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Anatol Stefanowitsch

Über Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch ist Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der Freien Universität Berlin. Er beschäftigt sich derzeit mit diskriminierender Sprache, Sprachpolitik und dem politischen Gebrauch und Missbrauch von Sprache. Sein aktuelles Buch „Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“ ist 2018 im Dudenverlag erschienen.

Wort des Jahres: Heißzeit

Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat einen Job, um den sie nicht zu benei­den ist: sie muss — da sie nun ein­mal irgend­wann damit ange­fan­gen hat — jedes Jahr ein Wort des Jahres wählen. Eigentlich eine schöne, span­nende Auf­gabe, wäre da nicht ein ungeschriebenes aber eis­ernes Gesetz: das Wort darf keines­falls tat­säch­lich in nen­nenswert­er Häu­figkeit ver­wen­det wor­den sein, schon gar nicht im Jahr, für das es gewählt wurde. Aber anders als der Lan­gen­schei­dt-Ver­lag es mit dem Jugend­wort macht, darf die GfdS das Wort auch nicht völ­lig frei erfind­en oder aus einem YouTube-Video von Mon­ey­boy klauen. Wie gesagt, nicht zu benei­den. 

Aber man muss es ihnen lassen, sie machen diesen Job ganz her­vor­ra­gend: 

Das Wort des Jahres 2018 ist Heißzeit. Diese Entschei­dung traf am Mittwoch eine Jury der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) in Wies­baden. [Pressemit­teilung der GfdS]

Genial. Man nimmt ein Wort aus ein­er Pressemit­teilung des Pots­dam-Insti­tut für Kli­mafol­gen­forschung PIK, die Anfang August kurz für Aufmerk­samkeit gesorgt hat, bevor wir alle den Kli­mawan­del wieder kollek­tiv ver­drängt haben.

Und die Begrün­dung:

Sie the­ma­tisiert damit nicht nur einen extremen Som­mer, der gefühlt von April bis Novem­ber dauerte. Eben­falls angedeutet wer­den soll eines der gravierend­sten glob­alen Phänomene des frühen 21. Jahrhun­derts, der Kli­mawan­del. 

Gut, eigentlich hat das Pots­dam-Insti­tut für Kli­mafol­gen­forschung damit den Kli­mawan­del the­ma­tisiert. In ein­er (in Worten 1) Pressemit­teilung.  Aber Schwamm drüber, warum es Wort des ver­dammten Jahres ist, will ich wis­sen. 

Ah:

Nicht zulet­zt ist Heißzeit eine inter­es­sante Wort­bil­dung. Mit der laut­lichen Analo­gie zu Eiszeit erhält der Aus­druck über die bloße Bedeu­tung ›Zeitraum, in dem es heiß ist‹ hin­aus eine epochale Dimen­sion und ver­weist möglicher­weise auf eine sich ändernde Klimape­ri­ode.

Ja, genau darauf ver­weist es. Nicht „möglicher­weise“, son­dern ganz, ganz deut­lich. In ein­er Pressemit­teilung des PIK. Warum es Wort des Jahres ist, will ich wis­sen.

Ehren­mann, wer mir das erk­lären kann. 

Gendergap und Gendersternchen in der gesprochenen Sprache

Im feuil­leton­is­tis­chen Eklat um ver­schiedene For­men der geschlechterg­erecht­en Rechtschrei­bung, über die der Rechtschreibrat gestern erst­mals berat­en und mit denen er sich in den näch­sten Monat­en genauer beschäfti­gen will, wird immer wieder die Frage gestellt, wie man diese For­men den aussprechen solle. Genauer gesagt, es wird – im Ein­klang mit dem all­ge­mein sehr selb­stzufriede­nen Ton der Kritiker/innen – unter­stellt, dass man sie eben nicht aussprechen könne.

Tat­säch­lich lässt sich diese Frage beant­worten (bzw. die Unter­stel­lung aus der Welt räu­men). Auch wenn die Kritier/innen es sich offen­bar nicht vorstellen kön­nen, machen die Befürworter/innen geschlechterg­erechter Sprache sich sehr aus­führlich Gedanken über das, was sie tun, und lösen solche Prob­leme lange bevor sie den Kritiker/innen über­haupt auf­fall­en.

Bei den soge­nan­nten Sparschrei­bun­gen mit Schrägstrichen oder Klam­mern – also z.B. Kri­tik­er/-in oder Befürworter(inn)en – ist die Sache ein­fach: Diese For­men sind als Abkürzung für Dop­pelfor­men gedacht und wer­den als solche gesprochen: Kri­tik­er oder Kri­tik­erin, Befür­wor­terin­nen und Befür­worter usw.

Auch das Bin­nen-I wird von manchen als Sparschrei­bung (Abkürzung) betra­chtet, und wäre in diesem Fall genau­so zu behan­deln. Andere Betra­cht­en es als eigene Form, und sprechen es ein­fach aus, ohne das Bin­nen-I her­vorzuheben – es klingt dann eben so wie das Fem­i­ninum (Kri­tik­erin, Befür­wor­terin­nen).

Glottaler Plosivlaut über das Transgender-Symbol gelegtInter­es­sant wird es beim Gen­der­gap (Kritiker_in) und dem Gen­der­sternchen (Kritiker*in). Diese sind ja expliz­it nicht als Abkürzun­gen der Dop­pelform gedacht, son­dern sollen die darin enthal­tene Zweigeschlechtlichkeit durch­brechen – die Lücke und das Sternchen sind hier Platzhal­ter für weit­ere mögliche Geschlechter. Dieser Platzhal­ter muss sin­nvoller­weise auch in der gesproch­enen Sprache sig­nal­isiert wer­den – und dafür hat sich schon seit län­gerem eine lin­guis­tisch inter­es­sante Lösung etabliert.

Das Sternchen und die Lücke wer­den in der Aussprache durch einen stimm­losen glot­tal­en Ver­schlus­slaut wiedergegeben – ein Laut, den wir pro­duzieren, indem wir die Stimm­lip­pen („Stimm­bän­der”) kurz voll­ständig schließen.

Dieser Laut, der im Inter­na­tionalen Phonetis­chen Alpha­bet durch das Sym­bol [ʔ] repräsen­tiert wird, ste­ht im Deutschen (in den deutschen und öster­re­ichis­chen Dialek­ten) am Anfang jedes Wortes, das schein­bar mit einem Vokal begin­nt. Das Wort Eklat, z.B., wird nicht [eklaː] aus­ge­sprochen, son­dern [ʔeklaː]. Das merken wir, wenn wir einen indef­i­niten Artikel davor set­zen – ein Eklat. Wenn wir das aussprechen, hören wir eine kurze Pause vor Eklat, und das [e] hat einen klaren Ansatz: [aɪ̯n  ?eklaː] (das Leerze­ichen ste­ht für eine kurze Pause).

Im Franzö­sis­chen, beispiel­sweise, ist das anders, dort gibt es diesen glot­tal­en Ver­schlus­slaut am Wor­tan­fang nicht. Eclat wird hier tat­säch­lich [ekla] aus­ge­sprochen, und wenn wir einen indef­i­niten Artikel davor set­zen, fließen die Wörter ineinan­der [œnekla]. Auch an der Silb­i­fizierung sehen wir die Effek­te des glot­tal­en Ver­schlus­slauts: im Deutschen ist zwis­chen ein und Eklat eine Sil­ben­gren­ze (hier durch einen Punkt dargestellt) – [aɪ̯n.?e.klaː]; im Franzö­sis­chen ist diese Sil­ben­gren­ze in der Mitte des indef­i­niten Artikels un, das n bildet mit dem e von Eklat eine Silbe, die Wort­gren­ze wird ignori­ert – [œ.ne.kla]. Im Schweiz­erdeutschen ist es übri­gens wie im Franzö­sis­chen, ein Eklat wird dort [aɪ̯.ne.klaː] aus­ge­sprochen.

Inner­halb von Wörtern kommt der stimm­lose glot­tale Ver­schlus­slaut im Deutschen sel­ten vor, näm­lich in Kom­posi­ta (die ja aus zwei Wörtern beste­hen) an der inter­nen Wort­gren­ze, und bei manchen Prä­fix­en („Vor­sil­ben“), z.B. ver-: in den meis­ten Dialek­ten sagen wir beispiel­sweise für Vere­in [fɛɐ̯ʔaɪ̯n], und nicht [fɛˈʁaɪ̯n].

Vor Suf­fix­en („Nach­sil­ben“) kommt der glot­tale Ver­schlus­slaut nie vor – bzw., er kam dort nie vor, bis eben manche Sprecher/innen ange­fan­gen haben, ihn als laut­liche Repräsen­ta­tion des Gen­der­gap bzw. -sternchen zu ver­wen­den. Während Ärztin z.B. [ɛːɐ̯tstɪn] aus­ge­sprochen wird, wird Ärzt_in oder Ärzt*in [ɛːɐ̯tstʔɪn] aus­ge­sprochen.

Das hat eine Rei­he erwart­bar­er pho­nol­o­gis­ch­er Kon­se­quen­zen. So verän­dert es die Silb­i­fizierung. Bei Ärztin bildet der Kon­so­nant am Ende des Wort­stammes gemein­sam mit dem Suf­fix eine Silbe – [ɛːɐ̯ts.tɪn], bei Ärzt_in/Ärzt*in wird das durch den glot­tal­en Ver­schlus­slaut ver­hin­dert – [ɛːɐ̯tst.ʔɪn]. In dieser Hin­sicht ver­hält sich das Suf­fix jet­zt laut­lich wie ein eigenes Wort.

Aber inter­es­san­ter­weise nur in dieser Hin­sicht. Alle anderen Prozesse, die man am Wor­tende erwarten würde, find­en sich vor diesem Suf­fix nicht.

Zum Beispiel wird das er-Suf­fix im Deutschen pho­nol­o­gisch zu einem [ɐ], ein­er Art unbe­ton­ten, tiefen a: [kʁiːtɪkɐ]. Fol­gt ein Suf­fix, behält es seine eigentliche laut­liche Form [əʁ], z.B. in Kri­tik­erin: [kʁiːtɪkəʁɪn]. Vor dem glot­tal­en Ver­schlus­slaut in der Aussprache von Kri­tik­erin behält es eben­falls diese Form: [kʁiːtɪkəʁʔɪn]. Damit ist klar, dass vor dem Suf­fix keine Wort­gren­ze ist – die Gap/Sternchen-Ver­sion des Suf­fix­es, [ʔɪn], bleibt trotz des glot­tal­en Ver­schlus­slauts ein Suf­fix.

Das zeigt sich auch an einem weit­eren Phänomen des Deutschen, der Aus­lautver­här­tung. Am Wor­tende sind im Deutschen keine stimmhaften Kon­so­nan­ten erlaubt, wo ein Wort einen hätte, wird dieser stimm­los. Chirurg wird etwa [çiʀʊʁk] aus­ge­sprochen, nicht [çiʀʊʁɡ]. Fol­gt ein Suf­fix, z.B. der Plur­al oder eben das fem­i­nine -in, bleibt das [ɡ] am Wor­tende stimmhaft: [çiʀʊʁɡən], [çiʀʊʁɡɪn]. Und auch bei der Gap/Sternchen-Vari­ante bleibt es stimmhaft: [çiʀʊʁɡʔɪn].

Schließlich sieht man auch am Wor­takzent, dass das Gap/Sternchen-Suf­fix­es [ʔɪn] sich wie ein Suf­fix ver­hält. Im Deutschen wer­den roman­is­che Lehn­wörter, die auf das Suf­fix -or enden, auf der vor­let­zten Silbe betont (hier durch Großbuch­staben sym­bol­isiert): MOtor, AUtor, pro­FES­Sor, alli­GA­tor, mod­eR­A­tor. Kommt ein Suf­fix dazu, ver­schiebt sich der Wor­takzent auf das Suf­fix selb­st, so dass er wieder auf der vor­let­zten Silbe liegt: moTOren, auTOren, pro­feS­SOrin, alli­ga­TOren, mod­er­a­TOrin. Beim Gap/Sternchen-Suf­fix [ʔɪn] ver­schiebt sich der Wor­takzent eben­falls auf diese Weise (in der phonetis­chen Tran­skrip­tion ste­ht ein Apos­troph vor der beton­ten Silbe: Mod­er­a­tor [mod­eˈʀaː­toːɐ̯], Mod­er­a­torin [mod­eʀaˈ­toːʀɪn], Moderator*in [mod­eʀaˈ­toːʀʔɪn]. Die Aussprache dieser drei Wörter ist hier zu hören:

 

Wir sehen: Mit dem stimm­losen glot­tal­en Ver­schlus­slaut am Anfang eines Suf­fix­es betreten die Verwender/innen dieser For­men pho­nol­o­gis­ches Neu­land, da der Laut an dieser Stelle bish­er nicht ste­hen kon­nte. Da schon die orthografis­chen For­men mit Gen­der­gap oder -sternchen bei manchen Kol­le­gen (kein gener­isches Maskulinum) Äng­ste vor ein­er bevorste­hen­den Zer­störung der deutschen Sprache aus­lösen, kann man sich vorstellen, wie sie reagieren wür­den, wenn sie vom [ʔɪn]-Suffix erführen. Da sie nichts zur Ken­nt­nis nehmen, was irgend­je­mand zum The­ma Gen­der schreibt, wird das zum Glück nicht passieren.

Es beste­ht aber keine Gefahr fürs Deutsche – die oben disku­tierten Phänomene zeigen, dass die laut­liche Struk­tur der betr­e­f­fend­en Wörter voll erhal­ten bleibt, dass sich das [ʔɪn]-Suffix also trotz sein­er ungewöh­lichen laut­lichen Form voll in die Mor­pholo­gie und Phonolo­gie des Deutschen inte­gri­ert.

Wir wer­den also die deutsche Sprache in all ihrer geschlechterg­erecht­en und -ungerecht­en Vielfalt noch sehr lange genießen dür­fen.

Die Grenzen des Sagbaren

Am 8. Mai 2018 habe ich anlässlich des 85. Jahrestages der Bücherver­bren­nung im Lit­er­aturhaus Berlin einen Vor­trag über die „Gren­zen des Sag­baren“ gehal­ten. Der Mitschnitt zu diesem Vor­trag ist nun auf Sound­cloud zum Nach­hören ver­füg­bar.

Anglizismus des Jahres 2017: Influencer

Der Anglizis­mus des Jahres 2017 ist Influ­encer. In der Fach­sprache des Inter­net-Mar­ket­ing, von der aus das Wort sich in den all­ge­meinen Sprachge­brauch aus­ge­bre­it­et hat, beze­ich­net man damit eine

a) Per­son, die in sozialen Net­zw­erken viele Kon­tak­te oder Abon­nen­ten hat, sich an diese regelmäßig mit informieren­den Beiträ­gen wen­det und ihren Ein­fluss dafür nutzt, um (gegen Ent­gelt von Wirtschaft­sun­ternehmen) Wer­bung für bes­timmte Pro­duk­te, Dien­stleis­tun­gen o. Ä. zu machen [Dig­i­tales Wörter­buch der deutschen Sprache, s.v. Influ­encer]

Die hier beschriebene Form der Wer­bung, das soge­nan­nte Influ­encer Mar­ket­ing, liefert für den aktuellen Sprachge­brauch den wichtig­sten inhaltlichen Zusam­men­hang, in dem das Wort Influ­encer ver­wen­det wird, aber tat­säch­lich gibt es das Wort schon länger in ein­er all­ge­meineren Bedeu­tung, die das DWDS mit „b) Per­son, die einen größeren Ein­fluss, ins­beson­dere auf die Mei­n­ungs­bil­dung, ausübt“ erfasst. Und da die bei­den Bedeu­tun­gen miteinan­der ver­wandt sind, fall­en viele Ver­wen­dun­gen des Wortes auch dazwis­chen.

Für ein all­ge­meines Ver­ständ­nis des Wortes ist es wichtig, sich zunächst die Beson­der­heit bewusst zu machen, die Influ­encer (in der engeren Bedeu­tung a) von anderen Werbeträger/innen unter­schei­det: ihr Ein­fluss leit­et sich nicht aus ein­er unab­hängig von den sozialen Medi­en beste­hen­den Promi­nenz ab, son­dern allein aus ihrer Reich­weite in einem oder mehreren sozialen Net­zw­erken. Influ­encer kön­nen zwar Berühmtheit­en aus Musik, Sport oder Film sein, sind es aber nor­maler­weise nicht, son­dern wer­den erst durch ihre Social-Media-Präsenz zu Stars und Sternchen.

Uhr am Markusdom in Venedig mit SternzeichenMit Ster­nen begin­nt auch die lange Bedeu­tungs­geschichte des Wortes Influ­encer: In der Astrolo­gie der Spä­tan­tike beze­ich­nete der Aus­druck influxus stel­larum eine unsicht­bare Kraft, die von den Ster­nen aus in alle Kör­p­er hine­in­strömte und deren Schick­sal bes­timmte (wörtlich bedeutet es „das Hinen­fließen der Sterne“). In dieser Bedeu­tung wurde der Aus­druck im Mit­te­lal­ter ins Englis­che über­nom­men – die erste anglisierte Ver­wen­dung stammt von keinem gerin­geren als dem englis­chen Dichter­ge­nie und Shake­speare-Vor­bild Geof­frey Chaucer:

O influ­ences of thise heuenes hye, / Soth is that vnder god e ben oure hierdes […]
(„Oh, Ein­flüsse der hohen Him­mel, ihr seid wahrhaftig unsere Hirten“)
[Geof­frey Chaucer, Troilus & Criseyde, 1374]

Die Bedeu­tung von influ­ence weit­ete sich dann auf einen Ein­fluss aus, der von Per­so­n­en aus­geübt wurde – zunächst noch bild­haft, indem diese Per­so­n­en den Ster­nen gle­ichgestellt wur­den. Zu Beginn der Neuzeit war daraus eine wörtliche Bedeu­tung gewor­den – influ­ence beze­ich­nete schlicht eine bes­tim­mende Wirkung, die Men­schen oder abstrak­te Kräfte auf andere Men­schen haben. Das Verb to influ­ence ent­stand um die Mitte des 17. Jahrhun­derts — der erste Beleg stammt aus ein­er Rede des Staat­sober­haupts der kur­zlebi­gen Repub­lik Com­mon­wealth of Eng­land, Oliv­er Cromwell von 1658.

Am dem späten 17. Jahrhun­dert find­et sich dann die aus dem Verb abgeleit­ete Per­so­n­en­beze­ich­nung influ­encer, zunächst für Men­schen mit insti­tu­tioneller Macht (wie Staats- und Kirchenober­häupter), später auch für solche, deren Ein­fluss sich aus der ihnen zuge­sproch­enen Autorität und Rel­e­vanz in einem bes­timmten Bere­ich ergibt. In dieser Bedeu­tung find­et sich das Wort auch im heuti­gen Englisch, etwa, wenn von „pol­i­cy influ­encers“, „indus­try influ­encers“, „fash­ion influ­encers“ usw. die Rede ist – Indus­triekapitäne, Ex-Präsi­den­ten und andere Men­schen, die sich auf „Glob­al Influ­encer Sum­mits” tre­f­fen und „Influ­encer-of-the-Year-Awards“ ver­liehen bekom­men.

An diese Bedeu­tung angelehnt entwick­elte sich in den let­zten zehn Jahren der Begriff „social media influnencers“ oder „dig­i­tal influ­encers“, der dann – schnell auf den Wortbe­standteil Influ­encer verkürzt – ins Deutsche entlehnt wurde. Vere­inzelte Belege gibt es im Deutschen min­destens seit 2007 – der früh­este Beleg, den ich find­en kon­nte, stammt aus einem Text der ein­er Schweiz­er Wer­beagen­tur:

Die Blog-Ein­träge ver­sor­gen Unternehmen mit glaub­hafter und langfristiger Aufmerk­samkeit und wertvollem Feed­back, denn Blog­ger gel­ten als Ear­ly Adopters und Influ­encers. [Triga­mi, 2007 (Link)]

Inter­es­sant ist, dass hier die englis­che Plu­ral­form Influ­encers gewählt wird. Das deutet auf eine zu diesem Zeit­punkt noch sehr schwache Inte­gra­tion ins Deutsche hin, denn bei masku­li­nen Sub­stan­tiv­en auf -er wäre eigentlich ein Nullplur­al zu erwarten. Ein solch­er Nullplur­al find­et sich dann 2010 in dem früh­esten gedruck­ten Beleg, den ich find­en kon­nte:

6.2 Die Influ­encer … Es gibt einige wenige Kun­den, die auf­grund der Anzahl ihrer Kon­tak­te großen Ein­fluss auf den Erfolg ein­er Marke haben kön­nen. Sie wer­den als Influ­encer beze­ich­net und wahrgenom­men. [Klaus Eck, 2010]

Das Wort bleibt in dieser neuen Bedeu­tung zunächst, wie schon in den früheren Bedeu­tun­gen, auf fach­sprach­liche Zusam­men­hänge beschränkt. In Zeitun­gen find­et sich bis 2015 nur eine Hand­voll von Tre­f­fern, die sich größ­ten­teils auf die ältere, all­ge­meinere Bedeu­tung beziehen (oft in fest­ste­hen­den Aus­drück­en wie Influ­encer Rela­tions Web Offi­cer, Influ­encer of the Year und Glob­al Influ­encer Sum­mit).

Erst 2016 erre­icht die Ver­wen­dung­shäu­figkeit ein mess­bares Niveau – die ein­gangs zitierte Bedeu­tung ist nun die dom­i­nante gewor­den, auch wenn die ältere Bedeu­tung nach wie vor zu find­en ist. Die zunehmende Ver­bre­itung führt auch zu ein­er engeren Ein­bindung in die deutsche Gram­matik: 2016 find­en sich im Deutschen Ref­eren­zko­r­pus die ersten weib­lichen For­men, auch als Mehrzahl:

So kommt es, dass die gebür­tige Russin nun um den Globus jet­ten und ihr Geld als «Dig­i­tal Influ­encerin» ver­di­enen kann. [St. Galler Tag­blatt, 9.11.2016]

Die neuen Vor­bilder junger Mäd­chen sind soge­nan­nte Influ­encerin­nen wie Juliane Dies­ner alias Style Shiv­er. [NZZ am Son­ntag, 18.12.2016]

Häu­figkeit von Influ­encer im Deutschen Ref­eren­zko­r­pus (Quelle)

Im Jahr 2017 vervielfacht sich die Gebrauchshäu­figkeit dann sprun­gar­tig: das Ref­eren­zko­r­pus des Insti­tuts für Deutsche Sprache zeigt einen Anstieg in Zeitung­s­tex­ten von 0,2 auf etwas über 2 Vorkom­men pro 1 Mil­lion Wörter. Damit ist Influ­encer in Zeitung­s­tex­ten genau­so häu­fig wie alteinge­sessene Per­so­n­en-beze­ich­nun­gen wie Auge­narzt, Bergar­beit­er, Dra­matik­erFriseurinKinobe­such­erMit­be­wohn­er, Tages­mut­terRaubkopier­er oder Wer­ber.

Dass die Ver­wen­dung­shäu­figkeit so stark angestiegen ist, liegt nicht daran, dass die Sprachge­mein­schaft plöt­zlich ein Inter­esse an Meth­o­d­en des Online-Mar­ket­ings ent­deckt hätte, son­dern daran, dass die Influencer/innen zu einem kul­turell rel­e­van­ten Phänomen gewor­den sind. Natür­lich wird auch die Wer­be­form selb­st disku­tiert – anhand von miss­lun­genen Kam­pag­nen, bei denen z.B. plöt­zlich dutzende bekan­nter Instagrammer/innen pen­e­trant-läs­sig lila Schoko­ladetafeln in ihre Lifestyle-Fotos ein­bauen – die Face­book­seite Perlen des Influ­encer-Mar­ket­ings hat sich dem Sam­meln solch­er Beispiele ver­schrieben. Oder anhand all­ge­mein­er Fra­gen zum Prob­lem der Schle­ich­wer­bung. Aber die Influencer/innen sind längst (Anti-)Held/innen der Pop­kul­tur. Mal wird der Influ­encer als neuer Trend-Beruf­swun­sch junger Men­schen präsen­tiert, mal die (fehlende) Ver­ant­wor­tung reich­weites­tark­er Youtu­ber (Inhaltswar­nung: Selb­st­tö­tung) disku­tiert. Und beson­ders gerne regt man sich über die „Dreistigkeit“ von Influencer/innen auf, wenn diese bei Hotels oder Restau­rants ihre Dien­ste im Aus­tausch gegen Kost und Logis anbi­eten.

Egal, ob man die Influ­encer nun liebt oder has­st, das Wort Influ­encer erlaubt eine klare und präzise Benen­nung des Phänomens. Während das Englis­che das Kom­posi­tum social media influ­encer benötigt, um die betr­e­f­fend­en Men­schen von anderen Arten von influ­encers zu unter­schei­den, hat das Deutsche mit dem Lehn­wort Influ­encer die Möglichkeit, diese Bedeu­tung direkt auszu­drück­en. Influ­encer ver­drängt damit nicht die manch­mal ver­wen­de­ten Alter­na­tiv­en Vor­bild, Mei­n­ungs­führer, Mei­n­ungs­mach­er, Mei­n­ungs­bild­ner oder Trend­set­ter, son­dern ergänzt sie. Damit ist das Wort Influ­encer eine Bere­icherung der deutschen Sprache.

Ob auch für die Influ­encer selb­st eine Bere­icherung darstellen, muss jede und jed­er für sich entschei­den. Ihr Ein­fluss auf jeden Fall ist – anders als der des influxus stel­larum der Spä­tan­tike – real, auch wenn 10 000 Likes für ein durschnit­tlich­es Self­ie mit Schoko­ladentafel fast so geheimnisvoll erscheinen wie der unsicht­bare Kräfte­fluss, von dem unsere Vor­fahren glaubten, dass er ihre Geschicke lenke.

Unwort des Jahres: Alternative Fakten

Die Sprachkri­tis­che Aktion hat ger­ade das Unwort des Jahres bekan­nt­gegeben: alter­na­tive Fak­ten (PDF). Sie schließt sich damit sowohl der Amer­i­can Dialect Soci­ety an, die alter­na­tive facts zum Euphemism of the Year wählte (PDF), als auch der aus­tralis­chen Plain Eng­lish Foun­da­tion für die es das Worst Word of the Year war (PDF).

Der Aus­druck ist nur ein­er von vie­len fast schon hyp­no­tisch post­fak­tis­chen Sprach­mustern, die US-Präsi­dent Trump und seine Gefol­gschaft zum Stan­dard des amerikanis­chen poli­tis­chen Diskurs­es erhoben haben. Er stammt von Trumps Bera­terin Kellyanne Con­way, die ihn ver­wen­dete, um die Trump’sche Behaup­tung zu stützen, zu sein­er Amt­se­in­führung seien mehr Zuschauer/innen erschienen als zu der irgen­deines anderen Präsi­den­ten vor ihm.

Diese Behaup­tung, die sich durch Fil­mauf­nah­men leicht als falsch ent­lar­ven ließ, wieder­holte Trumps dama­liger Press­esprech­er Sean Spicer gle­ich bei sein­er ersten Begeg­nung mit der amerikanis­chen Presse. Vom CNN-Mod­er­a­tor Chuck Todd darauf ange­sprochen, warum man die Zusam­me­nar­beit mit der Presse mit ein­er Lüge beginne, antwortete Con­way: „Sie nen­nen das eine Lüge. Unser Press­esprech­er Sean Spicer lieferte aber alter­na­tive Fak­ten“. „Alter­na­tive Fak­ten sind keine Fak­ten“, erwiderte Todd. „Sie sind Lügen.“ Aber natür­lich sind sie mehr als das – „alter­na­tive facts“ sind Lügen, mit denen eine offen­sichtliche und umfassend doku­men­tierte Wahrheit­en solange bestrit­ten wird, bis sich kein­er mehr daran erin­nert, was denn nun wirk­lich stimmt.

Die Trump-Regierung dominierte auch die englis­chsprachi­gen Wort-des-Jahres-Wahlen der let­zten Jahre: in diesem Jahr wählten sowohl die Amer­i­can Dialect Soci­ety als auch die britis­chen Collins Dic­tio­nar­ies fake news zum Wort des Jahres (im let­zten Jahr war das bere­its der deutsche Anglizis­mus des Jahres und das Aus­tralis­che Mac­quar­ie Dic­tio­nary Word of the Year), im let­zten Jahr war es dump­ster fire („Müll­con­tainer­brand“) – eine Meta­pher unter anderem für den US-Präsi­dentschaftswahlkampf. Das britis­che Word-of-the-Year der Oxford Dic­tio­nar­ies war im let­zten Jahr post truth.

Wenn der post­fak­tis­che Zugang zur Real­ität sich flächen­deck­end durch­set­zt, kann wenig­stens nie­mand sagen, die inter­na­tionale Lexiko­grafie hätte nicht davor gewarnt.

Wort des Jahres 2017: Jamaika-Aus

Jedes Jahr Anfang Dezem­ber trifft sich die Gesellschaft für Deutsche Sprache, um das „Wort des Jahres“ zu wählen. Und jedes Jahr zeigt sich, dass den Mit­gliedern der Jury erst in den Tagen unmit­tel­bar vor diesem Tre­f­fen ein­fällt, dass sie vielle­icht mal in eine Zeitung guck­en soll­ten, um her­auszufind­en, was für Wörter es im Deutschen eigentlich so gibt.

Hastig wählt man dann das erste Wort, das einem bei diesem Blick in die Zeitung auf­fällt. Das ist mal ein Wort, das Wolf­gang Bos­bach zufäl­lig ein einziges Mal ver­wen­det hat, wie 2012, als man Ret­tungsrou­tine auserkor, und mal eines, das seit Jahren ein unauf­fäl­liges Puz­zlestückchen im Wortschatz des Deutschen ist, wie 2013, als man sich für GroKo entsch­ied. Oder man nimmt eben ein Wort, das zufäl­lig ger­ade durch die Medi­en geis­tert, wie 2014, als mit Licht­gren­ze der Name eines Luft­bal­lon-Großevents das Ren­nen machte.

In diesem Jahr hat man sich offen­sichtlich für let­ztere Strate­gie entsch­ieden: Mit Jamai­ka-Aus hat man sich für ein Wort entsch­ieden, das ger­ade mal fünf Tage lang – vom 20. bis zum 25. Novem­ber 2017 – eine nen­nenswerte Medi­en­präsenz hat­te und es bei Google ins­ge­samt auf sat­te 80 Einzel-Tre­f­fer bringt, wenn man die paar Hun­dert abzieht, in denen über das Wort des Jahres berichtet wird.

Damit, so die Jury, the­ma­tisiere sie

nicht nur die beson­deren Schwierigkeit­en bei der Regierungs­bil­dung, die sich nach der Bun­destagswahl 2017 ergaben, son­dern lenkt den Blick auch auf eine inter­es­sante Wort­bil­dung: Nicht nur hat der Lan­desname Jamai­ka eine neue Bedeu­tung angenom­men, son­dern auch die Aussprache wurde eingedeutscht: Nach­dem die englis­che Lau­tung „Dschamäi­ka“ bere­its seit langem zu »Dschamai­ka« gewor­den war, hört man am Wor­tan­fang anstelle von „Dsch“ heute zunehmend auch ein „J“ wie in „Jahr“. – Mit der Sub­stan­tivierung das Aus wird umgangssprach­lich auf das Ende, das Scheit­ern von etwas ver­wiesen; die Zusam­menset­zung Jamai­ka-Aus bringt somit präg­nant den kom­plex­en Sachver­halt ›Abbruch der Sondierungs­ge­spräche für eine schwarz-gelb-grüne Koali­tion‹ zum Aus­druck.

Der Lan­desname Jamai­ka hat diese „neue Bedeu­tung“ allerd­ings schon im Bun­destagswahlkampf 2005 angenom­men, wo sich das Wort erst­mals in den Medi­en find­et, oder spätestens seit 2009, als im Saar­land erst­mals eine solche Koali­tion gebildet wurde. Auch die Aussprache mit „J wie Jahr“ ist laut Duden die Stan­dar­d­aussprache für den Lan­desna­men Jamai­ka, und so inter­es­sant es wäre, zu erfahren, ob sich in den Aussprache-Gewohn­heit­en Änderun­gen beobacht­en lassen, von der Wort-des-Jahres-Jury wer­den wir es nicht erfahren, denn denen scheint das Wort Ende Novem­ber zum ersten Mal aufge­fall­en zu sein.

Schade ist das alles, weil die GfdS tat­säch­lich ein paar gute Kan­di­dat­en auf der Liste hat­te – Ehe für Alle (auf Platz 2) und Ober­gren­ze zum Beispiel, die ja die Diskus­sio­nen dieses Jahres dur­chaus geprägt haben. Es hätte allerd­ings auch schlim­mer kom­men kön­nen: auch cov­fefe und hyggelig lan­de­ten auf den vorderen Plätzen.

Verwortete Jugend

Das Jugend­wort des Jahres ist i bims, was in der Logik des Wet­tbe­werbs nur fol­gerichtig ist, weil es wed­er ein Wort ist, noch von Jugendlichen ver­wen­det wird. Wie jedes Jahr sind uns auch dies­mal wieder die Aufze­ich­nun­gen aus den Redak­tion­sräu­men des Schlangenei­dt-Ver­lags zuge­spielt wor­den, in denen Ober­lexiko­graf Dr. Will­helm Wortwisper­er und Assis­ten­zober­lexiko­graf Siegfried Sil­ben­säusler das Wort alljährlich küren. (Die geleak­ten Pro­tokolle der ver­gan­genen Jahre find­en Sie hier.)

In den Redak­tion­sräu­men des Wörter­buchver­lags Schlangenei­dt in München.

Anwe­send sind OBERLEXIKOGRAF DR. WILLHELM WORTWISPERER und ASSISTENZOBERLEXIKOGRAF SIEGFRIED SILBENSÄUSLER.

SILBENSÄUSLER. Wortwisper­er, Wortwisper­er!

(STILLE)

SILBENSÄUSLER. Aufgewacht, Wortwisper­er!

WORTWISPERER. Eider­daus, Sil­ben­säusler, wie oft habe ich Ihnen gesagt, Sie sollen mich nicht beim Nach­denken stören!

SILBENSÄUSLER. Par­don, Wortwisper­er, aber ich hat­te just den Herr Direk­tor Schlangenei­dt am Fern­sprechap­pa­rat, er fragt, wo das Jungspund­wort des Jahres bleibt!

WORTWISPERER. Er will schon wieder ein neues? Was passt ihm denn an „knorke“ nicht?

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Laudatio zum Anglizismus des Jahres 2016: Fake News

Die Jury hat sich die Wahl zum Anglizis­mus des Jahres auch dies­mal nicht leicht gemacht, aber mit Fake News gab es einen Kan­di­dat­en, der 2016 eine so plöt­zliche und mas­sive Präsenz im öffentlichen Diskurs erlangt hat, dass es am Ende doch keine ern­sthafte Alter­na­tive gab. Damit haben wir seit langem wieder ein­mal einen Anglizis­mus des Jahres, von dem nie­mand behaupten kann, ihn nicht zu ken­nen, und dem nie­mand vor­w­er­fen kann, er sei zu alt.

Dabei begin­nt die Geschichte dieses Aus­drucks schon im späten 19. Jahrhun­dert. Die früh­este Ver­wen­dung, die ich find­en kon­nte, stammt aus der Zeitschrift Amer­i­can His­tor­i­cal Reg­is­ter vom Novem­ber 1894 in ein­er Diskus­sion über die Rolle und Qual­ität von Lokalzeitun­gen in den USA wird eine Mel­dung über eine (ange­bliche) Flucht Napoleons nach Flo­renz beschrieben. Die Autorin stellt dann fest, dass Napoleon zur betr­e­f­fend­en Zeit auf der Höhe seines Erfolges war und dass es außer den Wun­schvorstel­lun­gen sein­er Geg­n­er keine Belege für die beschriebe­nen Ereignisse gibt – Or was it “fake news”?, fragt sie rhetorisch.

Dieser frühe Beleg hat damit schon fast alle Eigen­schaften dessen, was die heutige Ver­wen­dung des Begriffs aus­macht – der Aus­druck fake news beze­ich­net hier bere­its eine frei erfun­dene Nachricht, die einen poli­tis­chen Geg­n­er in ein schlecht­es Licht stellt und die deshalb dankbar aufgenom­men wird, weil sie ins Welt­bild der­er passt, an die sie sich richtet. Das einzige, was sie von den heuti­gen Fake News unter­schei­det, ist die Tat­sache, dass diese Nachricht in ein­er kleinen Landzeitung in den USA ste­ht, und nicht auf einem Screen­shot auf Face­book. Übri­gens: Auch in Eng­land und den Kolonien gab es damals schon Geset­ze, die die Ver­bre­itung gefälschter Nachricht­en unter Strafe stellen – die wer­den damals aber (noch) nicht als fake news, son­dern als false news beze­ich­net.

Das Wort fake news bleibt lange eine Gele­gen­heit­ser­schei­n­ung. Erst seit den 1990er Jahren wird es langsam zu einem fest­ste­hen­den Begriff. Dabei beze­ich­net es meis­tens satirische Nachricht­ensendun­gen und -mag­a­zine, wie Jon Stew­arts The Dai­ly Show oder das amerikanis­che Vor­bild und Äquiv­a­lent des Pos­til­lon, The Onion. Auch zu dieser Zeit wer­den in pro­pa­gan­dis­tis­ch­er Absicht ver­bre­it­ete absichtliche Falschmel­dun­gen haupt­säch­lich als false news (items/reports) beze­ich­net. Aber punk­tuell find­et sich auch der Aus­druck fake news in dieser Bedeu­tung, z.B. in Frank Kel­ly Richs Buch „The Great­est Sto­ry Ever Sold: The Decline and Fall of Truth in Bush’s Amer­i­ca“, in dem eine fake news fac­to­ry der Bush-Regierung beschrieben wird, in der fake jour­nal­ists Pro­pa­gan­da im Nachricht­enge­wand erstellen.

Die Bedeu­tungsen­twick­lung des Aus­drucks geht dann aber zunächst in eine andere Rich­tung – immer häu­figer beze­ich­net er bewusste Falschmel­dun­gen in sozialen Net­zw­erken, die entwed­er in kom­merzieller Absicht ver­bre­it­et wer­den – um Klicks auf Seit­en mit Wer­beanzeigen zu erzeu­gen –, oder schlicht aus Freude daran, Men­schen beispiel­sweise mit erfun­de­nen Tode­sanzeigen Promi­nen­ter zu ver­wirren.

In dieser Bedeu­tung taucht der Aus­druck seit eini­gen Jahren ab und zu auch in deutschen Tex­ten auf. Ein früh­es Beispiel ist ein Bericht im Juli 2014 über eine Mel­dung, dass Manuel Neuer im Finale der Fußball­welt­meis­ter­schaft aus­fall­en werde. Allerd­ings gab und gibt es im Deutschen für solche Mel­dun­gen schon Wörter wie Hoax-Nachricht oder Hoax-Mel­dung, gegen die sich der Neuankömm­ling Fake News nicht durch­set­zen kon­nte.

Erst im Novem­ber 2016 schafft Fake News einen plöt­zlichen und hefti­gen Durch­bruch in den all­ge­meinen Sprachge­brauch. Dieser geht ein­her mit ein­er weit­eren Bedeu­tungsver­schiebung: Das Wort beze­ich­net im Englis­chen inzwis­chen wieder die Art von Manip­u­la­tion­s­ab­sicht­en und Wun­schvorstel­lun­gen getriebene Pro­pa­gan­da, die schon im Erst­be­leg über Napoleons Flucht anklingt – erweit­ert um den Aspekt der Ver­bre­itung über die Sozialen Medi­en, der auch für der Ver­wen­dung zur Beze­ich­nung von Hoax-Mel­dun­gen charak­ter­is­tisch ist. Ins öffentliche Bewusst­sein und in den all­ge­meinen Sprachge­brauch gelangt es in Diskus­sio­nen um die Ursachen­find­ung zum Wahler­folg des US-Präsi­den­ten Don­ald Trump, der ange­blich auf Fake News zurück­zuführen gewe­sen sei (was inzwis­chen von wis­senschaftlich­er Seite bezweifelt wird).

Das Wort Fake News – im Deutschen auch Fake-News oder sog­ar Fak­e­news geschrieben – füllt damit dif­feren­zierend eine Lücke zwis­chen den etablierten Wörtern Falschmel­dung und Pro­pa­gan­da. Anders als die Falschmel­dung, die ja sowohl absichtlich als auch unab­sichtlich falsch sein kann, sind die Fake News immer absichtlich falsch. Und anders als die Pro­pa­gan­da, die das Ziel hat, das öffentliche Bewusst­sein sys­tem­a­tisch und tief­greifend zu bee­in­flussen, sind die Fake-News eher auf die Bestä­ti­gung beste­hen­der Vorurteile bei bes­timmten Ziel­grup­pen aus­gerichtet. Ganz im Sinne eines post­fak­tis­chen Zeit­geistes geht es häu­fig auch gar nicht darum, dass die Fake News tat­säch­lich geglaubt, son­dern nur, dass sie für möglich gehal­ten wer­den und so ein Gegengewicht zu den tat­säch­lichen Nachricht­en in den „etablierten“ Medi­en (vul­go „Lügen­presse“) bilden kön­nen.

Diese Lücke kann das Wort unter anderem füllen, weil das Wort fake, anders als das Wort falsch in Wörtern wie Falschmel­dung oder dem neu geprägten Falschnachricht ein­deutig die bewusste Fälschung und Täuschungsab­sicht hin­ter den Fake News anspricht. Anders als falsch (oder das englis­che false) beze­ich­net das Adjek­tiv fake bewusste, in Täuschungsab­sicht hergestellte Nach­bil­dun­gen von Din­gen – Pelze, Pässe, Bärte, Wim­pern, Geld, Schmuck, Schnee und nun eben auch news. Dieses bedeu­tungs­d­if­feren­zierende Poten­zial hat das Adjek­tiv fake schon vor drei Jahren auf die Short­list zum Anglizis­mus des Jahres gebracht und es ist auch Bestandteil der einzi­gen Ein­deutschung des Wortes Fake News, der wir Erfolg prog­nos­tizieren: Fak­e­nachricht­en.

Wörterwolke Anglizismus 2016

Unwort des Jahres 2016: Volksverräter.

Die „Sprachkri­tis­che Aktion“ hat ger­ade das Unwort des Jahres 2016 bekan­nt­gegeben: Volksver­räter. Damit set­zt die Jury unter Leitung mein­er Darm­städter Kol­le­gin Nina Janich kon­se­quent die Kri­tik an rechter und recht­es Han­deln ver­harm­losender Sprache fort, die sie 2013 mit dem Unwort Sozial­touris­mus begonnen und sei­ther mit Lügen­presse (2014) und Gut­men­sch (2015) fort­ge­set­zt hat.

Die zunehmende Nor­mal­isierung rechter Inhalte und rechter Sprache im öffentlichen Diskurs ist eine erschreck­ende Entwick­lung und man kann es der „Sprachkri­tis­chen Aktion“ nicht hoch genug anrech­nen, dass sie jedes Jahr aufs neue auf diese Entwick­lung hin­weist.

Volksver­räter ist ein Begriff, der his­torisch schon zwei sprach­liche Kon­junk­tur­phasen hat­te. Zum ersten Mal nimmt seine Häu­figkeit im Sprachge­bauch im ersten Weltkrieg zu und sinkt dann wieder ab, um dann in der Zeit des Nation­al­sozial­is­mus einen sprung­haften und nach­halti­gen Anstieg zu erleben, der in den 1950er und 1960er Jahren langsam wieder nach­lässt.

Die Häu­figkeit­sen­twick­lung liest sich also wie eine Fieberkurve völkischen Denkens in Deutsch­land, und dass das Wort inzwis­chen wieder laut auf der Straße gerufen wird, zeigt, dass die aktuelle, häu­fig als „recht­spop­ulis­tisch“ ver­harm­loste Stim­mung in großen Teilen der Gesellschaft diskur­siv direkt an dieses Denken anschließt.

Wer mehr wis­sen will – ich bin ab 12:10 im Kul­tur­ra­dio des rbb zu Gast, um mit Mod­er­a­tor Frank Rawel und dem Kolum­nis­ten Har­ald Marten­stein über Unwörter all­ge­mein und das Unwort des Jahres im Beson­deren zu disku­tieren. Später bin ich dann noch im Deutsch­landra­dio Kul­tur zu Gast, Details fol­gen.

Nafris (ein sprachwissenschaftliches Grünen-Seminar für Rainer Wendt)

Das Wort Nafri sorgt für heftige Debat­ten, seit die Köl­ner Polizei in der Sil­vester­nacht 2016 über den Kurz­nachrich­t­en­di­enst Twit­ter fol­gende Beschrei­bung ihres Vorge­hens abset­zte:

Die Diskus­sion wird, wie es in Deutsch­land lei­der üblich ist, wenn es um poten­ziell prob­lema­tis­che Sprache geht, sehr hitzig, fak­te­n­arm und wenig pro­duk­tiv geführt. Sie wird außer­dem ver­mis­cht mit der wichtigeren Diskus­sion um Racial Pro­fil­ing und öffentliche Sicher­heit, die mit dem Wort Nafri eher am Rande zu tun hat.

Eigentlich wollte ich mich deshalb aus der Diskus­sion her­aushal­ten, aber dann las ich fol­gende Aus­sage des Vor­sitzen­den der Deutschen Polizeigew­erkschaft, Rain­er Wendt:

Das ist eine Abkürzung, die wir im Ein­satz benutzen, beispiel­weise bei Funksprüchen oder wenn sich die Beamten etwas zurufen. Das braucht man nicht zu drama­tisieren. Das ist eben der Unter­schied zwis­chen einem sprach­wis­senschaftlichen Grü­nen-Sem­i­nar und einem Polizeiein­satz. (Rain­er Wendt in der Jun­gen Frei­heit, 2. Jan­u­ar 2017)

Ich bin zwar kein Grün­er, aber ein sprach­wis­senschaftlich­es Sem­i­nar kann ich liefern, und da die Kri­tik am Begriff „Nafri“ weit­ge­hend am eigentlichen Prob­lem vor­beige­ht, habe ich Wendts Her­aus­forderung dann doch angenom­men. Weit­er­lesen