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[Call for Papers] Speculative Grammarian

Trey Jones vom Spec­u­la­tive Gram­mar­i­an hat mir eine char­mante, per­son­al­isierte Massen­mail geschickt und mich drum gebeten, ein bißchen für den Spec­u­la­tive Gram­mar­i­an zu wer­ben. Das mache ich natür­lich gerne, ver­danke ich ihm doch einen Mag­neten und indi­rekt auch einen der ersten (sehr min­i­mal­is­tis­chen – in der All­t­ags­be­deu­tung natür­lich!) Sch­plock-Beiträge.

Der Spec­Gram ist eine erstk­las­sige Zeitschrift für satirische Lin­guis­tik, ein, wie Jones sagt, bedauer­licher­weise sehr ver­nach­läs­sigtes Gebi­et. Das bedeutet aber auch, dass man hier sehr leicht an eine Pub­lika­tion kom­men kann – gesucht wer­den näm­lich

… satir­i­cal and humor­ous arti­cles, poems, car­toons, ads, and all sorts of oth­er material—and no field with­in or relat­ed to lin­guis­tics is off lim­its.

Und hier etwas ela­bori­ert­er:

Spec­Gram is seek­ing wit­ty, eru­dite papers in satir­i­cal lin­guis­tics that demon­strate a com­pre­hen­sive knowl­edge of the field of lin­guis­tics as a whole, a sub­tle wit, and a refined sense of writ­ten lan­guage. Pref­er­ence is giv­en to mate­r­i­al that rous­es the pas­sions (not that kind, you hussy) and evokes the intel­lec­tu­al delight of the edi­tors and pub­lish­ers.

How­ev­er, as those kinds of papers are pret­ty hard to come by, Spec­Gram is accept­ing papers that are mod­er­ate­ly clever, can be edit­ed into some pass­able form, and don’t rely too heav­i­ly on bod­i­ly func­tion humor.

[…]

Mate­r­i­al writ­ten in a lan­guage with a pass­ing sim­i­lar­i­ty to Eng­lish is, for prac­ti­cal rea­sons, han­dled more quick­ly, but is in no way pre­ferred.

Vielle­icht hat ja jemand von Euch was in ein­er Schublade liegen? Oder Lust, was zu schreiben?

Hier ein paar mein­er Lieblingsar­tikel aus dem Spec­Gram:

Wenn Ihr auch Spec­Gram-Lieblingsar­tikel habt, postet die Links dazu in den Kom­mentaren und nehmt damit die ein­ma­li­gen Chance wahr, eine auf der Rück­seite hand­sig­nierte Vis­itenkarte des Spec­Gram-Her­aus­ge­bers aus mein­er hochkaräti­gen Samm­lung von Mem­o­ra­bil­ia zu gewin­nen (verklein­erte Darstel­lung rechts, Mag­nete nicht enthal­ten).

[Lesetipp] Interview mit dem Wortwart

Matthias Heine hat für die FAS ein Inter­view mit Lothar Lem­nitzer, dem Betreiber der Wort­warte, geführt. Ins­ge­samt recht angenehme Fra­gen und meist sehr gründliche Antworten – ich finde es dur­chaus lesenswert.

Das zu Beginn erwäh­nte Buch “Hirndieb­stahl im Sparadies” habe ich mir übri­gens let­ztes Jahr gekauft, ich war aber nicht beson­ders ange­tan – das eigentlich Coole, näm­lich die Wörter, wer­den durch die sehr bemüht­en Texte mein­er Mei­n­ung nach ver­dor­ben. Ganz zu schweigen von den Illus­tra­tio­nen. Gesam­turteil? Bahn­hofs­buch­hand­lungs­buch. Hat vielle­icht jemand Inter­esse dran?

[Veranstaltungstipp] Chomsky in Mainz

Am 24. März kommt Noam Chom­sky nach Mainz – im Rah­men ein­er Vor­lesungsrei­he, die dann das ganze Som­merse­mes­ter über mit Angela Friederi­ci stat­tfind­et: “Sprache und Gehirn. Zur Sprach­fähigkeit des Men­schen”. Die Mainz­er unter Euch werden’s sich­er schon mit­bekom­men haben, aber vielle­icht inter­essiert es ja auch Leute aus der Nähe.

[Videotipp] Affen, Kleinkinder und Kommunikation

Sooo, ich bin schon mit einem Bein aus der Tür, denn mor­gen geht’s in aller Frühe zur DGfS-Jahresta­gung nach Berlin. Juhu!!!
Damit euch in der Zwis­chen­zeit nicht lang­weilig wird, gibt’s einen kleinen Videotipp (mit Dank an Memo).

Michael Tomasel­lo, dem es sich immer zuzuhören lohnt, sprach 2006 in Paris in ein­er vierteili­gen Vor­lesungsrei­he über Kom­mu­nika­tion und warum sie bei Men­schen so anders ist als bei Men­schenaf­fen. Tech­nisch ver­sierte Leute haben es aufgeze­ich­net und online gestellt. Naja, vielle­icht nicht ganz so ver­siert, denn das erste Video hat lei­der eine ganz schlechte Klangqual­ität, das vierte ist auch nicht ganz so doll.

Es gibt viele lustige Videos von Affen und Kleinkindern und viele lehrre­iche Erken­nt­nisse über die Unter­schiede und Gemein­samkeit­en zwis­chen den bei­den.

Hier geht’s zur Über­sicht der Videos, hier find­en sich auch noch kurze Inhalt­sangaben.

Wer sich für das The­ma zwar inter­essiert, aber dazu keine englis­chen Videos anguck­en mag, kann ja mal einen Blick in dieses (für Laien anspruchsvolle!) Buch wer­fen:

Michael Tomasel­lo (1999): Die kul­turelle Entwick­lung des men­schlichen Denkens. Aus dem Englis­chen über­set­zt von Jür­gen Schröder. Frank­furt a.M.: Suhrkamp.


					

[Surftipp] Sprachlog

Den Umzug und die damit ein­herge­hende Umbe­nen­nung des Bre­mer Sprachlogs will ich zum Anlass für einen schnellen Link­tipp nehmen – wer das Bre­mer Sprach­blog nicht kan­nte, der sollte jet­zt auf jeden Fall das Sprachlog ken­nen­ler­nen.

Ana­tol Ste­fanow­itsch, Pro­fes­sor für Englis­che Sprach­wis­senschaft an der Uni Bre­men, liefert seit ziem­lich genau drei Jahren Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen und Mei­n­un­gen zu sprach(wissenschaft)lichen The­men. Die Auswahl ist mir manch­mal etwas zu VDSlastig – skur­rile Pressemit­teilun­gen über die Zer­störung der deutschen Sprache durch Anglizis­men zu sezieren hat sich­er seine Berech­ti­gung, aber mir per­sön­lich gefall­en die weniger kämpferischen Beiträge bess­er. Glück­licher­weise sind davon auch eine ganze Menge vorhan­den.

Was das Sprachlog zudem span­nend macht, sind die Diskus­sio­nen in den Kom­mentaren – da gibt es einen richti­gen Mei­n­ungsaus­tausch, der oft wirk­lich inter­es­sant zu lesen ist. (Jet­zt mal davon abge­se­hen, dass viele Kom­men­ta­toren mit­tler­weile darauf kon­di­tion­iert zu sein scheinen, bei jed­er Gele­gen­heit Häme über den VDS auszuschüt­ten.)

Wer noch nie im (Bre­mer) Sprach(b)log gele­sen hat, dem möchte ich hier ein paar mein­er Favoriten nahele­gen:

  • Wor­tarten Teil 1 | Teil 2 – warum es nicht sin­nvoll ist, Wor­tarten nach ihrer Seman­tik zu benen­nen (was Ter­mi­nolog- und Päd­a­gogis­ches)
  • Schneeschuhknüpfer und Ale­man­nen – woher Volks­beze­ich­nun­gen stam­men kön­nen und wie Deutsch­land in anderen Sprachen heißt (was Ety­mol­o­gis­ches)
  • Schweiz­er und Deutsche machen Sinn – wie “Sinn haben” und “Sinn machen” in Deutsch­land und der Schweiz verteilt sind (was Kor­puslin­guist- und Sta­tis­tis­ches)

[Filmtipp] Verner’s Law

Memo hat mich auf eine kleine Film­rei­he bei YouTube aufmerk­sam gemacht, in der es um das Indoger­man­is­che, die Erste Lautver­schiebung und das Vern­er­sche Gesetz geht. Was für eine fan­tastis­che Idee! Lasst Euch nicht von der schlecht­en Ton­qual­ität am Anfang abschreck­en, das wird schnell bess­er. Ich hab mich enorm amüsiert! Die Illus­tra­tio­nen … hihi­hi­hi …

Zu Teil 2 und 3 …

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Es grünt der Storch

Bei mein­er ebbis-Recherche bin ich im pfälzis­chen Wörter­buch auf das Wort Eppich gestoßen. Erster Gedanke?
2009-09-22-Eppich

Die Mainz­er Eppich­mauer­gasse kam mir immer ein bißchen komisch vor. Als würde ein T- fehlen … Jet­zt also die Lösung: Es ist eine Pflanze. Welche, das ver­mag das Wörter­buch nicht ganz zu klären:

Eppich1 m.: = Peter­silie […]
Eppich2 m.:
1. = Efeu […]
2. = Immer­grün […]

Peter­silie? Efeu? Immer­grün? Ver­wirrend! Weit­er­lesen

[Buchtipp] The Unfolding of Language (Du Jane, ich Goethe)

Lan­guage is mankind’s great­est inven­tion – except, of course, that it was nev­er invent­ed. (Guy Deutsch­er)

Schon wieder ein Buchtipp! Ui! Heute will ich Euch “The Unfold­ing of Lan­guage” von Guy Deutsch­er ans Herz leg­en. Ich hab’s auf Englisch gele­sen, es gibt aber auch eine deutsche Über­set­zung: “Du Jane, ich Goethe”. Keine Angst, der Inhalt wurde bedeu­tend bess­er über­set­zt als der Titel befürcht­en lässt, ich hab mal in der Buch­hand­lung rein­ge­le­sen.

The Unfolding of Language

The Unfold­ing of Lan­guage

Worum geht es? Darum, wie Sprache entste­ht und sich verän­dert. Deutsch­er hat als großes Ziel vor Augen zu erk­lären, wie kom­plizierte Satzstruk­turen und Gram­matik ent­standen sein kön­nten. Da die Entste­hung der Sprache viel zu lange her ist, um darüber irgendwelche Aus­sagen zu tre­f­fen, wählt Deutsch­er “neuere” Beispiele aus ganz ver­schiede­nen Sprachen, nur wenige Jahrhun­derte oder Jahrtausende alt. Die all­ge­meinen Prinzip­i­en, die darin wirken, ver­mutet er auch schon zu früheren Zeit­en. Der unter Laien ver­bre­it­eten Ansicht, dass unsere Sprache ein­mal per­fekt war und jet­zt nur noch ver­fällt, wider­spricht er entsch­ieden.

Das Buch kommt kom­plett ohne Fachter­mi­ni aus – und ist den­noch wis­senschaftlich fundiert. (Gram­matikalisierung, Analo­giebil­dung und Ökonomie spie­len z.B. eine große Rolle.) Ich hat­te eine Menge Spaß beim Lesen, und das, obwohl ich die meis­ten präsen­tierten Fak­ten und Gedanken schon kan­nte – es ist ein­fach richtig gut geschrieben und clever aufge­baut. Mein per­sön­lich­es High­light war die The­o­rie zur Entste­hung der Wurzelkon­so­nan­ten im Ara­bis­chen, ein The­ma, über das ich mir noch nie Gedanken gemacht hat­te.

Deutschen würde ich übri­gens eher zur deutschen Aus­gabe rat­en, die keine bloße Über­set­zung ist. Viele Grund­la­gen wer­den näm­lich im Orig­i­nal an kleinen Beispie­len aus dem Englis­chen erk­lärt. Für die deutsche Über­set­zung wurde, wo es möglich war, nach deutschen Beispie­len gesucht, die das gle­iche zeigen. So geht es zum Beispiel ein­mal darum, dass im Englis­chen die Entwick­lung von th zu f eigentlich ganz nahe­liegend ist und auch in eini­gen Dialek­ten vorkommt. Den Laut th gibt es im Deutschen aber nicht, so dass schließlich p zu b gewählt wurde, etwas, das man z.B. im Hes­sis­chen beobacht­en kann.

Wer sich für Sprache und Sprachen inter­essiert, dem kann ich das Buch wirk­lich nur empfehlen!

Welli? Selli! Rätsellösen mit der Mittelhochdeutschen Grammatik

Nico, der Gewin­ner der Sch­plock-Jubiläumsver­losung 2009, hat sich nicht damit beg­nügt, ein Buch von mir geschickt zu bekom­men – nein, er hat mir auch post­wen­dend ein Buch zurück­geschickt. Jip­pie! Und zwar die Mit­tel­hochdeutsche Gram­matik von Paul/Mitzka in der 18. Auflage, die (und deren Nach­fol­gerin­nen) ich tat­säch­lich noch nicht besaß. Ich habe mich enorm gefreut und gle­ich ange­fan­gen, zu lesen. Bere­its auf Seite 27 habe ich dann etwas her­aus­ge­fun­den, was ich Euch auf keinen Fall voren­thal­ten will …

Im Ale­man­nis­chen gibt es die Wörter sell­er, sel­li, sell. Sie entsprechen unge­fähr dem hochdeutschen ‘jen­er, jene, jenes’/‘dieser, diese, dieses’/‘der, die, das’. Das sind Demon­stra­tivpronomen, aber zu dem The­ma schreibe ich mal geson­dert was. Jet­zt geht es nur darum, dass ich jahre­lang gerät­selt habe, woher die For­men kom­men.

Hier ein Beispiel aus meinen Auf­nah­men für die Mag­is­ter­ar­beit – ich hat­te danach gefragt, welche Spiele es früher gab:

Un die Karde­schbi­ile, des häm­mer au gho. Des het mo gwän­lich vun de Vewonde irgend­wie mol gschengt griegt, waisch, un … ja. Sell häm­mer au gho. Un mer hänau fil gsch­bielt …

[Und diese Karten­spiele, das haben wir auch gehabt. Das hat man gewöhn­lich von den Ver­wandten irgend­wie mal geschenkt gekriegt, weißt du, und … ja. Das haben wir auch gehabt. Und wir haben auch viel gespielt …]1

For­mal hat sell wed­er mit dies noch mit jenes etwas gemein, und son­st ist mir auch kein neuhochdeutsches Wort einge­fall­en, dem es entsprechen kön­nte. Ich habe immer mal wieder von Leuten den Vorschlag gehört, es kön­nte mit dem franzö­sis­chen cela ‘das’ oder celle, celui ‘die, der’ zu tun haben. Da ist aber nichts dran. Es gibt ein hochdeutsches Wort. Die Mit­tel­hochdeutsche Gram­matik hat mir auf die Sprünge geholfen:

Die neuhochdeutsche Entsprechung ist solch­er (solche, solch­es). Im Althochdeutschen lautete es noch soli­hêr oder sol­her2. Es gab aber die Ten­denz dazu, ein h in unbe­ton­ter Silbe nur noch ganz schwach und schließlich gar nicht mehr auszus­prechen. Das führte zur südale­man­nis­chen Form solêr.

Gle­ichzeit­ig machte auch das Wort welch­er in sein­er althochdeutschen Form uueli­hêr, uuel­her3 diese Entwick­lung mit und wurde zu wel­er. (Auch das gibt es noch heute als weller, welli, wells.)

Und schließlich nahm sich sol­er das wel­er zum Vor­bild und beseit­igte das o zugun­sten des e-Lautes. Das nen­nt man Analo­gie, das eine Wort benutzt das andere als Muster, um mehr Regelmäßigkeit in die For­men zu brin­gen.

Sell­er über­nahm schließlich im Ale­man­nis­chen die Funk­tions des Demon­stra­tivpronomens, in Auf­gaben­teilung mit den Artikeln. Die alten Demon­stra­tivpronomen dieser und jen­er find­en sich im Dialekt über­haupt nicht mehr. Und wenn man die ursprüngliche Bedeu­tung ‘solch­er’ aus­drück­en will, sagt man ein­fach so ein­er.

Heute Nacht werde ich ruhig schlafen kön­nen.

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