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Laudatio zum Anglizismus des Jahres 2020: Lockdown

Anglizis­mus des Jahres ist das Wort Lock­down als Beze­ich­nung für eine Mis­chung aus mehr oder weniger stren­gen Aus­gangs­beschränkun­gen, Ein­schränkun­gen der Bewe­gungs- und Ver­samm­lungs­frei­heit und Kon­tak­tbeschränkun­gen bei gle­ichzeit­igem Schließen aus­gewählter öffentlich­er Ein­rich­tun­gen. Dass die COVID-19-Pan­demie nach dem Wort des Jahres („Coro­na-Pan­demie“) und dem Unwort des Jahres [PDF] („Coro­na-Dik­tatur“) auch beim Anglizis­mus des Jahres ihre Spuren hin­ter­lassen würde, ist angesichts der tief­greifend­en Umwälzun­gen des öffentlichen Lebens und Han­delns, das sie verur­sacht hat, sich­er nicht über­raschend. Das Wort Lock­down ist aber auch in ander­er Hin­sicht ein per­fek­ter Anglizis­mus des Jahres: Zum einen ist es brand­neu – in der aktuellen Bedeu­tung ist es erst im März 2020 ins Deutsche entlehnt wor­den. Zum anderen ist es in kurz­er Zeit zu einem selb­stver­ständlichen und nicht mehr wegzu­denk­enden Bestandteil der deutschen Sprache gewor­den.

Vor- und Frühgeschichte

Das Wort lock­down taucht im Englis­chen zum ersten Mal im Jahr 1832 auf, beze­ich­nete zunächst aber einen Befes­ti­gungsmech­a­nis­mus im Floßbau und dann ver­schiedene Arten von Pflöck­en, Hak­en und Sicherungss­tiften.

© Luis Arg­erich, CC BY-SA 2.0

Mit dem heuti­gen Lock­down hat dieser in der All­t­agssprache sel­ten ver­wen­dete tech­nis­che Ter­mi­nus aber ver­mut­lich nichts zu tun. Dessen Vor­läufer find­et sich erst ab den 1970er Jahren, zunächst im amerikanis­chen Englisch. Das Oxford Eng­lish Dic­tio­nary nen­nt fol­gen­den Erst­be­leg (wobei die Selb­stver­ständlichkeit, mit der das Wort hier ver­wen­det wird, ver­muten lässt, dass es im Sprachge­brauch zu dieser Zeit schon etabliert war):

A full-scale lock­down, the first in the 18-year his­to­ry of the 1.950-inmate Vacav­ille facil­i­ty, was imposed imme­di­ate­ly after the knif­ing. [San­ta Cruz Sen­tinel, 3. Dezem­ber 1973]

Hier beze­ich­net das Wort eine Sit­u­a­tion, in der die Inhaftierte in einem Gefäng­nis (oder hier, einem Gefäng­niskranken­haus), aus Sicher­heits­grün­den in ihre Zellen eingeschlossen wer­den. Das ist noch nicht die heutige Bedeu­tung, aber – und das ist ein­er dieser merk­würdi­gen Zufälle, die einem nie­mand glauben würde, wenn man sie erfände – der Artikel, aus dem dieser Erst­be­leg stammt, han­delt von ein­er Messer­at­tacke auf einen berüchtigten Serien­mörder, der aus­gerech­net Juan Coro­na hieß.

Anfang der 1980er Jahre erfol­gte eine entschei­dende Bedeu­tungser­weiterung: Das Wort wurde jet­zt auch für Sit­u­a­tio­nen ver­wen­det, in denen nicht die Bewe­gungs­frei­heit der­jeni­gen eingeschränkt wurde, die eine Gefahr darstellen, son­dern der­jeni­gen, die vor ein­er Gefahr geschützt wer­den sollen:

Offi­cials also con­firmed that they insti­tut­ed a “secu­ri­ty lock­down” at the PUREX plant Mon­day when a can con­tain­ing less than 100 grams of plu­to­ni­um sludge was found to be miss­ing. [Ari­zona Repub­lic, 16. Dezem­ber 1984]

Ab den 2000ern wird das Wort dann auch ver­wen­det, wenn die Bewe­gungs­frei­heit in ganzen Städten eingeschränkt wird, wie in diesem Artikel über New York nach den Ter­ro­ran­grif­f­en auf das World Trade Cen­ter:

We heard the city was on lock­down and that it wasn’t pos­si­ble to get in. They went any­way. [Quill Mag­a­zine, 1. Mai 2002]

© Bran­don Gre­go­ry, CC BY-SA 4.0 Int.

Ab März 2020 find­et sich das Wort dann in der Pan­demie-bezo­ge­nen Bedeu­tung, in der es auch ins Deutsche entlehnt wurde. Das Wort erscheint sehr plöt­zlich in den weltweit­en Google-Suchtrends der zweit­en März­woche und steigt in der let­zten März­woche auf einen Höch­st­stand. Ein Grund für dieses Inter­esse kön­nte die in Indi­en am 25. März 2020 ver­hängte Aus­set­zung der Bewe­gungs­frei­heit im gesamten Land sein, eine der ersten Maß­nah­men dieser Art, die offiziell als lock­down beze­ich­net wur­den.

Entlehnung und jüngere Geschichte

Nach­dem zu Beginn der Pan­demie zunächst Umschrei­bun­gen wie „Maß­nah­men gegen die Coro­na-Pan­demie“ oder „Maß­nah­men gegen die Aus­bre­itung des Coro­n­avirus“ ver­wen­det wur­den,
find­en sich frühe jour­nal­is­tis­che Belege für das Wort lock­down in der Berichter­stat­tung über Indi­en, z.B hier:

Darunter sind vor allem junge männliche Tagelöh­n­er, aber auch Fam­i­lien, die nach dem voll­ständi­gen “Lock­down”, wie die Aus­gangssperre in Indi­en genan­nt wird, keine Einkün­fte und in vie­len Fällen auch kein Dach mehr über dem Kopf haben. [tagesschau.de, 29.3.2020]

Zu diesem Zeit­punkt ist das Wort im all­ge­meinen Sprachge­brauch aber vere­inzelt auch schon als Beze­ich­nung für die Maß­nah­men in Wuhan zu find­en, in den Fol­ge­monat­en sta­bil­isiert sich die Ver­wen­dung­shäu­figkeit auf hohem Niveau und steigt im Okto­ber – im Vor­lauf des bis heute andauern­den zweit­en deutschen Lock­downs – noch ein­mal an.

Das Wort Lock­down hat sich schnell etabliert und zeigt sich äußerst pro­duk­tiv. Es kommt in Dutzen­den von Wortverbindun­gen und zusam­menge­set­zten Wörtern vor (das Leib­niz-Insti­tut für Deutsche Sprache hat auf sein­er Wortschat­zliste zur Pan­demie 27 etablierte Aus­drücke, aber in den Zeitung­s­tex­ten im Deutschen Ref­eren­zko­r­pus find­et sich ein Vielfach­es.

Auf der Grund­lage dieser zusam­menge­set­zten Wörter und Wortverbindun­gen ließe sich eine Kul­turgeschichte des Lock­downs rekon­stru­ieren.

Viele der Zusam­menset­zun­gen beziehen sich auf eine im Zuge der Pan­demie immer wieder disku­tierte Frage: Wie streng sollen oder dür­fen die Maß­nah­men sein, und ab wann zählen sie wirk­lich als „Lock­down“? Es gibt den abge­speck­ten Lock­down, den kleinen Lock­down, den weichen Lock­down, den Lock­down light, den Minilock­down, den Soft­lock­down, das Lock­downchen und den in dün­nen Scheibchen beschlosse­nen Salamilock­down, aber auch den harten Lock­down und den Vol­l­lock­down.

Das Hin und Her beim lock­dow­nen zeigt sich an Wörtern wie Jo-Jo-Lock­down, Lock­down-Lockerun­gen, Lock­down-Ver­längerung, Lock­down-Ver­schär­fung.

© Hadi, CC BY-SA 4.0 Int.

Auch die Spal­tung der Gesellschaft bezüglich ihrer Posi­tio­nen zum Lock­down spiegelt sich im Wortschatz wieder. Es gibt den Lock­down-Geg­n­er, den Lock­down-Kri­tik­er, den Lock­down-Rebell, den Lock­down-Protest auf der einen Seite, und den Lock­down-Befür­worter oder gar Lock­down-Fetis­chis­ten auf der anderen. Daneben gibt es Lock­down-Sün­der, Lock­down-Brech­er, Lock­down-Gewin­ner und Lock­down-Prof­i­teure.

Und auch die (großen und kleinen) Kon­se­quen­zen des Lock­down lassen sich am Wortschatz able­sen – von der Lock­down-Frisur, den Lock­down-Kilos der Lock­down-Langeweile und dem Lock­down-Blues bis zur Lock­down-Depres­sion, den Lock­down-Opfern und der Lock­down-Pleit­ewelle.

Nicht nur Sub­stan­tive hat uns das Wort Lock­down beschert. Auch Adjek­tive wie lock­downge­plagt, lock­downbe­d­ingt und lock­downähn­lich find­en sich, und sog­ar als Verb taucht das Wort bere­its vere­inzelt auf:

Als woll­ten alle mal mitre­den — und wom­öglich auch mal lock­dow­nen. Oder heißt es down­lock­en? Egal. Wir wollen auch mal schließen dür­fen… [Lukas Ham­mer­stein, BR, 5.11.2020]

Wir waren sieben Wochen gelock­downt in der Woh­nung – ich wurde zweimal von der Guardia Civ­il beim Einkaufen festgenom­men. [Fil Tägert, RND, 12.12.2020]

Jet­zt haben wir uns eigentlich wieder gefreut, dass wir mehr spie­len und jet­zt ist wieder alles gelock­downed. [John­ny Schuh­beck, Deutsch­land­funk, 4.12.2020]

Zukunft

Ob Lock­down zu einem sin­gulären Namen für das Leben während der COVID-19-Pan­demie oder zu einem all­ge­meinen Wort für die betr­e­f­fend­en Maß­nah­men wird, hängt sich­er davon ab, wie bald wir nach dem – derzeit ja noch nicht abse­hbaren – Ende dieser Pan­demie mit der näch­sten kon­fron­tiert sind. Da zumin­d­est die Gesellschaften Europas, der USA und Lateinamerikas gezeigt haben, dass sie selb­st mit Vor­war­nung nicht wil­lens und in der Lage sind, eine entste­hende Pan­demie im Keim zu erstick­en, ist anzunehmen, dass das recht bald der Fall sein wird. Wir kön­nen uns dann mit zunehmender Lock­down-Müdigkeit seit­ens der Poli­tik auf immer weit­ere abschwächende Wort­bil­dun­gen gefasst machen – Fem­tolock­down, und homöopathis­ch­er Lock­down warten schon auf ihren Auftritt.

Fazit

Die Wörter­wahl „Anglizis­mus des Jahres“ soll zeigen, dass Entlehnun­gen eine Sprache grund­sät­zlich bere­ich­ern – dass sie den Wortschatz erweit­ern, aus­d­if­feren­zieren, aus­drucksstärk­er machen. Aus dieser Sicht sind das Wort Lock­down und die große Wort­fam­i­lie, die sich in seinem Umfeld gebildet hat, Parade­beispiele. Ohne sie kön­nten wir über unser Erleben der Pan­demie und ihrer gesellschaftlichen Kon­se­quen­zen kaum so vielschichtig sprechen, wie wir es tun. Stattdessen wür­den wir ständig über das behör­den­deutsche Wort Maß­nah­men stolpern.

Anglizismus des Jahres 2017: Influencer

Der Anglizis­mus des Jahres 2017 ist Influ­encer. In der Fach­sprache des Inter­net-Mar­ket­ing, von der aus das Wort sich in den all­ge­meinen Sprachge­brauch aus­ge­bre­it­et hat, beze­ich­net man damit eine

a) Per­son, die in sozialen Net­zw­erken viele Kon­tak­te oder Abon­nen­ten hat, sich an diese regelmäßig mit informieren­den Beiträ­gen wen­det und ihren Ein­fluss dafür nutzt, um (gegen Ent­gelt von Wirtschaft­sun­ternehmen) Wer­bung für bes­timmte Pro­duk­te, Dien­stleis­tun­gen o. Ä. zu machen [Dig­i­tales Wörter­buch der deutschen Sprache, s.v. Influ­encer]

Die hier beschriebene Form der Wer­bung, das soge­nan­nte Influ­encer Mar­ket­ing, liefert für den aktuellen Sprachge­brauch den wichtig­sten inhaltlichen Zusam­men­hang, in dem das Wort Influ­encer ver­wen­det wird, aber tat­säch­lich gibt es das Wort schon länger in ein­er all­ge­meineren Bedeu­tung, die das DWDS mit „b) Per­son, die einen größeren Ein­fluss, ins­beson­dere auf die Mei­n­ungs­bil­dung, ausübt“ erfasst. Und da die bei­den Bedeu­tun­gen miteinan­der ver­wandt sind, fall­en viele Ver­wen­dun­gen des Wortes auch dazwis­chen.

Für ein all­ge­meines Ver­ständ­nis des Wortes ist es wichtig, sich zunächst die Beson­der­heit bewusst zu machen, die Influ­encer (in der engeren Bedeu­tung a) von anderen Werbeträger/innen unter­schei­det: ihr Ein­fluss leit­et sich nicht aus ein­er unab­hängig von den sozialen Medi­en beste­hen­den Promi­nenz ab, son­dern allein aus ihrer Reich­weite in einem oder mehreren sozialen Net­zw­erken. Influ­encer kön­nen zwar Berühmtheit­en aus Musik, Sport oder Film sein, sind es aber nor­maler­weise nicht, son­dern wer­den erst durch ihre Social-Media-Präsenz zu Stars und Sternchen.

Uhr am Markusdom in Venedig mit SternzeichenMit Ster­nen begin­nt auch die lange Bedeu­tungs­geschichte des Wortes Influ­encer: In der Astrolo­gie der Spä­tan­tike beze­ich­nete der Aus­druck influxus stel­larum eine unsicht­bare Kraft, die von den Ster­nen aus in alle Kör­p­er hine­in­strömte und deren Schick­sal bes­timmte (wörtlich bedeutet es „das Hinen­fließen der Sterne“). In dieser Bedeu­tung wurde der Aus­druck im Mit­te­lal­ter ins Englis­che über­nom­men – die erste anglisierte Ver­wen­dung stammt von keinem gerin­geren als dem englis­chen Dichter­ge­nie und Shake­speare-Vor­bild Geof­frey Chaucer:

O influ­ences of thise heuenes hye, / Soth is that vnder god e ben oure hierdes […]
(„Oh, Ein­flüsse der hohen Him­mel, ihr seid wahrhaftig unsere Hirten“)
[Geof­frey Chaucer, Troilus & Criseyde, 1374]

Die Bedeu­tung von influ­ence weit­ete sich dann auf einen Ein­fluss aus, der von Per­so­n­en aus­geübt wurde – zunächst noch bild­haft, indem diese Per­so­n­en den Ster­nen gle­ichgestellt wur­den. Zu Beginn der Neuzeit war daraus eine wörtliche Bedeu­tung gewor­den – influ­ence beze­ich­nete schlicht eine bes­tim­mende Wirkung, die Men­schen oder abstrak­te Kräfte auf andere Men­schen haben. Das Verb to influ­ence ent­stand um die Mitte des 17. Jahrhun­derts — der erste Beleg stammt aus ein­er Rede des Staat­sober­haupts der kur­zlebi­gen Repub­lik Com­mon­wealth of Eng­land, Oliv­er Cromwell von 1658.

Am dem späten 17. Jahrhun­dert find­et sich dann die aus dem Verb abgeleit­ete Per­so­n­en­beze­ich­nung influ­encer, zunächst für Men­schen mit insti­tu­tioneller Macht (wie Staats- und Kirchenober­häupter), später auch für solche, deren Ein­fluss sich aus der ihnen zuge­sproch­enen Autorität und Rel­e­vanz in einem bes­timmten Bere­ich ergibt. In dieser Bedeu­tung find­et sich das Wort auch im heuti­gen Englisch, etwa, wenn von „pol­i­cy influ­encers“, „indus­try influ­encers“, „fash­ion influ­encers“ usw. die Rede ist – Indus­triekapitäne, Ex-Präsi­den­ten und andere Men­schen, die sich auf „Glob­al Influ­encer Sum­mits” tre­f­fen und „Influ­encer-of-the-Year-Awards“ ver­liehen bekom­men.

An diese Bedeu­tung angelehnt entwick­elte sich in den let­zten zehn Jahren der Begriff „social media influnencers“ oder „dig­i­tal influ­encers“, der dann – schnell auf den Wortbe­standteil Influ­encer verkürzt – ins Deutsche entlehnt wurde. Vere­inzelte Belege gibt es im Deutschen min­destens seit 2007 – der früh­este Beleg, den ich find­en kon­nte, stammt aus einem Text der ein­er Schweiz­er Wer­beagen­tur:

Die Blog-Ein­träge ver­sor­gen Unternehmen mit glaub­hafter und langfristiger Aufmerk­samkeit und wertvollem Feed­back, denn Blog­ger gel­ten als Ear­ly Adopters und Influ­encers. [Triga­mi, 2007 (Link)]

Inter­es­sant ist, dass hier die englis­che Plu­ral­form Influ­encers gewählt wird. Das deutet auf eine zu diesem Zeit­punkt noch sehr schwache Inte­gra­tion ins Deutsche hin, denn bei masku­li­nen Sub­stan­tiv­en auf -er wäre eigentlich ein Nullplur­al zu erwarten. Ein solch­er Nullplur­al find­et sich dann 2010 in dem früh­esten gedruck­ten Beleg, den ich find­en kon­nte:

6.2 Die Influ­encer … Es gibt einige wenige Kun­den, die auf­grund der Anzahl ihrer Kon­tak­te großen Ein­fluss auf den Erfolg ein­er Marke haben kön­nen. Sie wer­den als Influ­encer beze­ich­net und wahrgenom­men. [Klaus Eck, 2010]

Das Wort bleibt in dieser neuen Bedeu­tung zunächst, wie schon in den früheren Bedeu­tun­gen, auf fach­sprach­liche Zusam­men­hänge beschränkt. In Zeitun­gen find­et sich bis 2015 nur eine Hand­voll von Tre­f­fern, die sich größ­ten­teils auf die ältere, all­ge­meinere Bedeu­tung beziehen (oft in fest­ste­hen­den Aus­drück­en wie Influ­encer Rela­tions Web Offi­cer, Influ­encer of the Year und Glob­al Influ­encer Sum­mit).

Erst 2016 erre­icht die Ver­wen­dung­shäu­figkeit ein mess­bares Niveau – die ein­gangs zitierte Bedeu­tung ist nun die dom­i­nante gewor­den, auch wenn die ältere Bedeu­tung nach wie vor zu find­en ist. Die zunehmende Ver­bre­itung führt auch zu ein­er engeren Ein­bindung in die deutsche Gram­matik: 2016 find­en sich im Deutschen Ref­eren­zko­r­pus die ersten weib­lichen For­men, auch als Mehrzahl:

So kommt es, dass die gebür­tige Russin nun um den Globus jet­ten und ihr Geld als «Dig­i­tal Influ­encerin» ver­di­enen kann. [St. Galler Tag­blatt, 9.11.2016]

Die neuen Vor­bilder junger Mäd­chen sind soge­nan­nte Influ­encerin­nen wie Juliane Dies­ner alias Style Shiv­er. [NZZ am Son­ntag, 18.12.2016]

Häu­figkeit von Influ­encer im Deutschen Ref­eren­zko­r­pus (Quelle)

Im Jahr 2017 vervielfacht sich die Gebrauchshäu­figkeit dann sprun­gar­tig: das Ref­eren­zko­r­pus des Insti­tuts für Deutsche Sprache zeigt einen Anstieg in Zeitung­s­tex­ten von 0,2 auf etwas über 2 Vorkom­men pro 1 Mil­lion Wörter. Damit ist Influ­encer in Zeitung­s­tex­ten genau­so häu­fig wie alteinge­sessene Per­so­n­en-beze­ich­nun­gen wie Auge­narzt, Bergar­beit­er, Dra­matik­erFriseurinKinobe­such­erMit­be­wohn­er, Tages­mut­terRaubkopier­er oder Wer­ber.

Dass die Ver­wen­dung­shäu­figkeit so stark angestiegen ist, liegt nicht daran, dass die Sprachge­mein­schaft plöt­zlich ein Inter­esse an Meth­o­d­en des Online-Mar­ket­ings ent­deckt hätte, son­dern daran, dass die Influencer/innen zu einem kul­turell rel­e­van­ten Phänomen gewor­den sind. Natür­lich wird auch die Wer­be­form selb­st disku­tiert – anhand von miss­lun­genen Kam­pag­nen, bei denen z.B. plöt­zlich dutzende bekan­nter Instagrammer/innen pen­e­trant-läs­sig lila Schoko­ladetafeln in ihre Lifestyle-Fotos ein­bauen – die Face­book­seite Perlen des Influ­encer-Mar­ket­ings hat sich dem Sam­meln solch­er Beispiele ver­schrieben. Oder anhand all­ge­mein­er Fra­gen zum Prob­lem der Schle­ich­wer­bung. Aber die Influencer/innen sind längst (Anti-)Held/innen der Pop­kul­tur. Mal wird der Influ­encer als neuer Trend-Beruf­swun­sch junger Men­schen präsen­tiert, mal die (fehlende) Ver­ant­wor­tung reich­weites­tark­er Youtu­ber (Inhaltswar­nung: Selb­st­tö­tung) disku­tiert. Und beson­ders gerne regt man sich über die „Dreistigkeit“ von Influencer/innen auf, wenn diese bei Hotels oder Restau­rants ihre Dien­ste im Aus­tausch gegen Kost und Logis anbi­eten.

Egal, ob man die Influ­encer nun liebt oder has­st, das Wort Influ­encer erlaubt eine klare und präzise Benen­nung des Phänomens. Während das Englis­che das Kom­posi­tum social media influ­encer benötigt, um die betr­e­f­fend­en Men­schen von anderen Arten von influ­encers zu unter­schei­den, hat das Deutsche mit dem Lehn­wort Influ­encer die Möglichkeit, diese Bedeu­tung direkt auszu­drück­en. Influ­encer ver­drängt damit nicht die manch­mal ver­wen­de­ten Alter­na­tiv­en Vor­bild, Mei­n­ungs­führer, Mei­n­ungs­mach­er, Mei­n­ungs­bild­ner oder Trend­set­ter, son­dern ergänzt sie. Damit ist das Wort Influ­encer eine Bere­icherung der deutschen Sprache.

Ob auch für die Influ­encer selb­st eine Bere­icherung darstellen, muss jede und jed­er für sich entschei­den. Ihr Ein­fluss auf jeden Fall ist – anders als der des influxus stel­larum der Spä­tan­tike – real, auch wenn 10 000 Likes für ein durschnit­tlich­es Self­ie mit Schoko­ladentafel fast so geheimnisvoll erscheinen wie der unsicht­bare Kräfte­fluss, von dem unsere Vor­fahren glaubten, dass er ihre Geschicke lenke.

Laudatio für den Anglizismus des Jahres 2015: Refugees Welcome

Beim Anglizis­mus des Jahres geht es uns nicht um eine inhaltliche Charak­ter­isierung des abge­laufe­nen Jahres, son­dern darum, englis­ches Lehngut auszuze­ich­nen, das die deutsche Sprache und den deutschen Sprachge­brauch auf beson­ders inter­es­sante Weise ergänzt hat. Der diesjährige Sieger – von Jury und Pub­likum übere­in­stim­mend gewählt – erfüllt aber bei­de Kri­te­rien: Refugees Wel­come. Bess­er als durch diesen Slo­gan ließe sich die Welle der Weltof­fen­heit, Hil­fs­bere­itschaft und Gast­fre­und­schaft gegenüber Flüchtlin­gen, die in der zweit­en Jahreshälfte unver­mit­telt große Teile der Bevölkerung erfasste, nicht ein­fan­gen. Aber auch aus sprach­wis­senschaftlich­er Per­spek­tive hat Refugees Wel­come viel zu bieten.

Dass Fir­men sich und ihre Pro­duk­te auch dann gerne mit englis­chsprachi­gen Slo­gans bewer­ben, ist nicht weit­er ungewöhn­lich. Sie stellen sich auf diese Weise als Glob­al Play­ers und ihre Kun­den als Mit­glieder ein­er kos­mopoli­tis­chen Gesellschaft dar – manch­mal zu recht, manch­mal nur aus einem mehr oder weniger durch­schaubaren Wun­schdenken. Sehr viel sel­tener, wenn über­haupt, passiert es, dass die Sprachge­mein­schaft von sich aus einen solchen Slo­gan für sich ent­deckt. Schon das macht Refugees Wel­come zu etwas Beson­derem. Weit­er­lesen

Laudatio für den Anglizismus des Jahres 2014: Blackfacing

Anders als beim Wort des Jahres und beim Unwort des Jahres geht es bei unser­er Wörter­wahl nicht darum, ein Wort zu find­en, das das ver­gan­gene Jahr im pos­i­tiv­en oder neg­a­tiv­en Sinne charak­ter­isiert. Stattdessen wählen wir ein englis­ches Lehn­wort, das eine inter­es­sante Lücke im Wortschatz des Deutschen füllt und das sich (deshalb) mess­bar im all­ge­meinen Sprachge­brauch ver­bre­it­et hat. Solche Lück­en tun sich typ­is­cher­weise auf, weil die Sprachge­mein­schaft über neue tech­nis­che oder gesellschaftliche Entwick­lun­gen sprechen will, für die es bis­lang keine Wörter gibt. Unsere Anglizis­men des Jahres reflek­tieren diese Entwick­lun­gen und charak­ter­isieren so am Ende doch ein Stück weit das ver­gan­gene Jahr. Leak­en spiegelte 2010 die ger­ade erst begonnene Diskus­sion um ein neues Ver­hält­nis zwis­chen Staats­ge­heimnis­sen und öffentlichem Infor­ma­tion­sin­ter­esse wider, Shit­storm griff 2011 Verän­derun­gen in der öffentlichen Kom­mu­nika­tion­skul­tur auf, Crowd­fund­ing wies 2012 auf ein neu entste­hen­des Wirtschaftsmod­ell hin, und –gate ver­wies 2013 auf einen Triv­i­al­isierungsef­fekt im Umgang mit Skan­dalen, der unter anderem mit ein­er Gewöh­nung an die von leak­en und Shit­storm aufgezeigten Verän­derun­gen zusam­men­hängt.

Der diesjährige Anglizis­mus des Jahres set­zt diese Tra­di­tion fort: Black­fac­ing, eine eingedeutsche Form des englis­chen black­face. Diese Beze­ich­nung für die Darstel­lung schwarz­er Men­schen durch dunkel geschmink­te weiße Men­schen reflek­tiert einen Kon­flikt zwis­chen ein­er Mehrheit, die für sich eine uneingeschränk­te kul­turelle Deu­tung­shoheit in Anspruch nimmt, und ein­er (wach­senden) Min­der­heit, die das nicht mehr stillschweigend hin­nimmt.

Das Wort stammt ursprünglich aus der US-amerikanis­chen Tra­di­tion der min­strel shows des 19. Jahrhun­derts, bei dem weiße Vari­etékün­stler mit schwarz geschmink­ten Gesichter (in black­face) Stereo­type von naiv­en, immer fröh­lichen Sklaven zur Schau stell­ten und die bru­tale Unter­drück­ung schwarz­er Men­schen damit unsicht­bar macht­en. Mit Bezug auf diese Tra­di­tion (die sich nach der Erfind­ung des Films darin fort­set­zte, schwarze Fig­uren durch weiße Schaus­piel­er dargestellt wur­den), find­et sich das Wort black­face ab dem Jahr 2000 vere­inzelt außer­halb der Fach­lit­er­atur. Zu diesem Zeit­punkt dürfte es dem größten Teil der Sprachge­mein­schaft aber noch nicht aufge­fall­en sein. Erst ab 2009 nimmt es in sein­er Häu­figkeit und Ver­bre­itung langsam zu, vor allem, weil es nun auch auf Ereignisse im deutschen Sprachraum angewen­det wird. Ein früh­es Beispiel ist die Kri­tik an Gün­ter Wall­raffs Film „Schwarz auf Weiß“, für dem er All­t­agsras­sis­mus doku­men­tieren wollte, indem er schwarz geschminkt durch Deutsch­land reiste – und damit genau wie die Min­strel­darsteller des 19. Jahrhun­derts seine ober­fläch­lich Darstel­lung über die Lebenswirk­lichkeit der schwarzen Men­schen stellte, die diesen Ras­sis­mus tat­säch­lich jeden Tag erleben.1

Einige Jahre lang bezieht das Wort Blackface/Blackfacing (zur Form unten mehr) danach auch in deutschsprachi­gen Zusam­men­hän­gen auss­chließlich auf Film und The­ater. Bekan­nte Fälle sind zum Beispiel eine Insze­nierung des Stücks „Clybourne Park“ am Deutschen The­ater 2011, die dessen Autor Bruce Nor­ris unter­sagte, weil eine schwarze Fig­ur von ein­er weißen Schaus­pielerin gespielt wer­den sollte, oder Dieter Haller­vor­dens Insze­nierung des Stücks „Ich bin nicht Rapa­port“, in dem der weiße Schaus­piel­er Joachim Bliese eben­falls eine schwarze Fig­ur spielte.3 Im Zuge der Diskus­sion um diese Insze­nierun­gen wurde die Plat­tform Büh­nen­watch gegrün­det, die seit­dem Fälle von Black­face an deutschen The­atern doku­men­tiert und die durch Tagun­gen und Veröf­fentlichun­gen wertvolle Arbeit dabei leis­tet, den Begriff des Blackface/Blackfacing aus dem ursprünglichen amerikanis­chen Kon­text her­aus zu ver­all­ge­mein­ern und zu zeigen, wie und warum er auch auf das deutsche The­ater des 21. Jahrhun­derts Anwen­dung find­en muss.5 Es mag in Deutsch­land keine Min­strel Shows gegeben haben, aber auch auf deutschen Büh­nen wird schwarzen Men­schen durch Black­face die Möglichkeit genom­men, sich selb­st zu repräsen­tieren.

Die Diskus­sion um Black­face auf deutschsprachi­gen The­ater­büh­nen wird bis heute inten­siv geführt. Für die Bedeu­tungs­geschichte des Wortes Blackface/Blackfacing ist aber entschei­dend, dass es sich spätestens seit Ende 2013 auch außer­halb von Diskus­sio­nen um Film und The­ater find­et. Entschei­dende Momente in dieser Ausweitung waren zum Beispiel: ein Auftritt des weißen Lit­er­aturkri­tik­ers Denis Scheck, der sich schwarz geschminkt über über die Ent­fer­nung ras­sis­tis­ch­er Sprache aus Kinder­büch­ern empörte6; eine Saal­wette bei der Fernsehsendung „Wet­ten, dass?…“, bei der Zuschauer/innen von Mod­er­a­tor Markus Lanz aufge­fordert wur­den, sich mit­tels „Schuhcreme, Kohle, was auch immer“ als Kinder­buch- und Pup­pen­spielfig­ur Jim Knopf zu verklei­den7; ein Auftritt des weißen Radiomod­er­a­tors Chris Stephan, der sich schwarz geschminkt auf den Wiener Opern­ball begab und sich der amerikanis­chen Schaus­pielerin Kim Kar­dashi­an als deren dama­liger Ver­lobter (inzwis­chen Ehe­mann) Kanye West vorstellte8; ein Auftritt weißer deutsch­er Fußball­fans, die sich bei einem WM-Spiel der deutschen National­mannschaft schwarz geschminkt als Fans der geg­ner­ischen ghanais­chen National­mannschaft verklei­de­ten.9 Neben diesen Einzel­ereignis­sen gab es auch Diskus­sio­nen um Black­fac­ing bei Sternsingern und im Karneval.10

Die Bedeu­tungsausweitung ist nicht nur inhaltlich und kul­turgeschichtlich inter­es­sant, son­dern eben auch – und darum geht es bei unserem Wet­tbe­werb ja – sprach­wis­senschaftlich. Sie zeigt, dass Lehn­wörter nicht, wie von Kri­tik­ern oft angenom­men, pas­siv und ohne Nachzu­denken über­nom­men wer­den, son­dern dass die entlehnende Sprachge­mein­schaft sie aktiv in ihre eige­nen Diskus­sion­szusam­men­hänge inte­gri­ert.

Die zunehmende Inte­gra­tion des Wortes Black­fac­ing in die deutsche Sprache zeigt sich nicht nur an dieser Bedeu­tungsen­twick­lung, son­dern auch an der Ver­schiebung der Form weg vom ursprünglichen englis­chen black­face und hin zum (schein­bar) englis­chen Par­tizip Präsens Black­fac­ing. Diese Form kommt zwar auch im Englis­chen vere­inzelt vor, wird im Deutschen aber ab 2011 die dom­i­nante Form. Damit liefert das Wort Black­fac­ing ein Beispiel für die Beobach­tung, dass die Nach­silbe -ing im Deutschen zwar (noch) auf Stämme englis­chen Ursprungs beschränkt ist, aber dur­chaus pro­duk­tiv angewen­det wird.11 Vor allem wird sie von den Sprecher/innen des Deutschen als Mit­tel zur Bil­dung von Sub­stan­tiv­en aus Ver­ben erkan­nt, was umgekehrt die Möglichkeit eröffnet, aus einem Sub­stan­tiv mit -ing ein Verb abzuleit­en. Genau dies ist im Falle von Black­fac­ing geschehen: Ab 2011 find­et sich immer öfter auch in stan­dard­sprach­lichen Tex­ten das Verb black­facen (z.B. „Deswe­gen wollen wir weit­er black­facen dür­fen…“, taz, Feb­ru­ar 2014). Hier­bei han­delt es sich um ein gen­uin deutsches Verb, zu dem es im Englis­chen keine direk­te Entsprechung gibt (hier ver­wen­det man statt eines ein­fachen Verbs kom­plexe Prädikate wie to per­form in black­face oder to wear black­face oder auch schlicht to black up).

Natür­lich zwingt uns die Exis­tenz des Lehn­wortes Black­fac­ing nicht dazu, seine Bedeut­samkeit als gesellschaftlich­es Phänomen auch in der deutschsprachi­gen Welt anzuerken­nen. Aber es eröffnet uns die Möglichkeit, darüber nachzu­denken und zu disku­tieren. Das Wort Black­fac­ing ist in gewiss­er Weise eine Hypothese: dass all diese Einzelfälle in all diesen schein­bar so unter­schiedlichen Zusam­men­hän­gen möglicher­weise Aus­for­mungen eines gemein­samen ras­sis­tis­chen Grundgedankens sind: Weiße Men­schen müssen nicht auf schwarze Men­schen hören, wenn es um deren Lebenswel­ten geht.

Das ist keine angenehme Hypothese und das Wort Black­fac­ing ist kein angenehmes Wort. Aber wie auch immer die Bew­er­tung dieser Hypothese im Einzelfall aus­ge­hen mag, es ist ein Wort, das die deutsche Sprachge­mein­schaft schon lange hätte gebrauchen kön­nen. Dank der Möglichkeit, Wörter – und damit ver­bun­dene Ideen – von anderen Sprachge­mein­schaften zu übernehmen, haben wir es jet­zt. Was wir daraus machen, liegt ganz bei uns.

[Zur Pressemel­dung der Aktion Anglizis­mus des Jahres]

Lek­türe zum The­ma Blackface/Blackfacing

 

  1. Noah Sow, Ein ange­mal­ter Weißer ist kein Schwarz­er, tagesschau.de, 20.10.2009; Cristi­na Nord und Daniel Bax, Ist Gün­ter Wall­raff ein Aufk­lär­er?, taz.de, 24.10.2009. []
  2. Schwarz und weiß, Spiegel 51/2011. []
  3. Hadi­ja Haruna, Schwarz auf Weiß, tagesspiegel.de, 11.1.2012. []
  4. Nadia Schnei­der, Black­face in Ger­many — Eine kurze Geschichte der Igno­ranz oder der Anfang von Büh­nen­watch, buehnenwatch.com. 2.2012. []
  5. z.B. Black­face, White­ness and the Pow­er of Def­i­n­i­tion in Con­tem­po­rary Ger­man The­atre, Tex­tures, 2013/2014. []
  6. Han­nah Pilar­czyk, Die Maske des Denis Scheck, Spiegel Online, 30.01.2013. []
  7. Marie-Sophie Adeoso, „Wet­ten, dass..?“ in Augs­burg; Ras­sis­tisch auf mehreren Ebe­nen. Frank­furter Rund­schau, 18.12.2013. []
  8. Olja Alvir, Opern­ball: N-Wort und Black­face, derStandard.at, 28. Feb­ru­ar 2014. []
  9. Vera Kern, Zu viel WM-Patri­o­tismus in Deutsch­land?, DW, 25.6.2014. []
  10. Paul Wrusch, Ras­sis­tis­che Klis­chees im Karneval: Afro-Tuck­en und Zige­uner-Huren, taz.de, 5. Feb­ru­ar 2014. []
  11. Peter Eisen­berg, Anglizis­men im Deutschen, 2013. []

Sexting [Kandidaten für den Anglizismus 2014]

Der let­ze Wortkan­di­dat auf der Short­list für unseren Anglizis­mus des Jahres 2014 beze­ich­net die schön­ste Neben­sache der Welt 2.0: Sex­ting – das Versenden von Tex­ten und ero­tis­chen Self­ies. Sehen wir uns an, ob dieses Wort den Ansprüchen unseres Wet­tbe­werbs stand­hält und vielle­icht sog­ar in let­zter Minute an Social Freez­ing, Phablet, Big Data, Inter­net of ThingsSmart­watch, Pho­to­bomb­ing, Black­fac­ing, Self­ie und Emo­ji vor­beizieht. Weit­er­lesen

Blackfacing (Kandidaten für den Anglizismus 2014)

Das Wort Blackfacing/Blackface war 2012 schon ein­mal für den Anglizis­mus des Jahres nominiert. Die Beleglage war sein­erzeit aber zu dünn, um dieses anson­sten sehr inter­es­sante Wort in die engere Wahl zu ziehen (mein dama­liger Beitrag, aus dem ich im Fol­gen­den einzelne Pas­sagen übernehme, find­et sich hier [Hin­weis: dieser und andere hier ver­link­te Texte enthal­ten z.T. ras­sis­tis­che Sprache und/oder Abbil­dun­gen]). Heute werde ich unter­suchen, ob sich an der Häu­figkeit und vor allem Bre­ite der Ver­wen­dun­gen in der Zwis­chen­zeit geän­dert hat.

Zunächst zur all­ge­meinen Ori­en­tierung: Das Wort black­face (engl. black “schwarz” und face “Gesicht”) beze­ich­net ursprünglich eine im 19. und frühen 20. Jahrhun­dert in den USA prak­tizierte The­ater– und Vari­eté-Tra­di­tion, bei der weiße Schauspieler/innen oder Sänger/innen auf über­trieben stereo­typ­isierte Weise als Schwarze geschminkt auf­trat­en (einen Überblick bietet die englis­chsprachige Wikipedia). Die Bedeu­tung des Wortes hat sich über die Jahre aus­geweit­et und beze­ich­net inzwis­chen all­ge­mein Sit­u­a­tio­nen, in denen sich weiße Men­schen schminken, um schwarze Men­schen darzustellen. Das black­face ist in dop­pel­ter Weise ras­sis­tisch belegt: Erstens, weil die Tra­di­tion aus einem zutief­st ras­sis­tis­chen geschichtlichen Zusam­men­hang stammt, in dem ein Auftreten schwarz­er Schauspieler/innen als inakzept­abel galt, und zweit­ens, weil beim Black­face nicht nur das Make-Up selb­st und die dazuge­hörige Mimik über­trieben stereo­typ­isiert ist (dicke rote Lip­pen, strup­pige Haare, weit aufgeris­sene Augen), son­dern auch die Zusam­men­hänge, in denen es ver­wen­det wurde (Schwarze als naive, fröh­liche Unter­hal­ter). Weit­er­lesen

Steine im Glashaus, oder: das #Gategate

Wenn wir den „Anglizis­mus des Jahres“ bekan­nt­geben, sind zwei Reak­tio­nen sich­er wie das Amen in der Kirche. Erstens: „Das Wort habe ich noch nie gehört“. Zweit­ens: „Das Wort ist doch uralt, was soll daran inter­es­sant sein.“ Das liegt ver­mut­lich daran, dass die „Sprachge­mein­schaft“ eher aus vie­len kleinen Sprach­cliquen beste­ht, die einan­der sprach­lich nur am Rande wahrnehmen: Was für die einen ein alt­bekan­ntes Lehn­wort ist, haben andere noch nie gehört.

In diesen Reigen rei­ht sich dieses Jahr zum ersten Mal ein Major Play­er ein: Die Gesellschaft für deutsche Sprache, die unsere Wörter­wahl bis­lang geflissentlich ignori­ert hat. In ein­er Pressemit­teilung lassen sie wis­sen, dass ihnen unsere Wahl so über­haupt nicht zusagt. Zwar spreche aus ihrer Sicht „nichts dage­gen, den Anglizis­men eine eigene „Wort des Jahres“-Aktion zu wid­men“ – vie­len Dank, das beruhigt uns unge­mein – aber gegen unseren diesjähriger Sieger -gate spreche dafür umso mehr:

Her­aus­gekom­men ist in diesem Jahr mit dem Suf­fixoid -gate allerd­ings ein Wort (bess­er gesagt: Wortbe­standteil), das es im Deutschen bere­its seit 1972 gibt, entlehnt im Zusam­men­hang mit dem Water­gate-Skan­dal. Im Anglizis­men­wörter­buch von Broder Carstensen aus dem Jahr 1993 wird -gate mit der all­ge­meinen Bedeu­tung „Skan­dal“ auch bere­its als im Deutschen pro­duk­tiv und rei­hen­bildend beschrieben. […]

Unklar an der Wahl von -gate zum Anglizis­mus des Jahres bleibt jedoch, warum die zunehmende Ver­wen­dung aus­gerech­net für das Jahr 2013 so beson­ders charak­ter­is­tisch sein soll. […] -gate ist im deutschen Sprachge­brauch wohl spätestens mit der Ver­wen­dung im CDU-Spenden­skan­dal im Jahr 2000 angekom­men und insofern eben kein aktuelles Beispiel für einen neu ins Deutsche inte­gri­erten Anglizis­mus, son­dern ein alter Hut.

Der Fokus hat die Mel­dung aufge­grif­f­en und zu einem „Zoff zwis­chen Sprach-Wis­senschaftlern“ hochstil­isiert. Ihr wollt Zoff? Ihr bekommt Zoff.
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And the Winner is: -gate

Als das Wort Water­gate 1972 ins Deutsche entlehnt wurde, war es nur der Name ein­er bes­timmten poli­tis­chen Affäre: Der repub­likanis­che US-Präsi­dent Richard Nixon hat­te das im Water­gate Build­ing behei­matete Haup­tquarti­er der geg­ner­ischen Demokrat­en abhören lassen. Dass er dafür 1974 zurück­treten musste, kön­nen wir uns angesichts der poli­tis­chen Kon­se­quen­zlosigkeit des aktuellen Dauer-Abhörskan­dals kaum noch vorstellen – so wie sich damals nie­mand hätte vorstellen kön­nen, dass die let­zte Silbe des Eigen­na­mens Water­gate vierzig Jahre später zum deutschen Anglizis­mus des Jahres gekürt wer­den würde.

Und um ein Haar wäre es dazu auch nie gekom­men, denn zunächst schien es für die deutsche Sprachge­mein­schaft keinen Grund zu geben, den Wortbe­standteil -gate her­auszulösen. Stattdessen sah es eher so aus, als kön­nte sich das Wort Water­gate im Ganzen als all­ge­meine Beze­ich­nung für poli­tis­che Skan­dale durch­set­zen. Frühe Tre­f­fer im Deutschen Ref­eren­zko­r­pus beziehen sich zum Beispiel auf ein franzö­sis­ches, philip­pinis­ches oder englis­ches Water­gate, ein Ham­burg­er oder Bon­ner Water­gate, und (wohl in Anlehnung an das zum all­ge­meinen Wort für eine Nieder­lage gewor­de­nen Water­loo) sog­ar davon, dass jemand vor seinem Water­gate ste­he. Weit­er­lesen

Anglizismus 2013: Publikumsabstimmung

Fast drei Monate lang hat die Jury Nominierun­gen gesichtet und die aus­sicht­sre­ich­sten Wortkan­di­dat­en aus­führlich auf ihre Tauglichkeit geprüft, Anglizis­mus des Jahres 2013 zu wer­den. Aus fast hun­dert Bewer­bun­gen wur­den zunächst die sechzehn Wörter aus­gewählt, die den Kri­te­rien am besten entsprachen, die also a) ganz oder teil­weise aus englis­chem Wort­ma­te­r­i­al beste­hen, b) im Jahr 2013 in den Sprachge­brauch ein­er bre­it­eren Öffentlichkeit gelangt sind, und c) auf inter­es­sante Weise eine Lücke im deutschen Wortschatz füllen. Nach ein­er aus­führlichen Diskus­sion dieser sechzehn Wörter schickt die Jury nun elf Kan­di­dat­en in die Endrunde. Während sie hin­ter ver­schlosse­nen Türen hitzig debat­tiert, um pünk­tlich am 28. Jan­u­ar 2014 das Ergeb­nis verkün­den zu kön­nen, läuft bis Don­ner­stag auch die Pub­likumsab­stim­mung, bei der Sie Ihren per­sön­lichen Liebling wählen kön­nen.

Hier noch ein­mal die elf Wortkan­di­dat­en im Überblick, mit Links zu den entsprechen­den Blog­beiträ­gen im Sprachlog und lexiko­grafieblog und dem Faz­it der Jurymit­glieder, die sich das jew­eilige Wort näher ange­se­hen haben. Weit­er­lesen

Kandidaten für den Anglizismus 2013: Thigh Gap

Nor­maler­weise entlehnt eine Sprachge­mein­schaft ein Wort, um eine soge­nan­nte lexikalis­che Lücke zu füllen – also eine Leer­stelle im Wortschatz. Solche Leer­stellen entste­hen typ­is­cher­weise, wenn etwas Neues beze­ich­net wer­den muss (z.B. eine neue Tech­nolo­gie, eine neue sportliche Aktiv­ität, eine neue Idee).

Das Wort, das ich heute disku­tiere, füllt eine lexikalis­che Lücke ander­er Art: Eine Lücke, die entste­ht, weil etwas, das schon immer da war, aber nie beachtet und deshalb auch nie benan­nt wurde, plöt­zlich in das Spot­light der gesellschaftlichen Aufmerk­samkeit gerät und eine Beze­ich­nung braucht. Bzw. eigentlich nicht „etwas, das schon immer da war“, son­dern ein Nichts, das schon immer da hätte sein kön­nen – näm­lich eine Lücke zwis­chen (weib­lichen) Ober­schenkeln, die auch dann noch sicht­bar sein muss, wenn die Beine ger­ade und die Füße aneinan­der gestellt sind (so die geläu­fig­ste Def­i­n­i­tion) oder sog­ar dann, wenn die Knie sich berühren (so die stren­gere Def­i­n­i­tion der englis­chen Wikipedia): die Thigh Gap.

[Inhaltswar­nung: Objek­ti­fizierende Beschrei­bun­gen des weib­lichen Kör­pers, Fat Sham­ing, Mager­sucht.] Weit­er­lesen