können (auch zum Glück) mit den Worten machen, was sie wollen.

    Leider treibt diese gewollte Sprachveränderung manchmal auch seltsame Stilblüten. Ich frage mich zum Beispiel seit langer Zeit, warum der "Mensch mit Behinderung" extra "Mensch" genannt werden muss.

  • Thomas Kutzer hat Folgendes geschrieben:

    Ob sich Anatol Stefanowitsch hier nicht selber als Sprachpfleger betätigt? :-)

    Wenn ich das Wort "Flüchlinge" höre, stelle ich mir verzweifelte Menschen, oft Frauen und Kinder, vor, die ihre wenigen Habseligkeiten auf einen Handkarren, gepackt über schlechte Wege durch Nebel Schnee und Kälte ziehen.

    Der "Zonenflüchtling" war ein Mensch, der Gängelung und Bevormundung nicht ertragen wollte und deshalb die Gefahr auf sich nahm, eine scharf bewachte Grenze zu überwinden. Natürlich war das Wort "Flüchtling" in der Nachkriegszeit auch Schimpfwort: Schließlich kamen da Leute, denen Nahrung und Wohnraum abgegeben werden musste. Denen begegnete man nicht immer in reiner Sympathie.

    Dennoch – das Wort "Flüchtling" hat doch mittlerweile genau die Bedeutungen aufgesogen, auf die es ankommt: Menschen, die fliehen mussten, Schutz suchen und denen Unterstützung zusteht. Ich denke, dass dies die möglicherweise negativen Aspekte des Suffixes "ling" klar überstrahlt.

    Bei "Geflüchtete" assoziiere ich bestenfalls Leute, die "irgendwie abgehauen sind". Es schmeckt mir wie Ersatz-Kaffee.

    "Zufluchtsuchende" fände ich an sich am Besten – doch die Sprachökonomie wird leider nicht zulassen, dass dieses Wort das kürzere "Flüchtling" ersetzt.

  • jochen hat Folgendes geschrieben:

    Mir scheint die Gegenüberstellung von "Flüchtling" und "Geflüchteter" nicht ganz zu passen. Ein "Flüchtling" ist doch jemand, der noch auf der Flucht ist — also jemand, dessen Flucht noch nicht abgeschlossen ist. Ein "Geflüchteter", wie auch bei den "Gelandeten", beschreibt jemand, der auf der Flucht war und es nun nicht mehr ist. Auf mich wirkt dies so, als wäre die entsprechende Person nicht mehr in einer akuten Notlage.

    Von meinem Sprachgefühl her, würde ich daher eher das Verb direkt substantivieren und einfach von "Flüchtenden" sprechen.

    Alternativ finde ich die Bezeichnung "Vertriebene" viel geeigneter, da sie unterstreicht, dass die flüchtenden Menschen nicht die Alternative des "zu Hause bleibens" haben.

  • smal grameere hat Folgendes geschrieben:

    Zwei Überlegungen: wie weit muss eine Form der Wortbildung sprachgeschichtlich zurückliegen, dass sie nicht mehr für ihre inhaltliche Tendenz verantwortlich gemacht werden kann? Die im Post aufgeführte sprachgeschichtliche Analyse scheint mir eher nahezulegen, dass es eine Zeit lang schick war, negativ konnotierte Begriffe mit dem Suffix –ling noch weiter negativ zu besetzen, dass diese Form der Sprachveränderung aber aus der Mode gekommen ist. Liebling, Fiesling — ich weiß nicht, ob die Mehrheit der Sprachbenutzerinnen heutzutage etwas Negatives mit –ling verbindet.

    Und weiter: Tut sich die Sprachwissenschaft einen Gefallen, wenn sie lediglich "potenziell bedenklichen" Wörtern hinterherspioniert, in einer Art Rasterfahndung? Ich würde mich mehr darüber freuen, wenn die sprachverbessernde Energie sich auf würdige Ziele richtete, beispielsweise das generische Maskulinum, und die Gerechtigkeits-Energie dafür auf eine menschenwürdige Behandlung von Frauen, Männern und insbesondere Kindern, die ihre Heimat aus welchen Gründen aus immer und mit welcher Wortbildung auch immer verlassen haben.

    Dem Wort "Flüchtling" wäre, wie jhermes schon schrieb, allerdings vorzuwerfen, dass es ein generisch maskulines Wort ist.

    Ach ja, wie schaut den die korpuslinguistische Analyse von "Flüchtling" aus? Ist das heutzutage wirklich negativ konnotiert?

    So, das waren jetzt mehr als zwei Gedanken. Da hätte ich mich besser nicht gleich festgelegt. ;)

  • Kristin Kopf hat Folgendes geschrieben:

    Hm, ich finde Jochens Einwand bedenkenswert.
    Selbst wäre ich außerdem nie auf die Idee gekommen, dass Flüchtling negativ konnotiert sein könnte, aber es befindet sich zugegebenermaßen wortbildungsmäßig in schlechter Gesellschaft.

    An dieser Stelle auch noch ein Hinweis auf einen Artikel aus dem Archiv: In Ein Rohling muss kein Wüstling sein habe ich mich auch mal ein bißchen mit –ling beschäftigt.

  • Anatol Stefanowitsch hat Folgendes geschrieben:

    Jhermes, dass Flüchtling ein generisches Maskulinum ist, würde ich nicht sagen, aber dass es, wie alle Wörter auf –ling bevorzugt männlich interpretiert wird, dürfte stimmen. Interessant auch, dass einige der Ling-Wörter ausschließlich auf Männer bezogen werden (Schönling, Jüngling)

    SP, Lars Fischer und Thoma, zu flüchten/fliehen muss ich einen gesonderten Beitrag schreiben, das sprengt den Rahmen eines Kommentars. Kommt aber!

    ke, bei den Grimms mag Jüngling noch neutral gewesen sein, heute ist es das nicht mehr (die negative Konnotation hat sich ja während des 19. Jahrhunderts gefestigt, das würde also passen).

    Antje Schrupp und cloudette, für mich persönlich stimmt das auch so, aber allgemein habe ich nicht den Eindruck, dass uns Deutschen unsere eigene Vergangenheit als Flüchtlinge noch besonders präsent ist. Nicht ohne Grund nennen die „Vertriebenen“ sich eben nicht Flüchtlinge. Interssant in diesem Zusammenhang auch die Existenz vieler negativ belegter Komposita mit Flüchtling, z.B. Steuerflüchtling, Wirtschaftsflüchtling.

    grmph, es geht nicht darum, wie wir das Wort umformulieren, sondern, wie es gebildet ist. Prüfling ist aus dem Verb prüfen abgeleitet und bezeichnet die Person, die geprüft wird, nicht die, die prüft. Ihre Umformulierung ändert ohnehin nichts an der passivischen Bedeutung: „sich etwas unterziehen“ bedeutet ja eben, sich jemandem gegenüber in eine passive Rolle zu begeben.

    CIS, wie ich sage: Jede ungewohnte Formulierung wird als ästhetisches Problem dargestellt, statt nach den Gründen der Formulierung zu fragen. Das lässt sich leider nicht lösen, in dem wir nur noch gewohnte Formulierungen verwenden, denn dann könnten wir nichts Neues mehr denken.

    DrNi, Wörter eignen sich unterschiedlich gut dazu, negative Konnotationen anzunehmen. Aber Flüchtling wird ja eben auch gar nicht überwiegend in negativen Zusammenhängen verwendet.

    jochen, wenn das Wort Flüchtling nahelegt, dass der so Bezeichnete aktuell noch auf der Flucht ist, wäre das ein weiteres Argument dafür, das Wort nicht zu verwenden, denn es bezieht sich ja im Sprachgebrauch ganz klar (auch) auf Menschen, die auf ihrer Flucht bereits irgendwo angekommen sind.

    Thomas Kutzer, über den Unterschied zwischen Sprachpflege und dem Bemühen um gerechte Sprache habe ich hier etwas geschrieben.

    smal grameere, eine Korpusanalyse wird da nicht weiterhelfen, siehe Abschnitt „Der Gebrauch von Flüchtling.“

  • CIS hat Folgendes geschrieben:

    @Anatol Stefanowitsch
    Nein, ich rede nicht von Ästhetik. Ich rede auch nicht vom natürlichen Sprachwandel, der es ermöglicht, über Neues mit neuen Ausdrücken zu reden.

    Wenn ich hübsche, verspielte Wortschöpfungen lese, freue ich mich, Teil einer Sprachgemeinschaft zu sein, die kreativ und phantasievoll neue Wörter entwickelt oder entlehnt. Da fühle ich mich dazugehörig.

    Aber es gibt auch den umgekehrten Fall: Sprachverwendung und Sprachumformung, die mich — anscheinend — ausschließen will. Die mir sagen will: "Du gehörst nicht dazu!"

    Das ist kein ästhetisches Problem.

    Ich meine ostentative sprachliche Abgrenzung. Und die hat im Falle "sensibler" Sprache oft einen unterschwellig erzieherischen Anspruch: "Wir nehmen dich nicht an die Hand und zeigen dir schöne neue Wörter. Wir eilen voraus und wenn du es nicht schaffst, uns zu folgen, bist du es nicht wert, dass wir uns nach dir umdrehen."

    Ja, ich übertreibe etwas. Ich will die Probleme zeigen, die ich manchmal damit habe. Und das sind keine ästhetischen.

  • Henry hat Folgendes geschrieben:

    Das englische Wort refugee leitet sich von lat. refugere ab. Und auch im Deutschen kennen wir das Wort Refugium.

    Nun spricht einiges dagegen, das englische Wort genau so zu übernehmen.

    Zum einen ist die Aussprache für nicht nicht-englisch sprechende MuttersprachlerInnen relativ schwer — Ich höre immer wieder verschiedene Varianten: "refadschie" "refudschie" "refjudschie" "refjuhdschie" sind die gängigsten.

    Zum anderen haben wir im Deutschen, wie gesagt, das vom selben lateinischen Wort abgeleitete Refugium. Daher plädiere ich für das Wort "Refugierte", welches übrigens nicht neu ist, sondern bis vor ca. 200 Jahren durchaus noch üblich war.

  • Erbloggtes hat Folgendes geschrieben:

    Danke für den interessanten Beitrag über ein aktuelles Problem, und besonders für die sehr konstruktive Diskussion! Die Diskussion hat bereits einige Kritikpunkte formuliert, die ich sonst selbst nochmal hätte schreiben müssen, daher fasse ich meine Unterstützung für die Kritiken kurz und zugespitzt:
    * Jüngling war nicht negativ. Wenn es heute negativ ist, dann auch, weil es altertümelnd ist und damit rückständigkeit assoziiert ist. Flüchtling ist nicht altertümelnd.
    * Die negativen Beispiele wie Rohling, Sonderling, Wüstling, Schwächling, sind nicht durch das –ling negativ, sondern durch das zugrundeliegende Adjektiv (roh, besonders/sonderbar, wüst, schwach). Deshalb ist Jüngling ursprünglich auch nicht negativ konnotiert.
    *Bei den Verbbildungen wird zuweilen (durch das Verb, nicht durch das –ling) Abhängigkeit ausgedrückt. Aber allgemein (auch bei den Adjektivbildungen) wird vor allem Unterlegenheit ausgedrückt. Das gilt sogar für Rohlinge (die an Kultur unterlegen sind), Jünglinge (die an Alter unterlegen sind in einer Kultur, in der Alter Macht bedeutet) und Ähnliches.
    Die Unterlegenheit sehe ich auch bei Menschen, die geflüchtet sind. Und das sprachlich zu dementieren halte ich für falsch. Flüchtlinge sind angewiesen auf Hilfe.

    Entscheidend für mein Plädoyer für Flüchtlinge ist aber die Begriffsverwendung in der BRD. Die wirkt im kommunikativen Gedächtnis nach, und es ist wichtig, zu betonen, dass Flüchtlinge nicht einfach "die Anderen" sind, mit denen niemand etwas zu tun hat, sondern dass es sich um ein universelles Phänomen handelt, bei dem man nicht sagen sollte: "Die sollen doch bleiben, wo sie sind." Im kommunikativen Gedächtnis ist die Kriegsflüchtlingsoma eben noch vorhanden, und der Onkel, der als Flüchtling aus der Ostzone kam. Flüchtlingsschicksal(!) kann jeden treffen.
    Ich denke, dass das Wort Flüchtling nicht neutral ist (Geflüchteter ebenso nicht). Es ist politisch, und es soll ausdrücken, dass jemand darauf angewiesen war/ist, sich zu bewegen. Das ist erstmal eine Legitimierung der Bewegung (die offenbar in einer Kultur notwendig ist, die immer noch Zugehörigkeiten, Heimat usw. restriktiv behandelt).
    Flüchtlinge haben es noch vergleichsweise gut in der deutschen Denkweise. Deshalb sprechen ja Leute von Wirtschaftsflüchtlingen, um die Flucht zu delegitimieren: Ein Flüchtling ist eigentlich per se legitimiert (wenn auch vielleicht unbeliebt, aber legitimiert), z.B. durch die Genfer Flüchtlingskonvention ("begründeten Furcht vor Verfolgung aus Gründen der Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen seiner politischen Überzeugung").

    Der neutralere Begriff ist der des Migranten, jemand, der sich (auf Dauer angelegt) von einem Ort zum anderen bewegt (hat). Migrationsforschung ist derzeit ganz groß in der Politikberatung. Aber Migranten haben gar keine (aus ihrer Bewegungsform entspringenden) Rechte. In der politischen Logik wird es als legitim angesehen, Migranten ausschließlich einreisen zu lassen, wenn sie die Aufnahmegesellschaft/dem Aufnahmestaat nützen.
    Wenn man diese Logik zerbrechen will, muss man Flüchtlinge fortan Migranten nennen. Aber solange das kein erfolgversprechendes Unternehmen ist (und es die Flüchtlinge eher entrechten würde), sollte man Flüchtlingsrechte betonen (internationales Recht!) und Menschen mit dem Wort bezeichnen, das ihnen diese Rechte auch zuspricht.

    Zuletzt ein Literaturhinweis zur BRD-Diskursgeschichte mit prägnanten Fundstellen 1949–2000:
    Artikel "Flüchtlinge und Asylsuchende". In: M. Jung/T. Niehr/K. Böke: Ausländer und Migranten im Spiegel der Presse. Ein diskurstheoretisches Wörterbuch zur Einwanderung seit 1945, Wiesbaden 2000, S. 27–52. Online: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb00045176-3
    (gefunden übrigens über die [neue] Deutsche Digitale Bibliothek)

  • gnaddrig hat Folgendes geschrieben:

    Sehr interessanter Artikel und gute Kommentare. Die Ausführungen von Erbloggtes zu den Wörtern auf –ling klingen plausibel. Ich wäre selbst auch nicht auf den Gedanken gekommen, Flüchtling für problematisch zu halten.

    Zu der Frage, warum hier Geflüchtete vorgeschlagen wird und nicht Geflohene (@ SP). Aus dem Bauch heraus sage ich mal, man flieht vor etwas, man läuft weg. Das betont den Vorgang des Weglaufens. Aber man flüchtet sich irgendwohin, und das deutet das Ziel der Flucht, nämlich den Zufluchtsort, wenigstens schwach an. Nicht so stark wie das auch erwähnte Refugee, aber immerhin.

    Dudens Deutsches Universalwörterbuch nennt für flüchten als zweite Bedeutung "sich durch Flucht irgendwohin in Sicherheit bringen" an. Die erste Bedeutung ("sich einer Gefahr durch Flucht zu entziehen versuchen") ist mit den Definitionen für fliehen identisch ("sich eilig entfernen, um sich vor einer Gefahr in Sicherheit zu bringen" und "vor jemandem oder etwas ausweichen; meiden"). Bei fliehen ist laut Dudens Definition das Weglaufen oder Entkommen zentral, bei flüchten wird ein sicherer Zufluchtsort als Ziel der Flucht wenigstens erwähnt.

    Wenn die erste Panik des "Bloß weg hier" vorbei ist, reicht es eben nicht mehr, der unmittelbaren Gefahr entronnen zu sein, man muss dann ja irgendwo bleiben, wo es sicher ist.
    Darum gefällt mir — wenn Flüchtling nicht geht — Geflüchtete besser als Geflohene.

  • Sprachlogiker hat Folgendes geschrieben:

    Hier wird eine dem Autor sicher wohlbekannte sprachwissenschaftliche Grunderkenntnis auf den Kopf gestellt, nämlich diejenige, dass die Bedeutung eines ganzen Wortes sich von den Bedeutungen der Bestandteile lösen kann und die Bestandteile nicht mehr zur "Begriffsbildung" (im kognitiven Sinne) beitragen. Das ist übrigens vor allem bei den so hochgeschätzten Lehnwörtern gang und gäbe, wo die Bedeutung der Bestandteile oft eh unbekannt ist (vgl. "Das Piano"). Welcher Anglophone weiß denn schon, dass "refugee" in reinrassigem Englisch "backfleeling" heißt?

    Die Tatsache, dass die Negativbeispiele für Wortbildungen mit "-ling" alle aus der Vergangenheit stammen, zeigt, dass diese Produktionsregel inzwischen von der Allgemeinheit vergessen worden ist. Das Vergessen von Produktionsregeln ist Teil des so hochgeschätzten Sprachwandels. Es ist nicht einzusehen, dass eine vergessene Produktionsregel wieder für lebendig erklärt wird, nur um den Lebenden einzureden, sie würden unbewusst, aber schuldhaft (wie soll das überhaupt gehen?) genauso denken wie die längst Toten.

    Auch der Strukturalismus widerlegt die These von der negativen Konnotation von "Flüchtling". Es ist zwar z.B. denkbar, dass eine Gesellschaft die Angehörigen einer anderen Rasse grundsätzlich für minderwertig hält, woraus folgt, dass das entsprechende "Rassonym" auch negativ konnotiert ist. Es ist aber nicht denkbar, dass die deutsche Gesellschaft alle Flüchtlinge grundsätzlich für minderwertig hält, denn die Deutschen verwenden diesen Terminus ja auch für sich selbst. Wenn "Flüchtling" immer nur negativ konnotiert wäre, dann müsste es einen zweiten, nicht negativen Terminus für diesen Begriff geben, der ähnlich gebräuchlich wäre, nur eben für Deutsche. Gibt's aber nit. ("Vertriebene" betrifft nur einen TEIL der Deutschen.)

    Vermutlich hat der "Erfinder" des Wortes "Flüchtling" tatsächlich im Sinn gehabt, dass es sich bei diesen um schwache, machtlose "-linge" handelt. Das muss aber kein diskriminierender Gedanke gewesen sein, da es in der Logik der Sache liegt. Denn wer stark ist und mächtig, muss ja nicht flüchten.

    Wenn man aber zwischen Menschen auf der Flucht = Flüchtlingen und bereits angekommenen unterscheiden will, dann plädiere ich statt für "Geflüchtete" für "Zuflüchtige" (vgl. "Zuwanderer").

  • Thomas Kutzer hat Folgendes geschrieben:

    Wenn ich nach "Geflüchtete" und "Flüchtlinge" google, bemerke ich, dass "Geflüchtete" von eher alternativen oder linken Organisationen bevorzugt wird — "Flüchtlinge" hingegen von eher 'klassischen' oder kirchlichen Organisationen:

    Geflüchtete (unter den ersten 8 Google-Fundstellen):
    – Indymedia
    – AStA der TU Berlin
    – Fachschaft Soziologie Münster
    – taz
    – Bündnis gegen Lager Berlin/Brandenburg
    – Klasse gegen Klasse (eine trotzkistische Gruppe)

    Flüchtlinge (unter den ersten 10 Google-Fundstellen):
    – Uno-Flüchtlingshilfe
    – Diakonie-Katastrophenhilfe
    – medico international
    UNHCR
    PRO ASYL
    – Caritasverband Frankfurt

    Vielleicht ist es tatsächlich so, dass die aus der Nachkriegszeit überkommenen Konnotationen zu "Flüchtling" verblassen — wenn man mal davon ausgeht, dass die alternativen Organisationen eher von jüngeren und die klassischen eher von älteren Personen getragen werden (ist natürlich erstmal nur eine Arbeitshypothese).

    Dennoch: dass das Suffix "ling" die Bedeutung zwangsläufig 'runterzieht, bezweifle ich noch immer — bei so vielen Gegenbeispielen wie: Säugling, Liebling, Lehrling, Häuptling, Zwilling, Drilling, Neuling, Täufling, Schützling, Zögling, … Die alle positiv — oder zumindest neutral konnotiert sein dürften.

    Allerdings: je mehr dieser "weißen Schafe" unter den "Lingen" verschwinden, desto größer wird der Druck auf die Verbleibenden.

    @Anatol Stefanowitsch: "Sprachpfleger" war natürlich provokativ und nicht wirklich ernst gemeint.

  • Bert hat Folgendes geschrieben:

    Das Wort "Zufluchtsuchende" begünstigt eine Interpretation, in der die Ansässigen irgendetwas hätten (Zuflucht), was sie den Geflüchteten geben könnten oder sollten: Eben Zuflucht bieten.

    Das unterläuft (1) Utopien von grenzüberschreitender Freizügigkeit und vermischt das zudem (2) mit Fragen danach, welche Art sozialer Absicherung *jedem* Menschen zustehen sollte. (Beispielhaft: (1) Muss man da etwa was von seinem selbstverständlich vollkommen verdient und rechtmäßig erworbenen Besitz und Wohlstand abgeben? (2) Was soll diese Zuflucht sein? Was kriegen die denn dann? Weniger als Hartz4? Was steht Menschen als "Zuflucht" zu?).

    Geflüchtete hingegen umgeht das (und verschiebt den Fokus darauf, dass es irgendeinen Grund gibt, wieso Menschen den Aufenthalt an einem Ort abbrechen und woanders hingehen.)

    Ich würde daher "Geflüchtete" den "Zufluchtsuchenden" vorziehen.

  • Marco hat Folgendes geschrieben:

    Was ich noch nicht verstanden habe, ist, was "problematisch" und "negativ" bedeutet. Was genau ist an einem problematischen Wort problematisch und warum müsste es ersetzt werden, wenn es problematisch ist? Was macht ein Wort negativ, bzw. gibt ihm einen negativen Beiklang und ist dieser negative Beiklang immer zu vermeiden?

    Oder 'mal anders gesagt: Sowohl Hutu, wie Tutsi können Flüchtlinge sein. Es können Serben, Kroaten und Kosovaren sein. Der Grund warum jemand flüchtet (geflüchtet ist), könnte auch eine Rolle spielen, welchen Beiklang "Flüchtling" erhält. Es geht dabei nicht nur um Grammatik, würde ich meinen.

  • Andreas hat Folgendes geschrieben:

    Kümmerling und Dichterling wurden im Artikel doppelt genannt.

  • gnaddrig hat Folgendes geschrieben:

    Dafür, Andreas, fehlen Hänfling und Fiesling Der letztere, Sprachlogiker, dürfte auch recht neu sein, der taucht in Google Ngram überhaupt erst um 1970 auf.

  • […] Schreiber(linge[1]) der Qualitätspresse haben im Meinungskampf um das Leistungsschutzrecht (LSR; wie es damit […]

  • magda hat Folgendes geschrieben:

    danke für die sprachwissenschaftliche sicht auf 'flüchtlinge' und 'geflüchtete', darüber hatte ich mir auch schon gedanken gemacht, gerade weil so viele menschen über die aktionen in deutschland und österreich berichten.

    ich habe sehr oft 'flüchtlingsaktivist_innen' benutzt, weil das 1. auf den ersten blick wie ein gegensatz wirkt (den ich aufbrechen wollte) und 2. den aktivismus in den vordergrund stellt, ohne ihre prekäre situation zu negieren. keine ahnung, ob das eine gute lösung ist…? leider würde das mit 'geflüchteten' komisch klingen: geflüchteten-aktivist_innen oder mensch müsste schreiben: die geflüchteten aktivist_innen.

    eine abschlussbemerkung: finde es absolut unnötig, das n-wort auszuschreiben. wie du selbst schreibst, stehen wörter in unterschiedlichen traditionen und haben unterschiedliche geschichten. das n-wort kann retraumatisierend für betroffene rassistischer gewalt wirken. auf einem blog, der sich sensible mit sprache auseinandersetzte, sollte dies common sense sein.

  • Anatol Stefanowitsch hat Folgendes geschrieben:

    magda, zunächst eine direkte Antwort auf dieses Problem (den Rest greife ich später mit den anderen Kommentaren zusammen auf):

    finde es absolut unnötig, das n-wort auszuschreiben. wie du selbst schreibst, stehen wörter in unterschiedlichen traditionen und haben unterschiedliche geschichten. das n-wort kann retraumatisierend für betroffene rassistischer gewalt wirken.

    Ich sehe die Problematik, genau aus diesem Grund habe ich ja gleich nach dem ersten Absatz einen Hinweis auf im Text folgende Beispiele rassistischer Sprache angebracht.

    In einem Blog über Sprache halte ich es aber für ungünstig, Wörter, über die wir schreiben durch Abkürzungen wiederzugeben oder mit Sternchen zu versehen. Wenn ich über ein Wort rede, muss ich das Wort nennen, wenn ich über eine Abkürzung rede (die ja selbst eine sprachliche Praxis darstellt), muss ich die Abkürzung nennen. Siehe dazu auch folgenden Text aus dem Language Log: More radical mis-speaking (Achtung: der Text enthält extrem rassistische Sprache), den ich keinesfalls in seiner Gesamt-Argumentation unterschreiben würde, der aber das Problem sehr klar verdeutlicht.

    Auch für mich ist und bleibt aber der metasprachliche Umgang mit diskriminierender Sprache sehr problematisch. Ich werde versuchen, meine Gedanken dazu soweit zu strukturieren, um mal etwas halbwegs Systematisches dazu zu sagen, aus dem sich möglicherweise auch Richtlinien für dieses Blog ergeben.

  • magda hat Folgendes geschrieben:

    @ anatol

    oh i see, das hatte ich überlesen:

    "Ich sehe die Problematik, genau aus diesem Grund habe ich ja gleich nach dem ersten Absatz einen Hinweis auf im Text folgende Beispiele rassistischer Sprache angebracht."

    bin gespannt auf deinen kommentar zu meinem ersten absatz.

  • Thomas hat Folgendes geschrieben:

    Sehr interessante Diskussion, deren Existenz mir bisher nicht bekannt war.
    Ich sehe nichts Schlimmes daran, statt von Flüchtlingen von Geflüchteten zu sprechen, würde aber zur Differenzierung noch den Begriff der Flüchtenden oder der Fliehenden hinzunehmen: In meiner Wahrnehmung ist oft von Flüchtlingen die Rede, wenn man sich noch nicht sicher ist, "wohin mit ihnen". Viele aktuelle Flüchtlinge stecken irgendwo in einem Asylverfahren oder hocken auf einer Mittelmeerinsel fest, befinden sich also noch — im weiteren Sinne — im Prozess des Fliehens bzw. sind noch nicht an ihrem Zufluchtsort angekommen.
    Das Wort Flüchtling selbst finde ich aber aus zwei Gründen nicht problematisch: Ich empfinde die meisten angeführten negativ konnotierten Wörter auf "-ling" deshalb als negativ, weil es das Wort wovon sie abgeleitet sind, schon ist. Bei den beiden Wörtern "Süßling" und "Schönling" würde ich darüber hinaus nicht von einem negativen Empfinden sprechen wollen: Ich kenne Süßling als Koseform, die ähnlich wie "Süßer" oder "Süße" eingesetzt wird, unter einem Schönling versteht man im meinem Umfeld einen jungen, objektiv als attraktiv empfundenen Mann, eine Art idealen Schwiegersohn. Der zweite Grund, warum ich nichts gegen Flüchtling habe, ist, dass ich das "-ling" tatsächlich als Verkleinerungsform sehe, aber dies gerade meine Empathie bei den Fliehenden und Geflohenen weckt und ihre Hilfsbedürftigkeit unterstreicht.

  • […] Flüchtling oder Geflüchtete: Anatol Stefanowitsch schreibt im Sprachlog über den Vorschlag, Flüchtlinge besser als Geflüchtete… Lesenswert. […]

  • […] Geflüchtete […]

  • Christoph Päper hat Folgendes geschrieben:

    Sprachlogiker und andere haben zwar schon das meiste gesagt, aber noch ein paar weitere Gedanken:

    Das Derivantem {–ling} ist kaum noch produktiv, ist teiltransparent (weil stets [PATIENS], aber wie beschrieben stammdependent und teils abweichend konventionalisiert), erzwingt verlässlich maskuline Rektion (und nicht neutrale wie synchron für [DIMINUTIV] erforderlich), trägt starken Singular sowie E-Plural und verbietet Motion. Der letzte Punkt ist bemerkenswert, da es m.W. das einzige derartige Morphem mit maskuliner Genusdetermination ist. Ob es ein Vorteil ist (anders als im Niederländischen), *Flüchtlingin nicht bilden zu können, mag jeder für sich entscheiden, aber es vermeidet immerhin einige geschlechtergerechte Formulierungsklippen, die Geflüchtete® aufweist. Ehrlich gesagt begrüße ich das Absterben der menschenbezeichnenden Ling-Wörter, denn dadurch wird das Suffix mittel– bis langfristig frei zur Reaktivierung als männliches Movem [♂] neben weiblichen [♀], das nahezu universell als {–in/i>} realisiert wird: bspw. Leser, Leserin, °Leserling.

    Der Unterschied zwischen Flüchtling und den Textbelegen für Geflüchtete® ist, dass ersteres konventionalisiert (aber eben auch teiltransparent) ist und habituell verwendet wird, letzteres ist in allen Fällen eine transparente Substantivierung.

    {flieh-, floh-} und {flucht-, flücht-} mögen zwar verwandt sein, aber man sollte sie nicht in einen Topf schmeißen, da im Deutschen weder Verbaspekt noch –komparation (und vor allem nicht regelmäßig) grammatikalisiert sind.

    Asylant und Asylbewerber sind tatsächlich fragwürdige Alternativen, Asylsuch[end]er ist etwas besser, *Asylist wirkt seltsam, ist aber noch unbelastet 8nd prägnant.
    Vertriebene® ist keine wirkliche Alternative, sondern eine andere Perspektive oder Akzentuierung.
    Die Eindeutschung von refugee über Relatinisierung könnte übrigens durch Analogbildung von Refugium zu Kollegium auch zu °Refuge, °Refugin führen.

    Ich hätte noch die kompositionale Ausdifferenzierung von Migrant (bei Bedarf präfigiert mit E– oder Im–) zu bieten: Zwangsmigrant, Asylmigrant, Fluchtmigrant, Politmigrant, Ethnomigrant, Klimamigrant, Wettermigrant / Meteomigrant, Krisenmigrant, Kriegsmigrant, Armutsmigrant / Prekarmigrant (bspw. Landflucht), Luxusmigrant / Wohlstandsmigrant (Stadtflucht, Gentrifizierung), Wirtschaftsmigrant / Arbeitsmigrant, Temporärmigrant / Zeitmigrant, … und Migrator wahlweise für legale Schleuser oder für menschliche Migrationsauslöser.

    Im Nachkriegstagebuch meiner Oma stand übrigens häufiger „DPs“ für „displaced persons“, womit sich verschiedene Gruppen zusammenfassen ließen.

  • […] ausser das das eine dieser schlecht durchdachten linken Moden sein könnte. Mensch kann herleiten dass das Wort von der Konstruktion her eher negativ besetzt ist, ich bin mir aber nicht sicher ob […]

  • […] Flüchtling oder Geflüchtete: Anatol Stefanowitsch schreibt im Sprachlog über den Vorschlag, Flüchtlinge besser als Geflüchtete… Lesenswert. […]

  • […] enorme Widerstand der rund vierzig Refugees in Berlin-Kreuzberg gegen die angekündigte Räumung der von ihnen besetzten […]

  • Christoph Stolzenberger hat Folgendes geschrieben:

    1. Ich versuche in meiner politischen "Arbeit" vor allem den Begriff "Asylant" zu vertreiben — heute benutzet nicht nur BILD und Nazis dieses Schmähwort — statt Asylbewerber usw.

    2. Flüchtling habe ich relativ wenig Bedenken, da ich die obige Analyse sehr gut finde (mit Beispielen, wie das Suffix –ling zu uns kam). Aber da es eben auch Liebling gibt,…

    3. Bestens gefällt mir der Begriff Zufluchtsuschender (weil ich das englische Wort Refugee so schlecht aussprechen kann), weil eben nicht die Flucht betont wird, aber erwähnt; weil der hier zu schaffende Ort des Schutzes betont wird, also die Gegenwart, "unsere" Aufgabe usw. Und dass aus einem Lehnwort des Lateinischen, also der "europäischen" Sprache ;-)

    Und Refugees welcome ist kurz ist liest sich gut!

  • Manfred Bartl hat Folgendes geschrieben:

    @Anatol, @jochen und wieder @Anatol: Ich greife mal die hervorgehobene Bedeutung von Refugee auf (Zufluchtsuchender) und ergänze jochens Ausführungen zu… Ein "Flüchtling" ist jemand, der noch auf der Flucht ist; ein "Geflüchteter" beschreibt jemanden, der auf der Flucht war und es nun nicht mehr ist. Auf mich wirkt dies so, als wäre die entsprechende Person nicht mehr in einer akuten Notlage…: Nun, eine Notlage lässt sich nicht ausschließen, aber die Flucht verursachende Not, die IST abgestellt. Aber mein wichtigster Punkt ist doch mit Anatol: Der Geflüchtete ist nicht "irgendwo angekommen", wo er nicht mehr auf der Flucht sein muss, sondern er ist BEI UNS angekommen! Das Wort "Geflüchtete" bezieht uns als Gastgeber und Notlinderer ein und nimmt uns in die Pflicht.

    Danke für die tollen Ausführungen @ALLE!

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