Blogspektrogramm 42/2016

Son­ntag, Spek­tro­gramm­tag (manch­mal)! Heute gibt’s soziale Medi­en, Liebes­briefe, Gen­der­sterne, Wort­geschicht­en und Defini­tar­tikel. Viel Spaß aller­seits!

  • Ana­tol hat für das Wis­senschafts­magazin FUNDIERT der FU aufgeschrieben, wie soziale Medi­en Sprache verän­dern — Spoil­er: nicht allzu sehr, aber im Wortschatz schla­gen sie sich schon nieder:  »Manch­mal gibt es sog­ar mehrere Wörter, die feine Bedeu­tung­sun­ter­schei­dun­gen tre­f­fen. So beze­ich­net twit­tern die all­ge­meine Tätigkeit des Schreibens von Beiträ­gen auf Twit­ter, während tweet­en sich auf eine konkrete Nachricht bezieht: Ich twit­tere gerne, aber Ich habe lange kein Foto mein­er Katze mehr getweet­et.«
  • In diesem Zusam­men­hang span­nend, was die AUGSBURGER ALLGEMEINE von Eva Wyss über Liebens­briefe erfahren hat: »E-Mails und What­sApps haben Liebes­botschaften nicht den Todesstoß ver­set­zt, son­dern laut der Hüterin des Koblenz­er Liebes­brie­farchivs zu ein­er neuen Lust am Schreiben geführt. «In den sechziger Jahren hat das bequeme Tele­fon der Briefko­r­re­spon­denz große Konkur­renz gemacht», sagte Eva Wyss […]. «Jet­zt haben viele Part­ner­schaften mit ihren Handys einen per­ma­nen­ten Kom­mu­nika­tion­sstrom», ergänzte die Pro­fes­sorin.«
  • Für WORDPRESS macht sich Cas­par Hübinger Gedanken darüber, wie sich geschlechterg­erechte Sprache in die Benutzer(!)oberfläche brin­gen lässt: »Für 50 Strings (1% des Gesamtvol­u­mens) haben wir bish­er keine neu­tralen Über­set­zun­gen gefun­den. Der Großteil davon befind­et sich in Hil­fe­tex­ten; die promi­nen­testen Vorkom­men sind die Rol­len­beze­ich­nun­gen auf der „Benutzer“-Seite: Admin­is­tra­tor, Redak­teur, Autor, Mitar­beit­er, Abon­nent. Der Begriff „Autor“ kommt außer­dem in diversen Fil­ter-Funk­tio­nen vor.Für diese 50 Strings haben wir vor­erst auf Endun­gen mit Gen­der-Star zurück­ge­grif­f­en. Aus „Autor“ wurde „Autor*in“.«
  • Der GESCHICHTSCHECK hat sich ein­mal die Geschichte des Wortes völkisch ange­se­hen: »Der Begriff „völkisch“ wurde zwis­chen 1875, als der Ger­man­ist Her­mann von Pfis­ter ihn als Ersatz­wort für „nation­al“ vorschlug, und 1935, als der Große Brock­haus ihn als „Verdeutschung des Wortes ‚Nation­al‘, im Sinne eines auf dem Rassegedanken begrün­de­ten und daher entsch­ieden anti­semi­tis­chen Nation­al­is­mus“ definierte, so aufge­laden, dass er sich zum Schlag­wort für eine radikalna­tion­al­is­tis­che, anti­semi­tis­che und ras­sis­tis­che Weltan­schau­ung entwick­elte.«
  • Was sagt Don­ald Trump eigentlich, wenn er einen Artikel vor Per­so­n­en­grup­pen set­zt, wie in the African-Amer­i­cans? Lynne Mur­phy hat sich das Phänomen für QUARTZ ein­mal ange­se­hen und erk­lärt, was es so neg­a­tiv klin­gen lässt: »[…] Trump promised, “I’m going to help the African-Amer­i­cans. I’m going to help the Lati­nos, His­pan­ics. I am going to help the inner cities. [Clin­ton has] done a ter­ri­ble job for the African-Amer­i­cans.” Trump’s unusu­al use of “the” hasn’t gone unno­ticed. Nor­mal­ly innocu­ous, this def­i­nite arti­cle is now caus­ing seri­ous offense. The hash­tag #theAfricanAmer­i­cans has been trend­ing since the debate with angry and sar­don­ic com­ments on Trump’s lin­guis­tic choice.«

Von Gräten und Grenzen

Let­zte Woche ging’s ja schon los mit der Auflö­sung des Ety­molo­gierät­sels — die näch­sten bei­den Wort­paare ver­rat­en Span­nen­des über Sied­lungs­geschichte und Kriegs­führung:

Gräte und Grenze

Die Gräte ist ein alter Plur­al von Grat. So wie BartBärte ging im Mit­tel­hochdeutschen (1050–1350) auch GratGräte. Das Wort hat­te einen recht bre­it­en Bedeu­tung­sum­fang, darunter ‘Rück­grat, Bergrück­en, Spitze, Stachel, Fis­chgräte’. Wenn man über let­ztere sprach, benutzte man das Wort aber wohl meist in der Mehrzahl. Logisch, die Dinger steck­en ja massen­weise in so einem Fisch drin. Irgend­wann wurde diese Form dann als Ein­zahl uminter­pretiert, die Gräte war geboren. (Der Grat bekam später einen neuen Plur­al, Grate, so wie Jahre.)

Die Gren­ze ist dage­gen ein slaw­is­ch­er Import, wahrschein­lich von alt­pol­nisch grani­ca, grań­ca. Nun teilen sich slaw­is­che Sprachen ja einen Vor­fahren mit dem Deutschen, und tat­säch­lich, Weit­er­lesen

Akrobatischer Advent

Unser let­ztes Don­ner­stagsrät­sel wartet noch auf Auflö­sung. Gefordert war die paar­weise ety­mol­o­gis­che Verbindung aus dem fol­gen­den Worthaufen:

2016-08-Rätsel_SprachlogIn den Kom­mentaren wurde fleißig und zumeist auch richtig ger­at­en. Für alle, die dazu keine Lust hat­ten, vol­lziehe ich die Win­dun­gen aber heute und in den näch­sten Tagen noch ein­mal kurz nach, bevor ich zur Siegerehrung schre­ite. Los geht’s mit den Wörtern auf A:

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Jas­trow (2007) (CC BY 2.5)

Advent und Akrobat

Der Advent gehört zu lat. advenīre ‘ankom­men’ (ad ‘zu’, venīre ‘kom­men’) weil es die Zeit ist, die vor der “Ankun­ft” Jesu liegt. Im Akro­bat steckt zunächst griech. ákros ‘höchst, äußerst, an der Spitze’ — man ken­nt es von der Akropo­lis, die wörtlich ein­fach die ‘Ober­stadt’ ist. Der zweite Teil des Akro­bat­en geht auf griech. bá͞inein ‘gehen, schre­it­en’ zurück. Die Aus­gangs­be­deu­tung des Wortes war damit ‘auf (Fuß-)Spitzen gehend’.

Schon im alten Griechen­land war akro­batis­che Betä­ti­gung aber nicht auf die Zehen beschränkt: Weit­er­lesen

Das dass, dass ein das ist

Ich habe nun auch endlich ange­fan­gen, auf dem Handy mit Wis­chgesten zu “tip­pen”: Man zieht den Fin­ger ein­fach nur über die entsprechen­den Buch­staben, statt jeden einzeln anzu­tip­pen, und die Tas­tat­u­rapp rät, was gemeint ist. Das klappt ins­ge­samt sehr gut, auch wenn ich jet­zt dauernd darüber nach­denke, ob das Wort bekan­nt ist oder nicht — wenn nicht, muss ich es dann doch Buch­stabe für Buch­stabe eingeben. Ein Aspekt macht mich allerd­ings wahnsin­nig: Die Tas­tatur weiß ja nicht, wie häu­fig ein bes­timmter Buch­stabe hin­tere­inan­der benötigt wird. Sie weiß aber son­st jede Menge, z.B. wie häu­fig ich bes­timmte Wörter ver­wende (ein ger­ade erst gel­erntes schlägt sie z.B. in den näch­sten Minuten dauernd vor, selb­st wenn es von der Wis­chgeste her unwahrschein­lich ist) — und sie weiß, dass nach einem Kom­ma oft ein Neben­satz fol­gt. Und damit sind wir beim dass.

Auch hier hat die Tas­tatur zwei Optio­nen für eine Geste, dass und das. Der Satz mit dass ist ein Sub­junk­tion­al­satz (1), der mit das meist ein Rel­a­tivsatz (2), manch­mal auch ein ander­er Satz­typ (3, 4):

(1) Ich sehe, dass wir uns ver­ste­hen.

(2) Ich mag das Buch, das du mir geschenkt hast.

(3) Ich hoffe, das find­et sich.

(4) Ich finde das gut, das machen wir so!

2016-09-24-dassdasNun scheint mein­er Tas­tatur die Regel beige­bracht wor­den zu sein, dass nach Kom­ma ein dass-Satz fol­gt. Sehr viele das-Sätze, die ich schreibe — und das sind nicht wenige! — wer­den also fehler­haft und ich muss manuell nachko­r­rigieren. Rechts im Bild sieht man einen entsprechen­den Fall — hier wird mir nicht ein­mal das als Alter­na­tive ange­boten (in der grauen Zeile), dafür aber das Wort dass-das-Fehler, das es von mir gel­ernt hat, und das hier über­haupt nicht passt. Weit­er­lesen

Blogspektrogramm 33/2016

Ein Link zu 1 Phänomen (zwei, eigentlich), Nigge­meier über Kopp-Ver­lag und VDS, his­torische Vorstel­lun­gen davon, was Sprache eigentlich ist und Vorstel­lun­gen davon, wie Stim­men in der Poli­tik zu klin­gen haben — der Son­ntag ist gerettet!

  • Nad­ja Schlüter hat sich auf JETZT 1 Frage gestellt, näm­lich die nach der Herkun­ft der 1. Sie ver­mutet, dass der Rap­per Mon­ey Boy sie erfun­den hat — die Erfahrung (und die Nachträge am Ende des Artikels) zeigt, dass so etwas meist nicht völ­lig aus dem Nichts kommt, aber was Mon­ey Boy zum The­ma zu sagen hat, ist auf jeden Fall lesenswert: »Gibt keine Hin­ter­gründe meist auss­er die Sprache immer fresh und neu und dif­fer­ent zu keep­en.« Inter­es­sant an der 1 ist, dass sie nicht nur die Vorkom­men erset­zt, bei der sie mit der Aussprache übere­in­stimmt (Was ist das für 1 Life), son­dern auch die, bei denen dadurch Kasus oder Genus niv­el­liert wer­den (Was ist das für 1 Frage?). Das ist kein reines Schrift­phänomen, son­dern find­et sich eben­so, mit den gle­ichen sprach­spielerischen Kon­no­ta­tio­nen, in der gesproch­enen Sprache (Was ist das für ein Frage?). Insofern gle­icht es 1 wenig dem gle­ich­macherischen nen.
  • Wer will, kann sich dafür auch 1 Chrome-Exten­sion run­ter­laden.
  • Let­zten Son­ntag haben wir einen Beitrag zur Causa VDS in F&L ver­linkt. Über das The­ma hat auch Ste­fan Nigge­meier auf ÜBERMEDIEN geschrieben (der Link befand sich am Ende des ver­link­ten Blog­posts) — was natür­lich Reak­tio­nen nach sich zog. Die gib’s hier: »Der Text von Mäh­ler ist faszinierend, weil er den ganzen Wahn enthält, der diese Szene antreibt. Bloßer Wider­spruch wird zum Ver­such hys­ter­isiert, einen ganzen Vere­in „mund­tot“ zu machen. Wenn der in den Medi­en all­ge­gen­wär­tige Vor­sitzende eines Vere­ins es sich gefall­en lassen muss, dass ein paar Leute ihn kri­tisieren, bedeutet das schon, dass er zum „Staats­feind“ erk­lärt wurde. Mehr braucht es nicht. Man kön­nte lachen über diese Leute, wenn es ihnen nicht so ernst wäre.«
  • Welch­es Image hat Sprache eigentlich so? Hen­ning Lobin hat auf der ENGELBART-GALAXIS ein wenig in die Ver­gan­gen­heit geblickt: »Sprache wird [im Mit­te­lal­ter] nicht im Zusam­men­hang mit andere Kom­mu­nika­tion­s­mit­teln betra­chtet, son­dern isoliert, die Beschrei­bung von Sprache ori­en­tiert sich an Regeln, und sprach­liche Kom­mu­nika­tion wird als ein sich nach logis­chen Geset­zmäßigkeit­en vol­lziehen­des Geschehen ratio­nal­is­tisch über­höht. Wir sehen uns nun an, wie diese Grund­ten­den­zen nach dem Ende des Mit­te­lal­ters in die sich entwick­el­nde Sprach­wis­senschaft einge­floßen sind, es im 19. Jahrhun­dert aber auch ver­schiedene Abkehrver­suche gegeben hat.«
  • Schon etwas älter, aber ich glaube, wir haben es noch nicht ver­linkt: Deb­bie Cameron auf LANGUAGE. A FEMINIST GUIDE darüber, wie die Sprache von Poli­tik­erin­nen wahrgenom­men wird: »High pitch is asso­ci­at­ed not only with female­ness, but also with oth­er char­ac­ter­is­tics which imply a lack of author­i­ty, such as imma­tu­ri­ty (chil­dren have high-pitched voic­es) and emo­tion­al arousal (we ‘squeal’ with joy or fear, ‘shriek’ with excite­ment, ‘screech’ angri­ly). Say­ing that a woman’s voice is ‘shrill’ is also a code for ‘she’s not in con­trol’.«

Donnerstagsrätsel: Akrobatische, unmoralische Grenadiere

Nicht nur Arbeit und Robot­er haben eine uner­wartet enge Beziehung, der deutsche Wortschatz ist voller solch­er Kuriositäten. Und deshalb ist das Don­ner­stagsrät­sel zurück: In der fol­gen­den Wort­wolke

[…] habe ich sprach­liche Ver­wandte durcheinan­derge­wor­fen – immer zwei Wörter besitzen eine gemein­same Wurzel. Welche gehören zusam­men?

Die Ver­wandtschaft kann ziem­lich weit zurück­ge­hen, weshalb der Bezug bei den wenig­sten offen­sichtlich ist. So wür­den, wären sie drin, Etat und Dis­tanz zusam­menge­hören, denn Etat kommt über frz. état aus lat. sta­tus ‘Zus­tand’, was zu stāre ‘ste­hen’ gebildet wurde und Dis­tanz kommt von lat. dis­tan­tia, ein­er Abstrak­t­bil­dung zu dis­tāre ‘voneinan­der weg­ste­hen’, das sich aus dis- und stāre ‘ste­hen’ zusam­menset­zt. []

2016-08-Rätsel_Sprachlog

(Alpha­betis­che Liste am Ende des Beitrags.)

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Blogspektrogramm 32/2016

Das heutige Spek­tro­gramm ist rand­voll mit Aussprache­daten­banken, der Aus­bre­itung rechter Slo­gans (the­ma­tisch benach­bart dazu gibt’s Kri­tik am VDS und eine Analyse von Trump-Tweets) und schließlich einem Ein­blick in die Hawai­ian­is­che Gebär­den­sprache.

  • Ins­beson­dere in Fernsehn und Radio bemüht man sich darum, auch Namen und sel­tenere Fremd­wörter auszus­prechen wie im Orig­i­nal. Dabei helfen Aussprache­daten­banken — die der ARD stellt Peter Lück­e­mey­er in der FAZ vor: »Über rund 375.000 solch­er Daten­sätze ver­fügt die ARD-Aussprache­daten­bank […]. Sie ist ein Kind des Com­put­erzeital­ters, denn solche „Daten­banken“ hat­te es früher auch schon ver­streut über die Stu­dios gegeben. Das waren allerd­ings Karteikarten, auf denen dann hand­schriftlich „Celebidache: Tschelebidake“ notiert war, damit kein Sprech­er über den Namen des rumänis­chen Diri­gen­ten stolpern musste.«
  • Rechte Slo­gans sick­ern in den All­t­ag: Die AUGSBURGER ALLGEMEINE hat u.a. mit Ana­tol Ste­fanow­itsch gesprochen: »«Lügen­presse», «Volksver­räter», «Über­frem­dung» — Wer über die eigene Sprache nach­denkt, bemerkt vielle­icht an sich selb­st, dass nach vie­len Diskus­sio­nen über Asylpoli­tik solche Wörter leichter auszus­prechen sind. «Wenn man sich viel damit beschäftigt, muss man ständig beson­ders aufmerk­sam sein, sich diesem Effekt zu entziehen», sagt Ste­fanow­itsch. «Aber es ste­ht etwas auf dem Spiel.» Sich nicht zu dis­tanzieren von her­ab­würdi­gen­den Wörtern, berge die Gefahr, harm­los wirk­ende Muster zu übernehmen.« (Ähn­lich auch diese kurze DPA-Mel­dung.)
  • Sprach­wis­senschaft­lerIn­nen haben sich darüber beschw­ert, dass die Zeitschrift Forschung & Lehre dem VDS eine Plat­tform bietet — Details zur Geschichte gibt’s bei Hen­ning Lobin in der ENGELBART-GALAXIS: »Zeich­net sich hier eine neue Strate­gie im Umgang mit wis­senschaftlichen Kon­flik­ten ab? Dass man deren Vertretern „Befind­lichkeit­en“ und einen Hang zur Polit­i­cal Cor­rect­ness unter­stellt? Die Tat­sache, dass eine solche Argu­men­ta­tion im Zusam­men­hang mit einem Vere­in, der offen­sichtlich eine erhe­bliche pop­ulis­tis­che Anfäl­ligkeit aufweist, aus­gerech­net vom Deutschen Hochschul­ver­band unter Ver­weis auf einen Wikipedia-Artikel gel­tend gemacht wird, lässt uns alle verblüfft und irri­tiert zurück…«
  • Foren­sis­che Sti­l­analyse mal anders: David Robin­son hat sich auf VARIANCE EXPLAINED Tweets von Don­als Trump unter der Hypothese ange­se­hen, dass (nur) eine Teil­menge von Trump selb­st stammt: »My analy­sis, shown below, con­cludes that the Android and iPhone tweets are clear­ly from dif­fer­ent peo­ple, post­ing dur­ing dif­fer­ent times of day and using hash­tags, links, and retweets in dis­tinct ways. What’s more, we can see that the Android tweets are angri­er and more neg­a­tive, while the iPhone tweets tend to be benign announce­ments and pic­tures.«
  • Die Hawai­ian­is­che Gebär­den­sprache wurde ger­ade erst als eigen­ständi­ge Sprache anerkan­nt, schon ist sie vom Ausster­ben bedro­ht. Im GUARDIAN berichtet Ross Per­lin darüber, welche Fak­toren dazu führen, dass sie nicht mehr gesprochen wird: »Like every nat­ur­al lan­guage, [Hawai­ian Sign Lan­guage] is the evolved prod­uct of a spe­cif­ic his­to­ry, the uncon­scious cre­ation of a com­mu­ni­ty. For it to sur­vive, local sign­ers will have to make a delib­er­ate choice to use it. The same may be increas­ing­ly true of Deaf­ness itself.« (Sehr lang, aber lohnt sich!)

Das Erbe des Arbeitsroboters

Dieser Tage bin ich im früh­neuhochdeutschen Wörter­buch auf den Ein­trag ack­er­ro­bot ‘Fron­di­enst der Bauern’ gestoßen. Das hat mich etwas aus dem Konzept gebracht: Es geht um Arbeit und das zweite Wort sieht qua­si aus wie Robot­er, Zufall wird das kaum sein. Nun kam der Robot­er im 20. Jh. ins Deutsche, Früh­neuhochdeutsch sprach man aber zwis­chen 1350 und 1650 — das eine kann also nicht direkt vom anderen abstam­men. Also habe ich etwas in der Ver­gan­gen­heit herumge­graben, wo ich auf viel Plack­erei und arme Waisenkinder gestoßen bin: Weit­er­lesen

Blogspektrogramm 29/2016

Hur­ra, hur­ra, das Spek­tro­gramm ist wieder da! Heute gibt’s Spracherken­nungssoft­ware, eine Stop­puhr, ein paar Über­set­zung­prob­leme und einen tragis­chen Fall qua­si kollek­tiv­en moralis­chen Ver­sagens in der Lin­guis­tik.

  • Googles automa­tis­che Spracherken­nung ist auf männliche Stim­men hin opti­miert, stellt Rachael Tat­man auf MAKING NOISE & HEARING THINGS fest, und das ist schlecht: »This is a real prob­lem with real impacts on people’s lives. Sure, a few incor­rect Youtube cap­tions aren’t a mat­ter of life and death. But some of these appli­ca­tions have a lot high­er stakes. Take the med­ical dic­ta­tion soft­ware study. The fact that men enjoy bet­ter per­for­mance than women with these tech­nolo­gies means that it’s hard­er for women to do their jobs. Even if it only takes a sec­ond to cor­rect an error, those sec­onds add up over the days and weeks to a major time sink, time your male col­leagues aren’t wast­ing mess­ing with tech­nol­o­gy. And that’s not even touch­ing on the safe­ty impli­ca­tions of voice recog­ni­tion in cars.« Wie das passiert, erk­lärt der Artikel wun­der­bar.
  • Ein kleines Tool zur Mes­sung von Rededauer gibts auf der Sin­gle-Pur­pose-Seite arementalkingtoomuch.com. Lei­der fehlt die Möglichkeit, anzugeben, wie viele Män­ner und Frauen über­haupt am Gespräch teil­nehmen, um den Wert rel­a­tiv berech­nen zu kön­nen, aber in manchen Kon­tex­ten vielle­icht doch brauch­bar.
  • In der SÜDDEUTSCHEN hat sich Jörg Häntzschel (schon vor ein paar Wochen) über­legt, welche Prob­leme sich bei der Über­set­zung von (police) shoot­ing und to shoot ergeben und man kann ihm ein wenig beim Nach­denken zuse­hen: »Nicht ein­mal für das tran­si­tive Verb to shoot gibt es ein Äquiv­a­lent. Im Englis­chen bleibt erst mal offen, was genau die Kugel angerichtet hat. Sie hat das Opfer getrof­fen, Blut fließt — das zählt. Im Deutschen hinge­gen muss man, um den Vor­gang über­haupt beschreiben zu kön­nen, noch bevor der Pul­ver­dampf ver­zo­gen ist, klären, ob das Opfer erschossen oder “nur” angeschossen wurde.«  Manche sein­er Über­set­zung­sprob­leme sind sich­er keine so großen — die deutschen Wörter kön­nen ihre Bedeu­tung ja verän­dern, um auch die englis­che Bedeu­tung mitzuer­fassen, eben dadurch, dass sie in neuen Kon­tex­ten genutzt wer­den, aber das leichte Unbe­ha­gen, das dem voraus­ge­ht, wird hier ganz gut erfasst. (Via @check_live)
  • Rory Car­roll schreibt im GUARDIAN über Genie, ein Mäd­chen, das 1970 im Alter von 13 Jahren das erste Mal in Kon­takt mit der Außen­welt und mit Sprache kam. Der Artikel streift die sprach­wis­senschaftlichen Aspek­te nur, ist aber den­noch (oder erst recht) lesenswert: »Over time, Genie slipped from head­lines – Viet­nam was burn­ing, the Bea­t­les were in the midst of break­ing up – but she retained the atten­tion of sci­en­tists, espe­cial­ly lin­guists. She was a prize spec­i­men for hav­ing grown up with­out lan­guage or social train­ing. Could she now learn lan­guage?«

Blogspektrogramm 25/2016

Guten Mor­gen! Im Aus­tausch gegen ein pünk­tlich­es Spek­tro­gramm bieten wir Ihnen heute eine kleinere Auswahl, die Ihnen aber immer­hin Emo­ji, Gerechte Sprache, Schimpfwörter und einen Gen­er­a­tor bietet. Damit ist Ihre Zeit famos investiert. Viel Spaß!