Archiv des Autors: Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch

Über Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch ist Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der Freien Universität Berlin. Er beschäftigt sich derzeit mit diskriminierender Sprache, Sprachpolitik und dem politischen Gebrauch und Missbrauch von Sprache. Sein aktuelles Buch „Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“ ist 2018 im Dudenverlag erschienen.

Unwort des Jahres 2016: Volksverräter.

Die „Sprachkri­tis­che Aktion“ hat ger­ade das Unwort des Jahres 2016 bekan­nt­gegeben: Volksver­räter. Damit set­zt die Jury unter Leitung mein­er Darm­städter Kol­le­gin Nina Janich kon­se­quent die Kri­tik an rechter und recht­es Han­deln ver­harm­losender Sprache fort, die sie 2013 mit dem Unwort Sozial­touris­mus begonnen und sei­ther mit Lügen­presse (2014) und Gut­men­sch (2015) fort­ge­set­zt hat.

Die zunehmende Nor­mal­isierung rechter Inhalte und rechter Sprache im öffentlichen Diskurs ist eine erschreck­ende Entwick­lung und man kann es der „Sprachkri­tis­chen Aktion“ nicht hoch genug anrech­nen, dass sie jedes Jahr aufs neue auf diese Entwick­lung hin­weist.

Volksver­räter ist ein Begriff, der his­torisch schon zwei sprach­liche Kon­junk­tur­phasen hat­te. Zum ersten Mal nimmt seine Häu­figkeit im Sprachge­bauch im ersten Weltkrieg zu und sinkt dann wieder ab, um dann in der Zeit des Nation­al­sozial­is­mus einen sprung­haften und nach­halti­gen Anstieg zu erleben, der in den 1950er und 1960er Jahren langsam wieder nach­lässt.

Die Häu­figkeit­sen­twick­lung liest sich also wie eine Fieberkurve völkischen Denkens in Deutsch­land, und dass das Wort inzwis­chen wieder laut auf der Straße gerufen wird, zeigt, dass die aktuelle, häu­fig als „recht­spop­ulis­tisch“ ver­harm­loste Stim­mung in großen Teilen der Gesellschaft diskur­siv direkt an dieses Denken anschließt.

Wer mehr wis­sen will – ich bin ab 12:10 im Kul­tur­ra­dio des rbb zu Gast, um mit Mod­er­a­tor Frank Rawel und dem Kolum­nis­ten Har­ald Marten­stein über Unwörter all­ge­mein und das Unwort des Jahres im Beson­deren zu disku­tieren. Später bin ich dann noch im Deutsch­landra­dio Kul­tur zu Gast, Details fol­gen.

Nafris (ein sprachwissenschaftliches Grünen-Seminar für Rainer Wendt)

Das Wort Nafri sorgt für heftige Debat­ten, seit die Köl­ner Polizei in der Sil­vester­nacht 2016 über den Kurz­nachrich­t­en­di­enst Twit­ter fol­gende Beschrei­bung ihres Vorge­hens abset­zte:

Die Diskus­sion wird, wie es in Deutsch­land lei­der üblich ist, wenn es um poten­ziell prob­lema­tis­che Sprache geht, sehr hitzig, fak­te­n­arm und wenig pro­duk­tiv geführt. Sie wird außer­dem ver­mis­cht mit der wichtigeren Diskus­sion um Racial Pro­fil­ing und öffentliche Sicher­heit, die mit dem Wort Nafri eher am Rande zu tun hat.

Eigentlich wollte ich mich deshalb aus der Diskus­sion her­aushal­ten, aber dann las ich fol­gende Aus­sage des Vor­sitzen­den der Deutschen Polizeigew­erkschaft, Rain­er Wendt:

Das ist eine Abkürzung, die wir im Ein­satz benutzen, beispiel­weise bei Funksprüchen oder wenn sich die Beamten etwas zurufen. Das braucht man nicht zu drama­tisieren. Das ist eben der Unter­schied zwis­chen einem sprach­wis­senschaftlichen Grü­nen-Sem­i­nar und einem Polizeiein­satz. (Rain­er Wendt in der Jun­gen Frei­heit, 2. Jan­u­ar 2017)

Ich bin zwar kein Grün­er, aber ein sprach­wis­senschaftlich­es Sem­i­nar kann ich liefern, und da die Kri­tik am Begriff „Nafri“ weit­ge­hend am eigentlichen Prob­lem vor­beige­ht, habe ich Wendts Her­aus­forderung dann doch angenom­men. Weit­er­lesen

Warum man Fake News nicht verbieten kann: Eine Fallstudie

Zufäl­lig war ich heute auf der Suche nach Wei­h­nachts­geschenken in den Schön­hauser-Allee-Arkaden (einem Einkauf­szen­trum im Pren­zlauer Berg), als der Ein­gang und die Straße und der U-Bahn­hof vor dem Einkauf­szen­trum von der Polizei abges­per­rt wur­den. Ein fre­undlich­er Beamter erk­lärte auf Nach­frage, dass man einen verdächti­gen Gegen­stand gefun­den habe, der nun unter­sucht würde.

Das wurde auch schnell von eini­gen lokalen Medi­en auf Twit­ter bekan­nt­gegeben, z.B. hier (um 14:33):

Der Gegen­stand wurde am Ende ergeb­nis­los gesprengt (es war, je nach Mel­dung, eine Tüte, ein Kof­fer oder ein leer­er Schuhkar­ton) und mein Wei­h­nachts­geschenk habe ich auch nicht gefun­den, aber dafür eine schöne Fall­studie darüber, wie man Fake News ver­fasst, ohne dabei zu lügen. Weit­er­lesen

Wort des Jahres 2016: Postfaktisch

Wenn die Gesellschaft für Deutsche Sprache uns ihre Wörter schickt, schickt sie nicht ihre besten Wörter. Sie schick­en uns Wörter, die viele Prob­lem haben und sie brin­gen diese Prob­leme zu uns. Sie brin­gen wohlfeilen Unfug. Sie brin­gen erfun­dene Wörter. Es sind Wörter, die nie­mand ken­nt. Und einige, ver­mute ich, sind gute Wörter.

Das Wort des Jahres wurde von und für die Chi­ne­sen erfun­den, um die deutsche Sprach­pro­duk­tion wet­tbe­werb­sun­fähig zu machen. Die krim­inelle Gesellschaft für deutsche Sprache hat die Puris­ten­miliz Vere­in Deutsche Sprache gegrün­det. Aber da kann man nichts machen, Obwohl — die Leute der Amtlichen Rechtschrei­bung, vielle­icht gibt es doch etwas. Ich weiß es nicht.

Ich werde ein eigenes Wort des Jahres wählen – und nie­mand wählt Wörter bess­er als ich, glauben Sie mir – und ich wäh­le sie sehr kostengün­stig. Ich werde ein großes, großes Wort des Jahres an unser­er Sprach­gren­ze wählen und ich werde die Lexiko­graphen für dieses Wort bezahlen lassen.

Alle lieben meine Wörter. Ich kön­nte mich auf die Kon­rad-Duden-Straße stellen und jeman­den zutex­ten, und die Leute wür­den mein Wort des Jahres trotz­dem wählen. Wenn es nicht mein Wort des Jahres wäre, würde ich es wahrschein­lich dat­en.

Jugend schützt vor Wortheit nicht

Das Jugend­wörter­buch-des-Jahres-Wer­be­wort 2016 wurde eben bekan­nt gegeben. Wie auch in den let­zten Jahren (2013, 2014, 2015) sind dem Sprachlog die Aufze­ich­nun­gen der Beratun­gen aus den Redak­tion­sräu­men des Wörter­buchver­lags Schlangenei­dt zuge­spielt wor­den, die wir im Fol­gen­den ungekürzt veröf­fentlichen.

Im Büro von DR. WORTWISPERER, Ober­lexiko­graf des Wörter­buchver­lags Schlangenei­dt in München.

Anwe­send sind OBERLEXIKOGRAF DR. WILLHELM WORTWISPERER und ASSISTENZOBERLEXIKOGRAF SIEGFRIED SILBENSÄUSLER.

SILBENSÄUSLER. Wortwisper­er, Wortwisper­er!

(STILLE)

SILBENSÄUSLER. Aufgewacht, Wortwisper­er!

WORTWISPERER. Potz­tausend, Sil­ben­säusler! Wie oft habe ich Ihnen gesagt, Sie sollen mich nicht beim Sin­nieren unter­brechen!

SILBENSÄUSLER. Par­don, Wortwisper­er, aber es eilt! Der Herr Direk­tor Schlangenei­dt ver­langt das Jungspund­wort des Jahres!

WORTWISPERER: Schon wieder, Sil­ben­säusler?

SILBENSÄUSLER: Ja, der Lauf der Jahreszeit­en, Wortwisper­er. Es ist schon wieder so weit.

WORTWISPERER: Aber sind diese Jungspunde nun­mehr nicht langsam alle im Man­nesalter angekom­men, Sil­ben­säusler?

SILBENSÄUSLER: Da wach­sen ständig neue Jungspunde nach, Wortwisper­er. Weit­er­lesen

Blogspektrogramm 14/2016

Und hier die sprach­lichen Lek­türetipps zum Son­ntag, dies­mal mit Vok­a­beln der neuen Recht­en, geschlecht­sneu­tral erzo­ge­nen Katzen, den beliebtesten Vor­na­men und leichter Sprache.

Pegi­da und die AfD verän­dern nicht nur die poli­tis­che Land­schaft son­dern auch den öffentlichen Diskurs. In der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG wer­den einige Kampf­be­griffe der neuen Recht­en – von „Lügen­presse“ bis „Gen­der­wahn“ – unter die Lupe genom­men.

A pro­pos „Gen­der­wahn“ – während in Deutsch­land schon ein Schrägstrich (Student/in) reicht, um das Feuer der Jed­er-nach-mein­er-Façon-Frak­tion auf sich zu ziehen, braucht es in den USA wegen der weit­ge­hend geschlecht­sneu­tralen Per­so­n­en­beze­ich­nun­gen des Englis­chen schon schw­erere Geschütze. Zum Beispiel die Ver­wen­dung des Plu­ral­pronomens they als geschlecht­sneu­trale Sin­gu­lar­form (im Sprachlog schon ein­mal hier disku­tiert). Eine Jour­nal­istin der WASHINGTON POST übt diese Form für sich, indem sie ihre Katzen „geschlecht­sneu­tral erzieht“ (den Kommentator/innen des Artikels gefällt das nur bed­ingt).

Auch die Namen der bei­den betrof­fe­nen Katzen sind ungewöhn­lich: „Trou­ble“ und „Essence“. Die beliebtesten Vor­na­men des Jahres 2015 in Deutsch­land sind da sehr viel nor­maler, wie die Auswer­tung der GESELLSCHAFT FÜR DEUTSCHE SPRACHE zeigt – es führen wie schon im let­zten Jahr die sehr geschlechtsspez­i­fis­chen Namen „Sophie/Sofie“ und „Max­i­m­il­ian“.

Schließlich hat sich auch unser Autor Ana­tol Ste­fanow­itsch mal wieder in der Presse geäußert, aus­nahm­sweise mal nicht zu geschlecht­sneu­traler Sprache (oder Emo­jis), son­dern zur „Leichte Sprachen“ und zum The­menkom­ples Sprache, Denken und poli­tis­che Manip­u­la­tion. Im Schweiz­er MIGROS MAGAZIN ist ein län­geres Inter­view erschienen.

In der Wahrheit liegt die Lüge

Eine Arbeits- und Sozialmin­is­terin, die Bestechungs­gelder annimmt, um ihre Hero­in­sucht zu finanzieren, muss sofort zurück­treten. Wenn wir uns so etwas aus falsch ver­standen­em Gut­men­schen­tum her­aus gefall­en lassen, spal­tet das unsere Gesellschaft, und die Stim­mung kippt sowieso. Nein, gle­iche Regeln für alle, da kann es keine Diskus­sion geben.

Natür­lich kom­men jet­zt gle­ich die Ein­wände aus der immer gle­ichen Rich­tung: Es gebe doch gar keine Hin­weise darauf, dass unsere Arbeits- und Sozialmin­is­terin Bestechungs­gelder annimmt oder Hero­in­süchtig sei. Natür­lich nicht, ich rede doch nicht über eine bes­timmte Per­son! Ich habe den höch­sten Respekt vor Andrea Nahles und ihrer Arbeit. Ich bin mir sich­er, dass die meis­ten Arbeits- und Sozialmin­is­terin­nen wed­er Dro­gen nehmen, noch bestech­lich sind.

Ich sage ja nur: Wenn eine Arbeits- und Sozialmin­is­terin Bestechungs­gelder annimmt, um ihre Hero­in­sucht zu finanzieren, dann muss sie zurück­treten. Das muss man sagen dür­fen. Das Schweigekartell bezüglich dro­gen­süchtiger, kor­rupter Min­is­terin­nen ist unerträglich. Weit­er­lesen

Laudatio für den Anglizismus des Jahres 2015: Refugees Welcome

Beim Anglizis­mus des Jahres geht es uns nicht um eine inhaltliche Charak­ter­isierung des abge­laufe­nen Jahres, son­dern darum, englis­ches Lehngut auszuze­ich­nen, das die deutsche Sprache und den deutschen Sprachge­brauch auf beson­ders inter­es­sante Weise ergänzt hat. Der diesjährige Sieger – von Jury und Pub­likum übere­in­stim­mend gewählt – erfüllt aber bei­de Kri­te­rien: Refugees Wel­come. Bess­er als durch diesen Slo­gan ließe sich die Welle der Weltof­fen­heit, Hil­fs­bere­itschaft und Gast­fre­und­schaft gegenüber Flüchtlin­gen, die in der zweit­en Jahreshälfte unver­mit­telt große Teile der Bevölkerung erfasste, nicht ein­fan­gen. Aber auch aus sprach­wis­senschaftlich­er Per­spek­tive hat Refugees Wel­come viel zu bieten.

Dass Fir­men sich und ihre Pro­duk­te auch dann gerne mit englis­chsprachi­gen Slo­gans bewer­ben, ist nicht weit­er ungewöhn­lich. Sie stellen sich auf diese Weise als Glob­al Play­ers und ihre Kun­den als Mit­glieder ein­er kos­mopoli­tis­chen Gesellschaft dar – manch­mal zu recht, manch­mal nur aus einem mehr oder weniger durch­schaubaren Wun­schdenken. Sehr viel sel­tener, wenn über­haupt, passiert es, dass die Sprachge­mein­schaft von sich aus einen solchen Slo­gan für sich ent­deckt. Schon das macht Refugees Wel­come zu etwas Beson­derem. Weit­er­lesen

Jenseits des Gastrechts: Sprachbilder und ihre Grenzen

Als Sahra Wagenknecht let­zte Woche vom „Gas­trecht“ der Flüchtlinge sprach, und davon das der­jenige, der es miss­brauche, irgend­wann dann auch ver­wirkt habe, war die Empörungswelle vor­pro­gram­miert.

Erstens, weil sie eben Sahra Wagenknecht und Linke nichts lieber tun als andere Linke all­ge­mein, und Wagenknecht im Beson­deren, mit Empörung zu über­schüt­ten. Schließlich hat­ten sowohl die rhein­land-pfälzis­che CDU-Vor­sitzende Julia Klöck­n­er als auch die Bun­deskan­z­lerin Angela „Wir-schaf­fen-das“ Merkel nur ein paar Tage zuvor fast wortwörtlich das­selbe gesagt, ohne dass das das kle­in­ste biss­chen link­er Kri­tik nach sich gezo­gen hätte („Wer das Gas­trecht ver­wirkt, der wird irgend­wann vor die Tür geset­zt“, Julia Klöck­n­er; „Einige Straftäter von Köln haben ihr Gas­trecht ver­wirkt“, Angela Merkel).

Zweit­ens, weil das Wort Gas­trecht einen offen­liegen­den Nerv der deutschen Flüchtlings­de­bat­te trifft, für den Wagenknecht, Klöck­n­er und Merkel eigentlich gar nichts kön­nen, son­dern der etwas mit Sprache, Welt­sicht und Wirk­lichkeit zu tun hat: der Frage, wie wir über Flüchtlinge reden und denken und worauf wir uns damit ein­lassen. Weit­er­lesen

Unwort des Jahres 2015: Gutmensch

An der Arbeit der Sprachkri­tis­chen Aktion „Unwort des Jahres“ habe ich ja sel­ten etwas auszuset­zen, und auch dieses Mal hätte sie es schlechter tre­f­fen kön­nen, als sie es mit der Wahl des Wortes Gut­men­sch getan hat. Die Ver­ach­tung und spöt­tis­che Dele­git­i­ma­tion anständi­gen Ver­hal­tens, die in diesem Wort zum Aus­druck kommt, hat nicht erst, aber auch im Jahr 2015 die öffentliche Diskus­sion geprägt und wenn die Wahl zum Unwort dabei hil­ft, eine Grund­satzde­bat­te darüber anzus­toßen, dass die auf Sol­i­dar­ität und Hil­fs­bere­itschaft auf­bauen­den Werte der Gut­men­schen bess­er sind als die auf den eige­nen Vorteil und das eigene Fortkom­men auf­bauen­den Werte der­er, die das Wort ver­wen­den, wäre das ein Gewinn. Weit­er­lesen