Mehrsprachigkeit und kulturelles Erbe

Von Susanne Flach

Großbri­tan­nien ist ja im all­ge­meinen nicht für sein gesteigertes Inter­esse an Fremd­sprachen bekan­nt — dort sind, anders als in den meis­ten anderen (europäis­chen) Län­dern für den höch­sten Schu­la­b­schluss keine Ken­nt­nisse ein­er Fremd­sprache erforder­lich. Die Zahl der Schüler/innen, die frei­willig Deutsch, Franzö­sisch oder Spanisch ler­nen und als Prü­fung­steil ihres Sekundärab­schlusses haben, fällt. Der GUARDIAN hat das jet­zt in einem Artikel kom­men­tiert und kri­tisch — vielle­icht auch ein biss­chen wehmütig — hin­ter­fragt (Ed West, The long adieu: how Britain gave up learn­ing French, THE GUARDIAN, 22. Jan­u­ar 2016).
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Ta-Ta-ismus im Dschungel

Von Susanne Flach

Wer­bepause? Nicht wegschal­ten, bloß nicht wegschal­ten! Denn der Dschun­gel ist sog­ar für eine sprach­wis­senschaftliche Betra­ch­tung gut, die für alle von uns was bere­i­thält. ALLE! Für die, die den Dschun­gel lieben und für die, die ihn für den Unter­gang des guten Geschmacks hal­ten, für Men­schen, die Entlehnung­sprozesse fasziniert ver­fol­gen und sog­ar für diejeni­gen, die Anglizis­men scheiße find­en („Baha­haw­iepein­lich! Anglizis­mus voll falsch ver­wen­det!“). Seit Wochen – ach, was sage ich: seit Jahren! – ste­ht auf mein­er To-Do-Liste: „Beim näch­sten Dschun­gel: was zu ta schreiben!!DRÖLF!!!“. Denn wir wis­sen ja: Pub­lic­i­ty, Pub­lic­i­ty, Publicity!

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Jenseits des Gastrechts: Sprachbilder und ihre Grenzen

Von Anatol Stefanowitsch

Als Sahra Wagenknecht let­zte Woche vom „Gas­trecht“ der Flüchtlinge sprach, und davon das der­jenige, der es miss­brauche, irgend­wann dann auch ver­wirkt habe, war die Empörungswelle vorprogrammiert.

Erstens, weil sie eben Sahra Wagenknecht und Linke nichts lieber tun als andere Linke all­ge­mein, und Wagenknecht im Beson­deren, mit Empörung zu über­schüt­ten. Schließlich hat­ten sowohl die rhein­land-pfälzis­che CDU-Vor­sitzende Julia Klöck­n­er als auch die Bun­deskan­z­lerin Angela „Wir-schaf­fen-das“ Merkel nur ein paar Tage zuvor fast wortwörtlich das­selbe gesagt, ohne dass das das kle­in­ste biss­chen link­er Kri­tik nach sich gezo­gen hätte („Wer das Gas­trecht ver­wirkt, der wird irgend­wann vor die Tür geset­zt“, Julia Klöck­n­er; „Einige Straftäter von Köln haben ihr Gas­trecht ver­wirkt“, Angela Merkel).

Zweit­ens, weil das Wort Gas­trecht einen offen­liegen­den Nerv der deutschen Flüchtlings­de­bat­te trifft, für den Wagenknecht, Klöck­n­er und Merkel eigentlich gar nichts kön­nen, son­dern der etwas mit Sprache, Welt­sicht und Wirk­lichkeit zu tun hat: der Frage, wie wir über Flüchtlinge reden und denken und worauf wir uns damit ein­lassen. Weit­er­lesen

Unwort des Jahres 2015: Gutmensch

Von Anatol Stefanowitsch

An der Arbeit der Sprachkri­tis­chen Aktion „Unwort des Jahres“ habe ich ja sel­ten etwas auszuset­zen, und auch dieses Mal hätte sie es schlechter tre­f­fen kön­nen, als sie es mit der Wahl des Wortes Gut­men­sch getan hat. Die Ver­ach­tung und spöt­tis­che Dele­git­i­ma­tion anständi­gen Ver­hal­tens, die in diesem Wort zum Aus­druck kommt, hat nicht erst, aber auch im Jahr 2015 die öffentliche Diskus­sion geprägt und wenn die Wahl zum Unwort dabei hil­ft, eine Grund­satzde­bat­te darüber anzus­toßen, dass die auf Sol­i­dar­ität und Hil­fs­bere­itschaft auf­bauen­den Werte der Gut­men­schen bess­er sind als die auf den eige­nen Vorteil und das eigene Fortkom­men auf­bauen­den Werte der­er, die das Wort ver­wen­den, wäre das ein Gewinn. Weit­er­lesen

Blogspektrogramm 2/2016

Von Susanne Flach

Neues Jahr, frische Links! In den Redak­tions­büros des Spek­tro­gramms wird derzeit ganz emsig an Dis­ser­ta­tio­nen gebastelt, aber ab und an rutscht dann halt doch ein Link in unseren Wahrnehmungs­bere­ich. Kurz: jet­zt ist die Hoch­phase der Wörter­wahlen, und auch son­st bleibt alles beim Qual­itätsver­sprechen: Emoji(s), Phrasendrescherei & Neusprech, Klas­sik­er des Yoda-Sprech und eine Dialek­tkarte der mod­er­nen Art. Viel Spaß!

Blogspektrogramm 51/2015

Von Kristin Kopf

Und hier unsere Links der (let­zten) Woche(n): Um welche Art von Sprache ging es eigentlich bei der Ich­habpolizei-Debat­te? Warum sind Punk­te in Textnachricht­en so bedeu­tungss­chwanger gewor­den? Was assozi­iert man so mit dem Wort Flüchtling? Nach welchen Kri­te­rien wählt man in Öster­re­ich das Jugend­wort des Jahres? Und was stellt Migra­tion eigentlich mit Sprache an?

  • In der ZEIT analysiert David Hugen­dick die Debat­te um Jan Böh­mer­manns »Ich hab Polizei« aus, unter anderem, sozi­olin­guis­tis­ch­er Per­spek­tive: »[D]ie Sprache [ist] nicht bloß soziokul­tureller Herkun­ft­snach­weis: Es ist eine arti­fizielle Schöp­fung. Wom­öglich überse­hen das Böh­mer­manns Kri­tik­er, wenn sie sagen, er ver­al­bere nicht bloß Haft­be­fehls Sprach­duk­tus, son­dern damit auch das soge­nan­nte Kanak-Deutsch ein­er Min­der­heit. Es sei gewis­ser­maßen Klassenkampf von oben, in dem ein­er ohne­hin schon minoritären Gemein­schaft und ihrer als authen­tisch zugeschriebe­nen Aus­drucks­form des Gang­ster­raps wieder ihr sozialer und kul­tureller Platz zugewiesen werde. Diese Argu­men­ta­tion birgt mehrere Denkfehler.«
  • Warum kom­men Punk­te am Ende von Textnachricht­en nicht gut an? Ana­tol kom­men­tiert für DEUTSCHLANDRADIO KULTUR eine aktuelle Studie von Celia Klin: »Wer am Ende ein­er Textnachricht einen Punkt set­zt, wirkt auf den Empfänger borniert und unaufrichtig. Das hat eine amerikanis­che Studie her­aus­ge­fun­den. Die Forsch­er kon­sta­tieren: Satzze­ichen haben eine sym­bol­is­che Eigen­dy­namik entwickelt.«
  • Dass Flüchtling das Wort des Jahres ist, haben Sie sich­er mit­bekom­men — das FREIE RADIO hat sich mit Ana­tol darüber unter­hal­ten, welche Assozi­a­tio­nen es her­vor­ruft: »Wenn Sie sich so’n Wort wie Asy­lant anguck­en, das ein­deutig neg­a­tiv behaftet ist, dann sehn Sie, dass das mit so Wörtern wie ille­gal und krim­inell und so vorkommt, über­durch­schnit­tlich häu­fig, und das ist bei dem Wort Flüchtling eben nicht der Fall, das kommt mit ganz neu­tralen Wörtern in ganz vie­len ver­schiede­nen Zusam­men­hän­gen vor.«
  • Auch in Öster­re­ich gab’s kür­zlich Wörter­wahlen, der ORF berichtet, darunter ein Jugend­wort, das tat­säch­lich in Gebrauch sein soll: »Das Jugend­wort „zach“, ein echter „Aus­tri­azis­mus“, sei derzeit unter Jugendlichen stark in Ver­wen­dung. „Seine ursprüngliche Bedeu­tung ‚zäh‘ wurde mas­siv erweit­ert, sodass es heute jede Art Neg­a­tives meint und damit für alles ver­wen­det wird, was müh­sam, schwierig, prob­lema­tisch usw. ist“, so die Jury.«
  • Was tut Migra­tion mit Sprache? Für THE ATLANTIC beschäftigt sich John McWhort­er mit Mul­ti­eth­nolek­ten wie Kiezdeutsch, aber auch Black Eng­lish in den USA und Sha­ba Swahili im Kon­go: »If an adult immi­grates to Ger­many, chances are that his or her Ger­man will always be imper­fect. A lan­guage that, like Ger­man, forces you to remem­ber that forks are fem­i­nine, spoons are mas­cu­line, and knives are neuter seems designed to resist any­one speak­ing it well if they learn it after ado­les­cence. On the oth­er hand, that immigrant’s chil­dren, grow­ing up amid native Ger­man-speak­ers, will like­ly be able to speak per­fect Ger­man. But they might also speak some­thing else.«

Flüchtlinginnen und Flüchtlinge

Von Anatol Stefanowitsch

Dass das Wort „Flüchtling“ bezüglich sein­er Wort­bil­dung und vor allem sein­er Ver­wen­dung im all­ge­meinen Sprachge­brauch nicht unbe­d­ingt abschätzig ist, habe ich ja im vor­ange­hen­den Beitrag gezeigt, aber anlässlich der Wahl zum Wort des Jahres greift mein Kol­lege Peter Eisen­berg (bis zu sein­er Emer­i­tierung an der Uni­ver­sität Pots­dam, also gle­ich um die Ecke, tätig), in der FAZ ein anderes poten­zielles Prob­lem an diesem Wort auf:

Inter­es­sant ist, dass „Flüchtlinge“ sich bei genauerem Hin­se­hen als poli­tisch inko­r­rekt erweist. Es han­delt sich um eine Per­so­n­en­beze­ich­nung im Maskulinum, die von der Bedeu­tung her eigentlich einem Fem­i­ninum zugänglich sein sollte wie bei „Denker/Denkerin“, „Dieb/Diebin“. Aber die Form „Flüchtlingin­nen“ gibt es nicht. [Eisen­berg]

Auf dieses Prob­lem hat schon im Okto­ber meine Kol­le­gin Luise Pusch in ihrem Blog hingewiesen:

Rein sprach­lich gese­hen sind aber die „Flüchtlinge“ dur­chaus ein Prob­lem, denn das Wort „Flüchtling“ ist — wie alle deutschen Wörter, die mit „-ling“ enden — ein Maskulinum, zu dem sich kein Fem­i­ninum bilden lässt. [Pusch]

Als Prob­lem betra­cht­en das bei­de, auch wenn sie bezüglich ein­er möglichen Lösung zu unter­schiedlichen Ergeb­nis­sen kom­men: Pusch greift Sascha Lobos Vorschlag auf, das Wort Ver­triebene zu nehmen, oder ein anderes aus einem Par­tizip gebildetes Wort, wie Geflüchtete, Geflo­hene oder Willkommene. Diese Wörter kön­nen männlich (der Ver­triebene) oder weib­lich (die Ver­triebene) sein, im Plur­al (die Ver­triebe­nen) sind sie sog­ar geschlechtsneutral.

Eisen­berg kann sich mit dieser Lösung nicht anfre­un­den, denn er sieht an „willkür­lichen Norm­set­zun­gen“ wie Geflüchtete ein ungelöstes „Kern­prob­lem“:

Die bei­den Wörter bedeuten nicht das­selbe. Auf Les­bos lan­den Tausende von Flüchtlin­gen, ihre Beze­ich­nung als Geflüchtete ist zumin­d­est zweifel­haft. Umgekehrt wird auch ein aus der Advents­feier Geflüchteter nicht zum Flüchtling.

Das Deutsche ist so bil­dungsmächtig, dass man sich andere Wörter als Ersatz vorstellen kann: Ver­triebene, Geflo­hene, Zwangsem­i­granten, Enthei­matete und viele weit­ere, von denen eins schön­er ist als das andere. Aber es bleibt dabei: Sie alle bedeuten etwas anderes als Flüchtlinge. [Eisen­berg]

Über­haupt ist er geziel­ter Sprach­pla­nung gegenüber skep­tisch: „Die Sprache wird nicht akzep­tiert, wie sie ist, son­dern sie gilt als manip­ulier­bar­er Gegen­stand mit unklaren Gren­zen dieser Manipulierbarkeit.“

Eisen­berg und Pusch gehören bei­de zu den Sprachwissenschaftler/innen, die mich am stärk­sten geprägt haben, aber in diesem Fall bleiben sie mir bei­de etwas zu sehr an der Ober­fläche der zugrun­deliegen­den sprach­lichen Phänomene. Sehen wir uns das Prob­lem also genauer an.

Kein Femininum zu Flüchtling

Eisen­berg und Pusch sind sich einig, dass es zum masku­li­nen Flüchtling kein fem­i­nines Gegen­stück gibt. Pusch stellt das als Tat­sache lediglich fest, Eisen­berg geht einen Schritt weit­er und liefert eine sprach­wis­senschaftliche Begrün­dung dafür, dass die Bil­dung Flüchtlingin „aus­geschlossen“ sei. Er erk­lärt, dass die Suf­figierung (also das Anhän­gen von Nach­sil­ben an Wörter) bes­timmten Regeln fol­gt, speziell, dass dabei eine gewisse Rei­hen­folge einzuhal­ten sei. Das kann zum (wort­bild­ner­ischen) Prob­lem wer­den, wenn zwei Ele­mente in dieser Rei­hen­folge die gle­iche Posi­tion einnehmen:

Es kommt vor, dass in ein­er solchen Hier­ar­chie zwei Suf­fixe sozusagen par­al­lel geschal­tet sind und dann nur alter­na­tiv auftreten, niemals aber gemein­sam, egal in welch­er Rei­hen­folge. Das gilt für ‑in und ‑ling. Bei­de bilden im Gegen­warts­deutschen Per­so­n­en­beze­ich­nun­gen, das eine Maskuli­na, das andere Fem­i­ni­na. Das Sys­tem sieht sie als miteinan­der unverträglich an. [Eisen­berg]

Es gebe eben Fälle, so Eisen­berg weit­er, „in denen das Sprach­sys­tem die vielle­icht ver­bre­it­et­ste Form des Gen­derns nicht zulässt“, und das müsse „jed­er, der auf diesem Gebi­et tätig wird, wis­sen und akzeptieren“.

Auch die sprachre­formerisch nicht ger­ade zurück­hal­tende Luise Pusch weiß und akzep­tiert das ja, aber stimmt es eigentlich? Spricht tat­säch­lich ein tiefliegen­der sprach­sys­temis­ch­er Grund dage­gen, an Maskuli­na mit -ling zusät­zlich das fem­i­nine Suf­fix -in zu hängen?

Ein kurz­er Blick in die jün­gere Sprachgeschichte zeigt, dass das nicht der Fall ist. Im Deutschen Textarchiv find­en sich rund 50 Tre­f­fer für Wörter, die bei­de Nach­sil­ben kom­binieren – am häu­fig­sten Lieblin­gin, gefol­gt von Läu­flingin, Flüchtlin­gin und Fremdlin­gin, aber auch Neulin­gin, Schüt­zlin­gin, Täu­flingin u.a.:

  1. Seit jhr so eine Frem­b­dlin­gin in der Welt / daß jhr das nicht wis­set? antwortete Santscho Panssa. [1648]
  2. Die Novi­tiatin oder Neulin­gin tra­gen zum Gedaͤchtniß der Unſchuld des Selig­mach­ers ein weiſſes Scapuli­er. [1715]
  3. Es ward ihm aufgegeben, die Fluͤchtlingin einzu­holen, nach­dem ihre Flucht und ihr grober Diebſ­tal zu jed­er­manns Wiſſenſchaft drang. [1779]
  4. Kommt mein Sohn Paris, wie mein väter­lich­er Wunſch iſt, glück­lich nach Tro­ja zurück, und bringt er eine ent­führte Griechin mit ſich, ſo ſoll euch dieſe aus­geliefert wer­den, wenn ſie anders nicht als Flüchtlin­gin unſern Schutz anfle­ht. [1839]
  5. Täu­flingin hat­te, während ihr das Mützchen gelöſt ward, dreimal kräftig genieſt: item, ſie war ein Weltwun­der von Geiſt und Gaben; [1871]
  6. Sie ſehen in mir die Abkömm­lin­gin eines Geſch­lecht­es, das ſich ſeit hun­dert Jahren nur von Frauengut und ohne jede andere Arbeit oder Ver­di­enſt erhal­ten hat, bis der Faden endlich aus­ge­gan­gen iſt. [1882]

Die Tre­f­fer reichen bis ins späte 19. Jahrhun­dert hinein, und sie stam­men von Autor/innen, deren Kom­pe­tenz bezüglich der deutschen Sprache außer Frage ste­ht, darunter Gus­tav Schwab (Bsp. [4]) und Got­tfried Keller (Bsp. [6]).

Die bei­den Nach­sil­ben haben keine nen­nenswerte Bedeu­tungsverän­derung erfahren, aus der sich die Verän­derung in ihrer Kom­binier­barkeit erk­lären würde – es ist also nur ein his­torisch­er Zufall, dass sie derzeit nicht gemein­sam vorkom­men können.

Solche Zufälle gibt es auch ganz ohne das Suf­fix -ling: die fem­i­nine Form Gästin, zum Beispiel, ist im Deutschen Textarchiv bis ins frühe 18 Jahrhun­dert belegt, klingt aber heute im all­ge­meinen Sprachge­brauch merk­würdig bis falsch. ((Das Wort erlebt aber möglicher­weise ein Come­back – Im Google-Books-Kor­pus zeigt sich seit Mitte des let­zten Jahrhun­derts ein Aufwärt­strend und der Duden hat Gästin 2013 offiziell aufgenom­men)) Da es keine tiefer­ge­hen­den Gründe für die derzeit­ige Nicht-Kom­binier­barkeit der Suf­fixe gibt, kann dieser Zus­tand dur­chaus vorüberge­hend sein – wenn die Sprecher/innen des Deutschen aufge­hört haben, diese Nach­sil­ben zu kom­binieren, kön­nen sie auch wieder damit anfangen.

Ist der Flüchtling überhaupt männlich?

Aber wäre es über­haupt ein Prob­lem, wenn die Nach­sil­ben unkom­binier­bar und der Flüchtling damit ein reines Maskulinum bliebe? Im Prinzip nicht, und die Gründe dafür liegen in ein­er Funk­tion­sweise men­schlich­er Sprachen, die auch weit­er unten noch ein­mal rel­e­vant wird: Wörter erhal­ten ihre Bedeu­tung nicht (bzw. nicht auss­chließlich) aus sich selb­st her­aus, son­dern zu einem großen Teil durch ihre Oppo­si­tion zu ähn­lichen Wörtern: Die Wörter Stuhl und Ses­sel unter­schei­den sich in ihrer Bedeu­tung, eben weil es zwei Wörter für Sitzgele­gen­heit­en gibt: im Englis­chen gibt es für bei­des nur das Wort chair, das – anders als die deutschen Wörter — harte und weiche Sitzmö­bel gle­icher­maßen bezeichnet.

Die meis­ten Per­so­n­en­beze­ich­nun­gen im Deutschen haben eine masku­line und eine fem­i­nine Form, und aus dieser Oppo­si­tion ergibt sich die Bedeu­tung „männlich“ und „weib­lich“. Wörter, die in kein­er solchen Oppo­si­tion ste­hen – der Men­sch, die Per­son und eben auch der Flüchtling – sind im Prinzip geschlechtsneutral.

Lei­der nur im Prinzip, denn ganz so ein­fach ist es dann doch nicht, wie Luise Pusch schreibt:

Diese masku­li­nen Beze­ich­nun­gen [„Flüchtling“, „Lehrling“, „Täu­fling“, „Säugling“ usw.] ver­drän­gen Mäd­chen und Frauen aus unserem Bewusst­sein; sie lassen in unseren Köpfen automa­tisch Bilder von Jun­gen oder Män­nern entstehen.“

Das stimmt unglück­licher­weise, es liegt aber an einem Prob­lem, für das die Sprache nur teil­weise etwas kann: an ein­er kul­turell bed­ingten kog­ni­tiv­en Verz­er­rung, die uns immer dann, wenn von Men­schen die Rede ist, davon aus­ge­hen lässt, dass Män­ner gemeint sind, solange nicht expliz­it das Gegen­teil kom­mu­niziert wird. Dieser Verz­er­rung mögen wir uns nicht bewusst sein, sie ist aber dutzend­fach exper­i­mentell nachgewiesen, sie greift schon bei Kindern und existiert in allen bish­er unter­sucht­en Kul­turen – auch solchen, in deren Sprachen Geschlecht nie oder nur aus­nahm­sweise markiert wird.

Das Wort Flüchtling selb­st ist also nicht ver­ant­wortlich für die stereo­typ männliche Bedeu­tung, die es aus­löst. Die all­ge­meine kog­ni­tive Verz­er­rung wird aber in abse­hbar­er Zeit nicht ein­fach ver­schwinden (damit das geschieht, müsste zuerst das Patri­ar­chat und die Erin­nerung daran ver­schwinden). Es kön­nte also nüt­zlich sein, eine gram­ma­tisch fem­i­nine, seman­tisch weib­liche Alter­na­tive für das Wort Flüchtling zu haben, mit der man dort, wo nötig, dieser Verz­er­rung ent­ge­gen­wirken könnte.

Also doch alternative Wörter für Flüchtling?

Solche Alter­na­tiv­en gibt es ja, wie oben disku­tiert, bere­its: Pusch und Eisen­berg nen­nen das von Lobo und anderen vorgeschla­gene Ver­triebene, das auch von der Wort-des-Jahres the­ma­tisierte Geflüchtete/r und dessen Vari­ante Geflo­hene, Eisen­berg außer­dem Zwangsem­i­granten und Enthei­matete. Sie alle wer­den bere­its ver­wen­det und haben maskulin-männliche und fem­i­nin-weib­liche For­men, wären also gute Alter­na­tiv­en – wenn sie nicht, wie Eisen­berg betont, andere Bedeu­tun­gen trans­portieren wür­den als Flüchtling.

Kann also keine dieser Alter­na­tiv­en das Wort Flüchtling erset­zen? The­o­retisch doch, denn auch hier greift das Prinzip der Oppo­si­tion: die Wörter bilden ein Wort­feld, in dem jedes der Wörter seine Bedeu­tung durch Bezüge und Abgren­zun­gen der anderen vorhan­de­nen Wörter erhält. Würde das Wort Flüchtling mit einem Mal ver­schwinden, wür­den eins oder mehrere der anderen Wörter den frei­w­er­den­den Bedeu­tungs­bere­ich mit abdeck­en. Wie ich im let­zten Beitrag beschrieben habe, zeigt das Wort Geflüchtete/r tat­säch­lich jet­zt schon erste Anze­ichen ein­er Aus­dehnung in den Bedeu­tungs­bere­ich von Flüchtling.

Schlussgedanken

Eisen­bergs Argu­men­ta­tion geht also an min­destens zwei Stellen impliz­it von ein­er sta­tis­chen Vorstel­lung von Sprache aus: erstens dort, wo er die derzeit­ige Nicht-Kom­binier­barkeit von -ling und -in als unverän­der­liche Eigen­schaft des Sprach­sys­tems darstellt und zweit­ens dort, wo er die Bedeu­tun­gen der Alter­na­tiv­en für Flüchtling als gegeben und eben­falls unverän­der­lich annimmt. Aus dieser angenomme­nen Sta­tik des Sys­tems ergibt sich zum Teil seine oben zitierte Kri­tik an denen, die die Sprache nicht so akzep­tieren, „wie sie ist“. Zum anderen Teil ergibt sie sich – ver­mute ich – aus dem in der Sprach­wis­senschaft weit ver­bre­it­eten Axiom, dass Sprache sich nicht von außen verän­dern lässt, son­dern sich nach eige­nen Geset­zmäßigkeit­en entwickelt.

Aber natür­lich „ist“ Sprache nie, sie ist zu jedem Zeit­punkt im Wer­den. Und natür­lich lässt sie sich in ihrer Entwick­lung bee­in­flussen: die Sprachge­mein­schaft hat eine Rei­he diskri­m­inieren­der Wörter aus dem all­ge­meinen Sprachge­brauch genom­men, sodass sie ganz ver­schwun­den oder in einzelne Sub­kul­turen abge­drängt wor­den sind.

Man kann – wie Eisen­berg, und wie auch ich – der Mei­n­ung sein, dass keine Notwendigkeit beste­ht, das auch mit dem Wort Flüchtling zu tun. Ich stimme ihm zu, dass die Bedeu­tungsvielfalt der Wörter im Wort­feld „Men­schen auf der Flucht“ eine Ressource zur Bedeu­tungs­d­if­feren­zierung ist, die wir nicht vorschnell aufgeben müssen und soll­ten. Das Prob­lem des Gen­derns wür­den wir allein mit ein­er Neube­wor­tung sowieso nicht in den Griff bekom­men, denn im schein­bar geschlecht­sneu­tralen Plur­al, in dem die Wörter typ­is­cher­weise ver­wen­det wer­den, käme ohne­hin die oben erwäh­nte kog­ni­tive Verz­er­rung wieder ins Spiel (bei die Geflüchteten denken wir zunächst genau­so sehr nur an Män­ner wie bei dem Wort die Flüchtlinge).

Aber man sollte die grund­sät­zlichen Möglichkeit­en und Notwendigkeit­en sprach­planer­isch­er Ein­griffe nicht mit dem Argu­ment abtun, das Sprach­sys­tem sei, wie es ist. Sprache ist, was ihre Sprachge­mein­schaft aus ihr macht.

Flüchtlinge zu Geflüchteten?

Von Anatol Stefanowitsch

Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat in der Begrün­dung zu ihrer Wahl von Flüchtlinge zum Wort des Jahres am Rande the­ma­tisiert, dass das Wort „für sprach­sen­si­ble Ohren ten­den­ziell abschätzig“ klinge, und das deshalb „neuerd­ings … öfters alter­na­tiv von Geflüchteten die Rede sei. Es bleibe aber abzuwarten, ob sich diese Alter­na­tive „im all­ge­meinen Sprachge­brauch durch­set­zen“ würde. Der Vor­sitzende der GfdS, der Han­nover­an­er Sprach­wis­senschaftler Peter Schlobin­s­ki, wurde gegenüber der dpa deut­lich­er: „Ich glaube, dass Flüchtling let­ztlich bleibt, dass Geflüchtete keine Chance hat“.

Bei­de Fra­gen – ob Flüchtlinge einen neg­a­tiv­en Beik­lang hat und ob das Wort Geflüchtete (oder auch Flüch­t­ende) eine aus­sicht­sre­iche neu­trale Alter­na­tive wäre, stoßen auf anhal­tendes Inter­esse (der Sprachlog-Beitrag aus dem Jahr 2012 zu diesem The­ma gehört zu den am kon­tinuier­lich­sten abgerufe­nen, auch der Deutsch­land­funk hat in sein­er Berichter­stat­tung zum Wort des Jahres darauf ver­linkt). Ich möchte die Gele­gen­heit deshalb nutzen, diesen Beitrag um einige Per­spek­tiv­en zu ergänzen, die über die üblichen sub­jek­tiv­en Ein­drücke hin­aus­ge­hen, die die GfdS auch dieses Jahr anstelle sprach­wis­senschaftlich­er Analy­sen von sich gegeben hat. Weit­er­lesen

Wort des Jahres 2015: Flüchtlinge

Von Anatol Stefanowitsch

Die Gesellschaft für deutsche Sprache ver­sucht mit dem „Wort des Jahres“ jedes Jahr, Wörter zu präsen­tieren, die „das zu Ende gehende Jahr beson­ders gut charak­ter­isieren“. Das gelingt nur sel­ten: Im let­zten Jahr war es das schnell ver­flo­gene Licht­gren­ze, im Jahr davor das bleiern-ans­gestrengte GroKo, und im Jahr davor das völ­lig abstruse Ret­tungsrou­tine. In diesem Jahr ist es aus­nahm­sweise gelun­gen, ver­mut­lich, weil selb­st die all­t­agsabge­wandte GfdS nicht in der Lage war, das beherrschende The­ma des Jahres zu ignori­eren: Weit­er­lesen

Revolutionär*innen, die auf Sternchen starren

Von Anatol Stefanowitsch

Die Grü­nen haben am Woch­enende auf ihrer Bun­des­delegiertenkon­ferenz unter anderem beschlossen, in Parteitags­beschlüssen in Zukun­ft verbindlich den Gen­der-Stern (Student*innen, Kindergärtner*innen, Ter­ror­ist*innen) zu ver­wen­den. Angesichts der Empfind­lichkeit, mit der die deutsche Öffentlichkeit auf geschlechterg­erechte Sprache reagiert, wurde diese Satzungsän­derung natür­lich vor, während und nach dem Parteitag in den Medi­en disku­tiert. Die Fron­ten waren dabei vorherse­hbar verteilt: „Gen­der-Gaga“ war der Beschluss z.B. für die Bild (der es dabei nicht nur um die Sprache ging: sie störte sich auch an der Idee von „Extra-Zel­ten für trans­sex­uelle Flüchtlinge“). Der Cicero sah in dem Beschluss ein Zeichen für die „Rück­ver­wand­lung ein­er Partei in eine Krabbel­gruppe“. Und die Ost­thüringer Zeitung kon­nte es sich nicht verkneifen, in ihrer Schlagzeile von „Grün*innen“ zu sprechen. Die taz dage­gen vertei­digt den Beschluss sehr fachkundig, und die Süd­deutsche Zeitung sagt zum Gen­der-Stern „Schön ist das nicht — aber richtig“.

Wer ab und zu das Sprachlog liest, wird ver­muten, dass ich mich hier dem zweit­en Lager anschließen und die Grü­nen für ihren Beschluss loben werde. Diese Ver­mu­tung muss ich aber ent­täuschen – anders als die Süd­deutsche finde ich den Gen­der-Stern schön, aber falsch. Natür­lich stimme ich auch dem ersten Lager nicht zu. Das Prob­lem ist nicht, dass der Beschluss der Grü­nen „Gen­der-Gaga“ ist, son­dern, dass er nicht gen­der-gaga genug ist. Die Grü­nen entwick­eln sich nicht zu ein­er Krabbel­gruppe, sie ver­ab­schieden sich von der weltverän­dern­den Anar­chie, die jed­er Krabbel­gruppe innewohnt. Weit­er­lesen