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Wort des Jahres 2017: Jamaika-Aus

Von Anatol Stefanowitsch

Jedes Jahr Anfang Dezem­ber trifft sich die Gesellschaft für Deutsche Sprache, um das „Wort des Jahres“ zu wählen. Und jedes Jahr zeigt sich, dass den Mit­gliedern der Jury erst in den Tagen unmit­tel­bar vor diesem Tre­f­fen ein­fällt, dass sie vielle­icht mal in eine Zeitung guck­en soll­ten, um her­auszufind­en, was für Wörter es im Deutschen eigentlich so gibt.

Hastig wählt man dann das erste Wort, das einem bei diesem Blick in die Zeitung auf­fällt. Das ist mal ein Wort, das Wolf­gang Bos­bach zufäl­lig ein einziges Mal ver­wen­det hat, wie 2012, als man Ret­tungsrou­tine auserkor, und mal eines, das seit Jahren ein unauf­fäl­liges Puz­zlestückchen im Wortschatz des Deutschen ist, wie 2013, als man sich für GroKo entsch­ied. Oder man nimmt eben ein Wort, das zufäl­lig ger­ade durch die Medi­en geis­tert, wie 2014, als mit Licht­gren­ze der Name eines Luft­bal­lon-Großevents das Ren­nen machte.

In diesem Jahr hat man sich offen­sichtlich für let­ztere Strate­gie entsch­ieden: Mit Jamai­ka-Aus hat man sich für ein Wort entsch­ieden, das ger­ade mal fünf Tage lang – vom 20. bis zum 25. Novem­ber 2017 – eine nen­nenswerte Medi­en­präsenz hat­te und es bei Google ins­ge­samt auf sat­te 80 Einzel-Tre­f­fer bringt, wenn man die paar Hun­dert abzieht, in denen über das Wort des Jahres berichtet wird.

Damit, so die Jury, the­ma­tisiere sie

nicht nur die beson­deren Schwierigkeit­en bei der Regierungs­bil­dung, die sich nach der Bun­destagswahl 2017 ergaben, son­dern lenkt den Blick auch auf eine inter­es­sante Wort­bil­dung: Nicht nur hat der Lan­desname Jamai­ka eine neue Bedeu­tung angenom­men, son­dern auch die Aussprache wurde eingedeutscht: Nach­dem die englis­che Lau­tung „Dschamäi­ka“ bere­its seit langem zu »Dschamai­ka« gewor­den war, hört man am Wor­tan­fang anstelle von „Dsch“ heute zunehmend auch ein „J“ wie in „Jahr“. – Mit der Sub­stan­tivierung das Aus wird umgangssprach­lich auf das Ende, das Scheit­ern von etwas ver­wiesen; die Zusam­menset­zung Jamai­ka-Aus bringt somit präg­nant den kom­plex­en Sachver­halt ›Abbruch der Sondierungs­ge­spräche für eine schwarz-gelb-grüne Koali­tion‹ zum Ausdruck.

Der Lan­desname Jamai­ka hat diese „neue Bedeu­tung“ allerd­ings schon im Bun­destagswahlkampf 2005 angenom­men, wo sich das Wort erst­mals in den Medi­en find­et, oder spätestens seit 2009, als im Saar­land erst­mals eine solche Koali­tion gebildet wurde. Auch die Aussprache mit „J wie Jahr“ ist laut Duden die Stan­dar­d­aussprache für den Lan­desna­men Jamai­ka, und so inter­es­sant es wäre, zu erfahren, ob sich in den Aussprache-Gewohn­heit­en Änderun­gen beobacht­en lassen, von der Wort-des-Jahres-Jury wer­den wir es nicht erfahren, denn denen scheint das Wort Ende Novem­ber zum ersten Mal aufge­fall­en zu sein.

Schade ist das alles, weil die GfdS tat­säch­lich ein paar gute Kan­di­dat­en auf der Liste hat­te – Ehe für Alle (auf Platz 2) und Ober­gren­ze zum Beispiel, die ja die Diskus­sio­nen dieses Jahres dur­chaus geprägt haben. Es hätte allerd­ings auch schlim­mer kom­men kön­nen: auch cov­fefe und hyggelig lan­de­ten auf den vorderen Plätzen.

Das Deppenleerzeichen gibt es nicht: Eine Art Replik

Von Kristin Kopf

Ich habe kür­zlich ein Gespräch mit Michel Winde von der dpa geführt — über Leerze­ichen und Binde­striche in Kom­posi­ta. Es ging dabei um sehr emo­tion­al beset­zte Schrei­bun­gen wie z.B.

Johannes Guten­berg-Uni­ver­sität

dpa-Kinder­nachricht­en

Wür­fel Zucker

Nun ist ein Artikel ent­standen, in dem sich Spurenele­mente des Inter­views wiederfind­en.1 Der Text nervt mich. Neben inhaltlichen Aspek­ten (dazu gle­ich mehr) finde ich es unredlich, dass durch extreme Zitat­mon­tage der Ein­druck entste­ht, alle Inter­viewten hät­ten ein Gespräch miteinan­der geführt, aufeinan­der Bezug genom­men. So z.B.:

Sprache ändert sich. „Aus sprach­wis­senschaftlich­er Sicht finde ich das span­nend“, sagt Kopf über das Dep­pen­leerze­ichen. Allerd­ings gehen auch Aus­drucksmöglichkeit­en ver­loren. Ein „Chefin­ge­nieur“ sei nun mal etwas anderes als ein „Chef Inge­nieur“, sagt Lutz.

Ich hat­te aber wed­er mit den wis­senschaftlicheren Stim­men noch mit Bas­t­ian Sick oder Titus Gast irgen­deine Art von Aus­tausch und der sug­gerierte Kon­sens zum The­ma existiert auch nicht.

Ganz abge­se­hen davon habe ich wirk­lich keinen blassen Schim­mer, was denn ein <Chef Inge­nieur> anderes sein soll als ein <Chefin­ge­nieur>. Kann mir da jemand helfen? Und welche “Aus­drucksmöglichkeit­en” sollen das sein, die man da ver­liert? In der gesproch­enen Sprache gibt’s auch keine Getren­nt- und Zusam­men­schrei­bung und trotz­dem funk­tion­ert die Kom­mu­nika­tion ganz wun­der­bar. Das Englis­che, wo Kom­posi­ta oft getren­nt geschrieben wer­den, lei­det meines Wis­sens auch nicht ger­ade an Ausdrucksarmut.

Die Deppen, das sind die anderen

Der zweite über­greifende Punkt, der mich nervt, ist, dass das Wort “Dep­pen­leerze­ichen” über­all vorkommt und so getan wird, als sei das ein etabliert­er Fach­be­griff. In Wirk­lichkeit ist das Wort ein­fach nur wider­lich: Weit­er­lesen

  1. Meine Zitate wur­den freigegeben, den ganzen Text kan­nte ich vorher nicht. []

Laudatio zum Anglizismus des Jahres 2016: Fake News

Von Anatol Stefanowitsch

Die Jury hat sich die Wahl zum Anglizis­mus des Jahres auch dies­mal nicht leicht gemacht, aber mit Fake News gab es einen Kan­di­dat­en, der 2016 eine so plöt­zliche und mas­sive Präsenz im öffentlichen Diskurs erlangt hat, dass es am Ende doch keine ern­sthafte Alter­na­tive gab. Damit haben wir seit langem wieder ein­mal einen Anglizis­mus des Jahres, von dem nie­mand behaupten kann, ihn nicht zu ken­nen, und dem nie­mand vor­w­er­fen kann, er sei zu alt.

Dabei begin­nt die Geschichte dieses Aus­drucks schon im späten 19. Jahrhun­dert. Die früh­este Ver­wen­dung, die ich find­en kon­nte, stammt aus der Zeitschrift Amer­i­can His­tor­i­cal Reg­is­ter vom Novem­ber 1894 in ein­er Diskus­sion über die Rolle und Qual­ität von Lokalzeitun­gen in den USA wird eine Mel­dung über eine (ange­bliche) Flucht Napoleons nach Flo­renz beschrieben. Die Autorin stellt dann fest, dass Napoleon zur betr­e­f­fend­en Zeit auf der Höhe seines Erfolges war und dass es außer den Wun­schvorstel­lun­gen sein­er Geg­n­er keine Belege für die beschriebe­nen Ereignisse gibt – Or was it “fake news”?, fragt sie rhetorisch.

Dieser frühe Beleg hat damit schon fast alle Eigen­schaften dessen, was die heutige Ver­wen­dung des Begriffs aus­macht – der Aus­druck fake news beze­ich­net hier bere­its eine frei erfun­dene Nachricht, die einen poli­tis­chen Geg­n­er in ein schlecht­es Licht stellt und die deshalb dankbar aufgenom­men wird, weil sie ins Welt­bild der­er passt, an die sie sich richtet. Das einzige, was sie von den heuti­gen Fake News unter­schei­det, ist die Tat­sache, dass diese Nachricht in ein­er kleinen Landzeitung in den USA ste­ht, und nicht auf einem Screen­shot auf Face­book. Übri­gens: Auch in Eng­land und den Kolonien gab es damals schon Geset­ze, die die Ver­bre­itung gefälschter Nachricht­en unter Strafe stellen – die wer­den damals aber (noch) nicht als fake news, son­dern als false news bezeichnet.

Das Wort fake news bleibt lange eine Gele­gen­heit­ser­schei­n­ung. Erst seit den 1990er Jahren wird es langsam zu einem fest­ste­hen­den Begriff. Dabei beze­ich­net es meis­tens satirische Nachricht­ensendun­gen und ‑mag­a­zine, wie Jon Stew­arts The Dai­ly Show oder das amerikanis­che Vor­bild und Äquiv­a­lent des Pos­til­lon, The Onion. Auch zu dieser Zeit wer­den in pro­pa­gan­dis­tis­ch­er Absicht ver­bre­it­ete absichtliche Falschmel­dun­gen haupt­säch­lich als false news (items/reports) beze­ich­net. Aber punk­tuell find­et sich auch der Aus­druck fake news in dieser Bedeu­tung, z.B. in Frank Kel­ly Richs Buch „The Great­est Sto­ry Ever Sold: The Decline and Fall of Truth in Bush’s Amer­i­ca“, in dem eine fake news fac­to­ry der Bush-Regierung beschrieben wird, in der fake jour­nal­ists Pro­pa­gan­da im Nachricht­enge­wand erstellen.

Die Bedeu­tungsen­twick­lung des Aus­drucks geht dann aber zunächst in eine andere Rich­tung – immer häu­figer beze­ich­net er bewusste Falschmel­dun­gen in sozialen Net­zw­erken, die entwed­er in kom­merzieller Absicht ver­bre­it­et wer­den – um Klicks auf Seit­en mit Wer­beanzeigen zu erzeu­gen –, oder schlicht aus Freude daran, Men­schen beispiel­sweise mit erfun­de­nen Tode­sanzeigen Promi­nen­ter zu verwirren.

In dieser Bedeu­tung taucht der Aus­druck seit eini­gen Jahren ab und zu auch in deutschen Tex­ten auf. Ein früh­es Beispiel ist ein Bericht im Juli 2014 über eine Mel­dung, dass Manuel Neuer im Finale der Fußball­welt­meis­ter­schaft aus­fall­en werde. Allerd­ings gab und gibt es im Deutschen für solche Mel­dun­gen schon Wörter wie Hoax-Nachricht oder Hoax-Mel­dung, gegen die sich der Neuankömm­ling Fake News nicht durch­set­zen konnte.

Erst im Novem­ber 2016 schafft Fake News einen plöt­zlichen und hefti­gen Durch­bruch in den all­ge­meinen Sprachge­brauch. Dieser geht ein­her mit ein­er weit­eren Bedeu­tungsver­schiebung: Das Wort beze­ich­net im Englis­chen inzwis­chen wieder die Art von Manip­u­la­tion­s­ab­sicht­en und Wun­schvorstel­lun­gen getriebene Pro­pa­gan­da, die schon im Erst­be­leg über Napoleons Flucht anklingt – erweit­ert um den Aspekt der Ver­bre­itung über die Sozialen Medi­en, der auch für der Ver­wen­dung zur Beze­ich­nung von Hoax-Mel­dun­gen charak­ter­is­tisch ist. Ins öffentliche Bewusst­sein und in den all­ge­meinen Sprachge­brauch gelangt es in Diskus­sio­nen um die Ursachen­find­ung zum Wahler­folg des US-Präsi­den­ten Don­ald Trump, der ange­blich auf Fake News zurück­zuführen gewe­sen sei (was inzwis­chen von wis­senschaftlich­er Seite bezweifelt wird).

Das Wort Fake News – im Deutschen auch Fake-News oder sog­ar Fak­e­news geschrieben – füllt damit dif­feren­zierend eine Lücke zwis­chen den etablierten Wörtern Falschmel­dung und Pro­pa­gan­da. Anders als die Falschmel­dung, die ja sowohl absichtlich als auch unab­sichtlich falsch sein kann, sind die Fake News immer absichtlich falsch. Und anders als die Pro­pa­gan­da, die das Ziel hat, das öffentliche Bewusst­sein sys­tem­a­tisch und tief­greifend zu bee­in­flussen, sind die Fake-News eher auf die Bestä­ti­gung beste­hen­der Vorurteile bei bes­timmten Ziel­grup­pen aus­gerichtet. Ganz im Sinne eines post­fak­tis­chen Zeit­geistes geht es häu­fig auch gar nicht darum, dass die Fake News tat­säch­lich geglaubt, son­dern nur, dass sie für möglich gehal­ten wer­den und so ein Gegengewicht zu den tat­säch­lichen Nachricht­en in den „etablierten“ Medi­en (vul­go „Lügen­presse“) bilden können.

Diese Lücke kann das Wort unter anderem füllen, weil das Wort fake, anders als das Wort falsch in Wörtern wie Falschmel­dung oder dem neu geprägten Falschnachricht ein­deutig die bewusste Fälschung und Täuschungsab­sicht hin­ter den Fake News anspricht. Anders als falsch (oder das englis­che false) beze­ich­net das Adjek­tiv fake bewusste, in Täuschungsab­sicht hergestellte Nach­bil­dun­gen von Din­gen – Pelze, Pässe, Bärte, Wim­pern, Geld, Schmuck, Schnee und nun eben auch news. Dieses bedeu­tungs­d­if­feren­zierende Poten­zial hat das Adjek­tiv fake schon vor drei Jahren auf die Short­list zum Anglizis­mus des Jahres gebracht und es ist auch Bestandteil der einzi­gen Ein­deutschung des Wortes Fake News, der wir Erfolg prog­nos­tizieren: Fak­e­nachricht­en.

Wörterwolke Anglizismus 2016

Unwort des Jahres 2016: Volksverräter.

Von Anatol Stefanowitsch

Die „Sprachkri­tis­che Aktion“ hat ger­ade das Unwort des Jahres 2016 bekan­nt­gegeben: Volksver­räter. Damit set­zt die Jury unter Leitung mein­er Darm­städter Kol­le­gin Nina Janich kon­se­quent die Kri­tik an rechter und recht­es Han­deln ver­harm­losender Sprache fort, die sie 2013 mit dem Unwort Sozial­touris­mus begonnen und sei­ther mit Lügen­presse (2014) und Gut­men­sch (2015) fort­ge­set­zt hat.

Die zunehmende Nor­mal­isierung rechter Inhalte und rechter Sprache im öffentlichen Diskurs ist eine erschreck­ende Entwick­lung und man kann es der „Sprachkri­tis­chen Aktion“ nicht hoch genug anrech­nen, dass sie jedes Jahr aufs neue auf diese Entwick­lung hinweist.

Volksver­räter ist ein Begriff, der his­torisch schon zwei sprach­liche Kon­junk­tur­phasen hat­te. Zum ersten Mal nimmt seine Häu­figkeit im Sprachge­bauch im ersten Weltkrieg zu und sinkt dann wieder ab, um dann in der Zeit des Nation­al­sozial­is­mus einen sprung­haften und nach­halti­gen Anstieg zu erleben, der in den 1950er und 1960er Jahren langsam wieder nachlässt.

Die Häu­figkeit­sen­twick­lung liest sich also wie eine Fieberkurve völkischen Denkens in Deutsch­land, und dass das Wort inzwis­chen wieder laut auf der Straße gerufen wird, zeigt, dass die aktuelle, häu­fig als „recht­spop­ulis­tisch“ ver­harm­loste Stim­mung in großen Teilen der Gesellschaft diskur­siv direkt an dieses Denken anschließt.

Wer mehr wis­sen will – ich bin ab 12:10 im Kul­tur­ra­dio des rbb zu Gast, um mit Mod­er­a­tor Frank Rawel und dem Kolum­nis­ten Har­ald Marten­stein über Unwörter all­ge­mein und das Unwort des Jahres im Beson­deren zu disku­tieren. Später bin ich dann noch im Deutsch­landra­dio Kul­tur zu Gast, Details folgen.

Nafris (ein sprachwissenschaftliches Grünen-Seminar für Rainer Wendt)

Von Anatol Stefanowitsch

Das Wort Nafri sorgt für heftige Debat­ten, seit die Köl­ner Polizei in der Sil­vester­nacht 2016 über den Kurz­nachrich­t­en­di­enst Twit­ter fol­gende Beschrei­bung ihres Vorge­hens absetzte:

Die Diskus­sion wird, wie es in Deutsch­land lei­der üblich ist, wenn es um poten­ziell prob­lema­tis­che Sprache geht, sehr hitzig, fak­te­n­arm und wenig pro­duk­tiv geführt. Sie wird außer­dem ver­mis­cht mit der wichtigeren Diskus­sion um Racial Pro­fil­ing und öffentliche Sicher­heit, die mit dem Wort Nafri eher am Rande zu tun hat.

Eigentlich wollte ich mich deshalb aus der Diskus­sion her­aushal­ten, aber dann las ich fol­gende Aus­sage des Vor­sitzen­den der Deutschen Polizeigew­erkschaft, Rain­er Wendt:

Das ist eine Abkürzung, die wir im Ein­satz benutzen, beispiel­weise bei Funksprüchen oder wenn sich die Beamten etwas zurufen. Das braucht man nicht zu drama­tisieren. Das ist eben der Unter­schied zwis­chen einem sprach­wis­senschaftlichen Grü­nen-Sem­i­nar und einem Polizeiein­satz. (Rain­er Wendt in der Jun­gen Frei­heit, 2. Jan­u­ar 2017)

Ich bin zwar kein Grün­er, aber ein sprach­wis­senschaftlich­es Sem­i­nar kann ich liefern, und da die Kri­tik am Begriff „Nafri“ weit­ge­hend am eigentlichen Prob­lem vor­beige­ht, habe ich Wendts Her­aus­forderung dann doch angenom­men. Weit­er­lesen

Warum man Fake News nicht verbieten kann: Eine Fallstudie

Von Anatol Stefanowitsch

Zufäl­lig war ich heute auf der Suche nach Wei­h­nachts­geschenken in den Schön­hauser-Allee-Arkaden (einem Einkauf­szen­trum im Pren­zlauer Berg), als der Ein­gang und die Straße und der U‑Bahnhof vor dem Einkauf­szen­trum von der Polizei abges­per­rt wur­den. Ein fre­undlich­er Beamter erk­lärte auf Nach­frage, dass man einen verdächti­gen Gegen­stand gefun­den habe, der nun unter­sucht würde.

Das wurde auch schnell von eini­gen lokalen Medi­en auf Twit­ter bekan­nt­gegeben, z.B. hier (um 14:33):

Der Gegen­stand wurde am Ende ergeb­nis­los gesprengt (es war, je nach Mel­dung, eine Tüte, ein Kof­fer oder ein leer­er Schuhkar­ton) und mein Wei­h­nachts­geschenk habe ich auch nicht gefun­den, aber dafür eine schöne Fall­studie darüber, wie man Fake News ver­fasst, ohne dabei zu lügen. Weit­er­lesen

Meist märchenhaft? Mehr Etymologien (und eine Siegerehrung)

Von Kristin Kopf

Was zum Beispiel Advent und Akro­bat oder Gräte und Gren­ze miteinan­der zu tun haben, habe ich vor ein­er Weile schon gek­lärt. Sei­ther war bei mir irgend­wie zu viel los um die Auflö­sung des let­zten Ety­molo­gierät­sels zu Ende zu brin­gen. Auch hin­ter den noch unbe­sproch­enen Wörtern ver­ber­gen sich aber inter­es­sante Zusam­men­hänge (und ein Fehler), die für Nicht-RaterIn­nen eben­so span­nend sind. Nach­dem ich sie erhellt habe, kom­men wir dann endlich zur Siegerehrung.

Märchen und meist. Das Märchen ist eine Diminu­tiv­bil­dung zu ahd. māri ‘Nachricht, Erzäh­lung; Gerücht’. Die heutige Form des Sub­stan­tivs ist, kaum mehr gebräuch­lich, Mär — vielle­icht haben Sie den Anfang des Nibelun­gen­lieds noch im Kopf, wie “in alten maeren” viel Wun­der­bares berichtet wird,((Hier find­et sich eine Über­set­zung der ersten Stro­phe.)) oder es wei­h­nachtet bei Vom Him­mel hoch, wo “gute neue Mär” gebracht wird. Diese “kleine Erzäh­lung” bezog sich schon früh auf Aus­gedacht­es, im Gegen­satz zur Mär, die lange Zeit Fakt und Fik­tion beze­ich­nen konnte.

Aber um zu meist zu gelan­gen, müssen wir in die andere Rich­tung gehen: Weit­er­lesen

Wort des Jahres 2016: Postfaktisch

Von Anatol Stefanowitsch

Wenn die Gesellschaft für Deutsche Sprache uns ihre Wörter schickt, schickt sie nicht ihre besten Wörter. Sie schick­en uns Wörter, die viele Prob­lem haben und sie brin­gen diese Prob­leme zu uns. Sie brin­gen wohlfeilen Unfug. Sie brin­gen erfun­dene Wörter. Es sind Wörter, die nie­mand ken­nt. Und einige, ver­mute ich, sind gute Wörter.

Das Wort des Jahres wurde von und für die Chi­ne­sen erfun­den, um die deutsche Sprach­pro­duk­tion wet­tbe­werb­sun­fähig zu machen. Die krim­inelle Gesellschaft für deutsche Sprache hat die Puris­ten­miliz Vere­in Deutsche Sprache gegrün­det. Aber da kann man nichts machen, Obwohl — die Leute der Amtlichen Rechtschrei­bung, vielle­icht gibt es doch etwas. Ich weiß es nicht.

Ich werde ein eigenes Wort des Jahres wählen – und nie­mand wählt Wörter bess­er als ich, glauben Sie mir – und ich wäh­le sie sehr kostengün­stig. Ich werde ein großes, großes Wort des Jahres an unser­er Sprach­gren­ze wählen und ich werde die Lexiko­graphen für dieses Wort bezahlen lassen.

Alle lieben meine Wörter. Ich kön­nte mich auf die Kon­rad-Duden-Straße stellen und jeman­den zutex­ten, und die Leute wür­den mein Wort des Jahres trotz­dem wählen. Wenn es nicht mein Wort des Jahres wäre, würde ich es wahrschein­lich daten.

Von Gräten und Grenzen

Von Kristin Kopf

Let­zte Woche ging’s ja schon los mit der Auflö­sung des Ety­molo­gierät­sels — die näch­sten bei­den Wort­paare ver­rat­en Span­nen­des über Sied­lungs­geschichte und Kriegsführung:

Gräte und Grenze

Die Gräte ist ein alter Plur­al von Grat. So wie BartBärte ging im Mit­tel­hochdeutschen (1050–1350) auch GratGräte. Das Wort hat­te einen recht bre­it­en Bedeu­tung­sum­fang, darunter ‘Rück­grat, Bergrück­en, Spitze, Stachel, Fis­chgräte’. Wenn man über let­ztere sprach, benutzte man das Wort aber wohl meist in der Mehrzahl. Logisch, die Dinger steck­en ja massen­weise in so einem Fisch drin. Irgend­wann wurde diese Form dann als Ein­zahl uminter­pretiert, die Gräte war geboren. (Der Grat bekam später einen neuen Plur­al, Grate, so wie Jahre.)

Die Gren­ze ist dage­gen ein slaw­is­ch­er Import, wahrschein­lich von alt­pol­nisch grani­ca, grań­ca. Nun teilen sich slaw­is­che Sprachen ja einen Vor­fahren mit dem Deutschen, und tat­säch­lich, Weit­er­lesen

Akrobatischer Advent

Von Kristin Kopf

Unser let­ztes Don­ner­stagsrät­sel wartet noch auf Auflö­sung. Gefordert war die paar­weise ety­mol­o­gis­che Verbindung aus dem fol­gen­den Worthaufen:

2016-08-Rätsel_SprachlogIn den Kom­mentaren wurde fleißig und zumeist auch richtig ger­at­en. Für alle, die dazu keine Lust hat­ten, vol­lziehe ich die Win­dun­gen aber heute und in den näch­sten Tagen noch ein­mal kurz nach, bevor ich zur Siegerehrung schre­ite. Los geht’s mit den Wörtern auf A:

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Jas­trow (2007) (CC BY 2.5)

Advent und Akrobat

Der Advent gehört zu lat. advenīre ‘ankom­men’ (ad ‘zu’, venīre ‘kom­men’) weil es die Zeit ist, die vor der “Ankun­ft” Jesu liegt. Im Akro­bat steckt zunächst griech. ákros ‘höchst, äußerst, an der Spitze’ — man ken­nt es von der Akropo­lis, die wörtlich ein­fach die ‘Ober­stadt’ ist. Der zweite Teil des Akro­bat­en geht auf griech. bá͞inein ‘gehen, schre­it­en’ zurück. Die Aus­gangs­be­deu­tung des Wortes war damit ‘auf (Fuß-)Spitzen gehend’.

Schon im alten Griechen­land war akro­batis­che Betä­ti­gung aber nicht auf die Zehen beschränkt: Weit­er­lesen